Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Neujahrskonzert: Midnight in Vienna, 01.01.2020

Dezember 31, 2019 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Neujahrskonzert: Midnight in Vienna

Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert das Neujahrskonzert des Staatsorchesters Stuttgart am 1. Januar 2020 im Opernhaus; Beate Ritter (Sopran) singt den Frühlingsstimmen-Walzer von Johann Strauss (Sohn)

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert - Cornelius Meister © Marco Borggreve

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert – Cornelius Meister © Marco Borggreve

Willkommen 2020: Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert erstmals das festliche Neujahrskonzert des Staatsorchesters Stuttgart im Opernhaus am Mittwoch, 1. Januar 2020, um 17 Uhr mit Werken von Johann Strauss (Vater und Sohn) und Josef Strauss. Die aus Österreich stammende Sopranistin Beate Ritter, seit der vergangenen Spielzeit Mitglied des Solistenensembles der Staatsoper Stuttgart, wirkt als Solistin mit. In dieser Spielzeit sang sie an der Staatsoper Stuttgart Musetta (La Bohème) und wird als Norina (Don Pasquale), Olympia (Les Contes d?Hoffmann), Gilda (Rigoletto) und als Königin der Nacht (Die Zauberflöte) zu erleben sein.

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert - Beate Ritter © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert – Beate Ritter © Matthias Baus

Das Konzert ist bereits ausverkauft. Restkarten sind eventuell an der Abendkasse erhältlich.

Programm
Johann Strauss (Sohn): Ouvertüre zur Operette Die Fledermaus
Johann Strauss (Sohn): Im Krapfenwaldl Polka française op. 336
Johann Strauss (Sohn): Accelerationen Walzer op. 234
Josef Strauss: Moulinet-Polka Polka française op. 57
Johann Strauss (Sohn): Éljen a Magyár! Polka schnell op. 332
Johann Strauss (Sohn): Bauern-Polka Polka française op. 276
Josef Strauss: Die Libelle Polka Mazur op. 204
Johann Strauss (Sohn): Frühlingsstimmen Walzer für Sopran und Orchester op. 410
Johann Strauss (Sohn) und Josef Strauss: Pizzicato-Polka Polka française
Josef Strauss: Plappermäulchen Polka schnell op. 245

Musikalische Leitung Cornelius Meister
Sopran Beate Ritter
Staatsorchester Stuttgart

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.11.2018

November 27, 2018 by  
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Oper Stuttgart

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

Oper Stuttgart ©Matthias Baus

 Lohengrin  –  Richard Wagner

 „Wen sollen wir fragen, wem vertrauen?“ –   Die Lohengrin Inszenierung gibt viel zu sehen, viel zu hören – doch viel mehr Nachzudenkliches

Von Peter Schlang

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Die Eröffnungspremiere der aktuellen Saison der Staatsoper Stuttgart von Richard Wagners letzter von ihm so genannter romantischer Oper liegt zwar schon fast zwei Monate zurück; leider war es dem lokalen IOCO – Korrespondenten nicht möglich, den „neuen Lohengrin“ damals zu sehen und zu hören. Und so blieb ihm nichts anderes übrig, als die zweitletzte Vorstellung – nicht nur dieses ersten Aufführungs-Zyklus, sondern dieser gesamten Spielzeit – am 3. November zu besuchen. Mit Blick auf die gerade begonnene Intendanz Viktor Schoners und auf die nach wie vor ungeminderte Bedeutung einer Wagner-Inszenierung, nicht zuletzt an einem so traditionsreichen Haus wie der Staatsoper Stuttgart (Der jetzt sanierungsbedürftige Littmann-Bau war 1912 mit dem Lohengrin eingeweiht worden), erscheint es aber sinnvoll und gerechtfertigt, auch jetzt noch ein paar Bemerkungen zu dieser Produktion zu machen. Zudem waren in deren Leitungs-Team durchweg – zumindest für Stuttgart – Debütanten angetreten, deren zwei wichtigste sicherlich der ungarische Regisseur Árpád Schilling und der neue Stuttgarter Generalmusikdirektor Cornelius Meister sind.

Lohengrin  –  Richard Wagner
Youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart
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Der Regie des quasi im Exil lebenden Árpád Schilling merkt man an allen zentralen Stellen an, dass ihr Autor aus einem immer autoritärer regierten Land stammt und sich somit verständlicherweise intensiv mit sozialen und politischen Fragen wie denen nach der Freiheit, dem Ziel und der Zukunft von Gemeinschaften sowie den Chancen und Möglichkeiten von darin lebenden Individuen, nicht zuletzt im Bereich von Verantwortung und Führung, beschäftigt. So stellt er nicht nur die Frage nach der Herkunft Lohengrins und nach dem Verbot, diese zu erfragen, sondern frägt auch intensiv, wohin sich eine Gesellschaft entwickelt, was sie zusammenhält und warum und woran sie letzten Endes zerbricht.

Dabei zweifelt er unmissverständlich an der Macht und Problemlösungs-Fähigkeit einzelner Führer und rückt bereits den Glauben der Masse an deren angebliches Charisma und die Hoffnung auf Hilfe oder gar Rettung durch sie in das Reich der Utopie.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Martin Gantner als Friedrich von Telramund, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Martin Gantner als Friedrich von Telramund, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Dies wird gleich zu Beginn an dem frappierenden Einfall deutlich, Lohengrin nicht durch einen Schwan und damit von außen in die gebeutelte Gemeinschaft der Brabanter bringen zu lassen. Bei Schilling kommt der ersehnte Retter vielmehr aus dem Innern des zu Hoffnung verdammten Volkes, wobei es mehrerer Anläufe bedarf, bis sich ein „Freiwilliger“ finden lässt, der schließlich und endlich bereit ist, diese schwierige und undankbare Rolle zu übernehmen. Und im letzten, überaus starken Bild zieht Lohengrin folgerichtig über zwei Stunden später auch nicht mittels Schwan in das Reich der Gralsritter zurück, sondern kehrt in die anonyme Masse seiner Landsleute zurück, die umgehend nach einem neuen Hoffnungsträger Ausschau halten und den nächsten Kandidaten in die Manege schubsen! Dass durch diese zentrale Deutung und Botschaft des Regisseurs manche gesungene und durch die projizierten Übertitel klar ins Bewusstsein der Opernbesucher drängenden Originalzitate – vor allem in der Schlussszene – unglaubwürdig und fast gar ins Lächerliche gezogen werden, erscheint dem Verfasser dieser Gedanken weit weniger verurteilenswert, als dies mehrere Rezensenten der Premiere fanden. Ja, der Erkenntniswert und die dramaturgische Wirkung dieser Regie-Einfälle rechtfertigen dieses Abweichen von der ja im Übrigen hier oft und stark (über-) strapazierten Vorlage Wagners durchaus.

Lohengrin  – HIER:  Interview mit Cornelius Meister
Youtube Trailer der Staatsoper Stuttgart
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Musikalisch bewegt sich die erste Stuttgarter Opernproduktion unter der Gesamt-Verantwortung Viktor Schoners auf sehr hohem Niveau. Cornelius Meister zaubert an diesem Abend vom ersten Takt der Ouvertüre an und lässt diese in jener luziden und flirrenden Aura strahlen, wie sie für Wagner und speziell für dessen Lohengrin als idealtypisch angesehen wird. Besonders hervorzuheben sind hierbei die wunderbaren, dunkel grundierten tiefen Streicher, allen voran die Kontrabässe, aber auch die vorzüglichen Blechbläser, bei denen wiederum den Hörnern die Krone gebührt. Dies soll aber in keiner Weise die Leistung der übrigen Orchestergruppen abwerten, von denen etwa die Holzbläser im zweiten Akt oder die Königs- und Reitertrompeten ganz besonders glänzen.

Als Kollektiv begeistert das Orchester aber nicht nur in den Vorspielen und anderen instrumentalen Passagen, sondern ist auch den Sängerinnen und Sängern ein aufmerksamer und verlässlicher Begleiter, der Solisten wie Chor wie selbstverständlich trägt und das Gesungene fast ständig durchhörbar und gleichberechtigt erscheinen lässt, ohne die Dynamik und Phrasierung zu vernachlässigen. Der Staatsopernchor überzeugt dabei auch unter seinem neuen Leiter Manuel Pujoll ohne jeden Abstrich und wird – egal in welcher Rolle und Besetzung – auch an diesem Abend stimmlich wie darstellerisch jeder Herausforderung gerecht. Ja, die Choristen sind wieder so überzeugend und zelebrieren allerfeinste Gesangskunst, als wollten sie beweisen, dass der ihnen gerade erneut zugesprochene Titel „Opernchor des Jahres“ wirklich nur diesem phänomenalen Gesangskollektiv gebührt.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Michael König als Lohengrin, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Michael König als Lohengrin, Simone Schneider als Elsa von Brabant, Staatsopernchor © Matthias Baus

Aber auch die Solisten, dieselben wie in der Premiere und bis auf drei Ausnahmen hauseigene Kräfte, überzeugen bis auf allerkleinste, höchstens punktuelle und damit zu vernachlässigende Trübungen und runden so das Bild einer homogenen, geschlossenen musikalischen Höchstleistung ab.

Dies gilt zu allererst für Michael König in der Titelrolle des Lohengrin, der sich seine anspruchsvolle, kräftezehrende Partie klug einteilt und nicht nur die Gralserzählung klangschön und mit betörendem Glanz meistert, sondern auch in den ruhigeren, nach innen gewandten Passagen keine Schwächen erkennen lässt.

Simone Schneider als Elsa ist ihm nicht nur in den Paarszenen eine ebenbürtige Partnerin, sondern überzeugt auch und gerade in ihren solitären Auftritten. Mit ihrem wandelbaren, jederzeit fein geführten Sopran, ihrer subtilen Dynamik und ihrer großartigen stimmlichen wie darstellerischen Gestaltungskraft gelingt ihr ein mitreißendes Rollendebut.

Ihre Gegenspielerin, die unaufhaltsam intrigierende Ortrud, wird von der Bayreuth-erfahrenen Okka von der Damerau mit jener Mischung aus Dämonie, Boshaftigkeit und Verführungskraft auf die Bühne gewuchtet, die nicht nur ihrem Mann Telramund keine Chance zur persönlichen Entfaltung lässt, sondern auch die Zuschauer das Fürchten lehrt. Dabei setzt sie ihre bewundernswerten stimmlichen Fähigkeiten ohne jede Rücksicht ein und gestaltet ihre Einsätze zu regelrechten Feuerwerken mit eingebauten Vulkan-Ausbrüchen.

Martin Gantner als Telramund steht seiner (Ver-)Führerin weder stimmlich noch darstellerisch nach und zeichnet mit absoluter stimmlicher Genauigkeit und höchster mimischer Überzeugungskraft ein phänomenales, ja stellenweise geradezu erschütterndes Bild eines willenlosen, fremd-bestimmten Menschen.

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin - hier : Simone Schneider als Elsa von Brabant, Goran Juric als Heinrich der Vogler, Okka von der Damerau als Ortrud, Staatsopernchor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Lohengrin – hier : Simone Schneider als Elsa von Brabant, Goran Juric als Heinrich der Vogler, Okka von der Damerau als Ortrud, Staatsopernchor © Matthias Baus

Gegen solch wirklich betörenden, mit allen Wassern gewaschenen musikalischen Überzeugungstäter haben es Goran Juric als König Heinrich und Shigeo Ishino als sein Heerrufer allein rollenbedingt nicht leicht. Sie versuchen jedoch, das Beste aus dieser Situation zu machen und fügen sich letztendlich ohne große Abstriche in eine Sängerriege ein, wegen der es sich wirklich nicht lohnt, nach Bayreuth oder zu einem der anderen großen deutsche Opernhäuser in Berlin, Hamburg oder München zu reisen.

Am Ende dieser aufrüttelnden Produktion und nach manch beantworteten Fragen bleibt eine letzte große Frage im Raum, nämlich die, wem wir glauben und vertrauen sollen. Im Zusammenhang mit dieser Frage und vor der Folie des überall in Europa zu spürenden neuen Nationalismus und einer überwunden geglaubten Autoritätsgläubigkeit, ja Führerverehrung, kommt dem neuen Stuttgarter Lohengrin eine beklemmende Aktualität zu, die durch die starke Personenführung und die nachdenklich machenden Chorszenen noch an Eindrücklichkeit und Intensität gewinnt. So kann man den Opern- und Wagner-Fans, welche keine dieser ersten sieben Aufführungen besuchen konnten, nur raten, sich in Geduld zu üben und sich rechtzeitig um Karten für die Aufführungen in der nächsten Spielzeit zu kümmern.

Lohengrin an der Staatsoper Stuttgart: Keine weiteren Vorstellungen in der Spielzeit 2018/19

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Oper Stuttgart, Der Freischütz – Carl Maria von Weber, 02.05.2018

April 20, 2018 by  
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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

 Der Freischütz – Carl Maria von Weber

Ab 2.5.2018  –  In der Kultinszenierung von Achim Freyer

Am Mittwoch, 02. Mai 2018, kehrt Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz in der Kultinszenierung von Achim Freyer auf die Stuttgarter Opernbühne zurück. Die Musikalische Leitung liegt in den Händen von Daniele Rustioni, der bereits mit Verdis Falstaff und Nabucco das Stuttgarter Publikum begeisterte.

Bei der Wiederaufnahme debütieren die Ensemblemitglieder Mandy Fredrich als Agathe und Daniel Kluge als Max. Lauryna Bendžiunaite, ebenfalls aus dem Stuttgarter Solistenensemble, ist als Ännchen zu erleben. Simon Bailey ist in der Partie des Kaspar erneut zu Gast an der Oper Stuttgart.

Um die Hand seiner geliebten Agathe zu gewinnen, muss der Jägerbursche Max einen Volltreffer landen. Aus Angst, zu versagen, lässt er sich in der Wolfsschlucht mit „finsteren Mächten“ auf einen Pakt ein: Sechs todsichere „Freikugeln“ für ihn, mit der siebten darf der Teufel ein beliebiges Menschenopfer dahinraffen.

Carl Maria von Webers 1821 uraufgeführter Freischütz ist der Inbegriff der deutschen romantischen Oper. Niemand zuvor hat den Einbruch des Übersinnlichen und Unheimlichen so suggestiv Klang werden lassen. Weber konfrontiert die Anmut seiner Frauengestalten mit der selbstquälerischen Unbehaustheit der schwarzen Romantik und den Phantomen einer geschlossenen Gesellschaft.

 

—| Pressemeldung Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Oper Stuttgart, Hänsel und Gretel – Kirill Serebrennikov, IOCO Kritik, 26.10.2017

Oktober 27, 2017 by  
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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

 Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck

Ein  Märchen von Not und Hoffnung – In ungewöhnlicher, fragmentarischer Inszenierung an der Oper Stuttgart

Von Peter Schlang

Völlig anders als ursprünglich und  seit gut zwei Jahren geplant, verlief am Sonntag, 22. Oktober 2017 die erste Premiere der Staatsoper Stuttgart dieser Spielzeit, Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel: Statt des geschlossenen Bühnen-vorhangs, hinter dem man eine opulent ausgestattete und passend beleuchtete Bühne mit entsprechend kostümierten Sänger-Darstellern vermuten darf, fanden die Zuschauer beim Betreten des Saals die bis zur Brandmauer geöffnete, kahle und in Schwarz gehaltene Bühne vor, auf deren hinterem Teil das ebenfalls in schwarz gekleidete Staatsorchester Stuttgart beim Stimmen zu sehen und zu hören war; davor einige Bürostühle und ganz  wenig entfernt an Requisiten erinnerndes Material.

Stuttgarts Premiere von Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel gerät zur eindrucksvollen Demonstration gegen die Einschränkung künstlerischer Freiheiten und der Missachtung von Menschenrechten

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel - hier Ensemble, Kinderchor, Staatsorchester, auf dem Bildschirm Kirill Serebrennikov © Thomas Aurin

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel – hier Ensemble, Kinderchor, Staatsorchester, auf dem Bildschirm Kirill Serebrennikov © Thomas Aurin

Dafür, dass diese nüchterne Situation für den allergrößten Teil des Stuttgarter Premierenpublikums  keine Überraschung und auch kein Schock war, hatte nicht nur das auffallend anders als gewohnt gestaltete Programmheft gesorgt, sondern auch die gesamte akribische und umfassende Öffentlichkeitsarbeit der Staatsoper der letzten Wochen einen beachtenswerten Beitrag geleistet. So hielten die Verantwortlichen seit der ersten Verhaftung des nicht erst seit  dieser geplanten Neuproduktion eng mit  der Stuttgarter Oper verbundenen und als Regisseur verpflichteten russischen Film- und Theatermannes Kirill Serebrennikov am  22. August die Öffentlichkeit über dessen Schicksal auf dem Laufenden. Zunächst hegte man die Hoffnung, dass der Achtundvierzigjährige doch noch seine Regiearbeit in Stuttgart würde weiterführen und bis zum Premierenabend abschließen können. Zusammen mit kulturellen und politischen Instanzen versuchte man alles, um doch noch die Freilassung des nicht nur in Deutschland  hoch geschätzten Regisseurs zu erreichen und seine Ausreise zur finalen Umsetzung seines Regiekonzepts zu ermöglichen. Als dann Mitte letzter Woche bekannt wurde, dass der Hausarrest Serebrennikovs bis mindestens Mitte Januar verlängert und so seine Isolation fortgesetzt würde, änderte die Opernleitung ihre Informationsarbeit wie ihre Planung. Innerhalb der ersten vertiefte man seit Donnerstag letzter Woche nicht nur nochmals die so schon intensive Berichterstattung über die Vorgehensweise der russischen Behörden gegen den hoch gelobten Regisseur und verschärfte auch den Ton der Kommentare und Forderungen, sondern setzte auch, und das noch am Tag der sonntäglichen Premiere, auf eine verstärkte Menschenrechtsarbeit, etwa  in Form von Diskussionen und Dokumentationen.

So kam man im Haus am Eckensee  lobens- und dankenswerterweise offenbar nie auf die Idee, die sonntägliche Premiere einfach ausfallen zu lassen und auf irgendeinen, vermutlich nicht selbst zu bestimmenden Tag in einer womöglich fernen Zukunft zu verschieben oder die von Kirill Serebrennikov begonnene Inszenierung von einem anderen Regisseur fortführen zu lassen. Vielmehr entschloss man sich in einem offenen, gleichberechtigt geführten Diskurs, dem beabsichtigten Druck eines autokratischen Regimes, das sich sowohl von der Gewaltenteilung wie vom Respekt vor den Menschenrechten verabschiedet zu haben scheint, nicht stattzugeben, sondern mit den Mitteln des Theaters und der Musik gegen diese Form der Freiheitsberaubung und der Beschneidung der Freiheit der Künste zu protestieren.

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel - hier Daniel Kluge als Knusperhexe © Thomas Aurin[

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel – hier Daniel Kluge als Knusperhexe © Thomas Aurin[

Zentraler Kern dabei ist nicht nur die eingangs geschilderte quasi konzertante Aufführung der Oper, bei der nur wenige und sehr dezent ausgefallene, eher der weiteren Verfremdung dienende szenische Mittel zum Einsatz kommen, sondern ein von Serebrennikov im letzten Jahr gedrehter und im April fertig gewordener Film mit einer zeit- und ortsgemäßen Adaption des Märchen- bzw. Opernstoffes.

In diesem im ostafrikanischen Ruanda mit einheimischen Darstellern produzierten „stummen Spielfilm“, der jedoch auch dokumentarische Elemente aufweist, wird die Handlung in eine Weltregion verlagert, in der die Armut, deren Auswirkungen und Bewältigung ja das zentrale Thema sowohl des Grimm‘schen Märchens als auch von Humperdincks „Märchenoper“ bildet, noch immer als elementar, ja existenzbestimmend und oft genug auch als existenzvernichtend erlebt wird.

Dieser sehr kunst- wie liebevoll und durch den Blick für feine Details gekennzeichnete Streifen läuft nun statt der normalen Opernhandlung bzw. ohne  deren Deutung durch Kirill Serebrennikov auf der Stuttgarter Opernbühne.

Er wird sehr einfühlsam wie energiegeladen begleitet und kommentiert von Humperdincks Musik. Diese wurde  vom Staatsorchester Stuttgart unter der souveränen Leitung des Kieler Generalmusikdirektors Georg Fritsch kräftig zupackend wie romantisch-expressiv interpretiert.

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel - hier Esther Dierkes als Gretel, Georg Fritsch im Hintergrund © Thomas Aurin

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel – hier Esther Dierkes als Gretel, Georg Fritsch im Hintergrund © Thomas Aurin

Die sechs Gesangssolisten Michael Ebbecke als Vater, Irmgard Vilsmeier als „sein Weib“ Gertrud, Diana Haller als Hänsel, Esther Dierkes als Gretel,  Daniel Kluge als Knusperhexe sowie  Aoife Gibney als Sand- und Taumännchen  holen aus der konzertanten, im weiteren Verlauf  sich ins „Leicht-Szenische“ entwickelnden Aufführung und angesichts der höchst  emotionalen Situation das gesanglich Mögliche  heraus und liefern einen ambitionierten Beitrag zu einer den Verhältnissen angemessenen, würdigen musikalischen Deutung.

Allerdings führten nicht nur die fehlende „normale Opernatmosphäre“ dazu, dass  nicht nur für den Rezensenten, sondern offenbar auch für den großen Teil des Publikums  die theatralische und musikalische Dimension dieses besonderen Premierenabends stark in den Hintergrund traten,  ja zur Nebensache wurde, deren qualitative Beurteilung sich einer seriösen Berichterstattung entziehen sollte.

Zu offensichtlich stand das jederzeit präsente Thema der Würde und Freiheit des Menschen im Vordergrund, nicht nur durch die vielen Hinweise des Filmes auf die Beschränkungen des Lebens durch Armut, sondern auch durch die zahlreichen Konnotationen zum Völkermord in Ruanda, der dort vor 23 Jahren  für eine schon apokalyptische Dimension an Verstößen gegen die Menschenwürde und Menschenrechte gesorgt hatte.

Auch die kollektive Regie des Abends durch alle Mitwirkenden, die im Programmheft durch einen Verzicht auf die Benennung des Regisseurs ihren beredten Ausdruck fand, setzte frappierende wie einfache Mittel ein, um stillen wie expliziten Protest gegen die Verhinderung von Kunstausübung und gegen die Beschränkung der Freiheit auszudrücken. So drehten die Sängerdarsteller etwa über weite Passagen des Films dem Publikum den Rücken zu und präsentierten sich so ebenfalls als Zuschauer oder schlüpften an zwei entscheidenden Stellen der Handlung in die verfremdende Rolle von Märchenerzählern, indem sie auf die durch die Verhaftung des Regisseurs notwendig gewordenen Veränderungen und Einschnitte sowie sichtbaren historischen Parallelen hinwiesen. Auch die von einzelnen Mitwirkenden und weiteren Mitgliedern des Hauses getragenen T-Shirts mit dem Bild des weggesperrten Regisseurs und der Unterschrift „Free Kirill“ bezogen eine eindeutige politische Position, die glaubwürdiger und konsequenter Theaterarbeit unbestritten zusteht, ja zu deren wesentlichen Aufgaben gehört.

So wurde an diesem denkwürdigen Stuttgarter Opernabend weniger das Märchen von Hänsel und Gretel erzählt, sondern eher ganz neu interpretiert, vor allem aber die Geschichte einer verhinderten, zumindest aber stark behinderten Opernproduktion illustriert. Damit erfuhr zum einen der Widerstand gegen Unterdrückung und Freiheitsbeschränkung eine bisher zumindest in einer Demokratie eher weniger bekannte oder selten gezeigte Dimension, zum anderen gewann der von ihrem vorgesehenen Regisseur Kirill Serebrennikov seiner  Stuttgarter Produktion mitgegebene Titel „Ein Märchen von Hoffnung und Not“ eine  zusätzliche Bedeutung, frei nach Hölderlins Hoffnung und Erkenntnis: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel_ hier Standbild Film_ in diesem Film mit Ariane Gatesi als Gretel und David Niyomugabo als Hänsel © Thomas Aurin

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel_ hier Standbild Film_ in diesem Film mit Ariane Gatesi als Gretel und David Niyomugabo als Hänsel © Thomas Aurin

Nach der aufmerksamen Beobachtung des  Berichtenden brachte die überwiegende Mehrheit der Zuschauerinnen und Zuschauer  für den von der Stuttgarter Oper eingeschlagenen Weg größtes Verständnis auf, so subtil wie entschieden gegen eine solche Bevormundung und Einschränkung menschlicher wie künstlerischer Freiheiten zu protestieren. Dafür gebührt der Opernleitung und allen Mitentscheidern wie Mitwirkenden höchster Respekt,  große Anerkennung und aufrichtiger Dank.

Zum Schluss bleibt die, wenn auch angesichts der politischen Verhältnisse in Russland vage Hoffnung, dass die im Depot der Stuttgarter Oper gelagerten Bühnenbilder und Kostüme zur neuen Hänsel und Gretel -Produktion, welche vom  für deren Gestaltung zuständigen Regisseur bereits fertiggestellt wurden, nicht allzu lange werden dort lagern müssen. Nicht nur im Interesse des aufmerksamen und empathisch mitgehenden Premierenpublikums wäre es wünschenswert und aufschlussreich, wenn Kirill Serebrennikov seine Regierarbeit bald würde beenden können und so seine beeindruckende  filmische Arbeit mit dem szenischen Geschehen auf der Stuttgarter Opernbühne zusammenkäme.

Hänsel und Gretel an der Oper Stuttgart: Weitere Vorstellungen am 26. 10., 04.11., 02.12., 13.12., 16.12., 26.12.2017,  07.01. und 14.01.2018

 

 

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