Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Oper trotz Corona – aber in Kurzarbeit, Juli 2020

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

„Oper trotz Corona“ – doch in Kurzarbeit

Administration, Ensemble, Staatsopernchor und Staatsorchester sind ab sofort nach Möglichkeit in Kurzarbeit. Alle verbleibenden Termine des laufenden Oper trotz Corona Programms finden wie geplant statt. Die Platzkapazitäten für den Beethoven-Zyklus werden erhöht.

Das Programm für die erste Hälfte der Saison 2020/21 wird bei der Pressekonferenz am 22. Juli vorgestellt. Im Zeitraum September bis Dezember 2020 wird es durch Kurzarbeit wie durch die pandemiebedingten Einschränkungen zu Änderungen in der gewohnten Spielplanstruktur kommen

Im Gegensatz zu vielen großen Theaterbetrieben in Deutschland und auch den kommunalen Theatern im Land, die vielfach bereits seit Ausbruch der Corona-Pandemie Kurzarbeit angemeldet haben, stand den Staatstheatern dieses Instrument bislang nicht zur Verfügung. Nachdem das Land Baden-Württemberg mit den zuständigen Gewerkschaften für die an den Staatstheatern Beschäftigten Tarifabschlüsse zur Kurzarbeit verhandelt hat, besteht ab sofort die rechtliche Grundlage, in allen Arbeitsbereichen der Staatstheater Kurzarbeit einzuführen. Auch die Staatsoper Stuttgart mit ihrer Administration, dem Sängerensemble, dem Staatsopernchor und dem Staatsorchester Stuttgart machen von diesem neuen Instrument Gebrauch: Das Solistenensemble und der Staatsopernchor werden zu großen Teilen noch diese Woche im Rahmen der Tarifverträge voll in Kurzarbeit gehen oder sind dies bereits. Beim Staatsorchester sowie bei der Administration der Staatsoper wird das Instrument der Kurzarbeit ebenfalls nach Möglichkeit angewendet.

Trotzdem finden alle übrigen Vorstellungen des laufenden Oper trotz Corona Programms (siehe Trailer unten) statt, das jedoch im Gegensatz zum üblichen Repertoirebetrieb deutlich eingeschränkt ist. Für die verbleibenden Aufführungen der Beethoven-Sinfonien in der Liederhalle konnten zusätzlich die Platzkapazitäten erhöht werden: Ab sofort sind zu den Plätzen im Parkett des Beethovensaals auch Sitze auf der Empore erhältlich. Damit sind nun wieder Karten für die seit Wochen ausverkauften Aufführungen erhältlich. Ebenfalls werden das „Bühnenfreifestspiel mit dem Staatsopernchor“ Demo(kratie), die Soundinstallation Ceci n’est pas une première, die Gläserne Opernwerkstatt, die Filmpreview Quälend süße Einsamkeit und die Liedkonzerte im Mozartsaal wie geplant stattfinden. Auch die Sommerkonzerte im Park der Villa Reitzenstein zum Saisonabschluss am 25. Juli werden zur Aufführung kommen.

OpertrotzCorona – Oper für Oma – und mehr
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
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Intendant Viktor Schoner: „Eine Mehrheit der Mitarbeiter*innen der Staatsoper sind seit Abschluss der entsprechenden Tarifverträge in Kurzarbeit. Nach Abstimmung mit unserem Träger, dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, sowie der Geschäftsführung der Württembergischen Staatstheater sind wir übereingekommen, den Spielplan der kommenden Woche dennoch zu realisieren. Den überwältigenden Erfolg und den immensen Zuspruch unseres Publikums der vergangenen Monate sehen wir als Verpflichtung, alle noch anstehenden Programmpunkte bis 26. Juli 2020 umzusetzen. Als wirtschaftlich und künstlerisch Verantwortlicher für die Sparte Oper halte ich es für richtig und wichtig, die durch Corona entstandene budgetäre Schieflage konstruktiv anzugehen und das Instrument der Kurzarbeit nach Möglichkeit anzuwenden. Gleichzeitig ist es mir ein großes Anliegen, mit Fantasie und Spielfreude für unser Publikum da zu sein – gerade in diesen unsicheren Zeiten.“

Generalmusikdirektor Cornelius Meister: „Ich bin erleichtert, dass in zahlreichen Gesprächen ein Vorstellungsausfall abgewendet werden konnte. Nach den letzten vier Monaten, in denen die Mitglieder des Staatsorchesters Stuttgart viele hundert Aufführungen musiziert haben, wäre es eine Katastrophe, wenn wir künftig nicht nur durch ein Virus eingeschränkt wären, sondern uns auch zusätzliche Hürden am Musizieren hinderten. Denn das Publikum wird es im Herbst schmerzlich zu spüren bekommen, wenn wir dazu gezwungen wären, Aufführungen nicht zu spielen, obwohl wir dazu in der Lage wären. Weniger Kultur anzubieten, als möglich wäre, wird hoffentlich in niemandes Interesse sein.“

Das Programm für die erste Hälfte der Saison 2020/21 wird bei der Pressekonferenz am 22. Juli vorgestellt. Im Zeitraum September bis Dezember wird es durch Kurzarbeit wie durch die pandemiebedingten Einschränkungen zu Änderungen in der gewohnten Spielplanstruktur kommen.

Die Einführung von Kurzarbeit an den Staatstheatern Stuttgart ist eine Folge der Corona-Krise. Durch die Absage des regulären Spielbetriebs ab dem 13. März 2020 und der aufgrund der Hygiene-Vorgaben drastisch reduzierten Zuschauerkapazität im Ersatzspielplan sind deutliche Einbußen bei den Einnahmen entstanden. Allein im Opernhaus mit 1400 Plätzen sind 66 Opernvorstellungen und Konzerte entfallen. Um die finanziellen Folgen der Corona-Pandemie aufzufangen, haben die Staatstheater nun bei der Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeit angemeldet und diese sofort für alle Bereiche des Hauses eingeführt.

Nachdem die Tarifgemeinschaft deutscher Länder im Mai den einzelnen Ländern den Abschluss von landesbezirklichen Tarifverträgen ermöglicht hat, hat sich das Land mit ver.di und dem dbb im Juni auf einen Tarifvertrag zur Kurzarbeit für die Beschäftigten des Landes an den baden-württembergischen Staatstheatern (TV-Kurzarbeit Staatstheater BW) geeinigt, der am 1. Juli in Kraft getreten ist. Auch mit den Künstlergewerkschaften konnte man sich unter der Verhandlungsführung des Deutschen Bühnenvereins auf entsprechende Tarifverträge für die künstlerisch Beschäftigten verständigen, die rückwirkend zum 1. Juli gelten sollen. Das Land wurde in der Verhandlungsführung vom Geschäftsführenden Intendanten der Württembergischen Staatstheater Marc-Oliver Hendriks und dem Kaufmännischen Direktor des Badischen Staatstheaters unterstützt. Damit wurde die Grundlage für ein wichtiges Instrument gelegt, um abhängig von den weiteren Entwicklungen auf Herausforderungen in der Corona-Pandemie flexibel reagieren zu können.


Der Spielplan der kommenden Wochen:


Do       16.07.20           13:00 – 17:30 Uhr
GLÄSERNE WERKSTATT
Opernvorplatz

17:00 Uhr
DEMO(KRATIE)
Ein Bühnenfreifestspiel mit dem Staatsopernchor
Beginn: Schillerplatz
21:00 – 22:00 Uhr
CECI N’EST PAS UNE PREMIÈRE
Klanginstallationen an der Fassade des Opernhauses
Opernvorplatz


Fr         17.07.20           21:00 – 22:00 Uhr
CECI N’EST PAS UNE PREMIÈRE
Klanginstallationen an der Fassade des Opernhauses
Opernvorplatz


Sa        18.07.20           19:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 7. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich

21:00 – 22:00 Uhr
CECI N’EST PAS UNE PREMIÈRE
Klanginstallationen an der Fassade des Opernhauses
Opernvorplatz


So        19.07.20           11:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 6. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich

13:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 6. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich

18:00 Uhr
PREVIEW: QUÄLEND SÜßE EINSAMKEIT
– SECHS MUSIKFILME ÜBER GEFÜHLE IM AUSNAHMEZUSTAND
Opernhaus

19:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 7. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich


Mo       20.07.20           19:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 5. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich

21:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 5. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich


Di         21.07.20           19:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 5. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich

21:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 5. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich


Mi        22.07.20           19:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 6. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich

 21:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 6. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich


Fr         24.07.20           19:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 8. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich

21:00 Uhr
BEETHOVEN-ZYKLUS: 8. SINFONIE
Beethovensaal
Karten wieder erhältlich


Sa        25.07.20           12:00 Uhr
1. SOMMERKONZERT IM PARK:
TYPICAL BRASS
Mit Blechbläsern des Staatsorchesters Stuttgart
Park der Villa Reitzenstein

14:30 Uhr
2. SOMMERKONZERT IM PARK:
SITZKISSENKONZERT: DAS LAMM, DAS ZUM ESSEN KAM
Für Kinder ab 3 Jahren und ihre Familien
Park der Villa Reitzenstein

16:30 Uhr
3. SOMMERKONZERT IM PARK:
ES GRÜNT SO GRÜN…
Mit Esther Dierkes (Sopran), Björn Bürger (Bariton) und Götz Payer (Klavier)
Park der Villa Reitzenstein

19:30 Uhr
LIEDKONZERT: MUSIK NACH HEINRICH HEINE
Mit Stine Marie Fischer (Alt), Virginie Déjos (Klavier) und Musiker*innen des Staatsorchesters Stuttgart
Mozartsaal


So        26.07.20           19:30 Uhr
LIEDKONZERT: MEHR ALS EIN HALBES LEBEN
Mit Helene Schneiderman (Mezzosopran) und Götz Payer (Klavier)
Mozartsaal


 

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Konzerte trotz Corona ab 13.06.2020

Juni 2, 2020 by  
Filed under Konzert, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Konzerte trotz Corona

Das Staatsorchester Stuttgart und das Sängerensemble der Staatsoper Stuttgart sind mit verschiedenen Konzertformaten in der Liederhalle zu Gast – mit Abstand und dennoch ganz nah am Publikum

Mit ungewöhnlichen Programmen und in völlig neuen Raumkonstellationen treten die Musiker*innen des Staatsorchesters Stuttgart sowie die Sänger*innen des Solistenensembles der Staatsoper Stuttgart nach fast drei Monaten endlich wieder vor ihr Publikum: Im Beethoven- sowie im Mozartsaal der Liederhalle gibt es ab 6. Juni wieder Sinfonie-, Kammer- und Liedkonzerte sowie Programme für junges Publikum. Rund 30 Konzerte mit einer maximalen Spieldauer von 60 Minuten wurden innerhalb der vergangenen Wochen kurzfristig entwickelt. Die Zuschaueranzahl richtet sich nach Maßgabe des in Entstehung befindlichen Hygienekonzepts des jeweiligen Veranstaltungsorts, natürlich werden dabei alle derzeit geltenden Abstands- und Hygieneregeln eingehalten.

Cornelius Meisters Beethoven-Zyklus

Im Beethovensaal steht ab 13. Juni ein Zyklus der „corona-kompatiblen“ Beethoven-Sinfonien 1-8 auf dem Programm – alle rein orchestralen Werke ohne Vokalsoli und Chor. Alle Sinfonien werden in der originalen Orchesterfassung aufgeführt. Der Fokus jedes Konzerts liegt auf einer Sinfonie, jeweils moderiert vom Dirigenten: Generalmusikdirektor Cornelius Meister steht bei allen Aufführungen am Pult des Staatsorchesters Stuttgart. Nach einer kurzen Einführung in das jeweilige Werk erklingt die Sinfonie als Ganzes.

Bei allen Aufführungen wird das Staatsorchester nicht wie sonst üblich auf der Bühne des Beethovensaals sitzen, sondern im Parkett – halbkreisförmig umringt vom Publikum, das zwar im vorgegebenen Sicherheitsabstand zueinander und zum Orchester sitzen wird, dennoch sehr viel näher an den Musiker*innen als sonst bei Sinfoniekonzerten möglich. Ein ganz besonderes Musikerlebnis für nur wenige Zuhörer*innen!

Cornelius Meister über den Zyklus: „Viel zu sehr haben wir uns in den letzten Jahrzehnten daran gewöhnt, dass ein Orchester immer auf einer Bühne und vor möglichst vielen Zuhörern spielt. Mit unserem Konzept, das Publikum auf gleicher Ebene wie das Orchester zu setzen – nahe dran, aber trotzdem auf Abstand –, kehren wir zurück zu einer ganz unmittelbaren Form der Aufführung, wie sie früher selbstverständlich war. So feiern wir das Beethovenjahr auf spezielle Weise.“

Konzerte für Familien: Peter und der Wolf und Ene, mene, Quarantäne

Ebenfalls im Beethoven-Saal steht Sergej Prokofjews Klassiker Peter und der Wolf auf dem Programm – als Konzert für die ganze Familie unter der musikalischen Leitung von Cornelius Meister. Die Instrumentalist*innen des Staatsorchesters werden die einzelnen Figuren und die Handlung dieser Geschichte mit ihren Instrumenten schildern. Als Moderator und Erzähler tritt Guido Hammesfahr auf, den wohl alle Kinder als „Fritz Fuchs“ aus der Fernsehsendung Löwenzahn kennen und lieben. Die Aufführung wird empfohlen für Kinder ab 4 Jahren und ihre Familien.

Bei Ene, mene, Quarantäne handelt es ich um eine vergnügliche Aufführung nicht nur für Kinder ab 6 Jahren, sondern für die ganze Familie. Sie wurde in den letzten Wochen konzipiert von den Ensemblemitgliedern Esther Dierkes und Björn Bürger, die sich in diesen Zeiten als Ehepaar auch auf der Bühne nahe sein können.

Cornelius Meister über die Familienkonzerte: „Ich freue mich so sehr auf die leuchtenden Augen der kleinen und großen Besucher, von denen die meisten nach vielen Wochen zum ersten Mal wieder Sänger und ein Orchester hören werden. Alle sind eingeladen, sich verzaubern zu lassen. Familien dürfen selbstverständlich zusammensitzen.“

Kammerkonzerte

In wechselnden Besetzungen vom Duo bis zum Streichsextett treten die Musiker*innen des Staatsorchesters Stuttgart ab 7. Juni auf der knapp 18 Meter breiten Bühne im Mozartsaal der Liederhalle auf. Mit eigens zusammengestellten Programmen spielen die Instrumentalist*innen dann wieder für ihr Publikum – wenngleich auch für weniger Menschen als sie es ansonsten gewöhnt sind.

Gespielt werden Höhepunkte der Kammermusikliteratur wie Schuberts Streichquartette Rosamunde und Der Tod und das Mädchen oder Tschaikowskis Streichsextett Souvenir de Florence, aber auch selten zu Hörendes von Astor Piazzolla, Francis Poulenc, André Jolivet sowie allerneueste Kompositionen von Régis Campo oder Nicky Sohn.

Liedkonzerte

In den Liedkonzerten, die wie gewohnt in Zusammenarbeit mit der Hugo-Wolf-Akademie veranstaltet werden, präsentieren sich Ensemblemitglieder und Pianist*innen der Staatsoper Stuttgart sowie einige Gäste.

Lied- und Kammerkonzerte sind als Festival konzipiert, das zahlreiche Bezüge zwischen den Werken, den Besetzungen und den Epochen herstellt.

Cornelius Meister: „Seit jeher liegen mir die Kammermusik und die Liedliteratur besonders am Herzen. Ich bin außerordentlich glücklich, dass sich nun die Gelegenheit eröffnet, dieses Repertoire in viel größerem Maße zu pflegen, als wir es noch vor drei Monaten gedacht hätten.“

Termine

Beethoven-Zyklus
Sinfonie Nr. 1 C-Dur op. 21: Sa 13.06.
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36: So 28.06./So 05.07.
Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 Eroica: Sa 04.07./So 05.07.
Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60: Mi 08.07.
Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67: Fr 10.07./Sa 12.07.
Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 Pastorale: Sa 19.07./Mi 22.07.
Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92: Sa 18.07./So 19.07.
Sinfonie Nr. 8 F-Dur op. 93: Fr 24.07.
Beethovensaal der Liederhalle
Familienkonzerte
Ene, mene, Quarantäne: Sa 06.06.
Mozartsaal der Liederhalle
Peter und der Wolf: So 14.06./So 21.06.
Beethovensaal der Liederhalle

Kammermusik- und Liedkonzert-Festival
im Mozartsaal der Liederhalle

Alle Termine im Mozartsaal beginnen um 19.30 Uhr.

Zoltán Kodály: Duo für Violine und Violoncello op. 7
Dmitri Schostakowitsch: Trio Nr. 1 c-Moll op. 8
Astor Piazzolla: Le grand Tango
Mit Muriel Bardon (Violine), Doris Erdmann (Violoncello), Jan Pas (Violoncello), Lilian Heere (Violine), Stefano Vismara (Klavier)
So 07.06.


Mythen und Legenden
Joachim Andersen: Ballade et Danse des Sylphes
Claude Debussy: Syrinx
Albert Roussel: Krishna
Régis Campo: Phénix
Christoph Willibald Gluck: Reigen seliger Geister
Kazuo Fukushima: Mei
André Jolivet: Le Chant de Linos
Mit Nathanaël Carré (Flöte), Virginie Déjos (Klavier)
Mo 08.06.


Werke für Viola und Klavier von Johannes Brahms
Mit Alexander Akimov (Viola), Julia Brusentsova (Klavier)
Di 09.06.


Pjotr Iljitsch Tschaikowski: Streichsextett d-Moll op. 70 Souvenir de Florence
Mit Gustavo Surgik (Violine), Alexander Jussow (Violine), Alexander Akimov (Viola), Jan Melichar (Viola), Laurens Groll (Violoncello), Lars Jakob (Kontrabass)
Mi 10.06.


Felix Mendelssohn-Bartholdy: Streichquartett Es-Dur op. 12
Wolfgang Amadeus Mozart: Quintett Es-Dur für Horn, Violine, zwei Violas und Violoncello, KV 407 (386c)
Mit Veronika Unger (Violine), Lilian Heere (Violine), Daniel Schwartz (Viola), Philipp Körner (Violoncello), Philipp Römer (Horn), Veronika Unger (Violine), Madeleine Przybyl (Viola), Daniel Schwartz (Viola), Joachim Hess (Violoncello)
Do 11.06.


Franz Schubert: Streichquartett Nr. 13 a-Moll op. 29 D 804 Rosamunde
Mit Einführung
Mit Kathrin Scheytt (Violine), Marion Schäfer (Violine), Madeleine Pryzbyl (Viola), Zoltan Paulich (Violoncello)
Fr 12.06.


Nicky Sohn: Even in the Oddest Times (2018) für Streichquintett
Sowie Werke für Blechbläser
Evgeny Popov (Violine), Christian Frey (Violine), Thomas Gehring (Viola), Philipp Körner (Violoncello), Manuel Schattel (Kontrabass), Alexander Kirn (Trompete), Andreas Spannbauer (Trompete), Reimer Kühn (Horn), Christian Hammerer (Posaune), Stefan Kühndorf (Tuba)
Mi 17.06.


Franz Schubert: Streichquartett Nr. 14 d-Moll, D 810 Der Tod und das Mädchen
Mit Elena Graf (Violine), Alexander Jussow (Violine), Madeleine Przybyl (Viola), Guillaume Artus (Violoncello)
Do 18.07.


Lieder für Bariton und Klavier
Werke von John Musto und Samuel Barber
Mit Jarrett Ott (Bariton) und Alan Hamilton (Klavier)
Fr 19.06.


Der Klang der Träume – Begegnung mit Francis Poulenc
Kammermusik von Francis Poulenc
Mit Rudolf Guckelsberger (Erzähler), Nathanaël Carré (Flöte), Nicole Kern (Klarinette), Frank Bunselmeyer (Klarinette), Katrin Stüble (Oboe), Sebastian Mangold (Fagott), Muriel Bardon (Violine), Jan Pas (Violoncello), Stefano Vismara (Klavier)
Mi 08.07.


Werke von Ture Rangström, Gunnar de Frumerie, Wilhelm Peterson-Berger, Wilhelm Stenhammar und Johannes Brahms
Mit Ida Ränzlöv (Mezzosopran), Rita Kaufmann (Klavier)
Fr 10.07.


August Klughardt: Schilflieder op. 28
Mit Katrin Stüble (Oboe), Hedwig Gruber (Viola), Rita Kaufmann (Klavier)
Robert Schumann: Lieder nach Heinrich Heine
Lieder von Josephine Lang, Johannes Brahms und Felix Mendelssohn
Mit Stine Marie Fischer (Alt), Virginie Déjos (Klavier)
Sa 25.07.


Mehr als ein halbes Leben
Mit Helene Schneiderman (Mezzosopran) und Götz Payer (Klavier)
So 26.07.

Liedkonzerte in Zusammenarbeit mit der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, BORIS – Der Blick zurück nach vorn, IOCO Kritik, 08.02.2020

Februar 8, 2020 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

BORIS  –  Modest Mussorgski / Sergej Newski

Ereignis – Wahrnehmung – Erinnerung – Überlieferung – Geschichte(n):  Was wirkt am Nachhaltigsten? 

von Peter Schlang

Nachdem sich die Stuttgarter Staatsoper in ihrem ersten Frühjahrsfestival im vergangenen Jahr mit der Frage nach der Bedeutung und Wahrnehmung der  Wirklichkeit befasst hat, treibt sie in diesem Jahr das Spiel mit den Zeitebenen und ihrer Vermischung auf die Spitze. Unter dem experimentell anmutenden Motto „Wer wollen wir gewesen sein?“ beschäftigt sich das aktuelle Frühjahrsfestival nämlich mit dem Futur II, jener Zeitform also, die Zukunft und Vergangenheit nicht nur grammatikalisch fasst, sondern auch Möglichkeiten für Entwürfe bietet, die sich aus verschiedenen epochalen Perspektiven betrachten lassen.

BORIS – Mussorgski / Newski
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
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Die „vollendete Zukunft“, wie das Futur II in seiner deutschen Fassung heißt, wirft einen mindestens doppelten zeitlichen Blick auf Subjekte (und Objekte) der Geschichte und frägt, wieviel und welche Gestaltungsideen – auch für die Zukunft – wir Gegenwärtigen aus der  Vergangenheit gewinnen können und wieviel Zukunft es in der Vergangenheit (wieder) zu finden gibt.

Die Staatsoper Stuttgart mit dem Opernprojekt „BORIS“
Frühjahrsfestival 2020 „Wer wollen wir gewesen sein?“

Als Auftakt und wohl ambitioniertestes Projekt dieser Überlegungen gelangte am Sonntag, dem 2. Februar 2020 im Stuttgarter Opernhaus BORIS zur (Ur-) Aufführung, bei dem die Urfassung von  Modest Mussorgskis Oper Boris Godunow (1869) und die Musiktheater-Szenen Secondhand-Zeit des zeitgenössischen russischen Komponisten Sergej Newski, miteinander verschränkt werden.

Diese Auftragskomposition der Stuttgarter Oper basiert auf Texten der weißrussischen Autorin und Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die für ihren gleichnamigen Roman der Stimmen während und  nach der Perestroika unter Präsident Gorbatschow die Lebenserfahrungen zahlreicher sowjetischer Bürger erfragte und zu Literatur formte. Für die in Stuttgart uraufgeführte musikalische Fassung von „Secondhand-Zeit“ wählten die Autorin, der Komponist und der verantwortliche Dramaturg Miron Hagenbeck die Erinnerungen von sechs Zeitzeuginnen und -zeugen aus, denen das Schicksal in der Sowjetunion und in den Jahren des Umbruchs gegen Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts besonders viel abverlangt hatte. Da die Darsteller dieser vier Frauen und zwei Männer auch in Mussorgskis ohne Striche gespielter Oper wichtige Rollen innehaben und die zehn Szenen der Secondhand-Zeit direkt und zwischen die Bilder der Mussorgski-Oper und an deren Ende gestellt werden, verschränken sich die verschiedenen Zeitebenen auf der Bühne zu einem geheimnisvollen Mix mit überraschenden Wirkungen, Kontrasten und Überlagerungen. So bespielt die Kunstform Oper im Spiel mit Trugbilden, Fantasien, Utopien und deren zerstörerischem, pessimistischem Gegenteil, der Dystopie, äußerst eindrucksvoll ihre angestammte Bühne und unterstreicht so ihre besonderen, ureigenen Stärken.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : Ensemble und Chor © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : Ensemble und Chor © Matthias Baus

Zu dieser durchaus fesselnden theatralischen Wirkung trägt auch die sprachlich-dramaturgische Entscheidung bei, den Boris Godunow in seiner russischen Originalsprache und  Newskis / Alexijewitschs „Erinnerungssplitter“ in deutscher Sprache (Übersetzung Ganna-Maria Braungardt) singen zu lassen, so dass sich zur grammatikalischen Ebene des Festivalthemas eine weitere interessante Spielform der Duplizität gesellt.

Bei allen möglichen Zweifeln und der Berechtigung der Frage, ob Mussorgskis  „Original-Boris einer solchen modernen Fortschreibung und Ergänzung bedarf, sprechen neben den genannten aufführungspraktischen und dramaturgischen Aspekten auch die thematischen Parallelen der beiden Teile des „Stuttgarter BORIS“ für das hier umgesetzte Konzept.

So erzählt Mussorgskis Oper von Aufstieg und Fall eines Mächtigen, ja Gewaltherrschers, dem im 16. Jahrhundert regierenden Zaren Boris Godunow, die direkte Auswirkungen auf das Volk und dessen Situation haben, aber auch selbst von „unten“ beeinflusst werden. In Newskis Beitrag werden nun aus der anonymen Masse sechs Menschen  ausgewählt, deren Schicksal wie durch ein Zoom oder Mikroskop näher betrachtet wird. So wird erfahrbar, wie Geschichte und Geschichten miteinander verbunden sind und sich unterschiedliche Zeitebenen gegenseitig durchdringen. In beiden Darstellungen wird auch gezeigt, welche Brüche sich in einer Gesellschaft ergeben können und wie Menschen mit ihrem dadurch ebenfalls gebrochenen eigenen Schicksal umgehen und einen Neuanfang versuchen.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : Adam Palka als Boris Godunow und Carina Schmieger als Xenia / Die Geflüchtete © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : Adam Palka als Boris Godunow und Carina Schmieger als Xenia / Die Geflüchtete © Matthias Baus

Die Zusammenschau beider Epochen und ihrer Verhältnisse lässt auch  gut erkennen, dass und wie sich politische und gesellschaftliche Bedingungen gleichen, ja wiederholen – völlig  unabhängig von Epochen, zwischen denen, in diesen zwei  russischen Fällen, fast vierhundert Jahre liegen. So beschreibt BORIS das Modell für die Wiederkehr ähnlicher Machtmechanismen und veranschaulicht dieses in der individuellen Erinnerung (in)direkt Betroffener. Vergangenheit wird so zur – polyphonen – Gegenwart und ermöglicht die „Gleichzeitigkeit verschiedener Zeitebenen“.

Das Team um den Regisseur Paul-Georg Dittrich setzt alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel ein, um diese Zusammenhänge plastisch und theaterwirksam darzustellen. Ja Dittrich und seine Ausstatterinnen, die Bühnenbildnerinnen Joki Tews und Jana Findeklee, die Kostümbildnerinnen Pia Dederichs und Lena Schmid sowie die von diesen bestens beschäftigten Mitarbeiter*innen der Gewandmeisterei, Schuhmacherei und Modisterei, ziehen alle Register und zeigen umfassend die Kunstfertigkeit ihrer jeweiligen Zünfte.

Dies beginnt schon beim Öffnen der Türen zum Zuschauerraum, wenn aus dem Off Geräusche und musikalische Versatzstücke erklingen und über eine vor den Bühnenrahmen gespannte Projektionsfläche Filmszenen eines mit Öl verschmierten, sterbenden Pelikans flimmern, wobei diese Szenen immer wieder in ein menschliches Auge projiziert werden.

Wenn sich dann der Vorhang hebt bzw. die Bühne langsam aus dem Dunkel auftaucht, kehrt dort das Bild der schon vertrauten Ölpest ganz real wieder. Der in BORIS  in voller Größe aufgebotene Chor der Staatsoper kauert, in ölverschmierten körperfarbenen Bodys  und ebenso verschmutzten Kappen, als von der Katastrophe gezeichnete, eingeschüchterte, demoralisierte Masse auf dem Boden und beklagt im Prolog aus der Secondhand-Zeit den Verlust einer vertrauten, scheinbar besseren Welt. Im Hintergrund erhebt sich der von den beiden Bühnenbildnerinnen  geschaffene, ebenfalls von dem vorausgegangenen Unglück stark in Mitleidenschaft gezogene und mit Öl und Teer verschmutzte zentrale Bühnenbau. Dieser erinnert an die Ruine eines sozialistischen Verwaltungs- oder Kulturbaus und wird im weiteren Verlauf der Handlungen, geschickt und mehrfach verändert, zum höchst flexiblen Multi-Funktionsort. Durch seine Drehbarkeit, seine Treppen und zahlreichen versteckten Türen entfaltet er dabei nicht nur ein überraschendes Innenleben, sondern erhält auch großen Anteil an der erwähnten theatralischen Opulenz  und Lebendigkeit der Inszenierung. Außerdem erlaubt er je nach Zustand die Assoziation mit staatlichen (monarchischen wie kommunistischen) und kultisch-religiösen Symbolen und Handlungen und bietet diesen einen schlüssig-passenden Rahmen.

BORIS – hier „Der Obdachlose“ und sein Schicksal
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
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Diese treffende Zu- und Einordnung wird auch durch eine unglaubliche Vielfalt an Kostümen erleichtert, die in ihrer Genauigkeit und Pracht so in der letzten Zeit höchstens in Produktionen klassischer Ballette zu sehen waren und – zumindest für jüngere Stuttgarter Opern-Neuinszenierungen – den reinen Luxus darstellen. Allein wegen dieser Ausstattung sei dringend zu einem Besuch des BORIS geraten.

Zum Problem für den Betrachter wird allerdings die Schrankenlosigkeit, mit der Regie und Ausstatterinnen streckenweise zu Werke gehen.  Da ist nicht nur manch ein theatralisches Mittel oder technisches Detail zu viel des Guten oder bringen einen die vielfachen Anspielungen und Assoziationsmöglichkeiten ins Schleudern. Zur regelrechten Übersättigung führen vor allem die fast pausenlos über eine runde Projektionsfläche oberhalb des zentralen Bühnenbaus flimmernden Video-Sequenzen. Sie bestehen nicht nur aus jeder Menge dokumentarischer Aufnahmen, Passagen aus Natur und Kultur, Zeichentrickfilmen und  Comic-Streifen, sondern werden zeitgleich auch in der an diesem Abend für das Publik geschlossenen Königsloge live produziert. Dort spielen Doppelgängerinnen und Doppelgänger der eingangs erwähnten sechs Darsteller wichtiger Rollen des Boris- und Secondhand-Zeit-Teils einzelne Szenen nach und verändern, ja verwandeln sich permanent. Das mag für die dafür nötige Videoregie und -technik eine dankbare Aufgabe und Herausforderung sein, lenkt aber mehr und mehr vom direkten Bühnengeschehen ab, zumal sich dieses nicht nur auf der Opernbühne abspielt, sondern die Regie dafür auch die beiden Proszeniumslogen und teilweise sogar den Zuschauerraum und die seitlichen Foyers bespielen lässt. Außerdem ermüdet dieser mediale Overkill  auf Dauer die Betrachter und verschiebt auch die Gewichte der Darstellung und Interpretation vom Realen zum zu sehr Fiktiven.

Staatsoper Stuttgart / BORIS - hier : das Ensemble © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / BORIS – hier : das Ensemble © Matthias Baus

Solche Einwände lassen sich für die Musik  dieses so ambitionierten wie ausgefallenen Projektes beim schlechtesten Willen nicht formulieren.  Das gilt zunächst ganz generell für das Zusammenspannen der beiden Partituren und die daraus hervorgehenden Klänge. So bereitet der für seine Zeit ungeheuer moderne Stil von Mussorgskis Boris Godunow mit seinen parlandohaften, meist rezitativischen und liedhaften Gesangsnummern, die sich aus der klassischen Oper höchstens einen schwach an ein Arioso erinnernden Solo- oder Ensemblegesang entlehnen, sehr gut den Boden für Newskis (gemäßigt) moderne Klangsprache. Deren zentrales Stilmittel ist die Polyphonie, die das Spiel mit verschiedenen Zeitebenen zur musikalischen Parallele von deren thematisch-inhaltlichen Zitaten werden lässt. Sergej  Newski Secondhand-Zeit ist dabei in vielen Epochen und Stilen der Musikgeschichte unterwegs und macht  u. a. Anleihen bei Jazz, Kirchen- und Tanzmusik (Tango und andere lateinamerikanische Rhythmen), wobei er auch ältere und traditionellere Elemente einsetzt, als Mussorgski dies getan hat. Das passt sehr gut zum Nebeneinander so unterschiedlicher Gesangs- und Ausdruckweisen im originalen Boris Godunow wie Chorälen und anderen religiösen Gesängen, derben, volksliedhaften Liedern, politischen Reden sowie Jubel- und dicht folgenden Protest-Gesängen und ergibt im Zusammenklang und im Ablauf der beiden Werkteile eine eigentümliche, rätselhafte Melange. Diese lässt den Hörer an etlichen Übergangstellen zum jeweils nächsten musikalischen Abschnitt raten, welchem Komponisten man das gerade zu Hörende nun verdankt.

Dieses anerkennende Fazit für das Harmonieren der beiden Kompositionen leitet ohne Bruch zur Würdigung der Leistungen des musikalischen Personals über.

Fordert die Länge der Oper mit über 180 Minuten reiner Spielzeit und der Umfang vieler Rollen und Chorszenen generell den Solisten und dem Chor ungeheure Konzentration, Kraft und Ausdauer ab, so gilt dies in besonderer Weise für die sechs Solisten, welche in beiden Werkteilen je eine tragende Rolle innehaben, also Doppelrollen singen und spielen. So nehmen Alexandra Urquiola als Fjodor und Aktivistin, Carina Schmieger als Xenia und Geflüchtete, Maria Theresa Ullrich als Xenias Amme bzw. Mutter des Selbstmörders,  Stine Marie Fischer als Schenkwirtin und Frau des Kollaborateurs, Elmar Gilbertsson als Grigori und jüdischer Partisan und Petr Nekoranec als Gottesnarr bzw. Obdachloser nicht nur in Secondhand-Zeit die zentralen und das ganze Werk tragenden Rollen ein, sie müssen dazu auch im Boris Godunow teils anstrengende und lange Partien stemmen. Die Qualität und Intensität, mit der sie das tun, sei es als Solisten oder in verschiedenen Ensembleszenen, zeugt wieder einmal von der großen Klasse des Stuttgarter Solistenensembles. Aus diesem ragen  am Premierenabend dennoch zwei Sänger mit ihren herausragenden gesanglichen Leistungen und ihrer großen schauspielerischen Präsenz besonders hervor:  die sich immer mehr zu Publikumslieblingen entwickelnden Adam Palka als despotisch-dämonischer wie als verletzlich-schwacher Boris Godunow und der ebenfalls in jeder Nuance überzeugende Matthias Klink als mit allen Wassern gewaschener, schmieriger Strippenzieher Wassili Schulski.

BORIS – hier „Die Aktivistin“ und ihr Schicksal
youtube Trailer Staatsoper Stuttgart
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In weiteren Rollen, die für alle Sängerinnen und Sänger übrigens  ihr Debüt darstellten, gefielen Goran Juric als bös geschundener Schreiber Pimen, Pawel Konik als Schtschelkalow, Ramina Abdulla-zade als  jüdischer Partisan im Kindesalter und Urban Malmberg als dessen Greisen-Darsteller sowie Charles Sy, Ricardo Llamas Márquez und Matthias Nenner.

Erneut einen überaus starken Auftritt hatte der von Manuel Pujol bestens vorbereitete Stuttgarter Opernchor, der den berühmten Massenszenen im Boris Godunow, aber auch den zwei Chören in Prolog und Finale der Secondhand-Zeit sowohl als Stimm- als auch als Darsteller-Kollektiv ungeheure Präzision und Überwältigungsmacht verlieh. Gleiches gilt für den für diese Chorszenen unverzichtbaren Extrachor und den von Bernhard Moncado betreuten Kinderchor der Staatsoper.

In sehr guter Verfassung zeigte sich am Premierenabend auch das Staatsorchester Stuttgart, in dem es keinerlei Schwachstellen gab, aus dem aber dennoch die exzellenten Bläser einmal besonders erwähnt werden sollen.

Als ruhender Pol in all diesen Klangmassen und souveräner Organisator wie übersichtsvoller und umsichtiger Taktgeber bestand Titus Engel nach seiner beeindruckenden Leistung in Bartoks Herzog Blaubarts Burg zu Beginn der letzten Spielzeit auch seine nächste Bewährungsprobe als Sachwalter neuer Musik.

Die Mehrheit der Zuschauer im ausverkauften Premierensaal dürfte ähnlich und überwiegend positive Eindrücke wie der IOCO-Korrespondent gesammelt haben, denn die nicht gerade wenigen mutigen Buh-Rufer wurden alsbald vom großen, ja frenetischen Beifall und Jubel überstimmt. Er galt nicht nur herausragenden musikalischen Leistungen und einer über weite Strecken auch schlüssig-stringenten Regie, sondern auch einem  bewegenden Plädoyer für mehr Menschlichkeit und die Wahrung der Menschenwürde.

BORIS an der Staatsoper Stuttgart, die weiteren Vorstellungen 07., 16., 23. Februar, 2. März, 10.; 13. April 2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, BORIS – Modest Mussorgski – Sergej Newski, 02.02.2020

Dezember 19, 2019 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatsoper Stuttgart

Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

 BORIS –  Modest Mussorgski / Sergej Newski

Premiere  02. Februar 2020, 18 Uhr, Weitere Vorstellungen, 07. / 16. / 23. Februar 2020, 02. März 2020, 10. / 13 . April 2020

Der Blick zurück nach vorn

 Am Sonntag, den 02. Februar 2020, feiert zum Auftakt des Frühjahrsfestivals ein außergewöhnlicher Opernabend Premiere an der Staatsoper Stuttgart: BORIS. Das künstlerische Team um Dirigent Titus Engel, Regisseur Paul-Georg Dittrich und Dramaturg Miron Hakenbeck verzahnt darin Modest Mussorgskis Historien-Drama Boris Godunow mit der Uraufführung von Sergej Newskis Secondhand-Zeit, einem Auftragswerk der Staatsoper Stuttgart.

Sergej Newskis Secondhand-Zeit basiert auf Texten der Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die in ihrem gleichnamigen „Roman der Stimmen“ die Lebenserfahrung unzähliger Einzelner in Zeiten politischer Wirren nach der Perestroika zu Literatur verdichtete. Stimmen aus der jüngeren Vergangenheit tauchen auf und stellen neue Fragen an die Geschichtsschreibung, die Gegenwart und unsere Idee von der Zukunft. Mussorgskis Boris Godunow wird ungekürzt in der Urfassung und in russischer Originalsprache gespielt, Newskis musikthetralische „Erinnerungssplitter“ erklingen zwischen den einzelnen Mussorgski-Tableaus in deutscher Sprache.

Auch diese Neuproduktion wird wieder wesentlich vom Staatsopernchor Stuttgart und dem Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart getragen: Adam Palka debütiert als Boris Godunow, Ks. Matthias Klink singt Fürst Schuiski. Goran Juric ist erstmals als Pimen zu erleben. Sechs Sänger*innen verkörpern Figuren aus beiden Partituren und haben so quasi parallele Existenzen, darunter Elmar Gilbertsson, der neben seinem Rollendebüt als Grigori den Jüdischen Partisanen singt sowie Maria Theresa Ullrich als Xenias Amme und Die Mutter des Selbstmörders.

Ausblick: Frühjahrsfestival 2020 – FUTUR II

Der „Blick zurück nach vorn“ ist auch Thema des zweiten Frühjahrsfestivals der Staatsoper Stuttgart, das mit der Premiere von BORIS am 02.02.2020 eingeläutet wird. Unter dem Motto „Wer wollen wir gewesen sein?“ geht es dieses Frühjahr unter anderem um die Subjekte der Geschichte und darum, wieviel Potenzial der Blick auf die Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft enthält bzw. wieviel Zukunft es in der Vergangenheit (wieder) zu finden gibt.

Neben BORIS stehen zwei weitere Opernpremieren im Fokus des Frühjahrsfestivals: Hans Zenders kompositorische Übermalung von Schuberts Winterreise (Premiere am 01.03.2020) legt offen, was unser heutiges Selbstverständnis vom Individuum mit dem der frühen Romantik zu tun hat. Zum Abschluss der Festwochen stellt Antonio Vivaldis Juditha triumphans (Premiere am 22.03.2020) die Konstruktion einer Sieger-Identität aus einem biblischen Stoff zur Debatte. Eine Reihe von Sinfonie-, Kammer- und Liedkonzerten, Die lange Nacht der wiedergefundenen Zukunft mit außergewöhnlichen Konzerten zum Phänomen der Zeit, der Kongress Futur II im Württembergischen Kunstverein und zwei Performance-Premieren des Orpheus Instituts widmen sich intensiv der Frage nach unserer Position im Gefüge des Zeitgeschehens (weitere Informationen folgen).

Titus Engel dirigiert; Paul-Georg Dittrich inszeniert; Uraufführung nach Texten von Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, Bühne Joki Tewes, Jana Findeklee
Kostüme Pia Dederichs, Lena Schmid, Video Vincent Stefan, Licht Reinhard Traub, Chor Manuel Pujol, Dramaturgie Miron Hakenbeck

Mit:  Boris Godunow Adam Palka, Fjodor / Die Aktivistin Alexandra Urquiola*, Xenia/Die Geflüchtete  Carina Schmieger*, Xenias Amme / Die Mutter des Selbstmörders Maria Theresa Ullrich, Fürst Wassili Schuiski Matthias Klink, Pimen Goran Juric, Grigori Otrepjew / Der jüdische Partisan Elmar Gilbertsson, Warlaam  Friedemann Röhlig
Missail / Ein Leibbojar Charles Sy*, Eine Schenkwirtin / Die Frau des Kollaborateurs Stine Marie Fischer, Ein Gottes Narr / Der Obdachlose Petr Nekoranec, Mikititsch (Aufseher) / Offizier der Grenzwache Ricardo Llamas Márquez, Mitjucha Matthias Nenner / Heiko Schulz, Andrei Schtschelkalow Pawel Konik, Bariton (Alter Ego des Jüdischen Partisanen) Urban Malmberg, Kind (Alter Ego des Jüdischen Partisanen) Ramina Abdulla-zadè
* Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Stuttgart
Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Begleitveranstaltungen

Öffentliche Probe
Montag, 13. Januar 2020, 18.30 Uhr bis 20 Uhr. Kostenlose Platzkarten sind ab sofort im Theatershop erhältlich.

Einführungsmatinee
Sonntag, 19. Januar 2020, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt Einblicke in die Konzeption der Neuinszenierung.

Opern-LAB
Samstag, 25. Januar 2020, 14 Uhr – 17 Uhr im JOiN

In diesem dreistündigen Labor untersuchen wir gemeinsam mit dem Komponisten Sergej Newski und mit dem Dramaturgen der Produktion, wie sich individuelle Lebensgeschichten und kollektives musikalisches Kunstwerk begegnen können. Oral History goes Opera. Der Eintritt ist frei. Anmeldung unter join@staatstheater-stuttgart.de

Einführungen
Eine Einführung vor jeder Vorstellung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

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