Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Oper in der Stadt – Juni und Juli 2020

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

 Staatsoper Stuttgart spielt wieder

  70 Vorstellungen – Liederhalle, im Stadtraum, in und vor Opernhaus

·       Ein Auszug:

Der Bayreuther Ring-Regisseur Valentin Schwarz inszeniert ein      „Bühnenfreifestspiel mit dem Staatsopernchor“

2x Operette am Stuttgarter Hafen: Die Blume von Hawaii  und Trouble in Tahiti

Der Operntruck mit Die Geschichte vom Soldaten ist in der Stadt unterwegs

Salon mit Intendant Viktor Schoner und Gästen im Opernhaus

Dritter Teil des Orpheus Instituts vor dem Opernhaus

 Wandelkonzerte im Mercedes-Benz Museum

Neben den bereits angekündigten Projekten wie dem Theaterparcours Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind,  einer Reihe von Sinfonie-, Kammer-, Lied- und Familienkonzerten in der Liederhalle sowie den Aufführungen auf dem Kulturwasen stellt die Staatsoper Stuttgart ihr Programm bis zum Ende der laufenden Saison vor. Rund 70 Aufführungen an den unterschiedlichsten Orten der Stadt beinhalten die kommenden Wochen – Experimentelles steht hier neben Familienfreundlichem, Sinfonisches neben Kammermusikalischem, Theatrales neben Filmischem.

Intendant Viktor Schoner: „Innerhalb kürzester Zeit haben die Künstler*innen und Mitarbeiter*innen der Staatsoper gemeinsam mit verschiedensten Kooperationspartnern in der Stadt in einem kreativen und logistischen Kraftakt ein wahres Festival-Programm auf die Beine gestellt – vieles ist familienfreundlich, manches nachdenklich, anderes leichtgängig; aber immer wurde es entwickelt mit der kompromisslosen Vorgabe, dass alle Inspiration in Einklang steht mit dem Schutz der Gesundheit der Mitwirkenden und des Publikums. Mit Enthusiasmus und Herzblut für unser Metier, kombiniert mit einer großen Sehnsucht nach der Interaktion mit dem Publikum, entstanden Projekte in ungewöhnlichen Konstellationen, frei nach dem für uns eigentlich unüblichen Motto ‚quick and dirty‘. Möge sich diese Liebe zum Spiel allen Besucher*innen mitteilen!“

Beteiligt sind Künstler*innen wie die Dirigenten Cornelius Meister und Thomas Guggeis, die Regisseure Valentin Schwarz und Marco Štorman, Sänger*innen wie Okka von der Damerau, Ks. Matthias Klink, Beate Ritter, Johannes Kammler, Kai Kluge oder Josefin Feiler – und noch viele weitere Künstler*innen mehr.

Alle Veranstaltungsformate richten sich nach den geltenden Hygiene- und Abstandsregeln – zum Schutz des Publikums, aber auch der Künstler*innen und Mitarbeiter*innen des Hauses. Für jeden Veranstaltungsort wurden basierend auf den Hygienerichtlinien der Staatstheater eigene Konzepte für Platzierung und Einlasssituation entwickelt. Alle Veranstaltungen sind pausenlos, viele kürzer als eine Stunde. Für einige wenige Veranstaltungen stehen noch die behördlichen Genehmigungen aus. Im Spielplan der Website www.staatsoper-stuttgart.de ist letztendlich gültige Stand zu finden.


Übersicht: Aufführungen im Juni / Juli 2020


Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind
Ein Theaterparcours mit den Ensembles von Staatsoper Stuttgart, Stuttgarter Ballett und Schauspiel Stuttgart
In Kooperation mit dem Stuttgarter Ballett und dem Schauspiel Stuttgart
Noch bis 15. Juni 2020


Kammerkonzert- und Liedkonzert-Festival
Mit Ensemblesänger*innen der Staatsoper und Musiker*innen des Staatsorchesters Stuttgart
ab 07. Juni 2020 im Mozartsaal der Liederhalle


Staatsoper Stuttgart / Die Geschichte vom Soldaten © Martin Sigmund

Staatsoper Stuttgart / Die Geschichte vom Soldaten © Martin Sigmund

Die Geschichte vom Soldaten auf dem Operntruck  –  Igor Strawinsky
In Kooperation mit dem Schauspiel Stuttgart
Strawinskys Märchen von Teufel und Soldat ist auf einer mobilen Bühne zuerst auf dem Kulturwasen und anschließend an verschiedenen Orten in der Stadt zu Gast.
Premiere: 08. Juni 2020 auf dem BW-Bank Kulturwasen
Weitere Spielorte: vor dem GAZi-Stadion auf der Waldau, Vorplatz der Phönixhalle im Römerkastell, Vorplatz des Kunstvereins Wagenhallen, vor dem Mercedes-Benz Museum, Vorplatz Opernhaus


Beethoven-Zyklus  –  Staatsorchester Stuttgart
Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert Beethovens Sinfonien 1-8
im Beethovensaal der Liederhalle – auf Abstand und doch ganz nah.
ab 13. Juni 2020


Peter und der Wolf
Sergej Prokofjew
Staatsorchester Stuttgart, Cornelius Meister
Erzähler Guido Hammesfahr alias Fritz Fuchs aus der Sendung Löwenzahn
am 14. / 21. Juni 2020 im Mozartsaal der Liederhalle


Ceci n’est pas une première
Klanginstallationen vor dem Opernhaus
In Kooperation mit dem Campus Gegenwart der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart
Die jungen Komponist*innen Ui-Kyung Lee und Carlos Hernández bringen mit ihren Klanginstallationen die Stimmung einer Premierenfeier für Passanten vor das Opernhaus.
Klanginstallation I: ab 17. Juni 2020 immer 21-22 Uhr
Klanginstallation II: ab 03. Juli 2020 immer 21-22 Uhr


Bei Max Littmann zu Hause
Ein Salon mit Gesprächen und Musik
Intendant Viktor Schoner begrüßt Gäste aus Politik, Gesellschaft und Kultur im Opernhaus zu einer musikalischen Soiree. Mit dabei: Ministerpräsident Wilfried Kretschmann, Prof. Dr. Kai Gniffke, Intendant des SWR, und weitere Gäste.
ab 21. Juni 2020 im Opernhaus


Das Wandelkonzert im Mercedes-Benz Museum
In Kooperation mit dem Mercedes-Benz Museum
Auf musikalischen Pfaden durch die Ausstellungsräume des Mercedes-Benz Museums, musikalisch geleitet von den Mitgliedern des Opernstudios.
ab 23. Juni 2020 im Mercedes-Benz Museum


Die Zauberflöte auf dem Wasen
Wolfgang Amadeus Mozart
In einer szenischen und musikalischen Fassung von Rebecca Bienek und Thomas Guggeis
für alle ab 6 Jahren
Musikalische Leitung, Klavier und Synthesizer: Thomas Guggeis; Regie: Rebecca Bienek
Die Zauberflöte zwischen Live-Hörspiel und Autokino auf dem Kulturwasen als Oper für die ganze Familie, adaptiert für Klavier und Sythesizer.
ab 27. Juni 2020 auf dem BW-Bank Kulturwasen


Ex Machina – Eine audiovisuelle Reise
Regie: Philine Rinnert und Johannes Müller
Hinter das versteckte Räderwerk der Oper blicken und mit Kopfhörern den verborgenen Stimmen des Opernbetriebs lauschen, zwischen Opernhaus und Eckensee im dritten Teil des Orpheus Instituts.
Premiere: 30. Juni 2020 auf dem Opernvorplatz


Die Blume von Hawaii
Paul Abraham
Musikalische Leitung und Klavier: Rita Kaufmann, Regie: Marco Štorman
Marco Štorman inszeniert Paul Abrahams Operette am Stuttgarter Hafen. In der Hauptrolle: Tenor Matthias Klink.
Premiere: 03. Juli 2020 am Hafen Stuttgart


Trouble in Tahiti
Leonard Bernstein
Musikalische Leitung: Vlad Iftinca, Regie: Anika Rutkowsky
Pawel Konik und Alexandra Urquiola als Ehepaar in Leonard Bernsteins Kurzoper – inszeniert von Anika Rutkowsky am Stuttgarter Hafen!
Premiere: 10. Juli 2020 am Hafen Stuttgart


Radioshow Nr. 6
Moderation: Miron Hakenbeck und Barbara Eckle
Das kleine Format auf der großen Bühne – diesmal zum Thema Sound of Silence.
am 11. Juli 2020 im Opernhaus


Demo(kratie) mit dem Staatsopernchor
Staatsopernchor Stuttgart
Konzept und Idee: Valentin Schwarz, Chor: Manuel Pujol
Valentin Schwarz hätte dieses Jahr bei den Bayreuther Festspielen Wagners Ring des Nibelungen inszeniert. Stattdessen bringt er nun ein „Bühnenfreifestspiel mit dem Staatsopernchor“ auf die Straßen Stuttgarts.
ab 12. Juli 2020 im Stuttgarter Stadtraum


Sechs Madrigalfilme
Claudio Monteverdi, Tarquino Merula, Carlo Milanuzzi u.a.
Filme von Matthew Anderson, Tobias Dusche, Manuela Hartel, Lukas Rehm, Rebecca Riedel, Vincent Stefan
Musikalische Leitung: Alan Hamilton, Vlad Iftinca
Sechs Videokünstler*innen haben mit dem Sängerensemble der Staatsoper kurze Musikfilme zu frühbarocken Madrigalen gedreht – an abrupt verwaisten, scheinbar erstarrten Orten Stuttgarts.
Preview: 19. Juli 2020 im Opernhaus

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, CREATIONS IV – VI ~ Wasser, Sonne, Mond, IOCO Kritik, 29.02.2020

Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Creations IV bis VI   –  Stuttgarter Ballett

Botschaften – Aus dem Wasser – Von der Sonne – Vom Mond

von Peter Schlang

Nicht weniger als sechs Uraufführungen hat Tamas Detrich auf den Spielplan seiner zweiten Saison als Intendant des Stuttgarter Balletts gesetzt. Nachdem deren erste Hälfte im Herbst auf der „kleinen Ballettbühne“, jener des Schauspielhauses, das Stuttgarter Ballettpublikum in Begeisterung versetzt hatte, wurden die anderen drei Neuschöpfungen unter dem passend-programmatischen Titel CREATIONS IV – VI am 21. Februar 2020 auf der „großen Ballettbühne“, also im Opernhaus, präsentiert. Im Untertitel werden mit „Douglas Lee / Louis Stiens / Martin Schläpfer“ nicht nur die drei verantwortlichen Choreografen dieses Abends genannt, sondern für Kenner wird damit auch deutlich gemacht, dass diese aus drei unterschiedlichen Generationen stammenden  Ballettschöpfer einen äußerst abwechslungsreichen, vielseitigen und spannenden Ballettabend, quasi ein choreografisches Drei-Gänge-Menü, kreieren würden.

Mit dem 42jährigen Douglas Lee, von 1996 bis 2011 als erster Solist Mitglied der Stuttgarter Compagnie, eröffnete der der mittleren Choreografen-Generation Angehörende diesen Uraufführungsreigen. Sein Naiad betiteltes Ballett nimmt Bezug auf die Wassernymphen der griechischen Mythologie und das 1830 entstandene Gedicht „Krake“ des englischen Lyrikers Alfred Lord Tennyson und möchte nicht nur die verschiedenen Eigenschaften des Wassers beleuchten, sondern vor allem die Mythen um dieses Element hinterfragen. Auf der Bühne selbst wird die Unterwasserwelt  durch schwarze, in Wellenbewegung zu bringende Stoffbahnen an der hinteren Bühnenwand (Eva Adler) und eine Meerestiefen imaginierende, mystische  Beleuchtung (Sakis Birbilis) angedeutet. Im Mittelpunkt steht aber der riesige schwarze Reifrock, mit dem Sinéad Brodd starke Assoziationen an eine Qualle erzeugt und der ihr ungeheuer weiche, fließende, auf- und ab wogende und weit ausladende Tanzbewegungen ermöglicht. Zudem  nutzen Choreograf und Tänzerin das beeindruckende Kostüm für manch dramaturgische und tänzerische Überraschung, etwa wenn unter diesem „Rock-Zelt“ plötzlich ein anderer Tänzer hervorkriecht.

Stuttgarter Ballett / CREATIONS IV - VI NAIAD hier © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / CREATIONS IV – VI NAIAD hier © Stuttgarter Ballett

Um dieses die Fantasie anregende optische und choreografische Zentrum gruppieren sich in wechselnder  Ensemblegröße weitere vier Tänzerinnen und fünf Tänzer, die in kraftvoll-artistischen wie weich-fließenden Bewegungen und Figuren und einer insgesamt sehr modernen Tanzsprache eine Wasserwelt simulieren, die mehr Schutz und Autonomie als Bedrohung und Lebensfeindlichkeit bietet.

Zusätzliche Bewegung und eine weitere Dimension erhalten die einzelnen Szenen Naiads durch die neun sich vertikal und um sich selbst bewegenden, aus dem Bühnenhimmel herunterragenden Spezialscheinwerfer, die nicht nur oft selbst regelrecht in Tanz geraten, sondern als modernes theatralisch-dramaturgisches Mittel der Szene etwas Futuristisch-Unwirkliches verleihen. Zudem lassen sie im Betrachter das Gefühl entstehen, (auf den Meeresboden) zu sinken.

Alle diese Effekte werden durch die von Douglas Lee ausgewählte, höchst emotionale Musik  verstärkt.  Im ersten Teil ist dies die von dem australischen Komponisten Sávva geschaffene Auftragskomposition Corallina, in der nicht nur die von Gustavo Surgik virtuos gespielte Solo-Violine und das mit ihr häufig dialogisierende Klavier für erstaunliche Effekte sorgen. Das ausgesprochen tänzer/innenfreundliche Werk nimmt den Hörer auch durch den fantasievollen  Einsatz diverser Rhythmus- und Perkussionsinstrumente  für sich ein.

Als zweites Musikstück greift Lee auf das 2011 veröffentlichte Stück Algol Bloom des vor allem als Filmkomponisten bekannten Briten Joby Talbot zurück, das ebenfalls das Schlagwerk im Stuttgarter Staatsorchester stark beschäftigt und die Lebensenergie des Wassers klangsinnlich verdeutlicht. Mit prächtig-metallenem Wirbel und fetzigem Drive werden die so selbst in Schwingung gebrachten und bereits heftig begeisterten Zuschauerinnen und Zuschauer  in die erste Pause entlassen.

Das zweite Drittel dieses abwechslungsreichen Ballettabends lag in den Händen des jüngsten der drei mitwirkenden Choreografen, des als Halbsolist in der Stuttgarter Compagnie aktiven Louis Stiens.

In seinem Beitrag Messenger, für den er auch die Bühne und die Kostüme der zehn Tänzerinnen und sieben Tänzer entwarf, verfolgt er die so unterschiedlichen Reaktionen von Menschen auf einen aus einer anderen Sphäre gekommenen Boten, der in wechselnder Gestalt und Sendung auftreten kann. Ausgangspunkt für Stiens‘ Ideen und Botschaften war nach seinen eigenen Aussagen die dafür von ihm ausgewählte Musik, das 2017 im Auftrag des Bayerischen Rundfunks entstandene und der Geigerin Isabelle Faust gewidmete „Follow me“ des in Prag geborenen Komponisten Ondrej Adámek. Dieses dreisätzige Violinkonzert, den Solopart hatte dieses Mal Elena Graf übernommen, thematisiert die Beziehung einer  Gruppe zu einem Individuum oder Solitär, die sich in ganz unterschiedlichen Verhaltensweisen und Reaktionen äußern kann.

Stuttgarter Ballett / Creations IV-VI Messenger - hier : das Tänzerensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Creations IV-VI Messenger – hier : das Tänzerensemble © Stuttgarter Ballett

Mit seinen wechselnden Stimmungen und seinem rhythmisierenden, akzentreichen Duktus liefert „Follow me“  Stiens die perfekte Grundlage für seine höchst akkurate, körperlich-akrobatische Bewegungssprache. Diese beansprucht den gesamten Körper der Tanzenden, von denen Elisa Badenes und Jason Reilly häufig solistisch agieren, die aber auch dem Rest des Ensembles Einiges an Artistik, Körperbeherrschung und Synchrongefühl abverlangt. Ob in kleineren Formationen oder als gesamtes Ensemble im Einsatz,  gelingen den Tänzerinnen und Tänzern zumindest anfangs beeindruckende Charakter- und Bewegungsstudien, die ihre Wirkung vor allem aus der großen Vielfalt an Tanz- und Ausdruckselementen und dem mitunter atemberaubenden Tempo der Musik bezieht. So liefert der Choreograf Studien in einer Art Pinguin-Gang  oder im stakkatohaften Takt von Maschinen und lässt seine Kolleginnen und Kollegen puppen- und marionettenartige Bewegungen ausführen.

In den ersten zwei Sätzen von Adámeks Musik vermag das alles die Zuschauer zu fesseln und vermittelt auch einen interessanten Überblick über die dem zeitgenössischen   Ballett zur Verfügung stehenden Tanzstile und Bewegungstechniken. Spätestens im letzten Teil verliert dieser  Ansatz aber etwas an Wirkung und Reiz und fällt gegenüber dem Bisherigen durch das nun hinreichend Bekannte und häufig Redundante ab. Eine Entwicklung findet jetzt nur noch in der Musik statt, was nicht nur der Komposition, sondern in erster Linie dem auch hier fabelhaft aufspielenden Staatsorchester unter der bewährten Leitung seines Ballett-Dirigenten James Tuggle zu verdanken ist.

Das Publikum zeigte sich trotz dieser leichten Trübung von der neuen Arbeit eines seiner Lieblinge sehr angetan und spendete diesem, der ihn kongenial unterstützenden Licht-Designerin Tanja Rühl sowie dem gesamten Ensemble begeisterten Beifall.

Stuttgarter Ballett – Tamas Detrich und der Arbeitsalltag
youtube Trailer des Stuttgartr Ballett
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Mit großen Erwartungen sah man nach der zweiten Pause auch dem letzten Teil des Abends entgegen, wofür neben seinem prominenten Namen vor allem die Tatsache sorgte, dass der hierfür gewonnene Schweizer Choreograf Martin Schläpfer nur zwei seiner bisher über 70 Arbeiten für Compagnien außerhalb seiner jeweiligen Wirkungsstätte geschaffen hat. Diese entstanden vielmehr fast ausschließlich für die Ballette in Bern, Mainz und Düsseldorf, von wo der jetzt Sechzigjährige im Sommer  als Ballettdirektor an die Wiener Staatsoper wechseln wird. Dass Schläpfer für diese Aufgabe gut gerüstet ist und man sich in der österreichischen Hauptstadt uneingeschränkt auf ihn freuen kann, zumindest was seine schöpferische Meisterschaft betrifft, stellte er mit seinem über fünfundvierzigminütigen Beitrag, dem längsten dieses Stuttgarter Abends, eindrucksvoll unter Beweis. Für dieses von ihm versprochene und – das sei jetzt schon verraten – überzeugend realisierte „freudvolle Tanzfest“ als „Hommage an diese große Kompanie“ hatte Schläpfer mit  Franz Schuberts 3. Sinfonie in freudvollem, hellem, heiterem D-Dur ein anspruchsvolles wie mitreißendes Konzertstück gewählt, das seinen Ansprüchen und Fähigkeiten als Vertreter der klassisch geprägten Ballettschule voll entgegenkam. Zu dieser Musik lässt er die neun Tänzerinnen und zehn Tänzer tatsächlich und wie von ihm versprochen „wie in ein Sommerhaus eintreten“ – „in kompletter Harmonie mit sich selbst“.

Mit einem Stück des zeitgenössischen japanischen Komponisten Toshio Hosokawa, dessen Oper Erdbeben.Träume im Juli 2018 in der Staatsoper Stuttgart ihre umjubelte Uraufführung erlebte, fügt Schläpfer dem Schubert’schen Sommerhaus aber gleichsam einen Keller oder ein Untergeschoss hinzu und bleibt damit seiner vielfach gerühmten Tiefgründigkeit treu. Diese Dialektik von Unten und Oben, hell und dunkel, Tag und Nacht findet sich auch in dem vom Choreografen für sein Stuttgarter Stück gewählten Titel wieder, Sonne und Mond, den er allerdings dem zweiten, japanischen Musikstück angepasst hat und in die viel leichter und musikalischer klingende japanische Fassung übersetzen ließ: Taiyo to Tsuki.

Stuttgarter Ballett / CREATIONS IV - VI Taiyo to Tsuki © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / CREATIONS IV – VI Taiyo to Tsuki © Stuttgarter Ballett

Das Staatsorchester unter seinem „großen Ballett-Versteher“ James Tuggle versieht dazu die Musik des erst siebzehnjährigen Franz Schubert mit strammen Tempi und trocken-klarem Klang, kurz, mit unbetonten, fast harschen Schlüssen und nahezu vibratofrei,  sprich in historisch-informiertem Stil, was diese 3. Sinfonie auch für Liebhaber des „Originalklangs“ zu einem Fest werden ließ.

Dass es zu diesem auch uneingeschränkt für die Anhänger großer Tanzkunst wurde,  war neben der alle Register des Spitzentanzes und anderer klassischer Ausdruckmittel ziehenden Choreografie-Kunst Schläpfers natürlich vor allem auch dem diesem bedingungslos folgenden Stuttgarter  Ensemble zu verdanken. In größter Meisterschaft demonstrieren Miriam Kacerova, Hyo-Jung Kang, Anna Osadcenko, David Moore, Roman Novitzky und Friedemann Vogel, alles Erste Solistinnen und Solisten der Compagnie, sowie die anderen, hier aus Platzgründen nicht namentlich genannten, Ensemblemitglieder in Solo-Auftritten, als Paar und in unterschiedlichsten Gruppenformationen alle Bewegungsmöglichkeiten und Ausdrucksmittel, die sich das klassische Ballett über Jahrhunderte hinweg erarbeitet und angeeignet hat.

Dieses Leichte und Spielerische wird durch die Kostüme Florian Ettis unterstrichen, der die Tänzerinnen in leichte, weite Kleider und die Tänzer in ebenso bequeme weite Hosen und Shirts steckt; eine Art Haus- oder Freizeitkleidung, die auch eine gewisse ironische Distanz zu herkömmlichen klassischen Balletten schafft.

Freilich entspringt diese Leichtigkeit und dennoch vorhandene Tiefe von Schläpfers Entwurf auch der von ihm pausenlos verfolgten und sicht- wie hörbar gewordenen engen Beziehung zwischen seiner Choreografie und der diese begleitenden Musik, die zudem das Geschehen auf der Bühne nicht nur sensibel doppelt und unterstreicht, sondern auch einen gewissen inhaltlichen Bogen zum zuvor gezeigten  Messenger von Louis Stiens schlägt.

Dass  Martin Schläpfer dem modernen Tanztheater durchaus offen gegenübersteht und dieses gekonnt mit klassischen Stilmitteln und Elementen zu verknüpfen weiß, zeigt er im letzten Teil, also zur „Mond-Musik“  Hosokawas, die dessen Stück „Ferne Landschaft III“ entnommen ist. Hier bemerkt man bei deutlich herausgenommenen Tempi, teilweise wie in Zeitlupe, ganz neue, überraschende Figuren und Bewegungen in einer formenreichen, vielseitigen Tanzsprache, die einen tatsächlich in schlaf- oder traumhafte Stimmung versetzen. Ja, der Berichterstatter sah sich hier gar in Gefahr, (Mond)- und tanzsüchtig zu werden – Ballettkunst in höchster Vollendung!

Nach so viel Lob für die drei Choreografen und die deren Ideen in traumhafter  Sicherheit umsetzenden Tänzerinnen und Tänzer sei abschließend noch einmal das (nicht nur) an diesem Abend fabelhafte Staatsorchester und sein Ballett-Dirigent James Tuggle dafür gelobt, dass und wie sie in einer einzigen Aufführung fünf so unterschiedliche, äußerst anspruchsvolle  Stücke spielen, dazu nicht als rein akustisches Ereignis in einem Konzertsaal, sondern für Tänzerinnen und Tänzer, die dazu in ebenso anspruchsvollen wie unterschiedlichen Choreografien ihr Bestes geben müssen.

Dafür, dass dies ausnahmslos überzeugend, ja begeisternd gelang, ernteten alle Beteiligten nach jedem der drei Teile des Abends – und an dessen Ende nochmals zusammengefasst und verstärkt – uneingeschränkten Beifall, ja großen Jubel.

Creations IV – VI  des Stuttgarter Ballett – weitere Vorstellungen am 29.02.; am 03., 19., 25., 29. 03.; am 08., 11. 04.; am 22., 23. 07. 2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, b.41 – Ballettpremiere, 23.11.2019

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

Ballettpremiere b.41  – Neue Schläpfer Choreographie

Seine letzte Kreation, Cellokonzert, für das Ballett am Rhein präsentiert Martin Schläpfer im Programm b.41, das am Samstag, 23. November 2019 Premiere im Opernhaus Düsseldorf hat. Cellokonzert ist eine Choreographie für alle 44 Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie zu Dmitri Schostakowitschs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 g-Moll. Außerdem widmet sich das Ballett am Rhein mit Lamentation und Steps in the Street erstmals der großen amerikanischen Tanzrevolutionärin Martha Graham. Eröffnet wird das abwechslungsreiche Tanzprogramm mit Jirí Kyliáns „Forgotten Land“. Die musikalische Leitung der Düsseldorfer Symphoniker hat GMD Axel Kober alternierend mit Kapellmeister Wen-Pin Chien, solistisch sind am Cello Nikolaus Trieb und am Klavier Eduardo Boechat zu erleben.

Deutsche Oper am Rhein / Proben zu Petite messe solennelle / Ballett von Martin Schläpfer © Gert Weigelt

Deutsche Oper am Rhein /
Proben zu Petite messe solennelle / Ballett von Martin Schläpfer © Gert Weigelt

Die Ballett-Saison steht im Zeichen des Abschieds von Martin Schläpfer, der die Compagnie vor zehn Jahren als Ballett am Rhein neu formierte und an die Spitze der international anerkannten Tanzensembles führte. Im Programm b.41 stellt er seine letzte Uraufführung für sie vor: „Cellokonzert“ zu Dmitri Schostakowitschs Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 g-Moll.

Den Auftakt macht Ji?í Kyliáns „Forgotten Land“, das er 1981 für das Stuttgarter Ballett zu Benjamin Brittens „Sinfonia da Requiem“ kreierte. Inspiriert von der Einsamkeit der rauen Ostküste Englands erzählt Kyliáns Ballett in starken Bildern von Verlusten und Vergessen.

Mit „Lamentation“ und „Steps in the Street“ zeigt das Ballett am Rhein erstmals Werke von Martha Graham. Die US-amerikanische Tänzerin und Choreographin revolutionierte mit ihrer eigenen, vom Körperzentrum und den Prinzipien „contraction“ und „release“ ausgehenden Tanztechnik seit den späten 1920er Jahren die Ästhetik des Bühnentanzes. Ihr Solo „Lamentation“ ist ein eindringliches Stück über die Einsamkeit des Menschen. „Steps in the Street“, von den weltgeschichtlichen Ereignissen der 1930er Jahre geprägt, gilt als eine bis heute zeitlose Warnung vor Faschismus, Verfolgung und Krieg.

Schon am Donnerstag, 14.11., um 18.00 Uhr ermöglicht die Ballettwerkstatt mit Gesprächen und Probenausschnitten bei freiem Eintritt im Opernhaus Düsseldorf erste Einblicke in das Ballettprogramm b.41.

Tickets von 21,00 bis 106,00 Euro im Opernshop Düsseldorf, an der Theaterkasse Duisburg,  telefonisch und online unter www.ballettamrhein.de

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan, IOCO Kritik, 24.05.2019

Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

 Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan

– Die Droge „Macht“ :  Zerstörerin von Freiheit und Menschen –

von Peter Schlang

Dafür, dass nicht alle Geschichten aus Herrscherhäusern oder über Adelsgeschlechter belanglosen Tratsch und bestenfalls einen Fall für die Regenbogenpresse darstellen, lieferte die jüngste Premiere des Stuttgarter Balletts einen eindrucksvollen Beweis. Als deutsche Erstaufführung  feierte dort am 18. Mai 2019 Kenneth MacMillans 1978 in London uraufgeführtes Handlungsballett Mayerling einen rauschenden Erfolg. Der gut dreistündige Abend zeigte außerdem auf mitreißende Weise, wie spannend und aktuell historische Stoffe dieses Genres  auch heute noch sein können – zumindest wenn sich ein Groß-Meister psychologisierender Tanzkunst ihrer annimmt, wie es der 1992 verstorbene englische Choreograf und Tänzer Kenneth MacMillan war. Und wenn dann auch noch einige weitere Voraussetzungen gegeben sind, wie sie das Stuttgarter Ballett am Samstagabend einem begeisterten Publikum in beispielhafter Weise vor Augen führte, steht einer Sternstunde des Balletts nichts im Weg!

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Ballett von Kenneth MacMillan - hier : Elisa Badenes und Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan – hier : Elisa Badenes und Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Mayerling ist der Name eines Jagdschlosses der Habsburger, die über viele Jahrhunderte die österreichischen Kaiserinnen und Kaiser stellten. Dort beging am 30. Januar 1889 Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn Selbstmord, nachdem er zuvor seine 17-jährige Geliebte Baronesse Mary Vetsera erschossen hatte. Dieser inszenierte Doppel- / Selbst– Mord beendete nicht nur eine politische Hoffnung der Doppelmonarchie, sondern setzte auch einem Leben ein Ende, das mit den Begriffen Drama, Verzweiflung, Enttäuschungen, Intrigen, Lieblosigkeit und Verrat noch vorsichtig beschrieben ist.

Mayerling – Kenneth MacMillan
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 Mayerling – Stuttgarter Ballett zeigt die Aktualität historischer Erfahrungen

Rudolf, der am 21. August 1858 nach zwei Schwestern geborene, sehnlichst erwartete männliche habsburgische Thronfolger, wurde seiner Mutter, der Kaiserin Elisabeth (Sissi) und ihrer möglichen Liebe unmittelbar nach seiner Geburt entzogen. Nach dem Willen seines Vaters, Kaiser Franz Joseph I. und seiner Großmutter, Erzherzogin Sophie, sollte Rudolf mit höchster Disziplin und Härte zu einem „guten Soldaten“ erzogen und damit auf sein Amt als österreichischer Kaiser vorbereitet werden, für das nach damaliger Lesart nur ein harter, unnachgiebiger Militärführer in Frage kam.

Der äußerst sensible, musisch begabte und intelligente Junge konnte diese Erwartungen zu keiner Zeit erfüllen und litt so sehr an der ihm entgegenschlagenden Härte und Kälte, dass seine Mutter ihn letzten Endes doch dem militaristischen Einfluss entzog und für ihn eine liberale säkulare Erziehung organisierte. Dies wiederum rief nicht nur die konservativ-religiösen Kreise auf den Plan und sorgte in der Folge für zahlreiche Konflikte und Skandale, zu denen spätestens ab seiner Volljährigkeit mit 18 Jahre auch mehrere Liebesbeziehungen und ausufernde sexuelle Aktivitäten des Kronprinzen gehörten. Seine Eltern glaubten, mit der arrangierten Ehe ihres nunmehr 22jährigen Sohnes mit der 16jährigen belgischen Kronprinzessin Stephanie diesem Treiben ein Ende setzen zu können. Doch erfüllte sich diese Hoffnung genauso wenig, wie jene, dass sich Rudolf auf seine Kernaufgaben als späterer Herrscher vorbereitete. Stattdessen mied er nach einer kurzen glücklichen Ehephase, aus der auch eine Tochter hervorging, seine Gemahlin weitgehend und pflegte zahlreiche außereheliche Beziehungen. Auch ging er weiter seinen naturwissenschaftlichen, schriftstellerischen und journalistischen Interessen nach und pflegte intensive Kontakte zu anti-klerikalen und anti-katholischen, äußerst liberalen, ja sogar separatistischen ungarischen Kreisen.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Ballett von Kenneth MacMillan © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Ballett von Kenneth MacMillan © Stuttgarter Ballett

Dies führte zu immer größeren Verwicklungen und zur Isolation Rudolfs, die wiederum – zusammen mit seiner fortschreitenden Syphiliserkrankung – dramatische physische, psychische und psychosomatische Störungen zur Folge hatten. So war der Geliebten- und Selbstmord keine Kurzschlusshandlung, sondern die  Folge einer lange vorhandenen Obsession und die Realisierung einer letzten Option.

Die Erkenntnis, dass dies alles äußerst aktuelle Themen sind und der Wunsch, sein Amt als neuer Stuttgarter Ballettdirektor mit einem „richtigen Kracher“ anzutreten, ließ in Tamas Detrich schon bei seiner Berufung als Nachfolger Reid Andersons vor über vier Jahren den Entschluss entstehen, dieses in Deutschland noch nie als Eigenproduktion gezeigte Ballett in seiner Eröffnungsspielzeit auf die Bühne des Stuttgarter Opernhauses zu bringen. Dazu gelang ihm der Coup, mit Jürgen Rose eine der ganz großen Ausstatter-Legenden nach 27 Jahren Abwesenheit wieder an das Stuttgarter Ballett zurückzuholen. Der für Bühnenbild, Kostüme und Lichtkonzept verantwortliche, inzwischen 81jährige Rose ist genau das Genie, das es braucht, um MacMillans schwermütiges, tiefgründiges und düster funkelndes Meisterwerk auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf eine Ballettbühne zu bringen. Ihm gelang es auf bewundernswerte Weise, dieses visionäre und zu seiner Zeit bahnrechende Stück, das nicht nur die entlegensten Winkel der menschlichen Psyche erforscht, sondern auch die folgenschweren Auswirkungen von Wünschen, Trieben, Bevormundung und Kämpfe um Macht  und Einfluss auf Individuen und  Gesellschaft analysiert, trotz starker, von MacMillans Witwe überwachter Aufführungsbeschränkungen behutsam, aber aussagestark zu aktualisieren.

Drei Jahre lang arbeiteten Jürgen Rose, seine beiden Assistenten Christian Blank und Moritz Haakh und die Stuttgarter Werkstätten an der Ausstattung dieses Balletts: 198 Kostüme im Stil des ausgehenden 19. Jahrhunderts mussten entworfen und genäht, zahlreiche  zeittypische Möbel- und sonstige Requisiten hergestellt oder beschafft und dreizehn Bühnen-(Hintergrund-)Bilder gemalt und auf große Stoffbahnen gedruckt werden.  Dabei gesteht der Bühnen- und Kostümbildner nur den Hauptfiguren dezente Farbakzente zu und setzt stattdessen bei allem Übrigen überwiegend auf eine Schwarz-Weiß-Optik, mit der er an die Ästhetik alter Stiche und  Fotoalben erinnert und so die Historizität des Stoffes und den dokumentarischen Charakter des Stückes betont.

Dass Mayerling dennoch äußerst modern wirkt und zahlreiche Vergleiche mit aktuellen Themen und Bezügen anbietet, liegt nicht nur an der fabelhaften Ausführung der Dekorationen, sondern auch und vor allem an den famosen Stuttgarter Tänzerinnen und Tänzern, die an diesem Premierenabend erneut eindrucksvoll zeigen, warum das Stuttgarter Ballett zu den besten Compagnien der Welt gezählt wird.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Chr.: Kenneth MacMillan - hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Chr.: Kenneth MacMillan – hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

An allererster Stelle ist hier Friedemann Vogel (Foto) zu nennen, der seinen Rudolf, dessen Rolle von der Kommunikationsdirektorin des Stuttgarter Ballett, Vivien Arnold, als „Mount Everest der Ballett-Literatur“ bezeichnet wird, von der ersten Bewegung im 1. Akt bis zu seinem Todesschuss im letzten Bild des 3. Aktes zu einem Ballettereignis allererster Güte macht. Dabei fällt es dem Beobachter schwer, die Details dieser Rolle und ihrer Umsetzung zu beschreiben und zu gewichten. Denn Friedemann Vogel ist in allen Szenen des Abends pausenlos auf der Bühne und hat dabei in ganz unterschiedlichen Szenen und Zusammenhängen die an Tragik nicht zu überbietende Entwicklung Rudolfs nachvollziehbar darzustellen, was allein schon eine Energieleistung ohne Beispiel ist. Wie das der erste Solist des Stuttgarter Ballett in den  insgesamt sieben Pas de deux Rudolfs mit dessen Mutter, seiner jungen Ehefrau, seiner letzten Geliebten Mary Vetsera und seinen beiden ehemaligen Geliebten sowie in mehreren Pas de cinq mit den ungarischen Separatisten und in den unzähligen diese umrahmenden Solis auf die Bühne bringt, verschlägt einem den Atem. Es ist höchste Tanzkunst und grenzt nicht selten an Akrobatik, wie er seine Tanzpartnerinnen über sich und an sich entlang windet, anzieht und wegstößt, hochstemmt und wieder zu Boden zieht, antreibt und dann wieder zum Innehalten animiert. Nicht minder atemberaubend ist Vogels  mimisch-gestische Präsenz, mit der er alle Empfindungen und inneren Vorgänge des Kronprinzen geradezu plastisch werden lässt und bis zur Betroffenheit erlebbar macht,  weshalb für diesen Ausnahmetänzer unbedingt der Begriff  „Tänzer-Darsteller“ eingeführt werden sollte.

Seine ihm in verschiedenen Rollen zur Seite gestellten Tanzpartnerinnen haben es, wie es bei einer mittelmäßigen Compagnie zu befürchten wäre, nicht schwer, mit ihm Schritt zu halten, sondern leisten mit ihren jeweiligen Auftritten einen ebenbürtigen Beitrag zu diesem Gipfel der Tanzkunst. Wegen der Bedeutung ihrer Rolle und deren höchst authentischer und glaubwürdiger Verkörperung sei Elisa Badenes als Baronesse Mary Vetsera als erste genannt. Ihr nimmt man nicht  nur ihre Leidenschaft in glücklichen Stunden, sondern auch die Bereitschaft ab, mit Rudolf in den Tod zu gehen. Äußerst genaue Rollenportraits liefern auch Alicia Amatriain als Marie Gräfin Larisch und Anna Osadcenko als Mizzi Casper, beides ehemalige Maitressen Rudolfs und ihm auf ganz unterschiedliche Weise noch immer verbandelt und zu Diensten. Miriam Kacerova gibt die Kaiserin Elisabeth als kühle, distanzierte, kaum liebesfähige Mutter, die ihrem Sohn in Sachen Ehebruch übrigens in nichts nachsteht, während man Diana Ionescu als Kronprinzessin Stephanie, Rudolfs junger Zwangsehefrau, deren Fremdheit, Zerbrechlichkeit und Ablehnung jederzeit ansieht und abnimmt.

Von den zahlreichen weiteren Tänzern des groß besetzten Abends seien hier beispielhaft Alexander Mc Gowan, Adrian Oldenburger, Marti Fernández Paixà und Flemming Puthenpurayil als wundervolles Quartett ungarischer Offiziere sowie Adhonay Soares da Silva als Rudolfs komisch-überdrehtes Faktotum Bratfisch  genannt.

Als Verbeugung des neuen Ballettdirektors Tamas Detrich vor den großen Leistungen früherer Verantwortlicher des Stuttgarter Balletts darf man die Geste werten, in den ersten fünf Vorstellungen von Mayerling mit Marcia Haydée als Erzherzogin Sophie, Georgette Tsingurides als deren Hofdame und Egon Madsen  als Kaiser Franz Joseph I. drei ehemalige Stuttgarter Stars an ihre frühere Wirkungsstätte zurückzuholen.

Sie reihen sich in den großen Szenen bescheiden in das Corps des Ballets ein, das durch einprägsame und beeindruckende Milieustudien besticht, wie etwa den Tanz der Kammerzofen, das Bachanale der Dirnen und ihrer Freier in der Wirthausszene des 2. Aktes oder durch die Ball-Episoden zu Beginn des 1. Aktes.

Stuttgarter Ballett / Mayerling - Chr.: Kenneth MacMillan - hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Mayerling – Chr.: Kenneth MacMillan – hier : Friedemann Vogel © Stuttgarter Ballett

Verlässlicher musikalischer Garant des tänzerischen Geschehens ist das Staatsorchester Stuttgart, das unter der Leitung des jungen russischen Gastdirigenten Mikhail Agrest seine große Erfahrung und Klasse auch als „Ballettorchester“ unter Beweis stellt. Es hält den ganzen Abend über die Balance zwischen dem gefühlsbetonten, lebensbejahenden, romantischen Ausdruck, den die von John Launchbery seinerzeit für MacMillan zusammengestellte Musik Franz Liszts erfordert und dem morbiden, dekadenten Flair, welches die Handlung des Balletts begleitet und unterstreicht.

So zeigen alle Mitwirkenden dieser jüngsten Stuttgarter Ballettproduktion, was MacMillans Choreografie auch 40 Jahre nach ihrer Uraufführung noch immer auszeichnet: Die Erweiterung des traditionellen drei-aktigen Handlungsballetts um einen neuen, fast wagemutigen Bewegungsstil und die Einführung einer bis dato unbekannten, semi-artistischen Form von Körperlichkeit, die heute eher dem zeitgenössischen als dem klassischen Tanz zugeordnet wird, kurz, das Vermächtnis eines „experimentierfreudigen Traditionalisten“. Vor dem Hintergrund der nationalistischen Verwerfungen in Europa und der Zunahme an korrupten, egoistischen, nur auf Machterhalt erpichten Selbstdarsteller in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erhält dieses scheinbar aus der Zeit gefallene Ballett eine große Aktualität und neue Deutungskraft.

Auch dafür spendete das Publikum im ausverkauften Stuttgarter Opernhaus frenetischen, minutenlangen Applaus; ja beim Erscheinen Jürgen Roses gab es stehende Ovationen.

Mayerling – Stuttgarter Ballett; weitere Vorstellungen 24., 25. 28. Mai, 1., 8. 9. Juni, 28. Juli 2019

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

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