Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Ballettpremiere b.41, 23.11.2019

November 15, 2019 by  
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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Ballettpremiere b.41 mit neuem Schläpfer-Stück

Seine letzte Kreation für das Ballett am Rhein präsentiert Martin Schläpfer im Programm b.41, das am Samstag, 23. November Premiere im Opernhaus Düsseldorf hat. „Cellokonzert“ ist eine Choreographie für alle 44 Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie zu Dmitri Schostakowitschs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 g-Moll. Außerdem widmet sich das Ballett am Rhein mit „Lamentation“ und „Steps in the Street“ erstmals der großen amerikanischen Tanzrevolutionärin Martha Graham. Eröffnet wird das abwechslungsreiche Tanzprogramm mit Ji?í Kyliáns „Forgotten Land“. Die musikalische Leitung der Düsseldorfer Symphoniker hat GMD Axel Kober alternierend mit Kapellmeister Wen-Pin Chien, solistisch sind am Cello Nikolaus Trieb und am Klavier Eduardo Boechat zu erleben.

Deutsche Oper am Rhein /  Proben zu Petite messe solennelle / Ballett von Martin Schläpfer  © Gert Weigelt

Deutsche Oper am Rhein /
Proben zu Petite messe solennelle / Ballett von Martin Schläpfer © Gert Weigelt

Die Ballett-Saison steht im Zeichen des Abschieds von Martin Schläpfer, der die Compagnie vor zehn Jahren als Ballett am Rhein neu formierte und an die Spitze der international anerkannten Tanzensembles führte. Im Programm b.41 stellt er seine letzte Uraufführung für sie vor: „Cellokonzert“ zu Dmitri Schostakowitschs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 g-Moll.

Den Auftakt macht Ji?í Kyliáns „Forgotten Land“, das er 1981 für das Stuttgarter Ballett zu Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem“ kreierte. Inspiriert von der Einsamkeit der rauen Ostküste Englands erzählt Kyliáns Ballett in starken Bildern von Verlusten und Vergessen.

Mit „Lamentation“ und „Steps in the Street“ zeigt das Ballett am Rhein erstmals Werke von Martha Graham. Die US-amerikanische Tänzerin und Choreographin revolutionierte mit ihrer eigenen, vom Körperzentrum und den Prinzipien „contraction“ und „release“ ausgehenden Tanztechnik seit den späten 1920er Jahren die Ästhetik des Bühnentanzes. Ihr Solo „Lamentation“ ist ein eindringliches Stück über die Einsamkeit des Menschen. „Steps in the Street“, von den weltgeschichtlichen Ereignissen der 1930er Jahre geprägt, gilt als eine bis heute zeitlose Warnung vor Faschismus, Verfolgung und Krieg.

Schon am Donnerstag, 14.11., um 18.00 Uhr ermöglicht die Ballettwerkstatt mit Gesprächen und Probenausschnitten bei freiem Eintritt im Opernhaus Düsseldorf erste Einblicke in das Ballettprogramm b.41.

Tickets von 21,00 bis 106,00 Euro im Opernshop Düsseldorf, an der Theaterkasse Duisburg,  telefonisch und online unter www.ballettamrhein.de

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan, IOCO Kritik, 24.05.2019

Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

 Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan

– Die Droge „Macht“ :  Zerstörerin von Freiheit und Menschen –

von Peter Schlang

Dafür, dass nicht alle Geschichten aus Herrscherhäusern oder über Adelsgeschlechter belanglosen Tratsch und bestenfalls einen Fall für die Regenbogenpresse darstellen, lieferte die jüngste Premiere des Stuttgarter Balletts einen eindrucksvollen Beweis. Als deutsche Erstaufführung  feierte dort am 18. Mai 2019 Kenneth MacMillans 1978 in London uraufgeführtes Handlungsballett Mayerling einen rauschenden Erfolg. Der gut dreistündige Abend zeigte außerdem auf mitreißende Weise, wie spannend und aktuell historische Stoffe dieses Genres  auch heute noch sein können – zumindest wenn sich ein Groß-Meister psychologisierender Tanzkunst ihrer annimmt, wie es der 1992 verstorbene englische Choreograf und Tänzer Kenneth MacMillan war. Und wenn dann auch noch einige weitere Voraussetzungen gegeben sind, wie sie das Stuttgarter Ballett am Samstagabend einem begeisterten Publikum in beispielhafter Weise vor Augen führte, steht einer Sternstunde des Balletts nichts im Weg!

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Ballett von Kenneth MacMillan - hier : Elisa Badenes und Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan – hier : Elisa Badenes und Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Mayerling ist der Name eines Jagdschlosses der Habsburger, die über viele Jahrhunderte die österreichischen Kaiserinnen und Kaiser stellten. Dort beging am 30. Januar 1889 Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn Selbstmord, nachdem er zuvor seine 17-jährige Geliebte Baronesse Mary Vetsera erschossen hatte. Dieser inszenierte Doppel- / Selbst– Mord beendete nicht nur eine politische Hoffnung der Doppelmonarchie, sondern setzte auch einem Leben ein Ende, das mit den Begriffen Drama, Verzweiflung, Enttäuschungen, Intrigen, Lieblosigkeit und Verrat noch vorsichtig beschrieben ist.

 Mayerling – Stuttgarter Ballett zeigt die Aktualität historischer Erfahrungen

Rudolf, der am 21. August 1858 nach zwei Schwestern geborene, sehnlichst erwartete männliche habsburgische Thronfolger, wurde seiner Mutter, der Kaiserin Elisabeth (Sissi) und ihrer möglichen Liebe unmittelbar nach seiner Geburt entzogen. Nach dem Willen seines Vaters, Kaiser Franz Joseph I. und seiner Großmutter, Erzherzogin Sophie, sollte Rudolf mit höchster Disziplin und Härte zu einem „guten Soldaten“ erzogen und damit auf sein Amt als österreichischer Kaiser vorbereitet werden, für das nach damaliger Lesart nur ein harter, unnachgiebiger Militärführer in Frage kam.

Der äußerst sensible, musisch begabte und intelligente Junge konnte diese Erwartungen zu keiner Zeit erfüllen und litt so sehr an der ihm entgegenschlagenden Härte und Kälte, dass seine Mutter ihn letzten Endes doch dem militaristischen Einfluss entzog und für ihn eine liberale säkulare Erziehung organisierte. Dies wiederum rief nicht nur die konservativ-religiösen Kreise auf den Plan und sorgte in der Folge für zahlreiche Konflikte und Skandale, zu denen spätestens ab seiner Volljährigkeit mit 18 Jahre auch mehrere Liebesbeziehungen und ausufernde sexuelle Aktivitäten des Kronprinzen gehörten. Seine Eltern glaubten, mit der arrangierten Ehe ihres nunmehr 22jährigen Sohnes mit der 16jährigen belgischen Kronprinzessin Stephanie diesem Treiben ein Ende setzen zu können. Doch erfüllte sich diese Hoffnung genauso wenig, wie jene, dass sich Rudolf auf seine Kernaufgaben als späterer Herrscher vorbereitete. Stattdessen mied er nach einer kurzen glücklichen Ehephase, aus der auch eine Tochter hervorging, seine Gemahlin weitgehend und pflegte zahlreiche außereheliche Beziehungen. Auch ging er weiter seinen naturwissenschaftlichen, schriftstellerischen und journalistischen Interessen nach und pflegte intensive Kontakte zu anti-klerikalen und anti-katholischen, äußerst liberalen, ja sogar separatistischen ungarischen Kreisen.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Ballett von Kenneth MacMillan © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan © Stuttgarter Ballett

Dies führte zu immer größeren Verwicklungen und zur Isolation Rudolfs, die wiederum – zusammen mit seiner fortschreitenden Syphiliserkrankung – dramatische physische, psychische und psychosomatische Störungen zur Folge hatten. So war der Geliebten- und Selbstmord keine Kurzschlusshandlung, sondern die  Folge einer lange vorhandenen Obsession und die Realisierung einer letzten Option.

Die Erkenntnis, dass dies alles äußerst aktuelle Themen sind und der Wunsch, sein Amt als neuer Stuttgarter Ballettdirektor mit einem „richtigen Kracher“ anzutreten, ließ in Tamas Detrich schon bei seiner Berufung als Nachfolger Reid Andersons vor über vier Jahren den Entschluss entstehen, dieses in Deutschland noch nie als Eigenproduktion gezeigte Ballett in seiner Eröffnungsspielzeit auf die Bühne des Stuttgarter Opernhauses zu bringen. Dazu gelang ihm der Coup, mit Jürgen Rose eine der ganz großen Ausstatter-Legenden nach 27 Jahren Abwesenheit wieder an das Stuttgarter Ballett zurückzuholen. Der für Bühnenbild, Kostüme und Lichtkonzept verantwortliche, inzwischen 81jährige Rose ist genau das Genie, das es braucht, um MacMillans schwermütiges, tiefgründiges und düster funkelndes Meisterwerk auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf eine Ballettbühne zu bringen. Ihm gelang es auf bewundernswerte Weise, dieses visionäre und zu seiner Zeit bahnrechende Stück, das nicht nur die entlegensten Winkel der menschlichen Psyche erforscht, sondern auch die folgenschweren Auswirkungen von Wünschen, Trieben, Bevormundung und Kämpfe um Macht  und Einfluss auf Individuen und  Gesellschaft analysiert, trotz starker, von MacMillans Witwe überwachter Aufführungsbeschränkungen behutsam, aber aussagestark zu aktualisieren.

Drei Jahre lang arbeiteten Jürgen Rose, seine beiden Assistenten Christian Blank und Moritz Haakh und die Stuttgarter Werkstätten an der Ausstattung dieses Balletts: 198 Kostüme im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts mussten entworfen und genäht, zahlreiche  zeittypische Möbel- und sonstige Requisiten hergestellt oder beschafft und dreizehn Bühnen-(Hintergrund-)Bilder gemalt und auf große Stoffbahnen gedruckt werden.  Dabei gesteht der Bühnen- und Kostümbildner nur den Hauptfiguren dezente Farbakzente zu und setzt stattdessen bei allem Übrigen überwiegend auf eine Schwarz-Weiß-Optik, mit der er an die Ästhetik alter Stiche und  Fotoalben erinnert und so die Historizität des Stoffes und den dokumentarischen Charakter des Stückes betont.

Dass Mayerling dennoch äußerst modern wirkt und zahlreiche Vergleiche mit aktuellen Themen und Bezügen anbietet, liegt nicht nur an der fabelhaften Ausführung der Dekorationen, sondern auch und vor allem an den famosen Stuttgarter Tänzerinnen und Tänzern, die an diesem Premierenabend erneut eindrucksvoll zeigen, warum das Stuttgarter Ballett zu den besten Compagnien der Welt gezählt wird.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Chr.: Kenneth MacMillan - hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Chr.: Kenneth MacMillan – hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

An allererster Stelle ist hier Friedemann Vogel (Foto) zu nennen, der seinen Rudolf, dessen Rolle von der Kommunikationsdirektorin des Stuttgarter Ballett, Vivien Arnold, als „Mount Everest der Ballett-Literatur“ bezeichnet wird, von der ersten Bewegung im 1. Akt bis zu seinem Todesschuss im letzten Bild des 3. Aktes zu einem Ballettereignis allererster Güte macht. Dabei fällt es dem Beobachter schwer, die Details dieser Rolle und ihrer Umsetzung zu beschreiben und zu gewichten. Denn Friedemann Vogel ist in allen Szenen des Abends pausenlos auf der Bühne und hat dabei in ganz unterschiedlichen Szenen und Zusammenhängen die an Tragik nicht zu überbietende Entwicklung Rudolfs nachvollziehbar darzustellen, was allein schon eine Energieleistung ohne Beispiel ist. Wie das der erste Solist des Stuttgarter Ballett in den  insgesamt sieben Pas de deux Rudolfs mit dessen Mutter, seiner jungen Ehefrau, seiner letzten Geliebten Mary Vetsera und seinen beiden ehemaligen Geliebten sowie in mehreren Pas de cinq mit den ungarischen Separatisten und in den unzähligen diese umrahmenden Solis auf die Bühne bringt, verschlägt einem den Atem. Es ist höchste Tanzkunst und grenzt nicht selten an Akrobatik, wie er seine Tanzpartnerinnen über sich und an sich entlang windet, anzieht und wegstößt, hochstemmt und wieder zu Boden zieht, antreibt und dann wieder zum Innehalten animiert. Nicht minder atemberaubend ist Vogels  mimisch-gestische Präsenz, mit der er alle Empfindungen und inneren Vorgänge des Kronprinzen geradezu plastisch werden lässt und bis zur Betroffenheit erlebbar macht,  weshalb für diesen Ausnahmetänzer unbedingt der Begriff  „Tänzer-Darsteller“ eingeführt werden sollte.

Seine ihm in verschiedenen Rollen zur Seite gestellten Tanzpartnerinnen haben es, wie es bei einer mittelmäßigen Compagnie zu befürchten wäre, nicht schwer, mit ihm Schritt zu halten, sondern leisten mit ihren jeweiligen Auftritten einen ebenbürtigen Beitrag zu diesem Gipfel der Tanzkunst. Wegen der Bedeutung ihrer Rolle und deren höchst authentischer und glaubwürdiger Verkörperung sei Elisa Badenes als Baronesse Mary Vetsera als erste genannt. Ihr nimmt man nicht  nur ihre Leidenschaft in glücklichen Stunden, sondern auch die Bereitschaft ab, mit Rudolf in den Tod zu gehen. Äußerst genaue Rollenportraits liefern auch Alicia Amatriain als Marie Gräfin Larisch und Anna Osadcenko als Mizzi Casper, beides ehemalige Maitressen Rudolfs und ihm auf ganz unterschiedliche Weise noch immer verbandelt und zu Diensten. Miriam Kacerova gibt die Kaiserin Elisabeth als kühle, distanzierte, kaum liebesfähige Mutter, die ihrem Sohn in Sachen Ehebruch übrigens in nichts nachsteht, während man Diana Ionescu als Kronprinzessin Stephanie, Rudolfs junger Zwangsehefrau, deren Fremdheit, Zerbrechlichkeit und Ablehnung jederzeit ansieht und abnimmt.

Von den zahlreichen weiteren Tänzern des groß besetzten Abends seien hier beispielhaft Alexander Mc Gowan, Adrian Oldenburger, Marti Fernández Paixà und Flemming Puthenpurayil als wundervolles Quartett ungarischer Offiziere sowie Adhonay Soares da Silva als Rudolfs komisch-überdrehtes Faktotum Bratfisch  genannt.

Als Verbeugung des neuen Ballettdirektors Tamas Detrich vor den großen Leistungen früherer Verantwortlicher des Stuttgarter Balletts darf man die Geste werten, in den ersten fünf Vorstellungen von Mayerling mit Marcia Haydée als Erzherzogin Sophie, Georgette Tsingurides als deren Hofdame und Egon Madsen  als Kaiser Franz Joseph I. drei ehemalige Stuttgarter Stars an ihre frühere Wirkungsstätte zurückzuholen.

Sie reihen sich in den großen Szenen bescheiden in das Corps des Ballets ein, das durch einprägsame und beeindruckende Milieustudien besticht, wie etwa den Tanz der Kammerzofen, das Bachanale der Dirnen und ihrer Freier in der Wirthausszene des 2. Aktes oder durch die Ball-Episoden zu Beginn des 1. Aktes.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Chr.: Kenneth MacMillan - hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Chr.: Kenneth MacMillan – hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Verlässlicher musikalischer Garant des tänzerischen Geschehens ist das Staatsorchester Stuttgart, das unter der Leitung des jungen russischen Gastdirigenten Mikhail Agrest seine große Erfahrung und Klasse auch als „Ballettorchester“ unter Beweis stellt. Es hält den ganzen Abend über die Balance zwischen dem gefühlsbetonten, lebensbejahenden, romantischen Ausdruck, den die von John Launchbery seinerzeit für MacMillan zusammengestellte Musik Franz Liszts erfordert und dem morbiden, dekadenten Flair, welches die Handlung des Balletts begleitet und unterstreicht.

So zeigen alle Mitwirkenden dieser jüngsten Stuttgarter Ballettproduktion, was MacMillans Choreografie auch 40 Jahre nach ihrer Uraufführung noch immer auszeichnet: Die Erweiterung des traditionellen drei-aktigen Handlungsballetts um einen neuen, fast wagemutigen Bewegungsstil und die Einführung einer bis dato unbekannten, semi-artistischen Form von Körperlichkeit, die heute eher dem zeitgenössischen als dem klassischen Tanz zugeordnet wird, kurz, das Vermächtnis eines „experimentierfreudigen Traditionalisten“. Vor dem Hintergrund der nationalistischen Verwerfungen in Europa und der Zunahme an korrupten, egoistischen, nur auf Machterhalt erpichten Selbstdarsteller in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erhält dieses scheinbar aus der Zeit gefallene Ballett eine große Aktualität und neue Deutungskraft.

Auch dafür spendete das Publikum im ausverkauften Stuttgarter Opernhaus frenetischen, minutenlangen Applaus; ja beim Erscheinen Jürgen Roses gab es stehende Ovationen.

Mayerling – Stuttgarter Ballett; weitere Vorstellungen 24., 25. 28. Mai, 1., 8. 9. Juni, 28. Juli 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Demis Volpi – 2020 neuer Ballettdirektor, IOCO Aktuell, 19.03.2019

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Demis Volpi, 2020 – Direktor des Ballett am Rhein

  – Paukenschlag – oder – die Rückkehr des abendfüllenden Handlungsballetts –

von Viktor Jarosch

Der Aufsichtsrat der Deutschen Oper am Rhein bestellte am 15.3.2019 einstimmig den deutsch-argentinier Demis Volpi, 33, ab Herbst 2020 zum neuen Ballettdirektor und Chefchoreograph des Ballett am Rhein. Volpi wird Nachfolger von Martin Schläpfer, der 2020 als Ballettdirektor an die Staatsoper Wien wechselt. Der unterzeichnete Vertrag hat eine Laufzeit von vier Jahren. Mit Volpi kündigt sich ein Gezeitenwechsel an, welcher die Vielfältigkeit und Attraktivität des Ballett am Rhein und auch der Rheinoper nachhaltig steigern kann.   

Intendant Christoph Meyer stellte am 15.3.2019 in Anwesenheit der Kulturdezernenten von Düsseldorf und Duisburg, Demis Volpi, 33, als kommenden Direktor des Ballett am Rhein der Öffentlichkeit vor. Mit der Nominierung war Meyer ein überraschender wie überzeugender Coup gelungen, deutet diese Bestellung doch, über die Person Volpi hinausgehend, einen Gezeitenwechsel, eine Modernisierung der Ausrichtung des Ballett am Rhein und ein vielfältigeres Spielplanangebot der Rheinoper an.

Deutsche Oper am Rhein / Demis Volpi mit Thomas Kruetzberg,Kulturdezernent Duisburg, Hans-Georg Lohe, Kulturdezernent von Düsseldorf, Christoph Meyer, Intendant Rheinoper © Andreas Endermann

Deutsche Oper am Rhein / Demis Volpi mit Thomas Kruetzberg,Kulturdezernent Duisburg, Hans-Georg Lohe, Kulturdezernent von Düsseldorf, Christoph Meyer, Intendant Rheinoper © Andreas Endermann

In der folgenden Aussprache outete sich Volpi in undogmatisch frischer Offenheit zu allen Facetten seiner zukünftigen Tätigkeit an der Rheinoper, dass lange vermisstes Handlungsballett für ihn bedeutend ist, dass Kinderballett und Ballett-gestütze Opernproduktionen reale Optionen sind; Optionen, die den Spielplan der Rheinoper nachhaltig verändern, bereichern können. So erklärte Volpi seine Sicht zum Handlungsballett, von Vorgänger Martin Schläpfer über Jahre leider nachhaltig gemieden: „abendfüllendes Handlungsballett kann modern und …sein; dies möchte ich weiter entwickeln..“.

„Allem Anfang wohnt ein Zauber inne ….“

Demis Volpi war 2013 bis 2017 Hauschoreograph des Stuttgarter Ballett,  welches, auf John Cranko gründend, eines der renommiertesten Ballettensemble weltweit ist. Peter Schlang, seit Jahren IOCO-Korrespondent in Stuttgart, beschrieb 2017 das von Volpi in Stuttgart geschaffene und inzwischen mehrfach ausgezeichnete Handlungsballett Tod in Venedig von Benjamin Britten, IOCO – link HIER. Peter Schlang schätzt Demis Volpi über seine Tätigkeit in Stuttgart sehr und gratuliert Aufsichtsrat, Management der Rheinoper wie Düsseldorfer Theaterbesuchern zur Bestellung von Volpi, wie er auch dessen Weggang aus Stuttgart als herben Verlust sieht. Volpis choreographische Umsetzung von Otfried Preußlers Roman Krabat, in welchem sich der Junge Krabat, als Lehrling eines Zaubermeisters gegen seinen Ziehvater behaupten muss, ein abendfüllendes Handlungsballett, ist bis heute Publikumsschlager der Staatsoper Stuttgart.

Martin Schläpfer ist, nach bestehender Vertragslage, noch bis 2024 als Choreographer in Residence mit mindestens einer Choreographie pro Spielzeit an das Ballett am Rhein gebunden. Erinnerlich: 2016 distanzierte sich Martin Schläpfer in auffälliger Form von Düsseldorf und der Rheinoper, link HIER  („..Die Stadt schafft es nicht…, Ich brauche deutlich mehr Geld.., als Mensch hier nicht heimisch….ich habe kein Publikum, das nach Handlungs-balletten verlangt…). Es bleibt abzuwarten, ob Martin Schläpfer nach der Bestellung von Demis Volpi tatsächlich als Choreographer in Residence tätig werden wird.


Deutsche Oper am Rhein / Demis Volpi, kommender Ballettdirektor Ballett am Rhein © Andreas Endermann

Deutsche Oper am Rhein / Demis Volpi, kommender Ballettdirektor Ballett am Rhein © Andreas Endermann

In Deutschland hat Demis Volpi neben seiner Tätigkeit für das Stuttgarter Ballett als Choreograph u.a. für das Ballett Dortmund, das Ballett im Revier Gelsenkirchen und das Badische Staatsballett aber auch als Opernregisseur gewirkt: Am Saarländischen Staatstheater inszenierte Volpi Médée Medea Senecae als Verbindung von Oper, Schauspiel und Tanz, am Nationaltheater Weimar inszenierte Volpi Don Giovanni. Im Mexiko kreierte Volpi das Kinderballett Rey y Rey.

Trotz seiner Jugend wurde Volpi auf internationalem Parkett bereits mehrfach ausgezeichnet. So war er 2018 für die International Opera Awards (Kategorie „Beste Produktion“ Prix Benois de la Danse am Bolshoi Theater in Moskau (Beste Choreographie für Salome, Stuttgarter Ballett) nominiert. Er ist Träger des Deutschen Tanzpreises (2014, Kategorie Zukunft), wurde 2017 in der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt zum Nachwuchskünstler des Jahres gewählt und erhielt den Chilenischen Kunstkritiker-Preis. Freiberuflich hat er für renommierte Compagnien kreiert, darunter die Compañía Nacional de Danz de México, das American Ballett Theater New York, das Ballet of Flanders, das Ballet de Santiago de Chile, DanceWorks Chicago, das Northern Ballet in Leeds und das Korean National Ballet. Zudem hat er für Tänzer*innen wie Alessandra Ferri, Herman Cornejo, Alicia Amatriain, Sue Jin Kang, Cory Stearns oder Luis Ortigoza choreographiert.

„Demis Volpi ist einer der spannendsten, kreativsten und vielversprechendsten Choreographen und Regisseure der jungen Generation“, so der Generalintendant der Deutschen Oper am Rhein, Prof. Christoph Meyer. „Er verfügt über wertvolle, langjährige Erfahrung in der Arbeit mit großen Ballettcompagnien, über profundes administratives Know-How sowie enormes künstlerisches Potenzial. Er hat uns insbesondere durch seine moderne, genreübergreifende Herangehensweise überzeugt, die den Tanz als interdisziplinäres Medium definiert.“ Mit seinen „innovativen Ideen und seiner beeindruckenden künstlerischen Vita“, so Christoph Meyer weiter, habe sich Demis Volpi inmitten eines hochqualifizierten internationalen Bewerberfeldes durchgesetzt. „Nach zehn wunderbaren Jahren der Zusammenarbeit mit Martin Schläpfer, der hier in Düsseldorf und Duisburg Außerordentliches geleistet und das Ballett am Rhein zu einer der wichtigsten Adressen für den europäischen Tanz gemacht hat, war uns klar: Einen ,Nachfolger“, der nahtlos an Martin Schläpfers Arbeit und Ästhetik anknüpft, kann es nicht geben – und soll es auch nicht geben. Bei einem solchen Wechsel braucht es Mut zur Veränderung. Daher freuen wir uns nun sehr auf einen jungen, äußerst begabten Kollegen, der seiner großen Herausforderung mit Respekt, aber gleichzeitig auch mit Innovationskraft und dem nötigen Selbstbewusstsein begegnen wird.“

Don Giovanni – Hier in der Regie des jungen Regisseur Demis Volpi, 
Youtube Trailer des DNT  Weimar
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Hans-Georg Lohe, Kulturdezernent der Stadt Düsseldorf: „Auch in Zukunft sehe ich das Ballett am Rhein als eine der führenden, internationalen Ballett-Compagnien, als wichtigen Botschafter für Düsseldorf und Duisburg. Mit Demis Volpi haben wir für diese Aufgabe einen herausragenden jungen Choreographen verpflichten können, der durch seine Begeisterung für den Tanz, seinen Ideenreichtum und seine kluge, intensive Auseinandersetzung mit klassischen wie auch zeitgenössischen Werken neue Sichtweisen ermöglicht und das Ballett weiter entwickeln wird.

Thomas Krützberg, Kulturdezernent der Stadt Duisburg, freut sich ebenfalls über die Verpflichtung Volpis: „Das Ballett am Rhein trägt entscheidend zum Erfolg der einzigarten Theaterehe bei, die seit mehr als 60 Jahren in Duisburg und Düsseldorf ein vielfältiges, künstlerisch hochklassiges Programm einem breiten Publikum zugänglich macht. Umso mehr freuen wir uns, dass es uns gelungen ist, mit Demis Volpi einen der derzeit interessantesten und auch begehrtesten Choreographen seiner Generation zu verpflichten, um das internationale Top-Niveau der Compagnie zu sichern und dem Ballett an Rhein und Ruhr zugleich neue Impulse zu verleihen.

Demis Volpi:Mit großer Freude sehe ich der Herausforderung entgegen, das Ballett am Rhein ab der Spielzeit 2020/21 zu leiten und bin dankbar für das in mich gesetzte Vertrauen. Ich sehe meine Aufgabe darin, auf dem aufzubauen, was die Compagnie in den vergangenen Jahren bis heute erreicht hat; es wird also um die Pflege des neoklassischen Repertoires, die Einbindung wichtiger zeitgenössischer Choreograph*innen und Künstler*innen sowie die Erweiterung des Freiraums für neue choreographische Sprachen gehen. Darüber hinaus freue ich mich aber selbstverständlich auch darauf, eigene Akzente zu setzen, u.a. durch die Kreation eigener abendfüllender Handlungsballette zur weiteren Entwicklung des Repertoires und des Profils des Balletts am Rhein.

Zunächst freue ich mich jedoch auf das Kennenlernen der Tänzer*innen und Mitarbeitenden in den kommenden Wochen, sowie auf die Zusammenarbeit mit Christoph Meyer. Ich bin zudem sehr gespannt auf das Duisburger und Düsseldorfer Publikum und hoffe darauf, dass es den zukünftigen künstlerischen Entwicklungen seines Balletts mit Neugier und Offenheit begegnen wird.“

—| IOCO Aktuell Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Stuttgart, Staatstheater Stuttgart, Die sieben Todsünden – Seven Heavenly Sins, IOCO Kritik, 16.02.2019

Schauspielhaus Stuttgart, Zuschauerraum © Bjoern Klein

Schauspielhaus Stuttgart, Zuschauerraum © Bjoern Klein

Schauspielhaus Stuttgart

  Die sieben Todsünden – Kurt Weill /  Seven Heavenly Sins – Peaches

Kampf der Geschlechter, der Musik- und Geschmacksrichtungen 

von Peter Schlang

Spartenübergreifende Produktionen haben im größten Dreispartenhaus Europas, den Staatstheatern Stuttgart, eine lange Tradition. Dennoch mussten die Theaterfreunde – und das sind in diesen Fällen (eigentlich) immer Opernfreundinnen und -freunde – 23 lange Jahre warten, bis es am Samstag, dem 2. Februar 2019 unter drei neuen Intendanten wieder zu einer Neu-Inszenierung kam, an der maßgeblich und explizit Vertreter aller drei Sparten, also der Oper, des Balletts und des Schauspiels, beteiligt sind.

Die Staatstheater Stuttgart wuchten in einer Drei-Sparten-Produktion – Die sieben Todsünden von Kurt Weill und Bertolt Brecht – und mehr auf die Bühne

Ausgewählt hatte man dafür das, sieht man von dem dafür benötigten Orchester-Apparat ab, in allen drei Bereichen solistisch wie den Chor- oder das Corps betreffend eher dünn besetzte „Ballett mit Gesang“ Die sieben Todsünden von Kurt Weill und Bertolt Brecht, welches der Choreograf Georges Balanchine bei den zwei deutschen Exilanten für Paris in Auftrag gegeben hatte. Da dieses „ballet chanté“, welches am 7. Juni 1933 am Théâtre des Champs-Élysées in Paris mit Lotte Lenya und Tilly Losch in den Hauptrollen uraufgeführt wurde, jedoch mit nur 35 Minuten Spieldauer selbst für die inzwischen im Stuttgarter Schauspielhaus fast zur Regel gewordenen pausenlosen Kurz-Abende viel zu kurz ist, suchte die für diese Ko-Produktion gewonnene Regisseurin Anna-Sophie Mahler nach Material und Wegen, um aus Brecht-Weills gerade aus Sicht des weiblichen Teils der Gesellschaft noch immer berechtigter Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen einen halbwegs abendfüllenden Theaterabend zu basteln. Fündig wurde sie dabei bei der in den entsprechenden Kreisen zu einer Ikone der Freiheit und des Feminismus gewordenen kanadischen Punk- und Electroclash-Sängerin Peaches, die in ihrem unter dem Topos Seven Heavenly Sins firmierenden Teil der Produktion nicht nur ihre bekannten, teils zwanzig Jahre alten Songs life präsentieren, sondern sich auch sonst intensiv „performen“ und somit auf der Bühne des Schauspielhauses eine maßgebende Rolle einnehmen durfte.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens © Bernhard Weis

Als weitere Erweiterung des Originals fügt die Regisseurin der von Brecht-Weill in zwei Teile gespaltenen Anna noch zwei Abspaltungen hinzu, wobei die beiden Ur-Annas der Haupthandlung der sehr präsenten und zu jeder Zeit äußerst intensiv agierenden und bis an ihre Grenzen gehenden Schauspielerin Josephine Köhler und dem nicht minder überzeugenden Halbsolisten und Nachwuchs-Choreografen der Stuttgarter Compagnie, Louis Stiens, anvertraut sind. Letztgenannter zeichnet auch für die Choreografie dieses Abends verantwortlich und wird so zum wichtigsten Akteur des Stuttgarter Balletts in dieser Ko-Produktion.

Als die beiden weiteren Inkorporationen Annas fungieren der bereits erwähnte Stargast Peaches, welche auch die meisten der in Weills Partitur enthaltenen Songs Annas übernimmt, und die mit dieser Produktion aus dem aktiven Tänzerinnendienst scheidende Melinda Witham, die der Stuttgarter Compagnie seit über vier Jahrzehnten angehörte und sich selbst als „eine der letzten Nachkömmlinge Crankos“ bezeichnet. Peaches ergänzt das Brecht’sche Original, das die in der katholischen Morallehre als die sieben Todsünden gebrandmarkten Untugenden Faulheit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Habsucht und Neid vorstellt, um sieben mit den gleichen Titeln versehene, aber nun eben als „himmlische Sünden“ bezeichnete Eigenschaften, die sich allerdings – entgegen der Verheißung in Titel und Begleit-Leporello – auf eine einzige reduzieren lassen, nämlich die Wollust oder eine uneingeschränkte sexuelle Freizügigkeit. Diese wird dann auch von den vier Anna-Abspaltungen in aller Freiheit und Ausführlichkeit demonstriert, wobei die Regie allerhand zusätzliches Text- sowie Ausstattungsmaterial bemüht und nicht nur die Bühnentechnik des Schauspielhauses gehörig in Bewegung bringt. Dies gilt im ersten Teil des Abends auch für die vier Sänger Elliot Carlton Hines, Christopher Sokolowski (Beides Mitglieder des internationalen Opernstudios), Gergely Németi und Florian Spiess, welche nicht nur die ihre Tochter immer anpeitschenden wie ausnehmenden Eltern Annas und deren zwei Brüder darstellen, sondern auch allerhand Personen verkörpern, denen die „vier Annas“ während ihrer unmoralischen Anschaffungstour für die Familie ausgeliefert sind.

Als Scharnier zwischen diesem mehr oder weniger originalen ersten Teil und dem beschriebenen „Peaches-Intermezzo“ fungiert ein von Josephine Köhler mit viel Verve und allen darstellerischen Raffinessen vorgetragener Monolog der französischen Existenzialistin Virginie Despentes aus deren die Frauen stärkendem und verteidigendem Text „Die King-Kong-Theorie“, dessen ambitioniertes Programm im folgenden Peaches-Teil jedoch leider nicht aufgegriffen wird.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens, Christopher Sokolowski, Gergely Nemeti © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens, Christopher Sokolowski, Gergely Nemeti © Bernhard Weis

Interessanter und viel ergreifender gelingt der vierte und abschließende Teil dieses Patchwork-Abends. Hier lässt uns die äußerst realitätsnah und sehr berührend auftretende 64jährige Melinda Witham als gealterte Anna zu den Klängen von Charles Ives‘ „The unanswered question“ nicht nur an ihrem Abschied von der Bühne und damit vom öffentlichen gesellschaftlichen Leben teilhaben, sondern gewährt uns insgesamt anrührende Einblicke in die letzten und entscheidenden Phasen menschlichen Lebens und deren Wertigkeit. Diese Szene wird in Erinnerung bleiben und entschädigt auch für manche Ohren-Pein, welche zumindest dem älteren und  der eher klassischen Theaterkunst anhängenden Teil der Zuschauer an nicht wenigen Stellen des ohne Pause gespielten, neunzigminütigen Abends zugemutet wurde.

Dieser hat durchaus seine Reize und großen Momente, so etwa, wenn die Regisseurin den Lebenswandel Annas, genauer der ersten beiden Ihrer Alter-Egos, als Boxkampf arrangiert und dazu einen echten Boxring mit allem erforderlichen Beiwerk auf die Bühne stellt (Bühne: Katrin Connan, Kostüme Marysol del Castillo und Charlie Le Mindu sowie Courtesy of Peaches Collection) oder diesen nach Weills/Brechts Beitrag mit viel Rauch und Licht in den Bühnenhimmel aufsteigen lässt. Zuvor aber agieren die beiden erwähnten Anna-Darsteller Josephine Köhler und Louis Stiens auf ihm mit sportlichem Fleiß und zeitweise akrobatischer Meisterschaft, während das an drei Seiten um den Boxring platzierte Staatsorchester nicht nur das Publikum des Boxkampfes simuliert, sondern dem ersten Teil des Abends eine jederzeit verlässliche musikalische Basis verleiht. Unter der umsichtigen und souveränen Leitung Stefan Schreibers lassen die Musikerinnen und Musiker alle Nuancen und genre-überschreitenden Anspielungen der Weill‘schen Musik perlend, tänzerisch und mitreißend hörbar werden und verwandeln die Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses so musikalisch in ein Tanzlokal oder Varieté der späten Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts, während Peaches in ihrem Teil das Theaterpublikum eher in einen jetzt-zeitlichen, total angesagten Club entführt.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler und Peaches © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler und Peaches © Bernhard Weis

Dem Staatsorchester, vor allem seinen Disponenten und sonstigen Verantwortlichen muss man für diesen Abend aber noch ein weiteres großes Lob aussprechen, leisten doch seine Mitglieder nicht nur bei der dieser Besprechung zu Grunde liegenden ersten Repertoire-Aufführung der Sieben Todsünden im Schauspielhaus ihren Dienst. Im Opernhaus ging vielmehr zur selben Zeit eine Aufführung von Puccinis Madame Butterfly über die Bühne, und am Premierenabend war dort Cherubinis Medea gezeigt worden. Zwei Opern in nicht gerade kleiner Orchester-Besetzung zur gleichen Zeit – das verlangt nach größtem Respekt und zeugt von der großen organisatorischen wie personellen und musikalischen Substanz der Stuttgarter Staatsoper!

Dramaturgisch-theatralisch hinterließ diese, die Sparten vereinende Produktion wie schon angedeutet beim Berichterstatter einen zwiespältigen Eindruck. Zum einen bietet sie in etlichen Momenten durchaus gute Unterhaltung, zeugt von dem enormen technischen wie qualitativen Potential der drei Abteilungen der Stuttgarter Staatstheater und belegt darüber hinaus das hohe Niveau, auf dem hier für ein breites Publikum Theater gemacht werden kann. Andererseits hinterlässt die Aufführung beim kritischen Besucher doch einige Zweifel, ob man sie als ernsthaften Einwurf in der Me-Too-Debatte und als mutigen Beitrag zur Einforderung von Respekt für und vor Frauen oder gar zu deren Emanzipation betrachten kann.

So wird die im Programm-Leporello formulierte Ankündigung, die Inszenierung wolle Antworten auf die Frage geben, „wie man (als Frau?) raus aus der systematischen Gewalt und den strukturellen Zwängen komme“, ja überhaupt die „großen Fragen nach der Möglichkeit von individueller Freiheit und den Bedingungen für ein selbstbestimmtes Leben stellen“, an kaum einer Stelle umgesetzt. Wenigstens in Teilen wird dagegen ein anderes, im Programm gegebenes Versprechen eingelöst, nämlich, dass man (als Zuschauer/in) an diesem Abend „eine gute Zeit haben“ werde. Doch dies ist für ein solches Projekt und den dafür betriebenen immensen Aufwand dann doch etwas wenig, denn sowohl die Inszenierung des Brecht-Teils als auch das Arrangement der Peaches-Songs zur gleichnamigen Show bieten bestenfalls gehobenes Varieté- oder Revue-Niveau, bleiben aber leider eine tragfähige inhaltliche oder gar gesellschaftspolitische Aussage schuldig.

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden - Seven heavenly sins - hier : Josephine Köhler und Peaches. Louis Stiens © Bernhard Weis

Staatstheater Stuttgart / Die sieben Todsünden – Seven heavenly sins – hier : Josephine Köhler und Peaches. Louis Stiens © Bernhard Weis

Wenn man sich allerdings das volle Haus bei den beiden ersten Aufführungen und den offenkundig bestens laufenden Vorverkauf für die kommenden Vorstellungen anschaut, dürfte dieses Defizit das Publikum keineswegs vom Weg ins Stuttgarter Schauspielhaus abhalten, sondern diesem vielmehr auch weiter ausverkaufte Abende und zudem eine Zielgruppe als Besucher bescheren, die man sonst in den Vorstellungen der Stuttgarter Staatstheater meist vergeblich sucht. Denn wann hat der Rezensent schon einmal die Begeisterung der neben ihm sitzenden jüngeren Frauen an deren Jauchzen und den von ihnen mitgesungenen Songs sowie sogar über den Boden spüren können, den das Trappeln der Füße eines begeisterten Teils des Publikums zum Beben brachte, dem man sonst eher in den Discos und Clubs der baden-württembergischen Landeshauptstadt begegnen dürfte?

So kann man diese neue Ko-Produktion der drei Stuttgarter Staatstheater-Sparten auch als äußerst gelungenen Marketing-Gag sehen, was angesichts eines sonst eher grauhaarigen Publikums in den „normalen“ Vorstellungen – zumindest von Schauspiel und Oper – keineswegs kleinzureden oder gar zu verurteilen ist.

Die sieben Todsünden von Kurt Weill / Bertolt Brecht im Schauspielhaus Stuttgart; weitere Vorstellungen am 17. und 25. 02. sowie am 02., 10., 23. und 30.03. 2019

—| IOCO Kritik Schauspielhaus Stuttgart |—

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