Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Trauer um Harry Kupfer _ 1935-2019, 30.12.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

 Staatsoper Unter den Linden –  Trauer um Harry Kupfer

Harry Kupfer, 12. August 1935 – 30. Dezember 2019, einer der zentralen Musiktheaterregisseure der vergangenen Jahrzehnte, ist im Alter von 84 Jahren verstorben. Mit seinen mehr als 200 Inszenierungen hat er die Kunst der Opernregie auf eine neue Höhe geführt und ihr nachhaltige Impulse für die Gegenwart und Zukunft gegeben. Die Staatsoper Unter den Linden, der Harry Kupfer ab den frühen 1970er Jahren bis zum Ende seines Lebens eng verbunden war, ist ihm für sein herausragendes künstlerisches Wirken zu größter Dankbarkeit verpflichtet. Harry Kupfer hat die Werke, die er gemeinsam mit seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern auf die Bühne gebracht hat, bis in ihre Tiefenschichten hinein befragt und gedeutet – seine Regiearbeiten zeugen von höchster handwerklicher Souveränität wie von außergewöhnlicher Gedanken- und Einfallsfülle.

Der Rosenkavalier mit Einführung von Harry Kupfer
youtube Trailer Salzburger Festspiele
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Oper war für Harry Kupfer etwas zutiefst Lebendiges, mit beständigen Verweisen auf das Hier und Jetzt. Seine Inszenierungen haben stets das Denken aller künstlerisch Beteiligten wie des Publikumsherausgefordert, mit unbedingter Energie und Überzeugungskraft ist es ihm gelungen, immer wieder Funken aus den Werken zu schlagen, auf dass sie aktuell und aussagekräftig bleiben. Bereits mit Mitte Zwanzig hatte Harry Kupfer mit dem Inszenieren von Opern begonnen. Nach seinem Debüt in Halle mit Dvoráks Rusalka übernahm der studierte Theaterwissenschaftler die Leitung des Opernensembles am Theater Stralsund und wurde 1962 Oberspielleiter im damaligen Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Vier Jahre darauf wurde Harry Kupfer Operndirektor am Deutschen Nationaltheater und an der Staatskapelle Weimar, bevor er 1972 als Operndirektor und Chefregisseur an die Staatsoper Dresden wechselte. 1981 wurde er als Chefregisseur an die Komische Oper Berlin berufen, die bis in die späten 1990er Jahre das Zentrum seines Wirkens war. Dort inszenierte er u. a. Wagners »Meistersinger von Nürnberg«, die Erstaufführungen (in der damaligen DDR) von Aribert Reimanns »Lear« und Händels »Giustino«, die Uraufführung von Siegfried Matthus’ Judith, Mussorgskys »Boris Godunow«, Glucks »Orfeo ed Euridice«, »Carmen – Eine Version« nach Bizet, Offenbachs »Hoffmanns Erzählungen« und »Orpheus in der Unterwelt«,Händels »Julius Cäsar in Ägypten«, Donizettis »Lucia di Lammermoor«, Strauß’ »Fledermaus«, Beethovens »Fidelio«, Henzes »König Hirsch« sowie einen von »Idomeneo« bis zur »Zauberflöte« reichenden und unter einem übergreifenden Konzept stehenden Mozart-Zyklus.

Macbeth 2016 Inszenierung Harry Kupfer
youtube Trailer Staatsoper Unter den Linden
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Noch 2019 führte er im Haus an der Behrenstraße bei Händels Poro Regie. Parallel zu seiner Arbeit an der Komischen Oper inszenierte Harry Kupfer auch an der benachbarten Deutschen Staatsoper Berlin, beginnend 1971 mit Strauss’ »Die Frau ohne Schatten«, gefolgt von Verdis Othello 1972, der Uraufführung von Rainer Kunads »Sabellicus« 1974, Wagners »Parsifal« 1977 und Strauss’ »Salome« 1979, eine Produktion, die über eine Zeitraum von fast vier Jahrzehnten im Repertoire blieb. Ab 1992 inszenierte Harry Kupfer dann die zehn großen Wagner-Opern und -Musikdramen an der Staatsoper Unter den Linden, jeweils gemeinsam mit Daniel Barenboim als Dirigent sowie dem Bühnenbildner Hans Schavernoch. Von 1988 bis 1992 hatten Harry Kupfer und Daniel Barenboim bereits eine Neuproduktion von Wagners Ring des Nibelungen bei den Bayreuther Festspielen realisiert. Ihre erste Zusammenarbeit an der Staatsoper galt »Parsifal«,im Anschluss folgte der komplette »Ring« bis 1996, bis 2001 dann alle weiteren Hauptwerke. Zu den FESTTAGEN 2002 wurde dann der zehnteilige Wagner-Zyklus zweimal hintereinander geboten, eine besondere Leistung in der Geschichte des Hauses. 2015 lebte die Kooperation von Harry Kupfer und Daniel Barenboim mit Beethovens »Fidelio« wieder auf. Zuletzt erarbeiteten sie 2018 Verdis Macbeth (youtube Trailer oben)  gemeinsam. Darüber hinaus schuf Harry Kupfer Inszenierungen in Graz, Kopenhagen, Amsterdam, Cardiff, Helsinki, London, Moskau, Zürich, Frankfurt, Köln, Mannheim, Stuttgart, München, Hamburg, Tel Aviv, San Francisco, Tokio und Sydney. In Wien inszenierte er insgesamt sieben Mal an der Staatsoper und der Volksoper, u. a. Krzysztof Pendereckis »Die schwarze Maske« und Strauss’ »Elektra« (beides Koproduktionen mit den Salzburger Festspielen), Bernd Alois Zimmermanns »Die Soldaten«, Tschaikowskys »Eugen Onegin« und Mussorgskys »Boris Godunow«. Am Theater an der Wien entstanden Inszenierungen von Strauss’ »Ariadne auf Naxos« sowie die Uraufführungen der Musicals »Elisabeth« und »Mozart!«.

Lady Macbeth von Mzensk mit Einführung von Harry Kupfer
youtube Trailer Bayerische Staatsoper
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Zu Harry Kupfers Arbeiten der letzten Jahre zählten neben dem Berliner Macbeth Inszenierungen von Strauss’ Rosenkavalier bei den Salzburger Festspielen (Trailer oben) und von Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk an der Bayerischen Staatsoper München. Harry Kupfer war Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, der Freien Akademie der Künste in Hamburg und der Sächsischen Akademie der Künste in Dresden sowie Professor ander Hochschule für Musik »Carl Maria von Weber« in Dresden.Mit Harry Kupfer verliert die Musik- und Opernwelt einen maßgeblichen Vertreter seines Fachs, einen der stilbildenden Regisseure des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Staatsoper Unter den Linden, die seine intensive Arbeit und seine Begeisterung für die Sache, aber auch seine Zugewandtheit und Menschlichkeit hoch zu schätzen wussten, trauern um einen großen Künstler. Daniel Barenboim und alle Beteiligten gedachten Harry Kupfer bei dem heutigen Konzert zum Jahreswechsel mit einer Schweigeminute.

Im Namen der Staatsoper Unter den Linden,  Matthias Schulz, Daniel Barenboim, Ronny Unganz

—| Pressemeldung Staatsoper unter den Linden |—

Dresden, Kulturpalast, Dresdner Musikfestspiele 2019, IOCO Kritik, 21.05.2019

Mai 21, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, Kulturpalast

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

 Dresdner Musikfestspielen 2019 – WDR Sinfonieorchester

Drei Komponisten – Drei Kontinente

von Thomas Thielemann

Das Orchester des Westdeutschen Rundfunks war mit seinem neuen Chefdirigenten Cristian Macelaru in diesem Jahr zum ersten Mal Gast der Dresdner Musikfestspiele.

Cristian Macelaru, 1980  im rumänischen Timisoara geboren, ist erst seit vergleichsweise kurzer Zeit auf den etablierten Konzertpodien präsent. Wir lernten ihn 2017 bei  seiner Zusammenarbeit mit der Staatskapelle Weimar und Andrei Ionita als nahezu Unbekannten kennen. Bei den Dresdner Musikfestspielen 2019 stellte er sich zunächst mit einer europäische Erstaufführung und einer Neuschöpfung vor.

Die amerikanische Komponistin Gabriella Smith (*1991) hatte ihm ihre Partitur „Field Guide“ für eine europäische Erstaufführung in die Tasche gesteckt. Als Einstimmung für eine originelle Neukomposition war dieser letztlich realistische „Gang über ein von Insekten und Vögeln bewohntes Feld“ auch gut ausgewählt.

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der "Drei Kontinente" - hier : WDR Sinfonieorchester © Oliver Killing

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der „Drei Kontinente“ – hier : WDR Sinfonieorchester © Oliver Killing

Als Intendant der Dresdner Musikfestspiele und solistisch Tätiger hatte Jan Vogler drei kreative in unserer Zeit und in der Gesellschaft verortete Tonschöpfer unterschiedlicher  Kontinente gebeten, ihm ein unsere Welt möglichst umspannendes Werk für sein Cello mit Orchester zu gestalten. Der chinesische Komponist Zhou Long (*1953 in Peking), der Deutsche Allrounder Sven Helbig  (*1968 in Eisenhüttenstadt) und der US-amerikanische Arrangeur und Komponist Nico Myhly (*1981) wagten die Schritte auf den Weg, eigenständige Kultur mit dem  weltumspannenden Kontext zu verbinden. Dabei war von vornherein vereinbart worden, dass weitgehend unabhängig gearbeitet wird. Die vier Protagonisten erläuterten, dass jedem Teil ein Zeitrahmen etwa zehn Minuten zukommen solle. Des Weiteren wurde die thematische Richtung der Beiträge vereinbart. Dabei sollten Humor und Leichtigkeit im Vordergrund stehen. Nach Aussage der vier hat es in der Folgezeit nur geringe Kommunikationen gegeben.

Der im Programm ausgedruckte Titel Drei Kontinente sei ein Arbeitstitel und werde konkretisiert, falls sich das „Produkt“ etabliere.

Im Konzert wurde, abweichend von der Programmheft Ankündigung, als Auftakt der von Zhou Long geschaffene Satz gespielt, der sich an einem alten chinesischen Gedicht über acht leicht angetrunkene Poeten orientiert hat. Schlaginstrumente charakterisieren die zunehmende Trunkenheit. Das Solocello übernimmt die Funktion und den Geist der alten siebensaitigen Zitter „Gugin“. Bläser und dunkle Streicher betonen den melancholischen  Grundton.

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der "Drei Kontinente" - hier : mit Zhou Long   © Oliver Killing

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der „Drei Kontinente“ – hier : mit Zhou Long   © Oliver Killing

Betont langsam folgte dann der europäische als Aria benannte Beitrag von Sven Helbig. Sehr melodisch und die Themen kaum abschließend, lässt der Komponist selbst das Cello im Ungefähren stehen.

Erst das abschließende Scherzo von Nico Muhly lässt dann Tonsequenzen auf und ab schwellen, etwas amerikanisch hetzend, mehrfach wiederholend. Mit Querverweisungen auf amerikanische Kulturen nahm dann Muhly das Orchester zurück und gibt Jan Vogler Freiraum, in einer Art Kadenz sein Können zu zeigen, um dann zu einem furiosen Abschluss des Gesamtproduktes zu kommen.

Das Publikum spendete überwiegend freundlichen Beifall. Euphorische Kundgebungen blieben begrenzt. Insgesamt mithin ein interessantes und nicht misslungenes Experiment, zu dessen Wirkung das Orchester und Cristian Macelaru mit geduldiger und kreativer Probenarbeit vermutlich beigetragen hat.

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der "Drei Kontinente" - hier : mit Cristian Macelaru © Oliver Killing

Dresdner Musikfestspiele 2019 / Konzert der „Drei Kontinente“ – hier : mit Cristian Macelaru © Oliver Killing

Dass Macelaru mit der noch jungen Partnerschaft zum WDR-Orchester gleich mit Beethovens massiver Es-Dur-Sinfonie außer Haus ging, hatte ich zunächst als problematisch angesehen. Aber der Erfolg des zweiten Konzertteils hat das Wagnis bestätigt. Wir konnten einen qualifizierten Klangkörper hören, der sich offenbar bereits in der ersten gemeinsamen Saison mit dem noch hoffentlich langjährigen Chefdirigenten bestens versteht und uns damit eine wunderbare „Sinfonia eroica“ verschaffte. Der Dirigent war allerdings mit seinen Kräften am Ende, so dass er die vom Gastorchester zu erbringende Zugabe wegließ und auch den ihm zugedachten Beifall abbrach.

Die Qualifizierung der Musiker ist für ein so am Rande des Musikbetriebs agierendes Orchester außergewöhnlich hoch und das Klangbild geschlossen, wenn vielleicht auch noch nicht ausgereift. Letzteres kann an der Vielfalt der bespielten Säle liegen. Die Musiker folgen exakt den gut akzentuierten Ansagen des Chefs. Derzeit noch zu bereitwillig, denn wenn Macelaru Lautstärke anzeigt, wird auch ordentlich draufgehauen. Hier fehlen noch Differenzierungen und Zwischentöne. Aber so etwas kann man sich in Dresden durchaus abschauen. Wir schauen zumindest interessiert, wie sich das WDR-Rundfunkorchester unter dem bisher unterschätzten Rumänen entwickeln werde.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

Weimar, Deutsches Nationaltheater, Don Giovanni – Wolfgang A. Mozart, 13.09,2018


Deutsches Nationaltheater Weimar

Deutsches Nationaltheater Weimar © Ricarda Porzelt

Deutsches Nationaltheater Weimar © Ricarda Porzelt

 Don Giovanni – Wolfgang Amadeus Mozart

Flirts, Zeitdruck, Urknall der Musikgeschichte

von Ingrid Freiberg

Um sich in die Figur des zügellosen Wüstlings und Gotteslästerers Don Giovanni versetzen zu können, brachte sich Textdichter Lorenzo da Ponte durch Flirts mit der Tochter seiner Wirtin in Stimmung. Mozart dagegen komponierte unter großem Zeitdruck: Die Ouvertüre, die die beiden Gegenspieler Komtur und Don Giovanni schicksalhaft gegeneinander aufbringt, wurde erst am Tag der Uraufführung fertig. Ein schneidender d-Moll Akkord eröffnet die Ouvertüre zu einem Dramma giocoso und führt zum Todeslauf von Don Giovanni. Sie ist schlichtweg der Urknall in der Geschichte des Musiktheaters.

Das Kind  –  Der Sündenfall

Einen Blitz sieht auch Kierkegaard, der sich aus dem Dunkel der Wetterwolke löst, unsteter als dieser und doch ebenso taktfest. Höre der Leidenschaft zügelloses Begehren, höre das Rauschen der Liebe, höre das Raunen der Versuchung, höre den Wirbel der Verführung, höre des Augenblicks Stille – höre, höre, höre  Mozarts Don Giovanni!

Deutsche Nationaltheater Weimar / Don Giovanni - hier : Don Giovanni und Kind © Candy Welz

Deutsche Nationaltheater Weimar / Don Giovanni – hier : Don Giovanni und Kind © Candy Welz

Die Psychoanalyse ortet in Don Giovanni den Sohn einer Mutter, die bei ihrem Gatten zur Träumerin wird und an ihren Kleinen weitergibt, er möge alle Frauen so erobern, wie keiner sie selbst je erobert hat. Wie wird sich da erst das Kind (Foto) entwickeln, das der Regisseur Demis Volpi beherzt in die Handlung hinein inszeniert? Die schon am Ende der Ouvertüre sichtbare Leibesfülle von Donna Anna macht ihr monatelanges intimes Verhältnis mit Don Giovanni mehr als deutlich. Sie ist es auch vermutlich, die ihn wieder einmal zum Stelldichein nach Hause eingeladen hat, ihn dann aber nach einem Streit so aufbrausend laut zurückweist, dass ihr Vater, Komtur, ihr zu Hilfe eilt. In einem Handgemenge – fast in Zeitlupe – wird er von Don Giovanni erschossen.

Erst nach einer wohlberechneten Verzögerung holt Donna Anna ihren Verlobten Don Ottavio zu Hilfe und fordert von ihm furchtbare Rache für die angebliche Gewalt, die ihr angetan wurde. Ihr Kind in ihren Armen wiegend, muss sie sich ihm allerdings erklären, was sich angesichts der zahlreichen ambivalenten Elemente in Libretto und Partitur ziemlich schwierig gestaltet. Dass Donna Anna womöglich lügt, wurde schon oft vermutet, aber dass es ihr monatelang gelingt, ihr Geheimnis vor ihrem Verlobten zu hüten, ist eher unwahrscheinlich. Mit der Existenz des Kindes entsteht ein Familiendrama, das mehr denn je einen duldenden Don Ottavio erfordert.

Zurück bleiben ein paar verwundete Seelen – auch der Regisseur?

Zerlina und Masetto können viel leichter auf eine glückliche Zukunft hoffen, auch wenn sie ihm unter Umständen wieder  ein paar Hörner aufsetzen wird, oder er ihr untreu werden könnte, wenn er zu viel getrunken hat. Oft hören wir von Frauen, die von ihren Männern geschlagen, gequält und gedemütigt werden, und die trotzdem bei ihnen bleiben. Sie sind diesen Tyrannen einfach hörig, genau wie Donna Elvira, eine masochistische Hysterikerin und zugleich unendlich Liebende.

Wenn Don Giovanni das Charisma fehlt, so passt das ins Regiekonzept, das ihn nicht als einen Potenzmenschen vorführt, sondern als personalen Brennpunkt erotischer Wünsche und Obsessionen. Präsentiert wird ein vulgärer Lüstling, ein Vernichter des Sozialen, ihm bleibt die seelische Liebe völlig fremd. Am Ende wird das Kind – sein Sohn und der Enkel des Komturs – Rache üben. Das Kind ist die Personifizierung seines Sündenfalls: Als es seinen Vater berührt, bricht der ausgepowerte lebensüberdrüssige Lebemann lautlos zusammen… zurück bleiben ein paar verwundete Seelen.

Regisseur Demis Volpi – Don Giovanni
Youtube Trailer DNT Weimar
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Der Deutsch-Argentinier Demis Volpi war früher Tänzer und Choreograf beim Stuttgarter Ballett. 2014 erhielt den Deutschen Tanzpreis Zukunft und 2017 wurde er zum Nachwuchsregisseur des Jahres von der Fachzeitschrift Opernwelt gekürt. Umso mehr erstaunt seine teilweise statische Personenführung. Dass Donna Anna ein Verhältnis mit Don Giovanni hat, aus dem ein Kind hervorgeht, ist nicht nur für die Protagonisten schwierig zu gestalten, sondern wird auch durch die Musik und im Libretto widerlegt. Alles in allem ist ein Kind ein verführerischer Gedanke, der aber nicht überzeugt.

Eine gelungene Ensemble-Leistung

Die Rolleninterpretation des Don Giovanni von Uwe Schenker-Primus ist zwiespältig: Zunächst rigoros verletzend, alle sozialen und christlichen Regeln brechend, demonstriert er eine Zweiklassengesellschaft. Am Ende aber gibt er sich frustriert, deprimiert und müde seinem Schicksal hin. Uwe Schenker-Primus gibt Don Giovanni ein überlegtes, fein ausdifferenziertes Rollenprofil. Seine klangschöne Stimme schlägt den optischen Eindruck.

Heike Porstein überzeugt als Donna Anna mit ausgezeichneter Gesangstechnik. Mit lasziv langsamen Bewegungen macht sie Don Giovanni unzweideutig an. Sie verfolgt den Geliebten, um ihre erotische Begierde immer wieder zu stillen. Eine Begierde, die in ihrem Fühlen auf qualvolle Weise verhaftet bleibt. Camila Ribero-Souza singt die Donna Elvira mit einem Ausdruck von Tragik, Verzweiflung, Enttäuschung, Hoffnung. Ihr Mi tradi ist einer der sängerischen Höhepunkte dieses Abends.

Der Leporello von Alik Abdukayumov ist stimmlich potent und warm timbriert. Warum er aber jenseits materieller Notwendigkeiten bei Don Giovanni bleibt, warum er bei dessen Verführungsstreich nicht die Kleidung mit ihm tauscht und warum er sich vor den Rachsüchtigen fast angstfrei – mit beiden Händen in den Taschen – als sein Diener enttarnt, bleibt offen. Don Ottavio, ein religiös erzogener Langweiler, versucht, im Familienchaos Ordnung zu bewahren, scheitert damit aber auf fast entwürdigende Weise. Artjom Korotkov, Don Ottavio, ein Tenor mit Schmelz und Strahlkraft, war an diesem Abend bedauerlicherweise indisponiert. Die tiefe Grundierung von Daeyoung Kim, Komtur, klingt mit innerer Wucht, ist sicher geführt und auf dem Friedhof nur aus dem Off zu hören. Die Bedeutung seiner Rolle wird allerdings durch die des Kindes stark reduziert.

Zerlina und Masetto sind ein herrlich zueinander passendes Paar: Charmant gelingt es Jolana Slavikova den berechtigt beleidigten Masetto von Henry Neill auf raffiniert-diplomatische Weise zu besänftigen. Quicklebendig, mit jugendlicher Natürlichkeit und lustvollem Spiel, dennoch trotz ihrer Jugend differenziert und ausgereift, gewinnen beide die Herzen der Opernfreunde. Ivan Karabits, das Kind, spielt seine Rolle überraschend souverän und überzeugend. Zeigt sich da bereits ein Nachwuchstalent?

Unter der Leitung des ukrainischen Dirigenten Kirill Karabits spielt die Staatskapelle Weimar klangschön und rhythmisch präzise. Das Pralle, Sinnliche, Pulsierende, Prickelnde, bunt Lebendige in Mozarts Don Giovanni, das die Regie vermissen lässt, entwickelt das  Orchester in vollem Umfang.

Deutsche Nationaltheater Weimar / Don Giovanni - hier : Frauen umgarnen Don Giovanni © Candy Welz

Deutsche Nationaltheater Weimar / Don Giovanni – hier : Frauen umgarnen Don Giovanni © Candy Welz

Der Opernchor des DNT unter der Leitung von Marianna Voza lebt vom frischen, elanvollen Zugriff des Dirigenten und findet einen organisch atmenden Grundton. Frauen wie Männer – als Bräute verkleidet – umgarnen jugendlich schön und geheimnisvoll lüstern den seiner baldigen Vernichtung anheimfallenden Don Giovanni.

Die britische Bühnen- und Kostümbildnerin Tatyana van Walsum gestaltet eine offene Szene mit zeitlosen Räumen und variablen kubischen Elementen. Strukturierend wehende weiße Vorhänge erlauben wechselnde Orte. Geheimnisvolle Wolkenprojektionen unterstreichen das Geschehen. Es gibt keine Opernverkleidungen, denn die Protagonisten sehen ohnehin in ihren Wünschen, wen sie wollen, da kann Don Giovanni  sogar zu einer Puppe werden, der Donna Elvira ihre verschmähte Zärtlichkeit hingebungsvoll schenkt.

Insgesamt eine gute sängerische Ensembleleistung, die jedoch bei der Regie  einige Fragen offen lässt. Das Publikum spendete herzlichen Beifall.

Don Giovanni am DNT Weimar: Die nächsten Aufführungstermine: 20. und 30. September, 6. und 18. Oktober 2018

—| IOCO Kritik Deutsches Nationaltheater Weimar |—

 

Weimar, Deutsches Nationaltheater, Premiere Otello, 201.05.2017

Mai 16, 2017 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Weimar

Deutsches Nationaltheater Weimar

Deutsches Nationaltheater Weimar © Ricarda Porzelt

Deutsches Nationaltheater Weimar © Ricarda Porzelt

 Otello von Giuseppe Verdi

Ab 20.5.2017 im DNT Weimar, Weitere Vorstellungen folgen am 28.5., 9.6., 17.6. und 22.6.2017 sowie in der Spielzeit 2017/18

Nach Hamlet im Schauspiel bringt das DNT Weimar in dieser Spielzeit auch im Musik­theater einen Shakespeare-Stoff auf die Bühne: Giuseppe Verdis Oper Otello nach der gleichnamigen Tragödie des englischen Dramatikers. Premiere ist am Samstag, 20. Mai 2017, 19.30 Uhr im Großen Haus.

DNT Weimar / Otello © Luca Abbiento

DNT Weimar / Otello © Luca Abbiento

Mit seiner vorletzten Oper schuf der italienische Komponist eines der fesselnd­sten und eindrucksvollsten Werke seines musikdramatischen Schaffens. Von intimen Momenten und leidenschaftlichen Arien bis hin zu großen ausdrucksstarken Chorszenen lotet seine Musik die Gefühle der Protagonisten in allen Facetten und Tiefen aus. Eindringlich zeichnet Verdi dabei insbesondere die innere Zerrissenheit seines Titelhelden nach. Gerade aus siegreicher Schlacht zurückgekehrt, wird Otello in eine perfide Intrige seines machtgie­rigen Fähnrichs Jago hineingezogen. Dieser bringt den sichtlich vom Krieg traumatisierten General dazu, an der Treue seiner Geliebten Desdemona zu zweifeln und nimmt ihm damit den einzigen Halt in einer Gesellschaft, in der sich als Fremdkörper und Außenseiter fühlt. Zunehmend verfällt Otello dem Wahn seiner Eifersucht und Jagos feindselige Zuschreibungen lassen ihn schließlich zu dem ‚Wilden‘ werden, den er aus ihm machen will. Desdemonas reine Liebe vermag er nicht mehr zu erkennen und findet nur noch in Mord und Freitod einen Ausweg.

DNT Weimar / Otello © Luca Abbiento

DNT Weimar / Otello © Luca Abbiento

In Szene gesetzt wird die dramatische Geschichte von Regisseurin Nina Gühlstorff, die am DNT bereits Eugen Onegin und Die Zauberflöte auf die Bühne gebracht hat. Als Musikalischer Leiter der Neuinszenierung konnte Oleg Caetani gewonnen werden, der von 1984 bis 1987 Ständiger Gastdirigent der Staatskapelle Weimar war und auch danach in zahlreichen Konzerten an ihrem Pult zu erleben war. Der Italiener mit ukrainischen Wurzeln genießt als Konzert- und Operndirigent international einen erstklassigen Ruf und hat in den vergangenen Jahren u.a. an der Mailänder Scala, der English National Opera, am Teatro dell’Opera Rom, am Théâtre des  Champs-Élysées in Paris und an der Kölner Oper dirigiert. Zweiter Dirigent der Produktion ist Dominik Beykirch, 2. Kapellmeister des DNT Weimar, der die Aufführung am 17.6. sowie die Vorstellungen in der kommenden Saison leiten wird.

Die Titelpartie übernimmt als Gast am Haus der Tenor Alexey Kosarev. Den Jago singt Alik Abdukayumov, die Desdemona Larissa Krokhina. In den weiteren Partien sind Sayaka Shigeshima (Emilia), Jaesig Lee (Cassio), Artjom Korotkov (Rodrigo), Christoph Stegemann (Lodovico), Andreas Koch (Montano) und Oliver Luhn (Herold) besetzt. Die großen Chorszenen gestalten der Opernchor des DNT Weimar und Studierende der Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar. Zudem wirkt ein Kinderchor der schola cantorum weimar mit.

 Otello von Giuseppe VerdiAb 20.5.2017 im DNT Weimar, Weitere Vorstellungen folgen am 28.5., 9.6., 17.6. und 22.6.2017 sowie in der Spielzeit 2017/18

Pressemeldung Deutsches Nationaltheater Weimar

 

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