Leipzig, Oper Leipzig, Tristan und Isolde – Richard Wagner, IOCO Kritik, 07.10.2019

Oktober 7, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

 Tristan und Isolde  – Richard Wagner

Enrico Lübbe, Chef des Schauspiel Leipzig, inszeniert Oper

von Thomas Thielemann

Warum fahren Wagner-Verrückte und Christian Tielemann-Verehrer aus Dresden zu Ulf Schirmers Tristan-Premiere zur Oper Leipzig?

Da wäre zunächst der Regisseur Enrico Lübbe, ansonsten Intendant des Theaters  Schauspiel Leipzig und damit Nachfolger des „Skandal -Regisseurs“ Sebastian Hartmann, meines Großneffen. Und es  war natürlich interessant,  wie uns die Tristan-Dirigate Ulf Schirmers nach zwei Bayreuth-Erlebnissen angreifen werden. Und außerdem waren wir gespannt, wie Daniel Kirch, dessen Siegfried uns in Chemnitz extrem begeistert hatte, den Tristan an der Oper Leipzig bewältigt.

Wäre ich unvorbereitet in die Premiere gekommen, so wäre ich sicher gewesen, dass als Regisseur ein Filmschaffender die Inszenierung zu verantworten habe. Aber, dank der Partnerschaft mit dem hochkreativen österreich-schweizerischen „Bühnenbildner“ Etienne Pluss und dem Co-Regisseur Torsten Buß, war ein faszinierendes Bühnenereignis entstanden. Ein simpler Lichtrahmen übernimmt als wesentlichstes Element die Aufgabe in der eigentlich klassischen Inszenierung, eine Abgrenzung der Protagonisten von der realen Welt vorzunehmen.

Tristan und Isolde – The making of ….
youtube Trailer de Oper Leipzig
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Die Bühne fesselte vom ersten Augenblick. Mit faszinierend wechselnden  Bildern einer Videoinstallation, der Drehbühne und den handelnden Personen wurde der Betrachter über einen grauen Schiffsfriedhof geführt, bis der Bilderlauf in der Kabine eines Seglers zur Ruhe kam. Für die erste  Szene der Isolde mit Brangäne, fast etwas ablenkend, um vom Vorspiel und dem Lied des jungen Seemanns nahtlos in die Handlung zu kommen. Die Video-Drehbühnenkombination erlaubt der Regie, die Besucher auf beliebige Plätze des Schiffes zu führen.

Mit dem zweiten Akt gelang Enrico Lübbe im schier  endlosen Liebesduett  jenen Rausch Richard Wagners am freien Flug seinem exzessiven Ausnahmezustand gerecht zu werden. Seine wechselnden Befindlichkeiten, das psychologisch eigentlich Unerklärbare, den Tag zur Ursache allen Übels zu erklären und die Nacht, den Tod als ultimatives Lebensziel zu beschwören, wurde mit raffinierter Bühnentechnik, dem Einsatz eines Double-Paares und einer partiell schwarzen Umgebung bewältigt, so dass die Wandlungen der Gefühlswelten mit dem Wechsel von Körpernähe und  -ferne auch bildhaft wurden.

Oper Leipzig / Tristan und Isolde - hier : Daniel Kirch als Tristan und Meagan Miller als Isolde © Tom Schulze

Oper Leipzig / Tristan und Isolde – hier : Daniel Kirch als Tristan und Meagan Miller als Isolde © Tom Schulze

Für den dritten Akt hatte Lübbe das Wrack eines verlassenen Schiffes gewählt und überließ einer Vielzahl Isolde- Statistinnen Tristans Fieberphantasien bildlich werden zulassen. Gefangen in der unerfüllten Todessehnsucht leben Isolde und Tristan weiter mit ihrem Wunsch im Tode vereint zu sein. Die Lichtgestaltung und die Videoinstallationen waren beeindruckend im Konzept umgesetzt. Die Kostüme der Linda Redlin waren als einzige Komponente der Arbeit Lübbes zeitübergreifend gestaltet.

 Isolde war die stimmstarke amerikanische Sopranistin Meagan Miller mit ihrem Sinn für dramatische Situationen. Ihre volle kräftige Stimme mit ihrer hervorragenden Höhe findet aber auch mezzopiano Stimmfarbeben, durchaus auch zynisch und selbstironisch. Sie weiß sich auf der Bühne zu bewegen und vermag die Ideen des Schauspiel-Spezialisten umsetzen.die

Oper Leipzig / Tristan und Isolde - hier : Barbara Kozelj als Brangäne und Meagan Miller als Isolde © Tom Schulze

Oper Leipzig / Tristan und Isolde – hier : Barbara Kozelj als Brangäne und Meagan Miller als Isolde © Tom Schulze

Der Tristan von Daniel Kirch enttäuschte die Erwartungen nicht; aber ein „großer“ Tristan ist er noch nicht. Da benötigt seine leicht brüchige Tenorstimme noch etwas Entwicklung, wenn ihn der durchsetzungsfähige Sopran der Amerikanerin  gelegentlich überstrahlt. Die Mezzosopranistin Barbara Kozelj aus Slowenien war als die Stimme der Vernunft als Brangäne eine  ideale Partnerin der Isolde auf Augenhöhe. Stimmlich mit Meagan Miller gut abgestimmt, bietet sie dank ihrer starken Präsenz ein echtes Erlebnis.

Der König Marke, mit dem Ensemble-Mitglied Sebastian Pilgrim bestens  besetzt, war von der Regie von vornherein als schwacher Herrscher und wenig sympathisch angelegt. Mit profundem sicher geführtem Bass bewältigte er seine Aufgabe, in die Psyche von Isolde und Tristan einzugreifen. Das Ensemblemitglied Matthias Stier, trifft als Melot  geifernd mit seiner schneidenden Charakterstudie genau den richtigen Ton des Verräters.

Jukka Rasilainen als Kurwenal, erst im letzten Moment in die Inszenierung einbezogen, verfügt aber über ausreichend Erfahrung, um den Vertrauten Tristans wacker gesanglich und spielerisch prägnant darzustellen. Auch die „kleineren Rollen“ waren leistungsfähigen Sängern anvertraut. Der Steuermann von Franz Xaver Schlecht mit seinem elegant-dunklem Bariton und der Hirte des erfahrenen Oratorien-Tenors Martin Vogel waren schon beeindruckend. Der  junge Seemann   von dem  lyrisch geprägten Tenor Alvaro Zambrano gesungen, war fast eine Luxusbesetzung.

 Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Die Oboistin des Gewandhausorchesters  Gundel Jannemann-Fischer bot mit ihren in der Szene integrierten Bassklarinetten-Soli eine berückende Besonderheit der Inszenierung. Der Chor präsentierte sich kräftig und transparent, aber nicht unbedingt klangschön.

Zum Orchester möchte ich mich nicht unbedingt äußern, weil ich doch dem Dresdner Klang zu stark verhaftet bin. Das bedeutet aber keinesfalls eine Einschränkung der Orchesterqualität, denn es wurde hervorragend musiziert. Die Klangentfaltung in der Oper Leipzig ermöglicht allerdings keinen extrem emotionsgeladenen Tönerausch.

Ulf Schirmer leitete die Aufführung straff, facettenreich aber nicht immer freundlich unterstützend den Sängern gegenüber. Ich empfand, dass er mit seinem Dirigat  einen  etwas kühleren  Eindruck vermittelte. Das mag an der Premieren-Nervosität  gelegen haben, denn an der Darbietung der Musik Richard Wagners gab das keine Einschränkung. Schwieriger war da schon der Eventcharakter der bilderbetonten Regie, der gelegentlich ablenkte. Aber das mag meine persönliche Auffassung zur Arbeit Lübbes sein und sich aus dem Eindruck halbszenischer Wagner-Aufführungen bei den Budapester Wagnertagen speisen.

Von den Freunden der Musik des in Leipzig geborenen Meisters wurde die Leistung der Künstler um Enrico Lübbe und Ulf Schirmer stürmisch bejubelt und mit stehenden Ovationen bedacht, an denen ich mich mit viel Überzeugung beteiligte.

Tristan und Isolde an der Oper Leipzig, weitere Aufführungen: 12. Oktober / 10.11. 2019 / 14. März / 01. Juni 2020 ( mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)

—| IOCO Kritik Oper Leipzig |—

Leipzig, Oper Leipzig, Premiere Tristan und Isolde – Richard Wagner, 05.10.2019

Oktober 2, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Tristan und Isolde – Richard Wagner

In Des Welt-Atems wehendem All

Die Premiere von Richard Wagners Tristan und Isolde in der Inszenierung von Enrico Lübbe, Intendant des Schauspiel Leipzig, markiert einen weiteren wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu den Opernfesttagen »WAGNER 22« im Sommer 2022.

Bis dahin wird die Oper Leipzig unter der Leitung von Intendant und Generalmusikdirektor Ulf Schirmer alle dreizehn Opernwerke Wagners im Repertoire führen und innerhalb von drei Wochen in der Reihenfolge ihrer Entstehung zur Aufführung bringen. Enrico Lübbe gibt mit dieser Arbeit sein Hausdebüt an der Oper Leipzig. Am Pult des Gewandhausorchesters steht Prof. Ulf Schirmer.

Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Um der ungewollten Hochzeit mit König Marke (Sebastian Pilgrim mit einem Rollendebüt) von Cornwall zu entgehen, will die irische Königstochter Isolde (Meagan Miller, mit einem Rollendebüt, zuletzt in Leipzig als Minnie in La fanciulla del West) ihrem Leben ein Ende setzen. Gemeinsam mit Tristan (Daniel Kirch, an der Oper Leipzig u.a. als Siegmund in Die Walküre und in den Titelpartien in Tannhäuser und Parsifal), dem Neffen des Königs, trinkt sie jedoch versehentlich kein Gift, sondern einen Liebestrank. Gequält von unerfüllter Sehnsucht leben die beiden fortan für den Wunsch, im Tod vereint zu sein.

Mit Tristan und Isolde schuf Richard Wagner seine vielleicht radikalste, aber auch sinnlichste Oper. Zwei Liebende werden in einen Strudel der Leidenschaften hineingesogen, der so intensiv ist, dass eine Erlösung nur im Tod möglich ist. Für seinen »Tristan« adaptierte Wagner das mittelalterliche Epos von Gottfried von Straßburg und ließ sich von der Philosophie Arthur Schopenhauers inspirieren. Der Komponist vereint dessen pessimistische Ideen vom Streben nach dem Ende der Existenz jedoch mit der eigenen Neigung zu sinnlicher Hingabe. Es entstehen rauschhafte Klänge der Unendlichkeit, die die überwältigenden Gefühle der kaum noch aktiv handelnden Figuren deutlich machen. Wie das immer größer werdende Verlangen der Liebenden drängt die Musik unaufhörlich nach Erlösung. Die beinahe sinfonisch anmutende musikalische Sprache, die Wagner verwendet, ist durch den Zusammenbruch der Tonalität und extreme Chromatik gekennzeichnet.

Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Oper Leipzig / Tristan und Isolde © Tom Schulze

Bühnenbildner Étienne Pluss, für seine Arbeit an »Violetter Schnee« an der Staatsoper Unter den Linden gerade für den FAUST 2019 nominiert, schafft für die Geschichte von »Tristan und Isolde« zeitlose und symbolische Orte wie einen Schiffsfriedhof, an denen Regisseur Enrico Lübbe mit dem Einsatz der Drehbühne, Videoprojektionen (fettFilm) und Doubles der Protagonisten verschiedene Realitäts- und Zeitebenen entstehen lässt: reale sowie überdimensionierte und philosophische. Ein Lichtrahmen dient als Grenze zwischen den Welten und als Abgrenzung für Tristan und Isolde zur »realen« Welt.

Premiere: Samstag, 5. Oktober 2019, 17 Uhr,  weitere Aufführungen: 12. Oktober / 10. November 2019 / 14. März / 01. Juni 2020 (alle Vorstellungen mit Einführung 45 Min. vor Vorstellungsbeginn)

Richard Wagner  –  Tristan und Isolde
Handlung in drei Aufzügen | Text vom Komponisten | In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Leitung:
Musikalische Leitung  Ulf Schirmer, Inszenierung Enrico Lübbe, Co-Regie Torsten Buß
Bühne Étienne Pluss, Kostüm Linda Redlin, Video fettFilm, Licht Olaf Freese, Choreinstudierung Thomas Eitler-de Lint, Dramaturgie Nele Winter

Besetzung:  Isolde Meagan Miller | Tristan Daniel Kirch | König Marke Sebastian Pilgrim | Kurwenal Mathias Hausmann | Melot Matthias Stier | Brangäne Barbara Kozelj | Ein Hirt Martin Petzold | Ein Steuermann Franz Xaver Schlecht | Ein junger Seemann Alvaro Zambrano,  Herren des Chores der Oper Leipzig, Komparserie der Oper Leipzig, Gewandhausorchester

—| Pressemeldung Oper Leipzig |—

Leipzig, Oper Leipzig, Spielplan September 2019

Juli 30, 2019 by  
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Oper Leipzig

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Oper Leipzig © Kirsten Nijhof

Spielplan der Oper Leipzig Spielzeit 2019/20


September 2019


01 SO
18:00 Die verkaufte Braut Smetana | Opernhaus


06 FR
19:30 Spielzeiteröffnungs-Gala | Westbad


07 SA
10:00 Tag der offenen Tür | Theaterwerkstätten Dessauer Straße
14:00 Eröffnungsfest | Opernhaus
18:00 Oper für alle | Opernhaus


08 SO
11:00 Der Karneval der Tiere (Ballett) Bruland/Saint-Saëns | Konzertfoyer Opernhaus
15:00 Spielzeiteröffnungs-Gala | Westbad


13 FR
19:30 Die Fledermaus Strauß | Westbad


14 SA
14:00 Hausführung | Opernhaus
19:00 Die Fledermaus Strauß | Westbad
19:00 Der Liebestrank Donizetti – PREMIERE | Opernhaus


15 SO
10:00 Familienführung | Opernhaus
14:00 Oper zum Mitmachen Der Karneval der Tiere | Probebühne Opernhaus
18:00 Tosca Puccini | Opernhaus


16 MO
18:00 Blue Monday (Ballett) | Uwe Scholz Saal Opernhaus


20 FR
09:30 Feuer, Wasser, Sturm Ein Mitmachkonzert des Kinderchores | Konzertfoyer Opernhaus
11:00 Feuer, Wasser, Sturm Ein Mitmachkonzert des Kinderchores | Konzertfoyer Opernhaus


21 SA
15:00 Opernplauderei mit Bassist Sebastian Pilgrim | Konzertfoyer Opernhaus
19:00 Schwanensee (Ballett) Schröder/Tschaikowski | Opernhaus


22 SO
15:00 Feuer, Wasser, Sturm Ein Mitmachkonzert des Kinderchores | Konzertfoyer Opernhaus
18:00 Der Liebestrank Donizetti | Opernhaus


24 DI
11:00 Der Karneval der Tiere (Ballett) Bruland/Saint-Saëns | Konzertfoyer Opernhaus


25 MI
11:00 Der Karneval der Tiere (Ballett) Bruland/Saint-Saëns | Konzertfoyer Opernhaus


27 FR
18:00 Oper Leipzig Werkstatt Gespräch mit dem Inszenierungsteam und öffentliche Probe zu »Tristan und Isolde«| Opernhaus
19:30 Spiel mir eine alte Melodie Schlager-Revue – PREMIERE | Westbad


28 SA
14:00 Führung Technisches Kabinett | Opernhaus
19:00 Die verkaufte Braut Smetana | Opernhaus
19:00 Spiel mir eine alte Melodie Schlager-Revue | Westbad


29 SO
15:00 Spiel mir eine alte Melodie Schlager-Revue | Westbad
18:00 Schwanensee (Ballett) Schröder/Tschaikowski | Opernhaus
Änderungen vorbehalten!

—| Pressemeldung Oper Leipzig |—

Bielefeld, Theater Bielefeld, Das Rheingold – Richard Wagner, IOCO Kritik, 15.07.2018

Juli 15, 2018 by  
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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

DAS RHEINGOLD – Richard Wagner

– Lieblose Love-Parade –

Von Hanns Butterhof

Das Theater Bielefeld hat sich statt des ganzen Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen von Richard Wagner des Vorabends Das Rheingold angenommen und ist damit gleich bei der Götterdämmerung angekommen. In Mizgin Bilmens Inszenierung haben auch die  Götter der Liebe entsagt und sind nicht wert, gerettet zu werden. In den Mittelpunkt der Aufführung stellt Bilmen den leidenden Mensch.

 – Bielefelder Rheingold diagnostiziert den Untergang des Abendlandes –

Immer geschunden, fremdbestimmt und ausgebeutet ist der Mensch ohne Unterlass auf der Bühne des Theaters Bielefeld anwesend. Mizgin Bilmen hat ihm die Form einer Gruppe von Erdenwürmern gegeben. In schlammigen, schrundigen Ganzkörpertrikots (Kostüme: Alexander Djurkov Hotter) liegen sie schon zur Ouvertüre zum Rheingold auf dem Grund des Rheins. Hier wie überall ist der Mensch das eigentliche Gold, der Reichtum der Welt. Das wird deutlich, als Alberich (Yoshiaki Kimura), der von den Rheintöchtern (Nohad Becker, Hasti Molavian, Nienke Otten) geneckte und verschmähte Zwerg, aus einem dieser Erdlinge Goldstaub herauswühlt, bevor er ihn dann über die Schulter wirft und, der Liebe finster entsagend, zum Gewinn der Weltherrschaft aufbricht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier : Im Mittelpunkt stehen die Erdling-Menschen © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Im Mittelpunkt stehen die Erdling-Menschen © Bettina Stoß

In seinem unterweltlichen Nifelheim sind diese Erdlinge dann zu einer Maschine geworden. Sie wird von Alberichs Bruder Mime (Lorin Wey) gewartet, ist zwar nicht selber aus Gold, produziert es aber wohl. Alberich beherrscht sie mit seinem inzwischen aus dem Rheingold geschmiedeten Ring, einem goldenen Schlagring. Auf seinen Wink hin malträtieren sie Mime, der einen Tarnhelm für sich statt für Alberich anfertigen wollte. Und sie machen, szenisch sehr überzeugend, Alberich unsichtbar und bilden die Schlange, in die er sich verwandelt. Wenn sie ihn ungeschützt lassen, als er die Gestalt einer Kröte annimmt, wird ihm das zum Verhängnis.

Später finden die Erdlinge – diesmal wieder unmittelbar als Nibelungengold – noch Verwendung dafür, die Göttin Freia (Melanie Kreuter) vor den Blicken der merkwürdig militärisch mit Gewehren ausstaffierten Riesen Fafner (Sebastian Pilgrim) und Fasolt (Moon Soo Park) zu verbergen. Nachdem Fafner seinen Bruder im Streit um das Gold erschossen hat, lässt er – ebenfalls merkwürdig – bis auf einen die Erdlinge liegen, aus denen dann die Götter wieder Goldstaub herauswühlen. Den schmieren sie sich selbstverliebt überall hin und bewerfen sich kindisch damit, um sich dann eines hübschen Goldregens aus dem Schnürboden zu erfreuen.

Das ist nicht alles ganz stimmig,  lässt aber vielfältige Assoziationen über den Wert des Menschen als Täter und Opfer in der Welt zu, bevor man sich den Tätern und der Welt des Rheingold zuwendet.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier : Goldregen fällt auf die Götter, Sarah Kuffner, Frank Dolphin Wong © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Goldregen fällt auf die Götter, Sarah Kuffner, Frank Dolphin Wong © Bettina Stoß

Dass Krieg in dieser Welt ist, illustriert eine immer schneller laufende Videoprojektion (Video: sputnic/Malte Jehmlich) mit Bombenexplosionen, Geschützfeuer, menschenfeindlicher Dürre und ertrunkenen Flüchtlingen bei der rasenden Fahrt Wotans (Frank Dolphin Wong) und seines Helfers Loge (Alexander Kaimbacher) in die Unterwelt Nibelheims, wo sie Alberich den Nibelungen-Goldschatz abluchsen wollen. Inwieweit sie alle Schuld an diesem Zustand der Welt tragen, sei es dadurch, dass Wotan einen Ast von der Weltesche abgebrochen oder  Alberich das Rheingold geraubt hat, wird nicht näher beleuchtet und kümmert sie auch nicht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier : Wotan braucht Loges Rat, Frank Dolphin Wong, Alexander Kaimbacher © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Wotan braucht Loges Rat, Frank Dolphin Wong, Alexander Kaimbacher © Bettina Stoß

Auch in der Götterwelt hat weder die Liebe noch die Mitmenschlichkeit ihren Platz. Und so lieblos, wie die Götter miteinander umgehen, verfährt auch die Regie mit ihnen. Sie sind eindimensionale Charaktermasken, die mit ihrer Schutzburg Walhall das Elend der Welt von ihrer Spaßgesellschaft fernhalten wollen. In ihren weißen, pornochicken Fantasiekostümen sehen sie aus, als entstammten sie einem Themenwagen der Love-Parade. Sie sind recht eigentlich schon Personal der Götterdämmerung, gleichsam Gibichungen mit Wotan als einem vorweggenommenen Gunter. Er ist in seinem weißen Pelzfummel, der klunkerbesetzten Offiziers-Schirmmütze und dem wie eine Vorhangstange dünnen, mit traurigen Fransen besetzten Speer ein aufgeblasener, verantwortungsloser  Hohlkopf. Ohne seine hand- und kopfarbeitenden Helfer wie die Riesen und Loge bringt er nichts zustande. Seine Frau Fricka (Sarah Kuffner) – hohe weiße Stiefel, knappe Pants und Push-Ups – ist eine rechte Blondine. Sie hat außer den ehelichen Pflichten ihres Gatten und dem Geschmeide, das man aus dem Rheingold anfertigen könnte, nichts im Kopf. Ähnlich flach sind die restlichen Götter, Froh (Lianghua Gong) mit schmuckem Federkopfputz und Donner (Evgueniy Alexiev), dem zwar der Hammer fehlt, den aber die Hörner eines Schafbocks zieren. Kaum um ihrer selbst willen sorgen sich alle um Freia (Melanie Kreuter), trägt sie doch in einem Terrarium den Bonsai-Garten mit den Äpfeln auf ihrem Rücken, deren Verzehr den Göttern Kraft und Jugendlichkeit verleiht. Sie ist für sie so unentbehrlich wie Kokain für Investment-Banker oder Ecstasy für Discogänger. Walhall, eine kaltes, leeres Stahlgerüst eines Hochhauses in erheblicher Schieflage (Bühne: Cleo Niemeyer) ist jetzt schon dem Untergang geweiht, nur diesen Göttern dämmert das noch nicht.

Theater Bielefeld / Das Rheingold - hier : Erda und Wotan, Katja Starke und Frank Dolphin Wong, © Bettina Stoß

Theater Bielefeld / Das Rheingold – hier : Erda und Wotan, Katja Starke und Frank Dolphin Wong, © Bettina Stoß

Loge, der klarsichtige, aber allen Herren dienstbare Intellektuelle, sieht das Ende, das die eindrucksvoll aus der Masse der Erdlinge aufsteigende und ihnen eine Stimme gebende Erda (Katja Starke) den tauben Ohren der Götter prophezeit hatte. Wer mit den Göttern gemeint ist und wem die klare Botschaft gilt, macht die Regie am Ende mit einem bewährten Stilmittel deutlich: Zum Einzug der Götter in Walhall fährt eine Batterie starker Scheinwerfer herab und leuchtet schmerzlich ins Publikum – damit ihm vielleicht doch noch rechtzeitig ein Licht aufgeht.

Gesungen wird durchweg ordentlich, wenn auch nicht immer sehr textverständlich. Aus dem Ensemble ragen der darstellerisch und gesanglich äußerst bewegliche Tenor Alexander Kaimbacher, Sarah Kuffner mit klarem Sopran und Katja Starke mit vollem, geerdetem Mezzo heraus.

Alexander Kalajdzic dirigierte die etwas rauh klingenden Bielefelder Philharmoniker sängerfreundlich und flott, ohne mit großen Melodiebögen den Wagner-Sog zu entfalten, wohl ganz im Sinne der auf Einsicht statt auf Genuss zielenden, nur in Details differenzierten Regie Mizgin Bilmens.

Das Bielefelder Rheingold hat den Weg zur Götterdämmerung kurzgeschlossen, sich den Weg über den Hoffnungsträger Siegfried gespart und ist schlüssig auch zu dem Ergebnis gelangt, dass die Welt von uns Göttern nicht mehr zu retten ist und das weiße, männlich geprägte Abendland untergehen wird. Mit dieser Diagnose, die Wagners ästhetischer Komplexität nicht voll gerecht wird, steht das Bielefelder Rheingold  nicht allein.

Das Rheingold von Richard Wagner; besuchte Aufführung: 10.7.2018; zur Zeit sind keine weiteren Aufführungen geplant.

—| IOCO Kritik Theater Bielefeld |—