Dresden, Semperoper, Die Zauberflöte – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 04.11.2020

November 3, 2020 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, SemperOper

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper in Dresden © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden

Die Zauberflöte  –  Wolfgang Amadeus Mozart

– Der kindliche Tamino betrachtet sein Erwachsenwerden –

von Thomas Thielemann

Mit einer Presse-Aussendung hatte die Semperoper am 30. September 2020 mitgeteilt, dass in Anbetracht des begrenzten Corona-Infektionsgeschehens im Bundesland Sachsen ab dem November die in adaptierten Fassungen angebotenen Opern- und Ballettvorstellungen zwar unter Berücksichtigung geltender Hygiene-Maßnahmen, aber in nahezu voller Länge zur Aufführung kommen werden. Dazu sollten ein erweitertes Sitzplatzangebot, Pausen sowie die Öffnung des Garderobenservices und der gastronomischen Einrichtungen einen weiteren Schritt in Richtung einer Normalität erbringen.

Den Auftakt dieser lang erwarteter Entwicklung könnte am 1. November 2020  die Premiere der Inszenierung Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte von Josef Ernst Köpplinger in der vollen Länge bieten. Nun hatte sich seit der ersten Oktober-Dekade das Infektionsgeschehen auch im Freistaat derart rasant entwickelt, dass inzwischen auch in Sachsen der „Wellenbrecher-Lock Down“ zu praktizieren ist. Damit wurde für die Premiere die Besucherzahl wieder mit 331 Personen begrenzt und die Aufführungsdauer von 180 auf 125 Minuten eingedampft. Auch erfolgte die Aufführung ohne Pause sowie ohne die sonstigen angekündigten Verbesserungen.

Die Zauberflöte – making of mit Regisseur Köpplinger
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Es blieb zum Glück die Verortung der etwas mehr als dreißig Orchestermusiker der Staatskapelle mit dem musikalischen Leiter Omer Meir Wellber im Graben, so dass ein „normaler Klangeindruck“ gesichert blieb.

Wolfgang Amadeus Mozarts bekannteste Oper Die Zauberflöte wird oft als eine Mischung von Opera Seria, Opera Buffa und Singspiel abqualifiziert. Tatsächlich hat der Librettist und Theaterpraktiker Emanuel Schikaneder (1751-1812) dem Komponisten mehr als eine grobe Mischung aus Zaubermärchen, Maschinentheater sowie volkstümlicher Komödie, die er mit den Mysterien der Freimaurer anreicherte, vorgegeben. Natürlich bat der Theaterdirektor Schikaneder das befreundete Musikgenie Mozart vor allem um die Komposition eines erfolgversprechenden Beitrags für die finanzielle Sanierung seines Vorstadttheater auf der Wieden. Da das Theater mit dem Singspiel Oberon von Paul Wranitzki (1756-1808) bereits im Jahre 1790 großen Erfolg gehabt hatte, schlug Schikaneder dem Freund vor, den vergleichbaren Quellen, den Märchen der Sammlung des Christoph Martin Wieland (1733-1813) Dschinnistan zu folgen. Ausgewählt wurde das Werk Lulu oder Die Zauberflöte des Wieland-Schwiegersohns August Jacob Liebeskind (1758-1793). Verwoben wurde diese Vorlage mit Motiven der gleichfalls in der Sammlung enthaltenen Märchen von Friedrich Hildebrand von Einsiedel (1750-1828) Das Labyrinth und Die klugen Knaben sowie mit weiteren zeitgenössischen Werken unter anderem von Matthias Claudius (1740-1815).

Die Sammlungen sind vor allem in den 1780er Jahren in Weimar im Umfeld von Goethe und Herder, als Wieland von der Herzogin Anna Amalia als Erzieher ihrer Söhne nach Weimar berufen worden war, entstanden. Mit den literarischen Vorlagen waren der Zauberflöte bereits sozialethische Grundsätze von Schönheit, Weisheit und Stärke vorgegeben. Als „Freimaurer“ kombinierten die Schöpfer des Werkes deren Gedanken der Einheit von Humanität, Liebe, Bildung und Pathos. Des Weiteren sind Anklänge der Bewegung des fiktiven Christian Rosencreutzer, der mit einer kontinuierlichen Reformierung von Wissenschaft, Ethik und Glaube der Entfremdung zwischen Wissenschaft und Christlicher Kultur vorbeugen wollte, in das Libretto eingeflossen. In den Text sind leider auch Aspekte von Frauenfeindlichkeit und Rassismus eingegangen.

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

In seiner Inszenierung übertrug Josef E. Köpplinger den Kindern, diese massiven Vorgaben mit ihrer Sicht auf die Entwicklung der Hauptfiguren zu reflektieren. Das sorgfältig vorbereitete Konzept konnte in der gekürzten Fassung nach meinem Empfinden vollständig umgesetzt werden. Der jugendliche Tamino gerät in die „Wildnis des Lebens“, verstrickt sich, gerät in die Gefahren einer Schlange, der drei Damen der Königin der Nacht und wehrt sich.

Das Folgende geschieht in seiner Fantasie: auf der Bühne ist immer etwas los. Köpplinger gelingt dank seine Einfälle und der glänzenden Personenführung ein abwechslungsreiches Spektakel. Es wechseln Anleihen bei den Symbolisten mit mystischen Aspekten. Nicht alles ist neu, wäre auch bei der Fülle von Inszenierungen der Oper verwunderlich, ist aber immer gekonnt, unterhaltsam und logisch in das Bühnengeschehen eingebaut. Die schlüssige Entwicklung der Tamina vom aufmüpfigen Teenager zur Tamino-Gefährtin und des Tamino vom naiven, von der Königin manipulierten, Knaben zum Kandidaten der Sarastro-Nachfolge war schlüssig eingebunden. Logisch dass sich am Schluss das Paar nicht in die frauenfeindliche starre Männergesellschaft einbinden lässt und fröhlich in eine selbstgestaltete Zukunft abgeht. Ohne erhobenen Zeigefinger postuliert Köpplinger unsere modernen Auffassungen zum Verhältnis der menschlichen Gesellschaft zur Natur, schon weil diese Gedanken der Rosenkreuzer-Bewegung im Libretto Schikaneders angelegt sind.

Die Zauberflöte – making of mit Pamina und Tamino
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Musiziert und gesungen wurde auf hohem und höchstem Niveau. Mit seiner musikalischen Leitung gelang es Omer Meir Wellber der Mozart-Komposition eine besondere Intensität abzugewinnen. Sein faszinierender Ansatz war kraftvoll und dynamisch, die Tempi ausgewogen, ohne in sterilen Perfektionismus zu verfallen. Sein hervorragend gutes Verhältnis zu der hervorragenden Musiker-Besetzung der Staatskapelle blieb deutlich spürbar. Auch standen Wellber überwiegend großartige Sängerinnen und Sänger zur Verfügung, die er auf das Vollkommenste einzubinden verstand. Allen voran, der in seiner Heimatstadt lange vermisste René Pape, der als der Sarastro unserer Tage gilt. Dem Sarastro, den er seit 1988 im Repertoire hat, gab er Kraft seiner wundervollen Bassstimme Prägnanz und milde Autorität, aber eben auch Statik.

Dieser über dreißigjähriger Rollenpraxis stand das Rollendebüt von Nikola Hillebrand in der dem Sarastro ambivalenten Rolle der Königin der Nacht. Die Sängerin vom Mannheimer Nationaltheater, inzwischen zum Semper Ensemble gewechselt, brillierte mit einem hell strahlenden Sopran und sicherer differenzierter Gestaltung der Partie, während das Paar Pamina und Tamino mit jugendlicher Frische aufwartete. Die 2015 aus Finnland ins Hausensemble gekommene Tuuli Takala kam, nach ihrem Berliner Ausflug als Königin der Nacht, mit der Pamina sowohl im Gesang, als auch der Darstellung mit ihrer Natürlichkeit als rebellierender Teenager und andererseits mit ergreifender menschlichen Tiefe hervorragend zurecht.

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Die Zauberflöte © Ludwig Olah

Dem Tamino hatte die Regie den größten Spannungsbogen der Entwicklung vom Knaben zum würdigen Beinah-Nachfolger des Sarasto zugeordnet. Der amerikanische im Hausensemble Tenor Joseph Dennis aus dem Hausensemble, eigentlich erst in der Zweitbesetzung als Tamino vorgesehen, überzeugte mit positiver rustikaler Ausstrahlung.
Das Buffo-Paar Papagena und Papageno war den Ensemblemitgliedern Katerina von Bennigsen und Sebastian Wartig anvertraut worden. Dem komödiantischen Talent der Sopranistin blieben nur die Szenen mit dem „alten Weib“ und das Pa-Pa-pa-Duett, während Sebastian Wartig seinem „Affen ordentlich Zucker“ geben konnte. Auch mit seinem Gesang wusste er zu begeistern.

Als besonders widerwärtiges Trio die Damen der Königin, aber mit hervorragender Gesangskultur, boten die Sopranistinnen des Ensembles Roxana Incontrera und Stepanka Pucalkova sowie die Mezzosopranistin Christa Mayer ihre Auftritte. Archaisch hingegen die Beiträge der Geharnischten von Jürgen Müller und Matthias Henneberg. Statisch wie von der Regie angelegt, kamen die Priester Mateusz Hoedt und Gerald Hupach mit beeindruckenden Stimmen über die Bühne. Dazu wirkte auch prachtvoll der auf vierundzwanzig Sänger ausgedünnte Chor. Von Simon Espers Monostatus-Texten waren nur Teile den Streichungen entgangen. Vollständig hingegen konnten die drei routinierten Knabensoprane vom Tölzer Knabenchor in die Handlung eingreifen.

Mit der begeistert aufgenommenen Inszenierung von Josef E Köpplinger erhält das nicht gering an den Erfordernissen der Besucher der Stadt orientiertem Repertoire der Semperoper eine prachtvolle Ergänzung. Dabei wäre zu überlegen, ob nicht auch, wenn die Corona-Einschränkungen abgeklungen sein sollten, die gestraffte Fassung des Premierenabends den Erfordernissen des geringer opern-affinen Teiles des Publikums besser entgegenkommt.

Die Zauberflöte an der Semperoper; die nächsten Termine 4.12.; 12.12.2020; 2.1.2021 14.00; 2.1.19.00; .31.1.2021; 4.2. und mehr

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Don Carlo – Höhepunkte – Netrebko, Maximova …., IOCO Kritik, 22.06.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 Don Carlo – Giuseppe Verdi – kammermusikalisch

 Anna Netrebko – Rollendebüt als Elisabetta di Valois

von Thomas Thielemann

Endlich wieder ein Besuch in der Semperoper. Kein elektronisches Notfallprogramm mit dem heimischen TV und der HiFi-Anlage, sondern ein Live-Konzert mit den Höhepunkten aus Guiseppe Verdis Don Carlo; und das mit einer hochrangigen Besetzung.

 Don Carlo – Semperoper Dresden – 20. Juni 2020

Natürlich waren die äußeren Umstände des Abends etwas verstörend. Garderobe konnte nicht abgegeben werden, Flanieren im Haus und Catering fehlten; dazu Maskenpflicht bis zur Einweisung zum Sitzplatz durch das Hauspersonal.

Wegen des Aerosolschutzes blieben die ersten fünf Parkettreihen frei. Auch jede zweite Reihe blieb gesperrt. Innerhalb der Reihen waren mit dem Zwischenraum zweier Plätze jeweils zwei Sitze nutzbar. Damit konnten etwas über 300 Besucher das Konzert hören.

Semperoper Dresden / Don Carlo - hier : vl Elena Maximovy Anna Netrebko, Yusif Eyvazov @ Daniel Koch

Semperoper Dresden / Don Carlo – hier : vl Elena Maximovy Anna Netrebko, Yusif Eyvazov @ Daniel Koch

Das Engagement von Anna Netrebko und Yusif Eyvazov verdankten wir dem Umstand, dass die Star-Sängerin eigentlich am 23. Mai 2020 ihr Rollendebüt als Elisabetta di Valois (in der Übernahme der Don-Carlo – Inszenierung von Vera Nemirova von den Osterfestspielen 2020 an der Semperoper) geben wollte und gemeinsam mit Yusif Eyvazov als Don Carlo die Partien einstudiert hatte. Trotz der Premierenverschiebung kam die Operndiva mit ihrem Ehemann nun doch in dieser Spielzeit zu einer, allerdings Corona-bedingt kammermusikalischen Fassung der Verdi-Oper, nach Dresden. Mit  belebten die mit Gastauftritten als Carmen im Haus bereits bekannte Elena Maximova und Ensemblemitglieder die Bühne der Semperoper. Dies wurde prächtig durch drei stimmstarke Damen und vier kraftvoll singende Herren des Sächsischen Staatsopernchores, von Jan Hoffman glänzend vorbereitet, unterstützt.

Der dem Hause verbundene Komponist und Dirigent Johannes Wulff-Woesten schuf eine kammermusikalische Fassung der Verdi-Oper und begleitete als Musikalischer Leiter des Abends vom Klavier die Musiker der Staatskapelle Dresden. Bei den Bestzungen der Instrumentalisten kamen, wegen der Abstandsregelungen, jeweils nur ein Flötist (Andreas Kißling), ein Oboist (Sebastian Römisch), ein Englischhorn (Volker Hanemann), eine Violine (Robert Lis), ein Violoncello (Simon Kalbhenn) sowie ein Kontrabass (Andreas Wylezol) zum Einsatz. Das Klavier und vor allem das Harmonium, von Jobst Schneiderat meisterhaft eingesetzt, ließen weitere Blasinstrumente und die Orgel nicht vermissen. Das klang für diese karge Instrumentierung aber dank dem längeren Nachhall und der guten Raumakustik erstaunlich voll.

Semperoper Dresden / Don Carlo - hier : Alexandros Stavrakakis als Mönch @ Daniel Koch

Semperoper Dresden / Don Carlo – hier : Alexandros Stavrakakis als Mönch @ Daniel Koch

Für mich störend, wurde der von Wulff-Wuesten schwer erarbeitete Handlungsfluss häufig durch Zwischen-Beifall unterbrochen. Aber im Konzertverlauf verzichtete der Musikalische Leiter dann zunehmend auf straffe Übergänge und gab Raum für stürmische Zwischen-Ovationen.

Anna Netrebko beeindruckte mit ihrer vor Kraft strotzenden, leicht eingedunkelten Stimme. Bereits mit dem Duett „Io vengoo domandar“ und der Szene „Non pianger, mia compagna“ forderte sie fast schwerelos ein, wer dem Abend den Glanz verleihen werde.

Mit Elena Maximova war ein weiterer Weltstar und häufige Partnerin der Anna Netrebko nach Dresden gekommen. Mit ihrem wunderbaren Mezzosopran bot sie mit aufregendem Gesang die Prinzessin Eboli.

Die Titelrolle des Don Carlo verkörperte der aserbaidschanische Tenor und Ehemann der Primadonna Yusif Eyvazov mit seiner kräftigen Stimme. Mir hat sein Gesang in makellosem Italienisch recht gut gefallen. War dies der Erfolg seiner Arbeit mit seinem persönlichen Stimm-Coach?  War es der Umstand, dass er nicht nur Anna Netrebko und Elena Maximova ansingen musste, sondern auch die zu Unrecht unterschätzten Ensemble-Mitglieder des Hauses zu Partnern hatte.

Semperoper Dresden / Don Carlo - hier : vl Elena Maximova, Mariya Taniguchi @ Daniel Koch

Semperoper Dresden / Don Carlo – hier : vl Elena Maximova, Mariya Taniguchi @ Daniel Koch

Der im Magdeburg geborene Bassist Tilmann Rönnebeck ist seit 2010 eine feste Größe im Repertoire-Betrieb der Semperoper. Mit seiner Interpretation des Königs Philippe verzichtete er auf expressive Gegengewichte und bot seine Aufgaben vorwiegend mit einem ausgeglichenen samtigen Timbre. Insbesondere den Monolog „Ella giammal m´amò“, unterstützt von Simon Kalbhenn, gestaltete er betont lyrisch.

Der Dresdner Sänger Sebastian Wartig, seit 2013 Ensemblemitglied, ergänzte mit der stimmlich-darstellerischen Autorität seines warmen Baritons als Marquis de Posa, so wie ihn das heimische Publikum kennt, die Sängerriege. Auch im Freundschaftsduett „È lui!…desso!“ ließ er sich nicht von der Kraftmeierei des Tenors aus der Reserve locken, behielt sein stimmlich-darstellerisch starkes Timbre. .

Aus Athen ist 2018 Alexandros Stavrakakis zum Hausensemble gekommen. Mit respektforderndem Organ gab er der Autorität des Mönchs seine prachtvolle Stimme.

Besonders gefreut hatte mich der Tebaldo von der aus Japan stammenden Sopranistin des jungen Ensembles Mariya Taniguchi. Mich hatte sie in der abgebrochenen Saison in Peter Eötvös´ Goldener Drache als  tragischer Chinese mit ihrer Darstellung und ihrem Schlussgesang begeistert. Im „Nei giardin del bello“ mit der Eboli war sie, von drei stimmstarken Choristinnen unterstützt, eine präsente Partnerin von Elena Maximova. In der Schluss-Szene verkörperte Holger Steinert den Großinquisitor.

Gemessen an der geringen Zahl der Zuschauer erklang ein lauter, dankbarer und freudiger Schlussbeifall. Am Ende stand das gesamte Publikum und wollte eigentlich das Haus nicht verlassen

Inzwischen hat das Haus, etwas verhalten  informiert, dass Semperoper Intendant Peter Theiler am Projekt der Don Carlo –Inszenierung von Vera Nemirova auch zukünftig festhält: allerdings mit der Musikalischen Leitung von Paolo Arrivabeni. Als Solisten der Kernrollen werden neben Elena Maximova als Eboli, René Pape als Philippo, Hibla Gerzmava als Elisabetta und Tomislav Mužek als Don Carlo benannt.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Iphigenie auf Tauris – Tanzoper von Pina Bausch, IOCO Kritik, 07.12.2019

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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

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Iphigenie auf Tauris – Tanzoper von Pina Bausch

Semperoper-Ballett brilliert mit antikem Drama

von Thomas Thielemann

Bei den antiken Griechen ging es, wenn man den Dramen des Tragiker Euripides (etwa 480 v. Chr. bis etwa 407 v. Chr.) folgt, ordentlich zur Sache. So opferte der Feldherr Agamemnon bedenkenlos seine Tochter Iphigenie, um einen Fluch der Jagdgöttin Diana, der wegen einer flapsigen Bemerkung des Heerführers erfolgt war, zu lösen und so den Trojanischen Krieg zu ermöglichen. Als der siegreiche Agamemnon nach zehnjähriger Abwesenheit nach Hause zurückkommt, wird er von seiner Gattin Klytämnestra wegen dieses Opfers der gemeinsamen Tochter ermordet. Klytämnestra hatte aber einen weiteren Antrieb zum Gattenmord: sie hatte sich inzwischen mit einem anderen Ehemann getröstet. Das wiederum war für Orest, den Bruder der Iphigenie, Anlass, die gemeinsame Mutter inclusive des Stiefvaters umzubringen.

The Making of … Iphigenie – Gabriela Scherer und Sangeun Lee
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Die Göttin der Jagd hatte aber das Opfer Iphigenie nicht angenommen und die Geopferte in das Land der Tauren, auf die Halbinsel Krim „entrückt“, um dort als Oberpriesterin die Menschenopfer der dortigen Untertanen des Königs Thoas zu überwachen. Religionsgeschichtlich ist interessant, dass die vom Euripides im Amphitheater vorgeführten Götter gegen die Menschenopfer des Vor-Skythischen Volksstammes zu Felde ziehen. Im Verlaufe Euripides-Dramas Iphigenie bei den Tauriern fühlt sich Diana von dem an ihrem aus Griechenland geraubten Altar vergossenem Menschenblut kompromittiert. So schafft sie im Handlungsverlauf zivilisierte Verhältnisse: Orest und sein Gefährte Pylades sind nach Tauris geschickt, um den Altar der Jagdgöttin nach Hause zu holen. Dank des direkten Eingreifens der Göttin wird Thoas, der König der Taurer, gehindert die beiden Ankömmlinge zu opfern. Iphigenie, der vom Muttermord entsühnte Orest und Pylades konnten mit dem Diana-Altar nebst den in Taurus Versklavten nach Griechenland zurückkehren. Iphigenie wird Ober-Priesterin der Jagdgöttin in Athen.

Neben einer Vielzahl weiterer Nachschöpfungen komponierte Christoph Willibald Gluck (1714-1787) mit einem nach Euripides geschriebenen Libretto von Nicolas Francois Guillard (1752-1814) eine wunderbare Oper.

Die hochkreative Choreographin Pina Bausch (1940-2009) hat 1974 mit ihrem Wuppertaler Tanztheater, aus Glucks Oper ein Ballett-Oratorium Iphigenie auf Tauris gestaltet. Dank einer Kooperation des „Semperoper Balletts“ und der Pina Bausch Foundation in Zusammenarbeit mit dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch erlebte ihre „Tanzoper in vier Akten nach der gleichnamigen Oper von Christoph Willibald Gluck am 5. Dezember 2019 ihre Dresdener Premiere.

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper - hier : Sangeun Lee als Iphigenie © Ian Whalen

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper – hier : Sangeun Lee als Iphigenie © Ian Whalen

Die Choreographin hatte ein außergewöhnliches Talent  für das Erzählen von schweren konfliktbeladenen Mythen und Geschichten ohne deren Frische und Essenz zu gefährden. Durch vitalen und ausdrucksstarken Tanz konnte sie die Grenzen zwischen Musik und den dramatischen Elementen der griechischen Tragödie auflösen. Die anmutigen Tanzszenen mit der Minimalität von Szene und Einfachheit der Kostüme entführen gemeinsam mit der erhabenen Kraft der der Musik Glucks das Publikum auf eine moderne Reise der Gefühle.

Sänger und Tänzer wirkten zusammen, aber von verschiedenen Orten aus, um jeder mit seiner Kunst den Figuren der Geschichte Leben einzuhauchen. Die Tänzer des Semperoper-Ballett beanspruchen die Bühne, die Sänger kommentierten von beiden Seiten aus den Proszeniumslogen die Tanzszene. Der Staatsopernchor war gemeinsam mit den Musikern der Staatskapelle in den Graben verbannt.

The Making of … Iphigenie – hier Dirigent Jonathan Darlington
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Die musikalische Leitung hatte der englische Dirigent Jonathan Darlington übernommen, der schon mehrfach im Graben des Hauses Gast gewesen war. Der 1958 Geborene beeindruckte am Premierenabend mit seinem Gespür für Tempo und Dramatik. Einfühlsam gelang es ihm, mit den hervorragend aufgelegten Musikern der Staatskapelle, die Tänzer und Sänger zusammen zu führen, sowie den Chor trotz der schwierigen räumlichen Verhältnisse zu integrieren.

Die promivierte Schweizer Sopranistin Gabriela Scherer verkörperte die Stimme der Iphigenie mit einem wunderbar warmen, ebenem Sopran und sicherer Intonation. In Erinnerung bleibt als besonders beeindruckend ihre große Arie im zweiten Akt, wenn sie den Untergang ihrer Familie beklagt.

Den König der Taurer, Thoas, sang der seit Saisonbeginn dem Ensemble angehörige und inzwischen viel beschäftigte Bassbariton Lawson Anderson. Mit seiner kraftvoll, dunkel gefärbten Stimme und seiner differenzierten Phrasierung bot der noch junge Amerikaner etwas Besonderes.

Der Bassbariton Sebastian Wartig, 1989 in Dresden geboren, bis 2008 im Kreuzchor beheimatet, ist über das Junge Ensemble zum Hausensemble gekommen. Mit seiner gut geführten, schön timbrierten Artikulation gab er dem Orest mit Präzision und Beweglichkeit eine Stimme.

Mit seinem geschmeidigen klangschönen, aber leider etwas schmalen Tenor verkörperte der Texaner Joseph Dennis aus dem Ensemble den Pylades. Die seit 1989 dem Ensemble angehörende Koloratur-Sopranistin Roxana Incontrera brachte engagiert und pointiert mit musikalischer Präzision die Stimme der Diana von der Loge. Der von Gerd Amelung vorbereitete Chor flehte, klagte und beeindruckte vor allem mit dem Schlusschor.

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper © Ian Whalen

Semperoper Dresden / Iphigenie auf Tauris als Tanzoper © Ian Whalen

Für die Tanzdarbietungen waren, vom Tanztheater Wuppertal Clémentine Deluy und Dominique Mercy als künstlerische Leitung engagiert worden und außerdem mit der Einstudierung der Hauptpartien beauftragt. Den Tänzer des Thoas hatte Andrey Berezin vorbereitet. Die Gruppen hatten Fernando Suels Mendoza und Barbara Kaufmann sowie Thusnelda Mercy trainiert.

Insbesondere den Solisten des Semperoper Ballett gelang es wieder einmal, mit dem Niveau ihrer tänzerischen Leistungen zu überzeugen. An der Spitze die Darstellerin der Iphigenie, Sangeun Lee. Die aus Seoul stammende Tänzerin, 2010 zum Ensemble gekommen, ist seit 2016 Erste Solistin. Die technischen Voraussetzungen der anspruchsvollen Partie zu bewältigen, ist die eine Sache. Ihr aber auch Persönlichkeit zu verleihen, die andere. Beides war ihr aber in hohem Masse gelungen.

Der Kanadier Casey Ouzounis war 2014 über das Elevenprogramm der Palucca-Hochschule zum Ensemble gekommen und ist seit 2017 Coryphée. Mit einer vielschichtigen Bewegungssprache tanzte er den Finsterling Thoas. Auch der aus Italien stammende und in Mailand ausgebildete Francesco Pio Ricci, seit 2011 im Semperoper-Ballett und seit 2018 Solist, konnte als Orest mit seiner Bildsprache und Ästhetik überzeugen. Vom Ballettdirektor Watkin in New York entdeckt und 2013 nach Dresden geholt, hat sich inzwischen Julian Amir Lacey zum Sujet der Company entwickelt. Mit seiner Pylades-Interpretation verkörpert er glaubwürdig die Emotionen dieser Figur.

Die Gruppentänze begeisterten mit ihrem klaren Ausdruck und zeugten in ihren Formationen von der Professionalität der Dresdener Truppe.

Das faszinierende am Abend bleibt, dass nicht nur der über 2500-Jahre alte Stoff des Euripides noch immer lebendig geblieben ist, aber vor allem, dass die inzwischen vor 45 Jahren entstandene Arbeit der Künstler um Pina Bausch mit ihrer Ausdruckskraft, ihrem charakteristischem Stil noch immer modern daherkommen und die Freunde des klassischen Balletts mit seiner humanistischen Aussage mitreißen kann.

Die Ovationen des von der Anspannung etwas erschöpften Publikums begannen etwas zäh, steigerten sich dann aber im Verlauf der folgenden gefühlten fünfzehn Minuten stürmisch bis zu stehenden Ovationen.

Iphigenie auf Tauris als Tanzoper an der Semperoper; die weiteren Termine 8.12.; 10.12.; 12.12.2019

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

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