Bayreuth, Bayreuther Festspiele 2018, Die Walküre – Gerahmt von Jubel und Entsetzen, IOCO Kritik, 21.08.2018

August 22, 2018 by  
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Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Festspielhaus Bayreuth © Patrik Klein

Bayreuther Festspiele

Die Walküre –  Auf dem Grünen Hügel

 Jubel und Entsetzen in Bayreuth – Eine zwiespältige Walküre

Von Sebastian Siercke

Hat es je in Bayreuth ein einzelnes Werk aus dem Ring gegeben?      Nein!

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre - hier: Catherine Foster als Brünnhilde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre – hier: Catherine Foster als Brünnhilde © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Dass es 2018 dazu kam, so mutmaßte das Publikum, lag wohl am Wunsch Placido Domingos, hier zu dirigieren. Dieser Ausnahmesänger, jahrzehntelang weltweit umjubelter Tenor, der auch in Bayreuth 1992 bis 1995 als Parsifal und 2000 als Siegmund Triumphe feierte und mittlerweile zu Verdis großen Bariton-Partien gewechselt hat, dirigiert schon lange. Nun dirigierte Domingo also auch in Bayreuth.

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre - hier : Stephen Gould als Siegmund © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre – hier : Stephen Gould als Siegmund © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Zuschauer saßen gespannt im Saal und erlebten eine herbe Enttäuschung. Das beste Orchester der Welt für Wagners Musik wurde – von Dirigent Placido Domingo – dazu gebracht, wie eine „schlecht gelaunte Kurkapelle“ zu klingen. Langsam, unspannend und farblos und streckenweise derb, diente es nur noch der Untermalung des Gesangs. Von der Farbenpracht der Partitur, die besonders hier in Bayreuth sonst so meisterhaft zu hören ist, ist nichts geblieben. Keinerlei Dynamik, keine Spannung, nur Langeweile.

Aber zum Glück gab es ja noch andere Künstler, die diesen Abend trotzdem zum Ereignis machten! Stephen Gould, bisher als Tannhäuser, Siegfried und Tristan in Bayreuth, nun mit seinem ersten Siegmund. Mühe und makellos sang er sich, vier Tage nach seinem letzten Tristan im Festspielhaus, durch die Partie, als gäbe es nichts leichteres und konnte sich so vollkommen auf die Gestaltung der Rolle konzentrieren, was ihm meisterhaft gelang.

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre - hier : Anja Kampe als Sieglinde © Bayreuther Festspiele / Jörg Schulze

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre – hier : Anja Kampe als Sieglinde © Bayreuther Festspiele / Jörg Schulze

Ihm als Sieglinde zur Seite Anja Kampe, die schon 2013 in der Premiere dieser Frank-Castorf-Produktion dabei war. Stimmlich, darstellerisch und vom Ausdruck hinreißend. Ihr grimmiger Mann Hunding war der Bayreuthdebütant Tobias Kehrer, der in diesem Jahr hier als Hunding und im Parsifal als Titurel zu hören ist.

Die letztjährige Götterdämmerungs – Waltraute, Marina  Prudenskaya, war dieses Mal als Fricka angesetzt, die peitschenschwingend ihren Göttergatten Wotan zur Räson zwingt.

Wotan war der Schwede John Lundgren. Phantastisch in seinen dramatischen Wutausbrüchen, wie in den äußerst zarten, zu Tränen rührenden Momenten im Abschied von seiner über alles geliebten Tochter Brünnhilde. Catherine Foster war in jener Titelpartie dabei und eroberte die Bühne mit selten so brillant und wuchtig gehörten Hojotoho-Rufen. Ein seltener Genuss, der sogar Kenner von Frau Fosters Können schwelgen ließ. Die Leichtigkeit, mit der sie die Partie singt, ich hatte das Gefühl, sie wird von Jahr zu Jahr besser, lässt sie eine bewundernswerte Tiefe in der Darstellung der Partie erreichen. Abgerundet wurde die Solistenriege durch die Walküren Caroline Wenborne, Christian Kohl, Simone Schröder, Regine Hangler, Mareike Morr, Mika Kaneko und Alexandra Petersamer, die jede für sich so klang, als könne sie auch eines Tages als Brünnhilde brillieren.

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre - hier : John Lundgren als Wotan © Bayreuther Festspiele / Jörg Schulze

Bayreuther Festspiele 2018 / Die Walküre – hier : John Lundgren als Wotan © Bayreuther Festspiele / Jörg Schulze

Die Walküre Bayreuth 2018 war an diesem Abend ein durchaus bemerkenswertes und erinnerungswürdiges Ereignis. Auch war es für das kennende und kritische Publikum Bayreuths sowohl Kunstgenuss als auch Lehrstunde: Die Künstler auf der Bühne dieses Hauses bringen nach wie vor eine beeindruckende Qualität, die vom Publikum mit jubelndem Beifall bedacht wurde. Die Lehrstunde aber traf hart den Dirigenten Placido Domingo, dem man zu gerne und wohlwollend zuraunen wollte:  „Schuster bleib bei deinen Leisten!“

—| IOCO Kritik Bayreuther Festspiele |—

Hamburg, Ohnsorg-Theater, Musical Hallo Dolly – auf Plattdüütsch, IOCO Kritik, 12.06.2018

Juni 12, 2018 by  
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Das Ohnsorg Theater in Hamburg © Jutta Schwoebel

Das Ohnsorg Theater in Hamburg © Jutta Schwoebel

Ohnsorg Theater

HALLO DOLLY – Musical auf Plattdüütsch

Großes Kino auf kleiner Bühne

Von Sebastian Siercke

Hach; schade, dass ich kein Plattdeutsch kann. Verstehen kann ich es ja, aber sprechen und schreiben leider nicht. Daher muss ich die folgenden Zeilen in profanem Hochdeutsch verfassen.

Am 27.5.2018 gab es in Hamburgs geliebtem Ohnsorg-Theater die umjubelte Premiere des Broadway-Klassikers Hello Dolly. Hier allerdings als Hallo Dolly, denn man spielte nicht die Geschichte der New Yorker „Matchmakerin“ Dolly Levi, die sich den Getreidehändler Horace Vandergelder aus dem fernen Yonkers angelt, sondern die, der Dolly Gellinger Meyer Wwe. aus Hamburg, die es auf den Futtermittel & Körnerhandlungsbesitzer Roland van der Gelder aus dem nicht minder fernen Soltau in der Heide abgesehen hat.

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Ensemble © Oliver Fantitsch

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Ensemble © Oliver Fantitsch

In den etwas nostalgischen Bühnenbilder von Katrin Reimers, und der Inszenierung von Frank Thannhäuser, der auch die Kostüme entwarf, spielte und sang das Ensemble des Hauses, ergänzt von einigen Gästen, schlicht hinreißend.

Allen voran natürlich als Titelheldin Dolly Gellinger  Sandra Keck. Also durchaus resolute Heirats-und-Sonstiges-Vermittlerin angelt sie sich sehr zielstrebig den grantigen Landhändler Roland, gespielt von Till Huster. Eigentlich kein Wunder, dass er ihr letztlich doch verfällt, spielt sie es doch so überzeugend und singt mit  großer, kräftiger Stimme diese nicht einfache Partie, dass man das Vorbild aus dem Hollywood-Film sofort vergisst. Selbst eine echte Showtreppe hat man für sie im „Harmonia-Goorn“ aufgebaut, auf der sie dann den Auftritt mit dem Titelsong zelebrieren kann. Aus der Rolle des „Oberverkäufers“ Cornelius Hackel machte Christian Richard Bauer die zweite Hauptrolle des Abends. Das Publikum schmolz dahin als er mit baritonalem Tenor mit  „Dat duurt nur een Momang lang“ dem Richter seine Liebe zur Hutladenbesitzerin Irene Möller gestand. Irene, hervorragend gespielt, getanzt und gesungen von Christin Deuker, die ja eigentlich mit dem Soltauer verkuppelt werden sollte, überlässt diesen nur zu gern Dolly um mit Cornelius glücklich zu werden. Markus Gillich und Tanja Bahmani waren als das Buffo-Paar Barnabas Wacker und Minna Frei dabei , das vierte Paar bildeten Luisa Rhöse als Rolands Nichte Irmgard und Erkki Frei als deren Zukünftiger Albert Kemper, die sich dann alle zusammen in den verschiedenen Separees des Speise- und Tanzlokals tummelten, ballettreife Showtänze und einen Evergreen nach dem anderen dem jubelnden Publikum präsentierten. Von Beate Kiupel, die als Heiratskandidatin Ernestine Godegeld mit von der Partie war, hätte man zu gerne noch ein weiteres Wagnerstück gehört, außer dem kurzen Hojotoho, lässt sie doch doch dem Kapellmeister ausrichten: „He schall mi watt von Wogner speelen.“

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Sandra Keck als Dolly © Sinje Hasheider

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Sandra Keck als Dolly © Sinje Hasheider

Wer also in Hamburg mal einen amüsanten und äußerst kurzweiligen Abend erleben möchte, dem sei die Produktion wärmstens ans Herz gelegt. Man verlässt das große Hamburger Traditionstheater, das Ohnsorg-Theater, mit einem breiten, nicht enden wollenden Lächeln auf dem Gesicht. Man sollte allerdings wissen, dass nicht in dem aus den Fernsehproduktionen bekannten Hamburger „Missingsch“ gespielt wird, sondern wirklich auf Plattdüütsch.

Aber keine Angst vor der Fremdsprache, einer italienischen La Boheme und selbst einer tschechischen Jenufa kann man ja auch problemlos folgen, wenn es denn gut auf die Bühne gebracht wurde, und „Gut“ ist für diese Hallo Dolly-Aufführung weit untertrieben!
Also: nix wie hin, es lohnt sich!

Hallo Dolly am Ohnsorg-Theater Hamburg; weitere Vorstellungen 12.6.; 15.6.; 16.6.; 17.6.; 19.6.; 20.6.2018 und mehr…

—| IOCO Kritik Ohnsorg Theater Hamburg |—

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Konzert Philippe Jaroussky – Ensemble Artaserse, IOCO Kritik, 11.11.2017

November 11, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Philippe Jaroussky und das Ensemble Artaserse

Arien aus Opern von  Georg Friedrich Händel

Von Sebastian Siercke 

Große Stimmen Von Pro Arte Konzertreihe in der Elbphilharmonie präsentiert. 07.11.2017 – Erstes Konzert dieser Reihe am 7.11.2017 mit  Philippe Jaroussky

 Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky und das Ensemble Artaserse © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky und das Ensemble Artaserse © Patrik Klein

Wenn man unter dem Titel Große Stimmen nun Heldentenöre und hochdramatische Soprane erwartet, ist ein Countertenor zunächst einmal etwas verblüffend.

Grabplatte - Georg Friedrich Händel © IOCO

Grabplatte – Georg Friedrich Händel © IOCO

Was der weltbekannte Philippe Jaroussky, der in der letzten Saison Artist in Residence beim hiesigen NDR-Elbphilharmonieorchester war, uns an die Elbe brachte, war dann allerdings ganz große Kunst und sehr große Stimme in unglaublicher Perfektion. Das Programm bestand abwechselnd aus händelschen Orchesterstücken, hauptsächlich Teilen aus dessen Concerti grossi und Arien aus den sieben Opern Ezio, Flavio, Siroe, Imeneo, Radamisto, Giustino, Tolomeo  von Georg Friedrich Händel.

Das von Jaroussky mitgegründete Ensemble Artaserse spielte die kurzen Orchesterparts wunderbar. Dieses Ensemble hätte es verdient, auch alleine in diesem Haus konzertieren zu dürfen. Star des Abends war aber natürlich der Franzose Philippe Jaroussky! Der Begriff „engelsgleich“ ist für einen Countertenor zwar etwas abgegriffen, trifft aber doch exakt seine Stimme, die sich so mühelos in höchste Höhen aufschwingt.

 Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky © Patrik Klein

Ob es die eher zart getragenen Teile der Rezitative, oder die furiosen Koloraturen der Arien waren, jeder Ton kam absolut mühelos und mit beachtlicher Ausdrucksintensität. Traurigkeit und Kummer um die verlorene Geliebte, Wut über die Ungerechtigkeiten des Lebens oder jugendliche Begeisterung auf dem Weg in den Krieg, alles war der Stimme zu entnehmen. Wäre Händel nicht bereits vor 258 Jahren gestorben, man könnte glauben, er hätte diese Arien direkt auf die Stimme Jarousskys und ihre unfassbaren Möglichkeiten komponiert.

Das Publikum, am Anfang noch etwas abwartend und verhalten, brachte dem Künstlern am Schluss stehende Ovationen entgegen, die dieser mit drei Zugaben entlohnte.

Nach einer weiteren Arie aus Radamisto folgte eine atemberaubende Koloraturarie aus Xerxes, von Jaroussky humoristisch angekündigt und auch entsprechend gesungen und gespielt. Das Publikum lachte herzlich und war hingerissen. Zum krönenden Abschluss wurde dann noch Xerxes`  Ombra mai fu gespielt und gesungen, nicht umsonst Händels wohl beliebteste und bekannteste Arie.

Wer immer die Möglichkeit haben sollte eine weitere der Stationen dieser Konzerttournee zu besuchen – es lohnt sich! Die Stimme Philippe Jarousskys ist ein lohnendes Erlebnis für jeden Musikliebhaber!

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—