Hannover, Staatsoper Hannover, Tosca – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 30.10.2019

Oktober 30, 2019 by  
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Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

TOSCA –  Giacomo Puccini
…   zwischen Glocken, Missbrauch und Kanonen …

von Karin Hasenstein

„Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“  Mit diesen Worten kündigt der Komponist Giacomo Puccini an, worum es in Tosca geht. Es ist nicht mehr die lyrisch-romantische Stimmung einer La Bohème, nicht die liebenswürdigen weichherzigen Helden wie Mimí und Rodolfo, es wird leidenschaftlich, düster und qualvoll. Brutale, grausame Charaktere, Scarpia und Spoletta, tauchen auf und verlangen von Cavaradossi und Tosca Mut und Entschlossenheit.

Tosca – Giacomo Puccini
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Das spiegelt sich natürlich auch in der Musik wieder. Bei Tosca sind es nicht so sehr die lyrischen Phrasen und anrührenden Melodien, mit denen Puccini in La Bohème oder Madama Butterfly den Zuhörer begeistert. In Tosca sind es vor allem dramatische, beinahe brutalen Orchesterklänge, mit welchen der Komponist die dramatischen Vorgänge der zugrundeliegenden Geschichte in musikalische Effekte umsetzt.

Der junge russische Regisseur Vasily Barkhatov (geb. 1983 in Moskau) scheint sich Puccinis Satz „Bis jetzt waren wir sanft, jetzt wollen wir grausam sein.“ als Motto genommen zu haben. Er verändert einige grundlegende Elemente der Handlung und macht aus einem Klassiker der Opernliteratur einen Thriller für die Opernbühne, gespickt mit einer Portion Gegenwartsbezug. Leider bleiben dabei einige Ansätze dem Zuschauer unverständlich.

Schon bevor in der Staatsoper Hannover die Musik erklingt, wird der Zuschauer in eine Art Rahmenhandlung eingeführt. Mittels eingeblendetem Text erfahren wir, dass wir uns in einem System befinden, in dem sowohl der Staat als auch die Kirche totalitäre Macht haben. Macht und Missbrauch verschiedener Art sind an der Tagesordnung.

Wir blicken zunächst in zwei Räume, deren Fenster allesamt mit Jalousien verdunkelt sind. Im größeren der beiden Räume beobachtet Scarpia die Hochrechnungen politischer Wahlen auf dem Fernseh-Monitor, führt am Schreibtisch Verhöre durch. Im kleineren Raum, einer Art Hinterzimmer, befindet sich eine große Truhe mit Kleidern und Bildern der Sängerin Floria Tosca, die Scarpia obsessiv verehrt, seine Fetisch-Sammlung.

Den stärksten Eingriff in das Grundgerüst der Oper nimmt Barkhatov vor, indem er die Person des Scarpia umdeutet. Er ist hier nicht mehr der Polizeichef, sondern ein hoher katholischer Würdenträger, ein Kardinal, was an der schwarzen Soutane und der roten Schärpe erkennbar ist. Die Zeit der Handlung, von Puccini konkret mit „Mittwoch, 17. Juni 1800, und im Morgengrauen des folgenden Tages“ angegeben, verlegt Barkhatov in eine nicht näher bestimmte Gegenwart, jedenfalls legt das die moderne „heutige“ Kleidung der Personen nahe. (Kostüme: Olga Shaishmelashvili)

Staatsoper Hannover / Tosca, -  hier :  Mario Cavaradossi und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca, – hier : Mario Cavaradossi und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Die Ebene der Rahmenhandlung um Scarpia wird hochgefahren und gibt den Blick frei auf eine kalten grauen Innenraum, der als Gefängnis oder Kloster durchgehen könnte. An eine Kirche erinnert hier erstmal nichts. (Bühne: Zinovy Margolin) Auf zwei Etagen befinden sich zahlreiche Türen, im Innenhof ist eine Tribüne aufgebaut, den Vordergrund dominiert eine übergroße Krippenszene in einem braun furnierten Holzkasten mit dunkelblauem Sternenhimmel und über der Tribüne verkündet ein Leuchtschriftzug „Merry Christmas“.

Der junge Maler Mario Cavaradossi (hier vielleicht eher ein Bildhauer) verziert eine Madonnenfigur, als sein Freund, der flüchtige Gefangene Angelotti, bei ihm in der Kirche Schutz und Hilfe vor den Häschern Scarpias sucht.

Die Auftrittsarie des Cavaradossi,Recondita armonia“ („Sie gleichen sich an Schönheit“), gestaltet der mexikanische Tenor Rodrigo Porras Garulo überzeugend leidenschaftlich mit guten fließenden Tempi und angenehm warmem Timbre. Das anschließende Liebesduett mit der eifersüchtigen Tosca, die zunächst glaubt, ihr Geliebter verstecke eine Frau in der Kapelle, gerät musikalisch sehr überzeugend, Garulo und die lettische Sopranistin Liene Kinca als Tosca harmonieren sehr gut und gestalten hier einen der musikalischen Höhepunkte des Abends. Dass die Regie das Liebespaar dazu jedoch in der Krippenszene platziert und der arme Tenor nicht nur singen und die Partnerin im Arm halten sondern auch noch möglichst unauffällig das (Sternen-) Licht anknipsen muss, verursachte der Rezensentin ein wenig Stirnrunzeln und Rätseln nach dem Warum. Cavaradossi und Tosca als Maria und Josef? Hier eine Analogie herstellen zu wollen wäre doch arg konstruiert. Das Krippenmotiv wird zum Ende der Oper noch einmal aufgenommen, jedoch ohne dass die Motivation dahinter deutlich wird.

Ohnehin liegt der Schwerpunkt der Inszenierung auf der Figur des Scarpia. Die zweite Handlungsebene wird hier buchstäblich übersetzt, indem die Diensträume Scarpias je nach Bedarf herabgesenkt oder hochgezogen werden und so die Kapelle oder den Palast Farnese ganz oder teilweise freigeben oder verdecken. So kann der Zuschauer gleichzeitig und quasi aus Scarpias Perspektive beobachten, wie Toscas Auftritt auf Scarpias Fernsehbildschirm übertragen wird, während unten auf der Tribüne der Chor Aufstellung zum Te Deum nimmt.

Sein „Va, Tosca“ gerät beeindruckend düster und bedrohlich. Der amerikanische Bariton Seth Carico (seit der Spielzeit 2012/13 Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin) verfügt als Scarpia über die nötige Schwärze in der Stimme. Dass in Barkhatovs Inszenierung Scarpia nicht Polizeichef ist, sondern ein hoher Würdenträger der Kirche, gibt dem Satz „Tosca, Du machst, dass ich Gott vergesse!“ eine besondere Brisanz. Carico kann in dieser Szene nicht nur seinen dunkel timbrierten Bariton optimal zur Geltung bringen, sondern auch seine starke schauspielerische Leistung. Vor diesem Scarpia zittert buchstäblich ganz Rom.

Staatsoper Hannover / Tosca, - hier : Baron Scarpia und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca, – hier : Baron Scarpia und Floria Tosca © Karl und Monika Forster

Dieser Eindruck vermittelt sich auch im weiteren Verlauf der Oper. Die zweite räumliche Ebene wird wieder herabgesenkt und während auf der rechten Seite Cavaradossi in Scarpias Diensträumen gefoltert wird und dieser seinen Gästen verkündet „Was ich begehre, nehme ich mir“, sehen wir kurz darauf Tosca in Scarpias „Hinterzimmer“, wo er sie quält und bedrängt, ihm zu verraten, wo sich der geflohene Angelotti aufhält. Schließlich kann Tosca ihrem Peiniger nicht länger standhalten und verrät das Versteck.
Scarpia bekennt „Schon lange glühe ich für die Diva Tosca, ich will dich besitzen!“, worauf Tosca erwidert „Lieber stürze ich mich aus dem Fenster!“. Scarpia entgegnet, dass er sie nicht mit Gewalt nehmen wird, aber dann… die Schläge der Trommel verdeutlichen, dass die Zeit verrinnt.

Im nun folgenden Bekenntnis Toscas, „Vissi d’arte, vissi d’amore…“ zeichnet Liene Kinca mit großer Ausdruckskraft die Verzweiflung dieser Figur, einer Künstlerin, die nur für ihre Kunst und die Liebe gelebt hat und nun in die Fänge des Machmenschen geraten ist und gezwungen ist, ihren Geliebten zu verraten. Ihr leicht metallischer Sopran klingt strahlend und leicht in der Höhe und warm in der Tiefe und sie berührt auch mit ihrer Bühnenpräsenz die Zuschauer, die spontan Szenenapplaus spenden.

Nach einem Kuss verkündet Scarpia, er werde seine Anweisungen ändern. Beide beginnen sich zu entkleiden, Scarpia legt Tosca seine Soutane um; bevor er sie jedoch zum Liebesakt zwingen kann, ergreift sie ein Messer vom Tisch und ersticht ihn. Mit den Worten „Er ist tot, nun vergebe ich ihm.“ lässt sie Scarpia zu Boden sinken. Zwischen den Pässen und dem Passierschein, der ihr und Cavaradossi freies Geleit sichern soll, findet sie einen Umschlag mit der Aufschrift „Für Tosca. Er enthält eine DVD. Sie schaltet den Player ein und auf dem Bildschirm erscheint Scarpia. Was nun folgt, ist eine Videobotschaft, die Lebensbeichte Scarpias. Jetzt endlich erfährt Tosca – und mit ihr der Zuschauer-, dass Scarpia als Kind von einem Priester missbraucht wurde. Dieser Film läuft wieder auf der oberen Ebene ab, während unten im Kircheninnenraum ein Chorknabe (Ben Waltz, Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund) glockenhell sein „Io de‘ sospiri“ („Ach, ihr meine Seufzer„) anstimmt. Die von Puccini vorgesehene Glocke wird auf der Bühne vom jungen Scarpia angeschlagen, ein weiterer Missbrauch vollzieht sich in den Nebenräumen.

Das also ist Scarpias Motivation? Das Opfer wird zum Täter? Wir erinnern uns wieder daran, dass Scarpia hier nicht Polizeichef sondern ein Mann der Kirche ist. Alle ihn begleitenden Personen wie Spoletta und Sciarrone werden jedoch als polizeizugehörig belassen und nicht in das Kirchenmilieu „übersetzt“. Auch das gehört zu den ungelösten Rästeln dieser Inszenierung. Tosca findet in dem Hinterzimmer die Truhe mit Scarpias Andenken, seine Fetischsammlung, und beginnt zu begreifen, was sie für ihn war.

Staatsoper Hannover / Tosca © Karl und Monika Forster

Staatsoper Hannover / Tosca © Karl und Monika Forster

Im anderen Raum sehen wir in einer Art Rückblende Scarpia mit Angelotti, dessen Schwester und Cavaradossi und Scarpia macht ihnen deutlich Toscas Ehre gegen eure drei Leben!“ Resigniert bittet Cavaradossi um Papier und Tinte, um seiner geliebten Tosca einen Abschiedsbrief zu schreiben. Das nun folgende berühmte „E lucevan le stelle“ wird zu einem der Höhepunkte des Abends. Rodrigo Porras Garulo gibt den gebrochenen Mann so authentisch, gestaltet die gut drei Minuten lange Arie so intensiv, mit warmem lyrischen Tenor und sehr differenziert in der Dynamik, schreit seine Verzweiflung so leidenschaftlich heraus, dass er dafür Szenenapplaus und Bravi erntet.

Tosca weiht ihren Geliebten in den Plan ein, erzählt ihm von der Scheinhinrichtung. Hier tauchen nun wieder die Krippenfiguren aus dem ersten Akt auf, jetzt allerdings auf Lebensgröße angewachsen. Während die beiden von einem gemeinsamen Leben träumen („Wir entschweben in den Himmel“), holt Cavaradossi immer mehr der Krippenfiguren nach vorne.

Die Erschießung des Cavaradossi findet schließlich statt, akustisch glasklar und eindruckvoll von den Posaunen untermalt. Irritiert sehen wir, wie Tosca den toten Scarpia im Arm hält, immer noch in seine Soutane gehüllt, ein Bild gleich einer Pietà. Ihre letzten Worte „O Scarpia, avanti a Dio!“ („Oh Scarpia, gehen wir zu Gott!“) erhalten so eine ganz andere Bedeutung. Die Bühne fährt hoch, im unteren Teil sitzt Cavaradossi einsam in der Krippe. Der Vorhang fällt.

Tosca wird zu den Verismo-Opern gezählt, also zu jenen Opern, deren Handlung realistisch sein soll, sich tatsächlich so abspielen könnte im Gegensatz zur Opera seria.
Vasily Barkhatov versucht hier einen aktuellen Bezug herzustellen zu den Missbrauchsfällen in der Kirche. Es erscheint aber nicht logisch, dass ein Opfer in die Institution zurückkehrt, in der es selbst so viel Leid erfahren hat. Nicht alle Opfer werden zu Tätern! Aber es ist nicht Rache, die Scarpia antreibt und ihn selbst zum Täter werden lässt: es ist Machtgier. Letztendlich benutzt er Tosca als Werkzeug, als Mittel in seinem Spiel, um sein Leben nicht mit eigener Hand zu beenden und dadurch, als Priester, eine große Sünde zu begehen. Das Perfide an Scarpias Spiel ist, dass er Tosca über seinen eigenen Tod hinaus bestraft, indem er sie zu seiner Mörderin macht.

Musikalisch ließ dieser Premierenabend kaum Wünsche offen. Die drei Hauptdarsteller beeindruckten durch sehr gute sängerische und darstellerische Leistung. Mit dem Te Deum im ersten Akt hat Puccini eine der monumentalen Nummern für Chor geschrieben. Chor, Extrachor und ein stimmlich bestens aufgestellter Kinderchor mit 30 Kindern haben diese große Chorszene eindrucksvoll auf die Bühne gebracht. Besonders herzlichen Applaus erhielt der Solist des Knabenchores der Chorakademie Dortmund (Ben Walz). Aber auch alle Nebenrollen waren durchweg gut besetzt und vermochten stimmlich wie darstellerisch zu überzeugen.

Da die Stelle des GMD an der Staatsoper Hannover neu zu besetzen ist, sind aktuell verschiedene Dirigenten an der Staatsoper zu Gast. An diesem Abend leitete Kevin John Edusei das Niedersächsische Staatsorchester Hannover. Edusei, der Rezensentin aus seiner Bielefelder Zeit gut bekannt, führte die Musiker sicher durch den Abend und war dabei sensibler Begleiter für die Solisten. Die „Hits“ der Oper, wie Vissi d’arte, Va, Tosca, aber auch die erwähnte Chorszene mit dem großen Te Deum gestaltete er mit sicherem Gefühl für die Tempi und akzentuierter Dynamik. Große Freude machte an diesem Abend vor allem das Blech, namentlich in der Angelotti-Szene im 1. Akt. So geriet die Premiere zumindest musikalisch zu einem großen Erfolg.

In den lang anhaltenden Applaus für Solisten, Dirigent und Orchester mischten sich jedoch zahlreiche wiederholte Buhs für das Regieteam. Das hat die Rezensentin in Hannover und anderswo in dieser heftigen Form selten erlebt, zeigt aber, dass Vasily Barkhatov mit seiner Sichtweise auf Tosca, eine der weltweit beliebtesten Opern nicht in Gänze überzeugen konnte.

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Tosca:  hier Die vollständige Besetzung: Floria Tosca –  Liene Kinca, Mario Cavaradossi – Rodrigo Porras Garulo, Baron Scarpia – Seth Carico, Cesare Angelotti – Yannick Spanier, Mesner – Daniel Eggert,  Spoletta – Uwe Gottswinter, Sciarrone – Gagik Vardanyan, 

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Tosca an der Staatsoper Hannover; die nächsten Vorstellungen 30.10.; 3.11.; 7.11.; 9.11.; 17.11.; 29.11.; 3.12.; 18.12.2019; 27.03.2020.

—| IOCO Kritik Staatsoper Hannover |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, DON QUICHOTTE – Jules Massenet, 30.05.2019

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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Don Quichotte von Jules Massenet

Libretto Henri Cain, nach dem Drama „Le Chevalier de la longue figure“ von Jacques Le Lorrain sowie nach Miguel de Cervantes, Uraufführung 19. Februar 1910 Monte-Carlo

Premiere 30. Mai; 2., 7., 13., 18. Juni 2019

Jules Massenet hat mit DON QUICHOTTE einem Stoff der Weltliteratur auf der Opernbühne ein musikalisches Denkmal gesetzt. In der Welt des Titelhelden ist alles möglich, dort werden Windmühlenflügel zu Riesen, er nimmt es mit einer Horde Banditen auf und die schöne Dulcinea erwidert seine Liebe. Doch der „Ritter von der traurigen Gestalt“ muss erkennen, dass seine Träume in der Realität der anderen keinen Platz finden. Die „Comédie heroique“ DON QUICHOTTE, 1910 in Monte Carlo uraufgeführt, ist Massenets vorletzter Beitrag zum Musiktheater und in mehrfacher Hinsicht ein Werk über das Alter und den Tod: Der 68-jährige Komponist war selbst von Krankheit gezeichnet und brachte im Bett liegend die Noten aufs Papier. Nicht nur mit dem an gebrochenem Herzen sterbenden Don Quichotte fragt Massenet am Ende des Lebens, wie es gelingen kann, die Träume vom eigenen Glück Realität werden zu lassen. Auch mit der schillernden Figur der Dulcinea erzählt er, wie sich hinter einer Fassade vermeintlich purer Lebenslust die Angst vor der Vergänglichkeit verbirgt.

DON QUICHOTTE wird inszeniert von dem in Amsterdam lebenden Regisseur, Performer und Zauberer Jakop Ahlbom, der mit seiner ganz speziellen Form des Theaters europaweit gefeiert wird. Seine Produktionen verbinden in einzigartiger Weise Pantomime, Tanz, Musik und Illusion und leben von magischen, surrealistisch-albtraumhaften Bildern, so u. a. in den Stücken VIELFALT [2006], INNENSCHAU [2010], LEBENSRAUM [2012] oder jüngst HORROR [2018].

BESETZUNG
Musikalische Leitung : Emmanuel Villaume, Inszenierung : Jakop Ahlbom, Bühne : Katrin Bombe, Kostüme : Katrin Wolfermann, Licht : Ulrich Niepel, Chöre : Jeremy Bines, Dramaturgie : Dorothea Hartmann,

Don Quichotte : Alex Esposito, Sancho Pansa : Seth Carico, Dulcinée : Clémentine Margaine, Pedro : Alexandra Hutton, Garcias : Cornelia Kim, Rodriguez : James Kryshak, Juan : Samuel Dale Johnson
Chöre : Chor der Deutschen Oper Berlin, Orchester : Orchester der Deutschen Oper Berlin

 

—| Pressemeldung Deutsche Oper Berlin |—

Berlin, Deutsche Oper Berlin, Tannhäuser – Richard Wagner, IOCO Kritik, 15.05.2019

Mai 15, 2019 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg

Emma Bell – Peter Seiffert – Stimmpracht und Intensität 

von Michael Stange

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Kirsten Harms Tannäuser Inszenierung, Premiere November 2008, von dessen Reise aus dem Venusberg über die Wartburg nach Rom und zurück, auf der Suche nach Liebe, Lust und Anerkennung, besticht auf leerer Bühne durch intensiv wirkende Kostüme und ihre unprovokante Erzählung der Minnesängermär.

Von oben werden schwebenden Figuren hinuntergelassen. Mit der Hebebühne werden starke Akzente gesetzt. Metallische Rüstungen und farbenfrohe Kostümpracht des 2. Aktes werden mit einem Kaleidoskop von Hintergrundbildern ergänzt. So werden Richard Wagners Intentionen eindringlich ohne tiefenpsychologische Deutung an der Deutschen Oper Berlin auf die Bühne gebracht.

Tannhäuser –  Richard Wagner
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Wagner Sternstunde an der Deutschen Oper Berlin

Zur Ouvertüre schwebt ein Ritter im Blau durch die Wolken. Venus liegt auf einem Podest. Ihren Nymphen tummeln sich nackt im Bad. Venus und Tannhäuser sind umgeben von Klonen der Liebesgöttin. Das Finale des 1. Aktes ist eine Berglandschaft über der groteske Teufelspuppen flattern. Die Jagdgesellschaft begegnet Tannhäuser in metallischen Rüstungen auf eisernen Pferden (Foto).

Der zweite Akt zeigt zunächst eine leere Bühne mit in der Höhe schwebenden Rittern. Der Wartburgsaal ist tribünenartigen angeordnet und zeigt die bunte und farbenprächtig kostümierte Wartburggesellschaft. Das Hebe- und Senkbühnenbild entfaltet im Finale des 2. Aktes die stärkste Wirkung. Der wegen des Aufenthaltes im Venusberg ausgestoßene Tannhäuser steht als Sinnbild seiner Sünden unter der über ihm auf der Hebebühne stehenden Wartburggesellschaft.

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser © Bettina Stoess

Im dritten Akt siechen die Pilger auf Krankenbetten und über ihnen schweben wiederum die bekannten eisernen Ritter. Kern des Interpretationsansatzes ist, Elisabeth als mitleidsvolle und mildtätige Frau darzustellen. Daher wird ihr im ähnlichen Kostüm die lüsternen Liebesgöttin Venus gegenübergestellt. Beide vereinen sich im Finale zu einer Person in der zwei Seelen wohnen.

Dieser Opernabend stand im Zeichen von Sängern, Chor und Orchester. Von ihnen gingen Glanz und Magie der Aufführung aus; sie konnten sich beglückend auf der Bühne entfalten.

Die Elisabeth des Abends Emma Bell begann ihre Karriere im Mozart Fach. Ihren Rang belegte sie schon als Gewinnerin des Kathleen Ferrier Preises. Im jugendlich -dramatischen Fach zählen Rollen wie Agathe in Freischütz, Leonore in Fidelio, Elsa in Lohengrin und Elisabeth zu ihrem Repertoire. Sie paart phänomenale Stimmschönheit mit stupender Gesangstechnik. Ihr honigfarbenes Timbre ergänzt sie mit impressionistischer vokaler Ausdruckspalette und einer phänomenalen leuchtend blühenden Höhe. In der Arie „Dich teure Halle..“ verband sie sehnsüchtige, innige Momente mit jubelnden Phrasen. Die Tongebung bei „Allmächtige Jungfrau..“ war verhalten innwendig und eindringlich klagend. Die gesamte gesangliche Gestaltung war von immenser Poesie und sängerischer Fulminanz geprägt. Als Venus leistete sie gleichfalls Beachtliches und überzeugte mit sinnlich sirrendem Ton.

Peter Seiffert war als Tannhäuser ein „unbegreifliches Wunder“. Seit Jahren ist er der weltweit führende Rollenvertreter. Aufgrund seiner stimmtechnischen Meisterschaft gelangen alle schwierigen Momente dieser mörderischen Partie scheinbar mühelos. An diesem Abend hat er aber selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen. Seine Stimme verfügt über ein nahezu baritonales Fundament und eine immense strahlende Höhe. Mit betörender Tongebung sang er phänomenale Übergange vom Piano über das Mezza voce bis zum Forte. Fließend, völlig frei, dramatisch packend gefärbt, mit interpretatorischer Tiefe und Anteilnahme gefüllt füllte sein Tenor wie gemalt den Saal der DOB. Zugleich war die Stimme unglaublich fokussiert.

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser © Bettina Stoess

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser © Bettina Stoess

Selbst im Piano kam sie mühelos über das Orchester und die hohen Töne waren von metallischem prachtvoll strahlendem Glanz. In der Venus-Szene war schon bei seinem Erwachen die Stimme völlig präsent. Der dramatische Ausbruch bei „Allmächtiger, Dir sei Preis..“ war innig aber zugleich mächtig und erschütternd. In den schnellen Läufen im Finale des 1. Aktes reihten sich seine Töne wie an einer Perlenkette auf.

Im Duett des zweiten Aktes gelangen Peter Seiffert und Emma Bell – auch dank des sängerfreundlichen Dirigats – unglaublich poetische, innige Momente. Die Gesänge an die Venus waren betörend intensiv und Peter Seiffert war selbst im Finale des zweiten Aktes stets hörbar und übertönte Chor und Orchester.

Die Romerzählung begann er fahl verhalten und steigerte sich in den Ausbrüchen zu immenser Größe. Neben der gesanglichen Gestaltung entwickelte er eine überwältigende emotionale Ausdruckskraft. Die Darstellung des Zerbrechens am eigenen Fehlverhalten und fehlender Vergebung gelangen ihm mit einer unter die Haut gehenden stimmlichen Wandlungsfähigkeit und Intensität.

Simon Keenlyside als Wolfram von Eschenbach war Tannhäuser ein ebenbürtiges Gegenüber. Mit seine dunkel gefärbtem, heldenbaritonalen Timbre und seiner wohlklingenden Stimme setzte er berührende Akzente. Seine Auftritte im 3. Akt gestaltete er tief empfunden mit beeindruckender Wortdeutlichkeit und prächtiger gesanglicher Gestaltung.

Albert Pesendorfer war ein Landgraf mit Autorität uns sonorem Bass. Clemens Bieber ein klangschöner Walther von der Vogelweide und Seth Carico ein wohlklingender Heinrich der Schreiber.

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser - Schlussapplaus © Patrik Klein

Deutsche Oper Berlin / Tannhäuser – Schlussapplaus © Patrik Klein

Dem von Jeremy Bines fulminant einstudiertem Chor der Deutschen Oper paarte filigranes und mit mächtig auftrumpfenden Momenten. Die Klangpracht und –schönheit und die Differenziertheit waren ungemein wirkungsvoll und wurden durch die mit den Bühnenbildern einhergehende gestaffelte Choraufstellung bis in die Tiefe der Bühne besonders hervorgehoben.

Stefan Blunier dirigierte das perfekt disponierte Orchester mit immenser Sensibilität und einem unvergleichlichen Sängerfreundlichkeit. Sänger und Chor trug er auf Händen und setzte markante Akzente gepaart mit filigranem Wohlklang.

Das Publikum verfolgte die Vorstellung gebannt und konzentriert. Lang anhaltender Jubel belohnte diesen phänomenalen Wagnerabend.  Nach der Vorstellung bemerkten selbst Opernveteranen an der Garderobe, dass sie nie einen Tannhäuser von so großartiger gesanglicher Perfektion und intensiver suggestiver Wirkung  auf der Bühne erlebt haben.  Eine Lehrstunde des Wagnergesangs.

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg – Deutsche Oper Berlin:  keine weiteren Vorstellungen in der Spielzeit 2018/19

—| IOCO Kritik Deutsche Oper Berlin |—

Berlin, Deutsche Oper, Le Prophète von Giacomo Meyerbeer, IOCO Kritk, 31.12.2017

Januar 1, 2018 by  
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Deutsche Oper Berlin

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

Deutsche Oper Berlin © Leo Seidel (Kontakt: leoseidel@googlemail.com)

 Le Prophète von Giacomo Meyerbeer

Die politische Oper der Stunde – Anatomie der Rebellion

Von Hanns Butterhof

Giacomo Meyerbeer Grabstätte in .... © IOCO

Giacomo Meyerbeer Grabstätte in …. © IOCO

Giacomo Meyerbeers rebellionskritische Oper „Le Prophète“ von 1849 bildet an der Deutschen Oper Berlin den strahlenden Abschluss des auf drei Spielzeiten angelegten Meyerbeer-Zyklus‘, der mit mit „Vasco da Gama“ und „Die Hugenotten“ begonnen hatte. Die Regie von Olivier Py hebt das politische Element der Oper hervor und widmet ihr eindringliche Bilder, ohne dabei voll zu überzeugen. Mehr als die präzise musikalisch und szenisch beschriebenen Umstände des Aufstiegs und Falls des Täufer-Königs Jean de Leyde bewegt die Beziehungsgeschichte zwischen ihm seiner Mutter Fidès.

Die Berliner Aufführung des „Prophète“ verlagert die von Meyerbeers Librettisten Eugène Scribe und Émile Deschamps sehr frei behandelte Geschichte des Münsteraner Täuferreichs aus dem 16. Jahrhundert in eine ortsunspezifische Gegenwart. Vor grauen Vorortshochhäusern und in heutigen Kostümen (Ausstattung: Pierre-André Weitz) entrollt sich das Tableau einer blutigen Rebellion gegen eine nicht näher bestimmte Unterdrückung. Sie nimmt ihren Anfang, als Arbeiter begierig die Propaganda dreier missionierender Wiedertäufer aufnehmen, die ihnen soziale Gleichheit, das Recht zu Plünderungen und den Sieg über die Adelsmacht versprechen.

Die zeigt sich in Person des arroganten Grafen Oberthal (Seth Carico), der sich von seinen schwer bewaffneten Bodyguards bedienen und von einer Leibeigenen, ohne sie wahrzunehmen, die Schuhe polieren lässt. Es ist Berthe (Elena Tsallagova), die zur Hochzeit mit dem örtlichen Schankwirt Jean de Leyde die Genehmigung des Grafen benötigt. In seiner Audienz, die er, etwas schäbig, vom Dach eines Mercedes herab hält, verweigert er Berthe diese Erlaubnis und vergewaltigt sie erst im Wagen, dann auf dessen Heck, bevor er sie ganz auf sein Schloss entführt.

Inzwischen haben die Missionare die Ähnlichkeit des Schankwirts mit einem in Münster verehrten Bildnis König Davids erkannt und ihn vergeblich bewogen, als ihr Prophet nach Münster zu ziehen und dort ihr König zu werden. Erst als Oberthal Jean zwingt, ihm die aus dem Schloss geflüchtete Berthe auszuliefern, weil er sonst seine Mutter töten lässt, entschließt er sich dazu, auf das Angebot der Wiedertäufer einzugehen und Rache am Grafen zu nehmen. Das gelingt, wohl auch mit Hilfe der aufgewiegelten Menge; vor rauchenden Trümmern des Mercedes und des Schlosses, die aber auch die Mauern des bestürmten Münsters sein können, zeigt sich Jean de Leyde als Führer seiner Soldateska.

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete - hier Audienz mit Wiedertäufern, Noel Bouley, Dickinson, Seth © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete – hier Audienz mit Wiedertäufern, Noel Bouley, Dickinson, Seth © Bettina Stöß

Eindringlich macht der vor allem im Heldischen glänzende Tenor Gregory Kunde die Wandlung Jeans vom Darsteller der Prophetenrolle hin zum Glauben an seine Berufung zum Propheten deutlich. Ihm wächst der Glaube vor allem in der großen Szene zu, in der er erfolgreich seiner bereits geschlagenen und meuternden Truppe den Sieg prophezeit, wenn sie unter seiner Führung erneut gegen Münsters Mauern anstürmt. Es scheint, als seien es die sinistren Wiedertäufer, die ihm weitere Gelegenheiten verschaffen, seinen Glauben an die eigenen übernatürlichen Fähigkeiten zu stärken. Als er bei seiner Krönungsmesse im Dom zu Münster durch Handauflegen nicht nur Lahme wieder gehen und Blinde wieder sehen macht, sondern auch noch einen Toten zum Leben erweckt, sieht man nur, dass sie es sind, die den Darstellern dieser Wunder ihren Lohn zustecken.

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete - hier Jean de Leyde wird zum König gekrönt, Gregory Kunde und Chor © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete – hier Jean de Leyde wird zum König gekrönt, Gregory Kunde und Chor © Bettina Stöß

Jean ist ihre Marionette, deren sie sich bedienen, um ihren weltlichen Gelüsten unter frommen Vorwänden ausgiebig nachgehen zu können. Erst als sie Jean zu Gottes jungfräulich geborenem Sohn ausrufen und ihn mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen, seine Mutter zu verleugnen, wird ihm seine Hybris und die Rolle bewusst, die er im Machtspiel der Wiedertäufer innehat. Zu spät entschließt er sich, seinem Königtum und dem Täufertreiben ein Ende zu setzen.

Unvermutet taucht bei einer szenisch nicht zu Ende geführten Hochzeit zum Ende hin Jeans Verlobte Berthe wieder auf. Elena Tsallagova füllt die kleine Rolle koloraturensicher mit klarem, in den Höhen etwas spitzem Sopran einnehmend aus und harmoniert dabei vorzüglich mit dem variablen Mezzo von Clémentine Margaine als Jeans Mutter Fidès. Während Berthe letztlich nur noch dazu da ist, um Jean mit dem notwendigen Pulver für die Sprengung von Münsters Stadtschloss mitsamt seinen Täufern zu versorgen, wächst Fidès eine entscheidende Funktion zu. Ihr lebensvoller Gesang steht in genauestem Gegensatz zum falschen Glaubenspathos der Täufer, das diese besonders in der pompösen Krönungsszene mit ihrem kirchenliedartigem „Ad nos, ad salutarem undam“ entlarvt. Fidès verkörpert stimmlich glaubwürdig die konservative Alternative zur selbstermächtigten, sich aber auf höhere Mächte berufenden Rebellion. So leicht, wie er den Täufern folgte, folgt Jean nun seiner Mutter, die ihm für seine Reue Vergebung im Himmel verspricht.

Meyerbeers „Le Prophète“ endet restaurativ, das Schlussbild gleicht dem Beginn. Graf Oberthal steht wieder auf dem Podest, auf dem die Geburts- und Todesdaten Jean de Leydes eingraviert sind, und lässt sich von den Bodyguards bedienen. All die viele Gewalt hat nichts an den Verhältnissen geändert, und fast könnte man meinen, das sei auch gut so.

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete - hier Der Prophet muss seine Mutter verleugnen, Noel Bouley, Gregory Kunde , Derek Welton und Clémentine Magaine © Bettina Stöß

Deutsche Oper Berlin / Le Prophete – hier Der Prophet muss seine Mutter verleugnen, Noel Bouley, Gregory Kunde , Derek Welton und Clémentine Magaine © Bettina Stöß

Le Prophète“ ist die Oper der Stunde. Die Figur des Jean de Leyde ist sehr aktuell. Ein letztlich privater Antrieb wächst sich als sich selbst erfüllende Prophezeiung zu dem Glauben aus, zum Tun des allgemein Rechten berufen zu sein. Wenn dann auch noch die Lust hinzukommt, alles zu dürfen, was bislang verboten war – und das zeigt die Regie Olivier Pys überbordend mit schwungvoll choreographierten Kriegsgreueln und Vergewaltigungsexzessen – verstummen auch letzte Selbstzweifel. Wie die Geschichte ist gerade die Gegenwart voll dieser Beispiele, und die Regie hat gut daran getan, sie nicht näher zu konkretisieren, sondern nur genau die allgemeine Anatomie einer Rebellion zu erfassen. In den unverzichtbaren bizarren Ballettszenen wird das Verhältnis von Führer und Mitläufern deutlich. Sie brauchen ihn und seine Berufung auf höhere Mächte, um sich von der Schuld zu entlasten, die sie durch ihr unerhörtes Tun, ihre laufend begangenen Verbrechen auf sich laden.

Dass die Drehbühne fast ununterbrochen kreiselt, wohl um die ewige Wiederkehr des schrecklichen Immergleichen deutlich zu machen, ist eine der störenden Metaphern wie der schweigende Engel mit seinen Sprechblasen-Schildern. In mancher Szene hätte man sich mehr Sorgfalt von der Regie gewünscht. Da verschwinden unmotiviert ganze Menschengruppen, und dass die lieblichen Landfrauen das hungrige Heer der Täufer mit Äpfeln sättigen können, ist nur ein schlechter Witz. Der eigentlich hochspektakuläre Untergang von Münster verpufft als Rotlicht-Spektakel.

Musikalisch ist dieser „Prophète“ reiner Genuss. Die von Jeremy Bines einstudierten Chöre sind voll eindringlicher Wucht, und das Ensemble ist bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, besonders die drei Wiedertäufer Derek Welton als Zacharie, Gideon Poppe als Jonas und Noel Bouley als Mathisen gefallen. Die Tänzerinnen und Tänzer stellen mit ausgiebig präsentierten schönen Körpern ein eindrucksvoll stummes Bild des Täufertreibens dar, haben aber das Pech, dafür nicht nur begeistert beklatscht, sondern mit moralischem Aplomb ausgebuht zu werden.

Enrique Mazzola am Pult des Orchesters der Deutschen Oper Berlin dirigiert sängerfreundlich mit viel Aufmerksamkeit für die Bühne. Die turbulenten, für Meyerbeers Grande Opéra charakteristisch die Oberflächenhandlung beschreibenden Szenen malt er kräftig aus, arbeitet dabei aber auch fein das Schräge, Unwahre am Geschehen heraus, wenn etwa der tänzerische Rhythmus nicht zum frommen Gehalt passt. Ihm, dem Orchester und allen an der Aufführung Beteiligten, vor allem aber Clémentine Magaine galt nach mehr als vier Stunden der begeisterte Beifall des Publikums.

Le Prophéte von Giacomo Meyerbeer: Die nächsten Termine an der Deutschen Oper Berlin: 4.1. 2018 um 18.00 Uhr, 7.1. 2018 um 17.00 Uhr

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