Dresden, Semperoper,  Eröffnungskonzert – Sächsische Staatskapelle Dresden, IOCO Kritik, 04.09.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 Eröffnungskonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden

 Ein Höllenritt mit Yuja Wang und Myung-Whun Chung 

von Thomas Thielemann

Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert d-Moll op. 30 gehört zu den Rekordhaltern berüchtigter Musikstücke. Unspielbar und Elefantenkonzert sind die häufigsten dem Werk angehängten Bezeichnungen. Mit dem Konzert wird ein Niveau der erforderlichen pianistischen Virtuosität erreicht, das in der Folge sinnvoll kaum steigerungsfähig ist. Im Klavierpart hat das Rach. 3 von den großen Klavierkonzerten die meisten Noten pro Sekunde. Unter dem Druck des technisch hochkomplizierten Werkes soll der durch eine schizoaffektive Störung vorgeschädigte  australische Pianist David Helfgott 1970 sogar den Verstand verloren haben. Inzwischen spielt er zwar das Konzert wieder. Mit einem über Helfgotts Comeback gedrehtem Film:„Shine-Der Weg ins Licht“ gelangte  das 3. Klavierkonzert in die Lichtspielhäuser der Welt und damit auch zu breiter Popularität.

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Der sechsunddreißig jährige Pianist Rachmaninow war 1909 zu einer Tournee in die Vereinigten Staaten eingeladen worden. Da sein 2. Klavierkonzert in den USA nur verhalten aufgenommen worden war, er aber auf einen finanziellen Erfolg des Gastspiels angewiesen war, beschloss er, mit einem neuen Konzert anzureisen. Im April 1909 verließ die Familie Dresden und zog sich auf das Familiengut der Rachmaninows Iwanowka zurück. Unter extremen Zeitdruck komponierte er sein d-Moll-Konzert, weil bereits im November Tourneebeginn vertraglich vereinbart war. Am 23. September war die Komposition soweit fertig, so dass der Komponist die Überfahrt nutzen konnte, auf einem stummen Klavier den Solopart des „Konzertes für einen Elefanten“ zu üben. Am 28. November 1909 fand dann in der Carnegie Hall die Uraufführung mit dem Solisten Rachmaninow und dem New York Symphony Orchestra  unter Walter Damrosch statt. Die Kritik bemängelte etwas ratlos, dass dem Konzert Rhythmus und harmonische Kontraste fehle. Erst die Aufführung des Konzertes mit dem New York Philharmonic unter Gustav Mahler  am 16. Januar 1910 brachte, allerdings nach intensiver Probenarbeit des Pianisten Rachmaninow, den Erfolg.

Im ersten Symphoniekonzert der Saison 2019/20  bot Yuja Wang das Konzert mit der Staatskapelle und deren ersten Gastdirigenten  Myung-Whun Chung. Die Pianistin haben wir inzwischen mehrfach als technisch auf höchstem Niveau agierende Virtuosin kennen gelernt. Aber mit philosophischem Tiefgang war sie zumindest mir bisher nicht aufgefallen. Mithin war sie mit ihrer extremen Leichtigkeit des Spieles und ihrer Intensität bei der Bewältigung des oft halsbrecherischen Tempos der Partitur die ideale Interpretin des Virtuosen-Stückes. Auch wenn sich gelegentlich der Eindruck einstellte, dass es sich beim Konzert um Kampfsport handele. Mit ihrer unwahrscheinlichen Technik jagte sie durch die schnellen Passagen des Konzerts und trieb das Orchester vor sich her.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Myung-Whun Chung  begleitete das ungestüme Klavierspiel mit den Musikern der Staatskapelle nuanciert, pünktlich und lebendig. Er rundete so die Interpretation in vollkommener Form ab und verschaffte uns damit einen lebendigen Saisonauftakt.

Im zweiten Konzert-Teil der Saisoneröffnung brachte Myung-Whun Chung mit der Staatskapelle die zweite Sinfonie von Johannes Brahms zu Gehör.

Während sich Johannes Brahms mit seiner ersten Symphonie von, der ersten Planung 1854 bis zur Uraufführung im November 1876, regelrecht herumgeplagt hatte, konzentriert sich, (zumindest nach unserem Wissen über die Arbeit an der zweiten Symphonie), die Entstehung auf das Jahr 1877. Weil Brahms keine Kompositionsskizzen hinterließ, ist die Entstehungsgeschichte nur von Briefen und Äußerungen des Komponisten abzuleiten. Danach entstand die Symphonie vor allem während eines Sommer-Aufenthalts im Juni 1877 in Pörtschach am Wörthersee. Im September begab sich Brahms anschließend, wie seit1865 in jedem Jahr, nach Lichtenthal bei Baden –Baden.

Dort hatte 1862 Clara Schumann ein Haus gekauft, um sich zwischen ihren anstrengenden Konzert-Tourneen, die üblicherweise vom Oktober bis zum Mai dauerten, zu erholen und sich mit ihrer Familie sowie Freunden zu treffen. Für Brahms war im Haus unter dem Dach eine Wohnung mit zwei Zimmern eingerichtet. Nach Berichten der Schumann-Töchter sei Brahms 1877 recht mürrisch gewesen, was auf seine unglückliche Situation in der Hausgemeinschaft zurückgeführt werden könnte. Er gehörte zwar wie selbstverständlich zur Familie, nahm aber keine eindeutige Stellung, weder als Ehemann noch als Sohn, ein. „Wir Kinder hatten Brahms  alle sehr gern, aber wir behandelten ihn wie einen, der eben da ist“, erinnert sich die Tochter Eugenie. Clara und Johannes musizieren zusammen, gehen spazieren und essen gemeinsam, fanden aber nicht mehr zueinander, nach dem sie beide bereits 1856 beschlossen hatten, getrennte Wege zu gehen.

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Am 24. September berichtet Clara Schumann, Brahms habe eine neue Symphonie fertig. Die Uraufführung des Werkes fand am 30. Dezember 1877 in Wien unter der Leitung von Hans Richter statt. Ab dem 10. Januar 1878 ging Brahms mit seiner Schöpfung von Leipzig auf eine erfolgreiche Tournee.

Die Symphonie D-Dur op. 73 wird häufig als heiter, natürlich und pastoral charakterisiert. Tiefere Analysen unterstellen aber Johannes Brahms eine ambivalente Haltung zur Naturpoesie. Er selbst berichtete von melancholischen Stimmungen, so dass der Begriff der „gebrochenen Idylle“ das Werk besser beschreibt. Auch zweifelt man inzwischen an, dass Brahms zunächst die Ecksätze und erst zum Schluss die Mittelsätze komponiert habe.

Intensiv führte Chung die Musiker im gesamten ersten Satz in einem großen Spannungsbogen durch die Partitur. Dabei entstand die Spannung vor allem durch ein ungewöhnlich strikt gleichmäßiges Tempo, ohne die kraftvolle Steigerung in der Durchführung des zweiten Themas zu vernachlässigen. Das Adagio non Troppo begann mit einer wehmütigen klangvollen Kantilene der wunderbaren Violoncelli-Gruppe der Staatskapelle. Chung formte in der Folge die brahmssche Sehnsucht nach etwas Unerreichbaren als eine Naturidylle und bringt dabei die dunklen Farben und grüblerischen Momente auf das Eindrucksvollste zur Geltung.

Mit dem  dritten Satz „Allegro grazioso“ lockert Myung-Whun Chung die Bedeutungsschwere  der beiden ersten Sätze behutsam auf. Mit dem Finale betonte er aber wieder das brahmssche Grübeln und die Tiefsinnigkeit. Der Schluss wurde damit nicht zum Jubel, sondern eher zu einem fiebrigen Ausklang.

Wie schon so oft, begeisterte Myung-Whun Chungs Dirigat mit seiner Detailgenauigkeit, der Präzision und seiner Energie. Er hatte aber offenbar begriffen, dass nach dem Rachmaninow-Feuerwerk die Besucher eher etwas gedämpft waren und schickte sein Publikum mit einem fulminant vorgetragenen  „Ungarischen Tanz“ nach Hause.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Berlin, Berliner Philharmoniker, Andris Nelsons – Skrjabin, Schostakowitsch, IOCO Kritik, 13.07.2019

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Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmonie © Reinhard Friedrich / Berliner Philharmoniker

Berliner Philharmoniker – Andris Nelsons

Skrjabin, Schostakowitsch – Mit Artist in Residence Daniil Trifonov

von Julian Führer

In der Berliner Philharmonie dirigierte Andris Nelsons am 22.6.2019 ein rein russisches Programm. Daniil Trifonov (voller Name Daniil Olegowitsch Trifonow), in der Saison 2018/19  Artist in Residence bei den Berliner Philharmonikern, präsentierte sich mit einer eindringlichen Interpretation des Klavierkonzerts in fis-Moll opus 20 von 1894/1895, das Alexander Skrjabin mit Anfang 1920 komponierte. Der junge Pianist Daniil Trifonov (Jahrgang 1991) näherte sich dem eher selten gespielten Werk in einer zurückhaltenden Weise und hielt über weite Strecken seinen Part im Piano oder weiter abgestuften Pianissimo-Bereichen, womit er seinen raffiniert perlenden Anschlag besonders zur Geltung bringen konnte. Der Dialog zwischen Orchester und Solopart erfordert gerade im ersten Satz (Allegro – Più mosso, scherzando – Tempo primo) und im zweiten, aus Thema und vier Variationen bestehenden Mittelsatz ein wechselseitiges Leiserwerden. Im Kopfsatz war hier allerdings die Abstimmung nicht optimal – das Orchester war tendenziell zu laut und blieb es auch, als der Solist sich nicht beirren ließ und seine sehr zurückhaltende Dynamik beibehielt.

Berliner Philharmonie / Die Berliner Philharmoniker © Stefan Hoederath

Berliner Philharmonie / Die Berliner Philharmoniker © Stefan Hoederath

Der zweite Satz des Konzerts beginnt mit einer sehr elegischen Introduktion des Orchesters (Andante). Diese sparsame Einleitung wie aus einem Streichquartett wird in der Folge von viel Brillanz der Technik erfordernden Variationen des Soloparts ausgeführt. Die stilistische Nähe zu Franz Liszt und Sergej Rachmaninow war deutlich zu hören. Die Klangbalance gelang im zweiten Satz viel besser und erlaubte ein gemeinsames Leisespielen, das keine Aufnahme wiederzugeben in der Lage ist. In der Höhe fand Trifonov zu einem kristallenen, fast harfenartigen Klang.

Im dritten Satz (Allegro moderato – Meno – Melto meno mosso – Maestoso – Più mosso) wurde das Orchester wieder deutlich lauter. In diesem Fall lag das Problem aber wohl eher beim Komponisten selbst, der den Orchesterpart nicht übermäßig raffiniert, vor allem aber sehr üppig instrumentiert hat. Faszinierend war die Konzentrationsleistung des Solisten neben der beeindruckenden Technik. Besteht ein klassisch-romantisches Solokonzert aus einem Dialog zwischen Soloinstrument und Orchester, reden Klavier und Orchester bei Skrjabin mitunter durcheinander – abgesehen von der Einleitung zum zweiten Satz und acht Takten im dritten Satz hat das Klavier eigentlich nie ‚Pause‘. Die technische Perfektion des Orchesters muss bei den Berliner Philharmonikern kaum erwähnt werden; das etwas forsche Auftrumpfen gegenüber dem Solisten im ersten Satz blieb die einzige Irritation.

Berliner Philharmoniker / Daniil Trifonov © Dario Acosta / DG

Berliner Philharmoniker / Daniil Trifonov © Dario Acosta DG

[ Von Daniil Trifonov wurden verschiedene Aufnahmen bei der Deutschen Grammophon veröffentlicht.]

Die elfte Symphonie Opus 103 in g-Moll „Das Jahr 1905“ von Dmitri Schostakowitsch kann im ungünstigen Fall wie eine Filmmusik des sozialistischen Realismus daherkommen. Andris Nelsons hat soeben eine CD-Aufnahme mit dem Boston Symphony Orchestra veröffentlicht, auf der er seine Auffassung dieses monumentalen Werkes dokumentiert.

Beim Berliner Konzert setzte er teilweise andere Akzente, der allgemeine Ansatz der Interpretation lässt sich aber auf der CD gut nachvollziehen. Der erste Satz („Platz vor dem Palast“: Adagio) ist ein Klanggemälde, das vermeintlich musikalischen Stillstand dokumentiert – das im düsteren Winter erstarrte St. Petersburg. Musikalische Bewegung erfolgt nur langsam, tiefe Streicher und Harfenakkorde, die zunächst ‚leere‘ Quinten wie in Beethovens Neunter in den Raum stellen und dann um g-Moll kreisen, allerdings immer wieder die Harmonie durch fahle Halbtöne verzerren. Die Trompetensignale ertönen wie auch die anderen Partien der Bläser im ersten Satz zunächst durchweg gestopft. Die Lautstärke der Trompetensignale war ungewöhnlich laut. Im Vergleich zu anderen Interpretationen und Aufnahmen ging Andris Nelsons den ersten Satz noch etwas langsamer als ohnehin an. Im zweiten Satz hingegen (Der 9. Januar“: Allegro – Adagio – Allegro) setzte er von Beginn an auf Tempo. Beim ersten Fortissimo dieses Satzes ließ er die Posaunen in beeindruckender Weise anschwellen. Nach dieser ersten Aufgipfelung beruhigt sich die musikalische Situation bis fast zum Quasi-Stillstand des Kopfsatzes hin. Bei Nelsons allerdings waren Tempo und Dynamik schon in der Mitte des Satzes so gesteigert, dass es keinen Ruhepunkt gab und das sonst urplötzliche (und viele Zuhörer zusammenfahren lassende) Fortissimo der kleinen Trommel mehr Ziel- als Ausgangspunkt war. Die rhythmische und dynamische Explosion in diesem Satz, der die Schüsse der Soldaten des Zaren gegen Demonstranten in Musik setzt, klingt auf der neuen CD wie eine Horrorvision, ein blitzartig hereinbrechender und nicht aufzuhaltender Alptraum. In der Philharmonie hingegen war es eher ein brillantes Feuerwerk insbesondere des Schlagwerks – was man da gerade gehört hat, merkt der Zuhörer so recht erst, wenn die musikalischen Salven aufhören und das Orchester von fff abrupt zu ppp wechselt und man, sobald die Ohren sich umgestellt haben, wieder die Streicher und die Harfenakkorde hört, diesmal allerdings mit Celesta, und die Streicher sind nicht ruhig, sondern flirren und zittern. Ein Klanggemälde, dessen Wirkung man sich kaum entziehen kann.

Der dritte Satz („In memoriam“: Adagio) ist ein Trauergesang auf die Opfer des 9. Januar 1905. Hier wie auch in den anderen Sätzen verwendet Schostakowitsch (ehemals) bekanntes Liedgut, so dass ein russisches oder sowjetisches Publikum unmittelbare Assoziationen hat, die einem westlichen oder jüngeren Zuhörer erst über die Literatur nachvollziehbar werden. Dies gilt auch für die Unisono-Einleitung der Bratschen, die eine bei offiziellen Anlässen verbreitete Trauermusik aufnimmt. Die Vorteile der Philharmonie mit ihrer Akustik, die jeden Huster und jede herabfallende Garderobenmarke auf allen Plätzen hörbar werden lässt, hat hier zur Folge, dass eine Zurückhaltung bei der Lautstärke möglich ist, die andere Säle und andere Orchester als die Berliner Philharmoniker kaum erzielen könnten. Zudem nahm Nelsons das Tempo in diesem Satz sehr zurück. Bei den Ausbrüchen in der zweiten Hälfte des Satzes mit Bläsern und viel Schlagwerk setzte er eigene Akzente: Wo sonst vor allem die große Trommel und das Tamtam dominieren, ließ er hier das Blech die Töne lange aushalten und durch das Schlagzeug eher unterstreichen. Die folgende Reprise des Unisono wirkte noch leiser, noch verdämmernder, nicht von dieser Welt.

Berliner Philharmoniker / Andris Nelsons © Monika Rittershaus

Berliner Philharmoniker / Andris Nelsons © Monika Rittershaus

Irritierend war der Einstieg in den vierten Satz („Sturmgeläut“: Allegro non troppo – Allegro – Moderato – Adagio – Allegro). Entgegen der ausdrücklichen Metronombezeichnung nahm Nelsons das scharf konturierte Bläserthema nicht zügig, sondern bremste spürbar ab; die folgenden aufgeregten Figuren der tiefen Streicher folgten gemäß der eigentlichen Metronomangabe, für das zweite Bläsersignal wenige Takte später (Ziffer 123, Takt 18 mit Auftakt) ging Nelsons dann aber auf das deutlich langsamere Anfangstempo zurück, bevor es wieder zügiger weiterging. Dieses Vorgehen bleibt dem Rezensenten unverständlich. Die Sicht des Dirigenten auf den vierten Satz fiel deutlich subjektiver aus als zuvor, auch ganz am Ende: Das Sturmgeläut (gewaltig laute Glocken, die links und rechts in den Abgängen aufgestellt waren) mündet bei Schostakowitsch in eine lärmende Schlussminute, die wie die fünfte Symphonie des Komponisten abrupt und ohne echten musikalischen Schlusspunkt endet. In Berlin ließ Nelsons die Glocken lange nachhallen, obwohl in der Partitur die Musik in allen Instrumentengruppen abbricht und auch bei den Glocken noch ausdrücklich eine Achtelpause notiert ist. Der Effekt dieser Interpretation ist ohne Zweifel gegeben, bleibt doch der Glockenklang noch lange im Raum, während das Orchester schon längst zu spielen aufgehört hat (und das Publikum mit dem Applaus zum Warten zwingt).

Vor etlichen Jahren wählte an gleicher Stelle auch Sakari Oramo diesen Zugriff. Angesichts der expliziten Partituranweisung wäre ein Abbrechen auch des Glockenklangs aber vielleicht doch zu bevorzugen. Die in den vierten Satz eingewobenen Kampflieder wie die Warschawjanka wurden mit einem breit marschierenden Streicherrhythmus eingeleitet, der in dieser Interpretation fast stampfte. Höhepunkt dieses Satzes ist ein langes Englischhornsolo, das hier betont langsam ausgeführt wurde und das man technisch und interpretatorisch wohl kaum besser machen kann. Überhaupt war die Aufführung dieser Symphonie eine technische Glanzleistung, seien es die exakten Striche der Streichergruppen, seien es die nie kieksenden Hörner, die ein homogenes Pianissimo spielen, das man sonst kaum je zu hören bekommt, seien es die Harfen, die so genau aufeinander achteten, dass nichts ‚nachklapperte‘.

Daniil Trifonov – Klavierkonzert – hier zur Bestellung als Artist in Residence
youtube Trailer Berliner Philharmoniker
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Ist diese Symphonie plakativ?  Vielleicht.  Sozialistische Kampflieder in einer Symphonie lassen diesen Eindruck entstehen. Gleichzeitig ist hinlänglich bekannt, dass Schostakowitsch immer wieder mit doppeltem Boden komponierte und den vordergründigen Kotau vor der Macht mit um so galligerer und dennoch subtiler Kritik verband. Das Stück wurde 1957 uraufgeführt, in einer Zeit, die man außenpolitisch und kulturell allgemein als ‚Tauwetter‘ bezeichnet. Schostakowitsch, gerade fünfzig Jahre alt geworden, war Stalins Bannfluch los, nachdem offiziell verlautbart worden war, dass die gegen den Komponisten in den dreißiger Jahren erhobenen Vorwürfe überzogen und Stalins persönlicher Sicht zu verdanken gewesen seien. Dennoch: In der Literatur maßregelte Chruschtschow persönlich den im Westen alsbald sehr populären Boris Pasternak, was auch in den anderen Künsten als Warnsignal verzeichnet wurde, dass der Stalinismus nicht über Nacht verschwunden war. Schostakowitschs zehnte Symphonie war im Westen begeistert und im Osten mit einigen Reserven aufgenommen worden; mit der Elften war es damals umgekehrt. Heute wurden die Ausführenden in der vollen Berliner Philharmonie gefeiert, teilweise – namentlich Pauke und Englischhorn – wie Rockstars bejubelt. Die Sprache Schostakowitschs und die Interpretation dieses Abends fanden großen Anklang.

 

—| IOCO Kritik Berliner Philharmoniker |—

Schwarzenberg, Alpenarte, Andrei Ionita – Intendant in Residence, IOCO Aktuell, 01.04.2019

April 5, 2019 by  
Filed under alpenarte, Konzert, Schwazenberg

Alpenarte / Musikwissenschaftlerin Irina Paladi und Intendant in Residence Andrei Ionita © Schwarzenberg / Andreas Domjanic

Alpenarte / Musikwissenschaftlerin Irina Paladi und Intendant in Residence Andrei Ionita © Schwarzenberg / Andreas Domjanic

alpenarte

Andrei Ionita – Junger Intendant in Residence

Alpenarte : Eine Chance für junge Musiker –

von Thomas Thielemann

Mit zyklischen Alpenarte – Konzertreihen wird jungen Musikern die Möglichkeit geschaffen, als Intendant in Residence sich mit den Tücken der Organisation von Musik-Events vertraut zu machen.

Alpenarte – Schwarzenberg / Bregenzerwald –  

Als Intendant in Residence der Herbst-Alpenarte hatte der rumänische Cellist Andrei Ionita junge aufstrebende, aber durchaus bereits gestandene Musiker in das Österreicher Schwarzenberg, im Bregenzerwald eingeladen, um mit seinen Gästen in dem wundervollen Angelika-Kauffmann-Saal vier Themen-Kammerkonzerte zu gestalten.

Der schlichte, komplett aus Tannen- und Buchenholz errichtete Saal, bietet für die Kammermusik perfekte akustische Bedingungen. Nicht ohne Grund gilt der Saal als einer der besten Kammermusiksäle Österreichs. Der „Schuhschachtel-Konzertsaal“ ist mit einem offenen Flach-Satteldach abgedeckt, so dass die Leimbinder-Stützkonstruktion sichtbar bleibt. Seitlich vom Podium sind schräge Holzreflexwände angeordnet und hinter den Musikern war ein den Schall reflektierender Paravent aufgestellt. Interessanterweise haben auch die Panorama-Doppelglasfenster keinen gravierenden Einfluss auf die Klangentwicklung. Außerdem verfügt der Saal über eine ausgezeichnete Belüftungsanlage und im hinteren Bereich über eine Galerie. Ich empfand die Klangentfaltung allerdings als etwas trocken. Aber das mag ein individueller Eindruck sein.

Konzert des ersten Abends – Der deutschen Romantik gewidmet.

Der 1. Preisträger des Cello-Tschaikowskiwettbewerbs 2015 Andrei Ionita eröffnete den Abend mit dem spanischen Pianisten und Gewinner des Kissinger Klavier-Olymp 2018, Juan Pérez Floristán, mit drei Fantasiestücken op.73 von Robert Schumann. Danach komplettierte der spanische Klarinettist Pablo Barragán die Musiker, um gemeinsam mit beeindruckender Podiumpräsenz das Trio in a-Moll op. 114 von Johannes Brahms zu bieten.

Als drittes Werk spielten dann Ionita, Juan Pérez Floristan, der außergewöhnliche albanisch-griechische Violinist Jonian Ilias Kadesha, sowie Karolina Errera aus Moskau eine frische Interpretation des Brahms-Klavierquartetts Nr. 1, op. 25. Alle vier Musiker haben bereits hochrangige Wettbewerbe gewonnen.

Der zweite Konzertabend war einer Auswahl aus der Vielfalt der Musik Europas gewidmet. Mit einer expressiven Darbietung von Jörg Widmanns „Fantasie für Klarinette solo“ eröffnete Pablo Barragán das Programm. Die britische Cellistin Vashti Hunter verfügt bereits über solistische Erfahrung. Sie und Pablo Barragán begeisterten mit einer für ihre Instrumente arrangierten Auswahl zweistimmiger Inventionen von Johann Sebastian Bach und als Gegenstück das „Off Pist“ des Schwedischen Komponisten Svante Henryson. Danach brillierte Floristan mit der „Fantasia Betica“ für Klavier solo seines Landsmanns Manuel de Falla.

Das Europa-Programm ergänzte das Klavierquintett in A-Dur, op. 81 von Antonin Dvorak. Es spielten die Geiger Jonian-Ilias Kadesha und die koreanisch-kanadische Preisträgerin des Sibelius-Musikwettbewerbs 2015 Christel Lee. Die in Antalya ausgebildete Bratschistin Nilay Özdemir, die Cellistin Vashti Hunter sowie der Pianist Juan Pérez Floristan aus Sevilla komplettierten die höchstsensible Darbietung.

Alpenarte / Klavierquintett © Schwarzenberg / Andreas Domjanic

Alpenarte / Klavierquintett © Schwarzenberg / Andreas Domjanic

Als Zugabe wurde ein Medley der Europa-Hymne, der Österreicher Nationalhymne und Beethovens „Lied an die Freude“ intoniert. Das dritte Konzert hatte Andrei Ionita der Musik seiner Rumänischen Heimat gewidmet: „Dor:Rumänischer Traum“. Das Dor gilt als Hauptwesenszug des rumänischen Nationalcharakters und umfasst die rumänische Mentalität mit ihrem „Weltschmerz“, ihrer Sehnsucht, Nostalgie und Melancholie.

Ionita hatte ausschließlich Werke rumänischer Komponisten, bzw. im heutigen Staatsgebiet Rumäniens geborener Komponisten, wie Bela Bartok, in das Programm dieses Konzerts aufgenommen.

Mit seiner bereits gebotenen Intensität und Virtuosität begann Pablo Barragán mit einer Sonate für Klarinette solo von Tiberiu Olah (1928 bis 2002).

Als eine unbedingte Bereicherung der Musikerschar stellte sich die aus Ploiesti stammende Pianistin Daria Tudor vor. Sie ist mehrfache Musikpreisträgerin und häufige Kammermusik-Partnerin Andrei Ionitas. Eine Toccata von George Enescu war ihr fulminanter Einstieg in das Programm. Danach folgten von George Enescu „Carillon Nocturne“ und von Radu Paladi sein „Rondo a capriccio“.

Aus einer Auswahl der Duos für zwei Violinen, Sz. 98 des Béla Bartok spielten Jonian-Ilias Kadesha und Christel Lee. Danach folgten, unkonventionell für zwei Bratschen bearbeitete Stücke aus gleicher Quelle, von Karolina Errera und Nilay Özdemir routiniert dargeboten. Beschwingt beendeten Andrei Ionita und Daria Tudor den ersten Teil des Programms mit Rumänischen Volkstänzen von Béla Bartok.

Die Tochter des Komponisten Radu Paladin (1927-2013), die Musikwissenschaftlerin und Publizistin Irina Paladi, führte danach mit dem vom Komponisten geförderten Andrei Ionita  ein informierendes und auch emotionales Podiumsgespräch über das Leben und das Werk des bedeutendsten Komponisten Rumäniens der jüngsten Vergangenheit. Beide führten das Publikum zu einem der musikalischen Höhepunkte des Viertage-Zyklus, einer berührenden Interpretation des Streichquartetts Nr.1 in c-Moll von Radu Paladi.

Neben Andrei Ionita, Karolina Errera und Jonian-Ilias Kadesha übernahm die Enkelin des Komponisten Alexandra Paladi einen Violinen-Part. Als Orchester- und Kammermusikerin sowie als Solistin verfügt sie bereits über reiche künstlerische Erfahrungen.

Das Abschlusskonzert widmete der Intendant der ihm besonders nahestehenden russischen Musik. Das Konzert wurde mit dem Klaviertrio élégiaque Nr.1 in g-Moll von Sergej Rachmaninow eröffnet, das dieser im Alter von 19 Jahren komponierte. Als Solisten erfreuten mit einer frischen unkonventionellen Darbietung Alexandra Paladi, Vashti Hunter und die phantastische Daria Tudor

Mit Dmitri Schostakowitschs schmerzbeladenem Klaviertrio Nr. 2 in e-Moll folgte der für uns emotionale Höhepunkt des Festivals. Mit höchster Sensibilität von Daria Tudor, Christel Lee und Andrei Ionita musiziert, hätten wir uns das Trio eigentlich als Abschluss der Alpenarte 2018 gewünscht.

Alpenarte / Schlussapplaus © Schwarzenberg / Andreas Domjanic

Alpenarte / Schlussapplaus © Schwarzenberg / Andreas Domjanic

Den Schluss bildete Peter Tschaikowskis Streichsextett „Souvenir de Florence“ in d-Moll, mit dem die sechs Streicher der vier vergangenen Konzerte noch einmal ihre glückliche Kombination aus Virtuosität, Jugendfrische und sich entwickelnder musikalischer Reife zur Geltung bringen konnten.

Mit der Zugabe, einer Bearbeitung des Andante aus Tschaikowskis Streichkonzert Nr. 1 für das gesamte Alpenarte-Ensemble und dem Solopart mit Andrei Ionita, wurde dem Auditorium noch ein Ohrwurm zum Abschluss geboten, was auch mit stehenden Ovationen gefeiert wurde.

Für uns, aus dem doch recht entfernten Dresden Angereiste und durchaus musikverwöhnte Hörer, war das Festival ein wunderbares Erlebnis. Die noch sehr jungen, hoch talentierten Musiker hinterließen einen so unvergesslichen Eindruck, dass bei uns der Wunsch entstand, mehr davon zu erleben.

Die nächste Alpenarte findet vom 9. bis 12. Mai 2019 mit der Intendanz in Residence der Flötistin Eva-Nina Kozmus in Schwarzenberg statt.

—| IOCO Aktuell alpenarte Schwarzenberg|—

Essen, Philharmonie Essen, Pianist Mikhail Pletnev und das Russian National Orchestra, 06.04.2019

März 29, 2019 by  
Filed under Konzert, Philharmonie Essen, Pressemeldung

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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / Mikhail Pletnev © Alexei Molchanovsky

Philharmonie Essen / Mikhail Pletnev © Alexei Molchanovsky

Pianist Mikhail Pletnev spielt mit dem Russian National Orchestra

Rachmaninows 2. Klavierkonzert am Sa., 6. April 2019, um 20 Uhr in der Philharmonie Essen.

Konzerteinführung für Kinder ab 10 Jahren

Mit einem feinsinnigen Solo-Recital konnte man Mikhail Pletnev gerade erst in der Philharmonie Essen erleben. Bis zu seiner Rückkehr in den Alfried Krupp Saal dauert es nicht mehr lange: Am Samstag, 6. April 2019, um 20 Uhr ist der russische Pianist erneut zu Gast, diesmal mit seinem Russian National Orchestra unter der Leitung von Alain Altinoglu. Interpretieren wird Pletnev das ebenso berühmte wie hoch virtuose Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll von Sergej Rachmaninow. Außerdem spielt das Orchester die Ouvertüre zu „Chowanschtschina“ (Morgendämmerung an der Moskwa) von Modest Mussorgski sowie die Sinfonie Nr. 5 d-Moll, op. 47 von Dmitri Schostakowitsch.

Das Russian National Orchestra wurde 1990 von Mikhail Pletnev gegründet. Bereits im darauffolgenden Jahr stellte das britische Musikmagazin „Gramophone“ fest: „Beeindruckend – ist es möglich, dass gewöhnliche Sterbliche so spielen können?“ Seitdem sorgt das Orchester international regelmäßig für begeisternde Auftritte. Auch in der Philharmonie Essen konnte sich das Publikum in den vergangenen Jahren schon von dem einzigartigen Klang überzeugen. Erfolgreich ist das Russian National Orchestra auch auf Tonträgern: Die Aufnahme von Schostakowitschs Sinfonie Nr. 7 unter der Leitung von Paavo Järvi wurde mit dem Diapason d?Or de l?Année 2015 ausgezeichnet und für den Grammy Award 2016 nominiert.

Für Kinder ab 10 Jahren bietet die Philharmonie während des ersten Konzertteils eine separate Einführung an. Den zweiten Teil können sie dann gemeinsam mit ihren Eltern gut vorbereitet live erleben. Für Kinder und Eltern gibt es ermäßigte Karten (€ 10,00 für Erwachsene; € 6,60 für Kinder; Reservierung erforderlich unter education@tup-online.de, Tel. 02 01 81 22-826).

Gefördert von der Kulturstiftung Essen.

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

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