München, Bayerische Staatsoper, Sizilianische Vesper von Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 16.03.2018

März 17, 2018 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Les Vêpres siciliennes von Giuseppe Verdi

Die Dialektik des Widerstands –

Von Hans-Günter Melchior

Richter, Staatsanwälte, Verteidiger, die bedauernswerten Soldaten aller Zeiten und Völker, manche Dichter und Denker – und natürlich die Straftäter und Terroristen wissen das: wer einen anderen tötet, tötet zugleich etwas von sich selbst.

Wer sich dieser – dialektischen – Sicht (die sich keineswegs mit dem Begriffsvokabular einer höheren Ein-Sicht drapieren will) verschließt, dem mag so manches an Stimmungswechseln und Charakterveränderungen in Verdis Oper, deren Libretto Eugène Scribe verfasst hat, als konstruiert und weit hergeholt erscheinen. Stellt man aber den obigen Satz der Betrachtung voran, so  gewinnt der Handlungsablauf, dem die innerlich zerrissenen und widersprüchlichen Figuren der Oper geradezu ausgeliefert sind, durchaus den psychologisch-literarisch verständlichen Sinn eines Albtraums.

Bayerische Staatsoper / Sizilianische Vesper- hier Rachel Willis-Sorensen als Herzogin Hélène © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Sizilianische Vesper- hier Rachel Willis-Sorensen als Herzogin Hélène © Wilfried Hösl

1282: Der überraschend freigesprochene Rebell Henri (Leonardo Caimi) liebt die Herzogin Hélène (Rachel Willis-Sorensen), eine entschlossene Kämpferin gegen die französische Fremdherrschaft auf Sizilien. Hélènes Bruder wurde von dem französischen Gouverneur Guy de Montfort (George Petean) hingerichtet, das Denken der Herzogin ist von Rachegedanken erfüllt. Der in seine Heimat zurückgekehrte Arzt Procida (Erwin Schrott) leitet den Widerstand gegen die Franzosen. Montfort erhält den Brief einer von ihm vergewaltigten Frau, in dem diese ihm mitteilt, Henri sei sein Sohn. Montfort offenbart sich Henri, worauf dieser einen Tötungsanschlag Hélènes auf den Gouverneur (sie will Monfort erdolchen) vereitelt. Er rettet seinen Vater um den Preis, von den ehemaligen Kampfgenossen zum Verräter gebrandmarkt zu werden. Procida und Hélène kommen in Haft. Als Hélène und Procida von der Vater-Sohn-Beziehung erfahren, verzeihen sie Henri. In einem abrupten Sinneswandel lässt der Gouverneur, der zunächst die Hinrichtung der Inhaftierten befohlen hat, Hélène und Procida frei, weil Henri ihn darum bittet und ihn dabei als seinen Vater bezeichnet. Der Gouverneur stimmt sogar der Heirat Hélènes mit Henri zu, die Hochzeitfeierlichkeiten werden arrangiert. Nun aber tritt eine Wende ein. Procida teilt Hélène mit, der Aufstand gegen die fremden Herren werde mit dem Erklingen der Hochzeitsglocken ausbrechen, er, Procida, werde ein Massaker anzetteln. Daraufhin widerruft Hélène aus Angst vor dem Blutvergießen ihr Eheversprechen. Der ahnungslose Gouverneur indessen vollzieht das Hochzeitszeremoniell, die Hochzeitsglocken läuten und das Gemetzel nimmt seinen Verlauf…

Kunsturteile sind subjektiv, mögen sie sich noch so selbstsicher den Hermelin der Objektivität umwerfen und wie die Wahrheit selbst daherstolzieren. Sie sind von je eigenen lebensgeschichtlichen Erfahrungen, Kunstwissen, aber auch von aktuellen Stimmungen geprägt oder gar abhängig. Eine gewisse Zurückhaltung ist angebracht. Dennoch: der Rezensent macht keinen Hehl daraus, dass er von der münchner Aufführung begeistert ist.

Bayerische Staatsoper / Sizilianische Vesper - hier Erwin Schrott als Procida © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Sizilianische Vesper – hier Erwin Schrott als Procida © Wilfried Hösl

Und dies ungeachtet der gelegentlichen stimmlichen Schwierigkeiten der Protagonisten (vor allem Leonardo Caimis, der für den erkrankten Bryan Hymel einsprang). Auszunehmen ist die Darbietung Erwin Schrotts, dessen volltönender Bass-Bariton im Zusammenhang mit der Sängerpersönlichkeit des Künstlers einen starken Eindruck hinterließ. Und auszunehmen sind auch die stimmstarken, markigen Chöre. Das geht unter die Haut.

Vor allem jedoch überzeugt die Aufführung durch die Inszenierung und die musikalische Interpretation. Der Regisseur Antú Romero Nunes zaubert in Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner Matthias Koch Bilder von visionärer Dichte auf die Bühne. Der Chor der Sizilianer erscheint mit Totenschädeln oder anderen Masken, die an die Exponate aus Palermos Kapuzinergruft oder an die Bilder von Goyas Desastres de la Guerra gemahnen. Schrecklich-schön oder erschreckend-schön, wenn aus den Mündern der Elenden, teilweise auf dem Boden Kriechenden ein depressiver Gesang erklingt oder lärmzuckendes Getöse (der Dirigent setzt sich Ohrenschützer auf) das Unheil ankündigt.

 Bayerische Staatsoper / Sizilianische Vesper - hier Hélène, Henri und Guy de Montfort © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Sizilianische Vesper – hier Hélène, Henri und Guy de Montfort © Wilfried Hösl

Die Inszenierung verlässt nie diesen düster gefärbten Grundton des Tragischen, der die Intentionen der um 1830 in Frankreich aufkommenden Grand opéra ( s. Auber: Musette de Partiti; Rossini: Guillaume Tell; Meyerbeer: Le Diable) auf das Genaueste trifft und zugleich in die Neuzeit umsetzt, indem sie es dem Zuschauer/Zuhörer überlässt, Zweifel an der Unbedingtheit der jeweiligen vorgetragenen (sturen, unverrückbaren) Standpunkte der Hauptpersonen anzumelden und Hoffnungen in eine bessere, ins Weite der Internationalität und der Völkerverständigung ausgedehnte Zukunft erlaubt. Ambivalenz herrscht vor. Selbst über den überdimensional herabwallenden Hochzeitsschleiern im letzten Akt hängt das Seil eines Galgens. Eindeutig ist das Leben nie.

Sinnvoll werden die Balletteinlagen aufgeteilt und interpretatorisch, nämlich als Totentanz, in die Handlung integriert, statt in Unterbrechung der Handlung als Ganzes dargeboten zu werden und den Zusammenhang des Geschehens zu zerreißen. Gespenstisch, wenn zwei der wie erhängten Figuren sich plötzlich in der Luft vereinigen. Eine besonders albtraumhafte Passage.

Auch die Chöre, nach dem Konzept der Grand opéra eigentlich als die Masse, das Kollektiv, dem das Individuum gegenübersteht, verstanden, wirken ungeachtet ihrer beeindruckenden Stimmstärke nicht dominierend. Das alles ist wohlüberlegt und bewundernswert unaufdringlich.

Überzeugend auch die Personenregie. In der Tat: man schwankt ständig zwischen Sympathie und Antipathie. Mal entscheiden sich die Personen für die Familienbande, mal für den Kampf um die Freiheit. Sie wissen nicht genau, wohin mit den Gefühlen einerseits und den politischen und ideologischen Überzeugungen andererseits. Komplexer geht es kaum. Der anfängliche Freiheitsheld Procida wird am Ende zum unbelehrbaren Fanatiker und sturen Nationalisten. Und der Gouverneur de Montfort zum Protagonisten einer Völkerverständigung, die über den engen Rahmen Siziliens weit hinausgeht. Ein nachdrücklicher Hinweis auf den allerorten aufkommenden Neo-Nationalismus beschränkter Vaterlandsverteidiger, die Heimat mit politisch definierter Nation verwechseln.

Bayerische Staatsoper / Sizilianische Vesper - hier SOL Dance Company © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Sizilianische Vesper – hier SOL Dance Company © Wilfried Hösl

Das alles wird nicht vertuscht, sondern vom Regisseur aufgezeugt und stehen gelassen, wie es nunmal im wirklichen Leben ist. Die Menschen sind wie sie sind, von Gefühlen ebenso bestimmt wie von Theorien und manchmal überwiegen diese manchmal jene. Nie wissen wir genau, wo der Weg zum Glück verläuft und so stehen wir eben da: hin- und hergerissen, Scheusale und Liebenswerte zugleich. Wie gesagt: die menschliche Situation ist dialektisch.

Die Musik verdeutlicht dies. Über dem Agitato der Ouvertüre und dem Fortissimo des Kampfgeschehens schmilzt so manche Belcanto-Arie wie unbeirrt und zur Feier der Kunst. Großartig dargeboten von dem Dirigenten  Omer Meir Wellber und dem brillanten Orchester. Nie wird die Musik zu laut und lärmend, immer jedoch eindringlich und dem Genie Verdis gerecht werdend. Verdi! Wie er den Nuancen nachspürt, auf die Valeurs achtet, das Tragische trifft und das Tröstliche hinzufügt. Und sich manchmal von der bloßen Kunst hinreißen lässt. Musik ist ja keine Ideologie, sie ist Kunst, das ist mehr als genug. Was könnte man alles über Verdis Musik schreiben. Kompliziertes und Einfaches. Menschliches.

Man verlässt auf musikalischen Wolken und – nun doch – um Ein-Sichten bereichert die Oper.

Sizilianische Vesper an der Bayerischen Staatsoper; 18.3.2018 – kostenlose Übertragung auf STAATSOPER.TV,  link  –   https://www.staatsoper.de/tv.html?no_cache=1,   weitere Vorstellungen am 22.3.; 25.3.; 26.7.; 29.7.2018

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

 

München, Bayerische Staatsoper München – Prinzregententheater , Premiere Oberon, König der Elfen, 21.07.2017

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper / Oberon Pregardien © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Oberon Pregardien © Wilfried Hösl

21. Juli 2017: Premiere Oberon, König der Elfen

 

Carl Maria von Webers „romantische Feenoper“ Oberon, König der Elfen feiert am 21. Juli 2017 Premiere im Prinzregententheater. Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters steht Ivor Bolton, der bei den letzten Münchner Opernfestspielen die Neuproduktion Les Indes galantes dirigierte. Die Inszenierung übernimmt der 1987 geborene österreichische Regisseur Nikolaus Habjan, der damit sein Hausdebüt gibt und zum ersten Mal eine Oper inszeniert. Auch sein poetisches Puppenspiel wird Teil der Inszenierung sein. Neben dem deutschen Tenor Julian Prégardien in der Titelpartie werden Brenden Gunnell als Hüon von Bordeaux und Annette Dasch als Rezia in den Hauptpartien zu hören sein.

Zum Werk Oberon, König der Elfen ist Webers letzte Oper, die 1826 in London uraufgeführt wurde. Die romantische Oper war eine Auftragsarbeit für den damaligen Direktor des Covent-Garden-Theaters. Weber wählte als Vorlage Christoph Martin Wielands Oberon. Ein romantisches Heldengedicht in vierzehn Gesängen, in dem die Handlungen von William Shakespeares Midsummer Night’s Dream und die des Ritterbuches von Huon de Bordeaux verschmelzen. Weber hatte zu dieser Zeit auch in Großbritannien durch den Freischütz einen Ruf als romantischer Komponist erlangt. Bei der Komposition des Stoffes passte sich Weber zum Teil den Gepflogenheiten des britischen Theaters an. So enthielt das Libretto von James Planché sehr viel mehr gesprochene Dialoge als Weber es aus dem deutschsprachigen Raum gewohnt war. Die Uraufführung überlebte Weber nicht lange, er starb noch in London im selben Jahr.

Zur Inszenierung Nikolaus Habjan, Regisseur, Puppenspieler und Kunstpfeifer, zeigte bereits Arbeiten am Schubert Theater in Wien, dem Staatstheater Mainz und dem Wiener Burgtheater. In seiner Inszenierung von Webers „Feenoper“ arbeitet er mit selbst gestalteten Klappmaulpuppen: „Puppenspiel ist an sich schon sehr musikalisch“, sagt Habjan in einem Porträt aus MAX JOSEPH. „Man meint, diese Art von Theater wäre nur für Kinder geeignet. Dabei gibt es eine starke Tradition von Puppentheater für Erwachsene.“ Habjan interpretiert den Streit zwischen Feenkönig Oberon und seiner Gattin Titania und die darauffolgende Wette als Menschenversuch und versetzt die Handlung in eine Art Menschen-Labor der 1950er Jahre. „Wir arbeiten mit Rorschachtests, Bildern aus der Psychiatrie aus dieser Zeit“, so Habjan. Alle Vorstellungen sind seit April ausverkauft, die Staatsoper zeigt eine der Vorstellungen auf STAATSOPER.TV.

Nikolaus Habjan kann Ende Juli auch noch als Puppenspieler auf der Bühne erlebt werden: zusammen mit der Osttiroler Musicbanda Franui widmet er sich der Figur des suchenden Wanderers, der alles hinter sich lässt, um sich auf die Suche zu begeben, ohne das Ziel der Wanderung zu erahnen. Franui interpretiert bei Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus mit Hackbrett, Harfe, Streichern und Blechbläsern Musik frei nach Schubert, Schumann, Brahms und Mahler; Habjan rezitiert Texte von Robert Walser und Jörg Amann. Sein Puppenspiel ergänzt Musik und Wort zu einem ungewöhnlichen Musiktheaterabend.

STAATSOPER.TV
Oberon, König der Elfen
So, 30. Juli 2017, 18.00 Uhr
Musikalische Leitung: Ivor Bolton
Inszenierung: Nikolaus Habjan
Mit Julian Prégardien, Annette Dasch, Brenden Gunnell

Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus
Fr, 28.07.2017, 20 Uhr – Restkarten
Prinzregententheater

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München, Bayerische Staatsoper, Premiere – Meistersinger von Richard Wagner mit Jonas Kaufmann, 16.05.2016

April 28, 2016 by  
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Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Die Meistersinger von Nürnberg von Richard Wagner

Mo 16.05.2016, 16.00 Uhr Premiere, weitere Vorstellungen 8.5.2016 Matinee, 16.5.2016, 22.5.2016, 26.5.2016, 29.5.2016, 4.6.2016, 28.7.2016, 31.7.2016

Am 16. Mai feiert mit Die Meistersinger von Nürnberg die fünfte Neuproduktion der laufenden Saison Premiere. Generalmusikdirektor Kirill Petrenko beschäftigt sich nach Der Ring des Nibelungen erneut mit der Musik von Richard Wagner. Fast 150 Jahre nach der Uraufführung am Nationaltheater im Jahre 1868 erarbeitet Petrenko gemeinsam mit Regisseur David Bösch die zwölfte Münchner Neuinszenierung dieser Oper.

Die Besetzung
Die Meistersinger von Nürnberg: David Bösch (Inszenierung), Jonas Kaufmann (Walther von Stolzing)

Der 2014 zum Bayerischen Kammersänger ernannte Wolfgang Koch singt die Partie des Hans Sachs. Jonas Kaufmann gibt ein weiteres Mal ein (szenisches) Rollendebüt am Opernhaus seiner Heimatstadt (nach Lohengrin, Manrico in Il trovatore und Don Alvaro in La forza del destino) und singt Walther von Stolzing. Ensemble-Mitglied Markus Eiche gibt den Beckmesser, Christof Fischesser ist Veit Pogner und Eike Wilm Schulte verkörpert Fritz Kothner. Die amerikanische Sopranistin Sara Jakubiak gibt in der Partie der Eva ihr Haus- und Rollendebüt.

Die Inszenierung
Richard Wagners Die Meistersinger von Nürnberg sind seit der Uraufführung am Münchner Nationaltheater ein Stück, das die Spannung zwischen Tradition und genialischer Inspiration im Hinblick auf die Frage auslotet, welchen Stellenwert Kunst in einer Gesellschaft spielen kann. Die Nürnberger Meistersingergilde, die für sich in Anspruch nimmt, Kunst und Musik repräsentativ zu verankern, ist schon von Richard Wagner als eine Institution gezeichnet, die um Anerkennung ringt, weil sie längst ihre zentrale gesellschaftliche Bedeutung eingebüßt hat.

Genau an diesem Punkt setzt die Inszenierung von David Bösch an. Sein Nürnberg ist eine deutsche Kleinstadt, die längst ihre Blüte hinter sich hat. Alles Agieren und Wollen der Meister ist der schmerzhaften Erkenntnis geschuldet, aus eigener Kraft keine Veränderung der Situation mehr herbeiführen zu können. Selbst Hans Sachs, der noch am ehesten eine gewisse Popularität für sich in Anspruch nehmen kann, ist gezeichnet von Leid und Verlustschmerzen – schließlich hat er zum einen seine Frau verloren, zum anderen erkennt er, dass der unbeschwert auftretende Stolzing in seinem Gesang relevante Dinge ausdrücken kann, die ihm unfassbar erscheinen.

Doch ob mit Stolzing die so dringend nötige Erneuerung der Meistersingerzunft einherkommen wird, scheint mehr als fraglich. Zu sehr scheinen sich die Meister damit abgefunden zu haben, dass es einfacher ist, sich selbst zu belügen, als ehrlich mit seinem Niedergang klar zu kommen. Dass unter dieser kollektiven Depression auch ein gefährliches Gewaltpotential liegt, zeigt Richard Wagner an markanten Stellen seiner Oper, die zwar im Jubel endet, der aber auf Kosten einiger Menschen wie Beckmesser erzielt wurde.  

—| Pressemeldung Bayerische Staatsoper München |—

München, Bayerische Staatsoper München, Premiere LUCIA DI LAMMERMOOR, 26.01.2015

Januar 14, 2015 by  
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Bayerische Staatsoper München

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Nationaltheater München © Wilfried Hösl

Premiere 26. Januar 2015:

Lucia di Lammermoor von Gaetano Donizetti

Libretto von Salvatore Cammarano nach dem Roman The Bride of Lammermoor von Walter Scott In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln | Neuproduktion.

Weitere Vorstellungen Lucia di Lammermoor:  29. Januar 2015; 1.02.2015; 5.02.2015; 8.2.2015; 11.02.2015; 22.07.2015, 25.07.2015.

Barbara Wysocka hält Oper für die zeitgenössischste aller Künste. Für Wysocka ist die Hauptfigur in Lucia di Lammermoor kein prädestiniertes Opfer: „Ich sehe sie als starke Frau, die versucht, sich aus einem Netz, in dem sie gefangen ist, zu befreien. Lucia ist ein Opfer der von Männern dominierten Gesellschaft, will sich aber von dieser Opferrolle befreien und kämpft dagegen an. Eine Lucia, die kein Opfer sein will, kann spannend sein: Dann beobachten wir einen Kampf ums Leben. Dieser Kampf endet mit dem Tod, der in diesem Fall Befreiung bedeutet.“ Lucias physischer und psychischer Verfall gipfelt in ihren Wahnsinns-Attacken, die für Wysocka nicht einfach subjektiver Ausdruck einer einzelnen Figur, sondern die Spiegelung von einhundertjähriger Familiengeschichte und -politik sind.

Wysocka rückt in ihrer Interpretation besonders das Verhältnis zwischen Macht und Liebe ins Schlaglicht, da der Stoff für sie genauso Politdrama wie Liebesgeschichte ist. Die zentrale Verknüpfung von Politik und Liebesskandal führte sie bei ihrer Auseinandersetzung mit Lucia di Lammermoor zur Familiengeschichte der Kennedys. In ihrer Inszenierung spielt die amerikanische High Society der 1950er und 1960er Jahre eine wesentliche Rolle: „Die fünfziger und sechziger Jahre sind in unserer Gesellschaft die Zeit eines großen sittlichen Konfliktes und einer weitreichenden Verlogenheit – und die Kennedys sind hier ein gutes Beispiel.“ Motive wie Glamour, Macht, Lügen sowie erzwungene Ehen spielen in beiden Familiengeschichten folgenschwere Rollen und werden so zum Angelpunkt zwischen Lucia di Lammermoor und der Familie Kennedy.

Wysockas Lucia di Lammermoor spielt im Ballsaal eines verlassenen und halbverfallenen amerikanischen Grandhotels. Das Bühnenbild zeigt einen verwüsteten Raum voller Vergangenheit, in dem einst die Society verkehrte, Bälle und Gesellschaften stattfanden. Von Anfang ist das tragische Ende der Geschichte für den Zuschauer präsent – für Lucia und ihren Liebhaber Edgardo kann es keinen Ausweg, kein Happy End geben. Dabei legt die Regisseurin auch großen Wert auf die Rolle des Publikums, das zum passiven Zeugen einer grausamen Geschichte wird: „Die Zuschauer beobachten, wie das Schicksal die Figuren frisst.“

Die polnische Regisseurin gehört zu den kreativsten jungen Theaterkünstlern in Europa. 1978 geboren, studierte sie zunächst Violine an der Staatlichen Hochschule für Musik in Freiburg und dann Regie und Schauspiel an der Theaterhochschule Krakau. An den Münchner Kammerspielen erarbeitete Wysocka im Jahr 2012 Woyzeck/Wozzeck nach Georg Büchner und Alban Berg; weiterhin inszenierte sie am Warschauer Opernhaus Philip Glass’ Kammeroper The Fall of the House of Usher (2009) sowie Eugeniusz Knapiks Moby Dick (2014).

Mit Gaetano Donizettis Lucia di Lammermoor präsentiert die Bayerische Staatsoper Kirill Petrenkos erstes Premierendirigat der Saison. Für die Inszenierung zeichnet die polnische Regisseurin Barbara Wysocka verantwortlich. Diana Damrau singt die Titelpartie, an ihrer Seite ist Pavol Breslik als ihr Geliebter Edgardo di Ravenswood zu erleben.

Für Generalmusikdirektor Kirill Petrenko ist die Premiere von Lucia di Lammermoor die erste Auseinandersetzung mit einem Bühnenwerk des Belcanto. An diesem Werk fasziniert ihn vor allem die Vielschichtigkeit der Partitur, die trotz aller Dramatik doch nicht nur düster ist: „Bei aller dramaturgischen Tiefe und allen katastrophalen Wendungen der Handlung macht die Musik Hoffnung – dieser Wohlklang, der noch die schlimmsten Begebenheiten abfedert, ist ein geradezu Mozart’scher Zug in diesem Werk.“ Die besondere Herausforderung stellt für Petrenko vor allem die Flüchtigkeit der eigenhändigen Partitur Donizettis dar: „Diese Niederschrift wirft viele Fragen auf. Manchmal ist der Notentext nicht eindeutig, Begleitfiguren sind abgekürzt oder nur skizziert, andere Passagen gestrichen und revidiert.“ Die Petrenkos Interpretation zu Grunde liegende kritische Edition (von Gabriele Dotto und Roger Parker, Ricordi) „versucht unter Einbeziehung einer großen Zahl zeitgenössischer Quellen auf alle diese Fragen einen Antwort zu geben. Das Spannende ist in diesem Fall, dass wir uns nicht auf die Lösungen der Herausgeber zu verlassen, sondern diese Stellen selbst abzuwägen haben und, weil im Autograph eben oft die letzte Konsequenz fehlt, hier eigene Entscheidungen treffen können und müssen.“

Koloratursopranistin Diana Damrau ist in der Partie der Lucia in einer ihrer Paraderollen zu erleben. Seit ihrem Rollendebüt an der New Yorker Met 2008 kehrt sie immer wieder zu dieser Partie zurück, an der sie besonders Lucias Kraft und Kampfbereitschaft fasziniert. Für Diana Damrau ist es nach Rigoletto (Doris Dörrie, 2005), Ariadne auf Naxos (Robert Carsen, 2008), Die schweigsame Frau (Barrie Kosky, 2010) und Les contes d’Hoffmann (Richard Jones, 2011) die fünfte Premiere an der Bayerischen Staatsoper.

Pavol Breslik gibt als Lucias Geliebter Sir Edgardo di Ravenswood sein Rollendebüt. Der slowakische Tenor war an der Bayerischen Staatsoper u.a. bereits als Alfredo in La traviata, als Nemorino in L’elisir d’amore, als Lenski in Eugen Onegin und als Gennaro in Lucrezia Borgia zu erleben.

Gaetano Donizettis „Dramma tragico“ Lucia di Lammermoor wurde im September 1835 im Teatro San Carlo in Neapel uraufgeführt. Das Libretto stammt von Salvadore Cammarano, der sich von Walter Scotts Roman The Bride of Lammermoor inspirieren ließ. Von Zeitgenossen mit heftigen Begeisterungsstürmen gefeiert, gilt das Werk heute noch als herausragendes Werk des Belcanto, in welchem Donizetti seine dramatische Charakterisierungskunst vor allem in den Arien der Titelpartie unter Beweis stellen konnte. Lucia ist eine durch und durch romantische Heldin, die trotz ihres starken Willens und ihrer Durchsetzungskraft an der von Männern beherrschten Gesellschaft zugrunde geht. Ihr im Wahnsinn und schließlich im Tod endendes Drama ist eines der exemplarischsten und spannendsten Frauenschicksale der Operngeschichte. Die letzte Neuinszenierung der Oper in München feierte 1991 mit Edita Gruberova in der Titelpartie und Francisco Araiza als Edgardo Premiere (Michel Plasson / Robert Carsen). Bei dieser Aufführung spielte Sascha Reckert erstmals die in der Urfassung komponierte Glasharmonika-Begleitung der „Wahnsinnsszene“ auf seinem eigens gebauten Röhren-Verrophon. Reckert ist in dieser Funktion auch 2015 tätig.

BR-Klassik
Die Premiere von Lucia di Lammermoor wird am 26. Januar live auf BR-Klassik übertragen. Zuvor führt die Sendung Foyer mit Informationen, Interviews und Live-Gesprächen in das Werk ein.

STAATSOPER.TV
Kostenloser Live-Stream der Vorstellung auf www.staatsoper.de/tv am Sonntag, 1. Februar 2015 ab 19.00 Uhr

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