Wolfsburg, Scharoun Theater Wolfsburg, Staatsorchester Braunschweig – Istanbul, IOCO Kritik, 18.02.2020

Theater Wolfburg

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

Scharoun Theater Wolfsburg © Stadt Wolfsburg / Lars Landmann

 Staatsorchester Braunschweig  –  Christopher Lichtenstein

– eine Reise in den Orient – Istanbul Sinfonie von Fazil Say –

von Christian Biskup

Das Scharoun-Theater Wolfsburg ist eines der bedeutendsten Tourneetheater im deutschen Raum. Künstler wie Nigel Kennedy, Andris Nelsons, Thomas Hampson oder Joan Diego Florez standen schon auf der Bühne des von Hans Scharoun entworfenen Theaterbaus der Volkswagenstadt. In der Konzertreihe war nun das Staatsorchester Braunschweig mit dem „exotisch“ klingenden Programmtitel  Istanbul mit Werken von Joseph Haydn und Fazil Say zu Gast.

Exotismus hat in der Musik schon eine lange Geschichte. Der Begriff des Exotismus bzw. des Exotischen wird erstmals in François Rabelais´ Quart livre des faictz et dictz heroiques du noble Pantagruel verwendet. Mit exotique wird dabei alles nicht-europäische bezeichnet. M. P. G. de Chabanons verwendet den Begriff Ende des 18. Jahrhunderts erstmals in einem musikalischen Kontext, jedoch nicht, um auf fremdländische Elemente der eigenen Kunstmusik hinzuweisen, sondern um die „fremde“ Musikproduktion der eigenen gegenüber abzuwerten.

Als Beginn des intendierten musikalischen Exotismus wird allgemein Jean Baptist Lullys und Molieres Ballett Le Bourgeois gentilhomme (1670) bezeichnet. Entscheidende Hinweise erhielten die Komponisten der Zeit von Orientalisten, die durch authentische Berichte neben alltäglichen Erfahrungen auch Informationen über Instrumente sowie erste Reiseberichte mit orientalischen Melodiebeispielen nach Europa brachten. Anders als Bühnenwerke muss die reine Instrumentalmusik durch ihren musikalischen Gehalt, seien es Instrumente oder Melodien, exotische Atmosphäre vermitteln. In diesem Zusammenhang erwies sich im 18. Jahrhundert die türkische Musik, die als Janitscharenmusik im europäischen Rahmen in der militärischen Musik Verbreitung fand, als besonders inspirierend, so in Mozarts Entführung aus dem Serail.

Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess

Staatsorchester Braunschweig © Bettina Stoess

Was sich u.a. bei Giacomo Meyerbeer als „Couleur local“ in der französischen Musik niederschlug führte später durch die französische Weltausstellung 1889 mit genuin exotischer Musik auch bei Debussy, Ravel anderen Impressionisten zu Werken mit exotischen Bezügen.

Nach dem 1. Weltkrieg und der folgenden Internationalisierung von Musik, aber auch durch das Ideal einer Weltmusik galt der Exotismus als veraltet, was Komponisten wie Ludolf Nielsen oder Kurt Atterberg dennoch nicht davon abhielt, abendfüllende Bühnenwerke auf Sujets aus Fernost zu vertonen. Heute findet an ihn am ehesten in der Filmmusik.

Kein Exotismus, sondern ein eigenständiges Statement türkischer Musik und Kultur ist hingegen Fazil Says großangelegte Istanbul-Sinfonie. Das 2010 aufgeführte, eher an eine sinfonische Dichtung erinnernde Werk versucht einen Bogen von den Anfängen der Stadt bis zum heutigen Leben in all seinen Facetten zu spannen – und dies mit den Mitteln der türkischen Musik, instrumental wie melodisch traditionell verankert. Fazil Say über das Werk: „Istanbul kann man nicht erzählen mit Clustern, Atonalität und Zwölftontechnik. Istanbul muss man zum Teil romantisch oder nostalgisch erzählen. Es kommt nichts Avantgardistisches vor, aber dennoch Neues, denke ich, um diesem Brückenbau von Ost nach West gerecht zu werden.“

Der erste Satz „Nostalgie“ beginnt mit Meeresrauschen. Klänge der Endkantenflöte Ney (virtuos gespielt von Valentina Ballanova) mischen sich mit dem Streicherteppich und lassen den Orient direkt klanglich hörbar werden. Furios führt Say das Orchester zu den Erinnerungen an die Stadteroberung durch die Osmanen 1453. Im zweite Satz „Der Orden“ führt der bekennende Atheist Say die negativen Aspekte des Islams vor. Monoton stechend rhythmische Floskeln hämmern auf den Hörer ein, bis im dritten Satz „Die blaue Moschee“ ein Gegenbild gezeichnet wird. Wunderbar lichte lyrische Motive gipfeln in einem prächtigen Höhepunkt, das Wahrzeichen der Stadt darstellend. Als quasi Scherzo fungiert der vierte Satz „Hübsch gekleidete junge Mädchen auf dem Schiff zu den Prinzeninseln“. Leichte, tanzende Motive, Walzersequenzen und die wirbelnde Rhythmen der Darbuka (gespielt von Sebastian Flaig) lassen die Vorfreude und Feierstimmung der jungen Damen erahnen. Einzelne Tubaeinwürfe erklingen als Schiffshorn bevor der fünfte Satz „Über die reisenden auf dem Weg vom Bahnhof Haydarpasa nach Anatolien“ mit ratterndem Percussion-Ostinato eine Zugfahrt beschreibt. Ein langes, äußerst virtuoses Kanun-Solo (gespielt von Hesen Kanjo) leitet in den Höhepunkt ein – die „Orientalische Nacht“. Wild, furios, mitreißend zeichnet Say eine ausladende Festnacht, die mit mächtigen Paukenschlägen in das Finale münden, welches die nostalgische Anfangsstimmung wieder aufnimmt und mit Wellenrauschen die Reise in den Orient beendet.

Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann

Dirigent Christopher Lichtenstein © Björn Hickmann

Say bedient sich im dem bemerkenswerten Werk der modernen Palette westlicher Orchesterkultur und zeigt sich als fabelhafter Orchestrierer. Tonarten, Rhythmik, Instrumentation lassen die westliche Tradition mit der des Ostens reizvoll verschmelzen. Mit sichtlicher Spielfreude nahm sich das Staatsorchester unter der versierten Leitung des ersten Kapellmeisters Christopher Lichtenstein des Werkes an. Die zahlreichen Taktwechsel und rhythmisch ungewöhnlichen Strukturen meisterte das Orchester mit Bravour, lyrische Momente kostete Lichtenstein genussvoll aus. Das Wolfsburger Theater landete mit dem Werk im Programm einen Volltreffer beim Publikum. Standing Ovations, Bravo-Rufe und viel Beifall.

Nach dieser musikalisch breit gefächerten Farbpalette gingen die Eindrücke der Sinfonie Nr. 96 D-Dur von Joseph Haydn, die vor der Pause gespielt wurde, doch etwas verloren – was jedoch nicht an der Aufführungsqualität lag. Die erste von Haydns Londoner Sinfonien trägt den Beinamen „The Miracle“, der wie so oft in der Musikgeschichte nicht vom Komponisten selbst stammt. Die Begebenheit: Bei der Uraufführung der Sinfonie fiel wohl der Kronleuchter in den Hannover Square Rooms herunter. Weil jedoch das Publikum zum Komponisten huldigend an die Bühne strömte, kam niemand zu Schaden und der Beiname wurde geboren. Ob Legende oder nicht – die Sinfonie hält einige Überraschungen parat, so der harmonisch Moll-Ausbruch in der Schlussgruppe des ersten Satzes, das walzerartige Oboensolo im Menuett oder das Perpetuum mobile im Finale – Papa Haydn weiß, wie er die Spannung aufrecht halten kann und zeigt dabei seinen überlieferten Humor. Duftig leicht, die Soli auskostend, stets den großen Bogen im Blick, gestaltet Lichtenstein die Sinfonie geistvoll und spritzig – viel Beifall!

—| IOCO Kritik Scharoun Theater Wolfsburg |—

Hamburg, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Kent Nagano dirigiert Silvesterkonzert, 31.12.2019

Dezember 18, 2019 by  
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Staatsorchester Hamburg

 Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte _ Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Prominente Spielstätte – Philharmonisches Staatsorchester Hamburg © Ralph Lehmann

Kent Nagano dirigiert Silvesterkonzert

Traditioneller Jahresausklang am Vormittag des 31. Dezember 2019

Zum Jahresausklang präsentiert Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano ein Programm mit sinnstiftenden Querverbindungen und Gegenüberstellungen von alter und neuerer Musik, Festlichem und Nachdenklichem.

Neben Altmeistern wie Giovanni Gabrieli und J.S. Bach darf – mit Blick aufs Jubiläumsjahr – Ludwig van Beethoven natürlich nicht fehlen. Sofia Gubaidulina ist ebenso vertreten wie Felix Mendelssohn Bartholdy mit seiner „Reformations-Symphonie“, die den feierlichen Abschluss bildet. Mit dem Programm möchten sich Kent Nagano und die Philharmoniker gemeinsam mit ihrem Publikum vom alten Jahr verabschieden und gleichzeitig das neue Jahr 2020 begrüßen.

Silvesterkonzert  –  Dienstag, 31. 12. 2019, Elbphilharmonie, 11 Uhr

Giovanni Gabrieli: Symphoniae sacrae (Auszüge)
Johann Sebastian Bach: „Kunst der Fuge“ (Auszüge aus der Orchesterfassung von Ichiro Nodaira)
Sofia Gubaidulina: EIN ENGEL… für Alt und Kontrabass auf ein Gedicht von Else Lasker-Schüler
Ludwig van Beethoven: Große Fuge für Streichquartett op. 133
Johann Sebastian Bach: Kantate BWV 80 „Ein feste Burg ist unser Gott“ (Orchesterfassung von Leopold Stokowski)
Felix Mendelssohn Bartholdy: Symphonie Nr. 5 in D-Dur/d-Moll op. 107 „Reformations-Symphonie“
Kent Nagano, Dirigent
Nadezhda Karyazina, Alt
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg

Eventuelle Restkarten von 19 bis 109 Euro sind erhältlich im Kartenservice der Hamburgischen Staatsoper, unter 040 35 68 68, online unter www.staatsorchester-hamburg.de sowie an den bekannten Vorverkaufsstelle und am Konzerttag in der Elbphilharmonie.

—| Pressemeldung Staatsorchester Hamburg |—

Oldenburg, Oldenburgisches Staatstheater, Premiere UN BALLO IN MASCHERA, 07.12.2019

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Oldenburgisches Staatstheater

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

UN BALLO IN MASCHERA

Melodramma in drei Akten Giuseppe Verdi (1813 – 1901)
Libretto: Antonio Somma nach dem Drama ‚Gustave III ou Le Bal masqué‘ von Eugène Scribe
in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: Samstag 07. Dezember, 19.30 Uhr, Großes Haus

Weitere Vorstellungen im Dezember: Di 10. und Di 17.

Besetzung: Musikalische Leitung: Hendrik Vestmann/ Vito Cristofaro, Inszenierung: Rodula Gaitanou, Bühne: Simon Corder, Kostüme: Gøje Rostrup, Einstudierung Chor: Thomas Bönisch, Licht: Simon Corder/ Steff Flächsenhaar, Dramaturgie: Christina Schmidl

Mit: Martyna Cymerman/ Sooyeon Lee, Lada Kyssy, Maiju Vaahtoluoto; Ill-Hoon Choung, Stephen K. Foster, Jason Kim, Leonardo Lee/ KS Paul Brady, Georgi Nikolov, Volker Röhnert, Kihun Yoon/ Leonardo Lee

Opernchor- und Extrachor des Oldenburgischen Staatstheaters
Oldenburgisches Staatsorchester

Ein Damoklesschwert schwebt über Riccardo, dem Gouverneur von Boston: Mitglieder seines Hofstaates haben sich gegen ihn verschworen und planen seine Ermordung, auch eine Wahrsagerin prophezeit ihm den baldigen Tod. Aber Riccardo schlägt alle Warnungen in den Wind. Im letzten Moment kann zwar sein Sekretär und bester Freund Renato das Attentat der Verschwörer verhindern, muss dabei jedoch erkennen, dass seine Frau Amelia scheinbar Riccardos Geliebte ist. Aus dem beschützenden Freund wird ein Todfeind: Während eines Maskenballs soll Riccardo endlich sterben und Renato wird zum Mörder … Giuseppe Verdis 1859 uraufgeführte Oper basiert auf einer wahren Begebenheit: 1792 verletzten Adelige den schwedischen König Gustav III. bei einem Attentat während eines Maskenballs tödlich. Dieses schockierende historische Ereignis machte Eugène Scribe 41 Jahre später zur Katastrophe eines Opernlibrettos. Giuseppe Verdi und sein Librettist Antonio Somma entwickelten daraus schließlich einen fesselnden Bühnenkrimi voller schillernder Gegensätze, in dem Tragik und Dramatik mit operettenhafter Eleganz und Leichtigkeit kontrastieren und gesellschaftliche Masken private Sehnsüchte verbergen.

Die griechische Regisseurin Rodula Gaitanou, die für ihre bisherigen Arbeiten u. a. an der Opera Australia, der Wexford Festival Opera oder der Oper Göteborg in der Kategorie Regie für den International Opera Award 2019 nominiert war, bringt Verdis packendes Operndrama auf die Bühne des Oldenburgischen Staatstheaters und gibt damit ihr Deutschland-Debüt.

—| Pressemeldung Oldenburgisches Staatstheater |—

Hannover, Staatsoper Hannover, La Juive – Fromental Halévy, IOCO Kritik, 10.10.2019

Oktober 9, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, StaatsOper Hannover

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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

La Juive – Fromental Halévy – Die Jüdin

– Liebe unter dem Schatten der Intoleranz –

von Hanns Butterhof

Die neue Spielzeit an der Staatsoper Hannover beginnt unter der neuen Intendantin Laura Berman mit einem szenisch-musikalischen Großereignis. Fromental Halévys tragische Oper La Juive (Die Jüdin) von 1835 erzählt eine Liebesgeschichte, auf die tödlich der Schatten konfessioneller Intoleranz und barbarischer Gewalt fällt. Lydia Steyer inszeniert in opulenten Bildern, ein tolles Ensemble und die von Valtteri Rauhalammi souverän geleitete musikalische Handlung stimmen zu einem eindringlichen, aufwühlenden Opernabend zusammen.

La Juive – Fromental Halévy
youtube Trailer der Staatsoper Hannover
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Fromental Halévys La Juive mit dem Libretto von Eugène Scribe spielt eigentlich in Konstanz des Jahres 1414 zur Zeit eines Konzils, das um die Einheit der Katholischen Kirche und gegen Reformer wie Jan Hus kämpft. Die aufgeregte Zeit voller Intoleranz dehnt Lydia Steyer bis in die Gegenwart. Sie lässt jeden Akt einen Zeitsprung rückwärts machen, von den 50er Jahren in den USA zum Ende der 20er-Jahre nach Deutschland und dort in das barocke Stuttgart, bevor die Oper über die spanische Inquisitionszeit schließlich in Konstanz ankommt. Dass dieser Verweis auf die Aktualität des Stoffs erstaunlich glatt gelingt, hat nicht zuletzt darin seinen Grund, dass sich das Geschehen so erschreckend unverändert durch die Historie zieht.

So beginnt das Unheil nicht erst, als die junge Jüdin Rachel (Barno Ismatullaeva) eine Liebesbeziehung zu dem katholischen Prinzen Léopold (Matthew Newlin) eingeht. Es wird immer schon dort ausgebrütet, wo niemand derjenige sein kann, der er ist, sondern von starren Konventionen überformt und gefesselt wird.

Als Bühne für die eindringliche Handlung hat Momme Hinrichs eine große Video-Wand wie eine Mauer gebaut, auf die mittelalterliche Kreuzigungsszenen mit Juden als Tätern projiziert werden. Video-Technik lässt die Mauer wie durch die Posaunen von Jericho zerstieben und malt einen künstlichen Heiligenschein um den Versöhnung predigenden, aber Unterwerfung fordernden Kardinal Brogni (Shavleg Armasi). Aus der Wand lassen sich auch Tribünen für die üppigen Volksszenen und das symbolisch stimmig in Flammen aufgehende Häuschen Éléazars herausschieben.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Barno Ismatullaeva als Rachel © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin – hier : Barno Ismatullaeva als Rachel © Sandra Then

Poppig bunt beginnt die Oper im Amerika der 50er Jahre. Hier fährt Léopold in Elvis-Pose und verkleidet als der Jude Samuel im Straßenkreuzer vor, bei seiner Serenade „Loin de mon amie“ werden die Mädchen in Petticoats (Kostüme: Alfred Mayerhofer) schwach. Sein werbendes Lied aber gilt der Jüdin Rachel. Sie ist das Kind christlicher Eltern, das der jüdische Goldschmied Éléazar (Zoran Todorovich) aus einem brennenden Haus gerettet und in seinem Glauben aufgezogen hat. Eine fromme Menge, die sich für eine Prozession mit Panzern, Wagen mit Gehenkten und Geräderten versammelt hat, ist umstandslos bereit, Éléazar wegen Störung der Festtagsruhe zu lynchen, und stimmt dazu ein mächtiges Tedeum (Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio) an. Dass Léopold als Samuel ihn schützen kann, kommt einem Wunder gleich.

Die gedrückte Stimmung einer Kirche im Untergrund breitet der düstere zweite Akt aus, der Ende der 20er Jahre in Deutschland spielt. Im Hause Éléazars wird mit Samuel das Pessach-Fest zur Befreiung von der Herrschaft der Ägypter gefeiert, als es beängstigend kräftig an der Türe klopft. Hastig werden alle rituellen Gegenstände abgeräumt, die Gäste versteckt und der Raum wieder in Éléazars Goldschmiede-Geschäft zurückverwandelt. Doch harmlos erscheint mit Hündchen die aufgedonnerte Prinzessin Eudoxie (Mercedes Arcuri), die Gattin Léopolds, um für ihn eine Goldkette zu kaufen. Sie verlässt, ohne in Samuel ihren Mann erkannt zu haben, das Haus, das mit bedrohlichem Vorschein in Video-Flammen aufgeht. Léopold gesteht Rachel seine Täuschung und erwägt, mit ihr vor der drohenden Todesstrafe für die „Rassenschande“ irgendwohin zu fliehen. Als Éléazar in Unkenntnis der Täuschung zustimmt, dass die beiden heiraten, bekommt der Prinz kalte Füße und flüchtet sich in die Residenz zu seiner Gattin.

Paris / Jacques und Fromental Halévy © IOCO

Paris / Jacques und Fromental Halévy © IOCO

Hier ist alles voller barocker Leichtigkeit und Glanz, die Kostümabteilung prunkt mit rauschenden Röcken, glänzenden Uniformen und phantasievollen Frisuren. Vor einem Wandschirm mit dem pornographischen Boucher-Gemälde „Leda und der Schwan“ macht sich Eudoxie für ihren Gatten schön, der sich von ihr recht widerstandslos flachlegen lässt. Rachel, die ihm nachgegangen ist, macht den Skandal öffentlich, dass sich der christliche Prinz mit einer Jüdin eingelassen hat. Sofort fällt die ganze Gesellschaft, die sich zur Feier Léopolds um die üppigst beladene Speisetafel versammelt hatte, demütigend über die beiden her. Das Geständnis bringt alle vor Gericht, Rachel, Léopold und Éléazar – ein Anklang an das Schicksal von „Jud Süß“ Oppenheimer, der im Stuttgart von 1738 unter obskuren Anklagen zum Tode verurteilt wurde. Kurz scheint zwar ein Happy-End möglich, als Éléazar mit sich ringt, ob er nicht offenbaren sollte, dass Rachel ein Christenkind ist. Das würde der Anklage den Boden entziehen. Aber Éléazars Fesseln aus bitterem Hass und religiösem Fanatismus lassen das nicht zu.

Deren Quellen liegen tiefer in der Vergangenheit. In Rom war einst unter dem damaligen Magistrat Brogni die Familie Éléazars getötet, er selber verbannt worden. Jetzt ist Brogni als Kardinal und Präsident des Konzils Chefankläger gegen Éléazar & Co. Doch Brogni weiß nicht, dass Rachel seine Tochter ist, die er mit seiner ganzen Familie verbrannt glaubt.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin -  hier :  Zoran Todorovich als Eleazar © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin –  hier :  Zoran Todorovich als Eleazar © Sandra Then

Rachel wartet 1492 in dem Gefängnis der spanischen Inquisition am Fuße einer hohen Treppe auf den Ausgang des Prozesses. Dem Flehen Eudoxies, ihre Anschuldigung zu widerrufen und so wenigstens Léopolds Leben zu retten, kommt sie aus Liebe nach; Léopold ist ein Großer, das Gericht lässt ihn laufen. Doch auch für Rachel scheint noch Hoffnung auf. Brogni hat von Éléazar erfahren, dass seine Tochter noch lebt, aber nicht, wer sie ist, und bietet ihm als Rettung den Übertritt zum Katholizismus an. Doch ist dieser Weg durch Éléazars Hass auf die Katholiken und seinen fanatischen Glaubenseifer versperrt. Nur für Rachel erwägt er in tragischer Zerrissenheit diese Möglichkeit. Als er ihr die Alternative eröffnet, für eine kurze Spanne Lebens das Seelenheil auf ewig zu verlieren, wählt sie mit ihm den Tod.

Die Hinrichtung findet schließlich im Rahmen eines Volksfestes beim Konstanzer Kirchenkonzil 1414 statt. Die Menge in den Kostümen jetzt aller vorherigen Akte, mit Go-go-Tänzerinnen in Stars-and-Stripes-Bikinis, erfreut sich wieder an dem Schauspiel einer Prozession. Ein riesiger Globus als Zeichen der katholischen Weltherrschaft, Menschenfresser und Henker in Micky-Maus-Kostümen ziehen vorbei. Und in dem Moment, in dem Rachel zur Belustigung des Volks in kochendes Wasser geworfen wird und nicht mehr zu retten ist, verrät Éléazar dem Kirchenfürst in Befriedigung seines alten Rachegelüstes, dass sie seine Tochter war. Mit dem zusammenbrechenden Brogli fällt der Vorhang.

Lydia Steyer schafft mit klaren, teilweise witzigen und bunten, auch erschreckenden ganz der Grande Opéra gemäßen Bildern trotz der schwierigen Zeitsprünge eine schlüssige Erzählung, der man gebannt bis zum tragischen Ende folgt. Für ihre große Neigung, Kinder einzusetzen, finden sich nicht unbedingt zwingende Anlässe. Im Großen gelingen ihr jedoch ergreifend menschliche Figuren und die Entwicklung von Rollenträgern zu Menschen in all ihrem Zwiespalt, wie sie eine Zeit fortlebender Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit und gewaltbereitem Fanatismus hervorbringt. Die Regie ergreift keine Partei und erlaubt so dem Publikum nicht, sich beruhigt auf der richtigen Seite zu fühlen. Das reißt aktuell die in jedem vorhandenen Vorurteile, Ressentiments und Zerrissenheiten auf, so dass man La Juive aufgewühlt betroffen verlässt.

Die Gesangspartien sind durchwegs hervorragend besetzt. Die junge usbekische Sopranistin Barno Ismatullaeva begeistert mit einem überaus gelungenen Rollendebüt. Mit ihrem warmen jugendlichen Sopran, sicheren Höhen und eindrucksvoll stimmlicher Gestaltung ihrer Rolle ist sie eine nahezu ideale, bis in den Tod liebende Rachel. Auch die Argentinierin Mercedes Armasi überzeugt als Eudoxie. Anfangs mit ihrem sehr beweglichen Koloratursopran noch etwas veralbert, gewinnt sie an Format und rührt als flehende Gattin. Der Amerikaner Matthew Newlin passt als Léopold mit seinem leichten, hellen Tenor perfekt als Bruder Leichtfuß, und der Georgier Shavleg Armasi entwickelt sich mit profundem Bass von einem empathielosen Kirchenfunktionär zum gebrochenen Vater. Der serbische Tenor Zoran Todorovich ist ein gesanglich ungeheuer eindringlicher Éléazar von starker Bühnenpräsenz. Beeindruckend sein großes Gebet im zweiten Akt, erschütternd sein inneres Ringen um den rechten Weg für Rachel, der er allerdings ihre Herkunft verschweigt.

Staatsoper Hannover / Die Jüdin - hier : Rachel, Eleazar und Leopold © Sandra Then

Staatsoper Hannover / Die Jüdin – hier : Rachel, Eleazar und Leopold © Sandra Then

Wuchtig und klangschön hat der von Lorenzo Da Rio einstudierte Chor prächtige Szenen, und im Orchestergraben leitet Valtteri Rauhalammi das Niedersächsische Staatsorchester bei einigen kleinen Unstimmigkeiten mit der Bühne umsichtig. Die großen musikalischen Ausbrüche wie beim schrillen Entsetzen der Festgäste macht er so hörbar wie das feine Schlagen von Rachels Herz, und horcht musikalisch tief in die Seele des Volks und der Protagonisten hinein.

Die unbedingt sehens- und hörenswerte Oper La Juive endet nach dreieinhalb fesselnden Stunden und einer langen Pause betroffenen Schweigens mit großem Jubel, teils stehend dargebrachtem Beifall für Valtteri Rauhalammi und das Niedersächsische Staatsorchester, großem Beifall für Chor und das Sängerensemble,Trampelbeifall für Barno Ismatullaeva und Zoran Todorovich.

La Juive an der Staatsoper Hannover; die nächsten Termine:12.10 um 19.30 Uhr, 31.10.2019  16.00 Uhr

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—

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