Zürich, Opernhaus Zürich, 2019/20 – 9 Opernpremieren: Iphigénie, Makropulos, Belshazzar …, IOCO Aktuell, 15.08.2019

Opernhaus Zürich

Opernhaus Zürich / Aussenansicht © Dominic Büttner

Opernhaus Zürich / Aussenansicht © Dominic Büttner

2019/20 : Operhaus Zürich – 9 Oper-, 3 Ballettpremieren, 17 WA

– IOCO stellt vor –

Das Opernhaus Zürich, früher Stadttheater Zürich, liegt im Zentrum von Zürich, am Sechseläutenplatz. Auf 1.100 Plätzen bietet es ein reiches kulturelles Angebot. 2017/18 besuchten 247.000 Besucher 327 Vorstellungen. Die Auslastungen auf der Hauptbühne der Spielzeit 2017/18  betrugen: Gesamtauslastung: 90.0% (Vorjahr: 85.1%), Auslastung Sparte Oper 88.3% (Vorjahr: 84.7%), Auslastung  Sparte  Ballett Zürich  98.0% (Vorjahr: 89.8%).

Der Spielplan für die Saison 2019/2020 enthält 350 Vorstellungen: Neun Opern-premieren und drei Premieren des Balletts Zürich auf der Hauptbühne sowie siebzehn Wiederaufnahmen des Opernrepertoires und fünf des Balletts bilden das Rückgrat des Hauses. Eine Neuproduktion des Internationalen Opernstudios am Theater Winterthur und eine Neuproduktion aus der Serie Junge Choreografen auf der Studiobühne, neun Konzerte der Philharmonia Zürich und des Spezialensembles Orchestra La Scintilla, sieben Liederabende mit Starsolisten, ein Opernball, der sich zum 20. Mal jährt sowie zahlreiche Angebote für Kinder, junge Erwachsene und Familien sind Teil eines Spielplans. Den Anfang der Saison 2019/20 macht ein grosses Eröffnungsfest und den Abschluss traditionell die Live-Übertragung oper für alle.

Operhaus Zürich / Zuschauerraum © Dominic Büttner

Operhaus Zürich / Zuschauerraum © Dominic Büttner

 PREMIEREN  OPER

Seit über dreissig Jahren ist Cecilia Bartoli dem Opernhaus verbunden. In der Saison 2019/20 steht eine Neuproduktion mit der Ausnahmekünstlerin auf dem Programm. Die Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Iphigénie en Tauride liegt in den Händen des Hausherrn Andreas Homoki. Die erste gemeinsame Arbeit der beiden wird von Gianluca Capuano am Pult der Philharmonia Zürich begleitet. Das Opernhaus Zürich hat dem jungen Schweizer Komponisten Stefan Wirth einen Kompositions-auftrag erteilt und kann ab Mai 2020 Girl with a Pearl Earring dem Publikum vorstellen. Die Handlung dieser Uraufführung kreist um die Entstehung eines Gemäldes von Jan Vermeer und basiert auf dem Bestseller von Tracey Chevalier, der mit Scarlett Johansson und Colin Firth verfilmt wurde.

Opernaus Zürich / Hänsel und Gretel - 2019 wieder auf dem Spielplan © Tanja Dorendorf

Opernaus Zürich / Hänsel und Gretel – 2019 wieder auf dem Spielplan © Tanja Dorendorf

Die hochkarätige Besetzung bringt ein Wiedersehen mit Thomas Hampson als Malerikone. Felicity Palmer, Laura Aikin und die junge Amerikanerin Lauren Snouffer stehen eben-falls für den hohen Anspruch dieses Projektes. Die Eröffnungspremiere der Saison widmet sich einer 337 Jahre alten Femme fatale. In Die Sache Makropulos von Leoš Janácek, wird Evelyn Herlitzius zum ersten Mal in einer Neuproduktion am Opernhaus Zürich zu erleben sein. Dmitri Tcherniakov konnte für die Inszenierung gewonnen werden. Eines der populärsten Werke des Operetten-Repertoires ist Emmerich Kálmáns Csárdásfürstin. In Zürich unternehmen Annette Dasch und Pavol Breslik einen Ausflug in diese Form des Musiktheaters. Der musikalische Leiter des Abends ist der operettenerfahrene GMD und Intendant der Oper Leipzig Ulf Schirmer. Die Regie übernimmt Jan Philipp Gloger. Das weithin vergessene Genre Operette erlebt zurzeit eine Renaissance und hat auch in Zürich seit der Intendanz von Andreas Homoki ein Zuhause gefunden.

Opernhaus Zürich / Intendant Andreas Homoki © Frank Blaser

Opernhaus Zürich / Intendant Andreas Homoki © Frank Blaser

Fabio Luisi, Piotr Beczala und Camilla Nylund werden im Rahmen einer Operettengala Arien und Duette von Lehár, Kálmán, Stolz und Strauss im Juni 2020 zu Gehör bringen. Eine Mischung aus Wiener Operettenheiterkeit und melancholischer Abschiedsstimmung ist die letzte gemeinsame Arbeit von Richard Strauss und seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal Arabella. Julia Kleiter, Julie Fuchs und Josef Wagner debütieren als Arabella, Zdenka und Mandryka. Die Inszenierung der Liebes- / Gesellschaftskomödie besorgt Robert Carsen. Um die raffinierten Orchesterklänge und schwungvollen Wiener Walzer kümmert sich der GMD des Hauses Fabio Luisi persönlich. Die Abschlussproduktion der kommenden Saison ist gleichzeitig die erste gemeinsame Zürcher Arbeit von Fabio Luisi mit dem Regisseur Calixto Bieito. Verdis selten gespielte Oper I vespri siciliani wird im Rahmen der Festspiele Zürich im Juni 2020 Premiere feiern. Maria Agresta und Quinn Kelsey, der sein Rollendebüt begeht, singen die Hauptpartien dieser tragischen Liebesgeschichte im Milieu sizilianischer Widerstandskämpfer.

Nabucco – 2019/20 wieder auf dem Spielplan
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Ein Wiedersehen mit Christof Loy gibt es bei der Neuinszenierung von Donizettis Don Pasquale. In der Titelpartie wird Johannes Martin Kränzle wieder in Zürich zu sehen sein. Julie Fuchs gibt die gewiefte junge Witwe Norina und Edgardo Rocha den Neffen des alten Herrn. Enrique Mazzola kümmert sich um die musikalische Seite dieses Meisterwerks der komischen Oper. Sebastian Baumgarten wird Händels Oratorium Belshazzar mit Jakub Józef Orlinski, der mit seinem Rollendebüt auch zum ersten Mal am Opernhaus Zürich arbeitet, und Layla Claire in Szene setzen. Der Händel-Experte Laurence Cummings steht dafür am Pult des Orchestra La Scintilla.

Für das Opernhaus Zürich ist die Heranführung von Kindern und Jugendlichen an das Musiktheater und das Ballett ein wichtiger Bestandteil der Arbeit. Im November 2019 wird Coraline von Marc-Anthony Turnage als Familienoper ihren Weg auf die Zürcher Bühne finden. Die Geschichte um ein Mädchen, das in zwei Welten lebt wurde bereits erfolgreich verfilmt. Mit Joseph Haydns Il mondo della luna präsentieren sich im April 2020 die jungen Nachwuchssänger des Internationalen Opernstudios unter der Regie des jungen Japaners Tomo Sugao am Theater Winterthur.

WIEDERAUFNAHMEN – OPER

Weitere Höhepunkte am Opernhaus Zürich sind auch die zahlreichen Wiederaufnahmen mit herausragenden Besetzungen. Ans Opernhaus Zürich kehren zurück: Juan Diego Flórez, der als Rodolfo sein Rollendebüt in La bohème geben wird. Cecilia Bartoli und Javier Camarena, die wieder gemeinsam in La cenerentola auf der Zürcher Bühne stehen. Ein weiteres Rollendebüt wird Benjamin Bruns als Max im Freischütz feiern. Piotr Beczala, der im vergangenen Sommer sehr erfolgreich in der Bayreuther Neuproduktion den Lohengrin kurzfristig übernahm, wird im Juni 2020 in der Zürcher Inszenierung gemeinsam mit Elza van den Heever zu sehen sein. Christian Gerhaher und Gun-Brit Barkmin sind im Wozzeck das tragische Paar. Saimir Pirgu ist Faust, Anita Hartig Marguerite und Ildebrando d`Arcangelo Méphistophélès in Gounods Vertonung von Goethes Menschheitsdrama. Luca Pisaroni und Jane Archibald werden in «Don Giovanni» wieder zu Gast sein. Ein weiteres Epochalwerk des Opernrepertoires wird von Catherine Naglestad (Abigaille), Dalibor Jenis (Nabucco) und Vitalij Kowaljow (Zaccaria) bestritten. Plácido Domingo erfüllt sich einen Wunsch und singt für seine Zürcher Fans in einer einmaligen Galavorstellung von Verdis Nabucco die Titelpartie. Zum ersten Mal am Opernhaus Zürich zu Gast sind Andreas Schager als Florestan und Wolfgang Koch als Don Pizzaro. Sie werden zusammen mit Anja Kampe in Fidelio zu erleben sein. Kwang-chul Youn gibt den Heinrich in Wagners Lohengrin  und Jacquelyn Wagner die Agathe im Freischütz. Kristina Mkhitaryan und Liparit Avetisyan begehen als Violetta Valéry und Alfredo Germont ihr Hausdebüt. Am Pult der Philharmonia Zürich, werden bekannte und neue Gesichter zu sehen sein. Der GMD Fabio Luisi widmet sich in der kommenden Saison dem Verdi-Repertoire und dirigiert sein Orchester bei den Wiederaufnahmen von Nabucco und La traviata. Für Wagners Lohengrin konn-te abermals Simone Young gewonnen werden. Ebenfalls im deutschen Repertoire zu Hause ist Axel Kober, der Webers Freischütz interpretieren wird. In den Händen von Markus Poschner liegt Beethovens Fidelio. Für Alban Bergs Wozzeck wird Hartmut Haenchen zum ersten Mal im Zürcher Graben stehen. Ebenfalls zum ersten Mal am Opernhaus Zürich ist Ryan Mc Adams mit Gounods Faust. Um Mozarts Don Giovanni kümmert sich Riccardo Minasi und um Puccinis La bohème Marco Armiliato. Für Rossinis La cenerentola zeichnet Gianluca Capuano verantwortlich. Für die Erfolgsinszenierung des regierungskritischen russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov Così fan tutte steht Ottavio Dantone am Pult der Philharmonia Zürich.

Cosi fan tutte – 2019/20 wieder auf dem Spielplan
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 BALLETT ZÜRICH

Die Ballettsaison 2019/20 wird, wie schon fast traditionell, mit einer Uraufführung von Ballettdirektor Christian Spuck eröffnet. Zum ersten Mal kommt Helmut Lachenmanns Musiktheater Das Mädchen mit den Schwefelhölzern nach dem todtraurigen Märchen von Hans Christian Andersen als Ballett auf die Bühne. Die Neuproduktion und zugleich auch Schweizer Erstaufführung verbindet Tanz, Bilder und Gesang mit Lachenmanns faszinierender Musik und macht selbst den Zuschauerraum des Opernhauses zum Klangraum. Mehrere Werke von William Forsythe hat das Ballett Zürich bereits auf die Bühne gebracht und feiert den amerikanischen Choreografen nun mit einem eigenen Abend. Schlicht «Forsythe» heißt die Hommage und beinhaltet drei wegweisende Werke des Erneuerers des Tanzes: The Second Detail, Approximate Sonata in der Pariser Neufassung von 2016 und «One Flat Thing, reproduced». Im Rahmen des Ballettabends Walking Mad kehrt auch Hans van Manen, mit seinem vom Nederlands Dans Theater uraufgeführten Werk «Kleines Requiem», nach Zürich zurück. Ebenfalls vom NDT uraufgeführt wurde das titelgebende Stück von Johan Inger, zum berühmten «Boléro» von Maurice Ravel tanzt das Ballett Zürich zum ersten Mal ein Werk des schwedischen Choreografen.

Einen ganzen Abend voller neuer Werke bringt die Serie Junge Choreografen, in deren Rahmen die Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Zürich und des Junior Balletts die künstlerische Verantwortung für ihre eigenen Choreografien übernehmen. Wiederaufgenommen werden mit «Messa da Requiem» und «Nussknacker und Mausekönig» zwei Produktionen von Christian Spuck, der Doppelabend «Emergence» mit Choreografien von Crystal Pite und dem Choreografenduo Sol León & Paul Lightfoot, das Ballett Faust von Edward Clug sowie der Abend des Junior Balletts mit «Kreationen» von Filipe Portugal, Louis Stiens und Goyo Montero.

Hänsel und Gretel – 2019/20 wieder auf dem Spielplan
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KONZERTE, LIEDERABENDE UND EXTRAS

Die Philharmonia Zürich und das Spezialensemble Orchestra La Scintilla werden sich auch in dieser Saison außerhalb des Orchestergrabens präsentieren. Die Eröffnung der Philharmonischen Saison findet mit dem Violinisten Leonidas Kavakos unter der Leitung des Generalmusikdirektors Fabio Luisi und Werken von Beethoven und Wagner statt. Der begonnene Beethoven-Zyklus mit der italienischen Pianistin Beatrice Rana wird von Fabio Luisi mit zwei Konzerten fortgeführt. Gianandrea Noseda, der das Amt des Zürcher GMDs ab der Saison 2021/22 übernehmen wird, wird für ein Konzert mit Werken von Schubert, Tschaikowski und Mendelssohn in Zürich gastieren. Für ein Programm mit Werken von Mahler und Mozart steht Manfred Honeck am Pult der Philharmonia Zürich. Der Experte für historisch informierte Aufführungspraxis Riccardo Minasi wird sich ganz dem Orchestra La Scintilla widmen. Die Programme der vier Konzerte reichen von Haydns «Schöpfung» über Werke von Jan Dismans Zelenka und einem Konzert zum Thema Echos. Für Händels Wassermusik ist Lars Ulrik Mortensen Gast der Scintilla. In der Spielzeit 2019/20 präsentiert das Opernhaus Zürich wieder Liederabende mit Starssolisten: Angela Gheorghiu, Pretty Yende, Krassimira Stoyanova, Stéphanie D’Oustrac, Benjamin Bernheim, Christof Fischesser sowie Julia Kleiter und Michael Nagy, die gemeinsam einen Abend bestreiten.

Am 21. September 2019 veranstaltet das Opernhaus nach der Sommerpause das traditionelle Eröffnungsfest. Im ganzen Haus getanzt wird wieder beim Opernball am 14. März 2020. Die Benefizgala feiert dann ihr 20jähriges Bestehen. oper für alle auf dem Sechseläutenplatz findet am 13. Juni 2020 mit der Live-Übertragung der Mozart-Oper Don Giovanni statt

—| IOCO Aktuell Oper Zürich |—

München, Bayerische Staatsoper, Tannhäuser – Richard Wagner, IOCO Kritik, 14.05.2019

Mai 14, 2019 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Tannhäuser –  Richard Wagner

– Die Falle des Dualismus –

von Hans-Günter Melchior

Also der Regisseur Romeo Castellucci hat das Senkblei seines Denkens ganz tief fallen lassen. Er hat Tannhäuser attestiert, dass er sich immer am falschen Ort befindet.

Gut so. Dass der Denker am Ende doch ein wenig in der pseudophilosophischen Kaffeesatzleserei ankommt, mag manche Zuschauer irritieren, manche sogar ärgern, sie werden aber als Zuhörer mehr als entschädigt.

Tannhäuser   –   Richard Wagner
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Mystisches und Mysteriöses. Schon bei der Ouvertüre zielen Amazonen mit Pfeil und Bogen auf ein Auge, das durch die Pfeile verdunkelt und zu einem Ohr mutiert, dann zu einem Gesicht – und so weiter. Soll einem da schon die Sinnlichkeit, der Voyeurismus ausgetrieben werden?

Aber von vorne: Castellucci sieht das Zentrum der Lust nicht im Venusberg verortet, sondern auf der Wartburg, wo Elisabeth die Männer verwirrt und in die schiere Verzweiflung treibt. Angeblich umgibt Elisabeth „eine erotische Spannung“. Von Dualismus zwischen Venusberg und Wartburg, von Lust und moralischer Zucht, keine Spur.

Folglich ist der Venusberg nichts weiter als eine Ansammlung von amorphem Fleisch, ungestalte, ja widerwärtige Brocken und Klumpen mit angedeuteten Köpfen, die sich manchmal bewegen, manchmal nur dräuend die Venus bedrängen. Unerotischer geht es nicht mehr. Souverän kämpft sich mit starker Stimme die Venus der Elena Pankratova durch die Fleischberge.

Bayerische Staatsoper München / TANNHÄUSER - Elena Pankratova als Venus, Klaus Florian Vogt als Tannhäuser Ensemble © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / TANNHÄUSER – Elena Pankratova als Venus, Klaus Florian Vogt als Tannhäuser Ensemble © Wilfried Hösl

Kein Wunder, dass dem Tannhäuser (große Klasse: Klaus Florian Vogt, ein perfekter Bayreuther Wagner-Erprobter) die Lust vergeht. „Zuviel! Zu viel!“, ruft er aus. Auf den Gedanken, dass die Menschen jeder Überfluss, jede Reizüberflutung im Überdruss landen lässt und es auch des Guten manchmal zuviel sein, auf diese Binsenwahrheit kommt Castellucci nicht. Er leitet aus diesem Zuviel eine ganze Theorie voll von Skurrilitäten ab, die im Libretto keinen Halt finden. Denn dieses stellt aus reiner Zweckhaftigkeit die Gegensätze schroff in den Raum, Gut und Böse sind säuberlich getrennt und Tannhäuser ist ein Zerrissener, einer, der die Lust genießt und sich zugleich mit moralischen Bedenken, ja mit Gewissenbissen quält. Ob das noch zeitnah ist, spielt im Grunde keine Rolle.

Die theoretische Konstellation ist jedenfalls das Tableau, auf dem die Musik ihre sublimen Feinheiten austrägt und die Dramaturgie des Werkes sich entfaltet. Eine Oper ist kein Roman und auch kein Theaterstück, schon gar nicht ein Essay über die Zeitgeschichte oder über kulturelle Entwicklungen und gewandelte Moralanschauungen. Letztlich dient alles der Musik. Dass heute die Lust nicht verteufelt wird wie von den Rittern der Wartburg, ja dass überhaupt kein Gegensatz zwischen Lust und Moral gesehen wird… –, vergessen wir es, der Tannhäuser ist im letzten Grund ein rein musikalisches Phänomen, das sich den Text untertan, dienstbar macht. Und das die Gegensätze braucht. Nehmen wir also den Text hin, wie er dasteht.

Im zweiten Akt gibt es einen Raum oder Räume aus Stoff. Die Wände bewegen sich. Sie sollen, so Castellucci, an drapierte Nymphen erinnern. Der Raum, so Castellucci in einem Interview mit Pietro Bianchi (abgedruckt im sehr instruktiven Programmheft), soll selbst „sexualisiert“ sein.

Nun ja, auch da wird die Phantasie gehörig strapaziert. Erregt werden die wehenden Fahnen wohl niemanden haben. Eher – Castellucci sei Dank – die recht ansehnlichen, unbekleideten Nymphen (Foto), die vor dem Chor herumtanzten und offenbar die wabernde Lust verdeutlichen sollten.

Und: ach ja, die Ritter auf der Wartburg haben keine Schwerter, sondern Pfeil und Bogen. Denn sie sind Jäger. Weit in die Anfänge der Menschheit hinein denkt der Regisseur.

Bayerische Staatsoper Muenchen / Tannhäuser - hier : Ensemble © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper Muenchen / Tannhäuser – hier : Ensemble © Wilfried Hösl

Und im dritten Akt befinden sich auf der Bühne Steingräber mit eingravierten Namen. Es werden angeblich sieben Verwesungsphasen des Körpers gezeigt, während die Zeit ins Unendliche verrinnt, von der Sekunde, über die Minute, die Stunde, den Tag – und so weiter, bis ins Milliardenfache. Der Tod ist unendlich, so Castellucci,er wird in die Zeit projiziert, über die Zeit hinaus, auf fast kindliche Weise in Abermilliarden Jahre geworfen.“

Aha. Und was ist mit Tannhäuser? Er kommt unverrichteter dinge, unerlöst und vom Papst verstoßen, aus Rom zurück und beklagt sein Schicksal. Zuerst stirbt Elisabeth, woran bleibt offen, aus einer Art moralischer Erschöpfung vielleicht. Ebenso Tannhäuser. Das freilich geht auf Wagners Kappe. Das Drama hat einfach ein Ende.

Leichen liegen auf den Steingräbern, die zunächst angezogenen Personen werden abgelöst von grotesk verzerrten, nackten Körper mit aufgedunsenen Bäuchen, am Ende von Skeletten. Endzeit in der Zeitlosigkeit. Da hat sich der Regisseur gewaltig ins Phantastische und Abseitig-Schreckliche hineingeträumt. Wäre nicht die Musik…

Denn was solls. Auch an Wagners ewigem Kampf zwischen banaler Lust und Eros, zwischen sexueller Hingabe und Zügellosigkeit und bürgerlich-christlicher Askese ließe sich, wie schon erwähnt, herumkritteln (s. Parsifal, Tristan). Vor dem Thron der Musik gelten andere Maßstäbe.

Bayerische Staatsoper München / Tannhäuser - hier : Davidsen als Elisabeth, Ensemble © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Tannhäuser – hier : Davidsen als Elisabeth, Ensemble © Wilfried Hösl

Letztlich siegt also die überwältigend schöne Musik. Sie schwemmt umstandslos alle Einwände und alle Aufdringlichkeiten und Pseudotiefsinnigkeiten der Regie hinweg. Ein Rat: einfach mal wegschauen, das Störende beiseite lassen und nur zuhören. Es lohnt sich.

Der musikalischen Darbietung wegen ist der Abend ein voller Erfolg. In der Premieren – Besetzung traten Kirill Petrenko, als Dirigent, Anja Harteros als Elisabeth und Christian Gerhaher als Wolfram von Eschenbach auf. Sicher ein Spitzenensemble. Aber auch die jetzige Besetzung überzeugt. Stephen Milling als Landgraf, natürlich Klaus Florian Vogt als Tannhäuser und – mit leichten Einschränkungen – Lise Davidsen als Elisabeth. Besonders beeindruckend die Leistung von Michael Nagy, der für den erkrankten Ludovic Tézler als Wolfram von Eschenbach einsprang und sich wunderbar einfügte.

Großartig das Orchester unter der geradezu atemberaubend inspirierten, leidenschaftlich ihre Musiker vorantreibenden Leitung der genialischen Simone Young. Da ging keine Nuance verloren, kein Übergang vom Diatonischen ins Chromatische, keine schon im Tannhäuser ins Leitmotivische tendierende musikalische Erinnerungstechnik, wie sie den später Wagner auszeichnete. Eine schlechthin brillante musikalische Aufführung, die manche Aufdringlichkeiten einer sich in den Vordergrund drängenden Regie einfach hinwegschwemmte und – noch einmal sei es gesagt – deutlich machte, worauf es ankommt: vor allem auf die Musik. Der Einspruch der Musik gegen die lastende Ratio und den ins Leere grabenden Tiefsinn, betörend komponiert und betörend interpretiert. Nicht zu vergessen der Chor! Der ging unter die Haut. Wunderbar. Danke.

Wohlgemerkt: man muss auch mal wegschauen können. Und so wurde es doch ein großer Abend. Uneingeschränkter Beifall des begeisterten Publikums

Tannhäuser an der Bayerischen Staatsoper; keine weiteren  Vorstellungen in der Spielzeit 2018/19

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

München, Bayerische Staatsoper, Aus einem Totenhaus – Leos Janacek, IOCO Kritik, 26.05.2018

Mai 25, 2018 by  
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Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München Foto: © Wilfried Hösl

Aus einem Totenhaus  –  Leos Janacek

– Gefangenenelend in der Maximilianstraße Münchens –

Von Hans-Günter Melchior

Es gibt eine „Einführung in das Werk“. Frank Castorf hebt, von der Moderatorin dazu befragt, den Unterschied zwischen dem Luxus-Boulevard Münchens, der Maximilianstraße mit ihren provozierend teuren Läden zu dem Stoff der Oper Janáceks hervor. Draußen das schwelgerische Angebot für die Superreichen, drinnen das Gefangenenelend, gipfelnd in der Katorga, dem zaristischen Strafsystem (Strafvollzug), das in der Deportation von Verbrechern nach Sibirien bestand. In von aller Zivilisation ferne Gefangenenlager, wo die meisten Straftäter als Zwangsarbeiter ein elendes Ende fanden.

Castorf spannt einen weiten Bogen. Er weist auf Dostojewskis  Aufzeichnungen aus einem Totenhaus hin, an die sich Janáceks Libretto weitgehend anlehnt. Er erwähnt – in der gebotenen Kürze der Zeit – Nietzsches Bewunderung für Dostojewski (Castorf: „Dostojewski mochte die Deutschen nicht“. Obwohl er sich hier oft aufhielt, s. den Roman „Der Spieler“). Er weist auf Schillers Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen“, in der der Autor die Befreiung des Menschen im Spiel feiert: „Mitten im furchtbaren Reich der Gesetze baut der ästhetische Bildungstrieb unvermerkt an einem dritten, fröhlichen Reiche des Spiels und des Scheins, worin er dem Menschen die Fesseln der Verhältnisse abnimmt und ihn von allem, was Zwang heißt, sowohl im Physischen als im Moralischen entbindet.“ Und er setzt Schiller – zu Recht – den Pessimismus Dostojewskis entgegen, der am (unglücklichen) Schicksal des Menschen festhält und nichts vom Optimismus des deutschen Dichters und Hegelianers wissen will.

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus - hier: Bo Skovhus als Siskov und Statisterie © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus – hier: Bo Skovhus als Siskov und Statisterie © Wilfried Hösl

Man durfte also gespannt sein. Und die Hoffnungen wurden erfüllt. Mit einem Satz: diese Aufführung in jeder Hinsicht gelungen.

Über Janáceks Werk könnte man entweder ein Buch schreiben oder sich auf Skizzierungen beschränken. Es ist sowohl thematisch-inhaltlich wie musikalisch an Komplexität kaum zu überbieten. Aber so schwierig Musik und Stoff auch sind: die genialische Dirigentin Simone Young, die das brillante Bayerische Staatsorchester durch die höllischen Tiefen dieser Partitur und ihre höchst seltenen lyrischen Höhenflüge führte, wurden, wie auch der Regisseur, den gewaltigen Ansprüchen gerecht.

Beschränken wir uns auf die Skizzierung. Das Werk beschreibt mit größter Eindringlichkeit die Zustände in einem zaristischen Gefangenenlager in Sibirien. Dorthin wurden Mörder, Diebe, Betrüger auf der Grundlage der sogenannten Katorga, dem damaligen Strafsystem, deportiert und mussten Zwangsarbeit verrichten. Sie wurden geprügelt und gedemütigt, hungerten und froren, und sie wurden nicht gebessert, sondern errichteten – wie immer in Ausnahmefällen existentieller Not – eine interne Subkultur, die im Wesentlichen in der Übertragung der staatlichen Macht- und Unrechtsmechanismen auf die eigene Gemeinschaft bestand.

Die Oper enthält keine eigentliche Handlung. Sie besteht hauptsächlich aus den Erzählungen der drei Häftlinge Luka (Ales Briscein), alias Filka Morozov, unter dem Namen Luka Kuzmic im Gefängnis auftretend, Skuratov (Charles Workman) und Siskov (Bo Skovhus).

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus - hier:: Charles Workman als Skuratov © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus – hier:: Charles Workman als Skuratov © Wilfried Hösl

Ein „Großer Sträfling/Sträfling mit dem Adler (Manuel Günther) begleitet einen an einem Flügel verletzten Adler von Anfang an durch die Szenen. Der Adler wird als „Zar der Lüfte“ gefeiert, die freie Kreatur.

Am Anfang wird das Schicksal des gerade eingelieferten und sofort ohne erkennbaren Grund ausgepeitschten adeligen politischen Sträflings Aleksandr Petrovic Gorjancikov (Peter Rose) geschildert, der die Sympathie des Sträflings Aljeja (Evgeniya Sotnikova) gewinnt und diesem das Lesen und Schreiben beibringt.

Die Geschichten der drei Häftlinge Luka, Skuratov und Siskov, allesamt Tatbestände des Mordes, bestenfalls, weil im Affekt begangen, des Totschlags:

Luka rammte einem Major, der ein Gefängnis mit willkürlichen Methoden zu beherrschen versuchte, ein Messer in den Bauch.  Skuratov verliebte sich in eine Deutsche mit dem Namen Luisa. Sie wollten heiraten. Als jedoch ein reicher Verwandter Heiratsabsichten ihr gegenüber bekundete, ließ sie sich bei dem armen Skuratov nicht mehr sehen. Sie gab dem Reichen den Vorzug, ehelichte ihn. Skuratov kam aber nicht von ihr los. Am Hochzeitstag erschien er uneingeladen bei der Feier und erschoss den Bräutigam.  Siskov (herausragend Bo Skovhus, der die sehr schwierige Partie bewundernswert interpretierte) erzählt von seiner Liebe zu Akulina, der Tochter eines reichen Kaufmanns in seinem Heimatdorf. Filka Morozov, jetzt ein Mithäftling, wie sich herausstellt, betrieb eine verhängnisvolle Rufschädigung, indem er im Dorf verbreitete, er habe mehrere Mal mit Akulina geschlafen. Sie sei deshalb für eine Ehe in ihren gehobenen Kreisen ungeeignet. Akulinas Eltern verheirateten die entehrte Tochter deshalb mit dem in sie verliebten Siskov. Dieser entdeckte in der Hochzeitsnacht, dass Filkas Behauptungen nicht der Wahrheit entsprachen, Akulina also noch unschuldig war. Filka indessen verhöhnte ihn, erklärte, Siskov sei in Folge seiner Trunkenheit gar nicht in der Lage gewesen, Akulinas Jungfräulichkeit festzustellen. Als Akulina zudem ihre Zuneigung zu Filka offen zu erkennen gibt und sich von diesem verabschiedete, als er zur Armee eingezogen wurde, fühlte sich Siskov betrogen und schnitt seiner Ehefrau im Wald die Kehle durch.

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus - hier : Ensemble der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus – hier : Ensemble der Bayerischen Staatsoper © Wilfried Hösl

Szenenwechsel:

Es ist Feiertag. Die Sträflinge führen ein Theaterstück auf, in dem sie ihre sexuellen Fantasien ausleben. Castorf gelingen Szenen prickelnder Erotik.

Der Adler:

Er (Evgeniya Sotnikova/Aljeja) tritt in der ganzen Oper als Symbol der konkreten Freiheit auf, ein stolzes und seiner Bestimmung folgendes Lebewesen, gequält und gepflegt zugleich, Schmerz und Sehnsucht hervorrufend. Als Gorjancikov am Schluss entlassen wird und sich von seinem Schützling Aljeja verabschiedet, geben die Häftlinge auch den Adler frei: als sei eine neue Zeit angebrochen. Doch was für den „Zaren der Lüfte“ gilt, gilt nicht für die verbleibenden Inhaftierten. Sie werden zur Arbeit getrieben…

Wieder einmal mehr erweist sich Frank Castorf als Nachfolger Piscators und Brechts, indem er die Idee des politischen Theaters mit deutlichem Zeitbezug auf die Bühne bringt. Es genügt nicht, die Realität naturalistisch aufzuzeigen, so die Lehre, es kommt vielmehr darauf an, sie durch Kritik und politische Aktionen zu verändern. Die Zeitebenen überlagern sich. Castorf ist immer im Vergangenen und im Jetzt zugleich. Nichts war, was nicht zugleich ist.

Ein Gefangenenlager mit Wachtturm, Betonpfeilern und Stacheldraht (Foto) füllt den gesamten Bühnenraum aus. Düster, ein Abbild der Trostlosigkeit und des menschlichen Jammers. Ganz oben eine Art wulstige Mischung aus Zarenadler und Sowjetstern. Im Außenbereich, vor dem Lager, ein Pepsi-Reklamewürfel, der sich dreht und eine seiner Flächen auf Kyrillisch zeigt. Neue Zwänge hält unsere Zeit bereit. Konsumzwänge. Und soziale Gewalt, Widerstand gegen die Ungerechtigkeit wird militärisch unterdrückt. Im nahezu ständig anwesenden Chor befinden sich mexikanische Totenmasken, das Elend, den Tod beschwörend, die bösen Geister vertreibend, es sind die Geister der Gegenwart. Der Betrunkene Sträfling (Galeano Salas) trägt einen Text aus dem Lukas-Evangelium auf Spanisch vor, Castorf bezieht sich im Programmheft dabei ausdrücklich auf Dostojewskis Dämonen, wo die zitierte Stelle dem Roman vorangestellt wird.

Eine Kamera filmt das Geschehen, bringt es auf eine Leinwand, die von Zeit zu Zeit in den Bühnenraum heruntergelassen wird. Unterlegt die Bilder mit themenbezogenen Zitaten aus verschiedenen Werken. Der große Ton der Tragik.

Castorf der Meister der Vergegenwärtigung. Nichts geht verloren, nichts entgeht der Dokumentation, alles muss irgendwann einmal gezeigt, vorgehalten und dereinst verantwortet werden. Die Kamera als Waffe im Kampf um die Menschlichkeit. Solche szenischen Verdichtungen sind von besonderer Eindringlichkeit. Der sich gerade sorglos zurücklehnende Besucher entkommt jetzt dem Geschehen nicht mehr, Historisches bedrängt ihn mit Zeitgeistigem, nie wird er von Castorf in eine kulinarische Gemütlichkeit entlassen. Eine Wüste der Ratlosigkeit breitet sich angesichts dessen aus, was Menschen anderen Menschen zuzufügen vermögen – und bis heute immer wieder zufügen.

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus - hier : Matthew Grills als Kedril, Bo Skovhus als Siskov, Callum Thorpe als Don Juan, Statisterie © Wilfried Hösl

Bayerische Staatsoper München / Aus einem Totenhaus – hier : Matthew Grills als Kedril, Bo Skovhus als Siskov, Callum Thorpe als Don Juan, Statisterie © Wilfried Hösl

Hat etwa unsere Zeit das Problem des Strafvollzugs befriedigend gelöst? Sühne und Resozialisierung sind die immer noch im Vollzugsrecht diskutierten Begriffe. Und keine Einigung. Wo die Resozialisierung im Vordergrund steht, kommt die Sühne zu kurz. Muss sie überhaupt sein? Ein längere Zeit im bloßen Strafvollzug verbrachtes Leben ist faktisch für die Gesellschaft zerstört, abgestumpft, unempfindlich. Das muss man wissen, wenn man wissen will, was man künftig von Straftätern verlangen kann.

Ein leiser Einwand –, allenfalls: vielleicht ist dies alles zuviel, übersteigt das Fassungsvermögen der Opernbesucher. Man weiß manchmal nicht, wohin man noch schauen, was man alles an Hinweisendem, Kritischem zugleich begreifen und verarbeiten soll. Die Überfülle der Einfälle droht den Besucher zu erdrücken.

Dann aber die Musik! Vor allem die Musik beherrscht diese Oper, sie ist die wahre Herrin des Geschehens. Die Darstellerin über den Darstellern. Voller Ehrfurcht vor ihrem Thema. Voller ästhetischem Zorn und berstend vor humanitärer Empörung. Hämmernd, gehetzt, dissonant zuweilen, drängend, dann wieder in lyrische – freilich sehr bald abrupt abreißende – Passagen aufsteigend. Meist sind es nur musikalische Fetzen, Anfänge, in denen man sich weiterdenkt, depressive und suggestive musikalische Gedankenlinien, weit überwiegend ohne ariose Hoffnungsschimmer. Den bedrückenden Inhalt charakterisierende Anfänge, manchmal nur Andeutungen in wenigen Takten –, als habe Janácek sich gesagt: das Weitere bedarf keiner besonderen Erwähnung, es ist ohnehin bis zur Qual bekannt.  Janácek ist ein großartiges Werk musikalischer Psychologie gelungen. Als sei er bei Mozart in die Schule gegangen.

Simone Young und das Orchester haben dies alles im Verein mit dem überwältigend agierenden Chor zum Erlebnis gemacht. Was für ein enormes Musikverständnis und psychologisches Einfühlungsvermögen, welche Präsenz hat diese große Dirigentin. Was für ein kraftvoller – und gelingender – Zugriff auf ein so komplexes Thema. Mitreißend ins Mit-Leiden.       Zu Recht großer Beifall.

Aus einem Totenhaus an der Bayerischen Staatsoper: weitere Vorstellungen 26.5.; 30.5.; 3.6.; 5.6.; 8.6.2018

—| IOCO Kritik Bayerische Staatsoper München |—

Karlsruhe, Badisches Staatstheater, Neue Führung – Fünf Direktorinnen, IOCO Aktuell, 23.03.2018

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Badisches Staatstheater Karlsruhe

 

Badisches Staatstheater Karlsruhe © Jochen Klenk

Badisches Staatstheater Karlsruhe © Jochen Klenk

Fünf neue Direktorinnen am Staatstheater

Nicole Braunger – Bridget Breiner – Stefanie Heiner – Uta-Christine Deppermann – Anna Bergmann

Das STAATSTHEATER KARLSRUHE setzt ab den Spielzeiten 2018/19 und 2019/20 auffällige Zeichen für seine Zukunft: Fünf Direktorinnen werden zukünftig die Geschicke des Staatstheaters leiten: Eine in der deutschen Theaterlandschaft einmalige wie wegweisende Situation. Die mutigen Personalentscheidungen fällten Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg und Karlsruhes Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup.     CHAPEAU ins Ländle!

Diese Frauen bringen frischen Wind in das Staatstheater Karlsruhe: Nicole Braunger tritt 2018/19 als Operndirektorin die Nachfolge von Michael Fichtenholz am STAATSTHEATER KARLSRUHE an, der ans Opernhaus Zürich wechselt. Gelsenkirchens Ballettdirektorin Bridget Breiner folgt ab der Spielzeit 2019/20 auf Prof. Birgit Keil. Auch das VOLKSTHEATER bekommt eine neue Leitung: Stefanie Heiner, bisher in Weimar tätig, löst Beata Anna Schmutz ab, die ans Nationaltheater Mannheim geht. Die Künstlerische Betriebsdirektion übernimmt Uta-Christine Deppermann 2018/19 von Monika Pichler, die sich in den Ruhestand verabschiedet. Bisher war Deppermann in gleicher Position am Theater Magdeburg tätig. Komplettiert wird die neue Leitungsriege durch die designierte Schauspieldirektorin Anna Bergmann.

„Die neuen Direktorinnen sind eine ausgezeichnete Wahl. Sie werden sich inhaltlich zwischen Tradition und Innovation bewegen und neue Akzente setzen. Sie sind künstlerische Zukunftsversprechen für Karlsruhe!“, sagt Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg. Die Ministerin freute sich besonders darüber, dass Bridget Breiner, die lange Jahre als erste Solistin für das Stuttgarter Ballett tanzte, nun wieder ins Land kommt : „die Rückkehr einer großen Künstlerin nach Baden-Württemberg – in der Nachfolge der großartigen Birgit Keil, die für die überragende Qualität und internationale Strahlkraft des Balletts in Baden-Württemberg steht“, so Bauer. „Das STAATSTHEATER stellt sich in fast allen Sparten völlig neu auf. Es konnten starke Persönlichkeiten gewonnen werden, die künstlerisch und atmosphärisch eigene Schwerpunkte setzen werden – wir dürfen sehr neugierig und gespannt sein“, ergänzt Karlsruhes Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup.

Staatstheater Karlsruhe / Nicole Braunger - kommende Operndirektorin © Felix Grünschloß

Staatstheater Karlsruhe / Nicole Braunger – kommende Operndirektorin © Felix Grünschloß

Nicole Braunger kommt ab der Spielzeit 2018/19 ein bestens vernetzter Musiktheater-Profi mit großer Sängerkenntnis ans STAATSTHEATER und baut damit die internationalen Beziehungen der Karlsruher OPER weiter aus. Sie studierte Sologesang am Konservatorium Wien und der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien. Nach ihrem Diplom war sie von 2006 bis 2010 als Sopranistin im Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin engagiert. Darauf war sie Künstleragentin bei Claudia Dickie – Artists Management in Baden. Seit 2017 arbeitet sie als Head of Directors Division (Leiterin der Regie-Abteilung) bei ARSIS – Artist Management in Wien und vertritt Regisseure wie Kirill Serebrennikov, Keith Warner oder Harry Kupfer. Die Agentur zählt zu den weltweit führenden und vermittelt auch Sängerinnen und Sänger wie Anette Dasch oder Nikolai Schukoff sowie Dirigenten wie Kirill Petrenko. Nicole Braunger wird als Operndirektorin die erste Frau in dieser Position am STAATSTHEATER KARLSRUHE sein.

Staatstheater Karlsruhe / Bridget Breiner - kommende Ballettdirektorin © Sebastian Galtier

Staatstheater Karlsruhe / Bridget Breiner – kommende Ballettdirektorin © Sebastian Galtier

Bridget Breiner löst Birgit Keil als langjährige Direktorin des Badischen Staatsballett zur Saison 2019/20 ab. Der Vertrag der dann 75-jährigen Birgit Keil, seit 2003 Direktorin des Staatsballett Karsruhe, läuft dann aus. Bridget Breiner ist weltweit anerkannte Tänzerin und gefeierte Choreografin. Aufgewachsen in Columbus, Ohio (USA), tanzte sie u. a. am Bayerischen Staatsballett, dem Ballett der Semperoper Dresden und lange Jahre als erste Solistin für das Stuttgarter Ballett, wo sie gleichzeitig eine erfolgreiche Karriere als Choreografin begann. Ihre Choreografie Sirs für die Stuttgarter Noverre-Gesellschaft wurde sofort ins Repertoire des Stuttgarter Balletts aufgenommen. Mit Studenten der John-Cranko-Schule schuf sie im Kunstmuseum Stuttgart das Stück Zeitsprünge. Letters of Others war 2010 ihr erstes Auftragswerk für das Stuttgarter Ballett. Es folgten Arbeiten für das Kevin O’Day Ballett Mannheim, das Ballett Augsburg oder das lettische Nationalballett. Seit 2012 ist sie äußerst erfolgreiche Ballettdirektorin am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. Ihr Ballett Ruß wurde 2013 ebenso mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet wie 2015 ihre Kreation Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin. Damit ist sie eine der wenigen Künstlerinnen, der zwei Mal Deutschlands höchster Theaterpreis verliehen wurde. Im Sommer 2016 choreografierte Bridget Breiner erstmals für die Ruhrfestspiele Recklinghausen; am 15.3. brachte sie mit Strawinskys Feuervogel ihre erste Arbeit für Les Grands Ballets Canadiens de Montréal in Kanada zur Uraufführung. Mit ihrem Engagement in Karlsruhe kehrt sie in ihre künstlerische Heimat Baden-Württemberg zurück. Sie wird die Linie des klassischen Balletts, die so erfolgreich durch Birgit Keil geprägt wurde, ab der Spielzeit 2019/20 fortsetzen.

Auch Generalintendant des Musiktheater im Revier, Michael Schulz, freut sich sehr, dass wieder einmal eine Gelsenkirchener Erfolgsgeschichte über die Region hinaus fortgesetzt wird und wünscht Bridget Breiner eine spannende und erfolgreiche Zukunft. Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski bedauert den kommenden Abschied von Bridget Breiner: «Mit Bedauern aber auch mit großer Anerkennung», so  Baranowski über Breiners Berufung nach Karlsruhe. Er werde mit den Verantwortlichen des Musiktheater über die Nachfolge beraten.

Die neue Leiterin des VOLKSTHEATERS ab der Spielzeit 2018/19 ist Stefanie Heiner. Sie studierte Erziehungswissenschaften und Philosophie und absolvierte eine Ausbildung zur Theaterpädagogin. 2012 machte sie zusätzlich eine Fortbildung mit dem Schwerpunkt Tanztheater. Seit 2009 leitet sie die Theaterpädagogik des stellwerk – junges Theater Weimar und arbeitet als Regisseurin und Theaterpädagogin bundesweit in diversen freien Projekten. Seitdem sind viele Inszenierungen für und mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen entstanden, zuletzt Ronja Räubertochter am stellwerk Weimar, Frühlings Erwachen (Spring Awakening) in Kooperation mit dem Deutschen Nationaltheater Weimar und Der kleine Prinz am STAATSTHEATER KARLSRUHE. Ihre Spezialgebiete sind partizipatorische Projekte mit zeitgenössischen und performativen Ansätzen sowie das Theater für die Allerkleinsten. Ihre Inszenierung Abräumen für Kinder ab 2 Jahren wurde für den Thüringer Theaterpreis 2016 nominiert. Stefanie Heiner wird eng vernetzt mit dem JUNGEN STAATSTHEATER arbeiten.

Staatstheater Karlsruhe / Ute-Christine Deppermann - kommende Künstlerische Betriebsdirektorin, © Felix Grünschloß

Staatstheater Karlsruhe / Ute-Christine Deppermann – kommende Künstlerische Betriebsdirektorin, © Felix Grünschloß

Uta-Christine Deppermann, ab 2018/19 Künstlerische Betriebsdirektorin, eine der führenden deutschen Betriebsdirektorinnen, hat die künstlerischen Abläufe an zahlreichen Theatern organisiert. Die studierte Musik- und Theaterwissenschaftlerin arbeitete als Chefdisponentin an den Landesbühnen Sachsen und an den Wuppertaler Bühnen, bevor sie als Künstlerische Betriebsdirektorin ans Staatstheater Braunschweig wechselte. Zuletzt war sie in gleicher leitender Funktion am Theater Magdeburg engagiert. Schwerpunkt ihrer Arbeit war im Musiktheater Ensemble-Entwicklung und Auswahl der Solisten. Darüber hinaus war Uta-Christine Deppermann als Konzertdramaturgin und Künstlervermittlerin tätig und leitet seit 2000 den Internationalen Gesangswettbewerb Competizione dell‘Opera.

„Frauen in Führungspositionen ist gerade ein heiß diskutiertes, brennendes Thema. Mit diesen Theaterfachfrauen setzen wir einen starken Akzent. Sie werden sich, auch spartenübergreifend, mit den gesellschaftlich relevanten Themen Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechterverhältnisse auseinander setzen. Wir sind glücklich, dass wir solch herausragende Spartendirektorinnen für Karlsruhe gewinnen konnten,“ freut sich Generalintendant Peter Spuhler auf die neue Leitungsriege.

LEBENSLÄUFE der kommenden DIREKTORINNEN

Nicole Braunger, geb. in Mödling, studierte Sologesang am Konservatorium Wien und der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Nach ihrem Diplom war sie von 2006 bis 2010 als Sopranistin im Ensemble des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin engagiert. Darauf war sie Künstleragentin bei Claudia Dickie –Artists Management in Baden. Seit 2017 arbeitet sie als Head of Directors Division (Leiterin der Regie-Abteilung) bei ARSIS – Artist Management in Wien und vertritt Regisseure wie Harry Kupfer, Kirill Serebrennikov, Lydia Steier oder Keith Warner. Die Agentur zählt zu den weltweit führenden und vermittelt auch Sängerinnen und Sänger wie Anette Dasch, Anja Kampe, Claudia Mahnke, Michaela Schuster, Nikolai Schukoff, Terry Wey, Wolfgang Koch oder Falk Struckmann, und  Dirigenten wie Betrand De Billy, Philippe Jordan, Kirill Petrenko oder Simone Young. Nicole Braunger wird als Operndirektorin die erste Frau in dieser Position am STAATSTHEATER KARLSRUHE sein.

Bridget Breiner (*1974) wuchs in Columbus, Ohio (USA) auf. Sie tanzte u.a. am Bayerischen Staatsballett, dem Semperoper Ballett Dresden und lange Jahre als erste Solistin für das Stuttgarter Ballett, wo sie gleichzeitig eine erfolgreiche Karriere als Choreografin begann. Ihre Choreografie Sirs für die Stuttgarter Noverre-Gesellschaft wurde sofort ins Repertoire des Stuttgarter Ballett aufgenommen. Mit Studenten der John Cranko-Schule schuf sie im Kunstmuseum Stuttgart das Stück Zeitsprünge. Letters of Others war 2010 ihr erstes Auftragswerk für das Stuttgarter Ballett. Es folgten Arbeiten für das Kevin O’Day Ballett Mannheim, das Ballett Augsburg oder das lettische Nationalballett.

Ihr Debüt am MiR feierte sie 2012 mit der Inszenierung des Opern-Tanz-Abends Großstadt-Triptychon. In der Spielzeit 2012/13 stellte sich Bridget Breiner mit Blau Blue Bleu als neue Direktorin des Ballett im Revier der Öffentlichkeit vor. Ihr Ballett Ruß wurde im Herbst 2013 mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet. In den folgenden Jahren folgten die Choreografien zu Schwanensee, On the Town, The Tragedies of Othello und In Honour of. Mit ihrer Kreation Charlotte Salomon: Der Tod und die Malerin wurde sie 2015 erneut mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet.

Im Sommer 2016 choreografierte Bridget Breiner erstmals für die Ruhrfestspiele Recklinghausen. Das dort uraufgeführte Ballett Prosperos Insel ist in der jetzigen Spielzeit im Musiktheater im Revier zu sehen. Außerdem kreiert sie in dieser Spielzeit den Ballettabend The Vital Unrest zur Auftragskomposition des lettischen Komponisten Georgs Pelecis und Camille Saint-Saëns 3.Symphonie. Am 15. März brachte sie mit Strawinskys Feuervogel ihre erste Arbeit für das Les Grands Ballets Canadiens de Montréal in Kanada zur Uraufführung.

Uta-Christine Deppermann, eine der führenden deutschen Betriebsdirektorinnen, hat die künstlerischen Abläufe an zahlreichen Theatern organisiert. Die studierte Musik- und Theaterwissenschaftlerin arbeitete als Chefdisponentin an den Landesbühnen Sachsen und an den Wuppertaler Bühnen, bevor sie als Künstlerische Betriebsdirektorin ans Staatstheater Braunschweig wechselte, wo sie hauptverantwortlich für die Planung und Koordination des Jahresspielplans von vier Sparten an fünf Spielorten war. In dieser Zeit vertiefte sie auch ihren Schwerpunkt im Musiktheater. Zuletzt war sie in gleicher leitender Funktion am Theater Magdeburg engagiert und disponierte dort alle Vorstellungen in den Sparten Musiktheater, Ballett, Musical und Gastspielorganisation. Schwerpunkt ihrer Arbeit war darüber hinaus im Musiktheater Ensemble-Entwicklung und Auswahl der Solisten. Darüber hinaus war Uta-Christine Deppermann als Konzertdramaturgin und Künstlervermittlerin tätig und leitet seit 2000 den Internationalen Gesangswettbewerb Competizione dell‘Opera.

Stefanie Heiner:  Die Tanz- und Theaterpädagogin Stefanie Heiner, geboren in Korbach (Hessen), studierte Erziehungswissenschaften und Philosophie an der Universität Erfurt und absolvierte anschließend eine Ausbildung zur Theaterpädagogin an der Theaterwerkstatt in Heidelberg.

2012 absolvierte sie zusätzlich eine Fortbildung mit dem Schwerpunkt Tanztheater. Seit 2009leitet sie die Theaterpädagogik des stellwerk – junges Theater Weimar und arbeitet als Regisseurin und Theaterpädagogin in diversen freien Projekten thüringen- und bundesweit. Seitdem sind viele Inszenierungen für und mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen entstanden, zuletzt Ronja Räubertochter am stellwerk Weimar, Frühlings Erwachen (Spring Awakening) in Kooperation mit dem DNT Weimar und Der kleine Prinz am Staatstheater Karlsruhe.

Ihre Spezialgebiete sind partizipatorische Projekte mit zeitgenössischen und performativen Ansätzen sowie das Theater für die Allerkleinsten. Ihre Inszenierung Abräumen für Kinder ab 2 Jahren wurde für den Thüringer Theaterpreis 2016 nominiert.

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