Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Der fliegende Holländer – Richard Wagner, IOCO Kritik, 14.09.2018

September 15, 2018 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Der fliegende Holländer – Richard Wagner

„Wer baut auf Wind, baut auf Satans Erbarmen“

Von Thomas Kunzmann

Nach sechs Jahren: Jan Philipp Glogers Holländer findet „zur ewigen Ruh’“

Die sechste und letzte Vorstellung 2018 findet bei moderaten Außentemperaturen statt, sodass das Publikum keineswegs Glogers Idee, Daland ausgerechnet Ventilatoren produzieren zu lassen (Foto), als Verhöhnung der schwitzenden Besucher empfinden muss. Vielmehr steht zu vermuten, dass Dalands Leidklage „Wer baut auf Wind“ einer euphemistischen Bedeutung zugeführt wurde. Nur vereinzelt wedeln Fächer oder Programmhefte in den Reihen. Letzteren ließ sich entnehmen, dass die Regie den ruhelosen Holländer als unermüdlichen Geschäftsmann deutet. Dem Publikum erspart es Seemannsromantik und den Bühnenbildnern zwei voluminöse Schiffe.

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer - hier : vl Daland, Steuermann, Holländer mit Handy und Ventilatoren_Prospekt © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer – hier : vl Daland, Steuermann, Holländer mit Handy und Ventilatoren_Prospekt © Enrico Nawrath

Stattdessen: Bühnenraum füllende, matrix-artig pulsierende Digitalanzeigen. Unwillkürlich denkt man an das Schürfen von Bitcoins, jener digitalen Währung, von der jeder hört, die aber scheinbar niemand besitzt. Und die, die sie besitzen, erscheinen unvorstellbar reich. Sie zu generieren ist aufwändig, energieintensiv. Da passt es, dass sich der Holländer alle 7 Jahre nur, angewidert von seinen Lakaien und gelangweilt von käuflicher Liebe, die Zeit nimmt, in der Realität nach einem alternativen Lebenssinn zu suchen. Sicher nicht einfach, erkennt man an ihm wie auch an seiner Mannschaft schon Auflösungserscheinungen, als würde er Stück für Stück ganz in die Datenwelt überwechseln. Diesmal trifft er auf Daland, den rein wirtschaftlich das digitale Zeitalter nahezu weggefegt hat, und dessen Tochter. Dalands Ruderboot inmitten der Datenbahnen. Sowohl einzige nautische Referenz, als auch symbolträchtige Reduktion eines Handelsschiffes. Kaum extremer ließe sich das den äußeren Gewalten Ausgeliefertsein darstellen. Vorsichtig entsteigt der Steuermann der Nussschale ohne Schaden zu nehmen und beweist damit, dass man in dieser neuen Welt nicht zwangsläufig untergehen muss.

Senta ist dann wohl eher der Albtraum eines ehemals erfolgreichen Industriellen. Früher hatte sie sich mit Hausmeister Erik vergnügt, an der Produktion zeigt sie keinerlei Interesse und ihre Zeit verbringt sie lieber kreativ. Statt ein Bildnis des Fremden anzuhimmeln, bastelt sie sich eine eigene Holländer-Skulptur. Und während die Mädels in der Packstation, dauerlächelnd, wie in einer Ariel-Werbung, als wäre es die höchste Form der Selbstverwirklichung, im Takt eines gemeinschaftlich intonierten Spinnerliedchens Ventilatoren zu verschnüren, um sie in alle Welt zu versenden, erwacht Sentas Kunstgebilde zum Leben, von Daland hereingeführt. Sieht diesem zwar nicht ähnlich, aber das ist nicht ungewöhnlich bei moderner Kunst.

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer - hier : Daland:_Senta, mein Kind, sag, bist auch du bereit__ Holländer trifft Senta ©  Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer – hier : Daland:_Senta, mein Kind, sag, bist auch du bereit__  Holländer trifft Senta ©  Enrico Nawrath

Und er steht am rechten Platz, wo eben noch das Kunstwerk thronte. Könnte klappen, meinen wohl beide und es geht auch gut los, auch wenn alte und neue Welt noch nicht harmonieren, der Wille ist da. Bis der weinerliche Hausmeister im Kampf um seine Angehimmelte den letzten Trumpf aus dem Ärmel zieht: die gemeinsamen Erinnerungsfotos. Senta, nicht gerade geübt im Umgang mit ihren Emotionen, steigt mit kindlicher Freude auf die Bilder ein, der Holländer missversteht als Einziger im Saal Sentas infantilen Ausbruch und plant die Abreise (hier findet sich eine deutliche Parallele zu Wagners Werk). Zwar kann die Kunstfigur „Holländer“ sich selbst nicht aus dem Rennen nehmen, aber Senta, seine Schöpferin kann es. Mit ihrer Selbsttötung beendet sie auch das Leiden des Verdammten. Der Steuermann filmt den Showdown mit dem Handy – wohl für Instagram oder Youtube, womöglich ein Hinweis darauf, dass die Medienmacht die nächste neue Welt darstellt.

Axel Kober nimmt die Zeit-ist-Geld-Devise in der Ouvertüre auf, es beginnt hastig, wirkt etwas abgehackt, als wolle er den Regieansatz auch musikalisch umsetzen und pegelt sich aber gegen Ende auf ein Normalmaß ein.

Ricarda Merbeths Senta ist eine überzeugende, impulsiv-kreative, trotzige Spätpubertierende. Ihre schrillen Höhen lassen sich noch mit diesem Regieansatz erklären, die unsaubere Intonation und eingeschränkte Textverständlichkeit allerdings nicht. Die drei „Buh“’s gingen jedoch im allgemeinen Applaus unter.

Peter Rose, gefangen zwischen Unbeholfenheit und Hoffnung, devoter Schleimerei und einstiger Größe, gibt einen darstellerisch abwechslungsreichen Daland mit sonorem Bass. Marys Rolle wirkt in der Inszenierung etwas an den Rand gedrängt; stimmlich ist Christa Mayer las Mary jedoch ein Genuss. Oft hörte man schon den Steuermann zwischen den Mächtigen untergehen, nicht so Rainer Trost, der sich mit klangschönem weichem Tenor als Steuermann neben Daland mühelos behauptet.

Erik (Tomislav Mužek) leidet unter Geldsorgen, fehlendem Selbstbewusstsein, seinem Job, Sentas Zurückweisung. Das Publikum schien ihm am liebsten einen schicken Mantel als Ersatz für den schäbigen Kittel spendieren zu wollen. Nicht nur der herzzerreißenden Rolle wegen, sondern weil er jede seiner Emotionen in die perfekte Klangfarbe zu übersetzen weiß. Ungewöhnlich und beeindruckend der Holländer von John Lundgren. Als Geschäftsmann kann er metallisch hohl, fast entmenschlicht klingen, um dann wiederum im Duett mit Senta in weiche Fülle zu wechseln.

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer - hier : der wunderbare Chor Frabrikarbeiter und Matrosen © Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Der fliegende Holländer – hier : der wunderbare Chor Frabrikarbeiter und Matrosen © Enrico Nawrath

Der uneingeschränkte Glanzpunkt des Abends war unbestritten der fulminante Chor, der die schrullige 50er-Jahre-Romantik ebenso überzeugend leichtfüßig bis kitschig zu verkörpern vermochte, wie den überwältigenden Donner, wenn die Besatzung des Holländer-Schiffs auf Dalands Fabrikarbeiter (Foto) prallt.

Glogers Inszenierung folgt einer nachvollziehbaren Idee und punktet mit augenzwinkernder Kapitalismuskritik. Nicht immer ist die Abfolge schlüssig. Der große Skandal blieb damals wie heute aus, der überwältigende Erfolg allerdings auch. Einige Bilder werden lange im Gedächtnis haften. Dennoch bleibt der Abend hinter den Erwartungen, die man an die mit Abstand wichtigste Wagner-Bühne stellt, ein wenig zurück.

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Hagen, Theater Hagen, Der fliegende Holländer von Richard Wagner, 16.12.2017

Dezember 11, 2017 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, Theater Hagen

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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Der fliegende Holländer von Richard Wagner

Am Samstag, 16. Dezember 2017, 19.30 Uhr, findet die letzte Vorstellung der romantischen Oper Der fliegende Holländer von Richard Wagner im Theater Hagen (Großes Haus) statt. – Alle sieben Jahre, so erzählt die Legende vom „Fliegenden Holländer“, geht der zur Ruhelosigkeit verdammte Seemann an Land auf der Suche nach der Liebe und Treue einer Frau.

 IOCO Kritik zur mitnehmenden Holländer – Inszenierung:  HIER

Nur diese könnten ihn erlösen. Als der norwegische Seefahrer Daland seiner Tochter Senta einen fremden Seemann vorstellt, ist sie gebannt von dessen dunkler Anziehungskraft. Niemand anderem als dem fliegenden Holländer steht sie gegenüber. Senta will ihm folgen und entscheidet sich gegen einen bürgerlich sicheren Weg mit ihrem Verehrer Erik. Wird das für den Holländer die Erlösung sein? Welchen Preis hat Senta dafür zu zahlen?

Theater Hagen / Der fliegende Holländer - Veronika Haller (als Senta) © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der fliegende Holländer – Veronika Haller (als Senta) © Klaus Lefebvre

Die Schwestern Beverly und Rebecca Blankenship setzten als Regie-Duo ihre erfolgreiche Zusammenarbeit fort und nahmen in Hagen den Mythos von ewiger Liebe und der Forderung nach ewiger Treue genauer unter die Lupe. In archaischen Bildern erzählen sie eine Geschichte von den Schattenseiten der Gesellschaft, in der die Angst vor dem Fremden und der eigenen dunklen Seite umgeht wie ein Gespenst. Der Ausstatter Peer Palmowski entwarf dazu ein spektakuläres Bühnenbild mit 24 000 Litern Wasser auf der Bühne…

Unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Joseph Trafton singen und spielen: Karsten Mewes (Holländer), Veronika Haller (Senta), Rena Kleifeld (Mary), Ladislav Elgr (Erik), Daniel Jenz (Steuermann), Rainer Zaun (Daland); Chor und Extrachor und Statisterie des Theater Hagen, Philharmonisches Orchester Hagen.

—| Pressemeldung Theater Hagen |—

Hannover, Staatsoper Hannover, Wiederaufnahme Der fliegende Holländer, 30.09.2017

September 29, 2017 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, StaatsOper Hannover

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Staatsoper Hannover 

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

Wiederaufnahme von Richard Wagners „Der fliegende Holländer“

Samstag, 30. September 2017, 19.30 Uhr, Opernhaus

Dank seiner mitreißenden Chöre, eindringlichen Soloszenen und spannungsreichen Duette zählt Richard Wagners Oper „Der fliegende Holländer“ zu den beliebtesten Werken Richard Wagners. Ab Samstag, 30. September 2017, 19.30 Uhr, wird der „Holländer“ in der Inszenierung von Bernd Mottl wieder an der Staatsoper Hannover gezeigt. Insgesamt sechs Vorstellungen stehen in dieser Saison auf dem Spielplan.

Staatsoper Hannover / Der fliegende Holländer © Thomas M. Jauk

Staatsoper Hannover / Der fliegende Holländer © Thomas M. Jauk

Die musikalische Leitung der Wiederaufnahme hat Generalmusikdirektor Ivan Repuši?, weitere Vorstellungen wird außerdem der 1. Kapellmeister Mark Rohde dirigieren. In den Hauptrollen sind wieder Kelly God (Senta) und Stefan Adam (Holländer) zu erleben. In der Rolle des Erik alternieren Robert Künzli und Eric Laporte. Es spielt das Niedersächsische Staatsorchester Hannover, es singt der Chor der Staatsoper Hannover.

Termine: Sa, 30.09.; Di, 10.10.; Fr, 20.10.; So, 05.11. (18.30); Di, 14.11.; Do, 23.11., jeweils 19.30 (wenn nicht anders angegeben)

—| Pressemeldung Staatsoper Hannover |—

Hagen, Theater Hagen, Der fliegende Holländer – Spannendes Psychodrama, IOCO Kritik, 09.05.2017

Mai 10, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater Hagen

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Theater Hagen

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Theater Hagen bei Nacht © Stefan Kuehle

Der fliegende Holländer von Richard Wagner

Psychodrama auf weiter Wasserlandschaft

Von Viktor Jarosch

Die Memoiren des Herren von Schnabelewopski, in denen Heinrich Heine 1831 schreibt „Die Fabel von dem Fliegenden Holländer ist euch gewiss bekannt. Es ist die Geschichte von dem verwünschten Schiffe, das nie in den Hafen gelangen kann“, begegneten Richard Wagner früh. Er rühmte „die von Heine erfundene Behandlung der Erlösung…..die ihm alles in die Hand gab, die Sage zu einem Opernsujet zu benützen.“ Doch zu seiner Oper inspirierte Wagner wohl erst seine traumatische Flucht vor Gläubigern von Riga nach London, 1839, vier Wochen auf einem kleinen Segelschiff, mehrfach von lebensbedrohenden Stürmen bedroht. Im Januar 1843 in Dresden mit mäßigem Erfolg uraufgeführt, überarbeitete Wagner das Werk mehrfach. Es wurde zum bleibenden Welterfolg. Mystische Erzählungen, Sagen reizten Wagner fortan sein ganzes Leben. 1850 schrieb er: „Das Unvergleichliche des Mythos ist, dass er…für alle Zeiten unerschöpflich ist“. So begann mit dem Holländer auch Wagners dichterische Laufbahn., „ich fürchtete entdecken zu müssen, daß ich gar nicht mehr Musiker sei.“

Theater Hagen / Der fliegende Holländer © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der fliegende Holländer © Klaus Lefebvre

Der Fliegende Holländer, eine der meistgespielten Opern der Welt, wird im Theater Hagen ungewöhnlich inszeniert. Die Schwestern Beverly und Rebecca Blankenship kupfern als Regie-Duo in Hagen nicht die alte Sage ab; sie nehmen die Zwänge menschlicher Gemeinschaften, den Mythos von ewiger Liebe, der Forderung nach ewiger Treue unter die Lupe. Als Einakter, ohne Pause, in archaischen Bildern erzählen Beverly und Rebecca Blankenship in ihrem Holländer eine Geschichte von den Schattenseiten der Gesellschaft, in der Angst vor Fremdem und der eigenen dunklen Seite wie ein Gespenst umgeht. Der Holländer wird im Theater Hagen zum Ausdruck des Unterbewussten. Das Verruchte, der Hass, das Vorurteil einer Dorfgemeinschaft soll durch seine Person verkörpert werden. Ein ungewöhnlicher Regieansatz, stellt er doch besondere Anforderungen nicht nur an das Ensemble auf der Bühne sondern auch an die Besucher in den Rängen. Doch es lohnt sich, ihm zu folgen.

Theater Hagen / Der Holländer - Joachim Goltz © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der Holländer – Joachim Goltz © Klaus Lefebvre

In seiner Ouvertüre läßt Richard Wagner in musikalischem Sinnbild die Handlung vorüber ziehen. In Hagen ziehen zur düsteren Chromatik der Ouvertüre massiv drohende Gewitterwolken über den Bühnenvorhang. Doch dann, eine atemberaubende Überraschung: Geöffnet zeigt sich im Halbdunkel auf der Bühne eine unendliche Wasserlandschaft, das Meer (Bühne Peer Palmowski). Hintergrund und Seiten der Bühne sind abgedunkelt, nicht einsichtig. 24.000 Liter beständig reflektierendes Wasser auf dem Bühnenboden erzeugen eine somnambul dramatische Grundstimmung, durch wechselnde Lichteffekte gesteigert. Ein einzigartiger Regieeinfall in der Theaterwelt: Meer, Sturm und Unterbewusstes sind die durchgängigen Paradigmen dieser Inszenierung. Kinder spielen zur Ouvertüre im Wasser, finden eine Frauenleiche. Menschen aus dem Dorf zerren die Kinder von ihrem Fund weg. Die Frauenleiche im Wasser: Eines der Opfer des Holländers? Ein Opfer des vom Holländer wie vielen Männern gepriesenen Mythos um ewige Frauentreue; welcher doch, so Holländer selbst, „zahllose – weibliche – Opfer“ ins Verderben führte. In Hagen ist die Frauenleiche auch Pschychogramm einer Lebensgemeinschaft, welche durch Verhaltenszwänge Individuen in ihrer Mitte bedrängt und auch vernichtet.

Theater Hagen / Der fliegende Holländer © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der fliegende Holländer © Klaus Lefebvre

Die Bühne wird in Hagen zu einem symbolischen Ort, einem psychologischen Raum der Dorfgemeinschaft, welcher die Grenzen zwischen Realität, Traum und Wunsch verwischt. Der fliegende Holländer in Hagen: Ein Psychodrama. So beherrschen mit dem ersten Aufzug farbig blitzende Wasserwogen das Bühnenbild. Segeltaue fallen von Bühnenhimmel. Die Dorfgemeinschaft, die Matrosen, alle auf der Bühne in Gummistiefeln, ergreifen die Taue, arbeiten geräuschvoll („Hohoje!..“) fallen in tiefen Schlaf. Der Holländer taucht in schwarzen Mantel eher unauffällig unter den schlafenden  Gemeinschaft auf. „Die Frist ist um, und abermals verstrichen sind sieben Jahr“, werden in Hagen zu einem eher unbewußten Ausdruck von Ängsten und Freuden. Der Holländer ist ihr sichtbar gewordenes Unterbewusstsein, des Hasses auf Daland, ist dunkle Seite der Psyche der Dorfgemeinschaft. Zwangsläufig zeigt die Regie auch kein Schiff des Holländers „mit blutroten Segeln“ auf der Bühne. Stattdessen zerrt der Holländer später eine tote Frau an ihren Haaren durch Wasser: Eine von der Dorfgemeinschaft Verteufelte. Unendliche Wasserwelten, Nebelschwaden im Bühnenhimmel wie auf dem Wasser, drohend changierende, rote, schwarze wie blaue Lichtfetzen (Licht Hans-Joachim Köster) verwandeln in Hagen die  Bühnenhandlung nicht zur Wiedergabe einer alten Sage sondern zum Ausdruck, Symbol unterbewusster emontionaler Zwänge und Verwerfungen in menschlichen Gemeinschaften.

Theater Hagen / Der fliegende Holländer - Holländer und Senta © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der fliegende Holländer – Holländer und Senta © Klaus Lefebvre

Im zweiten Aufzug dominiert in der Wasserwelt ein übergroßer Seetauknoten; kein Kamin, keine Spinnstube. Die Spinnerinnen werden zur Dorfgemeinschaft „Summ und brumm, du gutes Rädchen, munter, munter dreh dich um„, ziehen diese den Knoten im Kreis. Senta hält ein Buch mit dem Bild des Holländer, sinniert, den verwunschenen Mann zu erlösen. Erik allein offfenbart reales Leben, in sinnlicher Zärtlichkeit wie durch seine Eifersucht. Senta, gefangen in Träumen den Holländer zu erlösen und dadurch das Verruchte der Dorfgemeinschaft zu verlassen, erwidert Erik nur schematisch, fast widerwillig. Die Hagener Inszenierung endet, indem der Holländer, das Unterbewußtsein, sich wieder in der Dorfgemeinschaft zurück zieht, darin aufgeht. Senta, dagegen, als Regelbrecherin, muss sterben, wird ausgestoßen.

Theater Hagen / Der fliegende Holländer - Holländer und Daland © Klaus Lefebvre

Theater Hagen / Der fliegende Holländer – Holländer und Daland © Klaus Lefebvre

Das Philharmonische Orchester Hagen unter Mihhail Gerts fand seinen Weg in die komplexe Wagner-Komposition zur Ouvertüre noch etwas verhalten, nüchtern wenn auch kräftig. Doch die Klang-Balance reussierte: Zunehmende Dramatik, starke Einzelleistungen ließen die Komposition Richard Wagners strahlen. Kernig kräftig sangen die großen Chöre, (Wolfgang Müller-Salow). Mirko Roschkowski beherrschte seine anspruchsvolle Tenorpartie als Erik mit stets frischem lyrischem Belcanto, gab dieser Premiere stimmliche Dominanz. Joachim Goltz zeigte als Holländer darstellerisch und stimmlich große Präsenz. Auch die Solisten des Theater Hagen, Rena Kleifeld als Mary, Rainer Zaun als Daland und Veronika Haller als Senta füllten ihre Partien darstellerisch wie stimmlich zumeist gut aus.
Eine ungewöhnliche Inszenierung im Theater Hagen: Die Sage um den fliegenden Holländer wird in Hagen inmitten einer einmaligen Wasserlandschaft zum Psychogramm einer Dorfgemeinschaft, in welcher Verruchtes, Hass und Vorurteile stets präsent sind. Der Regieansatz; für Besucher wie Ensemble anspruchsvoll wie optisch ungewöhnlich reizvoll. Das Premierenpublikum dankte mit großem Beifall.

Der fliegende Holländer im Theater Hagen:  Weitere Vorstellungen: 19.5., 24.5., 31.5.; 9.6., 17.6.; 2.7. (18.00 Uhr), 13.7.2017 – jeweils 19.30 Uhr

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