Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Neujahrskonzert: Midnight in Vienna, 01.01.2020

Dezember 31, 2019 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Neujahrskonzert: Midnight in Vienna

Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert das Neujahrskonzert des Staatsorchesters Stuttgart am 1. Januar 2020 im Opernhaus; Beate Ritter (Sopran) singt den Frühlingsstimmen-Walzer von Johann Strauss (Sohn)

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert - Cornelius Meister © Marco Borggreve

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert – Cornelius Meister © Marco Borggreve

Willkommen 2020: Generalmusikdirektor Cornelius Meister dirigiert erstmals das festliche Neujahrskonzert des Staatsorchesters Stuttgart im Opernhaus am Mittwoch, 1. Januar 2020, um 17 Uhr mit Werken von Johann Strauss (Vater und Sohn) und Josef Strauss. Die aus Österreich stammende Sopranistin Beate Ritter, seit der vergangenen Spielzeit Mitglied des Solistenensembles der Staatsoper Stuttgart, wirkt als Solistin mit. In dieser Spielzeit sang sie an der Staatsoper Stuttgart Musetta (La Bohème) und wird als Norina (Don Pasquale), Olympia (Les Contes d?Hoffmann), Gilda (Rigoletto) und als Königin der Nacht (Die Zauberflöte) zu erleben sein.

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert - Beate Ritter © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Neujahrskonzert – Beate Ritter © Matthias Baus

Das Konzert ist bereits ausverkauft. Restkarten sind eventuell an der Abendkasse erhältlich.

Programm
Johann Strauss (Sohn): Ouvertüre zur Operette Die Fledermaus
Johann Strauss (Sohn): Im Krapfenwaldl Polka française op. 336
Johann Strauss (Sohn): Accelerationen Walzer op. 234
Josef Strauss: Moulinet-Polka Polka française op. 57
Johann Strauss (Sohn): Éljen a Magyár! Polka schnell op. 332
Johann Strauss (Sohn): Bauern-Polka Polka française op. 276
Josef Strauss: Die Libelle Polka Mazur op. 204
Johann Strauss (Sohn): Frühlingsstimmen Walzer für Sopran und Orchester op. 410
Johann Strauss (Sohn) und Josef Strauss: Pizzicato-Polka Polka française
Josef Strauss: Plappermäulchen Polka schnell op. 245

Musikalische Leitung Cornelius Meister
Sopran Beate Ritter
Staatsorchester Stuttgart

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, BORIS – Modest Mussorgski – Sergej Newski, 02.02.2020

Dezember 19, 2019 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

 BORIS –  Modest Mussorgski / Sergej Newski

Premiere  02. Februar 2020, 18 Uhr, Weitere Vorstellungen, 07. / 16. / 23. Februar 2020, 02. März 2020, 10. / 13 . April 2020

Der Blick zurück nach vorn

 Am Sonntag, den 02. Februar 2020, feiert zum Auftakt des Frühjahrsfestivals ein außergewöhnlicher Opernabend Premiere an der Staatsoper Stuttgart: BORIS. Das künstlerische Team um Dirigent Titus Engel, Regisseur Paul-Georg Dittrich und Dramaturg Miron Hakenbeck verzahnt darin Modest Mussorgskis Historien-Drama Boris Godunow mit der Uraufführung von Sergej Newskis Secondhand-Zeit, einem Auftragswerk der Staatsoper Stuttgart.

Sergej Newskis Secondhand-Zeit basiert auf Texten der Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die in ihrem gleichnamigen „Roman der Stimmen“ die Lebenserfahrung unzähliger Einzelner in Zeiten politischer Wirren nach der Perestroika zu Literatur verdichtete. Stimmen aus der jüngeren Vergangenheit tauchen auf und stellen neue Fragen an die Geschichtsschreibung, die Gegenwart und unsere Idee von der Zukunft. Mussorgskis Boris Godunow wird ungekürzt in der Urfassung und in russischer Originalsprache gespielt, Newskis musikthetralische „Erinnerungssplitter“ erklingen zwischen den einzelnen Mussorgski-Tableaus in deutscher Sprache.

Auch diese Neuproduktion wird wieder wesentlich vom Staatsopernchor Stuttgart und dem Solistenensemble der Staatsoper Stuttgart getragen: Adam Palka debütiert als Boris Godunow, Ks. Matthias Klink singt Fürst Schuiski. Goran Juric ist erstmals als Pimen zu erleben. Sechs Sänger*innen verkörpern Figuren aus beiden Partituren und haben so quasi parallele Existenzen, darunter Elmar Gilbertsson, der neben seinem Rollendebüt als Grigori den Jüdischen Partisanen singt sowie Maria Theresa Ullrich als Xenias Amme und Die Mutter des Selbstmörders.

Ausblick: Frühjahrsfestival 2020 – FUTUR II

Der „Blick zurück nach vorn“ ist auch Thema des zweiten Frühjahrsfestivals der Staatsoper Stuttgart, das mit der Premiere von BORIS am 02.02.2020 eingeläutet wird. Unter dem Motto „Wer wollen wir gewesen sein?“ geht es dieses Frühjahr unter anderem um die Subjekte der Geschichte und darum, wieviel Potenzial der Blick auf die Vergangenheit für die Gestaltung der Zukunft enthält bzw. wieviel Zukunft es in der Vergangenheit (wieder) zu finden gibt.

Neben BORIS stehen zwei weitere Opernpremieren im Fokus des Frühjahrsfestivals: Hans Zenders kompositorische Übermalung von Schuberts Winterreise (Premiere am 01.03.2020) legt offen, was unser heutiges Selbstverständnis vom Individuum mit dem der frühen Romantik zu tun hat. Zum Abschluss der Festwochen stellt Antonio Vivaldis Juditha triumphans (Premiere am 22.03.2020) die Konstruktion einer Sieger-Identität aus einem biblischen Stoff zur Debatte. Eine Reihe von Sinfonie-, Kammer- und Liedkonzerten, Die lange Nacht der wiedergefundenen Zukunft mit außergewöhnlichen Konzerten zum Phänomen der Zeit, der Kongress Futur II im Württembergischen Kunstverein und zwei Performance-Premieren des Orpheus Instituts widmen sich intensiv der Frage nach unserer Position im Gefüge des Zeitgeschehens (weitere Informationen folgen).

Titus Engel dirigiert; Paul-Georg Dittrich inszeniert; Uraufführung nach Texten von Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, Bühne Joki Tewes, Jana Findeklee
Kostüme Pia Dederichs, Lena Schmid, Video Vincent Stefan, Licht Reinhard Traub, Chor Manuel Pujol, Dramaturgie Miron Hakenbeck

Mit:  Boris Godunow Adam Palka, Fjodor / Die Aktivistin Alexandra Urquiola*, Xenia/Die Geflüchtete  Carina Schmieger*, Xenias Amme / Die Mutter des Selbstmörders Maria Theresa Ullrich, Fürst Wassili Schuiski Matthias Klink, Pimen Goran Juric, Grigori Otrepjew / Der jüdische Partisan Elmar Gilbertsson, Warlaam  Friedemann Röhlig
Missail / Ein Leibbojar Charles Sy*, Eine Schenkwirtin / Die Frau des Kollaborateurs Stine Marie Fischer, Ein Gottes Narr / Der Obdachlose Petr Nekoranec, Mikititsch (Aufseher) / Offizier der Grenzwache Ricardo Llamas Márquez, Mitjucha Matthias Nenner / Heiko Schulz, Andrei Schtschelkalow Pawel Konik, Bariton (Alter Ego des Jüdischen Partisanen) Urban Malmberg, Kind (Alter Ego des Jüdischen Partisanen) Ramina Abdulla-zadè
* Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Stuttgart
Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart


Begleitveranstaltungen

Öffentliche Probe
Montag, 13. Januar 2020, 18.30 Uhr bis 20 Uhr. Kostenlose Platzkarten sind ab sofort im Theatershop erhältlich.

Einführungsmatinee
Sonntag, 19. Januar 2020, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt Einblicke in die Konzeption der Neuinszenierung.

Opern-LAB
Samstag, 25. Januar 2020, 14 Uhr – 17 Uhr im JOiN

In diesem dreistündigen Labor untersuchen wir gemeinsam mit dem Komponisten Sergej Newski und mit dem Dramaturgen der Produktion, wie sich individuelle Lebensgeschichten und kollektives musikalisches Kunstwerk begegnen können. Oral History goes Opera. Der Eintritt ist frei. Anmeldung unter join@staatstheater-stuttgart.de

Einführungen
Eine Einführung vor jeder Vorstellung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, PREMIERE Le nozze di Figaro, 01.12.2019

November 6, 2019 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

 Le nozze di Figaro –  Wolfgang Amadeus Mozart

Premiere 1.12.2010; Weitere Vorstellungen 01. / 03. / 08. / 10. November 2019,  15. / 21. / 26. März 2020,  18. April 2020

Von der Normierung des Glücks
Le nozze di Figaro feiert am 1. Dezember 2019 Premiere im Stuttgarter Opernhaus
Roland Kluttig dirigiert; Christiane Pohle inszeniert in einem Bühnenbild von Natascha von Steiger

Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Le nozze di Figaro feiert am 1. Dezember 2019 um 18 Uhr Premiere an der Staatsoper Stuttgart. Christiane Pohle führt Regie und gibt damit nach mehreren Arbeiten am Schauspiel Stuttgart ihr Hausdebüt an der Staatsoper Stuttgart. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von Roland Kluttig, dem künftigen Chefdirigenten der Oper Graz.

Le nozze di Figaro ist die immer gültige Erzählung vom Versuch, die Liebe und das Begehren handhabbar zu machen. Die Vermessung des ehelichen Bettes, die Hochzeitsvorbereitungen von Figaro und Susanna und ihr Wunsch, sich ein eigenes Heim für die Rahmung des partnerschaftlichen Glücks zu schaffen, stehen am Anfang von Mozarts Opera buffa und sind zugleich Ausgangspunkt des Regiekonzepts von Christiane Pohle und ihrem künstlerischen Team: „Wir gehen dem Phänomen der seriell produzierten, stereotypen Lebensentwürfe auf den Grund. Es nimmt oft schon bei der Einrichtung normierter Wohneinheiten mit austauschbarer Massenware seinen Anfang“, so Christiane Pohle. „Die Menschen stellen sich eine möglichst individuelle Einrichtung zusammen, eine mit dem ,persönlichen Zuschnitt‘, in der das Glück jetzt stattfinden soll. Dabei wird man den Verdacht nicht los, dass genau dieses Bett, dieses Zimmer, schon millionenfach bewohnt wurde. Das persönliche Glück ist vorproduziert und im Interesse des Kapitalismus zu haben.“

Nahezu alle Partien sind mit Solistinnen und Solisten aus dem Stuttgarter Sängerensemble besetzt. Viele von ihnen werden in dieser Neuproduktion ihre Rollendebüts geben: Michael Nagl in der Titelparte, Esther Dierkes als Susanna und Johannes Kammler als Graf Almaviva. Erstmals zu Gast an der Staatsoper Stuttgart ist Sarah-Jane Brandon als Gräfin. Diana Haller singt Cherubino. In weiteren Rollen sind u. a. Ks. Helene Schneiderman (Marcellina) und Ks. Heinz Göhrig (Basilio) zu erleben. „Diese Produktion ist ein Bekenntnis zum Solistenensemble unseres Hauses“, so Intendant Viktor Schoner. „Wir wollen unser Stuttgarter Mozart-Ensemble kontinuierlich pflegen. Für viele unserer jungen Sängerinnen und Sänger bietet Mozarts Le nozze di Figaro ideale Voraussetzungen, sich stimmlich und szenisch weiterzuentwickeln.“

Musikalische Leitung Roland Kluttig / Markus Poschner **, Regie Christiane Pohle
Bühne Natascha von Steiger, Kostüme Sara Kittelmann, Video Anna-Sophie Lugmeier
Licht Reinhard Traub
Chor Bernhard Moncado
Dramaturgie Ingo Gerlach
Graf Almaviva Johannes Kammler / Jarrett Ott**
Gräfin Almaviva Sarah-Jane Brandon / Olga Busuioc**
Susanna Esther Dierkes / Josefin Feiler**
Figaro Michael Nagl / Andrew Bogard**
Cherubino Diana Haller / Ida Ränzlöv**
Marcellina Helene Schneiderman / Maria Theresa Ullrich**
Basilio Heinz Göhrig
Don Curzio Christopher Sokolowski*
Bartolo Friedemann Röhlig
Antonio Matthew Anchel
Barbarina Claudia Muschio*
* Mitglieder des Internationalen Opernstudios der Staatsoper Stuttgart
** Vorstellungen März/April 2020

Staatsopernchor Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart

Begleitveranstaltungen

Einführungsmatinee
Sonntag, 24. November 2019, 11 Uhr im Opernhaus, Foyer I. Rang
Das Produktionsteam gibt Einblicke in die Konzeption der Neuinszenierung.

Einführungen
Eine Einführung vor jeder Vorstellung findet jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Opernhaus, Foyer I. Rang, statt.

Öffentliche Probe
Samstag, 16. November 2019, 9.45 Uhr bis 11.30 Uhr. Kostenlose Platzkarten sind ab sofort im Theatershop erhältlich.

—| Pressemeldung Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Staatsoper Stuttgart, Don Carlos – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 02.11.2019,

November 2, 2019 by  
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Staatsoper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Don Carlos – Giuseppe Verdi

Staat und Kirche vereint – gegen jede Menschlichkeit

von Peter Schlang

Größer könnten die Unterschiede kaum sein:  Als am Sonntag, dem 27. Oktober 2019 die Amazonas-Synode im Vatikan neue Wege für die Zulassung zu den Weiheämtern propagierte und somit Möglichkeiten für eine menschenfreundlichere, volksnahe Kirche aufzeigt, präsentiert die Staatoper Stuttgart in ihrer Neu-Inszenierung von  Don Carlos einen Groß-Inquisitor, dem alles Menschenfreundliche und erst recht die Nächstenliebe ein Gräuel ist. Stattdessen hat er Machterhalt und Ausübung des Gewaltmonopols um jeden Preis zu seinen einzigen Zielen gemacht und Menschenverachtung und Zynismus  zu seinen wichtigsten Werten erklärt.

Don Carlos Giuseppe Verdi
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Aber auch über dieses „katholische Thema“ hinaus bietet die von der jungen niederländischen Regisseurin  Lotte de Beer und ihrem Bühnen- und Kostümbildner Christof Hetzer verantwortete erste Stuttgarter Neu-Produktion der aktuellen Spielzeit manche Vergleichsmöglichkeit mit aktuellen Befunden und liefert aufschlussreiche psychologische,  soziologische und politische Erkenntnisse.

Lotte de Beer, Preisträgerin der International Opera Awards, und ihr Team wählten für ihren Stuttgarter Don Carlos eine fünfaktige Fassung in französischer Sprache, die sich weitgehend an der Pariser Urfassung von 1866/67 orientiert.

Im Unterschied zu anderen Aufführungen dieser Version, einer von sieben dieser wohl traurigsten und hoffnungslosesten Oper von Giuseppe Verdi, weist die Stuttgarter Produktion drei Besonderheiten auf: Eine nur in der Generalprobe zur Uraufführung gespielte Szene tritt an den Beginn des ersten Aktes – und stellt mit der darin dargestellten Flüchtlingsthematik einen weiteren Gegenwartsbezug her. Die manchmal gestrichenen Ballettmusiken, wichtiger Bestandteil der damals in Paris obligatorischen Grand Opéra,  werden in Stuttgart musiziert, allerdings nicht, wie vielleicht von manchen Opernbesuchern erwartet, klassisch  getanzt, sondern  jeweils von einer Gruppe von fünf ganz in weiß gekleideten Kindern szenisch-darstellerisch interpretiert. Verkörpern diese anfänglich noch viel kindliche Unschuld, stumpfen sie im Verlauf ihrer Auftritte gegenüber den ringsum tobenden Grausamkeiten beständig ab und passen sich so der deutlich eskalierenden Gewalt der dargestellten Gesellschaft an.

Staatsoper Stuttgart / Don Carlos - hier : Olga Busuioc als Elisabeth von Valois, Massimo Giordano als Don Carlos; vorne kniend, Christopher Sokolowski als Graf von Lerma / Ein königlicher Herold, Ensemble © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Don Carlos – hier : Olga Busuioc als Elisabeth von Valois, Massimo Giordano als Don Carlos; vorne kniend, Christopher Sokolowski als Graf von Lerma / Ein königlicher Herold, Ensemble © Matthias Baus

Die letzte dieser Ballett-Zwischen-Musiken wurde jedoch vom musikalischen Leiter dieser Produktion, dem Stuttgarter GMD Cornelius Meister, durch  die 2015 entstandene “Pussy-(r)-PolkaGerhard E. Winklers ersetzt, die nicht nur das Finale von Verdis Original-Ballettmusik zitiert, sondern, wie es schon im Titel anklingt, Bezug auf einen politisch-kulturellen Skandal in Russland nimmt. Bei diesem demonstrierten bekanntlich weibliche Mitglieder der regierungs- und kirchenkritischen Punkband Pussy Riot öffentlich und wurden dafür von Staat und Kirche abgestraft. Es sei bereits an dieser Stelle erwähnt, dass der Rezensent die Verknüpfung  des Verdischen  Originals mit der zeitgenössischen Überschreibung  sowohl musikalisch als auch inhaltlich als äußerst schlüssig und erhellend empfand. Modernes Opernregietheater darf sich solche Eingriffe durchaus erlauben, erst recht, wenn wie in Stuttgart mit einem solchen gut gemachten Kunstkniff ein interessanter und erhellender Erkenntnisgewinn und eine erweiterte Sicht auf Zusammenhänge verbunden sind.

Diese sind insgesamt an vielen Stellen der Inszenierung sehr hoch, wozu neben der schlüssigen und intensiven Zeichnung der Hauptfiguren auch das recht puristische Bühnenbild beiträgt, das wie ein Brennglas den Blick auf Charakter und Verfassung der Akteure und der von ihnen verkörperten Rollen lenkt.

In der Mitte des meist leeren, schwarzen Bühnenraums sieht man lediglich einzelne Möbelstücke oder Versatzstücke: Ein überdimensioniertes Ehebett (Im ersten Akt räkeln sich darin Don Carlos und seine zu diesem Zeitpunkt vermeintliche Braut Elisabeth; im vierten Akt teilt sich König Philipp dieses Bett mit seiner Mätresse,  Prinzessin Eboli) ein Schreibtisch, eine angedeutete Treppe und eine seltsam geformte Wolke – alle in einem für die Macht  stehenden gleißenden Weiß gehalten. Um diese sparsamen Requisiten kreist eine dunkle angewinkelte gewaltige Wand, die häufig am vorderen Bühnenrand angehalten wird, dabei das  Innen vom Außen trennend, Platz für Umbauten und Auftritte bietend, vor allem aber das Dunkle und Dämonische der verschiedenen Szenen unterstreichend. Allerdings schränkt sie an manchen Stellen auch den Bewegungsspielraum der vor ihr agierenden Sängerinnen und Sänger ein.

Staatsoper Stuttgart / Don Carlos - hier : Ksenia Dudnikova als Prinzessin Eboli, Olga Busuioc als Elisabeth von Valois © Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Don Carlos – hier : Ksenia Dudnikova als Prinzessin Eboli, Olga Busuioc als Elisabeth von Valois © Matthias Baus

Der dahinter liegende Raum bietet darüber hinaus einen idealen Auftrittsrahmen für die großen Chorszenen, bei denen der gerade zum zwölften Mal als Opernchor des Jahres ausgezeichnete Stuttgarter Staatsopernchor auch unter seinem neuen Leiter Manuel Pujol seine ganze sängerische und darstellerische Ausnahmeklasse beweisen kann. Außerdem ist die leere Bühne Projektionsfläche für einige imposante „Tableau vivants“, bei denen die Regisseurin jeweils zur Szene passende Gemälde diverser Epochen der Kunstgeschichte nachstellt und zur Illustration innerer Vorgänge mit prallem Leben erfüllt.

Diese äußeren Elemente setzen zusammen mit der fast ausnahmslos schlüssigen und konsequenten Personenführung die jahrzehntelange Stuttgarter Tradition packenden Regietheaters konsequent fort und lassen trotz der wagnerschen Länge von fast vier Stunden reiner Spielzeit an keiner Stelle Langeweile oder Leere aufkommen. Dazu dürfte auch beigetragen haben, dass das Regieteam – neben den bereits erwähnten Lotte de Beer als Regisseurin  und Christoph Hetzer als Ausstatter gehört noch der für eine fantastische , szenengenaue Beleuchtung sorgende Alex Brok  dazu – Mittel und Wege verwendet, welche dem Zuschauer bekannt vorkommen, diesen aber dennoch fesseln und neugierig halten. So verortet die Regie die Handlung, wie dem aufwändig und hervorragend gemachten Programmheft zu entnehmen ist, in einem zwanzig bis dreißig Jahre vor uns liegenden „visionären Spanien“, in dem psychische Kälte, physische Gewalt und staatlicher Terror zu absolut(istisch) bestimmenden Größen geworden sind. Deren Umsetzung und Wirkung kommt uns, nicht zuletzt durch die getragene Kleidung und die eingesetzten physischen Mittel der Gewaltausübung, recht bekannt vor und erinnert uns an die zahlreichen aktuellen, von Gewalt beherrschten Assoziationsfelder rund um den Globus.

So wird In Stuttgart aus dem „anti-autoritären Polit-Thriller“ ein deprimierendes Kaleidoskop aus gegenseitigen Verletzungen, Verrat, Lüge, blindem Egoismus, skrupelloser Machtausübung und  Unterdrückung,  ja Vernichtung, des Individuums.

Und wie die katholische Kirche in Person des aalglatten und schmierigen, von Falk Struckmann bis in die Bewegung seiner Fingerspitzen als  fies, zynisch, ja dämonisch charakterisierten Großinquisitors dabei die Fäden in der Hand hält, lässt einem angesichts der vor nicht allzu langer Zeit aufgedeckten Verfehlungen zahlreicher realer  kirchlicher Würdenträger die Haare zu Berge stehen.

Wie Struckmann geben auch die Darsteller der anderen sechs Hauptrollen wie der vier eher kleineren Nebenrollen an diesem Abend nicht nur alle ihr Rollendebüt, sondern sicht- und hörbar auch ihr Bestes.

Don Carlos die Darsteller beschreiben die Musik der Oper
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Dass dieses, wie im Falle des Don-Carlos-Darstellers, nicht immer zur vollen Zufriedenheit des Premierenpublikums möglich war, mag neben einer gewissen Nervosität und Unerfahrenheit  auch dem Regiekonzept geschuldet sein. Dieses entwirft für Don Carlos das pathologische Grundprofil eines spät-pubertierendem, unreifen, ohne Mutterliebe und vom Vater kaum als Individuum wahrgenommenen jungen Mannes, der zudem stark autistische Züge aufweist und sichtbar kaum kommunikations- und bindungsfähig ist. Zudem wird er von manchen Obsessionen beherrscht, was ihm seinen Kampf um Freiheit und Selbstverwirklichung nicht gerade erleichtert. Dem stimmlich erst im Verlauf des zweiten Aktes zu sich findenden Massimo Giordano als Don Carlos fällt die schauspielerische Umsetzung dieser Charakteranforderungen an manchen Stellen etwas schwer, was selbst noch beim Applaus an etwas unbeholfenen, eher kindischen Gesten zu bemerken ist. Dabei ist dem Sänger sicherlich zu Gute zu halten, dass er zumindest darstellerisch die mit Abstand anspruchsvollste Rolle der ganzen Oper auszufüllen hat.

Etwas leichter haben es da die anderen Darstellerinnen und Darsteller, und sie machen es erfreulicherweise auch deutlich besser. Dies gilt zunächst  für Goran Juric, der seinem Philipp II mit schön gefärbtem Bass viel Abgründig-Dämonisches, aber auch etwas opferhaft-Verletztes verleiht, genauso aber für den famosen Bariton Björn Bürger als Marquis von Posa, der dessen mehrfache Verwandlungsakte äußerst glaubhaft und souverän auf die Bühne bringt und mit seinem jugendlichen Timbre in allen Registern zu überzeugen vermag. Der famose, alle Fäden des teuflischen sicher webende Großinquisitor Frank Struckmanns wurde ja an anderer Stelle schon ausführlich gewürdigt, und es würde zu weit führen, alle seine bis ins Detail sicher beherrschten darstellerischen Kabinettstückchen einzeln zu beschreiben.

 Staatsoper Stuttgart / Don Carlos - hier : Christopher Sokolowski als Graf von Lerma / Ein königlicher Herold und der Staatsopernchor Stuttgart© Matthias Baus

Staatsoper Stuttgart / Don Carlos – hier : Christopher Sokolowski als Graf von Lerma / Ein königlicher Herold und der Staatsopernchor Stuttgart© Matthias Baus

Die Prinzessin Eboli der Ksenia Dudnikova besticht durch einen dramatisch-energischen Mezzo-Sopran, der sowohl in der Tiefe wie in den Höhen samtig, aber kraftvoll und äußerst biegsam klingt und  dem Charakter dieser ja ebenfalls sehr gespaltenen Figur  jederzeit beredt Ausdruck verleiht.

Die absolute Spitzenleistung in diesem ja ausnahmslos aus hauseigenen Kräften zusammengestellten  Solistenensemble  vollbringt  an diesem Abend die junge, aus Moldavien stammende und seit der letzten Spielzeit zum Stuttgarter Ensemble gehörende Sopranistin Olga Busuioc. Mit großer  Zartheit, Verletzlichkeit und einer gewissen Unschuld verleiht sie ihrer Elisabeth das von Libretto und Geschichtsschreibung vermutete jugendliche Alter, dabei mit klarem, fein geführten, streckenweise geradezu schwerelos wirkendem Sopran jederzeit überzeugend – eine wahre (Welt-) Klasseleistung!.

Den ganzen langen Abend über sicherer Garant bzw. Ermöglicher dieser und anderer Stimmfreuden ist das Staatsorchester Stuttgart,  das  unter der Hand seines Chefdirigenten Cornelius Meister hörbar an Strahlkraft und Klang-Opulenz gewonnen hat. Dass die Musikerinnen und Musiker – in geänderter Aufstellung im proppenvollen Orchestergraben sitzend – ihren singenden Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne bis auf ganz wenige etwas zu laut geratene Stellen ein verlässlicher, einfühlsamer Begleiter sind, mag auch an der erhöhten Position Maestro Meisters liegen, der so jederzeit den vollen Überblick behält. Wer ihn besser kennt,  kann sich gut vorstellen, wie er dabei das ihm anvertraute musikalische Personal auch mit seinem freundlichen Lächeln und anderer feiner Mimik durch den Abend führt.

Allerdings soll diese Würdigung nicht darüber hinwegtäuschen, dass der neue Stuttgarter  Don Carlos ein Unterfangen ist, das sowohl den Mitwirkenden als auch den Zuschauenden einiges abverlangt und thematisch inhaltlich kein Wohlfühlabend ist.

Dafür gibt einem das Gesehene und Gehörte manche Denkaufgabe und erfüllt so eine wichtige Aufgabe zeitgemäßer Opernregie. Manche Besucher fühlten sich dadurch vielleicht überfordert oder auch enttäuscht, was die doch recht kräftigen Buhrufe für das Regieteam  erklären könnte, die sich hörbar unter den freilich deutlich stärkeren Premierenjubel mischten.

Don Carlos an der Staatsoper Stuttgart; weitere Vorstellungen am 1. 3., 8. und 10. November 2019 und – in einer zweiten Aufführungsserie –  am 15., 21., 26. März sowie am 18. April 2020

—| PIOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

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