Berlin, Deutsche Oper Berlin, Die Walküre – Richard Wagner, IOCO Kritik, 14.10.2020

Oktober 13, 2020 by  
Filed under Deutsche Oper Berlin, Hervorheben, Kritiken, Oper

deutscheoperberlin

Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Die Walküre  –   Richard Wagner

– Nothung steckt im Fahrstuhl fest –

von  Julian Führer

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Ein neuer Ring ist eine Herausforderung für jedes Haus, auch eine Visitenkarte. Im Erfolgsfall entstehen legendäre Deutungen, die über lange Zeit im Repertoire bleiben; dies war beispielsweise an der Deutschen Oper Berlin mit Götz Friedrichs Inszenierung von 1984/1985 der Fall, die bis 2017 gezeigt wurde. Gescheiterte Interpretationen belasten wiederum das Repertoire auf Jahre, denn kaum ein Haus hat die Ressourcen, um den Spielplan noch einmal mit vier Wagner-Premieren zu belasten. An der Deutschen Oper Berlin wurde dem Publikum der Abschied vom ‚Zeittunnel‘ aus den achtziger Jahren damit versüßt, dass gleich ein neuer Ring angekündigt und Stefan Herheim als Regisseur benannt wurde, dessen Bayreuther Parsifal von 2008, eine ausgesprochen vielschichtige Interpretation, über weite Strecken auch als ästhetisch ansprechend wahrgenommen wurde.

Stefan Herheims Ansatz in Bayreuth war die Überlagerung verschiedener Ebenen – die von Wagner komponierte Handlung, gleichzeitig aber auch die deutsche Geschichte mit vielen Uniformen und Hakenkreuzen, die Lebensgeschichte Wagners von der Villa Wahnfried bis zur Totenmaske sowie die Geschichte der Werkinterpretation mit dem Nachbau der Gralsszene von 1882 – auch in Berlin sollten sich verschiedene Ebenen überlagern. In dieser Besprechung wird vereinzelt auf diese Bezüge hingewiesen, natürlich sollte eine Deutung sich aber auch unmittelbar erschließen können. Das Rheingold konnte aufgrund der Umstände noch nicht gezeigt werden, so dass bei manchem vielleicht noch eine Erläuterung folgen wird, wenn die anderen Teile der Tetralogie im Zyklus zu sehen sein werden.

Die Walküre an der Deutschen Oper Berlin
youtube Trailer Deutsche Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Als der Vorhang sich öffnet, sehen wir Sieglinde (Lise Davidsen) sichtlich verzweifelt allein (bzw. fast allein) zu Haus, umgeben von einer großen Menge Koffern. Auf der Bühne zu sehen ist im Prinzip das aus Koffern nachgebaute Halbrund von Arnold Böcklins Toteninsel. Das Motiv haben Patrice Chéreau und sein Bühnenbildner Richard Peduzzi in ihrer berühmten Bayreuther Inszenierung des Ring des Nibelungen ebenfalls verwendet (allerdings erst in der überarbeiteten Inszenierung, wie sie ab 1977 gezeigt und auch verfilmt wurde), dort im dritten Akt der Walküre sowie in Siegfried und Götterdämmerung – hier also schon zu Beginn. In der Mitte des so begrenzten Raumes ist ein Konzertflügel zu sehen. Es scheint sich um eine Art Grubenhaus aus Koffern zu handeln, da es zur Eingangstür ein paar Stufen nach oben geht (wie beispielsweise auch schon in der Inszenierung von Peter Hall in Bayreuth 1983). Für die Bühne zeichnen Stefan Herheim selbst und Silke Bauer verantwortlich.

Als die Musik etwas später beginnt, sehen wir während des Vorspiels zum ersten Akt erst einen recht wölfisch aussehenden Hund, dann steigt Sieglinde auf den Konzertflügel, der in die Höhe gezogen und wieder hinuntergelassen wird (welcher dramatischen Wendung diese Bewegung dient, bleibt unklar). Sieglinde hat offenbar ein behindertes Kind, das viel mit einem Messer spielt. Siegmund kommt herein wie in einer konventionellen Inszenierung. Der erste Kuss zwischen den beiden Wälsungen findet deutlich früher als von Wagner eigentlich geplant statt, nämlich als Sieglinde dem Fremden Met (hier allerdings nur schlechten Supermarktwhisky) anbietet und Siegmund Schmecktest du mir ihn zu?“ antwortet. In der Musik ist die tiefe Sympathie (und mehr als das) bereits deutlich zu hören, und Sieglinde geht an dieser Stelle über die Linderung der größten Not hinaus, zeigt also mehr Sympathie als nötig und geht mithin aktiv auf Siegmund zu (so war es auch vor einigen Jahren in Freiburg zu sehen). Damit das Kind nicht stört, bekommt es eine Dose Cola, aber es wird die Zweisamkeit des Wälsungenpaars immer wieder torpedieren. So richtig nimmt man Siegmund die existentielle Not allerdings nicht ab; auch als Hunding eintritt, ist das für ihn kein entscheidender Moment – für das Kind hingegen weit mehr, denn der Knabe warnt die beiden vor dem Heimkehrer; für einen jungen Menschen von sehr begrenztem geistigen Horizont ein erstaunlich feiner Sinn für Psychologie…

Die Walküre – hier – Lise Davidsen ist Sieglinde
youtube Trailer Deutsche Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Hunding zieht seinen Jagdmantel aus und trägt drunter eine gemütliche Strickjacke. Er wirft einen Holzscheit in den Souffleurkasten, worauf es von dort aufzuglühen scheint und nach mehr Feuer aussieht (Herheim hat diesen Trick bereits für den Gral in seinem Bayreuther Parsifal verwendet, wie überhaupt die Lichtregie von Ulrich Niepel sehr stark an diese Inszenierung, vor allem deren dritten Akt erinnert). Das Kind fasst schnell Vertrauen zu Siegmund, der den ersten Teil seiner Lebensgeschichte eigentlich dem Kind und den zweiten Teil Sieglinde erzählt. Hunding fasst nach Siegmunds „Den Vater fand ich nicht“, als leise Wotans Motiv in E-Dur aus dem Graben ertönt, das Schwert an – er hat also bereits verstanden, mit wem er es tun hat, und er weiß auch, wer das Schwert in den Stamm bzw. in den Flügel gestoßen hat (woher eigentlich?). Beim dritten Teil seiner Erzählung ist klar, dass er sich schon längst um Kopf und Kragen geredet hat. Während Hunding mit dem Kind recht grob umgeht und vor allem Spaß hat, wenn er seinem Kleinen Schnaps einflößt, empfindet der Knabe, der im übrigen sehr wälsungisch aussieht (warum sind Wälsungen eigentlich immer blond?), ungebremste Sympathie mit Siegmund, umarmt ihn mehrfach, und Siegmund ist ihm gegenüber ebenfalls freundlich, wenn auch etwas irritiert ob dessen Verhalten.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Gegen Ende von Siegmunds Monolog, als Hunding ihm gewissermaßen sein Todesurteil eröffnet, zerren Siegmund, Sieglinde und der Junge am Schwert, das im Flügel steckt. Der Rest ist konventionell: Sieglinde würzt Hundings Gutenachtdrink etwas nach. Siegmund findet sich alleine auf der Bühne wieder, steigt auf den Konzertflügel, der in die Höhe gezogen und wieder hinuntergelassen wird (welcher dramatischen Wendung diese Bewegung dient, bleibt abermals unklar, aber wirkt irgendwie dynamisch). Sieglinde kommt im roten Hausmantel zurück, um Siegmund zu berichten, dass da ein Schwert ist – das wissen aber bereits alle, die Handelnden ebenso wie das Publikum. Hier wie auch später zieht Herheim immer wieder Blicke oder Erkenntnisse vor und entwertet damit das von Wagner gesetzte ‚Timing‘ und die enthaltenen Spannungsbögen. Sieglinde stürzt sich Siegmund in die Arme, während Hunding schläft und während ein paar Koffer durch die Gegend purzeln und einen Weg nach draußen freimachen. Auf einer weißen Plane (es sieht wirklich schön aus, als sie entfaltet wird) werden erst eine grüne Naturprojektion im Stile von Herheims Bayreuther Karfreitagszauber und dann der Wonnemond selbst gezeigt.

Der packendste, aber wohl auch der umstrittenste Moment des ersten Aufzugs war kurz vor Ende zu sehen: Nach Siegmunds „Ich fass‘ es nun“ moduliert die Musik fast in jedem Takt, es ist keine feste Tonart mehr auszumachen, das Liebesentsagungsmotiv ertönt (bei Donald Runnicles mit interessanten Crescendi in den Tuben), musikalisch läuft alles auf den Moment zu, in dem Siegmund das Schwert aus der Esche bzw. dem Konzertflügel ziehen wird. Was macht eigentlich Sieglinde (meist steht oder kniet sie etwas seitlich, um ihrem Partner die Bühne zu lassen)? Sieglinde nimmt bei Stefan Herheim das Messer, hält ihrem Sohn die Augen zu, bringt es aber erst nach mehreren Anläufen fertig, dem eigenen Kind (genau zum C-Dur des ‚schneidenden Stahls‘) die Kehle durchzuschneiden. Sieglinde strahlt Siegmund an, der das Schwert herausgezogen hat und dies alles nicht weiter kommentiert, sondern den toten Jungen mit Sieglindes rotem Hausmantel zudeckt. Wieso erstaunt Siegmund diese blanke Aggression nicht? Und wozu eigentlich das Schwert, wo Sieglinde doch aus Hundings Schlafgemach ein Gewehr mitgebracht und außerdem das Messer des Jungen in Händen hält? Und wenn Sieglinde schon so aggressiv sein kann, warum wird dann nicht Hunding im Schlaf erledigt? Fricka hätte niemanden gehabt, der im zweiten Akt fromm für sie hätte streiten können. Dass Siegmund das Schwert nun aus dem Flügel ziehen kann, ist ebenfalls erstaunlich; es mag sein, dass Wotan hier seine Finger im Spiel hat und Siegmund von sich aus gar nicht dazu in der Lage wäre. Der Schluss des ersten Aktes gerät dann etwas peinlich (nicht zum ersten Mal, Wagner wird hier gar zu deutlich): Siegmund balanciert zu „So blühe denn Wälsungenblut“ hüpfend auf einem Bein, während er versucht, möglichst schnell aus seiner Hose zu kommen, um sich dann auf dem Flügel über Sieglinde herzumachen (Lise Davidsen kennt das bereits von ihrem Bayreuthdebüt als Elisabeth im Tannhäuser 2019).

Die Walküre – hier – Brandon Jovanovich is Siegmund
youtube Trailer Deutsche Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

In diesem ersten Akt ist die Personenführung recht genau. Das hinzuerfundene behinderte Kind zieht natürlich erhebliche Aufmerksamkeit auf sich, durchaus nicht ohne Ermüdungserscheinungen des Publikums, denn dieses Kind hat kein großes Handlungsrepertoire. Da das Kind nun einmal da ist, muss Herheim zu ihm aber auch eine Geschichte erzählen, und dass diese letztlich auf seine Ermordung durch Sieglinde zuläuft, lässt sich dramaturgisch und musikalisch kaum rechtfertigen. Wir wissen nach diesem ersten Aufzug nicht, was das eigentlich für Leute sind, zu welcher Zeit sie leben, außer dass die Dosencola und Supermarktwhisky im Hause haben und Koffer aus etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts als Hausmauer haben. Das Orchester trägt zunächst auch nicht viel zum Spannungsaufbau bei, zu gedehnt sind die Tempi, die Donald Runnicles anschlägt, und man merkt dem Orchester an, dass es über ein halbes Jahr lang nicht zusammengespielt hat. Ein zunächst durchwachsener Eindruck also, wäre da nicht Lise Davidsens Sieglinde mit einer Stimme wie die junge Astrid Varnay – ungemein durchschlagskräftig, quer durch alle Lagen differenziert und textverständlich und in ihrer schieren Größe dem Haus an der Bismarckstraße vollkommen angemessen. Brandon Jovanovich begann die Partie des Siegmund sehr baritonal und kam im Laufe des Abends zunehmend in Fahrt. Die ‚großen‘ Töne sang er zuverlässig an, die Zwischentöne und kurzen Noten waren oft, aber nicht immer gut zu hören. Andrew Harris zeichnete Hunding direkt mit einer eigentlich sehr kultivierten Führung der Stimme, doch stets auch mit drohendem Unterton. Auf der Bühne wirkt er nicht so mächtig wie einst Matti Salminen, aber Hunding muss auch nicht aussehen wie Bud Spencer, um Siegmund überlegen zu sein.

Der Kofferhalbkreis ist optisch sehr dominant und als Metapher für die im Ring des Nibelungen immer wieder thematisierte Flucht (wie es das Programmheft darlegt) gedacht, vor allem hat er aber das Verdienst, sehr sängerfreundlich zu sein. In der Tat, und das hat Stefan Herheim sehr treffend beobachtet, sind die ersten beiden Teile des Ring voller Fluchtgeschichten und -motive: im Rheingold fliehen, wenn man will, die Rheintöchter vor Alberich und dann Alberich vor den Rheintöchtern, vor allem dann Freia vor den Riesen, die Nibelungen und Mime vor Alberich, in der Walküre dann Siegmund vor den Verfolgern, dann Siegmund und Sieglinde, später Brünnhilde und Sieglinde, dann Sieglinde allein, als sich Brünnhilde Wotans Rache bietet. Es wird spannend sein zu sehen, ob dieses Motiv auch in den verbleibenden beiden Teilen der Tetralogie auf der Bühne eine Rolle spielen wird, denn Siegfried flieht nun einmal nicht, ganz im Gegenteil.

DEUTSCHE OPER BERLIN / Die Walküre - hier : Lise Davidsen als Sieglinde, Brandon Jovanovich ist Siegmund  © Bernd Uhlig

DEUTSCHE OPER BERLIN / Die Walküre – hier : Lise Davidsen als Sieglinde, Brandon Jovanovich ist Siegmund  © Bernd Uhlig

Auch der zweite Aufzug beginnt zunächst ohne Musik: Im Souffleurkasten rumort es, Wotan steigt heraus (gegen Ende des Rheingolds ist er wohl über den Souffleurkasten in die Unterbühne zu Erda hinabgestiegen, so das Programmheft). Wotan ordnet gut gelaunt seine Hose, er hat auch die Noten zu Die Walküre dabei (inzwischen auch schon oft gesehen zuletzt 2019 im Bayreuther Tannhäuser von Tobias Kratzer), setzt sich an den Flügel und klimpert, während das Orchester einsetzt. Auf dem Flügel liegen noch Siegmund und Sieglinde, der er das Schwert in die Hand drückt. Hunding tritt mit Gefolge auf und beugt sich über seinen toten Sohn. Hunding und sein Gefolge kämpfen jetzt schon (im Einklang mit der Musik) mit Siegmund, allerdings – wozu dann noch der zweite Aufzug?

Brünnhilde sieht aus wie eine Karikatur, eine Klischee-Walküre mit Brustpanzer über weißem Nachthemd und mit Flügelhelm (die Kostüme entwarf Uta Heiseke), dazu Vokuhilaperücke in Wälsungenblond (das war bereits bei Götz Friedrich so). Nina Stemme kommt aus dem Kellergeschoß des Flügels hochgefahren und singt ihren kurzen ersten Auftritt ohne Schwierigkeit. Von links und rechts kommen die anderen Walküren in etwas abgerissener Kleidung hinzu, turnen etwas mit ihren Speeren herum und entsorgen Sieglindes und Hundings totes Kind. Fricka nimmt natürlich auch den Fahrstuhl, wie alle Lichtalben ist auch sie in Weiß, mit ebenfalls weißem Koffer und weißer Widderkappe auf dem Kopf, allerdings mit giftigem Knusperhexengesicht. Weil der Streit eine ernste Angelegenheit ist, verliert Fricka zwischendurch ihren Mantel und trägt darunter das gleiche Nachthemd wie alle Damensoli des Abends. Annika Schlicht bietet einen ganz großen Auftritt, textverständlich, intonationssicher und überaus souverän. Schade nur, dass sie in dieser Inszenierung eine recht eindimensionale Giftspritze mimen muss. John Lundgren agiert als Wotan etwas schmierig (spätestens seit Frank Castorf ist dieser Charakterzug bei Wotan bestens bekannt).

Die Walküre – hier – John Lundgren ist Wotan
youtube Trailer Deutsche Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Anders als in anderen Inszenierungen erfahren wir aber nichts darüber, wie das persönliche Verhältnis von Fricka zu Wotan und umgekehrt eigentlich ist. Zu „Entzieh‘ ihm den Zauber“ setzt sich Fricka an den Flügel und klimpert dann den Walkürenritt, während Brünnhilde sich von rechts einen Weg durch die Koffer bahnt. Unvergesslich, wie frühere Brünnhilden (damals Namen wie Gwyneth Jones, Janis Martin, Hildegard Behrens, Evelyn Herlitzius) in der Vorgängerinszenierung zu dieser Stelle jauchzend durch den Zeittunnel gestürmt sind… Mit Fricka sind nach und nach ca. 30 Statisten (Männer, Frauen, Kinder, alle Altersstufen) aufgetreten, kostümiert wie in einem Trümmerfilm der Nachkriegszeit oder auch wie im dritten Akt von Herheims eigenem Bayreuther Parsifal, anscheinend auf der Flucht, zumindest unterwegs, jedenfalls nehmen sie sich dann erstaunlich viel Zeit, um Wotan, Fricka und Brünnhilde zuzuhören. Als Wotan seiner Tochter offenbaren will, was ihn antreibt, lässt er die Statisterie etwas auf Abstand gehen. Wotans Monolog verläuft dann eigentlich so wie immer: Wotan sitzt, Brünnhilde kniet.

Zu „Nur eines will ich noch: das Ende“ ging bei Götz Friedrich das Licht auf der Bühne aus, Wotan (damals Sängerpersönlichkeiten wie Simon Estes oder Robert Hale) stand in seiner Verzweiflung völlig alleine auf der 30 Meter tiefen Riesenbühne, reduziert auf einen Lichtkegel, umgeben von Finsternis, im Grauen der Selbsterkenntnis auf sich allein geworfen. Bei Herheim geht zu diesen Worten das Saallicht an – und bleibt dann bis zu Brünnhildes Todverkündigung erst einmal brennen. Das hat Herheim schon bei seinem Bayreuther Parsifal gemacht, was damals Uwe Eric Laufenberg so gut gefallen haben muss, dass er diesen Trick 1:1 kopiert hat (Bayreuth 2016). Dort war es allerdings auch schlüssiger und kürzer. Hier sieht man minutenlang ein aufgrund der bekannten Maßnahmen sehr reduziertes und diszipliniert Maske tragendes Publikum, das sich hoffentlich eben nicht kollektiv das Ende dieser Vorstellung herbeiwünscht.

Siegmund und Sieglinde treten auf; mit Sieglindes letzten Worten („Siegmund, ha!“) sinkt sie zusammen; Brünnhilde war die ganze Zeit auf der Bühne und hat die beiden beobachtet. Wenn Siegmund und Sieglinde sich küssen, wird es Brünnhilde ganz heiß im Unterleib (alles nicht ganz einfach, wenn man Panzer trägt). Sieglinde sieht den Schild der Walküre (erst lachende, dann weinende Maske, gab es das nicht schon bei Willy Decker in Dresden?), erschrickt. Als sie schläft, erblickt Siegmund die Walküre und mustert sie minutenlang, bevor es „Siegmund, sieh auf mich!“ heißt – wieder nimmt Herheim eine Bühnenhandlung vorweg und muss dann mit einem unsinnig gewordenen Text auskommen.

Die tieftraurige Todverkündigung, Auslöser für den Wendepunkt der ganzen Tetralogie, war dennoch der Höhepunkt des Abends. Brünnhilde hat ein Leichentuch dabei, mit dem Siegmund flirtet (seit Patrice Chéreau ein beeindruckender Effekt, auch schon von Götz Friedrich und anderen kopiert), inzwischen werden vier große Kofferberge hochgezogen (die sehen aber eher aus wie große Luftballons, sie erinnern etwas an den Tannhäuser von Kirsten Harms an der Deutschen Oper Berlin, der ebenfalls mit der Höhe spielte), ohne dass die Bühne dadurch bedeutend verändert würde. Nina Stemme sang beeindruckend und konnte hier zeigen, dass sie nicht nur die Spitzentöne, sondern auch die tiefe Lage mit großer Sicherheit beherrscht. Das Orchester hatte nun endlich auch zu einem echten Zusammenspiel gefunden mit schönen Harfen, scharfen Dissonanzen der Bläser und dramatischen Einsätzen auf den Punkt.

Der Rest des Aktes geriet dann wieder recht konventionell bis wenig überzeugend – Wotan setzt sich zum Kampf mit den Noten an den Flügel, Sieglinde hat von Siegmund die Augen verbunden bekommen (wie das Kind in Madama Butterfly) und sieht nicht, was geschieht, Hunding erscheint mit Gefolge (das Chéreau und Friedrich auch hatten, aber nur im ersten Akt gezeigt haben), und weil ihm Siegmund einen Koffer zuwirft, verliert Hunding kurz vor dem Kampf sein Gewehr. Dieser wirklich läppische Regieeinfall wird auch dadurch nicht besser, dass Hundings Gefolge durchaus mit Gewehren bewaffnet ist, ihm aber keines zu reichen vermag. Beim Kampf zwischen Hunding und Siegmund qualmt es Bühnendampf wie in alten Zeiten. Brünnhilde kommt mit dem Flügelfahrstuhl aus der Unterbühne, Wotan lässt Siegmunds Schwert tatsächlich zerspringen, Hunding erschlägt Siegmund erst mit einer Art Baseballschläger (wie in Castorfs Götterdämmerung) und erledigt den Rest dann mit Brünnhildes Speer, denn die hat Sieglinde schon per Konzertflügel mit in den Keller genommen. Anrührend ist, wie Siegmund sich im Todeskampf in die Richtung von Sieglindes rotem Hausmantel schleppt, dort aber nicht mehr ankommt. Hunding stirbt, weil Wotan „Geh!“ sagt, und unfreiwillig komisch ist es, wenn Hundings Gefolge dann einer nach dem anderen auf Wotans Wink eine Platzpatrone in die Luft feuert und tot umfällt. Man hat schon effektvollere Statistenentsorgungen gesehen!

Wir wissen nach zwei Aufzügen eigentlich immer noch nicht, was das für Leute sind, in welcher Zeit, welchem Raum und welcher Gedankenwelt sie leben. Ob das nachzuholende Rheingold hier wirklich Klarheit schaffen wird? Soll das alles nur ironisch sein, weil es im Halbfertigen eines Theaters auf dem Theater verharrt? Ist Wotan nun ein Gott oder nur ein etwas öliger Klavierspieler? Wotan schaut recht teilnahmslos zu, wie sein Sohn (und im ersten Akt auch sein bislang einziger Enkel) getötet werden, wie er insgesamt emotionslos erscheint. Betrifft das, was wir erlebt haben, nur die Statisterie und das Publikum der Deutschen Oper, oder geht es um essentielle Weltprobleme? Warum müssen Siegmund und Hunding wirklich sterben? Dass Leute aus dem Klavier gekrochen kommen, sieht man derzeit in Bayreuth bei Barrie Koskys Meistersinger von Nürnberg, wo sie es allerdings nur während weniger Augenblicke im ersten Akt tun – und auch dort ist der Gag schnell verraucht. Nach dem zweiten Aufzug gab es Buhrufe, die wohl der Regie galten, und viele Bravos für das Sängerensemble.

Die Walküre – hier – Nina Stemme ist Brünnhilde
youtube Trailer Deutsche Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Zum dritten Aufzug erwartet man wie zuvor ein stummes Vorspiel auf dem Theater und ist dann umso überraschter, als bei eingeschaltetem Saallicht der Vorhang aufgeht. Da stehen die acht Walküren, blättern in den Noten, die auf dem Flügel aufgeschlagen liegen (das Bühnenbild hat sich nicht verändert), vor allem schwatzen sie mit den Kollegen von der Statisterie, die jetzt die toten Helden mimen sollen. Auf einmal setzt die Musik ein (die Walküren schwatzen noch etwas weiter, das irritierte Publikum teilweise auch), dann begeben sich alle rasch auf Position – die Walküren greifen zu Helm und Speer, wie sich das gehört, und die toten Helden stellen sich halt tot. Es wird viel mit den Speeren gefuchtelt, die einzelnen Texte der Walküren sind in dieser Umsetzung natürlich noch sinnloser als sonst, zumal alle bereits vor Ort sind. Die Walküren werfen ausgelassen mit stilisierten Heldenpuppen (das gab es in dieser Art auch schon in Freiburg in der Inszenierung Frank Hilbrichs zu sehen, dort allerdings interpretatorisch zu Ende gedacht). Über dem Bühnengeschehen geht fast verloren, dass dieses Stück im Orchester sehr effektvoll gespeilt und dass vom gesamten Walkürenensemble ganz exquisit gesungen wird.

Die toten Helden ihrerseits sind ziemlich untot und machen sich an die Walküren heran. Unter ihnen sind auch der Sohn Hundings und Sieglindes (war bei Sieglindes Mord denn eine Walküre im Spiel?) und, etwas im Hintergrund, der tote Siegmund selbst, der allerdings genauso agiert wie alle anderen Zombies und keine Reaktion zeigt, als Sieglinde auftritt – der Sohn hingegen schon. Der untote Sohn bedroht wie schon im ersten Aufzug seine Mutter mit dem Messer, und wie im ersten Aufzug weicht er auf ihr Zeichen stets zurück, aber was er in dieser Gesellschaft zu suchen hat, bleibt diffus. So sind neun Tote auf der Bühne, dazu neun Walküren und Sieglinde – es geht nicht auf, weder gedanklich noch mathematisch im Zahlenraum bis zehn. Da neun Herren auf der Bühne sind, muss wohl eine der Walküren noch jemand für Brünnhilde mitgenommen haben (wohl Siegmund, denn für den wäre sie zuständig gewesen). Ein kleiner Regieeinfall also mit vielen ungelösten Fragen dahinter, unnötig und inkonsequent.

Brünnhilde und Sieglinde fliehen nicht, das wäre auch nicht sinnvoll, denn Wotan steht schon längst auf der Bühne und schaut grimmig der ganzen Szene zu – auch diese abermalige Vorverlegung eines Auftritts in Einfall von zweifelhaftem Wert. Allenfalls mag Wotans Präsenz unterstreichen, dass Sieglinde ohne Wotans stillschweigende Duldung diesen Aufzug wohl kaum überleben würde. Sieglinde, schwanger von Siegmund und von der Aussicht auf Rettung beflügelt, singt „oh hehrstes Wunder“, von Brünnhilde lustvoll am Klavier begleitet (ans Klavier dürfen wohl nur Lichtalben, und Brünnhilde spielt weniger Klavier als Wotan und Fricka). Wer hier Lise Davidsen gehört hat, mag nur noch an künftige Isolden und Brünnhilden denken und ist glücklich, dass es solche Stimmen gibt. Dass Sieglinde vor sehr kurzer Zeit bei Stefan Herheim noch ein anderes eigenes Kind getötet hat, wäre hier vielleicht zu thematisieren, aber genau hier setzt die Auseinandersetzung mit diesem Regieeinfall aus, der nämlich nach vorne rechts abgeht und verschwunden bleibt. Solange die Walküren auf der Bühne sind, haben mal sie, mal die toten Helden die Speere in der Hand, dabei stets von Wotan per Handzeichen dirigiert, und irgendwann haben die toten Helden dann solche Lust auf ihre Wunschmädchen, dass sie sich gegen deren Wunsch auf sie stürzen, bis diese dann endlich im Nachthemd abgehen dürfen (die Herren der Statisterie räumen derweil liegengebliebene Kostümteile und Requisite zusammen, vielen Dank).

Die Walküre – geniesst hier mit IOCO die Premiere der Walküre
youtube Trailer Deutsche Oper Berlin
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Der Dialog Wotans und Brünnhildes bleibt dann wieder konventionell: Wotan steht, Brünnhilde kniet oder sitzt. Die Statisten mit den Trümmerfilmgesichtern kommen wieder dazu, um mit viel Geduld den ganz entscheidenden Argumenten zu lauschen, die Nina Stemme in mustergültiger Diktion quer durch alle Lagen textverständlich darlegt, während John Lundgren nun auch zu einer klaren Deklamation gefunden hat und sich in seiner Abschiedsszene noch einmal steigert. Zum ‚Feuerzauber‘ wird ein Tuch geschwenkt, ein bisschen Projektion, das war’s. Die gezackten weißen Laken, auf die das Feuer projiziert wird, nehmen übrigens die Zeichnung von Böcklins Toteninsel noch einmal auf. Wotan fährt auf einer Art Kran einmal nach oben (wie bei La Fura dels Baus 2007 in Valencia) und wieder abwärts, dann noch einmal auf die Höhe des geöffneten Konzertflügeldeckels, und in dem sehen wir zu grandiosen Musik Sieglinde im Kindbett, assistiert von einem Männlein (Mime?) im Wagner-Outfit mit Samtbarett und großer Hakennase. Als das Kindlein da ist, wird die Nabelschnur mit Nothungs Trümmern durchschnitten, dann nimmt der Mann Sieglinde das Kind weg, und erst da stirbt sie (warum und woran eigentlich?). Wotan sieht, was Sieglinde widerfährt, es scheint ihn aber auch nicht hier sonderlich zu berühren. Was er daraus macht – da müssen wir bis zur Premiere des Siegfried Geduld haben. Stefan Herheim scheint eine Neigung zu Livegeburten in Instrumentalpassagen zu haben, in seinem Bayreuther Parsifal sah man im Vorspiel Herzeleide zu As-Dur und c-Moll niederkommen, damals assistiert von Gurnemanz. Plastikbabys oder -föten in der Schlussszene gab es auch schon in der Lohengrindeutung (dem manchmal so genannten „Rattengrin“) von Hans Neuenfels zu sehen (Bayreuth 2010).

Die Antike kannte die literarische Gattung des Cento – ein Gedicht, bestehend aus Versatzstücken anderer Gedichte, ein Neuarrangement von Bekanntem zu Neuem also. Was Stefan Herheim an der Deutschen Oper Berlin zeigt, ist ein Amalgam aus guten oder weniger guten Einfällen, die meist anderswo auch schon zu sehen waren. Das noch ausstehende Rheingold wird vielleicht erklären, wozu man Koffer auf der Bühne braucht (und warum diese teilweise in die Luft schweben können). Was diese Walküre nicht zeigt, ist das Verhältnis der Figuren untereinander, die existenziellen Konflikte, die man eigentlich nur Sieglinde im ersten Akt abnimmt, was natürlich auch der phänomenalen Leistung der Lise Davidsen geschuldet ist. Was Wotan damit zu tun hat, warum sich Fricka einmischt, was dieses Walhall genau ist, der Konflikt von Macht und Liebe, die ungeheure Tragik, die am Ende den Tod des Liebespaars Siegmund und Sieglinde, das Ende der innigen Beziehung von Wotan und Brünnhilde und ihr Abschied auf immer, wohl auch das Ende der Kommunikation zwischen Wotan und Fricka und für Wotan das Ende aller Pläne, Träume und Visionen bedeutet – das endet in seichter, billiger Ironie. Dass Wagner das Stück in der Liebestonart E-Dur enden lässt, verpufft auf der Bühne wie vieles andere auch. Ob diese Inszenierung wie ihre Vorgängerin über 30 Jahre hinweg vor stets ausverkauftem Haus zu sehen sein wird, erscheint nach diesem Einstand doch höchst fraglich.

Die Walküre an der Deutsche Oper Berlin; die weiteren Termine 11.10.; 13.11.; 15.11.2020 und mehr

 

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Kassel, Staatstheater Kassel, Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner, Mai – Juni 2021

Januar 7, 2020 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Staatstheater Kassel

staatstheater_kassel.jpg

Staatstheater Kassel

Staatstheater Kassel © N. Klinger

Staatstheater Kassel © N. Klinger

Der Ring des Nibelungen –  in Kassel

Kassel schmiedet den »Ring«
… und das nunmehr seit 1961 zum fünften Mal, was fast einzigartig in der deutschen Theaterlandschaft ist – darunter die legendäre Interpretation von Ulrich Melchinger und Gerd Albrecht (1970–1974), die als Grundlage für den »Jahrhundert-Ring« von Patrice Chéreau in Bayreuth gilt. Regie führt nun Markus Dietz, Oberspielleiter am Schauspiel des Staatstheaters Kassel und Regisseur der gefeierten Produktionen von Die tote Stadt, Turandot und Elektra.
Gemeinsam mit Kassels Generalmusikdirektor Francesco Angelico nähert er sich Richard Wagners monumentalem und universellem Gesamtkunstwerk aus dem Blickwinkel des beginnenden 21. Jahrhunderts. Denn wie sich die Zeiten ändern, so lässt auch die Tetralogie DER RING DES NIBELUNGEN immer neue und vielfältige Interpretationsansätze zu. Schließlich geht es um nicht weniger als die Grundfesten dieser Welt.

Im Mai und im Juni 2021, zum Ende der Intendanz von Thomas Bockelmann, bringt das Staatstheater Kassel zweimal Richard Wagners Opus Magnum Der Ring des Nibelungen als vollständige Zyklen zur Aufführung. Der Vorverkauf für die beiden „Ring“-Zyklen beginnt am Donnerstag, 9. Januar (Abonnenten erhalten bereits ab dem 7. Januar Karten). Wer Karten für alle vier Vorstellungen eines Zyklus‘ direkt an der Theaterkasse bucht, erhält 15 Prozent Rabatt. Eine Vergünstigung bei Online-Buchung ist leider nicht möglich.

Zyklus I findet in der Zeit vom 5. bis 16. Mai 2021 rund um Christi Himmelfahrt statt, der zweite Zyklus folgt in der Woche um Fronleichnam vom 31. Mai bis zum 5. Juni 2021.

Staatstheater Kassel / Der Ring des Nibelungen - Die Walküre - Martin Iliev Siegmund © N. Klinger

Staatstheater Kassel / Der Ring des Nibelungen – Die Walküre – Martin Iliev Siegmund © N. Klinger


Die genauen Termine:


Zyklus I: 5. bis 16. Mai 2021

„Das Rheingold“: Mittwoch, 5. Mai, 19.30 Uhr, „Die Walküre“: Sonntag, 9. Mai, 17 Uhr; „Siegfried“: Donnerstag, 13. Mai, 17 Uhr (Christi Himmelfahrt); „Götterdämmerung“: Sonntag, 16. Mai, 16 Uhr

Zyklus II: 31. Mai bis 5. Juni 2021

Das Rheingold: Montag, 31. Mai, 19.30 Uhr; „Die Walküre“: Dienstag, 1. Juni, 17 Uhr; „Siegfried“: Donnerstag, 3. Juni, 17 Uhr (Fronleichnam); „Götterdämmerung“: Samstag, 5. Juni 2021, 16 Uhr

Zum fünften Mal seit 1961 bringt das Staatstheater Kassel derzeit Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ auf die Bühne und sorgt damit deutschlandweit für Aufsehen. Die musikalische Leitung liegt bei Generalmusikdirektor Francesco Angelico, Regisseur des gesamten „Rings“ ist Markus Dietz.

Nach dem erfolgreichen Auftakt mit dem „Rheingold“ in der Spielzeit 2018/19 startete der neue Kasseler „Ring“ mit der „Walküre“ und zuletzt mit „Siegfried“ regelrecht durch und erntete Lobeshymnen und Begeisterungsstürme sowohl vom Publikum als auch von der Presse. Mit der „Götterdämmerung“ kommt am 7. März 2020 der letzte Teil der Tetralogie zur Premiere.

Karten für die Vorstellungen in 2021 sind ab dem 9. Januar (für Abonnenten bereits ab dem 7. Januar) erhältlich an der Theaterkasse, Tel. (0561) 1094-222, und online unter  www.der-ring-in-kassel.de.

—| Pressemeldung Staatstheater Kassel |—

Duisburg, Deutsche Oper am Rhein, Götterdämmerung – Ring des Nibelungen, 17.11.2019

November 11, 2019 by  
Filed under Deutsche Oper am Rhein, Oper, Premieren, Pressemeldung

logo_dor2.jpg

Deutsche Oper am Rhein

Theater Duisburg © IOCO

Theater Duisburg © IOCO

Götterdämmerung –  Szenische Premiere in Duisburg

 Premiere 17. November 2019

Innerhalb von sechs Tagen den ganzen Ring erleben: Am Dienstag, 12. November 2019, beginnt mit Das Rheingold die erste zyklische Aufführung von Richard Wagners  Ring des Nibelungen im Theater Duisburg.

Endlich ist es soweit: Vom 12. bis 17. November 2019 ist der gesamte Ring des Nibelungen von Richard Wagner  erstmals szenisch im Theater Duisburg zu erleben. Er schließt am Sonntag, 17. November 2019, mit der szenischen Premiere der Götterdämmerung, dem letzten Teil des vierteiligen Zyklus. In opulenten Bildern entfalten Regisseur Dietrich W. Hilsdorf und sein Team den Nieder­gang einer göttlichen Herrscherdynastie vor dem Hintergrund der politischen, industriellen und sozia­len Entwick­lungen des 19. Jahrhunderts.


Götterdämmerung – Hilsdorf – Inszenierung – hier in Düsseldorf
Youtube Trailer der Deutschen Oper am Rhein
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

In musikalischer Hinsicht geriet der vierteilige Ring bereits in der vergangenen Spielzeit zu einem umjubelten Triumph für das Sänger­ensemble und die Duisburger Philharmoniker unter Generalmusik­direktor Axel Kober: Infolge des großen Wasserschadens im Theater Duisburg diente die benachbarte Mercatorhalle im Mai 2019 als Ausweichquartier für vier konzertante Aufführungen.

Auf der Bühne des Duisburger Theaters stellen jetzt erneut zahlreiche Ensemblemitglieder der Deutschen Oper am Rhein und hochkarätige Gäste ihre Wagner-Kompetenz unter Beweis. Die Partien gestalten u. a. James Rutherford (Wotan), Linda Watson (Brünnhilde), Raymond Very (Loge), Michael Weinius (Siegmund), Sarah Ferede (Sieglinde und Waltraute), Corby Welch (Siegfried), Florian Simson und Cornel Frey (Mime), Stefan Heidemann (Alberich), Sami Luttinen (Hunding und Hagen), Bogdan Baciu (Gunther) und Sylvia Hamvasi (Gutrune). Orchestral begleitet werden sie von den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Axel Kober.

Der Ring des Nibelungen  im Theater Duisburg:
Dienstag, 12. November, 19.30 Uhr: Das Rheingold
Mittwoch, 13. November, 18.00 Uhr: Die Walküre
Freitag, 15. November, 18.00 Uhr: Siegfried
Sonntag, 17. November, 17.00 Uhr: Götterdämmerung (Szenische Premiere)

—| Pressemeldung Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf |—

Paris, Philharmonie de Paris, Parsifal – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.10.2019

Philharmonie de Paris © Beaucardet / Philharmonie de Paris

Philharmonie de Paris © Beaucardet / Philharmonie de Paris

Philharmonie de Paris

PARSIFAL konzertant – Mariinski-Theater St. Petersburg

von Peter M. Peters

Noch vor dem Jahre 1845 geisterte der Parsifal – Mythus in Richard Wagners Kopf um langsam zu einem Bühnenwerk zu reifen. Wie immer entborgte sich der Komponist aus verschiedenen Quellen die nötigen Namen, Geschichten und Fakten, um sie umzuformen für seinen Operntext: Perceval ou le Conte du Graal (unvollendet) von dem französischen Minnesänger Chrétien de Troyes (1130-1191), diese wurde vom deutschen Minnesänger Wolfram von Eschenbach (1170-1220) vollendet und für sein Gedicht Parzifal verwendet, nicht zu vergessen das Werk des Robert de Borron (ende 12. bis Mitte des 13.Jahrhundert), desgleichen die Schriften Schopenhauers und auch buddhistische und hinduistische Texte.

„ZUM RAUM WIRD HIER DIE ZEIT“

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Eine der bevorzugten Lektüre in der Entstehungszeit war Essai sur l’inégalité des races humaines von dem französischen Graf Arthur de Gobineau (1816-1882) mit dem er auch persönlichen Kontakt hatte. Besonders in seinen Schriften und Korrespondenzen zeigte Wagner einen ausgeprägten Antisemitismus; das zu Verschweigen wäre unverantwortlich und würde dem dennoch genialen Werke nicht zum Vorteil sein. Schon in seinen revolutionären Jahren in Dresden veröffentlichte Wagner unter einem Pseudonym die Schrift  Das Judenthum in der Musik (1850); um diesen Text noch einmal 1869 unter seinem Namen neu zu editieren, indem u.a. der unheilvolle Satz stand: „Aber bedenkt, dass nur eines eure Erlösung von dem auf Euch lastenden Fluch sein kann; die Erlösung Ahasvers – der Untergang“. Fast in allen Werken Wagners so auch in seinem Bühnenweihefestspiel befindet sich eine versteckte nationalistische und antisemitische Symbolik; falsch interpretiert wird es Propaganda des Unheils. Mit der humorvollen Sprache eines Woody Allen: Wenn ich Wagnermusik höre, will ich in Polen einmarschieren“. Man kann es nicht besser ausdrücken um diesem Werk gerecht zu werden. Er war unbewusst der Prophet des Unterganges, der Wegbereiter der Nürnberger Rassengesetze, der Botschafter der Shoah…

Der erste Parsifal-Dirigent Hermann Levi war jüdischen Glaubens; Wagner gefiel das  nicht und so drängte er Levi mehrmals seine Religion abzulegen. Jedoch Levi reagierte  nicht darauf! Viele große Wagner-Dirigenten jüdischen Glaubens folgten nach Levi:  Bruno Walter, Erich Leinsdorf, James Levine, Daniel Barenboim, Semyon Bychkov, Kirill Petrenko…

Übersicht der musikalischen Motive: Akt / Vorspiel: Die musikalischen Wurzeln sind konstruiert aus drei fundamentalen Motiven (Abendmahl, Gral, Glauben); die innerhalb des Werkes diverse Transformationen erhalten. Zusätzlich wird im Glaubens-Motiv das Dresdner Amen (Johann Gottlieb Naumann / 1741-1801) integriert um eine Art christliche Meditation zu entfalten. Das Vorspiel ist durchdrungen von einer seltsamen und fremdartigen Andachts-Atmosphäre: schmerzlich und ekstatisch.

Extrem langsame Tempi und große Pausenstille verbunden mit raffiniert vermischten Orchestertönen wirken hypnotisierend;. Musik der Transformation: Um die Metamorphose von Zeit und Raum quasi bildlich zu verdeutlichen, bedient sich Wagner einer großartigen und visionären Musik, die von einem unheilvollen dunklen Marsch begleitet wird. Dieser endet mit Glockenklängen, deren Resonanz den ganzen Raum überfüllen. Amfortas Monolog: Die Klage des versündigten und schwer leidenden Königs, der auf Erlösung wartet, ist in seiner konvulsiven Zerrissenheit eine außergewöhnliche Arie im Belkantostil und ist vielleicht eines der Höhepunkte des Werkes. Akt: „Ich sah das Kind“ ist die große Bravourszene der Kundry, indem ihr Gesang einmal männerverführend wirkt; jedoch ein anderes Mal ein streichelndes Wiegenlied imitiert, hat sie die schwache sensible Seite unseres Helden berührt.

Philharmonie de Paris / Konzerrtsaal © Beaucardet / Philharmonie de Paris

Philharmonie de Paris / Konzerrtsaal © Beaucardet / Philharmonie de Paris

Die totale Fusion zwischen weiblicher und mütterlicher Liebe ist entdeckt; Wagner war nie so nahe an der heutigen Psychoanalyse.“Amfortas! Die Wunde“. Das längste Solo von Parsifal ist in den Registern des heroischen Gesangs, sein herzzerreißender Schrei ist die Erkenntnis von Sünde und Schmerz. Akt / Vorspiel: Seltenes Beispiel einer Musik ohne Ausweg und ohne Ende; trotz diverser Versuche die Dissonanzen erreichen keine Harmonie, jedes Fortschreiten kommt zum abrupten Halt und fällt erbärmlich ins Ungewisse. Ein musikalisches Beispiel von großer Modernität und genialer Verzweiflung: die atonale Musik des Jahrhundert wird hörbar und angekündigt. Karfreitagszauber: Dieses berühmte Fragment wird oft in Konzerten gespielt und man kann mit dem Wort des Gurnemanz „So ward es uns verhießen“ beginnen und die Taufe Kundrys von Parsifal einleiten. Indem die Natur erwacht und dem Menschen Vergebung zuteil wird, steigt der Orchesterton in ungeahnte lichte und transparente Höhen und wird begleitet von dem Gesang einer Oboe. Wahrscheinlich die schönste und glücklichste Musik die Wagner je komponierte.

 Philharmonie de Paris: Parsifal – konzertant

Das Theater Mariinsky in St. Petersburg wurde unter der Herrschaft der Zarin, Katherina II erbaut. Der italienische Architekt Antonio Rinaldi konstruierte, (1775-1783) das Theater Bolschoi Kamenny (großes Theater aus Stein); das mit großem Pomp am 5.Oktober 1783 Giovanni Paisiellos (1740-1816) Oper Il mondo della luna eröffnet. Der Spielplan waren die großen Opern der Epoche: Gluck, Mozart, Weber, Rossini, Bellini, u.a. Das Gebäude erhielt im Laufe der Zeit mehrere Umbauten, Ergänzungen und Neubauten. Auch zwangsläufige Namensänderungen des Hauses aus politischen Gründen sind erfolgt. Ein großer wichtiger Schritt in der Geschichte des Theaters erfolgte ab 1980 mit den neuen Inszenierungen der Opern Eugen Onegin und Pique Dame von Yuri Temirkanov.

Ab 1988 wird Valery Gergiev permanenter Dirigent und ab 1996 musikalischer Direktor des Hauses. Am 16. Januar 1992 findet das Opernhaus wieder seinen historischen Namen, ein Konzertsaal wird eröffnet (2006) und im Jahre 2013 erblickt das Mariinsky II die Welt. Das Mariinsky begeistert seit einigen Jahren die Pariser Musikfreunde, indem es jedes Jahr in der Philharmonie Opern in Konzertversion darbietet u.a. in den letzten zwei Jahren den kompletten Ring. Das Mariinsky Orchester ist die älteste musikalische Institution in Russland und wurde von den größten Musikern geleitet, u.a. Berlioz, Mahler, Wagner, Bülow, Tschaikowsky, Rachmaninov und Nikisch. In der turbulenten schwierigen Zeit des Bolschewismus konnte das Orchester sein hohes Niveau halten; dank einiger bemerkenswerten Dirigenten: Vladimir Dranischnikov, Ariy Pazovsky, Evgeny Mravinsky, Konstantin Simeonov und Yuri Temirkanov. Mit der Ernennung von Valery Gergiev hat sich das Orchester geöffnet; somit wird das Repertoire reicher und viele neue Werke werden gespielt: Beethoven, Mahler, Prokofiev, Schostakowitsch, Tichtchenko, Stravinski, Messiaen, Dutilleux, Henze, Chtchdrine, Gubaidulina, Kontcheli und Karetnikov.

Mit der heutigen Konzertversion des Parsifal hat das Orchester und sein Direktor sich übertroffen und man kann sagen; ein Wunder, eine Verzauberung ist entstanden. Das Publikum in der großen Philharmonie war praktisch versteinert und es war „mausestill“! Schon die ersten Töne versprachen alles: die einzelnen Leitmotive wurden mit einer intensiven Ballung interpretiert; doch gleichzeitig untereinander verschichtet, verschlungen und gleich einer Schicksalsschlange windeten sie sich über den Orchesterraum, jedoch ohne Einheit und Balance zu verlieren. Diese Intensität hielt sich bis zum Ende der Oper. Eine solche geniale Wagnerinterpretation kann seinesgleichen suchen und das Gleiche gilt für den Chor des Mariinsky und die Solisten des Theaters.

Richard Wagner_ Garibaldiplatz Venedig © IOCO

Richard Wagner_ Garibaldiplatz Venedig © IOCO

Wie wir wissen, in den letzten Jahren haben die russischen Sänger Veränderungen durchlebt indem sich ihre Interpretationen dem internationale Niveau anglichen; in Gesangsstil, Diktion, Aussprache. Der Interpret des Gurnemanz, der Bass Yuri Vorobiev, war mit seiner runden und vollen samtweichen Stimme die ideale Rollenbesetzung. Als weiser Hüter der Rittergemeinschaft ist er in seiner Güte der noch lebendige und nie ermüdende Erzähler der Vergangenheit. Ausdauer und viel Kraft ist erforderlich um diese Rolle zwischen Sprech- und Schöngesang über zwei enorm lange Akte (Akt 1 & 3) durch zuhalten. Eigenartiger Weise hat Wagner für Gurnemanz kein Leitmotiv vorgesehen, obwohl es die wichtigste Person in der Handlung ist. Am wenigsten hat die Titelrolle des Parsifal (Mikhaïl Vekua) zu singen; dennoch ist es eine schwierige Partie, indem der Tenor einige technische, vokale und schauspielerische Hürden überwinden muss. Es sollte eine Stimme sein die in den hohen Lagen zwischen Lohengrin und in den Tiefen an Siegmund erinnert, also ein baritonaler Tenor mit imposanten Höhen. Außerdem sollte er glaubwürdig die Verwandlung des naiven Tölpels zum neuen König der Gralsritter zeigen, und das vom stimmlichen und schauspielerischen. Der Tenor dieses Abends hatte alle diese Schwierigkeiten meisterhaft überwunden. Er hat hier in der Philharmonie de Paris  in den letzten zwei Jahren sein großes Talent überzeugend vorgeführt, indem er im Ring des Nibelungen alle großen Tenorrollen sang: Loge, Siegmund, Siegfried. Als Ensemblemitglied des Mariinsky hat er an diesem Haus schon praktisch alle großen Partien gesungen, außerdem gastierte er mit großem Erfolg schon an internationalen Häusern u.a. Liceu/Barcelona und Metropolitan Opera New York. Es scheint an der Zeit ist, sein Bayreuthdebüt zu geben

Die Kundry der Mezzosopranisten Yulia Matochkina war eines der Höhepunkte dieses so ereignisreichen Abend. Diese äußerst komplexe und doppelseitige Rolle schien wie nach Maß für die Sängerin geschaffen, indem sie die ganze Bandbreite der Person zeigte: Wildheit, Sensualität, Heiligkeit, Sünden und das mit einer teilweise rauen fast hässlichen Stimme, um dann in rasante Höhen zu steigen und mit einem hohen H zu dem Wort „lachen“ die ganze Bitterkeit und die Schmerzen ihres Daseins stöhnend ausstößt. Die Reinkarnation von auf ewig verdammten Frauen mit unverzeihlicher Vergangenheit, eine ewige Maria Magdalena, eine sündige Jüdin, die irrelos durch das Weltall wandern muss. Alexeï Markov als Amfortas war mit seinem wohlklingenden Heldenbariton äußerst ideal besetzt. Der in schwere Sünde gefallende König sollte eine schöne Belkantostimme haben; die aber zum Ende hässliche Töne hervor bringt, indem sie fast schreiend morbide und lebensverneinende Stimmung hervorhebt.

Schlimme Ahnungen verfolgen den Sünder und sein Dasein lässt ihn zweifeln an der Gralsritterschaft seit er mit Kundry gebuhlt hat. Er weiß auch dass er wie seine Buhlerin in ewige Verdammnis unendlich durch das Weltall irren muss, wenn ihm nicht Vergebung erteilt wird, das aber hieße die Öffnung des Schreins und die Sichtbarkeit des Grals. Unser Bariton kann schon eine internationale Karriere vorweisen (Covent Garden London, Opernhaus Zürich, Metropolitan Opera New York, u.a.). Evgeny Nikitin (Klingsor) hat die passende Baritonstimme für diese Rolle, indem er keift und bellt und mit heiserer Stimme Gift und Galle spuckt, um seine Zauberformeln in die Welt zu schleudern. Dieser bösartige Nekromant war in der Vergangenheit ein Gralsritter, der aber der Rittergemeinschaft den Krieg erklärte und sie verließ, indem er sich selbstkastrierte und dadurch seine sexuellen Empfindungen tötete, wurde er ein erbitterter Feind dieser Gemeinde. Eine Rolle wie geschaffen für den Sänger, der fast abonniert ist auf Bösewichter und sie auf allen Weltbühnen singt.

Die kurze Rolle des alten sterbenden König Titurel sang Gleb Peryazev mit tiefschwarzem Bass. Die Blumenmädchen wurden wunderschön interpretiert von Anna Denisov, Oxana Shilova, Kira Loginova, Anastasia Kalagina, Angelina Akhmedova, und Ekaterina Sergeeva. Desgleichen zwei Gralsritter: Andreï Ilyushnikov und Yuri Vlasov und außerdem drei Knappen: Elena Gorlo, Oleg Losev und Andrei Zorin. Eine Stimme von oben: Marina Shuklina. Wie schon oben genannt, die gesamten Solisten bis in die kleinsten Rollen waren außergewöhnlich gut besetzt. Wir würden sagen ohne zu übertreiben, es war ein großer Moment in der Philharmonie de Paris, es war Weltklasse und kein großes internationales Opernhaus müsste sich schämen… nicht einmal der heilige Tempel in Bayreuth! Nein, ganz im Gegenteil, es war mehr als Bayreuth reif!

—| IOCO Kritik Philharmonie de Paris |—

Nächste Seite »

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung