Chemnitz, Kreuzkirche, Sächsisches Mozartfest 2017, IOCO Kritik, 15.05.2017

Mai 16, 2017 by  
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Sächsisches Mozartfest

„Mozart und Böhmen in Chemnitz“

26. Sächsisches Mozartfest 2017 – Mitteleuropäisches Mozart-Festival

Von Guido Müller

Am 12. Mai 2017 eröffnete das 26. Sächsische Mozartfest 2017 zum Thema Mozart und Böhmen in Chemnitz in der Kreuzkirche mit einem mitreißenden Konzert des Mendelssohn Kammerorchesters Leipzig unter der glänzenden Leitung des tschechischen Dirigenten Václav Luks mit der herausragenden slowakischen Sopranistin Simona Šaturová.

Chemnitz / Sächsisches Mozartfest 2017 © Wolfgang Schmidt / Sächsisches Mozartfest

Chemnitz / Sächsisches Mozartfest 2017 © Wolfgang Schmidt / Sächsisches Mozartfest

Das auch musikalisch grenzüberschreitende, in den kommenden zwei Wochen sowohl in Sachsen wie in Tschechien stattfindende Mozart-Fest geht auf die große Zeit des politischen und kulturellen Umbruchs in Mitteleuropa 1989/90 zurück, als ein paar mozartbegeisterte Mitglieder der Robert-Schumann-Philharmonie im damaligen Karl-Marx-Stadt der DDR den Kontakt zum Salzburger Mozarteum suchten. Durch den bereits löchrig werdenden Eisernen Vorhang knüpften sie musikalische und kollegiale Beziehungen. Es war die emotional bewegte Zeit, als auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag Außenminister Genscher den ausreisewilligen DDR-Bürgern die Möglichkeit zur Ausreise verkündete.
Damals studierte der 1970 in Pilsen geborene Dirigent und Musikpädagoge Václav Luks an der Akademie der musischen Künste in Prag Horn und Cembalo. Die Öffnung der europäischen Grenzen erlaubte es ihm sich an der weltberühmten Schweizer Schola Cantorum Basiliensis in den Fächern Historische Tasteninstrumente und Historische Aufführungspraxis weiter in der Erforschung Alter Musik zu spezialisieren. Als Hornsolist konzertierte er seitdem in führenden Spezialensembles wie der Akademie für Alte Musik Berlin. Schon früh spielte Luks aber auch regelmäßig bei den Mozart-Aufführungen des Prager Ständetheaters mit, der Uraufführungsstätte von Mozarts Don Giovanni.

 Chemnitz / Vaclav Luks - Simona Šaturová © Wolfgang Schmidt / Saechsisches Mozartfest

Chemnitz / Vaclav Luks – Simona Šaturová © Wolfgang Schmidt / Saechsisches Mozartfest

Nachdem Václav Luks 2005 nach Prag zurück gekehrt war, entwickelte er das Kammerorchester Collegium 1704 und den Chor Collegium Vocale zu einem Spitzen-Barockensemble. Luks wurde zum führenden Ausgräber und Botschafter der böhmischen Alten Musik seines Landes, auch mivielen preisgekrönten Aufnahmen vor allem von Jan Dismas Zelenka und Josef Myslivecek.
Im Rahmen des Internationalen Musikfestivals Prager Frühling etablierte Luks sich mit seinen Ensembles als ein international geschätzter Bach-Dirigent, der regelmäßig auch zu allen wichtigen Bach-Festivals, zu den Salzburger Festspielen sowie nach Berlin, Amsterdam, London, Versailles, Luzern und Utrecht eingeladen wird. 2008 gründete Luks die seitdem äußerst erfolgreiche Konzertreihe Musikbrücke Prag-Dresden mit innovativen Programmen Alter Musik.

Das Sächsische Mozartfest konnte somit keinen geeigneteren Preisträger für den Sächsischen Mozartpreis 2017 gewinnen als Václav Luks. Er bedankte sich mit einem ganz auf Mozarts Prager Erfolge abgestimmten Programm, das er mit dem Mendelssohn Kammerorchester Leipzig einstudiert hatte.
Dieses professionelle Kammerorchester bildete sich 1997 aus Absolventen der Leipziger Musikhochschule. Seine jugendliche und überschwängliche Musizierfreude passt hervorragend zur pädagogischen Disziplin, zum Präzisionswillen und der ansteckenden Musizierlust von Václav Luks, der das Publikum auch in Chemnitz wieder zu Ovationen und Jubel hinreißen sollte.

Zeigte der Auftakt mit der festlichen Ouvertüre zu Mozarts Prager Krönungsoper La Clemenza di Tito (KV 621) von 1791 noch leichte Schwierigkeiten des Orchesters, sich auf die hallige Akustik der Kreuzkirche einzustellen, so war jede Unsicherheit mit dem großen Auftritt der Sopranistin Simona Houda-Šaturová aus Bratislava verschwunden. Šaturovás silbriger und schmerzerfüllter, dramatischer Koloratur-Sopran verzauberte zunächst mit der höhensicheren Rondo-Arie der Donna Anna Crudele? – Ni mi dir aus dem 1787 in Prag uraufgeführten Don Giovanni (KV 527). Hier zeigte sich bereits, warum die stilsichere und technisch perfekte Mozart-Sängerin seit 2010 an allen großen Opernhäusern von Brüssel bis Dresden, Paris bis Wien, Buenos Aires bis Athen gefragt ist.
Vor einigen Jahren entdeckte ich Simona Šaturová am Aalto-Theater Essen als perfekte Konstanze in Mozarts Entführung aus dem Serail, die alle drei großen Arien der Konstanze, von denen oft eine wegen der extremen unterschiedlichen stimmlichen Anforderungen an die Sängerin gestrichen wird, von ihr in allen Affekten fast ununterbrochen hintereinander gesungen.
Simona Šaturovás herausragende Kunst der differenzierten Darstellung hochdramatischer Affekte in emotionalen und stimmlichen Grenzsituationen zeigte sie in Chemnitz in der von Mozart für seine Prager Freundin Josefina Dušek 1787 komponierten großen Konzertarie Bella mia fiamma, addio (KV 528). Diese sich aus dem Da-Capo-Schema lösende Arie ist ein wahres Musterstück für stimmliche Fertigkeiten mit ihren Sprüngen und chromatischen Besonderheiten. Diese Abschiedsarie durchmißt die Mozart so gemäßen Entgrenzungen von Klage und Traurigkeit, die er wohl in einer privaten Widmungsarie noch stärker zum Ausdruck bringen konnte als in öffentlichen Opernaufträgen. Wie mit einem Silberstift, je nach geforderten weichen oder harten Pastellstiften zeichnet die Stimme von Simona Šaturová alle emotionalen Farben und Ausdruckswerte dieses Höhepunkts von Mozarts Kompositionskunst für die weibliche Stimme.

Mit dem Alleluja und seinen Kolloraturtrillern aus der bekannten Motette von Mozart als Zugabe bedankte sich Frau Šaturova beim mit lauten Brava-Rufen applaudierenden Publikum.

Lässt sich eine solche opernmäßige dramatische Stimmung noch steigern? Václav Luks erreichte dies nach der Laudatio und Überreichung des Mozartpreises mit dem von ihm zu einem herausragend homogenen Klangkörper geformten Mendelssohn Kammerorchester Leipzig mit ihrer Aufführung der sogenannten Prager Sinfonie. Am 19.1.1787 war diese Sinfonie Nr. 38 D-Dur (KV 504) im Rahmen einer für Mozart veranstalteten Akademie im Prager Nationaltheater (heute Ständetheater) uraufgeführt worden.
Bereits die ausgedehnte langsame Einleitung der Sinfonie, ruhig fließend und zugleich mit enormer Innenspannung musiziert, lässt ein musikalisches Drama erwarten, das der vorausgegangenen Oper Le Nozze di Figaro und allem dem folgenden Don Giovanni ebenbürtig ist.

Das Theatralische, Leidenschaftliche, Erhabene und Komische klingt hier im ersten Satz wie in Opernensembles an, so wie Luks die Bläser und Streicher miteinander kommunizieren lässt. Transparent und mit größter Dynamik im Detail der Kontraste von hell und dunkel baut Luks mit seinem Orchester die Spannung auf. In der Durchführung des ersten Satzes wird die Innenspannung durch einen kontrapunktischen Sturm voran getrieben, den der Kenner Bachs und Zelenkas auf das Feinste und Logischste heraus arbeitet. Besonders herausragend die Trompeten und Holzbläser.

Noch deutlicher wird die Wirkung des Szenischen vergleichbar den großen Mozart-Da-Ponte-Opern im zweiten langsamen Satz geradezu zelebriert. Auch ohne Gesang und Bühnenbild zaubert Mozart uns hier geradezu ein „Dramma giocoso“ vor Augen, das bereits die Abgründe des „Don Giovanni“ vorweg nimmt. Hier wird die Verschmelzung vom instrumentalem und theatralischen Denken manifest. Besser als durch Luks und die Instrumentalsolisten des MKL kann diese Klangrede Mozarts kaum dargestellt werden.
Danach führt uns der virtuos und atemlos rasende Kehraus des Finales der Sinfonie wie so oft in den Opern Mozarts in eine Buffo-Welt des äußerlichen fröhlichen Feierns, die zumindest musikalisch nach den Dramen dieses Konzerts wieder hergestellt scheint. Mozart hinterlässt uns aber dabei mit mehr Fragen als mit Lösungen so wie der überraschende Schlußakkord der Sinfonie.

Großer, nicht enden wollender Applaus des Publikums. Der so uneitel auftretende tschechische Dirigent Vaclav Luks macht auch mit diesem Konzert deutlich, warum er zu den herausragenden Dirigenten und Musikpädagogen seiner Generation gehört, der seine mit größter Disziplin und Detailfreude verbundene unermessliche Musizierfreude an die Musiker wie das Publikum weiter zu geben vermag.

Essen, Aalto Musiktheater, Letzte Vorstellungen: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL, 29.03. und 26.04.2015

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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Letzte Vorstellungen: DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL

Oper von Wolfgang Amadeus Mozart

Letzte Vorstellungen: So 29.03.2015, 16:30 Uhr und So 26.04.2015, 16:30 Uhr

Keine andere Oper Mozarts hat in den vergangenen Jahren so kontroverse szenische Lösungen erfahren wie “Die Entführung aus dem Serail” von 1782, ist dieses Singspiel doch Mozarts Türkenoper, in der nicht nur mehrfach Janitscharenmusik erklingt, sondern aus dem Verständnis der damaligen Zeit auch die Kulturen Mitteleuropas und des Osmanischen Reichs mit einiger Heftigkeit aufeinanderprallen.Zudem war Wiens Belagerung durch die Türken noch in frischer Erinnerung, was die Oper mit ihrem unvermittelt glücklichen Ausgang nach dem Motto “Es ist gerade noch einmal gut gegangen” durchaus reflektiert.Dass Mozart und sein Librettist Gottlieb Stephanie d.J.solche Subtexte vorsätzlich ihrer Oper unterlegt haben, ist allerdings eher unwahrscheinlich.Mozarts Intention war sicherlich, mit diesem Singspiel ein Zeichen zu setzen für das von Kaiser Joseph II.geforderte “deutsche Nationaltheater” als Gegenpol zur damals vorherrschenden italienischen Oper und zugleich seinem Herrscher zu huldigen, der im Jahr zuvor sein Erstes Toleranzpatent verkündet hatte, mit dem im Deutschen Reich das Ende der Gegenreformation besiegelt wurde.Da die Erstaufführung ursprünglich im Rahmen der Festlichkeiten eines Staatsbesuchs des russischen Zaren in Wien erfolgen sollte, liegt es nahe, im milden, verzeihenden Bassa Selim eine Allegorie auf den Herrscher zu vermuten.Zudem trug der Inhalt allein schon durch die Namensgleichheit der Figur der Konstanze mit seiner künftigen, gegen Widerstände errungenen Frau Parallelen zu Mozarts persönlicher Lebenssituation.Das pochende Herz des Liebhabers Belmonte, das die Musik mit der Genauigkeit eines Kardiogramms nachzeichnet, ist eben nichts anderes als des Komponisten eigener Herzschlag.Carl Maria von Weber, mit dem “Freischütz” der Begründer der eigentlichen deutschen Nationaloper, analysierte das später so: “Ich glaube in dieser heiteren, in vollster Jugendkraft lodernden, jungfräulich zart empfindenden Schöpfung das zu erblicken, was jedem Menschen seine frohen Jünglingsjahre sind, deren Blütezeit er nie wieder so erringen kann und wo beim Vertilgen der Mängel auch unwiederbringliche Reize fliehen.Opern wie Figaro und Don Juan war die Welt berechtigt, mehrere von ihm zu erwarten.Eine Entführung konnte er mit dem besten Willen nicht wieder schreiben.”

Musikalische Leitung Jonathan Cohen
Inszenierung Jetske Mijnssen
Bühne Sanne Danz
Kostüme Arien de Vries
Choreinstudierung Alexander Eberle

BESETZUNG:
Bassa Selim: Maik Solbach
Konstanze: Simona Saturová
Blonde: Christina Clark
Belmonte: Michael Smallwood
Pedrillo: E.Mark Murphy / Albrecht Kludszuweit
Osmin: Tijl Faveyts / Roman Astakhov

—| Pressemeldung Aalto Theater Essen |—

Essen, Philharmonie Essen, Strawinsky – Fauré – mit dem WDR Rundfunkorchester – Leo Hussain, IOCO Kritik, 07.11.2013

November 11, 2013 by  
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Philharmonie Essen

Kritik

Igor Strawinsky – Gabriel Fauré

WDR Rundfunkchor und WDR Sinfonieorchester, Leo Hussain 

Philharmonie Essen / Hussain Leo © Marco Borggreve

Philharmonie Essen / Hussain Leo © Marco Borggreve

Mit einem außergewöhnlichen Programm gastierten der Kölner Rundfunkchor und das Kölner Rundfunksinfonieorchester am Donnerstag in der Essener Philharmonie. Sakralwerke von Igor Strawinsky und Gabriel Faurè waren zu hören.

Was haben die Psalmensinfonie von Igor Strawinsky und das Requiem von Gabriel Fauré gemeinsam? Wie kam es zu dieser Zusammenstellung? Diese Fragen beantwortete der WDR3-Moderator Otto Hagedorn am Donnerstag dem interessierten Publikum kenntnisreich, detailfreudig, kurzweilig, aber gelegentlich etwas weitschweifig. Leider war der Saal nur zu einem Drittel besetzt. Das unwirtliche Wetter trug sicher dazu bei und hielt viele von einem Konzertbesuch ab.

StrawinskysPsalmensinfonie“ entstand 1930. Es war ein Auftragswerk zum 50.jährigen Bestehen des Boston Symphony Orchestra. Für das dreiteilige Werk suchte sich Strawinsky lateinische Übersetzungs-Ausschnitte aus den 150 hebräischen Psalmen des Alten Testaments, die er dann in die drei Abschnitte der Komposition einflocht.

Die Orchesterbesetzung ist sehr interessant. Dunkle Holzbläser, Blechbläser, Pauken, Trommeln und zwei Klaviere sind aufgestellt. Außergewöhnlich ist bei der Streicherbesetzung, dass die Geigen und Bratschen fehlen. Nur Celli und Kontrabässe sind vorgesehen. Die Vokalbesetzung besteht aus einem vierstimmigen gemischten Chor.

Ähnlich ist die Besetzung bei Faurés Messe de Requiem. Sein Opus 48 entstand 1887/88 und ist seine erste Schöpfung im Rahmen der Sakral-Kompositionen geworden. Auch hier gibt es in der Aufstellung keine Geigen. Die Bratschen übernehmen alle Aufgaben. Eine einzige Solovioline begleitet die himmlischen Gesänge der Chöre. Das macht einen ungeheuren Effekt. Wie Strawinsky, so verzichtet auch Fauré in der Liturgie auf das Höllenqualen versprechende Dies irae. Strawinskys Werk endet mit einem kraftvollen Alleluia, bei Fauré geleiten die Engel mit lieblichen Melodien ins Paradies.

Zwei wunderbare Werke, die viele Parallelen aufweisen, erfuhren eine optimale Wiedergabe durch das WDR Sinfonieorchester und dem wirklich überragenden Chor des WDR, den David Marlow einstudiert hatte. Die musikalische Leitung lag in den Händen des jungen englischen Dirigenten Leo Hussain.

Immer wieder fasziniert die Präzision des Kölner Chores, dessen Klangfülle eminent ist. Hinzu kommt eine schier unglaubliche Transparenz und auch die feinsten, hin gehauchten Pianissimi haben noch Substanz. Mustergültig ist die sprachliche Behandlung.

Der junge Dirigent verstand es nicht nur, den Apparat straff zusammen zu halten, sondern auch mit klarer Zeichengebung, sowie mit intensiver mimischer Beredsamkeit, allen die nötige Sicherheit zu geben. Auffallend war seine moderate Tempovorgabe, wie auch das ausgeprägte Stilgefühl, besonders im “Requiem“.

Ähnlich wie im Brahms-Requiem sind auch hier bei Fauré die solistischen Aufgaben für den Sopran und den Bariton nicht sehr ausgeprägt.

Beide, die Sopranistin Simona Saturová, wie auch der Bariton Christian Immler bewältigen ihren Part vorzüglich. Beide klangen gut und die Textverständlichkeit war ausgezeichnet.

Herzlicher Beifall für alle Mitwirkenden, wobei der Chor den Löwenanteil einheimste.

IOCO / UGK / 07.11.2013

—| IOCO Kritik Philharmonie Essen |—