Brenda Roberts, Sopran – Diskographien 5 – 6, 11.05.2019

Mai 11, 2019 by  
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Il Tabarro - CD mit Brenda Roberts

Il Tabarro – CD mit Brenda Roberts

BRENDA ROBERTS – DISKOGRAPHIE Teil 4 + 5

von Rolf Brunckhorst

Teil 4: In diesem vierten Teil der Brenda-Roberts-Diskographie geht es um relativ unbekannte Aufnahmen von nur bedingt populär zu nennenden Opern.

 MEDEA  –  Komponist Friedhelm Döhl

Als erstes sei die Medea -Studio-Gesamtaufnahme genannt. Die Medea gilt als ausgesprochene Primadonnen-Partie und ist in der Vergangenheit von einigen wenigen Sopranistinnen eindrucksvoll dargestellt worden (Callas, Jones, Rysanek). Jetzt gibt es eine neue Medea, die der Komponist Friedhelm Döhl Brenda Roberts quasi auf den Leib geschneidert bzw. in die Kehle geschrieben bzw. komponiert hat. Musikalisch ist dies eine ganz neue Welt, die nicht jedem Hörer gefallen kann, aber für Fans von Brenda Roberts ist besonders der Schlußteil der Oper ein reines Vergnügen. Hier kann Brenda Roberts in einem langen Solo alle Register ihres Könnens ziehen. Der Komponist mutet ihr zu, alle Möglichkeiten einer Sing- bzw. Sprechstimme auszunutzen. Brenda Roberts macht das hervorragend und schafft es sogar, textverständlich auch in den höchsten Lagen zu singen. Dirigent Klauspeter Seibel kennt Brenda Roberts aus Hamburger Vorstellungen und hat sowohl sein Orchester als auch das Ensemble der Kieler Oper souverän im Griff. So ist die Ersteinspielung der Döhl-Medea eine rundum gelungene Sache, und so gibt es eine weitere Medea-Darstellerin, die im Gedächtnis bleiben wird.

 

Brenda Roberts in jungen Jahren © Brenda Roberts

Brenda Roberts in jungen Jahren © Brenda Roberts

STERNENGEBOT – Komponist Siegfried Wagner

Sternengebot ist eine der zahlreichen Opern von Siegfried Wagner, die sich im Repertoire nicht haben durchsetzen können. Zwar „wagnert“ es beständig in dieser Oper, aber des Vaters Theaterpranke hatte sein Sohn Siegfried keineswegs geerbt. Die Musik fließt schön und gleichmäßig, aber sie packt den Zuhörer nicht. Szene um Szene geht vorbei, ohne daß sich der Hörer angesprochen fühlt. Ende der 90er Jahre hatte die Firma Marco Polo das ehrgeizige Vorhaben in die Tat umgesetzt, die Siegfried-Wagner-Opern auf CD einzuspielen, und somit einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Brenda Roberts hatte für diese Aufnahme die beiden Partien der Hiltrud und der Julia übernommen. Sie behauptet sich völlig souverän in den teilweise etwas holprig komponierten Orchesterfluten und macht auch diese Aufnahme zu einem Muß für Brenda-Roberts-Fans.

 ALBERT HERRING  – Benjamin Britten

Mitte der 80er Jahre hatte Brenda Roberts in der Britten-Oper Albert Herring“ als Lady Billows ihre Hamburger Premiere. Das Publikum erlebte eine treffliche Darbietung der in Deutschland zu Unrecht verkannten Oper Brittens. An der Spitze des Hamburger Ensembles machte Brenda Roberts bereits in der ersten Szene, in der sie mit Ursula Boese als Florence Pike ein tugendhaftes Mädchen für das Dorffest auswählen soll, auf ihre komödiantische Begabung aufmerksam. Die feine Ironie, mit der Britten das englische Dorfleben beobachtet, wird von Brenda Roberts auf das Feinste aufgenommen und auf der Bühne umgesetzt. Da darf die Stimme schon mal etwas schriller werden, wenn sich nicht das ganze Dorf den moralischen Ansprüchen der Lady Billows anpassen will. Insgesamt eine bemerkenswerte Aufnahme, die die Leistungsfähigkeit des Hamburger Ensembles dokumentiert.

Brenda Roberts hier mit Rolf Brunckhorst © Rolf Brunckhorst

Brenda Roberts hier mit Rolf Brunckhorst © Rolf Brunckhorst

DIE BACCHANTINNEN  –  Egon Wellesz

Im Dezember 1985 trat Brenda Roberts im Wiener Konzerthaus in der Partie der Königin Agave auf, eine dankbare Partie in der Oper Die Bacchantinnen von Egon Wellesz. Die Stimme von Brenda Roberts paßt perfekt zu der stilistisch ein bißchen hin und her pendelnden Oper, die die Grundlage dafür bietet, daß Brenda Roberts ihre dramatische Durchschlagskraft, ihre sicheren Höhen und hohe Durchhaltekraft eindrucksvoll vorführen kann. Diese konzertante Aufführung, im Dezember 1985 vom ORF übertragen, kann man sich bei youtube anhören.

 5. Teil: Schlußteil dieser Diskographie – Raritäten für Brenda-Roberts-Fans.
Die meisten Aufnahmen sind stark gekürzt, auf die Sopranpartie reduziert

 ARIADNE AUF NAXOS  –  Richard Strauss,

Im November 1990 gab es die seltene Gelegenheit, Brenda Roberts als Ariadne zu erleben. Obwohl die Partie der Ariadne eher zurückhaltend und abwartend angelegt ist, fand sich die stets aktive und dramatisch agierende Brenda Roberts mühelos in das Ensemble des Bielefelder Opernhauses ein. Es begann mit ganz verhalten lyrischen Monologen und steigerte sich bei der Ankunft des Bacchus in ein glorioses Schlußduett. Ihr zur Seite stand der zu Recht sehr gefragte Heldentenor Herbert Schaefer, der der kraftvollen Stimme von Brenda Roberts Paroli bieten konnte, so daß der von GMD Rainer Koch dirigierte Abend im Strauss-Rausch endete.

SALOME  –  Richard Strauss,

Dieses ist eine der Aufnahmen mit den meisten Auslassungen. Entschädigt wird der Zuhörer für das etwas mühsame Hören von der unglaublichen Tagesform der Brenda Roberts. Kraftvoll mit wunderschön dahingehauchten Piani und einem energischen Schlußgesang war sie die unumstrittene Hauptattraktion des Abends. Die lächerliche Szenerie konnte die Sängerin überhaupt nicht beeinträchtigen, ihre Stimme leuchtet bis in den letzten Winkel nicht nur des auf der Bühne aufgebauten Schlachthauses, sondern auch des Zuschauerraums des Staatstheaters Braunschweig und endet mit einem triumphalen Schlußgesang.

TOSCA  –  Giacomo Puccini

Die Partie der Floria Tosca ist von ihren Gestaltungsmöglichkeiten her eine feine Sache für alle spielfreudigen dramatischen Sopranistinnen, also auch für Brenda Roberts. Die hier vorgestellte Aufführung am Staatstheater Kassel fand in deutscher Sprache statt, und Brenda Roberts hatte einen furiosen Abend. Sie überzeugte schon im ersten Akt als eifersüchtige Diva, wobei das Duett mit Cavaradossi äußerst leidenschaftlich angelegt war. Am Ende des ersten Aktes verschafft sich die Stimme Raum, wenn die Eifersucht sie langsam vereinnahmt. Viel Aufregung herrscht im zweiten Akt bei den Kerker- und Folterszenen, wenn Tosca zwischen Hoffen und Bangen hin und her schwankt, und voller Stimmeinsatz gefordert wird. Brenda Roberts meistert diese anspruchsvollen Passagen, ohne bei zu schreienden und zu sprechenden Tönen jemals die Kontrolle über die Stimme zu verlieren. Im dritten Akt nimmt sie den liebenden Tonfall der Anfangsszene wieder auf und erträumt sich mit Cvaradossi eine glückliche Zukunft, obwohl beide wissen, aber einander nicht eingestehen, daß es für dieses Liebespaar keinen Morgen geben wird. Passend dazu klingt der Sopran von Brenda Roberts ängstlich, beinahe zittrig, bis sie in der letzten Passage mit stimmlicher Bravour dem toten Scarpia ankündigt, daß man sich an den Pforten der Hölle wiedersehen wird.

CD Brenda Roberts in Frau ohne Schatten © Sebastian Sierke

CD Brenda Roberts in Frau ohne Schatten © Sebastian Sierke

DIE FRAU OHNE SCHATTEN –  Richard Strauss

Kaum eine Oper ist so vielen Kürzungen ausgesetzt wie die Frau ohne Schatten. Im Jahre 1987 gab es im Nationaltheater Mannheim eine Version zu bestaunen, in der sogar die Reihenfolge der Bilder durcheinander gewürfelt wurden. Im zweiten Akt besteht die Oper jetzt nur noch aus vier Bildern, die in der Reihenfolge 1-2-4-5 auf die Bühne gebracht werden, wobei das dritte Bild mit dem fünften Bild zusammengelegt worden sind. Da es sich dabei vor allem um die Szenen im Färbershaus handelt, ist die Färbersfrau am meisten von diesen Eingriffen betroffen. Brenda Roberts, international anerkannte Färbersfrau, ließ sich durch diese neue Version nicht durcheinander bringen und bot eine grandiose Leistung. Wirkt sie zunächst im ersten Akt noch (rollengemäß) etwas spröde, so wird am Ende des Aktes, als die Färberin glaubt, die anklagenden Stimmen ihrer noch ungeborenen Kinder zu hören, ganz großes Operntheater geboten aufgrund ihrer packenden Rolleninterpretation. Im letzten Bild des zweiten Aktes sind es dann die Monologe der Färbersfrau, die „aneinander gebackt“ wurden, um eine Verschmelzung der Bilder 3 und 5 zu erreichen. Brenda Roberts triumphiert auch in dieser etwas willkürlich wirkenden Version mit nie endender Strahlkraft und wahrlich hochdramatischem Impetus. Diese Mannheimer Aufnahme ist durchaus habenswert, und das nicht nur wegen der exzellenten Sänger (u.a. Jean Cox), sondern auch um sich diese Kuriosität anhören zu können. Nach Wissen des Rezensenten gibt es eine vergleichbare Version nur noch unter Herbert von Karajan, der die Partie der Färbersfrau ganz auf Christa Ludwig eingestellt hatte. Für ergänzende Mitteilungen bedankt sich der Autor schon im Voraus.

 TURANDOT  –  Giacomo Puccini,

Wenn es eine Partie im Repertoire der Brenda Roberts gibt, bei der die Fans sofort sagen, daß sie der Künstlerin auf den Leib geschneidert sei, dann ist dies Puccinis Turandot. Gefordert ist eine hochdramatische Sopranistin, der von der Dauerbelastung in der Höhe und lautesten Orchesterklängen alles abverlangt wird, und genau unter diesen Ansprüchen blüht die Stimme von Brenda Roberts förmlich auf. Hier ist eine Stimme, die „In questa Regia“ wirklich kalt und überheblich präsentieren kann, die im zweiten Akt ein Feuerwerk von Spitzentönen abliefert, und die im dritten Akt aufwallende Emotionen so nach und nach zulassen kann.

Zum Schluß dieser Diskographie sei noch auf die erste offizielle CD von Brenda Roberts verweisen, nämlich „BRENDA ROBERTS IM GEISENHEIMER DOM“. Auf dieser CD findet man ein reichhaltiges Programm, eingeleitet von je einem Händel- und einem Haydn-Block. Der Bogen wird bis zu „The Lord’s Prayer“ gespannt. Der großen und strahlenden Sopranstimme von Brenda Roberts kommt die Akustik des Geisenheimer Doms sehr entgegen. Schon bei der ersten Händel-Arie „Rejoice greatly“ aus dem „Messias“ legt der Hörer die Ohren an und freut sich 70 Minuten lang über ein Konzert in diesem ganz besonderen Klangbild. Brenda Roberts selbst ist vorzüglich bei Stimme, und man fragt sich, wie eine gefeierte Elektra so intensiv und sensibel Barockarien von Josef Haydn interpretieren kann. Diese CD war (und ist vielleicht noch immer) über die Künstlerin selber zu beziehen.

Diese Diskographie erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Brenda Roberts ist immer noch so populär, daß immer wieder neue Live-Aufnahmen mit ihr auftauchen, so daß vielleicht in einem Jahr noch ein sechster Teil dieser Diskographie erscheinen könnte. Drei Vorboten sind schon am Horizont zu erkennen, nämlich ihre Fidelio-Interpretation in Antwerpen und den Bad Hersfelder Opernfestspielen, sowie ihre Salome aus Gent/Belgien. Alle drei Opern sind in Auszügen auf youtube zu bestaunen, schön wären natürlich aufgearbeitete DVD-Versionen.

—| IOCO CD-Rezension |—

Brenda Roberts – Diskographie – Teil 2, 08.11.2018

CD Brenda Roberts in Frao ohne Schatten Brenda Roberts in Elektra 1975 HH © Sebastian Sierke

CD Brenda Roberts in Frau ohne Schatten Brenda Roberts in Elektra 1975 HH © Sebastian Sierke

 BRENDA ROBERTS  – DISKOGRAPHIE – Teil 2

Von Rolf Brunckhorst

In diesem zweiten Teil der Diskographie geht es um die drei großen Wagner-Rollen von Brenda Roberts: Kundry, Ortrud und Isolde. Während die Lohengrin-Aufnahme aus Hamburg gerade wiederveröffentlicht wird, bleiben die beiden anderen Aufnahmen besondere Raritäten, die nur mit etwas Spürsinn aufzutreiben sind.

Die Tristan – Aufnahme stammt vom 2. Oktober 1983, am Staatstheater Mainz sang Brenda Roberts ihre erste Isolde und war schlichtweg brillant. Scheinbar mühelos, mit sicherer Höhe, und überaus verständlicher Diktion stellte sie sich gleich in der Premierenserie an die vorderste Front der Isolde-Interpretinnen. Über den ganzen Abend gab es keinerlei Ermüdungserscheinungen, und gekrönt wurde das Ganze mit einem begeisternden Liebestod. Schade daß diese Aufnahme nicht auch auf DVD festgehalten werden konnte. Das Publikum jubelte jedenfalls seiner neuen Isolde begeistert zu. Ihr Bühnenpartner Herbert Becker hat später durchblicken lassen, daß er die Abteilung „Bravo, Beifall und Blumen“ für bestellt gehalten habe, womit er genauso schief liegt wie mit vielen seiner Töne. Genau seinetwegen wäre eine DVD-Version dieses Abends eher unerfreulich, war er doch in einen weißen Dandy-Anzug gewandet, während er dann später auf der Premierenfeier in seiner Oberförster-Kluft erschien. Stimmlich gab es viele kritische Stellen, und das Liebesduett war eine Meisterleistung von Brenda Roberts. Weniger Freude bereitete auch die Brangäne des Abends, Verena Keller, die so nervös war, daß sie die gesamten Wach-Rufe zu leise und zu zittrig sang. Laslo Anderko gab einen stimmlich taufrischen, sehr energischen und nachhaltigen Kurwenal, der mit seiner großen Stimme erfreulicherweise sehr differenziert umgehen konnte. Mit großem wohlklingenden Bass zelebrierte Karl Schreiber seine Auftritte als König Marke. Am Pult waltete Mladen Basic, dessen Verdienst es war, ein Ensemble, welches unterschiedliche Wagner-Kenntnisse mit in die Proben brachte, zu einem funktionierenden Wagner-Ensemble zu formen. Das Orchester klang selbst bei den heiklen Bläser-Einsätzen äußerst souverän, und das Publikum bejubelte diese Premiere rückhaltlos.

 Tristan & Isolde Aufnahme in Mainz mit Brenda Roberts als Isolde

Tristan & Isolde Aufnahme in Mainz mit Brenda Roberts als Isolde

Die Vorgeschichte zu diesem Oldenburger Parsifal vom 1. Juni 1985 ist relativ bekannt: Ohne die Partie der Kundry jemals vorher auf der Bühne gesungen zu haben, sprang Brenda Roberts in letzter Minute als Kundry ein und rettete die Vorstellung. Glücklicherweise konnte der geneigte Hörer schon in den kurzen Passagen des ersten Aktes ahnen, daß es für diese Kundry keine großen stimmlichen Probleme geben würde. Und tatsächlich schon in den ersten Aufschreien in der Klingsor-Szene zeigte Brenda Roberts, wie man eine Kundry auf die Bühne zu stellen hat. Sie klang weich und verführerisch bei den ersten Parsifal-Rufen, bewältigte in den Monologen ohne Mühe die gefürchteten Intervallsprünge und Spitzentöne, um schließlich in einem nahezu hysterischen Ausbruch Parsifal zu verfluchen und in die Irre zu schicken. Das Publikum dankte der glücklichen Debütantin mit lang anhaltendem Applaus. Da der dritte Akt dieser Aufführung unweigerlich verloren ist und auch die anderen „Nicht-Roberts-Szenen“ fehlen, kann über die restliche Besetzung nicht weiter geurteilt werden. In Erinnerung geblieben ist dem Rezensenten jedoch ein prächtig auftrumpfender Bernard Lyon als Amfortas, ein von der Stimme und Gestaltung her eher blasser Mario Brell in der Titelpartie, und ein belastbarer Heinz Klaus Ecker als Gurnemanz, der seine langen Monologe souverän bewältigte. Der Dirigent des Abends, Wolfgang Schmid, kümmerte sich intensiv um seine Kundry-Debütantin und hielt das Orchester erstaunlich klangschön beisammen.

Parsifal Aufnahme aus dem Jahr 1985 mit Brenda Roberts als Kundry

Parsifal Aufnahme aus dem Jahr 1985 mit Brenda Roberts als Kundry

Die Ortrud in Richard Wagners Lohengrin hat Brenda Roberts an der Hamburgischen Staatsoper in zahlreichen Vorstellungen verkörpert. So hat sie z.B. in der Premierenserie 1977 alle Vorstellungen gesungen, und ist auch später in den Wiederaufnahmen als Ortrud zu hören gewesen.  Im ersten Akt  hat die Ortrud kaum dankbare Aufgaben, mancher Zuschauer, der mit dem Werk nicht sonderlich vertraut ist, wird sie vielleicht gar nicht auf der Bühne entdecken; anders Brenda Roberts: Schon mit den ersten Tönen im Schlußensemble blüht die Stimme voll auf und man erkennt die Vorteile, die die Besetzung der Ortrud mit einem hochdramatischen Sopran bietet. Für die düsteren Passagen des zweiten Aktes wird die Stimme abgedunkelt und Ortrud träufelt der verängstigten Elsa leise zischelnd ihr Gift ins Ohr. Danach ist die Stimme von Brenda Roberts wie ausgewechselt: die „Entweihten Götter“ ertönen, und das jetzt wieder mit der vollen Wucht einer hochdramatischen Sopranistin. Mit beißendem Hohn schleudert Ortrud in ihrer finalen Szene am Ende des dritten Aktes ihr „Fahr‘ heim, fahr‘ heim“, dem fassungslosen Lohengrin und der gesamten brabantischen Bevölkerung entgegen  –  eine Glanzrolle für Brenda Roberts. Ihr zur Seite fügte sich Caterina Ligendza nahtlos in dieses Konzeption ein, sie wirkte überängstlich, geradezu verhuscht, und bot mit ihrem lyrischen Klang, dem silbrigen Timbre und einer gut gespielten Hilflosigkeit den hellen Gegenpol zur Ortrud.

Diese Aufnahme zeigt außerdem René Kollo als Lohengrin auf dem Höhepunkt seiner Kunst. Einfach wunderbar gelangen ihm die Schwanen-Lieder und die Brautgemach-Szene. An der faszinierenden Gralserzählung führte Kollo noch einmal sein ganzes Können vor. Auch Siegmund Nimsgern als Telramund zeigt sich als stimmschöner Heldenbariton, der allerdings immer zu kuschen hat, wenn seine Ortrud das Wort führt. Kurt Moll als König Heinrich demonstrierte nachhaltig, warum er Jahrzehnte lang als einer der weltbesten Bässe galt. Bedenkt man, daß der Heerrufer Franz Grundheber hieß, und Horst Stein am Pult des Philharmonischen Orchesters wahre Wagner-Wonnen initiierte, muß man einmal mehr daran erinnern, auf welch hohem Niveau sich die Hamburgische Staatsoper in den Sechziger und Siebziger Jahren befand.

—| IOCO CD-Rezension |—

Minden, Stadttheater, Götterdämmerung – Richard Wagner, IOCO Kritik, 01.10.2018

Oktober 2, 2018 by  
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Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Götterdämmerung – Fulminant  – In Minden an der Weser

– Bedenken will ichs, wer weiss was ich tu… –

Von Sebastian Siercke

Minden. Eine Stadt im Osten Nordrhein-Westfalens, die hauptsächlich für ihr Wasserstraßenkreuz bekannt ist. Das schreibt wenigstens Wikipedia. Die  Kunst- und Kulturinteressierten unter uns dachten da dann eher an den romanisch-gotischen Dom und dessen Kunstschätze. Das Mindener Kreuz, es gilt als einer der bedeutendsten Kunstschätze der Romanik in Deutschland, und die Goldene Tafel, die allerdings seit 1909 in Berlins Bode-Museum hängt und nicht einmal mehr golden ist.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : Vorspiel 1. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : Vorspiel 1. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Und dann gibt es dort auch noch ein Stadttheater. Und einen Richard-Wagner-Verband. Stadttheater dieser Art gibt es in Deutschland sehr viele, auch viele, die ohne ein eigenes Ensemble auskommen und für Auftritte von Tournee-Bühnen genutzt werden. Und Wagner-Verbände gibt es wie Sand am Meer. Wenn sich nun aber ein Stadttheater und ein Richard-Wagner-Verband zusammen tun, dann kann großes entstehen, selbst in einer kleinen Stadt mit einem Theater von gerade einmal 535 Plätzen.

Das dort Großes stattfindet schrieb landauf-landab jedes Feuilleton. Das „Bayreuth des Nordens“ titelten manche. Geht es vielleicht doch eine Nummer kleiner?

Natürlich geht es kleiner, aber warum? Was dort in der letzten Götterdämmerung der Saison, es waren sechs Aufführungen dieses Jahr, geboten wurde war umwerfend!

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : 2. Aufzug © Friedrich Luchterhandt

Man betritt den Zuschauerraum und steht vor der Bühne. Kein Orchestergraben trennt das Publikum vom Geschehen. Die Bühne wird umrahmt von einem großen Quadrat, in das ein Kreis eingestellt ist, was unmittelbar an die Gestaltung der LP-Boxen des alten Solti – Ringes erinnert. Die eigentliche Bühne, die Fläche, die dort hauptsächlich bespielt wird, hat die Grundfläche eines wohlbemessenen Wohnzimmers. Das Orchester sitzt dahinter auf der Bühne, abgeteilt durch einen Gazevorhang, der auch als Projektionsfläche für die handlungsunterstreichenden Videos dient.

Das Stadttheater Minden hat nicht nur kein eigenes Ensemble, es hat auch kein eigenes Orchester. Dazu kommt die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford, ein Landesorchester Nordrhein-Westfalens.

Die Götterdämmerung einmal nicht von einem routinierten Opernorchester zu hören, das gestern Schönberg, heute Gluck und morgen Rossini spielt, sondern von einem renommierten Sinfonieorchester, war sensationell! Glasklarer Klang, perfekt musiziert, kein Schleppen, Wackeln, Scheppern, einfach wunderbar von Dirigent Frank Beermann geleitet. Schwelgerische Klänge waren es nicht, eher sachlich kühle, aber aufbrausende Dramatik.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : 3. Aufzug Die Rheintöchter © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : 3. Aufzug Die Rheintöchter © Friedrich Luchterhandt

Die Inszenierung des Abends gestaltete Gerd Heinz, der hauptsächlich vom Sprechtheater kommt und offensichtlich eine ganz andere Herangehensweise ans Musiktheater hat, als der übliche Opernregisseur. Hier wurde das Werk auf die Bühne gebracht. Kein Umdeuten in abstruse Richtungen, kein „Wir verlegen die Handlung in eine andere Zeit“, die dann gerne mit wohlbekannten Uniformen bebildert wird, keine längst abgegriffene Kapitalismuskritik. Diese Götterdämmerung spielte jetzt. Ein zeitloses Irgendwann-Jetzt, sind doch Handlung und Aussage des Werkes ebenso zeitlos und allgemeingültig. Jede kleinste Bewegung, jede Geste, jedes Minenspiel war feinst durchdacht, die Sänger auf der Bühne dadurch fast noch mehr Schauspieler als Sänger. Ein solches Zusammenspiel von Musik und Geschehen auf der Bühne habe ich selten erlebt!

Da der kleine Orchestergraben nicht als solcher benutzt wurde, ragte die Bühnen-konstruktion in ihn hinein; mit rege bespielten Treppen nach unten ergab sich eine ungewohnte Dreidimensionalität der Bühne. Das Publikum saß quasi mitten im Geschehen, unmittelbar vor den Protagonisten des Dramas auf der Bühne.

 Götterdämmerung mit exquisiter Sängerriege- Große Stimmen – In allen Partien

Siegfried und Brünnhilde, zwei mörderische Partien, die so manchen Weltstar gelegentlich in die Knie zwingen, wurde hier dargebracht, als gäb es kaum Leichteres zu singen auf der Welt. Thomas Mohr gab den Siegfried mit durchschlagskräftigem Tenor, der genauso die zarten Partien fein nuanciert bieten konnte, wie die wütenden Ausbrüche ohne dabei forciert oder auch nur angestrengt zu klingen. Eine große Leistung!

Dara Hobbs´ Brünnhilde überflutete  das Werk mit ihrem wundervoll geführten Sopran, der bruchlos von der Tiefe bis in die Spitzen kommt und dabei noch beachtliche Ausdrucksmöglichkeiten bietet. Dazu kommt bei ihr eine bewundernswerte Textverständlichkeit. Selbst wenn man den Text nicht mittlerweile auswendig kennt, konnte man jedem Wort folgen.

Renatus Mészár und Magdalena Anna Hofmann als Gunther und Gutrune, bildeten einen stimmlich wie darstellerisch sehr schönen Gegenpart zu dem Heldenpaar und standen ihnen in der Bühnenwirkung in nichts nach.

Einen geradezu etwas diabolisch auftretenden Hagen gestaltete Andreas Hörl mit rabenschwarzem und für dieses Haus fast überdimensioniertem Bass. Eine gewaltige Stimme, deren Durchschlagskraft und Eindringlichkeit man sich beim besten Willen nicht entziehen konnte. Alberich Frank Blees gemahnte seinen Sohn Hagen mit verschlagener Bösartigkeit aber schöner Stimme zur Treue an der Familienbande.

Stadttheater Minden / Götterdämmerung - hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Götterdämmerung – hier : Schlussapplaus © Patrik Klein

Die Sensation an diesem denkwürdigen Abend war allerdings die Waltraute von Kathrin Göring. Panisch und angstzerfressen fegte sie auf und über die Bühne und bot eine Dramatik in der Stimme, wie ich sie noch nie live erlebt habe! Schauer konnten einem bei ihrer Erzählung über den Rücken laufen, eine ganz, ganz große Leistung!

 Richard Wagner - Blickt hinab auf "Die Geweihten" © IOCO

Richard Wagner – Blickt hinab auf „Die Geweihten“ © IOCO

Tiina Pentinen, Christine Buffle und Julia Bauer als Nornen und Rheintöchter rundeten das Ensemble sehr wohlklingend und ansehnlich ab.

Im nächsten Jahr gibt es im westfälischen Bayreuth nun den Ring komplett. Zwei Zyklen werden nacheinander gegeben. Bei einem werde ich ganz bestimmt dabei sein. Ob ich auch ins fränkische Bayreuth fahre ist noch offen.

Bedenken will ichs, wer weiss was ich tu…

 

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—