Cottbus, Staatstheater Cottbus, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritk

Mai 20, 2019 by  
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Staatstheater Cottbus

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus © Marlies Kross

Der fliegende Holländer – Richard Wagner

– Die Meistersinger mutieren zum formidablen Fliegenden Holländer –

von Thomas Kunzmann

Eigentlich sollten 2019 am Staatstheater Cottbus, nach längerer Wagner-Pause, Die Meistersinger von Nürnberg Premiere feiern, Regie Martin Schüler. Doch die Inszenierung der Meistersinger wurde kurzfristig getauscht.  Der fliegende Holländer, inszeniert von Jasmina Hadziahmetovic, hatte nun Premiere am Staatstheater. Eine eigen(artig)e Geschichte zahlreicher Irrungen und Wirrungen.

Die Vorgeschichte:  Martin Schüler, der unter anderem bei Ruth Berghaus studiert hatte, kam unter Christoph Schroth 1991 zuerst als Operndirektor nach Cottbus, nach Schroths Ausscheiden übernahm er 2003 zusätzlich die Intendanz des Hauses. Nach langer Wagner-Pause sollte es 2019 Die Meistersinger von Nürnberg in seiner Regie geben. Doch dann kam alles anders. Durch ein Facebook-Posting eines musikalischen Mitarbeiters, in dem offen Missstände im Umgang mit Musikern und Sängern am Staatstheater Cottbus angesprochen wurden, geschrieben in Form eines offenen Briefes, brachte die Grundfesten des wunderschönen Jugendstil-Baus zwischen Dresden und Berlin ins Schwanken. Offensichtlich veröffentlicht, nachdem eine interne Klärung mehrfach versucht worden war, jedoch erfolglos blieb. Dem Mitarbeiter wurde binnen einer Woche fristlos gekündigt.

Der fliegende Holländer –  Richard Wagner
youtube Trailer Staatheater Cottbus
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Speziell ging es um den Führungsstil des damaligen GMD Evan Alexis Christ, dessen Vertrag gegen den Willen des Orchesters frisch verlängert worden war. Der in Los Angeles geborene,  einer Musikerfamilie entstammende  Christ war 2008 nach Stationen in Würzburg und Wuppertal als einer der jüngsten GMD’s Deutschlands nach Cottbus gewechselt, brachte frischen Wind in das Haus. In seiner Zeit, in der er die meisten Opernproduktionen sowie ca. 6 der 8 jährlichen Philharmonischen Konzerte dirigierte, kamen bei den Konzerten etwa 60 Uraufführungen auf die Lausitzer Bühne. Bereits 2010, zwei Jahre nach seinem Amtsantritt, wurde er zum „Cottbuser des Jahres“ gewählt. 2011 gewann das Orchester mit ihm den Preis des Deutschen Musikverleger-Verbands für das beste Konzertprogramm aller deutschsprachigen Orchester.

Einige alteingesessene Besucher „schreckte“ das neue Konzept; Christ stellte sich charmant den entstandenen Diskussionen – aber gleichzeitig gewann er junges Publikum für das Theater. Der Abonnement-Verkauf stieg auf sagenhafte 95%. Und so kam selbst für Gäste, die regelmäßig das Haus besuchten, diese Wendung äußerst überraschend. Nach der Veröffentlichung des besagten Postings  gab es offenbar einen Konsens darüber, die nun ins Rollen geratene Bewegung so lärmfrei wie möglich zu gestalten: Funkstille der Beteiligten nach außen.

Staatstheater Cottbus /  DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Szenenfoto hier vl . Andreas Jäpel (Holländer), Hardy Brachmann (Steuermann), Ulrich Schneider (Daland) © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus /  DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Szenenfoto hier vl . Andreas Jäpel (Holländer), Hardy Brachmann (Steuermann), Ulrich Schneider (Daland) © Marlies Kross

Dennoch, die Brandenburgische Kulturstiftung war alarmiert und musste den Vorfällen nachgehen, woraufhin Evan Christ zunächst bis zum Ende der Saison 2017/18 beurlaubt wurde. Die Vermittlungsversuche des Intendanten zwischen den Parteien scheiterten. Der Vertrag von Evan Christ wurde aufgelöst, Martin Schüler hatte das Vertrauen der Mitarbeiter verloren, versäumte außerdem, sich der Situation zu stellen und sich bei den Betroffenen zu entschuldigen, dass er ihre auch an ihn herangetragenen Nöte nicht ernst genug genommen hatte. Zumindest das hätte die Belegschaft erwartet, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Schüler übernahm, wie es immer so schön heißt, die volle Verantwortung und legte nach 83 Inszenierungen am mittlerweile einzigen Vier-Sparten-Haus Brandenburgs zum Ende der Saison 17/18 sein Amt nieder. Die Kündigung des Mitarbeiters, der dies alles ausgelöste hatte, wurde übrigens zurückgenommen.

In seiner Amtszeit inszenierte Martin Schüler vier Wagner-Opern: 1993 Lohengrin, 1997 Der fliegende Holländer, 1999 Tannhäuser. 2003 begann der zu Beginn „semiszenisch“ genannte Ring des Nibelungen, der über 10 Jahre geschmiedet werden sollte, um 2013, dem großen Wagner-Jahr, vollendet zu werden. Das Orchester spielte auf der Bühne, die Bühnenbilder entsprechend reduziert. Vieles im aktuellen Mindener Ring erinnert an Cottbus, wobei erstaunlich wenige Gäste zum Einsatz kamen. In den Hauptrollen war es besonders die Partie des Siegfried (Peter Svensson im Siegfried, Craig Birmingham in der Götterdämmerung). Seit dem Weggang des hünenhaften John Pierce, der noch im Rheingold die Partie des Loge sang, gab es am Haus keinen Heldentenor mehr. Kurzfristig sprangen auch interessante Gäste ein wie Antonio Yang oder Thomas de Vries als Alberich, letzterer ein früheres Ensemble-Mitglied. 2014 hieß es, man wolle (und könne) nur alle zwei Jahre Wagner-Opern herausbringen, Schüler ließ einmal beiläufig durchblicken, er wäre sogar daran interessiert, eines der Frühwerke zu inszenieren. Doch erst im Spielplan 2018/19 stand Wagner wieder auf dem Programm – Die Meistersinger.

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Tanja Christine Kuhn als Senta © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Tanja Christine Kuhn als Senta © Marlies Kross

Ende März 2018 brachen die oben genannten Ereignisse über das Haus herein …

Interimsintendant ist Dr. René Serge Mund. Der promovierte Volkswirt ist mit dem Haus bestens vertraut, war er doch 1992-96 und 2005-12 dort Geschäftsführender Direktor. Im April 2019 wurde der Schweizer Stephan Märki vom Stiftungsrat der Brandenburgischen Kulturstiftung Cottbus-Frankfurt (Oder) aus angeblich 30 Kandidaten einstimmig zum künftigen Intendanten und Operndirektor am Staats­theater Cottbus gewählt. Er wird zur Spielzeit 2020/21 das Amt antreten.

Stephan Märki hat bisher noch nicht am Staatstheater Cottbus gearbeitet. Er war aber Intendant des Hans-Otto-Theater Potsdam, welches er verließ, als sich die Abwicklung des Musiktheaters nicht mehr abwenden ließ. Das Staatstheater Cottbus bespielt seit einigen Jahren die Bühne des Hans-Otto-Theaters Potsdam mit nahezu allen eigenen Opernproduktionen. Nach Ausscheiden von Martin Schüler wurde die Spielplanung 2019/20 des Staatstheater Cottbus umgestellt; Meistersinger wurden durch den Fliegenden Holländer ersetzt.  Regisseur wurde nun Christiane Lutz. 2017 hatte sie erfolgreich Wozzeck in Cottbus inszeniert, die Bühne dazu entwickelte damals schon Natascha Mavaral, mit der Lutz bereits öfters gearbeitet hatte. Aber erneut kam etwas dazwischen: Lutz, Lebensgefährtin des Star-Tenors Jonas Kaufmann, wurde schwanger und konnte ihrer Regieverpflichtung nicht nachkommen. Jasmina Hadziahmetovic ersetzte Lutz. An Wagner-Erfahrung bringt  eine Zusammenarbeit mit Calixto Bieito mit: beide inszenierten 2017 den Tannhäuser am Stadttheater Bern.

Die nun gezeigte Inszenierung des Fliegenden Holländers am Staatstheater Cottbus wurde so von zahlreichen ungeplanten Ereignissen geprägt, welche kurzfristige Reaktionen erzwangen.

Das von Natascha Maraval gefertigte Bühnenbild ist von ebenso beeindruckender Schlichtheit wie Ausdrucksstärke. Düstere Romantik im Stile Caspar David Friedrichs, dessen „Mönch am Meer“ optisch Pate stand. Symmetrisch säulenartige Mauern versperren den Blick nach rechts und links, sorgen jedoch für einen äußerst sängerfreundlichen Raum. Ein verdorrter Baum, Sinnbild der verlorenen Hoffnung, Leitern, die ins Nichts führen. Mit dem rückwärtigen Blick auf das Meer als natürliche Begrenzung und nach vorn der Blick ins Unbekannte, schuf Maraval eine Atmosphäre, die optisch an „Stalker“, einen Film des russischen Regisseurs Andrei Tarkowski erinnert: An einem bestimmten, von unbekannter Kraft, vielleicht einer Atomkatastrophe zerstörten Raum, gehen – glaubt man der Legende –  die geheimsten, innigsten Wünsche in Erfüllung. Während der Eine sich darin sein einstiges Leben zurückersehnt, will der Andere diesen Raum zerstören, weil er dessen Missbrauch fürchtet. Der Raum ist stark und prägt die Charaktere. Potenziert wird die Wirkung durch eine Projektion (Video: Ron Petraß) Sentas in diesen Raum hinein, bereits beim Einlass, lange vor der Ouvertüre, unbeweglich verharrend, den Holländer herbeiwünschend, wie ein Gemälde, das mit der Musik unmerklich zu leben beginnt. Wie aus dem Nichts, von ihr ersehnt, materialisiert sich der Holländer, Senta geht auf ihn zu und wird eins mit ihm.

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Hardy Brachmann als Steuermann und Herren des Chores © Marlies Kross

Staatstheater Cottbus / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Hardy Brachmann als Steuermann und Herren des Chores © Marlies Kross

Hadziahmetovic entwirft Figuren der Einsamkeit. Das ist plausibel, wenn auch nicht gerade neuartig. Außenseiter, ohne Anerkennung, nur ihrer inneren Antriebskraft folgend. Allein der Auftritt des Holländers macht unmissverständlich klar: wäre ihm die Möglichkeit gegeben, sein Leid zu beenden, er täte es ohne zu zögern, und würde er die Welt mit hinabreißen. Senta handelt in einer Mischung aus Trotz und pubertärer Schwärmerei. Mit dem Holländer-Bild und Schiffsmodell sucht sie ihr Umfeld zu provozieren. Ihr Koffer ist von Anfang an gepackt, sie will der bedrückenden Enge entfliehen.

Leider ist gut gedacht nicht immer gut gemacht. Die Regie lässt den Figuren allzu viel Freiraum, ihre Charaktere selbst zu gestalten. Das gelingt mit dem Steuermann, dem Holländer und Mary, scheitert allerdings an Daland. Welche Gründe könnte es geben? Warum verhökert er seine Tochter bereitwillig für beliebigen Tand an den Fremden? Not? Habsucht? Dafür tritt er zu weltmännisch als erfolgreicher Kapitän auf. Ist es der Erkenntnis geschuldet, dass Daland im Holländer Sentas ersehnten Traummann erkennt? Auch dafür bietet die Regie leider keine glaubhaften Anhaltspunkte.

Stark wiederum die Szene des ersten Aufeinandertreffens des Holländers auf Senta. In beiden spürt man das gegenseitige Erkennen sowie das Bewusstsein für die Bedeutung der Situation, wie sie sich umkreisen, die Blicke nicht voneinander lassen, als müssten sie voreinander bestehen, das „Hier bin ich, deine Erlösung, erkennst du mich als diese an?“ von ihr, sich wandelnd von der vorangegangenen Widerborstigkeit ins Butterweiche, und sein Hin- und Hergerissensein zwischen „Kann diese Frau, nein, dieses Mädchen, was zuvor keiner Anderen gelungen ist?“ und dem Herbeisehnen des Endes seiner Odyssee. Hier wirkt die Magie des „Raumes der Wünsche“ besonders nachhaltig.

Erik ist im „Stalker“-Plot die Figur, die sich sein Leben (mit Senta) zurückwünscht. Zur falschen Zeit am falschen Ort ist der Holländer und wird Zeuge des Senta-Erik-Dialogs, fühlt sich betrogen, eher noch, er möchte sich betrogen fühlen; sucht einen Grund, Senta nicht in den Abgrund ziehen zu müssen; nimmt ihr Erlösungsangebot nicht an. Senta legt nach, beziehungsweise einige Kleidungsstücke ab; aber auch das ändert an des Holländers Entschluss nichts. „Auch gut – dann eben nicht“, Senta steigt – völlig wagner-untypisch – entwaffnend pragmatisch aus. Der Schlussakkord verklingt ungenutzt. Bewusst oder unbewusst eine Reminiszenz an Schülers Götterdämmerung, in dessen letztem Bild Wotan als stumme Rolle Brünnhilde zur Versöhnung die Hand reicht, die diese jedoch ausschlägt. Cottbus – kein Ort für Wagners Erlösungsmotive?  Wäre wohl jetzt ein Tristan geboten?

Unbeholfen, etwas übertrieben theatralisch stapft Jens Klaus Wilde als Erik durch die Szenerie, sich selbst bemitleidend. Die Cottbuser tenorale Allzweckwaffe, eingesetzt als Aegisth, Cavaradossi, Don Carlos, Paul Ackermann oder Ritter Blaubart fällt überhöht weinerlich aus, was schade ist, hat doch das Ensemble mit Martin Shalita seit 2017 wieder einen Tenor mit der notwendigen Durchschlagskraft, wie er schon als Calaf (IOCO berichtete) eindrucksvoll unter Beweis stellte. Neu auf dieser Bühne ist Tanja Christine Kuhn als Senta. Die 32-jährige bietet eine solide Leistung für die schwierige Rolle: Die Partie erfordert stimmliche Reife, die wiederum konträr zum Alter der dargestellten Figur steht. Trotz einiger Intonationsschwächen ist Tanja Christine Kuhn eine glaubhafte Kind-Frau mit unbeirrbarer Konsequenz. Man wird sie in Cottbus bald wieder hören können, heißt es.

Hardy Brachmann, der einzige Solist auf der Bühne, der bereits im 97er Holländer dabei war, überzeugt mit sauberem Legato und ausgezeichneter Textverständlichkeit. Ulrich Schneider als Daland könnte deutlichere Akzente setzen, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Carola Fischer als Mary ist eine gute Besetzung, gesanglich überzeugend, plausibel im Ausdruck. Unbestrittener Glanzpunkt ist jedoch Andreas Jäpel als Holländer. Mit einer Stimme wie ein Fels in der Brandung, als würde er des Meeres Urgewalten durch seine Kehle kanalisieren. Gepaart mit einer fesselnden Bühnenpräsenz, wird er der Titelpartie nicht nur gerecht – plötzlich kann man sich nicht mehr vorstellen, dass diese Figur je anders funktionierte.

Einer besonderen Erwähnung bedarf die Chorleistung (Einstudierung: Christian Möbius). Präzise Einsätze, voluminöser Klang, geschlossenes Auftreten. Der um den Extrachor verstärkte Opernchor darf mit einem auch regietechnisch interessanten Kniff arbeiten: durch das Aufsetzen von Masken wird im Handumdrehen aus Dalands Besatzung die Holländer-Mannschaft.

Das Philharmonische Orchester liefert insgesamt eine stattliche Leistung. Den wahrlich stürmischen Einstieg reguliert Alexander Merzyn in den Folgetakten auf ein Normalmaß. Es fehlt mitunter etwas an Durchsichtigkeit und Feinschliff. Die Lautstärke ist allerdings über die gesamte Partitur höchst ausgewogen und sängerfreundlich. Die wie von Wagner vorgesehene pausenlose Oper benötigt in Cottbus 2 Stunden 15 Minuten.

Trotz aller Irrungen und Wirrungen in der Produktion dieses Fliegenden Holländers: das Publikum, in dem auch Martin Schüler und die Mary von vor 22 Jahren, Marie-Luise Heinritz saßen, nahm die Produktion begeistert auf und zollte sowohl den Solisten, als auch Regie/Bühnenbild und Orchester wohlverdienten Applaus. Es feierte die Inszenierung überschwänglich; vielleicht schwang auch ein wenig Stolz mit, überhaupt wieder eine große Oper von Richard Wagner im Staatstheater Cottbus auf dem Spielplan stehen zu haben.

Der fliegende Holländer am Staatstheater Cottbus; die weiteren Vorstellungen

—| IOCO Kritik Staatstheater Cottbus |—

München, Gärtnerplatz Theater, La Bohème – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 16.05.2019


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

La Boheme – Giacomo Puccini

 Künstler darben in einem Loft – Verismo aus heutiger Sicht ?

 von Daniela Zimmermann

Seit ihrer Uraufführung 1896 in Turin rührt  La Bohème, die Komposition von Giacomo Puccini (1858 – 1924), die Herzen der Zuschauer in aller Welt. Dort gezeigter Frohsinn, das Leiden junger Künstler, ihre Armut wie ihre Sensibilität berührten, sind in den Inszenierungen meist emotional ergreifend. La Boheme im Gärtnerplatztheater bricht mit dieser Tradition, es zeigt keine darbenden, einfach lebenden Künstler. In München ist man cool, jung, stylisch, trendy. Regisseur Mottl versetzt La Boheme in unsere heutige Zeit, heftiger Tatendrang junger tätowierter Männer ist dort Trumpf;  arm aber sexy sein – koste es, was es wolle; sensibles Mitgefühl ist wenig gefragt: Verismo ist out!

La Bohème –  Giacomo Puccini
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La Boheme in München spielt in der Jetztzeit. Es wird auch munter getrunken und im Quartier Latin auch an der schicken Eisbar. Die vier jungen Künstler verstehen sich bestens,  genießen das Leben. So bewohnen der Dichter Rodolfo  (Arthur Espiritu) der Musiker Schaunard (Liviu Holender), der Maler Marcello (Mathias Hausmann) und Philosoph Colline  (Christoph Seidl), vier  beste Freunde, ein schickes geräumiges Loft (Bühnenbild Friedrich Eggert), in dem es allerdings immer kalt ist. Die Kälte ist spürbar, denn alle Fenster sind ausgehängt und ständig rieselt draußen der Schnee. Eine Couch und eine warme Kuscheldecke sind das ganze Interieur. Die Wände sind voller Graffiti, aufwendig schwarz-weiß gestaltet, cool.

Die extravaganten, jungen Hipster – Künstlern im Avantgarde Look (Kostüme Alfred Mayerhofer) mit Kopfhörer und Tablets ausgestattet wollen sich amüsieren;  suchen das unbeschwerte Vergnügen: einer hat immer Geld, hungern braucht keiner, Tüten mit Fastfood gibt es reichlich. In diese Szenerie kommt Mimi (Suzanne Taffot), jung, ärmlich und voll Lebenslust,  mit  kräftig klarem lyrischem Sopran wunderbar zur Geltung;  interpretiert ausdruckstark ihr junges Lebensgefühl; verliebt sich in Rodolfo; Arthur Espiritu verfügt über eine kräftig seidige lyrische Tenorstimme mit welcher er dem Rodolfo eine gefühlsreiche, warme Erscheinung verleiht. Die sensible zarte  Arie Che gelida manina wird zu einem Höhepunkt des Abends.

Staatstheater am Gärtnerplatz / La Boheme - hier die Solisten © Marie-Laure Briane

Staatstheater am Gärtnerplatz / La Boheme – hier die Solisten © Marie-Laure Briane

Im folgenden Bild, auf dem Quartier Latin von Paris, auf einem Weihnachtsmarkt, im Cafe Momus, stellt Rodolfo seinen Künstler-Freunden seine große Liebe, Mimi, vor. Jasmina Sakr, als junge, exaltierte Musetta, nutzt  dort mit aufreizend feinem hohen Sopran ihre weiblichen  Verführungskünsten  auf  betuchte ältere Männer; mit ihrem reichen Begleiter Alcindoro (Holger Ohlmann) in weihnachtlichem Schneegestöber  treffen sich alle in einer Eisbar. Musetta erkennt Marcello, einen einstigen Freund, der Musettas heftigen Flirts nicht widerstehen kann. Musetta schickt  Alcindoro weg und versöhnt sich nach eifersüchtigem, kratzbürstigem HinundHer  wieder mit Marcello; beide fallen sich leidenschaftlich in die Arme.

Mimi und Rodolfo lieben sich; trotzdem kommt es zur Trennung: Rodolfo ist  krankhaft eifersüchtig; auch, so erzählt er Freund Marcello, ist er traurig, dass er Mimi in ihrer schweren Krankheit  nicht helfen kann.  Musetta, den Zustand der unter Schwindsucht leidenden Mimi kennend, stützt, ist voller Mitgefühl. In Rodolfo entflammt alte Liebe wieder; das Sterben der Mimi verdrängt er in seinem Mitgefühl.  Mit Mimis Tod – die Regie, die Regie –  werden die Fenster des Lofts eingehängt.

La Bohème –  Giacomo Puccini
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La Boheme  am Gärtnerplatztheater war also kühl, abstrakt inszeniert; mit mit dem Verismo seiner Komponisten verwandt. Trauer, Rührseligkeit, Mitgefühl, einfache Lebensgefühle waren wenig greifbar; Mitgeühl zwischen den Künstlern war wenig spürbar; eher spürte man in jenem Loft eher ein Gefühl von „cool sein wollen“, von „Modernität um jedem Preis“.

Doch die Stimmen der Solisten nahmen das Publikum mit, die lyrische Romantik der Komposition leuchtete mit Antony Bramalls Dirigat und den Klängen des Orchester des Staatstheaters: Dem Publikum gefiel diese Boheme also ..; es dankte mit großem Beifall.

La Boheme am Gärtnerplatztheater; die weiteren Vorstellungen 29.5.; 9.6.; 11.7.; 13.7.; 18.7.; 17.9.; 21.9.; 27.9.; 29.9.2019

—| IOCO Kritik Staatstheater am Gärtnerplatz |—

Bielefeld, Theater Bielefeld, Musical LAZARUS : David Bowie & Enda Walsh, 18.05.2019

April 29, 2019 by  
Filed under Musical, Premieren, Pressemeldung, Theater Bielefeld

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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

LAZARUS – David Bowie & Enda Walsh

Premiere Samstag 18.05.19 – 19:30 Uhr

Ein Musical von David Bowie und Enda Walsh // nach dem Roman The Man Who Fell to Earth von Walter Trevis // Deutsch von Peter Torberg // Spartenübergreifende Produktion von Schauspiel und Musiktheater

Als David Bowie am 10. Januar 2016 starb, hinterließ er der Welt eine Menge guter Musik, unzählige fotografische Zeugnisse seines Nebenjobs als Trendsetter und viele weitere Requisiten des Gesamtkunstwerks, zu dem er sein Leben gestaltet hatte – sowie ein so rätselhaftes wie faszinierendes Musical namens Lazarus. Der Titel spielt auf einen Freund Jesu an, der laut dem Johannes-Evangelium an einer Krankheit gestorben war und von diesem aus dem Tod zurückgeholt wurde. Der wichtigere Schlüssel ist die Hauptfigur Thomas Newton: Der war im Film Der Mann, der vom Himmel fiel (1976) als Außerirdischer zur Erde gekommen, um die BewohnerInnen seines versandeten Heimatplaneten langfristig mit Wasser zu versorgen. Zwar hatte dieser Newton aufgrund seiner weiterentwickelten Intelligenz rasch das nötige Kapital zusammen, um diese logistische Herausforderung Realität werden zu lassen, doch die Menschheit zeigte ihm die kalte Schulter – und Newton, gespielt von David Bowie, vereinsamte; seine Mission blieb Utopie.

Das Musical, das Bowie kurz vor seinem Tod mit dem irischen Schriftsteller Enda Walsh verfasste, nimmt den Erzählfaden wieder auf, macht Newton zur ewig jugendlichen Installation Bowies in seiner New Yorker Wohnung, der sich in verschiedenen Wirklichkeiten verfängt und weder sterben noch leben kann. Da ist der unerfüllte Liebesschmerz zu Mary Lou; ein rätselhaftes Mädchen taucht auf und bringt Vorgänge in Erinnerung, die Newton entfallen zu sein scheinen. Seine Assistentin fühlt sich von ihm angezogen, kann und will aber ihr bürgerliches Leben nicht aufgeben. Schließlich kreist Valentine ihn ein, eine Art Teufel, der sich als Drahtzieher entpuppt und der vermeintlich stillstehenden Geschichte plötzlich enorme Zugkraft verleiht.

David Bowies unsterbliche Songs wie Absolute Beginners, Life on Mars?, Where are we now?, This is not America oder Heroes durchziehen den Plot und geben ihm eine ganz eigene Dramaturgie – am Theater Bielefeld sind sie bei William Ward Murta und seiner Band in den besten Händen. Intendant Michael Heicks inszeniert Lazarus als spartenübergreifende Produktion im Bühnenbild von Annette Breuer und den Kostümen von Franziska Gebhardt. Sascha Vredenburg kreiert die Video-Ebene, Giovanni Cuccaro choreografiert das Ensemble.

Thomas Newton wird verkörpert von Nikolaj Alexander Brucker, der derzeit noch als Professor Higgins in My Fair Lady zu erleben ist. Susanne Schieffer als Mädchen, Oliver Baierl als Valentine und Christina Huckle als Elly spielen die weiteren tragenden Rollen, flankiert von Michaela Duhme, Jeannine Michèle Wacker und Theresa Christahl/Ulrike Figgener als Teenage Girls. Cornelius Gebert, Jan Hille Henriette Nagel und Alexander Stürmer vervollständigen das Lazarus-Ensemble, das durch Mitglieder von E-Motion erweitert wird.

Musikalische Leitung William Ward Murta,  Inszenierung Michael Heicks Bühne Annette Breuer Kostüme Franziska Gebhardt Choreografie Giovanni Cuccaro Video Sascha Vredenburg Dramaturgie Jón Philipp von Linden Mit Oliver Baierl, Nikolaj Alexander Brucker, Theresa Christahl/Ulrike Figgener, Michaela Duhme, Cornelius Gebert, Jan Hille, Christina Huckle, Henriette Nagel, Susanne Schieffer, Alexander Stürmer, Jeannine Michèle Wacker, Mitgliedern von E-Motion, Lazarus-Band

MUSIKALISCHE LEITUNG
William Ward Murta, geboren in Fort Smith/Arkansas und aufgewachsen in Oklahoma, ist seit 1984 Musical-Kapellmeister am Theater Bielefeld. Er übernahm die musikalische Leitung vieler Produktionen wie Cabaret, Evita, Chicago, La Cage aux Folles, Piaf, Die Comedian Harmonists, der Uraufführung von James Lyons Für mich soll’s rote Rosen regnen, Franz Wittenbrinks Männer – Tore, Tränen und Triumphe, Sekretärinnen und Mütter, außerdem She Loves Me, Jekyll & Hyde, Me and My Girl, Crazy For You, The Scarlet Pimpernel, Chess, Company, The Birds of Alfred Hitchcock, City of Angels, Die Hexen von Eastwick, Bonnie & Clyde, Sunset Boulevard, A Little Night Music, Hochzeit mit Hindernissen, Avenue Q, Frühlings Erwachen (Spring Awakening) und My Fair Lady.

Murta ist in Musikerkreisen ein gefragter Arrangeur; zahlreiche seiner Arrangements gehören zu den Standards von Musical- und Gala-Aufführungen im In- und Ausland. Darüber hinaus komponiert Murta eigene Musicals: 1987 M … wie Marilyn und sein Werk über das Leben von Galileo Galilei, Starry Messenger (Sternenbote), das 2004 sehr erfolgreich am Theater Bielefeld uraufgeführt wurde. Zu Beginn der Spielzeit 2010/11 folgte ebenso erfolgreich die Uraufführung von The Birds of Alfred Hitchcock und in der Spielzeit 2016/17 die Uraufführung von Das Molekül, für das er in fünf Kategorien beim Deutschen Musical-Theaterpreis nominiert und mit dem von New England Biolabs (NEB) ausgelobten »Passion in Science Award 2019« in der Kategorie »Arts & Creativity« ausgezeichnet wurde.

INSZENIERUNG
Michael Heicks ist seit Januar 2005 Intendant des Theaters Bielefeld. Der Regisseur war zuvor von 2000 bis 2004 Schauspieldirektor des Bielefelder Theaters. Hier inszenierte er u. a. W. Shakespeares Was ihr wollt, Ein Sommernachtstraum und Wie es euch gefällt, R. Goetz‘ Jeff Koons, die Uraufführung von R. Wolfs Nachrichten aus der bewohnten Welt, Effi Briest von T. Fontane, N. LaButes das maß der dinge, die Uraufführung von V. Olmis Meeresrand sowie M. Rinkes Republik Vineta und Café Umberto, die Deutsche Erstaufführung von Z. Fibichs Oper Der Sturm, die Uraufführung von M. Arns’ Heul doch!, Tschechows Der Kirschgarten, die Uraufführung von T. Peuckerts Elende Väter und R. Thomas‘ Kriminalkomödie Acht Frauen sowie M. Svobodas Oper Erwin, das Naturtalent. Zuletzt führte er Regie u. a. bei Ewig jung, Terror, Der Seewolf, Istanbul, Show!, Paare. Liebe ist eine Geisteskrankheit, Die Kommune, Väter und Söhne sowie Kaleidoscope_To the Dark Side of the Moon.

Bevor Michael Heicks nach Bielefeld kam, arbeitete er als freier Regisseur mit Inszenierungen am Staatstheater Braunschweig, Staatstheater Oldenburg, Grips Theater Berlin, Deutschen Theater Göttingen, Theater Salzburg, bei den Freilichtspiele Schwäbisch Hall, am Theater Basel, Theater am Neumarkt in Zürich und am Thalia Theater Hamburg. Er studierte von 1979 bis 1984 Schauspiel und Regie an der Akademie der darstellenden Kunst, Otto-Falckenberg-Schule, München. Nach seinem Studium folgten Regiearbeiten in München und Salzburg sowie einige Arbeiten an der Hochschule für Film und Fernsehen München. Seit 1997 inszeniert Heicks auch Opern und arbeitete als Dozent an der Musikhochschule Hamburg und der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel.

BÜHNE
Die in Köln geborene Bühnenbildnerin Annette Breuer arbeitete bereits mehrfach am Theater Bielefeld, so u. a. mit der Regisseurin Isabel Osthues bei Igor Bauersimas norway.today, zusammen mit Michael Heicks bei den Inszenierungen von Rainald Goetz’ Jeff Koons, der Uraufführung von Ror Wolfs Nachrichten aus der bewohnten Welt, Neil LaButes das maß der dinge, Das Fest von Thomas Vinterberg/Mogens Rukow, bei Tschechows Platonow sowie bei Shoppen, Wie im Himmel, Herminie und Der Seewolf, mit Christian Schlüter bei Falscher Hase und mit Dariusch Yazdkhasti bei Peer Gynt. Annette Breuer absolvierte zunächst ein Kunststudium in Köln und arbeitete als freie Künstlerin. 1986 erhielt sie ein DAAD Stipendium in Wien und schloss 1988/89 ihr Bühnenbildstudium ab. Von 1990 bis 1993 arbeitete sie als Bühnenbildassistentin am Thalia Theater in Hamburg. Seit 1994 ist sie als freischaffende Bühnenbildnerin tätig. Ihre Arbeiten führten sie u. a. an Theater in Wien, Hamburg, Heidelberg, Basel, Göttingen, Dresden, Zürich und Weimar.

KOSTÜME
Franziska Gebhardt, geboren in Hannover, studierte Innenarchitektur an der Hochschule für Design und Medien Hannover und assistierte bei Raimund Bauer und Jörg Kiefel. Als freie Bühnen- und Kostümbildnerin arbeitete sie danach unter anderem am Schauspiel Hannover, am Oldenburgischen Staatstheater, am Deutschen Theater in Göttingen, am Schauspiel Essen und am Schauspielhaus Bochum. Am Theater Bielefeld kreierte sie zuletzt die Kostüme u. a. für Paare. Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit, den Liederabend Istanbul und das spartenübergreifende Projekt SHOW!. Für den Tanzabend Woher wir kommen gestaltete sie sowohl die Bühne als auch die Kostüme.

CHOREOGRAFIE
Gianni Cuccaro, gebürtiger Italiener, absolvierte seine Tanzausbildung u. a. an der Urdang Academy, Covent Garden in London. Nach seinem ersten Engagement bei der Expo 2000 in Hannover war er 2001 – 2004 festes Ensemblemitglied an den Städtischen Bühnen Osnabrück unter Gregor Zöllig. 2004 – 2006 arbeitete er freischaffend u. a. mit den Choreografen Ralf Jaroschinski in Hannover, Heike Hennig in Leipzig sowie mit der Compagnie Mafalda im Rahmen des Internationalen Tanzfestivals Steps (Schweiz). 2006 – 2017 war Gianni Cuccaro am Theater Bielefeld engagiert, erst unter der Leitung von Gregor Zöllig dann unter Simone Sandroni. Seit der Spielzeit 2017/18 ist er am Theater Bielefeld für die Vermittlungsabteilung jungplusX-tätig, außerdem Künstlerischer Leiter der Community-Dance-Projekte Schrittmacher, Leiter von E-Motion und Choreograf/Coach für verschiedene Musiktheater- und Schauspielproduktionen.

VIDEO
Der Filmemacher Sascha Vredenburg wurde 1987 in Verl geboren. Nach Anfängen in der Bildenden Kunst und mehreren Ausstellungen seiner Bilder, drehte er im Alter von 16 Jahren schließlich seinen ersten Kurzfilm. Nach weiteren Film- und Theaterprojekten, die er während der Schulzeit realisierte, hospitierte Sascha Vredenburg sowohl am Hans Otto Theater in Potsdam als auch am Theater Bielefeld und arbeitete bei diversen Kurz- und Langfilmproduktionen in Köln. Von 2010 bis 2017 studierte er szenische Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg und absolvierte die Master Class »Hollywood Workshop« an der University of California Los Angeles. Nachdem sein Kurzfilm Der späte Vogel Premiere auf dem Filmfestival Max-Ophüls-Preis feierte, gewann er 2015 u. a. auf dem Vaughn Film Festival in Kanada den Preis »Best Director«. Am Theater Bielefeld war er bereits bei der Produktion 1984 sowie bei Kaleidsocope_To the Dark Side of the Moon als Videokünstler beteiligt.

BESETZUNG
Newton Nikolaj Alexander Brucker
Mädchen (Marley) Susanne Schieffer
Valentine Oliver Baierl
Elly Christina Huckle
Michael Cornelius Gebert
Zach Alexander Stürmer
Ben Jan Hille
Japanerin / Maemi Henriette Nagel
Teenage Girl 1 Michaela Duhme
Teenage Girl 2 Jeannine Michèle Wacker
Teenage Girl 3 Theresa Christahl / Ulrike Figgener

—| Pressemeldung Theater Bielefeld |—

München, Theater am Gärtnerplatz, Im weißen Rössl – Erik Charell, IOCO Kritik, 28.03.2019


Staatstheater am Gärtnerplatz München

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Gärtnerplatztheater © Christian POGO Zach

Im weißen Rössl  – Erik Charell

Die Urfassung – Jazz und Schlager durchsetzt – NEU nach 80 Jahren

von Daniela Zimmermann

So österreichisch es klingt, die Wurzeln des Weißen Rössl liegen tatsächlich in Berlin; in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Nach dem ersten Weltkrieg und der Abschaffung der Monarchie entwickelte sich ein anderes, neues Lebensgefühl. Man wollte sich wieder des Lebens freuen können, Spaß haben, sich amüsieren. Herr über das damalige Berliner Große Schauspielhaus mit 3.500 Plätzen war  Erik Charell, 1894 – 1974, der die Revue,  die  Revueoperette beflügelte und 1930 mit Das weiße Rössl auf Anhieb einen weltweiten Sensationserfolg schaffte. Bis heute belebt diese Operette mit ihrer erfrischenden Mischung aus Operette, Theater und Revue ein breites Publikum auf allen Kontinenten.

Die ins Herz gehende und schmissige Musik stammt von Ralph Benatzky, die mitreißenden Liedertexte von Robert Gilbert.  Erik Charell hatte ein Gespür für die damalige Zeit und für die Wünsche seines Publikums: Die Operette, Das weiße Rössl, war sein Auftragswerk, welchem das gleichnamige Alt-Berliner Lustspiel von Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg als Vorlage diente; ein Lustspiel entstanden 1896 in der Nähe von Bad Ischl mit Anleihen bei Carlo Goldoni, 1707 – 1793; bei einem Urlaub, den Oskar Blumenthal damals dort machte. 1960 wurde Das weiße Rössl verfilmt mit Peter Alexander.

2012 wurde Das weiße Rössl, als Debut von Josef Köpplinger für das Theater am Gärtnerplatz, auf der Ersatzspielbühne im Deutschen Theater im Zelt in Fröttmaning neu inszeniert. Jetzt erst, 2019, wird die Operette erstmals im eigenen Haus, im Staatstheater am Gärtnerplatz aufgeführt.

Im weißen Rössl  –  Erik  Charell
youtube Trailer des Staatstheater am Gärtnerplatz
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Joseph Köpplinger ist Österreicher; seine Inszenierung am Gärtnerplatztheater zieht alle Register der österreichischen Sommerfrische: Nächster Urlaub am Wolfgangsee!  Auch das Berlinerische kommt nicht zu kurz, wenn der Trikotagen Fabrikant (Erwin Windegger) von der Ostsee schwärmt und das bitte, im Urlaub  am schönen Wolfgangsee: Diese Sprachschmankerl sind wunderbar, pointiert komödiantisch herausgearbeitet, große Unterhaltung. Alles kommt so in Köpplingers Inszenierung zusammen: feinfühliger Humor, dazu Gefühl und Liebe wie klamaukiger Kitsch: Die wesentlichen Ingredienzien einer packenden Operette.

Michael Brandstädter spielt mit dem Orchester des Gärtnerplatztheaters lebendig auf. Es ist sein Abend, in der vor 80 Jahren geschaffenen Urfassung gespielt etwas jazzig, mit vielen Schlagern aber doch gefühlvoll. Mit Tempo verzaubert Brandstädter mit den so populären Lieder, ihrem Frohsinn und Charme  das Publikum.

Für alpenländliches Urlaubsgefühl sorgt das Bühnenbild von Rainer Sinell, der auch die Kostüme kreierte. Österreichische Tracht und Berliner Schick der 20er Jahre: dies allein hat schon seinen besonderen Reiz. Ein schiefhängendes großes Bild im Bühnenhintergrund zeigt beständig buntes Alpenpanorama. Vor diesem Bild wird geschuhplattelt und gejodelt (Choreographie Frank-Oliver Weißmann). Nicht zu vergessen die Blaskapelle, die Wandergruppen und  die herrliche Bestuhlung des Gastgartens des Weißen Rössl: bei belegten Brötchen gab es dort einen schräg kitschigen Blick auf den von Wellen bewegten See und die Berge. Um das einmalig schöne Balkonzimmer streiten sich die Gäste lauthals. Letztlich bekommt das Zimmer … Wer? Natürlich der Kaiser. Der blaue Himmel wird dann vom Schnürlregen abgelöst. Gießkannen demonstrieren den Schnürlregen, den es –  alle Welt weiß es – nur und oft im Salzkammergut gibt..

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl - hier : Zahlkellner Leopold und Rössl Wirtin Josepha © Thomas Dashuber

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl – hier : Zahlkellner Leopold und Rössl Wirtin Josepha © Thomas Dashuber

Aber erst einmal geht es mit dem Bus und der richtig schwäbisch sprechenden Reiseleiterin, Dagmar Hellberg, deren englische Erklärungen natürlich köstlich amüsant sind, auf die große Fahrt ins Salzkammergut. Im Gasthaus zum weißen Rössl, schmachtet Zahlkellner Leopold, Daniel Prohaska,: „Es muss, was Wunderbares sein, von Dir geliebt zu werden“!  um seine Chefin Josepha, Sigrid Hauser. Daniela Prohaskas klare schöne Tenorstimme ist für diese Partie eine ideale Besetzung. Die fesche, resolute und etwas barsch wirkende Chefin aber hat den jungen Rechtsanwalt, Dr. Siedler, aus Berlin kommend und Stammgast, (Maximilian Meyer), im Kopf. Sigrid Hauser ist ist nicht nur wunderbare Wirtin; mit feinen hohen Sopran lässt sie zarte Gefühle durchschimmern; und unterstützt dabei auch den österreichischen Folklore Gesang.

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl - hier . Klärchen und Sigismund © Thomas Dashuber

Staatstheater am Gärtnerplatz / Im weissen Rössl – hier . Klärchen und Sigismund © Thomas Dashuber

Berlin ist stets präsent in dieser Operette: Viele Gäste kommen aus Berlin, aus dem voll besetztem Reisebus, auch Dr. Giesecke mit seiner hübschen Tochter Ottilie (Iva Shell), die dem Sonnyboy Dr. Siedler nur allzu gut gefällt. Aus Sangershausen reist der schöne Sigismund an, Fabrikantensohn, der sich spontan in das lispelnde Klärchen verliebt. „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“, kann man da noch widerstehen? Klärchen ist Tochter des sparsamen und armen Privatgelehrten Prof. Dr. Hinzelmann, (Wolfgang Krasnitzer). Allein die Wirtin zeigt sich Leopold gegenüber noch immer spröde, aber da kommt der Kaiser, ganz persönlich und hilft schließlich den Beiden zu ihrem Liebesglück. So finden drei glückliche Paare zueinander.

Ankunft und Ansprache des Kaisers mit Federhaube, ist natürlich ein Höhepunkt. Kaiser Franz Josef: es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“, das geht zu Herzen. Sehr würdevoll und echt gespielt von Wolfgang Hübsch. Natürlich ist auch diese Ankunft ein folkloristisches Highlight. Felix Meyerbier schuf dazu die schräg humorige  Choreografie. Der Chor, das Volk bejubeln Ihre Majestät und sind stets sehr präsent im lebendigen Operettengeschehen auf der Bühne

Natürlich begeistert zum guten Schluss das Ballett durch eine komödiantische Revue mit tanzenden, glücklichen Kühe und dem Schmetterling als Liebessymbol. Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“, Österreich, wie es liebt und lebt. Ohne Zahlkellner geht kein Gastgewerbe und so bekommt, das glückliche Ende abschließend, Leopold erhät von Josepha schließlich einen Chefvertrag auf Lebenszeiten.

Das überraschend glückliche Ende der Operette wird vom erneut ausverkauften Haus ebenso froh und wohlgemut gefeiert

Im weißen Rössl am …  Gärtnerplatztheater; die weiteren Termine 11.5.; 12.5.2019

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