Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Cosi fan tutte – W A Mozart, IOCO Kritik, 11.09.2018

September 11, 2018 by  
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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

COSI FAN TUTTE  –  Wolfgang Amadeus Mozart

Wenn die Monster kommen! – Ein Appell an die Naivität 

Von Patrik Klein

Im Libretto der Oper Così fan tutte von Wolfgang Amadeus Mozart steckt scheinbar viel Seelenlosigkeit und Unlogik: Warum erkennen die Frauen ihre neuen Liebhaber nicht als ihre eigenen Ehemänner? Doch Mozart nahm den Text von Lorenzo Da Ponte positiv an und vertonte ihn in seiner genialen Art zu einem musikalischen Meisterwerk.
Mit Mut zur Phantasie versuchte das Regieteam um Herbert Fritsch (Regisseur, Schauspieler und Medienkünstler) das Stück mit Humor, Farbenfreude und ohne klare Interpretationsdeutungen zu erzählen. Musikalisch gelang eine recht geschlossene Produktion auf durchweg hohem Niveau.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : Ensemble und Chor © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : Ensemble und Chor © Hans Jörg Michel

 Così fan tutte  („ossia La scuola degli amanti“, „So machen es alle oder Die Schule der Liebenden“) ist eine Oper in zwei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart nach einem Libretto von Lorenzo Da Ponte. Wie der Auftrag zur Oper Così fan tutte an Mozart gelangte, ist unklar. Das Werk ist nach Le nozze di Figaro und Don Giovanni die letzte der drei Buffa-Opern, die Mozart auf einen Text von Lorenzo Da Ponte schrieb. Mozart begann mit der Komposition im Herbst des Jahres 1789. Zu Silvester des Jahres 1789 veranstaltete Mozart in seiner Wohnung eine Probe, bei der er Teile der Komposition mehreren Freunden und Bekannten, unter ihnen Joseph Haydn, vorspielte. Uraufgeführt wurde die Oper am 26. Januar 1790 im „alten“ Wiener Burgtheater am Michaelerplatz.
Die Wiener Zeitung vom 30. Januar 1790 vermeldete die Uraufführung ohne Wertung, während der Wiener Korrespondent des Weimarer Journal des Luxus und der Moden im März 1790 positiv bemerkte: „Ich kündige ihnen wieder ein vortreffliches Werk von Mozart an, das unser Theater erhalten hat. Von der Musik ist, glaube ich, alles gesagt, dass sie von Mozart ist.

Wolfgang A Mozart © IOCO

Wolfgang A Mozart © IOCO

Così fan tutte war lange Zeit umstritten. Schon kurz nach Mozarts Tod wurde Kritik am angeblich albernen und unmoralischen Textbuch geübt. Abfällige Äußerungen sind unter anderem von Ludwig van Beethoven und Richard Wagner überliefert. Im 19. Jahrhundert wurde Così fan tutte häufig in stark veränderten Bearbeitungen aufgeführt, teilweise wurde Mozarts Musik sogar ein völlig neuer Text unterlegt. Erst im 20. Jahrhundert wurde Così fan tutte als gleichberechtigtes Meisterwerk neben Le nozze di Figaro und Don Giovanni akzeptiert.

Die Handlung  – Erster Akt
Die Oper spielt im Neapel des 18. Jahrhunderts. Die jungen Offiziere Ferrando (Dovlet Nurgeldiyev, Tenor) und Guglielmo (Kartal Karagedik, Bariton) rühmen sich, dass die beiden aus Ferrara stammenden Schwestern Dorabella (Ida Aldrian für die erkrankte Stephanie Laurioella, Mezzosopran) und Fiordiligi (Maria Bengtsson, Sopran), die sie über alles lieben, ihnen niemals untreu werden könnten. Don Alfonso (Pietro Spagnoli, Bass), ein zynischer Mann von Welt, hat aber seine eigenen einschlägigen Erfahrungen und bietet darum Ferrando und Guglielmo ob ihrer Überzeugung eine Wette an. Beide gehen siegessicher darauf ein.

Währenddessen schwärmen sich die Frauen im Garten des Hauses gegenseitig von der unzerbrechlichen Liebe ihrer Partner vor, bis Don Alfonso scheinbar völlig aufgelöst hinzukommt und ihnen mitteilt, dass Ferrando und Guglielmo auf Geheiß des Königs in den Krieg ziehen müssen. In der folgenden Abschiedsszene besteigen die Männer, nun in Kriegsmontur, schließlich ein Schiff, besetzt von als Soldaten verkleideten Dorfbewohnern. Despina (Sylvia Schwartz, Sopran), das Hausmädchen und rechte Hand von Alfonso, versucht, Dorabella und Fiordiligi mit weisen Ratschlägen und Ansichten über Männertreue – insbesondere bei Soldaten – auf andere Gedanken zu bringen. Schon wenig später kehren Ferrando und Guglielmo, verkleidet als fremdländische Adlige, ins Haus zurück, wo sie auch sogleich beginnen, die Braut des jeweils anderen zu umschwärmen. Heftig zurückgewiesen, täuschen die beiden exotischen Gestalten ihren Selbstmord durch Gift vor und werden vom eilig herbeigerufenen Doktor (in Wirklichkeit die verkleidete Despina) in einer Parodie auf die Methoden des Wiener Arztes Franz Anton Mesmer „geheilt“. Die weitere, mitleidige Fürsorge wird in die Hände von Fiordiligi und Dorabella gelegt. Als die vermeintlichen Selbstmörder erwachen, fordern sie erneut einen Kuss und werden wieder abgewiesen.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : Sylvia Schwartz als Despina, Pietro Spagnoli als Don Alfonso © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : Sylvia Schwartz als Despina, Pietro Spagnoli als Don Alfonso © Hans Jörg Michel

Zweiter Akt
Despina erklärt den Schwestern, dass man Liebe und Treue nicht so wichtig nehmen darf. Doch die Herzen der beiden Mädchen sind schon längst erweicht für die Fremden. In romantischer Atmosphäre „fällt“ zunächst Dorabella. Fiordiligi aber folgt noch ihren Gefühlen und beschließt, ihrem Guglielmo in den Krieg nachzuziehen. Sie wird aufgehalten von Ferrando. Er droht, sich zu töten, falls sie ihn nicht erhöre. Da gesteht sie ihm ihre Liebe. Eine Doppelhochzeit wird vorbereitet. Nachdem die Frauen den Ehevertrag unterschrieben haben, erklingt hinter der Bühne der Militärmarsch, der die „Heimkehr“ der Soldaten verkündet. Die verkleideten Ehegatten verlassen heimlich das Zimmer und kommen wieder, nun als Guglielmo und Ferrando. Voller zwiespältiger Freude werden die Männer in die Arme genommen. Don Alfonso spielt den angeblich Heimgekehrten den soeben besiegelten Ehevertrag zu, es kommt zu einer großen Eifersuchtsszene. Die beiden Frauen gestehen zerknirscht ihre Untreue, Ferrando und Guglielmo jedoch, die die Wette mit Alfonso verloren haben, decken ihrerseits den unfairen Schwindel auf. Alfonso befiehlt den vier jungen Menschen, einander zu umarmen und zu schweigen. Despina ist verwirrt und beschämt, dass Don Alfonso sie benutzt hat, tröstet sich aber damit, dass sie es mit vielen anderen genauso macht. Am Ende steht ein Loblied in C-Dur: „Glücklich sei der Mensch, der alles nur von der besten Seite nimmt und trotz der Wechselfälle des Lebens, über die er lacht, die Ruhe bewahrt.

Die Ouvertüre der Oper erklingt in mäßigem Tempo vor noch verschlossenem Vorhang. Ein farbiger geometrischer Körper schütz den Souffleurkasten und lässt bereits jetzt auf die zu erwartende Farbenvielfalt schließen. Sébastian Rouland, amtierender Generalmusikdirektor am Saarländischen Staatstheater Saarbrücken lässt Mozarts Musik luftig, transparent und gefühlvoll erklingen. Als sich der Vorhang öffnet, erblickt man bühnenmittig ein einsames aufgeklapptes Cembalo auf dem sich wie ferngesteuert die Tasten bewegen, die auch auf dem Instrument im Graben tatsächlich gespielt werden. Etliche verschiedene geometrische Körper liegen auf der Bühne. Die Spielfläche ist zu einem optimalen akustischen Raum aufgebaut mit ihn aufteilenden Kulissen aus lackartig glänzenden Flächen, die in den Grundfarben Rot, Grün und Blau und im Laufe des Abends in immer wieder wechselnden komplementären Farben angeleuchtet werden. An der Decke hängt ein übergroßer halbrunder Kronleuchter, der mal als schickes farbiges Beleuchtungsutensil, aber später auch mal als rotierender Diskothekenkristall genutzt wird.

Die drei erstauftretenden Herren stecken in schillernden, fast absurd anmutenden Kostümen von Victoria Behr, die 2013 von der „Opernwelt“ als Kostümbildnerin des Jahres gewählt wurde. Im Laufe des Abends wird schnell klar, dass sie ihrer Phantasie freien Lauf lassen konnte. Guglielmo steckt in knallblauer, Ferrando in clownesquer, gelber Uniform und Don Alfonso sieht beinahe aus wie ein Schaffner der Deutschen Bahn in grellem Rot. Beim Terzett der drei Protagonisten wird gehüpft, gesprungen, gezappelt und wild gestikuliert. Alles wirkt ein wenig überzogen und übertrieben. Unweigerlich stellt man sich die Frage: Ist das komisch, burleske Komödie oder gar Klamauk? Die beiden Damen Fiordiligi und Dorabella werden im Hintergrund auf querlaufenden Bändern in die Bühnenmitte gezogen und treten zu den drei Herren dazu. Auch sie stecken in knallbunten blau bzw. ockerfarbenen, fast grotesk anmutenden Kostümen mit Perücken aus barocker Zeit und krassen, übergroßen Hüten. Bei der Verwandlung des Gartens am Meeresstrand erlebt man immer wieder wechselnde Farbspiele der Kulissen, die die Geschehnisse in der Bühnenmitte in das Auge des Betrachters mit ziemlich anstrengend wirkenden Spiegeleffekte tauchen. Die Beleuchter der Staatsoper haben an diesem Abend Hochbetrieb.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Bei der ersten Arie des Abends entsteigt Don Alfonso aus dem Souffleurkasten und verkündet den Damen in raffinierter Weise seine Absichten. Pietro Spagnoli, international gefeierter Sänger, der bereits 2002 an der Hamburgischen Staatsoper die Partie inne hatte, sang mit fein artikulierter Stimme und sehr guter Diktion, wenig Schwärze und vor Allem mit einer geradezu tenoraler Farbe, dass man ihm den „Strippenzieher“ des Abends gerne abnahm. Beim anschließenden Quintett der bisher erschienenen Figuren wird musikalisch das hohe Niveau deutlich, einerseits durch den technisch und damit akustisch idealen Bühnenkasten und andererseits durch das herrlich harmonierende Solistenensemble. Beim dauernden Farbwechsel und Spiegelbildbombardement tritt nun erstmalig der 40köpfige, also etwa zu halber Normalstärke eingedampfte Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Eberhard Friedrich) auf und untermalt optisch als auch musikalisch die Treueschwüre der beiden zu prüfenden Schwestern. Giftgrüne, gesichtslose und behelmte Chormitglieder singen sehr transparent, äußerst präzise artikulierend und wohlklingend vom schönen Soldatenleben im „Swing-Rhythmus“.

Beim Terzett „Weht leise ihr Winde“ verabschieden sich die beiden Herren mit wippenden Walzerrhythmen vor giftgrünem Chor, der sich nun auch in der Bühnendecke lackspiegelt. Dazu ein braves „Winke Winke“ der betroffenen Damen, die wieder auf den Rollbändern ins Off gefahren werden.
Endlich erscheint nun auch des Don Alfonsos Zofe Despina, die ausschaut wie eine aufgeplatzte Tomate mit herausragendem Deoroller als Kopf, in milieuverdächtigen lackschwarzen Stiefeln steckend. „Aus gleichem Holze sind die Männer…“ singt Sylvia Schwartz, international erfahrene spanische Sopranistin, in schöner „mozärtlicher“ Manier mit feiner Stimme, guter Phrasierung, glasklaren Höhen und samtigem, leicht abgedunkelten Timbre.

Ida Aldrian als Dorabella rettete die Premiere indem sie für die erkrankte Stephanie Laurioella einsprang. Kurz vor der Generalprobe musste sie sich in die seit acht Wochen geprobte Produktion einfinden. In dieser konnte sie bereits bis zur Mitte des ersten Aktes spielen und singen. Ab diesem Zeitpunkt sang sie weiter von der Seite zum Spiel des nun in ihren Kleidern steckenden Spielleiters. Wer diese Generalprobe miterleben konnte genoss hier ein zusätzliches Humorpotential. Es blieben nur noch zwei weitere Tage, um den „Rest“ der Rolle zu lernen. Die Arie „Furchtbare Qualen ihr…“ sang die österreichische Mezzosopranistin, die von 2012/13 bis 2014/15 Mitglied im Internationalen Opernstudio der Staatsoper Hamburg war und ab der Spielzeit 2019/20 festes Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg wird, ganz im Sinne Mozarts mit feiner noch etwas kleiner, zärtlicher Stimme, die mit dem schön dunkel gefärbten Timbre verführerisch klang.

„Wie der Felsen, der ohne Schranken…“ singt Maria Bengtsson als Fiordiligi in zu Herzen gehender Art und Weise. Die international bekannte Schwedin, die bereits erfolgreich an den großen Bühnen Europas sang, ist dem Hamburger Publikum bestens bekannt, als sie in der vergangenen Saison die Sopranpartie im Verdi  Requiem gab. Sie konnte auch an diesem Premierenabend mit ihrer Stimme mehr als überzeugen, ja sogar begeistern. Ihre Interpretation und Darstellung der Partie ist herausragend, wenn sie ihren feinen und samtigen Sopran mit ganz leicht dunkler Färbung für ihre berührenden Koloraturen erklingen lässt. Sie überzeugt in allen Facetten ihrer Gesangs- und Schauspielkunst.
Endlich erscheinen die beiden „verkleideten“ Offiziere Ferrando und Guglielmo. Zwei zottelige Wesen huschen auf die Bühne, die wie Monster aus einem Horrorfilm anmuten. Mozarts Text hingegen fragt nach „Sind es Walachen oder Türken?“. Nein, es sind hier bei Herbert Fritsch absurde „Zottelmonster“ mit allerdings freigelegten Gesichtszügen. Können oder sollten die beiden Damen sie denn nun doch nicht erkennen? Oder wollen sie sie vielleicht gar nicht erkennen?

Kartal Karagedik singt die Arie des Guglielmo „O seid nicht so spröde…“ äußerst fein akzentuiert, mit überzeugender Technik und schön phrasierend. Seit 2015 ist er nun Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg und hat seine Baritonstimme klug und erfolgreich weiterentwickelt. Man darf sehr gespannt auf seine weitere Entwicklung sein.
Es folgt die Arie des Ferrando „Der Odem der Liebe…“, die der aus Turkmenistan stammende und seit vielen Jahren im Ensemble der Staatsoper Hamburg singende, international erfahrene Künstler Dovlet Nurgeldiyev berührend gestaltet. Seine für Mozart Opern nahezu perfekte Stimmführung erinnert immer wieder an den jungen Fritz Wunderlich. Ganz selbstverständlich klingt alles ganz leicht von Innen herausströmend legato, sowohl die präzisen Töne als auch die unter die Haut gehenden Phrasierungen und Färbungen. Spielend leicht kommen die Spitzentöne wie zusätzliche Farbtupfer in der eh schon knallbunten Inszenierung. Entsprechend heftig ist am Ende des langen Abends auch sein Schlussbeifall.

Das Finale des ersten Aktes erinnert immer deutlicher an Slapstick. Die Zottelmonster mit roten Pfoten wirbeln so lange herum, bis die ins Auge gefassten Damen langsam erweichen und der mittlerweile im schwarzen Flatterkostüm steckende Arzt alias Despina erscheint, der die scheinbar vergifteten langhaarigen Buhler retten muss. Das finale Sextett dann mehr oder weniger an der Rampe im wippenden Takt mit überdeutlichen Bewegungen und Gesten: „Das Komischste ist dieser Zorn und diese Welt?“

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte - hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte – hier : v.l. Pietro Spagnoli, Kartal Karagedik, Dovlet Nurgeldiyev, Sylvia Schwartz © Hans Jörg Michel

Der zweite Akt beginnt mit MozartsKleiner Nachtmusik“ auf dem Cembalo gespielt mit rotierendem Diskothekenkronleuchter. Es geht in der Manier des ersten Aktes einfach so weiter. Sind die Damen nun wirklich so leicht zu überwinden oder tun sie nur so? Wir wissen es nicht und werden es in dieser Inszenierung auch nicht erfahren. Mit gefühlt tausendfachen Farb- und Bildwechseln, wild überzogenen und übertriebenen Gesten, zum Teil irren Spiegelungseffekten und Kulissenwandlungen geht die Handlung denn doch meist nur als „Rampentheater“ in die Schlussphase, in der alles auffliegt und die Frauen

irgendwie „alt aussehen“. Man kandiert über die untreue Damenwelt Così fan tutte…So machen es ALLE. „Alles schilt auf die Weiber, doch ich verzeihe“  klingt es aus dem Halse Don Alfonsos, der als „Betrüger“ an den Pranger gestellt wird. Ein scheinbares „Happy End“ mit Vorbelastung. Zum Ende gibt es noch einmal grelle Farbenpracht mit sechs Darstellen, die an der Rampe fleißig hampeln.

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte : hier : v.l. Maria Bengtsson, Ida Aldrian © Hans Jörg Michel

Staatsoper Hamburg / Cosi fan tutte : hier : v.l. Maria Bengtsson, Ida Aldrian © Hans Jörg Michel

 Das Publikum in der Staatsoper Hamburg spendet insgesamt freundlichen Applaus. Zustimmung erhalten alle Solisten, der Chor und das Orchester der Staatsoper Hamburg. Für die Regie teilten sich die Reaktionen in zwei Lager: Für die einen war es die witzigste und schönste Komödie des Jahres und für die anderen ein „Albtraum in Technicolor“.

Cosi fan tutte an der Staatsoper Hamburg: Weitere Termine: 8.9., 12.9., 16.9., 18.9., 23.9., 26.9., 29.9.2018

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

 

München, Bayerische Staatsoper, Cosi fan tutte – Pures Mozart-Glück, IOCO Kritik, 06.10.2017

Oktober 6, 2017 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Pures Mozart-Glück

Così fan tutte  an der Bayerischen Staatsoper

Von Hans Günter Melchior

 Mozart Überall - Sein Denkmal in einem kleinen bayerischen Städtchen © IOCO / Gallée

Mozart Überall – Sein Denkmal in einem kleinen bayerischen Städtchen © IOCO / Gallée

Mozart: Er ist von allen Komponisten der Schwierigste und Leichteste zugleich. Seine Musik ist ein anwehender musikalischer Gedanke, der sofort zu Herzen geht. Man bekommt diese Musik so wenig aus dem Kopf wie man seine Psychologie aus der Seele verbannen kann. Eine intellektuelle, immaterielle Droge, der man sich nicht entziehen kann.

Man fährt zum Beispiel in diesen Tagen in der U-Bahn durchs wies´n-geschüttelte München, inmitten der braven Dirndlträgerinnen und Lederbehosten, die nach ein paar Stunden Gesichter wie von innen nach außen gekehrte Masken tragen. Und man dirigiert in Erwartung einer Mozart-Oper, etwa Così fan tutte,  ein Orchester, das im eigenen Kopf spielt, während einen die Wies´n-Besucher, die sich sehr bald selbst nicht mehr kennen werden, für verrückt halten. Und dann hört man die Oper im Nationaltheater und dirigiert heimlich, sozusagen im Schutze der Dunkelheit, wieder mit, und wenn man nach Hause fährt, dirigieren in der U-Bahn andere, grölend den bayerischen bayrischen Defiliermarsch oder was Moderneres, man selbst aber ist immer noch in der Oper und bei Mozart, der sich immer noch in einem aussingt. In der Nacht findet man kaum Ruhe. Morgens weiß man nicht, ob man in der Oper geschlafen hat oder immer noch dort ist, musikgesättigt und voller Glücksgefühle.

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte © Wilfried Hösl

Dabei hat die Oper Così fan tutte durchaus ihre Tücken. Gedacht ist es vom Librettisten Lorenzo Da Ponte ja wohl so: da können sich zwei junge Männer Guglielmo und Ferrando gar nicht genug tun im Lob auf die Treue und Liebe ihrer Verlobten Fiordiligi und Dorabella. Bis es dem Philosophen Don Alfonso (ein Misanthrop oder ein Menschenkenner?) zu bunt wird. Nur mal langsam, Jungs, sagt er etwa, das mit der Treue der Frauen ist nichts als eine Illusion. Macht doch die Probe aufs Exempel, meldet euch zum Schein in den Krieg ab, weil der König zu den Fahnen ruft. Und dann kommt ihr, gleichsam durch die Hintertür, als verkleidete Albaner, also als Fremde, wieder und verführt mit allerlei Tricks euere angeblich so treuen Verlobten. Ich wette, sie erliegen bald euren Verführungskünsten.

Die beiden jungen Männer gehen siegesgewiss auf die Wette ein, verabschieden sich in den Krieg, die beiden Frauen sind untröstlich. Die angeblichen Soldaten kommen als Albaner verkleidet zurück und machen sich an die beiden jungen Damen heran. Don Alfonso zieht unter der Assistenz der lebens- und männererfahrenen Kammerzofe Despina im Hintergrund die Fäden. Die beiden unverbrüchlich treuen jungen Frauen werden ziemlich bald weich, als sich die Albaner zum Schein vergiften, weil sie – zunächst – abgewiesen werden. Die Damen signalisieren Entgegenkommen, die Albaner werden gerettet, zuerst erliegt Dorabella, die Verlobte Ferrandos, ausgerechnet dem Werben von dessen Freund Guglielmo, wenig später und nach inneren Kämpfen gibt auch Fiordiligi nach und lässt sich ungeachtet ihrer Verlobung mit Guglielmo mit Ferrando ein. Don Alfonso hat die Wette gewonnen. Die sich – gleichsam über Kreuz – verständigenden Paare heiraten.

Und jetzt kommen die ursprünglich Verlobten zurück. Die Bestürzung ist groß, aber man beruhigt sich schnell. Die Ehekontrakte werden zerrissen und die alten Zustände wiederhergestellt. Die konventionelle Ordnung siegt, die Opernbesucher und die Gesellschaft findet ihre Ruhe wieder. Die Oberfläche des Sees der Emotionen hat sich nur vorübergehend gekräuselt.

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte - Hier Fiordiligi und Dorabella © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Coris fan tutte – Hier Fiordiligi und Dorabella © Wilfried Hösl

So ist es eben wohl gedacht. Die Frauen sind die Schwachen und Untreuen (s. den noch 1900 erschienenen Essay des Neurologen und Psychiaters Paul Julius Möbius über den „Physiologischen Schwachsinn des Weibes“, dessen Kehrseite die emotionale Unbeständigkeit der Frau sein soll), die Männer haben recht…

In der inzwischen entschlackten und sehr vorteilhaft entrümpelten Inszenierung von Dieter Dorn aus dem Jahr 1993 ist auf geradezu tiefschürfende Weise alles anders. Schon beim ersten Erscheinen der sogenannten Albaner sieht man bei Dorabella ein Augenzwinkern hin zu Fiordiligi: merkst du nichts?

Mit anderen Worten: die Frauen durchschauen das fiese Spiel der Männer von Anfang an. Da braucht es nicht einmal der Belehrungen über die die Beliebigkeit der Liebe, die Nichtsnutzigkeit der Männer und die Freiheit der Frauen durch Despina, die von den beiden herrschaftlichen Damen übrigens sehr allürenhaft (meisterhaft wie Dorn das mit schnippisch-herrischen Gesten zeichnet), wie eben ein Dienstbote, der ihnen nichts zu sagen hat, behandelt wird.

Und so nimmt das köstliche Spiel seinen Lauf. Ergötzlich zu sehen, wie die beiden Typen als betrogene Betrüger vorgeführt werden. Sich furchtbar schlau vorkommen, in Wirklichkeit aber längst durchschaut sind. Und im Grunde genommen sich ziemlich mies benehmen. Vernascht doch einer die Verlobte des anderen, danach bedauern sie sich dabei noch selbst. Während die Verlobten am Ende der Werbebemühungen der Männer sich recht gern mit dem jeweiligen Verlobten der Schwester vergnügen (variatio delectat). Ganz unverhohlen, schwelgerisch. Und wie gesagt nach wie vor im Wissen, mit wem sie es zu tun haben. Ferrando reißt sich sogar noch den künstlichen Schnurrbart ab, bevor er endlich die noch etwas zögerliche, dann aber von ihm begeisterte Fiordiligi herumkriegt.

Bayerische Staatsoper / Cosi fan tutte - Hier Fritsch, Brower, Chest, Fanale, Park © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper / Cosi fan tutte – Hier Fritsch, Brower, Chest, Fanale, Park © Wilfried Hösl

Das alles wird auf hohem künstlerischen Niveau und unter der hochpsychologischen und klugen Regie Dieter Dorns in Szene gesetzt. Dorn kann sich dabei durchaus auf Mozart berufen, der musikalisch leugnet, was der Text behauptet. Als die beiden Damen ihre Verlobten tränenreich verabschieden, wird genial-musikalisch bereits der Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Damen gesät: die Arie „Soave sia il vento…“, (Weht sanfter ihr Winde, seid ruhig ihr Wellen…) endet in der Wiederholung auf einem Halbton; die chromatische Wende verweigert sich demgemäß der Harmonie, der Zuhörer merkt: irgendwas stimmt da nicht. Und so geht es eigentlich immer weiter. Mozarts vielgerühmte heitere Melancholie überdeckt die Komödie mit einem Schleier des inneren Vorbehalts, wer genau hinhört, merkt, dass nicht alles gemeint ist, wie es gesagt wird. Selbst in der grandiosen Arie der Fiordiligi, in der sie den Verlobten um Mitleid und Verzeihung wegen ihrer seelischen Verwirrung bittet… „Per pietà, ben mio, perdona…“ , schwingt im Pathos die Heuchelei mit.

Alles wird nicht zuletzt in dieser wohldurchdachten Inszenierung auf das menschliche Maß heruntergebracht und entlastet den Zuhörer angenehm (bei der Arie Ferrandos „un´aura amorosa…, erinnert man sich freilich ein wenig wehmütig an die denkwürdige Ponnelle-Inszenierung, in der Ferrando auf einer Wiese im Garten liegend das Haus der Geliebten ansingt; hier sitzt er – zeitgemäßer –  am Tisch der Damen).

Die Besetzung in München ist höchst bemerkenswert. Ganz hervorragend die Fiordiligi von Anett Fritsch. Ein allen Schwierigkeiten gewachsener, berückend schöner Sopran. Sie ist auf dem Sprung zur Weltberühmtheit. Nicht minder brillant die dunkler gefärbte, zuweilen an einen Mezzosopran heranreichende Stimme von Angela Browser. Faszinierend die Darbietung der Despina durch die quirlige und kapriziöse Hyesang Park, die es dem Publikum offenbar angetan hat. Pietro Spagnoli hat einen biegsamen Bariton, man muss sich, an einen Bass gewöhnt, ein erst wenig damit vertraut machen.

Wunderbar auch die schauspielerische Leistung der Akteure. Da ist ein Blickewerfen und Austauschen von Gesten, das mitreißt und reinen Genuss beschert. Man ist jederzeit mittendrin im Geschehen, lebt mit – und vergisst die Zeit.

Das Staatsorchester spielt unter der Leitung von Constantin Trinks mit gewohnter Virtuosität. Trinks ist offenbar kein Liebhaber eines „knackigen“ Mozart a la Colin Davis. Die Tempi sind eher ruhig und gelassen. Dafür hat dieser Dirigent sehr viel Sinn für die lyrisch-psychologischen Passagen des Werks, die er mit viel Innigkeit ausstattet, eine berührende Interpretation.

Insgesamt ein wunderbarer Abend. Die Wies´n-Heimkehrer bevölkern die U-Bahn. Kein Problem. Man muss sich nur vorstellen, dass sie von Mozarts Musik betrunken sind. Vorschlag an künftige Besucher: gehen Sie statt ins Parkett in die Galerie, wo die Musik klingt wie ein guter Wein, der an die Luft gekommen ist.

Cosi fan tutte an der Bayerischen Staatsoper, im Nationaltheater: 6.10.,  24.10., 26.10 ,29.10.2017

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