Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Lulu – Ballett nach Frank Wedekind, IOCO Kritik, 22.06.2018

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

LULU — Ballett von Christian Spuck –  Frank Wedekind 

Menschen ohne Hoffnung auf Liebe und Zukunft  –  Stuttgarter Ballett 

Von Peter Schlang

Im Jahr 2003  schuf  der damals in jeder Hinsicht noch junge Haus-Choreograf Christian Spuck mit seiner auf Frank Wedekinds Drama Lulu. Eine Monstretragödie basierenden  gleichnamigen Choreografie für die Stuttgarter Compagnie nicht nur sein erstes Handlungsballett, das bis zu seinem Verschwinden aus dem Stuttgarter Ballettspielplan im Jahr 2008  ein umjubelter Publikumsmagnet war, sondern auch das erste Handlungsballett unter der Intendanz  des zum Ende dieser Spielzeit aus seinem Amt scheidenden Reid Anderson überhaupt. Auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin überarbeitete der seit sechs Jahren  als Ballettdirektor in Zürich wirkende Spuck seinen überaus sinnigen wie schonungslos verstörenden Ballett-Thriller, womit sich für beide – Anderson wie Spuck  – ein Kreis schloss. Diese sowohl dramaturgisch-choreografisch als auch ästhetisch und ausstattungsmäßig behutsam, aber wirkungsvoll aktualisierte Fassung erlebte am 6. Juni  ihre begeistert gefeierte Premiere.  Der IOCO – Besprechung dieses erneut fesselnden, vielschichtigen und vor der noch immer anhaltenden Debatte nach und um „#MeToo“ auch äußerst aktuellen Ballett-Ereignisses liegt die erste Repertoire-Vorstellung nach der Premiere zugrunde, die am 15. Juni das Publikum im ausverkauften Stuttgarter Opernhaus erneut zu Begeisterungsstürmen  hinriss.

Staatstheater Stuttgart / Lulu - Ballett von Christian Spuck hier :  Alicia Amatriain als Lulu © Carlos Quezada

Staatstheater Stuttgart / Lulu – Ballett von Christian Spuck hier : Alicia Amatriain als Lulu © Carlos Quezada

In seinem dreiaktigen, fast zweistündigen Werk verbindet Christian Spuck unterschiedliche Ebenen bzw. Zusammenhänge, die er aus den verschiedenen Fassungen von Wedekinds Theatervorlage heraus destilliert hat. Es gelingt ihm dabei sehr erfolgreich, mit psychologischen, dramaturgischen, tänzerischen und auch musikalischen Mitteln dem komplexen Themenmix  aus Sexualität, Verführung, Begierden, Geschlechterrollen und erotischen Fantasien beizukommen und daraus eine schlüssige, konzise und fesselnde Balletthandlung zu formen. Diese zeichnet sich wie  die anderen, nachfolgenden Handlungsballette Spucks durch eine absolut stimmige, sehr genaue Personenzeichnung aus, die nicht nur den einzelnen Figuren bzw. Rollen Farbe und Kontur verleiht, sondern auch in die pas de deux und in Ensemble-Figuren ausstrahlt, diese zu vibrierenden charakterlichen und soziologischen Studien macht und überragenden Anteil am großen Erfolg dieser genialen Tanz-Adaption hat.

Der Garant für die äußerst erfolgreiche Umsetzung dieses Konzepts ist natürlich auch dieses Mal wieder die herausragende, alle Schwierigkeiten bei Seite schiebende Stuttgarter Compagnie bei, an deren Spitze in dieser Produktion die erste Solistin Alicia Amatriain steht, welche schon vor 15 Jahren die Lulu verkörpert hatte. Nun, zu einer international gefeierten und anerkannten Prima Ballerina und Charakter-Darstellerin gereift,  macht sie aus dieser Rolle einer anziehenden wie abstoßenden Femme Fatale eine Charakterstudie, die jedes Psychothrillers würdig ist und in jeder Bewegung und noch so winzigen Geste oder mimischen Regung zeigt, wie scheinbar schamlos- und moralfrei, dabei aber auch gespalten, zerrissen und hoffnungslos diese Frauenfigur angelegt ist und agiert. Amatriains  Bühnenpräsenz  ist eine Klasse für sich, und das nicht nur,  wenn sie selbst tänzerisch gefordert ist, sondern auch, wenn sie quasi unbeteiligt am Rande steht oder auf einer Stufe der dramaturgisch so wirkungsvoll von Dirk Becker gebauten Freitreppe kauert.

Staatstheater Stuttgart / Lulu - Ballett von Christian Spuck  - hier : Alicia Amatriain als Lulu und Compagnie © Carlos Quezada

Staatstheater Stuttgart / Lulu – Ballett von Christian Spuck – hier : Alicia Amatriain als Lulu und Compagnie © Carlos Quezada

Nicht minder fesselnd  und den Betrachter in ihren Bann ziehend agiert die famose Anna Osadcenko als die von Lulu wie ihre männlichen Konkurrenten angezogene Gräfin von Geschwitz, die durch ihre große Tanzkunst ebenso überzeugt, wie durch ihre charakterliche und darstellerische Authentizität.

Auch die Tänzer der männlichen Hauptrollen  begeistern durch ihre Gestaltungsfreude und tänzerische Perfektion, so Roman Novitzky in der herausfordernden Doppelrolle des Dr. Franz Schöning und des Serienmörders Jack the Ripper, Noan Alves als Porträtmaler und Lulus zweiter Mann Eduard Schwarz, Flemming Puthenpurayil als Lulus Liebhaber Rodrigo und David Moore, welcher die schwierige Rolle von Schönings Sohn Alwa überzeugend ausfüllt. Eine Sonderrolle unter den an diesem Abend nicht nur tänzerisch-physisch, sondern auch darstellerisch-psychisch stark beanspruchten Tänzerinnen und Tänzern kommt  Louis Stiens zu, der nicht nur die Figur von Lulus „Entdecker“  und erstem Förderer und Protektor Schigolch tänzerisch-darstellerisch sehr gekonnt und abgestuft mit  Leben füllt, sondern als Rezitator von Vernehmungs- und Anklageprotokollen Jack the Rippers auch schauspielerisch bzw. als Sprecher gefragt ist. Die Textverständlichkeit seines Vortrags leidet allerdings stellenweise unter verschiedenen Einflüssen, weshalb man sich hier den für Opernvorstellungen längst selbstverständlichen Einsatz von Obertiteln gewünscht hätte.

Großen Anteil an der Dringlichkeit, Spannung, Eindrücklichkeit und Leidenschaft dieses Balletts hat die von Christian Spuck und seinen Beratern dafür ausgewählte Musik, die wie immer in Stuttgart live aus dem Orchestergraben, aber auch von einer Showbühne  in der  im gewaltigen Einheitsbühnenbild Dirk Beckers zu sehenden Lobby kommt. Die zu hörenden, allesamt aus der Entstehungs- bzw. Handlungszeit der Lulu stammenden Werke  von Alban Berg,  Arnold Schönberg und Dmitri Schostakowitsch fungieren  nicht nur als musikalische Untermalung eines ausdrucksstarken Tanzes, sondern sind gleichsam die zweite Ebene der Personen- und Charakterzeichnung. Egal ob Schostakowitschs mitreißende Jazz-Walzer, Bergs Auszüge aus seiner Lulu-Suite bzw. seiner drei Orchesterstücke oder Schönbergs Sätze seiner fünf Orchesterstücke: Jedes Musikstück kontrastiert und unterlegt die Handlung hilfreich wie überzeugend, gibt ihr wichtige Impulse zum Verstehen des Bühnengeschehens und stellt  gleichzeitig auch  ein erzählend-kommentierendes Element dar.

Staatstheater Stuttgart / Lulu - Ballett von Christian Spock - hier : Alicia Amatriain als Lulu und Louis Stiens © Carlos Quezada

Staatstheater Stuttgart / Lulu – Ballett von Christian Spock – hier : Alicia Amatriain als Lulu und Louis Stiens © Carlos Quezada

Das Staatsorchester unter der bewährten, aber nie distanziert-routinierten Leitung seines Ballett-Dirigenten James Tuggle setzt die unterschiedlichen Partituren mit Verve und Schmiss und großer Differenzierungsfähigkeit wie ausgefeilter Dynamik jederzeit überzeugend in Szene bzw. Töne und liefet so dem begnadeten Geschichtenerzähler Christian Spuck und seinen begeisternden Tänzerinnen und Tänzern eine kongeniale Plattform .

Tamas Detrich, der künftige Stuttgarter Ballett-Intendant, darf sich über dieses kostbares Erbe seines  Vorgängers Reid Anderson und dessen einstigem Zögling und jetzigen Züricher Kollegen Christian Spuck freuen wie ein reich beschenktes Kind!

LuluBallett von Christian Spuck nach Frank Wedeking: Weitere Vorstellungen 23., 24. und 30. Juni sowie am 02., 04., 07., 08., 10. und 14. Juli 2018

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Wiesbaden, Hessisches Staatstheater, Götterdämmerung – Richard Wagner, IOCO Kritik, 28.05.2018

Hessisches Staatstheater Wiesbaden

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

Hessisches Staatstheater Wiesbaden © Martin Kaufhold

GÖTTERDÄMMERUNG  –  Richard Wagner

– Der Untergang der Götter – Durch Menschenhand –

Von Ingrid Freiberg

Der Ring des Nibelungen ist die Überforderung der Operngeschichte schlechthin. Es wird erlitten, zerrissen, verflucht, geliebt, bewundert, abgesessen, verehrt und verteufelt.

Scheitern ist das Mantra der Götterdämmerung

Regisseur Uwe Eric Laufenberg hat sich mit der Inszenierung des Rings einen Lebenstraum erfüllt. Seine Götterdämmerung beschreibt den Untergang der Götter mit aktuellen Gegebenheiten und den Entwicklungen in einer realen Welt. Er erzählt von Hoffnung und Enttäuschung, Traum und Wirklichkeit, Utopie, Krieg und Untergang. Szenen von verstörender Intensität kulminieren beständig und enden in der Darstellung eines sich auflösenden Weltalls.

Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Richard Wagner in Bayreuth © IOCO

Die Welt kennt wenige bedeutende Dichterkomponisten. Einzig und allein Richard Wagner ist es gelungen, zehn Bühnenwerke zu schaffen, die zum eisernen Bestandteil des Opernrepertoires gehören und gleichzeitig Sternstunden der Poesie sind.  „Vollendet in Wahnfried am 21. November 1874. Ich sage nichts weiter!“ mit diesen Worten schloss Wagner die Partitur der Götterdämmerung ab. Die Uraufführung fand am 17. August 1876 im Rahmen der Richard-Wagner-Festspiele statt. Wagner übernahm die künstlerische Gesamtleitung, gab täglich neue Anordnungen, seine Regieanweisungen konterkarierend „Die großen Noten kommen von selbst, die kleinen Noten und der Text sind die Hauptsache!“

Feuerzauber in einer Schale

Die drei Nornen spinnen keine goldenen Schicksalsfäden, sondern schießen grüne Laserstrahlen aus ihren mit Präsentationspointern präparierten Handschuhen. Nach ihrer Weissagung, dass Walhall verbrennen wird, sobald die Rheintöchter den Ring wieder besitzen, verlöschen die Strahlen.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier : die drei Rheintöchter und Siegfried  im Lokal ZUM RHEINGOLd © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier : die drei Rheintöchter und Siegfried  im Lokal ZUM RHEINGOLd © Karl Monika Forster

In einem mit Designermöbeln ausgestatteten Glas-Bungalow haben sich Siegfried und Brünnhilde eingerichtet. Die in einer kleinen Schale flackernde Flamme ist eine Reminiszenz an den Feuerzauber auf dem Walkürenfelsen, an dem – laut Libretto – des Nachts die drei Nornen lagern. Siegfried betritt „sein Haus“ sich ausgiebig räkelnd, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und einem Elektrorasierer im Gesicht. Kurz darauf erscheint Brünnhilde im Negligé und zieht ihm, ganz fürsorgliche Ehefrau, seine Jacke an, stellt ihm die Schuhe bereit. Die beiden albern herum und küssen sich zärtlich.

Siegfried wird die traute Zweisamkeit langweilig. Er will auf zu neuen Taten. Vorahnend beschwört Brünnhilde ihn Gedenk‘ der Eide, die uns einen; gedenk‘ der Treue, die wir tragen; gedenk‘ der Liebe, der wir leben Brünnhilde brennt dann ewig heilig dir in der Brust!“ Sie übergibt Siegfried ihr Pferd Grane als Liebespfand. Es ist riesig groß, ein Machtsymbol, ein trojanisches Pferd, mit dem die Menschheit in die Vernichtung rast. Siegfried gibt ihr den Ring, den er Alberich vom Finger gezogen hat. Stürmisch nehmen die Liebenden Abschied. Amüsant: Händeringend und kopfschüttelnd kommt Siegfried noch einmal zurück, um sein Schwert zu holen, das er vergessen hat…

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier : Alberich und Hagen im Zwiegespräch © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier : Alberich und Hagen im Zwiegespräch © Karl Monika Forster

Die Halle der Gibichungen am Rhein

Siegfrieds Rheinfahrt endet am Hof von Gunther und Gutrune, dem ledigen Gibichungen-Geschwisterpaar. (Die Fahrt wird durch Videostreifen illustriert – erkennbar die nahegelegene Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub.) In der Gibichungenhalle steht der große rechteckige Konferenztisch, der schon Wotans Walküre-Kriegsrat zur Verfügung stand. Haben die Gibichungen diesen von Wotan erworben? Haben die weltlichen Herrscher die Macht bereits übernommen?

Modebewusst und selbstsicher tritt Gunthers Schwester Gutrune auf. Gunther und sie werden als inzestuöses Geschwisterpaar gezeigt. Den machtbesessenen Hagen erkennt das Geschwisterpaar neidlos als Ratgeber an. Hagen hält Siegfried für eine ebenbürtige Partie für seine Halbschwester Gutrune. Dass der „herrlichste Held der Welt“ sie begehren könne, glaubt diese hingegen nicht. Da erinnert sich  Hagen an einen Vergessenstrunk, der einerseits die Vergangenheit auslöscht „dass je ein Weib ihm genaht“, andererseits die Liebe zu einer neuen Frau weckt.

Gunther erzählt Siegfried, er kenne ein starkes Weib und würde es gerne zur Frau nehmen, traue sich aber nicht. Der dem Zauber Verfallene verspricht ihm, für ihn zu werben und drängt „Frisch auf die Fahrt!“ „Um die Rückkehr ist’s mir jach!“.

Siegfried und Gunther schließen Blutsbrüderschaft, die von Hagen an dem langen Konferenztisch zu Papier gebracht und vertraglich besiegelt wird. Ihm geht es ausschließlich um den Ring, den Brünnhilde noch trägt. Seine Träume flackern über die Leinwand, Alberich schleicht sich sichtbar in diese hinein. Die beiden Blutsbrüder eilen davon. Hagen bleibt zurück und bewacht die Halle. In einem Selbstgespräch höhnt er ihnen nach „Ihr freien Söhne, frohe Gesellen, segelt nur lustig dahin! Dünkt er euch niedrig, ihr dient ihm doch, des Niblungen Sohn.“ (überzeugend diabolisch Albert Pesendorfer)

Walkürenfelsen – Ein Glasbungalow

Brünnhilde wartet, modern bekleidet, gelangweilt Magazine lesend, den Ring betrachtend, auf Siegfried. Sie ist beunruhigt und ahnungsvoll. Allein der Ring, Siegfrieds Liebespfand, gibt ihr Halt. Das Feuer in der Schale ist erloschen. Wotan sitzt stumm vor dem Haus. Der Speer, einst das Symbol seiner Macht, für den er ein Auge gegeben hat, ist zerbrochen Er sieht nur noch auf einem Auge, dem der Macht und derer Erhaltung.

Waltraute  beschwört  Brünnhilde

Statt Siegfried kommt Waltraute zu Besuch. Brünnhilde glaubt zunächst an ein Versöhnungsangebot Wotans, der ihr noch immer zürnt. Doch Waltraute beschwört Brünnhilde, den geraubten verfluchten Ring den Rheintöchtern zurückzugeben und

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier - Catherine Foster als Brünnhilde © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier – Catherine Foster als Brünnhilde © Karl Monika Forster

damit auch dem lebensmüden Göttervater Frieden zu verschaffen. (Die beiden Sängerinnen meistern ihre Partien bravourös, obwohl sie bisweilen im Inneren des Bungalows zu singen haben.)

 Brünnhilde, keine Walküre mehr, ist nichts wichtiger als ihre Liebe zu Siegfried. Empört lehnt sie ab, den Ring zu opfern Geh hin zu der Götter heiligem Rat! Von meinem Ringe raune ihnen zu Die Liebe ließe ich nie, mir nähmen nie sie die Liebe, stürzt‘ auch in Trümmern Walhalls strahlende Pracht!“

„Nun, Nothung, zeuge du, dass ich in Züchten warb“

Siegfried betritt den Bungalow. (Wo bleibt hier die Intensität von Wagners genialem Feuerzaubermotiv, in vielen Inszenierungen auch optisch eine Augenweide?) Entsetzt erblickt Brünnhilde einen Fremden „Zur Schande zwingst du mich nicht, so lang’ der Ring mich beschützt.“ Drohend streckt sie ihm den Ring entgegen.

Der vermeintlich Fremde macht kurzen Prozess. Mit einer Latex-Gesichtsmaske verkleidet, die ihn täuschend echt wie Gunther aussehen lässt, überwindet der erinnerungslose? Siegfried seine Frau, um sie für den Schwächling Gunther zu erobern. Er knöpft sich die Hose auf, schiebt verächtlich Brünnhildes Beine auseinander und missbraucht die Ohnmächtige zu den düster schneidenden h-Moll-Klängen. Es ist ein bestürzender Akt. Nothung, sein Schwert, müsste Abscheuliches bezeugen!

„Schläfst du, Hagen, mein Sohn?“

Alberich erscheint seinem Sohn Hagen im Schlaf. Der alte Nibelung wird durch eine Projektion verdoppelt. Hagen sitzt in einem Drehstuhl auf dem langen Konferenztisch, nur von einem Spot erhellt. Neben dem Tisch sitzt Alberich, der in Echtzeit gefilmt überdimensional hinter Hagen projiziert wird. Die Bilder unterstreichen intensiv den Traumcharakter der Szene.

Alberich giert, anders als Wotan, weiter nach Ring und Macht Ich – und du! Wir erben die Welt. Trüg‘ ich mich nicht in deiner Treu‘, teilst du meinen Gram und Grimm“. Alberich schwört Hagen auf den Kampf um die Ring-Welt ein. Schlaftrunken antwortet dieser „Den Ring soll ich haben […] Mir selbst schwör’ ich’s; schweige die Sorge!“ (Das Zwiegespräch ist einer der Höhepunkt des Abends.)

„Du lügst, du bist bereits mit mir vermählt“

Unvermittelt steht Siegfried neben Hagen. Er berichtet von „Gunthers“ erfolgreichem Brautzug und fordert Hagen und Gutrune auf „drum rüstet jetzt den Empfang!“ Die Doppelhochzeit soll endlich gefeiert werden! Auch Gunther und Brünnhilde treffen ein. Feierlich schreitet er mit Brünnhilde „welche bleich und gesenkten Blickes ihm folgt,“ in die Halle. Als Gunther Gutrune und Siegfried als Brautpaar ankündigt, blickt Brünnhilde erschrocken auf „Siegfried – kennt mich nicht?“ Als sie den Ring an Siegfrieds Finger entdeckt, erahnt sie den Betrug. Siegfried erzählt „Den Ring – empfing ich nicht vom ihm, von keinem Weib kam mir der Reif… genau erkenn‘ ich des Kampfes Lohn, den vor der Neidhöhl‘ einst ich bestand, als den starken Wurm ich erwürgt.“ Verzweifelt schreit Brünnhilde ihm entgegen Du lügst, du bist bereits mit mir vermählt“.

Aufgewühlt sitzt Gunther in der Ecke „Betrüger ich – und betrogen! Verräter ich – und verraten! Zermalmt mir das Mark! Zerbrecht mir die Brust! Hilf, Hagen! Hilf meiner Ehre! Hilf deiner Mutter, die mich – auch ja gebar!“ Brünnhildes grenzenlose Liebe zu Siegfried verwandelt sich in Hass. (Das Rachemotiv gehört zu den stärksten Momenten. Catherine Forster elektrisiert das Publikum.) Brünnhilde verrät Hagen und Gunther die einzige Stelle, an der Siegfried verwundbar ist.

Im Wasser wie am Lande lernte nun ich Weiberart…“

Erneut ist das Augenlid-Oval  auf der Bühne zu sehen – diesmal mit gefranstem Glamour-Vorhang und der geschwungenen Leuchtüberschrift „Zum Rheingold“. Die Rheintöchter – in Netzstrümpfen -scheinen sich dem horizontalen Gewerbe verschrieben zu haben. Aufreizend, sich an der Bar rekelnd, becircen sie Siegfried. Wollen sie den Ring oder Bezahlung für gewisse Dienste?

Doch schnell wird klar Die Rheintöchter versuchen, ihm den Ring abzuschmeicheln. Als er das verweigert, warnen sie ihn vor dem Fluch, dem er noch heute zum Opfer fallen werde. Munter entgegnet Siegfried  Im Wasser wie am Lande lernte nun ich Weiberart, wer nicht ihrem Schmeicheln traut, den schrecken sie mit Drohen; wer dem nun kühnlich trotzt, dem kommt dann ihr Keifen dran.“  Die Androhung des baldigen Todes lässt ihn furchtlos trotzig auf den Besitz des Rings beharren.

Hagen träufelt den Saft eines Krautes in sein Trinkhorn

Während die Rheintöchter entschwinden, um Brünnhilde aufzusuchen, trifft die Jagdgesellschaft mit Hagen und Gunther ein. Hagens Mannen haben ordentlich viel Wild erjagt, das stolz auf dem Boden der Bühne präsentiert wird. Ausgelassen prosten sie sich zu. Siegfried versucht, den verunsicherten Gunther mit Berichten seiner Taten zu unterhalten.

Damit Siegfrieds Erinnerung zurückkehrt, mischt Hagen einen Trunk. Schwärmend erzählt Siegfried von seiner Liebesbegegnung mit Brünnhilde und unbekümmert von den Wasservögeln, die ihm seinen heutigen Tod angekündigt hätten „Auf Waldjagd zog ich aus, doch Wasserwild zeigte sich nur. War ich dazu recht beraten, drei wilde Wasservögel hätt‘ ich euch wohl gefangen, die dort auf dem Rhein mir sangen, erschlagen würd‘ ich noch heut.“ (Die „Waldvogel-Höhen“ zitiert Lance Ryan mit bewundernswerter Genauigkeit.)

Siegfrieds Meineid ist aufgedeckt. Hinterlistig stößt Hagen dem Ahnungslosen den Speer in den Rücken. Mit Brünnhilde im Herzen stirbt Siegfried. Hagen greift nach der Hand des „Helden?“, die dieser noch einmal drohend emporstreckt.

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung - hier : Siegfried wird durch Hagen ermordet © Karl Monika Forster

Hessisches Staatstheater Wiesbaden / Götterdämmerung – hier : Siegfried wird durch Hagen ermordet © Karl Monika Forster

Siegfried erhält  eigenes Bühnenbild

Das Geschehen unterstützend erhält Siegfried in seiner letzten Stunde ein eigenes Bühnenbild. Gegenstände als Symbole für Stationen aus Siegfrieds Leben werden ausgestellt Sein Jugendzimmersofa mit den Kopfhörern, Mimes speckiger Kühlschrank, der Tarnhelm, eine Warnlichtsäule aus Fafners Goldlager, der Amboss und die Schmiede mit denen er Nothung schmiedete… Die Szene bekommt etwas Unwirkliches durch ein Video. Man sieht Siegfrieds Bewegungen und das Bühnenbild als Endlos-Lichttunnel. Der tote Siegfried wird zu den toten Tieren gelegt. Der größte Held, der reichste und mächtigste Mann der Welt, ist auch nur ein Kadaver.

Hagen wird in der Gibichungenhalle ertränkt

Nach verborgener Szenenverwandlung wird Siegfried auf dem symbolträchtigen Konferenztisch der Gibichungenhalle aufgebahrt. Der Schicksalsfaden ist gerissen. Siegfried, Wotans Enkel, der den Ring des Nibelungen am Finger trägt, der die Welt retten sollte, starb im Wald. Hagen brüstet sich trotzig mit dem Mord, weil der Tote „Meineid sprach“. Er macht „Heiliges Beuterecht“ geltend und fordert den Ring. Gunther stellt sich ihm – zum ersten Mal – mutig in den Weg. Obwohl sich die Mannen dazwischen werfen, gelingt es Hagen ihn mit einem Streich zu erschlagen. Die zurückgekehrte Brünnhilde ergreift den Ring und nimmt ihn sinnend betrachtend an sich. In tiefer Erschütterung, mit überwältigender Wehmut, wendet sie sich Siegfried zu und preist  noch einmal den Toten.

Von den Rheintöchtern weiß Brünnhilde um den fluchbeladenen Ring. Sie dankt ihnen für „redlichen Rat“. Inzwischen errichten die Mannen  einen mächtigen Scheiterhaufen. Brünnhilde steckt sich den Ring an und wendet sich dem Scheiterhaufen zu. Auf Siegfrieds Leiche ausgestreckt, entreißt sie einem der Männer seine Fackel und zündet sich an. Aus der Asche sollen die Rheintöchter  den durch Feuer vom Fluch gereinigten Ring an sich nehmen. Hagen versucht die Rheintöchter zu verjagen. Doch sein Bemühen, ihnen den wiedererlangten Ring abzunehmen, scheitert. Die Rheintöchter ertränken ihn in der wasserlosen Gibichungenhalle.

Die Erde entfernt sich aus unserem Sonnensystem

Am Ende gerät die Welt aus den Fugen. Alberichs Ring-Fluch ist wahr geworden. Die Götter sind schutzlos seinem Machtanspruch ausgeliefert. Die Schlussprojektionen entfernen sich von der Erde, unserem Sonnensystem, unserer Galaxie – bis alles wieder ein riesiges Auge bildet, in das Gutrune durch ein Fernrohr sieht. Das Auge ist der Anfang und das Ende. Am Anfang haben die Menschen die Welt, in die sie geworfen wurden, zu betrachten begonnen, nun haben sie sie erobert. Sucht Gutrune jetzt beim Publikum – im hell erleuchteten Theater – Unterstützung für eine bessere Zukunft?

 Ein großer Abend – Schlüssige Inszenierung

Catherine Foster begeistert das Publikum. Es gelingt ihr, Glück und Traurigkeit Brünnhildes mit großer Innigkeit darzustellen. Überragend gestaltet sie den Schlussmonolog, den sie glühend aussingt. Lance Ryan kann seinen starken Tenor wunderbar schattieren und wandeln. Er zeigt glaubhaft die verunsicherten, verletzlichen Seiten des ebenso großen wie tumben Helden Siegfried auf. Das „Bayreuther“ Liebespaar überzeugte auch in Wiesbaden.

Richard Wagner Denkmal im Berliner Tiergarten, zu seinen Füßen Wolfram von Eschenbach © Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal im Berliner Tiergarten, zu seinen Füßen Wolfram von Eschenbach © Rainer Maass

Thomas de Vries gibt einen vokal wuchtigen Zwerg Alberich mit überzeugender Intensität. Das Zwiegespräch mit Albert Pesendorfer gehört zu den Spitzenleistungen des Abends. Albert Pesendorfers körperlich und stimmlich überragender Hagen ist in seiner Gefährlichkeit glaubwürdig. Anfangs fast jovial, bald mit bröckelnder Fassade kann er seine Gier kaum verstecken.

Betsy Horn überzeugt gesanglich und darstellerisch mit ihrem klaren Sopran als glitzernd-lässige Gutrune, die zwar den Aufstieg will, aber die Dimensionen der Bosheit, die dazu gehören, nicht erreicht. Ihre Dritte Norn ist wunderbar einfühlsam. Johannes Martin Kränzles Stimme hat Kraft und Fundament. Seine differenzierte Darstellung des Gunther als Weichling wurde zu Recht stark bejubelt. Margarete Joswig sang sich als Waltraute mit ihrem sinnlich satten Mezzo in die Zuschauerherzen. Ihre Warnung an Brünnhilde ist eindrucksvoll.

Die drei Nornen, Margarete Joswig/ Erste Norn, Silvia Hauer/ Zweite Norn, Betsy Horn/ Dritte Norn agieren sehr weiblich, wunderbar kammermusikalisch, stringent und kompakt. Die drei Rheintöchter, gesungen von Heather Engebretson/ Woglinde, Marta Wryk/ Wellgunde, Silvia Hauer/ Flosshilde harmonieren wunderbar. Verrucht verführen sie Siegfried, gesanglich überzeugend gelingt es ihnen sogar, Hagen wasserlos zu ertränken.

Chor- und Extrachor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, bestens disponiert von Albert Horne, schenkt den Theaterbesuchern erlesenen Wagnergesang.

Zu Recht gefeiert wird das Staatsorchester unter der Leitung von Alexander Joel. Sein Dirigat ist ausgewogen und transparent. Mit seiner von dramatischen Zuspitzungen geprägten Interpretation leistet das Orchester Bemerkenswertes. Von düsterer Blechgewalt bis hin zu brillanten Violinen gibt es schöne Abstufungen der einzelnen Instrumentengruppen.

Gisbert Jäkel zeigt mit seinem klassisch-modern inspirierten Bühnenbild den Untergang unserer Zivilisation mit Nuklearraketen, Atompilzen und Naturkatastrophen. Ohne die Videos von Falko Sternberg wäre der Abend nicht zu denken. Um von Hoffnung und Enttäuschung, Traum und Wirklichkeit, Utopie und Untergang erzählen zu können, bedient er sich ideologischer digitaler Mittel. Manchmal irritieren sie allerdings durch ihre Beliebigkeit.

Die eleganten Kreationen von Antje Sternberg/Kostüme erweisen sich als echte Hingucker, wie auch die stilistisch passenden Mobiliar-Accessoires. Über die bewaffneten, Fähnchen schwenkende Mannen kann man hinwegsehen; gelungen, die attraktiven halbseidenen Rheintöchter des Etablissements „Zum Rheingold“.

Bravo-Rufe vor allem für Catherine Foster, Albert Pesendorfer, Johannes Martin Kränzle, das Staatsorchester und Alexander Joel. Mit rhythmischem Applaus zwangen die Besucher Dirigent und Sänger immer wieder vor den Vorhang.

—| IOCO Kritik Hessisches Staatstheater Wiesbaden |—

 

Kassel, Staatstheater Kassel, 8. Sinfoniekonzert, Bellini Wagner Schönberg, 04.07.2018

Mai 24, 2018 by  
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Staatstheater Kassel

Staatstheater Kassel © N. Klinger

Staatstheater Kassel © N. Klinger

8. Sinfoniekonzert – 4. Juni 2018 – Stadthalle

Vincenzo Bellini: Sinfonia zu Norma
Richard Wagner / Felix Mottl: Wesendonck-Lieder WWV 91
Arnold Schönberg:  Pelleas und Melisande –  Sinfonische Dichtung op. 54

Dirigent: Francesco Angelico, Solistin: Okka von der Damerau (Mezzosopran)

Staatstheater Kassel / Francesco Angelico - GMD Staatstheater Kassel © N. Klinger

Staatstheater Kassel / Francesco Angelico – GMD Staatstheater Kassel © N. Klinger

Zum Abschluss seiner Sinfoniekonzert-Saison spielt das Staatsorchester Kassel am Montag, 4. Juni, unter der Leitung von Generalmusikdirektor Francesco Angelico die Sinfonische Dichtung „Pelleas und Melisande“ von Arnold Schönberg, Vincenzo Bellinis Sinfonia zu Norma sowie Richard Wagners Wesendonck-Lieder in der Orchesterfassung von Felix Mottl. Eine Änderung hat sich bei der Besetzung der Sängerin ergeben: Statt Janina Baechle wird die international gefragte und Bayreuth-erfahrene Mezzosopranistin Okka von der Damerau die Wesendonck-Lieder singen.

Okka von der Damerau ist Ensemblemitglied der Bayerischen Staatsoper und wirkte an zahlreichen Produktionen dieses Hauses und der Münchner Opernfestspiele mit, u.a. als Brangäne in Tristan und Isolde. Bei den Bayreuther Festspielen war sie 2013 und 2014 im Ring des Nibelungen als 1. Norn, Floßhilde und Grimgerde zu erleben, 2015 gab sie ihr Debüt an der Mailänder Scala und 2016 an der Lyric Opera of Chicago. 2017 trat sie als Erda erstmals an der Wiener Staatsoper auf.

Staatstheater Kassel / Okka von der Damerau © Daniel Schäfer

Staatstheater Kassel / Okka von der Damerau © Daniel Schäfer

Bellini und Wagner in einem Konzert? Das mag auf den ersten Blick verwundern. Stehen hier nicht musikalische Italianità gegen deutsche Bedeutungsschwere? Richard Wagner selbst wäre darüber durchaus anderer Ansicht gewesen: Er bewunderte Bellini für die unendlichen Melodien, die der Italiener anscheinend mühelos hervorzauberte – und die Wagner auf ganz andere Weise für sich neu erfand, als er „Tristan und Isolde“ komponierte.

Wagners Sympathie für die beiden unglücklich Liebenden und die musikalische Nähe einer Wesendonck-Lieder zu „Tristan und Isolde“ entspringen der sehnsuchtsvollen Liebesgeschichte zwischen ihm und der Schriftstellerin Mathilde Wesendonck, der Frau seines Züricher Gönners Otto Wesendonck. Seine Vertonung von fünf Gedichten Mathilde von Wesendoncks spiegeln den zwischen überschwänglicher Euphorie und wahnhafter Bedrücktheit schwankenden Zustand der heimlich Liebenden.

Zwei unglückliche Liebende, die in dieser Welt nicht zueinander finden können, sind auch Pélleas und Mélisande. Selten hat ein Drama so viele Komponisten inspiriert wie das gleichnamige Stück des Symbolisten Maurice Maeterlinck. Arnold Schönberg plante zunächst eine Oper, schrieb dann aber 1902 als sein Opus 5 eine 40-minütige sinfonische Dichtung, die ganz im Sinne von spätromantischer Programmmusik die einzelnen Stationen des Dramas nachvollzieht und eine ungeheure Palette an faszinierenden Orchesterfarben aufbietet – flirrend, schmelzend, aber auch schaurig abgründig.

4.6.2018: Konzertbeginn 20 Uhr. 19.15 Uhr findet eine Einführung statt. Karten erhältlich an der Theaterkasse, Tel. (0561) 1094-222

—| Pressemeldung Staatstheater Kassel |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Die Fantastischen Fünf – Reid Anderson, IOCO Kritik, 27.03.2018

März 29, 2018 by  
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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Die Fantastischen Fünf  –  Stuttgarter Ballett

Von Anfang und Abschied – Letzter Ballettabend in Reid Andersons Intendanz

Von Peter Schlang

Wenn die 22 jährige Dienstzeit Reid Andersons als Intendant des Stuttgarter Balletts im Juli mit einer ihm gewidmeten Festwoche zu Ende geht, wird die Liste der unter bzw. von ihm aus der Taufe gehobenen Uraufführungen weit über 100 Choreografien umfassen, darunter sage und schreibe elf abendfüllende Handlungsballette. Die meisten dieser Kreationen stammen aus den Köpfen und Händen von „hauseigenen Stuttgarter Kräften“, seien es Choreografinnen und Choreografen, die, häufig aus der Compagnie hervorgegangen, am Haus tätig waren, oder Tänzerinnen und Tänzer, die diesen Weg gerade eingeschlagen hatten oder im Begriff waren, dies zu tun.

Die Fantastischen Fünf  –  Im Schauspielhaus

Eine Frau und vier in diese Kategorien gehörenden Männer wurden nun vom seit 1969 dem Stuttgarter Ballett angehörenden Anderson zu einem Choreografen-Quintett zusammengespannt, um seinem Entdecker und Förderer unter dem beziehungsreichen Titel Die Fantastischen Fünf ein vorgezogenes Abschiedsgeschenk zu machen. Dieses durfte der Beschenkte am Freitag, dem 23. März auf der „kleinen“ Stuttgarter Ballettbühne im Schauspielhaus vor vollen, mit glücklichen und vielfach auch jubelnden Ballettfans besetzten Rängen auspacken.

Stuttgarter Ballett / Die fantanstischen Fünf - hier Under the Surface mit Fernanda Lopez De Souza Lopes, Alessandro Giaquinto, Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantanstischen Fünf – hier Under the Surface mit Fernanda Lopez De Souza Lopes, Alessandro Giaquinto, Ensemble © Stuttgarter Ballett

Den Anfang dieses letzten Uraufführungs-Reigens dieser Spiel- und Amtszeit machte Roman Novitzkys Under the Surface, in dem das Multitalent (Novitzky ist nicht nur erster Solist und damit tanzender Choreograph der Stuttgarter Compagnie, sondern inzwischen auch deren Fotograf.) drei Tänzerinnen und fünf Tänzer verschiedene Formen und Stadien von Beziehungen und Begegnungen interpretieren lässt. Zu Musik von Ólafur Arnalds, Stephin Merritt und einer Auftragskomposition Marc Strobels entwickeln Fernanda De Souza Lopes, Jessica Fyfe, Veronika Verterich, Timoor Afshar, Matteo Crockard-Villa, Allessandro Giaquinto, Alexander Mc Gowan und Matteo Miccini ein wahres Feuerwerk an Charakter- und Gruppenstudien, die sich kurz mit fünf großen „ A“ zusammenfassen lassen: A wie Anmache, Annäherung, Anfang, Abstand und Abschied. In diesem halbstündigen Feuerwerk unter einer aus Glühbirnen geformten geometrischen Figur, unter der sich die gerade pausierenden Tänzer um einen großen Tisch versammeln, führt Novitzky dem Publikum verschiedene Stationen menschlicher Kontakte vor Augen. Diese kleidet er in ein originelles wie differenziertes Spektrum von Bewegungen und Figuren, welche die Tänzer kraftvoll und temporeich und nicht selten mit artistischem Aplomb auf die ganz in schwarz gehaltene Bühne bringen.

Das zweite Stück des gut dreistündigen Abends wurde Fabio Adorisio anvertraut, dem Jüngsten aus dieser verheißungsvollen Fünfer-Bande, der aber auch schon neun Choreografien geschaffen und seinem jüngsten Werk den Titel Or Noir gegeben hat. Damit spielt er auf die japanische Porzellan-Reparatur-Technik „Kintsugi“ an, was auf Deutsch „Goldverbindung“ oder „Gold flicken“ bedeutet.

Dabei verdecken die aufgebrachten Goldbänder nicht die Risse oder Brüche, sondern betonen und veredeln diese. Adorisio macht diesen Bezug durch raffinierte zweifarbige Trikots deutlich, in die er seine fünf Paare kleidet und die ebenso von ihm entworfen wurden wie der Bühnenraum. An dessen hinterem Ende sitzt das aus Streichern des Staatsorchesters gebildete Streichquintett, welches das von der Komponistin Nicky Sohn als Auftragswerk gelieferte einsätzige Werk „Even in the oddest time“ packend und akzentuiert zur Uraufführung brachte. Obgleich der Choreograf seine je fünf Tänzerinnen und Tänzer zu schönen, meist an klassischen Vorbildern orientierten Figuren und Bildern gruppiert, welche diese souverän auf die Bühne setzen, wirkt diese Arbeit etwas ermüdend und weniger inspirierend als das Vorgängerstück, welches vielleicht auch – zumindest beim Publikum – manche Energie aufgesaugt hat.

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf - hier Take your Pleasure seriously mit Alicia Amatriain und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf – hier Take your Pleasure seriously mit Alicia Amatriain und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Diese ist – und das auf allen Seiten – beim Mittelstück des Abends wieder uneingeschränkt zu spüren. Es wurde, gendermäßig völlig korrekt, der einzigen Frau dieses Choreografen-Teams anvertraut, der nach dieser Spielzeit sich von der Stuttgarter Compagnie verabschiedenden Halbsolistin Katarzyna Kozielska. Ihr und sich selbst wünscht man nach ihrem fulminanten Beitrag Take Your Pleasure Seriously, dass Tamas Detrich, Stuttgarts designierter neuer Ballettchef, sie als Gastchoreographin wieder einmal an ihre bisherige Wirkungsstätte holen möge. Die aktuelle Arbeit der gebürtigen Polin ist ihr Resümee über ihre fast zwanzigjährige Zugehörigkeit zur Stuttgarter Compagnie und gleichzeitig eine große Verbeugung vor der Leistung aller Ersten Solistinnen. Folgerichtig lässt Kozielska Alicia Amatriain alle Haltungen, Positionen und Figuren vorführen, die das klassische Ballett kennt, wirkungs- und eindrucksvoll wie dienend und unterstützend begleitet von ihren Kolleginnen Rocio Aleman, Diana Ionescu, Mizuki Amemiya, Joana Romaneiro und Aiara Iturrioz Rico sowie den zu gewaltigen Hebe- und Stemmfiguren angehaltenen Tänzern Jason Reilly, Martí Fernández Paixà, Daniele Silingardi, Adrian Oldenburger, Fraser Roach und Noan Alves. Es ist ein live vorgeführtes, mit Fleisch und Blut versehenes Vademekum der Tanzkunst und Ausdrucksmittel verschiedener Epochen und Genres, welche die sechs Paare in höchster Vollendung und mit größter Leidenschaft auf die Bretter stellen.

Die musikalische Grundlage liefert neben zeitgenössischer Musik vom Band Johann Sebastian Bachs Italienisches Konzert, das von Paul Lewis am langsam von links nach rechts fahrenden Flügel akzentuiert wie tänzerfreundlich gespielt wurde.

Der Unterschied, ja Bruch zum nächsten und vorletzten Stück dieses denkwürdigen Ballettabends hätte kaum radikaler ausfallen können, denn Louis Stiens, ebenfalls Halbsolist und von Reid Anderson schon mehrfach mit Choreografien betraut, ist sowohl in seiner Formensprache als auch musikalisch eindeutig der Gegenwart zugewandt und hier wiederum leicht der Generation Twitter und Instagram zuzuordnen. Sein Bekenntnis, die Musik zu seinen Arbeiten ständig online zu suchen, wird durch die lauten, zumindest für einen älteren Zuhörer die Schmerzgrenze überschreitenden Beats und Rhythmen als absolut richtig eingestuft. Skinny, der Titel dieses Werks, wird vom Rezensenten deshalb weniger als „Unter die Haut gehend“, denn als nichts für „Dünnhäutige“ und für Klang-Ästheten gedeutet. Zwar gelingen dem Jung-Choreografen, der sich im Programmheft auch als Hobby-DJ outet, durchaus eindrucksvolle und teils sensible Körperbilder, doch die meisten der zu dieser aktuellen Clubmusik kreierten Tableaus und Szenen führen seelenlose, kalte Maschinenmenschen, ja zu Zombies dressierte Wesen vor, die den Verfasser dieses Textes an Chaos und Apokalypse denken lassen. Und wenn der Rezensent die Reaktionen vieler anderer Zuschauerinnen und Zuschauer richtig gedeutet hat, fand nicht nur er keinen richtigen Zugang zu der von Stiens gewählten Ausdrucksform.

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf - hier Or Noir und Rocio Aleman und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf – hier Or Noir und Rocio Aleman und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Die gleiche Analyse dürften viele Besucher der Premiere auch in Bezug auf die letzte Arbeit des Abends treffen, auch wenn der Jubel für den scheidenden Haus-Choreografen Marco Goecke zumindest in manchen Ecken des Zuschauerraums orkanartige Dimensionen annahm und sich der etwas exzentrisch gebärdende, aber sichtbar gerührte Goecke einem regelrechten Blumenregen ausgesetzt sah. In der Tat polarisiert seine Tanzsprache auch in diesem letzten für das Stuttgarter Ballett geschaffenen Stück Almost Blue wohl wie die keines anderen zeitgenössischen Choreografen: Während die einen ob der konvulsivischen Zuckungen und der Tierwelt entlehnten Laut-Untermalungen verzückt und begeistert applaudieren, mögen andere eher verständnislos und ablehnend das Geschehen auf der Tanzbühne verfolgen. Zweifellos sind die von den vier Tänzerinnen und fünf Tänzern vorgeführten Bewegungen in ihrer Präzision äußerst bewundernswert, zumal die Beleuchtung, zusammen mit den von Thomas Mika geschaffenen Kostümen, für eindrucksvolle Momente und überraschende Effekte sorgt. Allerdings erschließen sich nicht alle der von Goecke eingesetzten Stilmittel und Kunstgriffe, sondern lassen den Berichterstatter an vielen Stellen eher ratlos und unberührt zurück.

Dieser natürlich sehr subjektive Eindruck schmälert indes die Kunst und Wirkung dieses abwechslungsreichen und spannungsgeladenen Ballettabends in keiner Weise. Und so sind Die fantastischen Fünf ein würdiges und bleibendes Vermächtnis des großen Tanz-Ermöglichers und Talente-Entdeckers Reid Anderson, dessen von ihm geförderte Choreografie-Talente mit ziemlicher Sicherheit weiter von sich reden machen werden – in Stuttgart und erst recht an anderer Stelle.

Die Fantastischen Fünf des Stuttgarter Ballett im Schauspielhaus; weitere Vorstellungen am 28. März, am 10., 21., 25. und 29. April sowie am 17. Juli 2018 im Stuttgarter Schauspielhaus

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