Baden-Baden, Festspielhaus, En suite-Festival – Tamestit, Tjeknavorian, Zassimova, 18.07. – 30.8.2020

logo_baden_baden

Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

En suite – Festival – 18.7. – 30.8.2020

  Antoine Tamestit – Telemann, Bach – 18.7. – 19.7.2020

Die Festspiele Baden-Baden finden im Sommer 2020 in Hotels und dem Museum Frieder Burda statt. Unter dem Motto En suite gibt es ein Konzert-Programm mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern sowie fest eingeplanten „Aha- Effekten“ vom 18. Juli bis zum 30. August 2020.

„Wer die Begriffe Baden-Baden, Musik und Hotel zusammenfügt, erzeugt angenehme Bilder in den Köpfen der Menschen“, so Stampa. Der Intendant möchte die durch die Corona-Pandemie erzwungene Spielpause auf diese angenehme Weise beenden. „Wir tasten uns langsam wieder an Live-Veranstaltungen heran – derzeit in kleinem Rahmen, der in Baden-Baden aber auch immer die Begriffe Sicherheit und Wohlergehen mitschwingen lässt“.

Das vollständige  Programm – En suite und mehr – HIER!

Das En suite – Festival begrüßt Solistinnen und Solisten wie den französischen Ausnahme-Bratschisten Antoine Tamestit, ein Streich-Trio um den gefeierten österreichischen Geiger Emmanuel Tjeknavorian, die in Baden lebende russische Pianistin Anna Zassimova sowie die international gefeierten Ensembles delian::quartett und das Schumann-Quartett.

Spielorte sind der Maler-Saal des Hotels Maison Messmer, die Orangerie des Brenners Park Hotel sowie das Museum Frieder Burda (in Zusammenarbeit mit dem Hotel „Kleiner Prinz“).

Den Auftakt macht im Malersaal des Hotels Maison Messmer der international als einer der einzigartigsten Bratschisten gefeierte Antoine Tamestit. In seinen Konzerten am Samstag 18. Juli, 16 Uhr, und Sonntag 19. Juli, 11 Uhr, stellt er auf reizvolle Weise Werke Johann Sebastian Bachs denen seines Zeitgenossen Georg Philip Telemann gegenüber. Festspielhaus-Dozent Dariusz Symanzski wird in das Konzert einführen und so für zusätzliche Aha-Effekte beim Musikgenuss sorgen.

Festspielhaus Baden - Baden / Antoine Tamestit à Paris en octobre 2016 © Julien Mignot / harmonia-mundi

Festspielhaus Baden – Baden / Antoine Tamestit à Paris en octobre 2016 © Julien Mignot / harmonia-mundi

Sowohl als Solist, Rezitalist und Kammermusiker ist Antoine Tamestist für seine unübertroffene Technik und die vielgerühmte Schönheit seines farbenreichen Bratschentons bekannt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen bei renommierten Instrumentalwettbewerben, wie bei den New Yorker Young Concert Artists Auditions und dem Internationalen Musikwettbewerb der ARD. Und auch sein Instrument ist einzigartig: Antoine Tamestist spielt die vielleicht wertvollste Viola der Welt:

Er konzertiert auf der 1672 von Stradivari gebauten „Mahler“- Bratsche, die vermutlich erste Viola, die von Stradivari stammt. Sein Repertoire reicht von der Barockzeit bis zur Gegenwart. In der aktuellen Saison sollte er mit einem umfangreichen Programm an Solo- und Kammerkonzerten „Portrait  Artist“ des London Symphony Orchestra sein, was die Corona-Pandemie unmöglich gemacht hat. Seine Residenz an der Kammerakademie Potsdam konnte er mit zwei Konzerten zumindest teilweise in Anspruch nehmen.

Er spielte mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, dem Orchestre de Paris, den Wiener Symphonikern, dem Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra und dem São Paulo Symphony Orchestra. Neben Sir John Eliot Garniner arbeitet er regelmässig mit den Dirigenten Valery Gergiev, Riccardo Muti, Marek Janowski, Antonio Pappano, François-Xavier Roth und Franz Welser-Möst zusammen.

In der Zeit Bachs und Telemanns hatte die Bratsche im Ensemble der Streichinstrumente noch sehr viel mehr zu tun, als viele ihr heute zutrauen: Die Unterwerfung der Mittelstimmen kam erst im Rokoko und in der Wiener Klassik. War die Bratsche zuvor gleichberechtigter Partner im polyphonen Stimmgeflecht, verschwand sie nun in der vernachlässigten Mitte zwischen den Geigen, die oben jubilierten, und den Celli und Bässen, die unten Halt gaben. Tamestit deutet in seinem Programm die Bratsche wieder um: aus der lauen Mitte wird der wandlungsfähige, nach vielen Seiten offene Mittler: Denn es ist eine Stärke seines Instruments, dass auf ihm spieltechnisch alles möglich ist, was auch die Geige kann, wenn auch deren brillante Höhe fehlt. Zudem hat die Bratsche im tieferen Register mehr zu bieten als ihre zierliche Schwester – sie betört mit warmem, vollem Ton.

Festspielhaus Baden - Baden / Malersaal Baden-Baden © Maison Messmer

Festspielhaus Baden – Baden / Malersaal Baden-Baden © Maison Messmer

In den Konzerten am 18. und 19 Juli erklingen im Malersaal des Maison Messmer Fantasien von Georg Philipp Telemann und Suiten von Johann Sebastian Bach. Entstanden sind Bachs Suiten wie auch Telemanns Fantasien in den 1720er und 30er Jahren. Waren Telemanns Fantasien im Aufbau von Bach gar nicht so weit entfernt – auch in ihnen verbergen sich kleine Tanzsuiten und flotte Gigues im Dreiachteltakt.

Doch während bei Bach die Musik voranschreitet wie in einem Selbstgespräch oder einer Meditation, hört man bei Telemann das „Publikum“ immer gleich mit. Er bevorzugte klar umrissene, eingängige Melodien und folkloristische Rhythmen und komponierte mit Blick auf musikalische Laien, die seine Noten kauften oder Unterricht bei ihm nahmen. Damit stieß er eine Tür auf zur bürgerlichen Musikkultur, die nicht mehr für Gott oder den König, sondern für sich selbst musizierte.

Dass er in Leipzig aus geselligem Musizieren unter Studenten die öffentlichen „Kollegiumskonzerte“ formte, passt in diese neue Musikkultur. Sein Nachfolger als Leiter dieser Konzerte war dann gleichwohl kein Geringerer als Bach. Der Malersaal aus der Zeit der Belle Époque ist das Herzstück unter den festlichen Sälen, die das traditionsreiche Hotel Maison Messmer für außergewöhnliche und exklusive Veranstaltungen bereithält. Schon im alten „Messmer“ war der Malersaal Ort für festliche Events, hier gab sich die High Society von Baden-Baden ein Stelldichein. Aufwendig restauriert, mit über sieben Metern Raumhöhe und einem geradezu imperialen Ambiente, knüpft der Malersaal heute wieder an diese Tradition an und bietet einen idealen Rahmen für den En suite- Auftakt.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Reiches Klassik-Wochende in Dresden, IOCO Kritik, 07.07.2020

Konzertplatz Weißer Hirsch Dresden © Markenfotografie / Staatskapelle

Konzertplatz Weißer Hirsch Dresden © Markenfotografie / Staatskapelle Dresden

Sächsische Staatskapelle Dresden

Reiches Klassik-Wochende in Dresden trotz Corona

Musiker der Staatskapelle und Sänger der  Semperoper

von Thomas Thielemann,

Das vergangene Wochenende haben wir genutzt, um konzentriert zu erleben, was unter den derzeitigen Corona-Einschränkungen in der Dresdner Klassikszene möglich ist.

Das Wochenende begann am Abend des Freitags mit der Traditionsveranstaltung der Musiker der Sächsischen StaatskapelleOhne Frack auf Tour“. Seit 2016 wechselten einmal im Jahr kleine Ensembles von ihrem Stammhaus in Kneipen, Bars und Restaurants in die Innere Neustadt von Dresden, um dort im Halbstunden-Rhythmus 20 Minuten abseits vom Konzertrepertoire zu spielen, was ihnen so am Herzen liegt. Jedes Jahr waren wir von Lokal zu Lokal gezogen, haben  vier bis sechs der Musikergruppen besucht und viel Freude am Gebotenen sowie am Interesse der sonst nicht im Konzertsaal Anzutreffenden gehabt. Selbst am Rande der Salzburger Osterfestspiele hatten wir die Gelegenheit, „unsere“ Musiker durch die Salzburger Kneipen zu begleiten.

Konzertplatz Weißer Hirsch ganz kammermusikalisch © Markenfotografie / Staatskapelle

Konzertplatz Weißer Hirsch ganz kammermusikalisch © Markenfotografie / Staatskapelle

An eine  Einhaltung der Corona-Einschränkungen war in den Kneipen der Neustadt natürlich nicht zu denken. Weder die Abstände noch die Voraussetzungen für die Nachverfolgung eventueller Infektionsketten, eine Bedingung für die Dresdner Veranstaltungen, wären zu sichern gewesen. Deshalb spielten die zehn Ensembles auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch in Oberloschwitz und nicht parallel sondern hintereinander. Und zwar Freitag und Samstag. Die Online-Buchung der Tickets und eine Registrierung an der Abendkasse ermöglichten, dass der Teilnehmerkreis bekannt war.

Catering sorgte für ein wenig Biergarten-Atmosphäre 
Musiker sorgten für wunderbare Stimmung

In der von uns besuchten Freitagsveranstaltung spielten zunächst die Flöten-Gruppe der Staatskapelle um Rozália Szabó  Musik von Haydn, Mendelssohn Bartholdy und dem nach Dänemark verschleppten Österreicher Friedrich Daniel Kuhlau (1736-1832) unter dem Motto „Schneller, höher, schöner-die Flöten“.

Zu einer Reise „In den Rausch der Tiefe“ verführten sieben Kontrabässe unter Viktor Osokin mit Musik aus Südamerika, England, Österreich und Italien bis zum Australier Colin Brunby (1933-2018).

Etwas Ruhe brachte Anett Baumann sowie Ami Yumoto (Violine), Juliane Preiß (Viola) und Titus Maak (Violoncello), dem „mal anderen Streichquartett“, mit einem Satz  aus Verdis Streichquartett in das Geschehen. Zu unserer Freude brachten die vier unter anderem eine Komposition des langjährigen Dresdner Konzertmeisters Francois Schubert (1808-1878), der eigentlich Franz Anton getauft, aber nicht mit dem Wiener Franz Schubert verwechselt werden wollte. Als Schmankerl schloss das Quartett mit einer launischen Katzenmusik.

Sächsische Staatskapelle / Lieblingstücke hier Christa Mayer © Daniel Koch

Sächsische Staatskapelle / Lieblingstücke hier Christa Mayer © Daniel Koch

Als Gast der Staatskapelle hatte die hervorragende Saxophonistin Sabina Egea Sobral den Konzertmeister  Robert Lis (Violine), Florian Richter (Viola), Matthias Wilde Cello) sowie Andreas Ehelebe (Kontrabass) um sich geschart, um den Zuhörern  „Die Quintessenz des Tangos“ zu servieren.

Das Dresdner Hornquartett konnte aus den Werken des Dresdner Kantors Gottfried August Homilius (1714-1785), einer Szene aus dem Rosenkavalier, dem Mascagnti-Intermezzo entspannte Stimmung auf den Konzertplatz tragen. Besonders bezaubernd war das „Souvenir du Rigi op. 38“ des aus Lemberg stammendem Romantikers Albert Ferenc Doppler (1821-1883). Die Flötistin Rozália Szábo vermittelte den Gesang eines Waldvogels eingebettet in das Spiel der vier Hornisten.

Für den Abend des Samstag gab es natürlich die Möglichkeit, den zweiten Teil Ohne Frack auf Tour zu besuchen. Andererseits bot auch im Kulturpalast die Dresdner Philharmonie am Samstag und Sonntag den Dirigier-Einstand von Vasily Petrenko. Die Haydn – Sinfonia concertante, Prokofjews Klassische Sinfonie und Faurés Suite Pelléas und Mélisande waren für jeweils fast 500 Besucher zu hören. Ob der „Allgemeinen Verwirrung“ lenkte die online-Buchung aber zu den viel versprechenden Mottos der Aufklang! Lieder -Abende mit Mitgliedern des Semperoper -Ensembles.

Sächsische Staatskapelle / Aufklang und Leidenschaft hier T Roennebeck © Daniel Koch

Sächsische Staatskapelle / Aufklang und Leidenschaft hier T Roennebeck © Daniel Koch

Wer sich diese reißerischen Titel ausgedacht hat, kannte hoffentlich die Abendprogramme nicht. Denn, was der depressive Monolog des König Philipp, die tragischen Schicksale der Linda di Chamounix oder des Mathias in Wilhelm Kienzls Evangelimann an Leidenschaft vermittelten, bleibt dessen Geheimnis. Aber Peter Theiler hat es in seinem kurzen Talk herausgelassen, dass er das Haus wieder mit Leben erfüllen wollte.

Letztlich boten die spartanisch ausgestatteten Abende einen guten Überblick über die Leistungsfähigkeit eines leider nur kleineren Teils des Hausensembles. Die Sänger wurden  von den Korrepetitoren beziehungsweise musikalischen Assistenten Alexander Bülow, Hans Sotin, Clemens Posselt und Sebastian Ludwig am Klavier begleitet, also Personen, die sie aus der Zusammenarbeit beim Rollenstudium kennen und nicht von zufälligen Dirigenten abhängig.

Daneben hatten auch die ansonsten im Verborgenen arbeitenden Musikdramaturginnen Bianca Heitzer und Juliane Schunke Gelegenheit, sich als Moderatorinnen vor Publikum zu zeigen.

Der Technische Direktor des Hauses Jan Seeger erläuterte in einen Talk, welche Hürden zu überwinden waren, die Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen organisieren zu können.

Die große Freude war aber vor allem, die vertrauten und lange vermissten Stimmen von Christa Mayer, Ute Selbig, Roxana Incontrera, Markus Marquardt, Tilmann Rönnebeck sowie anderen langjährigen Ensemblemitgliedern zu hören. Auch sind wir begeistert, dass mit Katerina von Bennigsen, Michal Doron und Alexandros Stavrakis inzwischen neue Stimmen ins Haus gekommen sind. Besonders freut uns, dass mit dem Amerikaner Joseph Dennis wieder ein entwicklungsfähiger Tenor dem Ensemble angehört.

Zu den Besonderheiten beider Abende gehören zweifelsfrei die Arie der Linda di Chamounix der Katarina von Bennigsen, der kraftvollere Philipp von Tilmann Rönnebeck, das Mahler-Lied „Ging heut morgen übers Feld“ von Michal Doron, die Barcarolle aus Hoffmanns Erzählungen mit Christa Mayer und der Gastsängerin Elena Gorshunova, die kraftvollen Tschaikowski-Lieder von Alexandros Stavrakis und vor allem die beeindruckend von Markus Marquardt dargebotene Carl-Löwe-Ballade „Archibald Douglas“.

Sächsische Staatskapelle / Liebelingsstücke - Abschlussapplaus © Daniel Koch

Sächsische Staatskapelle / Liebelingsstücke – Abschlussapplaus © Daniel Koch

Inzwischen liegen auch die Corona-Austausch-Programme der Staatskapelle und der Semperoper für den Zeitraum August bis Oktober 2020 mit einer Reihe Höhepunkte vor. Die Staatskapelle wird ihre Konzerte mit eingegrenzter Besetzung durchführen müssen. Die Semperoper bietet ein fast vollständiges Programm der Repertoire-Opern, allerdings halbszenisch und auf die musikalischen Höhepunkte begrenzt. Das Ganze unter dem Motto  „Essenz“.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden – Weisser Hirsch, Sächsische Staatskapelle – Kapelle for Kids, IOCO Kritik, 03.06.2020

Sächsische Staatskapelle Dresden / Kapelle für Kids mit Blechbläsern der Staatskapelle @ Thomas Thielemann

Sächsische Staatskapelle Dresden / Kapelle für Kids mit Blechbläsern der Staatskapelle @ Thomas Thielemann

Sächsische Staatskapelle  Dresden

Kapelle für Kids   –   Vor größerem Publikum

Blechbläser der Sächsischen Staatskapelle in Livekonzert

von Thomas Thielemann

Für über 300 Besucher hatten die Veranstalter auf dem Konzertplatz Weißer Hirsch am Rande der Dresdner Heide mit zusammengenagelten  weißlackierten Paletten und dem Mobiliar der Gastronomie Sitzplätze in Corona-adäquaten Anordnungen geschaffen. Als aber die Sitzgelegenheiten von jungen befreundeten Familien recht oft noch nach ihren Erfordernissen umgruppiert wurden, gestalteten sich einige Abstandsrelationen im Publikum  doch grenzwertig, ohne dass Ordnungskräfte zu sehen waren.

Trotzdem konnte am Internationalen Kindertag 2020 das offenbar erste Konzert von Musikern der Staatskapelle Dresden vor Publikum vor gut besetztem Auditorium mit Kapelle für Kids ausgeführt werden.

Fünf Blechbläser der Kapelle, Solotrompeter Helmut Fuchs, Trompeter Sven Barnkoth, Soloposaunist Uwe Voigt, Solo –Tubist Jens-Peter Erbe und Hornist Julis Rönnebeck boten gemeinsam mit dem Puppenspieler Rodrigo Umseher dem zum Teil recht jungen Publikum ein abwechslungsreiches musikalisches Erlebnis.

Da wurde eigentlich alles Erdenkliche zumindest angespielt: von Johann Sebastian Bach, Richard Wagner und Gustav Mahler bis zur Europa-Hymne, Pipi Langstrumpf, der Ohlsenbande, Harry Potter, Heidi sowie dem Sandmännchen in ziemlich ungeordneter Reihenfolge für die jungen Zuhörer Bekanntes und noch Unbekanntes.

Jeder der Solisten erläuterte mit einem launigen Beitrag sein Instrument. Dazwischen moderierte der uns noch von seinem Magdeburger Engagement bekannte Puppenspieler Rodrigo Umseher mit seiner Kunstfigur Emil, einer lebendgroßen Halbpuppe, Sichtweisen junger Zuhörer. Im weiteren Konzertverlauf wurden die gespielten Passagen zunehmend etwas länger.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Kapelle für Kids mit Blechbläsern der Staatskapelle @ Thomas Thielemann

Sächsische Staatskapelle Dresden / Kapelle für Kids mit Blechbläsern der Staatskapelle @ Thomas Thielemann

Insbesondere in den ersten Reihen folgten die Kids dem Geschehen recht konzentriert und begeistert.

Für ein live-Musik-hungriges, diszipliniertes Publikum, dass den eingeschränkten Sitzkomfort und die begrenzte Klangentfaltung auch akzeptiert, könnte ich mir allerdings durchaus vorstellen, dass Staatskapelle, Dresdner Philharmonie und Semperoper zumindest über die Sommerzeit 2020 einen Spielbetrieb organisieren könnten, der auch dem Sicherheitsbedürfnis der Musiker und Sänger Rechnung trägt.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle  Dresden |—

Weinbergkirche Pillnitz, 1 : 1 Concert mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden, IOCO Kritik, 19.05.2020

Die barocke Weinbergkirche "Zum Heiligen Geist" in Pillnitz - Dresden © Marianne Thielemann

Die barocke Weinbergkirche „Zum Heiligen Geist“ in Pillnitz – Dresden © Marianne Thielemann

Sächsische Staatskapelle  Dresden

1:1-Concert –  Sächsische Staatskapelle  Dresden

Kunstperformance von Marina Abramovic inspiriert

von Thomas Thielemann

Es bedurfte erst der Einschränkungen des Konzertlebens durch die Corona-Pandemie, dass die Anregungen der Performance-Künstlerin Marina Abramovic zum Trainieren des Hörens einem größeren Kreis von Konzertfreunden bekannt wurden.

Wegen der Befürchtung, dass die ständige Reizüberflutung der Zeitgenossen verhindert, dass diese Konzertveranstaltungen konzentriert wahrnehmen, hat die kreative Serbin ein System von Übungen zur Besinnung und Bewusstseinsschärfung, die „Abramovic-Methode Ausdauer und Aushalten“, entwickelt.

Anlässlich eines Symposiums zur „Zukunft des Hörens“ der Dresdner Philharmonie im Februar 2020 hatte ich die erste Berührung mit den Gedanken der Performance-Künstlerin. Aber da ich seit 1957 ziemlich intensiv Konzerte und Opernaufführungen besuche, hatte ich mich von den Anregungen zunächst kaum angesprochen gefühlt.

Im Frühjahr 2019 praktizierte Abramovic in Frankfurt mit einer größeren Gruppe über sieben Stunden mit zum Teil drastischen Übungen, gekappten üblichen Handy-Kommunikationskanälen und ohne Uhren ihr System: Langsames Gehen, mit verbundenen Augen auf kleinen Podesten stehen, Reiskörner zählen, fremden Menschen gegenübersitzend in die Augen schauen.

Sächsische Staatskapelle / Performance Concerts in der Weinbergkirche von Pillnitz © Markenfotografie

Sächsische Staatskapelle / Performance Concerts in der Weinbergkirche von Pillnitz © Markenfotografie

Tage später gab es dann ein fünfstündiges Konzert in der Alten Oper Frankfurt. Der Saal zur Hälfte bestuhlt und ansonsten mit Kissen ausgelegt. Nach einer gemeinsamen Übung boten Musiker nach ihren Intensionen einen Klangteppich ohne Unterbrechungen und ohne Beifall. Ein musikalisches Konzept war nicht erkennbar. Die Teilnehmer konnten zwar den Saal verlassen, wurden aber auf den Gängen und den Toiletten von Lautsprecherübertragungen eingeholt.

Mit ihrem Prinzip der zeitlichen Überdehnung setzte Abramovic die Regeln des klassischen Konzertbetriebs regelrecht außer Kraft.

Für das Kammermusik-Festival Sommerkonzerte Volkenroda 2019 im Thüringer Kloster Volkenroda entwickelte dessen künstlerische Leiterin Stephanie Winker mit ihrem Team, angeregt von Abramovics Performance The Artist Is Present, als  diese im New Yorker Museum  of Modern Art den Besuchern 90 Tage lang in die Augen schaute, das Format  1:1 Concerts. Musiker und Besucher sitzen sich gegenüber, schauen sich eine Minute in die Augen. Dieser Blickkontakt sollte die beiden Menschen füreinander öffnen. Aus diesem Moment heraus, entscheidet der Musiker, welches Stück er spielt und lässt durch die Nähe eine besondere Atmosphäre entstehen. Der Hörer hat seine Anonymität als Teil eines Publikums verlassen, wird zum konzentrierten Hören regelrecht verurteilt und auf das Geschehen fokussiert.

Auch für den Musiker dürfte das Heraustreten aus dem Orchester und der Konzentration auf einen Zuhörer eine interessante Erfahrung sein.

Sächsische Staatskapelle / Performance Concerts in der Weinbergkirche von Pillnitz © Markenfotografie

Sächsische Staatskapelle / Performance Concerts in der Weinbergkirche von Pillnitz © Markenfotografie

Solche Konzerte können überall stattfinden. Und da sie unproblematisch die Einhaltung der Regelungen der Corona-Einschränkungen erfüllen können, ist das Konzept inzwischen mehrfach aufgegriffen worden. So haben auch Musiker der Staatskapelle Dresden an fünf unterschiedlichen Orten der Stadt Veranstaltungen im Viertelstunden-Takt angeboten.

Die Konzerte sind kostenfrei. Es wird allerdings um eine Spende für den Nothilfefonds der Deutschen Orchester-Stiftung gebeten.

Nach Monaten ausschließlich digital vermittelter Musik waren meine Frau und ich regelrecht hungrig, wieder einmal Klänge in ihrer Entstehung erleben zu können, so dass wir uns für vier der Veranstaltungen bewarben.

In der Pillnitzer Weinbergkirche empfing mich die junge amerikanische Geigerin Paige Kearl aus der Gruppe der zweiten Violinen der Sächsischen Staatskapelle. Nach der nahezu wortlosen Begrüßung gelang zumindest mir der Aufbau einer gewissen Blickkontakt-Nähe zu der Musikerin. Zunächst überraschte mich die Virtuosin mit dem zweiten Satz Malinconia aus der zweiten Sonate des belgischen Komponisten Eugène Ysaÿ (1858-1931). Obwohl mir bisher unbekannt, fesselte mich doch die stilistische Nähe zu Johann Sebastian Bach. Danach spielte meine Partnerin den dritten Satz aus Bachs a-Moll-Partita.

Mich hatte das Spiel der jungen Amerikanerin emotional stark berührt. Nicht zuletzt auch dank der guten Akustik der Weinbergkirche kam der Wunsch nach einem Konzert mit großem Orchester nicht einmal auf.

Sächsische Staatskapelle / Performance Concerts in der Weinbergkirche von Pillnitz © Markenfotografie

Sächsische Staatskapelle / Performance Concerts in der Weinbergkirche von Pillnitz © Markenfotografie

Marianne Thielemann, meine Frau, traf in der Kunststube Pillnitz den Cellisten Bernward Gruner. Der erste Eindruck des Raumes mit den Bildern des auch malenden Künstlers und die sympathische Gastgeberin lenkten zunächst vom zu Erwartenden ab. Beim Blickkontakt wanderten ihre Gedanken, welche Empfindungen der erfahrene Musiker von der Begegnung mit ihr haben werde? Das Spiel von Prelude, Allemande und  Courante aus Johann Sebastian Bachs Cello-Suite Nummer 2 d-Moll hüllte sie dann regelrecht ein, und die Musik hätte nach den wenigen Minuten nicht enden sollen.

Unsere zweite Doppelbuchung der 1:1 Concerts führte uns in die Bühlauer Friedenskirche, wo uns im 15-Minuten Abstand, der stellvertretende 1. Konzertmeister der Staatskapelle Tibor Gyenge erwartete. Für uns beide spielte er jeweils zunächst aus Bachs d-Moll-Partita die Allemande und anschließend Fritz Kreislers Ohrwurm Liebesleid.

Bei der anschließenden familiären „Manöverkritik“ war aufgefallen, dass bei  den  Blickkontakten, möglicherweise wegen unseres erheblichen Altersunterschieds, eine gewisse Unsicherheit bei dem Violinisten zu spüren war. Die Bach-Darbietungen erhielten mit der nahezu idealen Klangentfaltung in dem schlichten Kirchenraum ihren besonderen Glanz. Beim Liebesleid war dann eher der Wunsch nach einer körperlichen Bewegung spürbar.

Trotz wenig intensiver Werbung für die Veranstaltungen waren die Konzerte am 15.- 17.5.2020 gut ausgebucht. Die Veranstaltungsreihe 1:1 Concerts soll an den kommenden Wochenenden weiter geführt werden.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle  Dresden |—

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung