Hamburg, Ohnsorg-Theater, Musical Hallo Dolly – auf Plattdüütsch, IOCO Kritik, 12.06.2018

Juni 12, 2018 by  
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Das Ohnsorg Theater in Hamburg © Jutta Schwoebel

Das Ohnsorg Theater in Hamburg © Jutta Schwoebel

Ohnsorg Theater

HALLO DOLLY – Musical auf Plattdüütsch

Großes Kino auf kleiner Bühne

Von Sebastian Siercke

Hach; schade, dass ich kein Plattdeutsch kann. Verstehen kann ich es ja, aber sprechen und schreiben leider nicht. Daher muss ich die folgenden Zeilen in profanem Hochdeutsch verfassen.

Am 27.5.2018 gab es in Hamburgs geliebtem Ohnsorg-Theater die umjubelte Premiere des Broadway-Klassikers Hello Dolly. Hier allerdings als Hallo Dolly, denn man spielte nicht die Geschichte der New Yorker „Matchmakerin“ Dolly Levi, die sich den Getreidehändler Horace Vandergelder aus dem fernen Yonkers angelt, sondern die, der Dolly Gellinger Meyer Wwe. aus Hamburg, die es auf den Futtermittel & Körnerhandlungsbesitzer Roland van der Gelder aus dem nicht minder fernen Soltau in der Heide abgesehen hat.

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Ensemble © Oliver Fantitsch

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Ensemble © Oliver Fantitsch

In den etwas nostalgischen Bühnenbilder von Katrin Reimers, und der Inszenierung von Frank Thannhäuser, der auch die Kostüme entwarf, spielte und sang das Ensemble des Hauses, ergänzt von einigen Gästen, schlicht hinreißend.

Allen voran natürlich als Titelheldin Dolly Gellinger  Sandra Keck. Also durchaus resolute Heirats-und-Sonstiges-Vermittlerin angelt sie sich sehr zielstrebig den grantigen Landhändler Roland, gespielt von Till Huster. Eigentlich kein Wunder, dass er ihr letztlich doch verfällt, spielt sie es doch so überzeugend und singt mit  großer, kräftiger Stimme diese nicht einfache Partie, dass man das Vorbild aus dem Hollywood-Film sofort vergisst. Selbst eine echte Showtreppe hat man für sie im „Harmonia-Goorn“ aufgebaut, auf der sie dann den Auftritt mit dem Titelsong zelebrieren kann. Aus der Rolle des „Oberverkäufers“ Cornelius Hackel machte Christian Richard Bauer die zweite Hauptrolle des Abends. Das Publikum schmolz dahin als er mit baritonalem Tenor mit  „Dat duurt nur een Momang lang“ dem Richter seine Liebe zur Hutladenbesitzerin Irene Möller gestand. Irene, hervorragend gespielt, getanzt und gesungen von Christin Deuker, die ja eigentlich mit dem Soltauer verkuppelt werden sollte, überlässt diesen nur zu gern Dolly um mit Cornelius glücklich zu werden. Markus Gillich und Tanja Bahmani waren als das Buffo-Paar Barnabas Wacker und Minna Frei dabei , das vierte Paar bildeten Luisa Rhöse als Rolands Nichte Irmgard und Erkki Frei als deren Zukünftiger Albert Kemper, die sich dann alle zusammen in den verschiedenen Separees des Speise- und Tanzlokals tummelten, ballettreife Showtänze und einen Evergreen nach dem anderen dem jubelnden Publikum präsentierten. Von Beate Kiupel, die als Heiratskandidatin Ernestine Godegeld mit von der Partie war, hätte man zu gerne noch ein weiteres Wagnerstück gehört, außer dem kurzen Hojotoho, lässt sie doch doch dem Kapellmeister ausrichten: „He schall mi watt von Wogner speelen.“

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Sandra Keck als Dolly © Sinje Hasheider

Ohnsorg Theater Hamburg / Hallo Dolly hier Sandra Keck als Dolly © Sinje Hasheider

Wer also in Hamburg mal einen amüsanten und äußerst kurzweiligen Abend erleben möchte, dem sei die Produktion wärmstens ans Herz gelegt. Man verlässt das große Hamburger Traditionstheater, das Ohnsorg-Theater, mit einem breiten, nicht enden wollenden Lächeln auf dem Gesicht. Man sollte allerdings wissen, dass nicht in dem aus den Fernsehproduktionen bekannten Hamburger „Missingsch“ gespielt wird, sondern wirklich auf Plattdüütsch.

Aber keine Angst vor der Fremdsprache, einer italienischen La Boheme und selbst einer tschechischen Jenufa kann man ja auch problemlos folgen, wenn es denn gut auf die Bühne gebracht wurde, und „Gut“ ist für diese Hallo Dolly-Aufführung weit untertrieben!
Also: nix wie hin, es lohnt sich!

Hallo Dolly am Ohnsorg-Theater Hamburg; weitere Vorstellungen 12.6.; 15.6.; 16.6.; 17.6.; 19.6.; 20.6.2018 und mehr…

—| IOCO Kritik Ohnsorg Theater Hamburg |—

 

Hamburg, Elbphilharmonie, Konzert Philippe Jaroussky – Ensemble Artaserse, IOCO Kritik, 11.11.2017

November 11, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Philippe Jaroussky und das Ensemble Artaserse

Arien aus Opern von  Georg Friedrich Händel

Von Sebastian Siercke 

Große Stimmen Von Pro Arte Konzertreihe in der Elbphilharmonie präsentiert. 07.11.2017 – Erstes Konzert dieser Reihe am 7.11.2017 mit  Philippe Jaroussky

 Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky und das Ensemble Artaserse © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky und das Ensemble Artaserse © Patrik Klein

Wenn man unter dem Titel Große Stimmen nun Heldentenöre und hochdramatische Soprane erwartet, ist ein Countertenor zunächst einmal etwas verblüffend.

Grabplatte - Georg Friedrich Händel © IOCO

Grabplatte – Georg Friedrich Händel © IOCO

Was der weltbekannte Philippe Jaroussky, der in der letzten Saison Artist in Residence beim hiesigen NDR-Elbphilharmonieorchester war, uns an die Elbe brachte, war dann allerdings ganz große Kunst und sehr große Stimme in unglaublicher Perfektion. Das Programm bestand abwechselnd aus händelschen Orchesterstücken, hauptsächlich Teilen aus dessen Concerti grossi und Arien aus den sieben Opern Ezio, Flavio, Siroe, Imeneo, Radamisto, Giustino, Tolomeo  von Georg Friedrich Händel.

Das von Jaroussky mitgegründete Ensemble Artaserse spielte die kurzen Orchesterparts wunderbar. Dieses Ensemble hätte es verdient, auch alleine in diesem Haus konzertieren zu dürfen. Star des Abends war aber natürlich der Franzose Philippe Jaroussky! Der Begriff „engelsgleich“ ist für einen Countertenor zwar etwas abgegriffen, trifft aber doch exakt seine Stimme, die sich so mühelos in höchste Höhen aufschwingt.

 Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Philippe Jaroussky © Patrik Klein

Ob es die eher zart getragenen Teile der Rezitative, oder die furiosen Koloraturen der Arien waren, jeder Ton kam absolut mühelos und mit beachtlicher Ausdrucksintensität. Traurigkeit und Kummer um die verlorene Geliebte, Wut über die Ungerechtigkeiten des Lebens oder jugendliche Begeisterung auf dem Weg in den Krieg, alles war der Stimme zu entnehmen. Wäre Händel nicht bereits vor 258 Jahren gestorben, man könnte glauben, er hätte diese Arien direkt auf die Stimme Jarousskys und ihre unfassbaren Möglichkeiten komponiert.

Das Publikum, am Anfang noch etwas abwartend und verhalten, brachte dem Künstlern am Schluss stehende Ovationen entgegen, die dieser mit drei Zugaben entlohnte.

Nach einer weiteren Arie aus Radamisto folgte eine atemberaubende Koloraturarie aus Xerxes, von Jaroussky humoristisch angekündigt und auch entsprechend gesungen und gespielt. Das Publikum lachte herzlich und war hingerissen. Zum krönenden Abschluss wurde dann noch Xerxes`  Ombra mai fu gespielt und gesungen, nicht umsonst Händels wohl beliebteste und bekannteste Arie.

Wer immer die Möglichkeit haben sollte eine weitere der Stationen dieser Konzerttournee zu besuchen – es lohnt sich! Die Stimme Philippe Jarousskys ist ein lohnendes Erlebnis für jeden Musikliebhaber!

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—