Wuppertal, Oper Wuppertal, Luisa Miller – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 22.12.2018

Dezember 22, 2018 by  
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Wuppertaler Bühnen

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Luisa Miller – Giuseppe Verdi

Oper Wuppertal – Mit gefeierter Inszenierung auf gutem Weg zu neuen Ufern

Von Viktor Jarosch

Die Oper Wuppertal hat die „schweren Jahre der Selbstfindung“ – ob Opera Stagione oder Produktionen mit eigenem Ensemble – wohl hinter sich. Die Premiere von Luisa Miller, eine Kooperation mit der Londoner English National Opera, wurde vom Publikum überschwänglich gefeiert: Die Inszenierung modern wie stimmig; ein überraschend starkes Ensemble; ein sensibles Orchester. Die Oper Wuppertal, auch dank Luisa Miller, reiht sich wieder ein, mit großen Produktionen und einem starken Ensemble, in die großen Theater NRW´s.

Friedrich von Schiller war Opfer zahlreicher Ungerechtigkeiten und Fürstenwillkür. Unter dem württembergischen Herzog Carl Eugen, welcher sein verschwenderisches Hofleben nach dem Versailler Hof ausrichtete, musste er 1782, nach Uraufführung seines Dramas Die Räuber, fliehen; zunächst nach Mannheim, wo er am Nationaltheater arbeitete. Als Herzog Carl Eugen sich um seine Auslieferung bemühte, zog Schiller unter falschem Namen nach Thüringen, wo er Kabale und Liebe vollendete. Kabale und Liebe, oder Luise Millerin – wie es ursprünglich hieß -, wurde zum erneuten Protest gegen Willkür der Adelsschicht; doch nicht, wie Die Räuber in „rohem“ sondern in „gepflegtem“ Gewand.

Luisa Miller, vierzehnte von Verdis 28 Opern, abgeleitet von Schillers Drama Kabale und Liebe, ist komplex und anspruchsvoll, ist Verdis erstes „bürgerliche Trauerspiel“. Kabale und Liebe reflektiert die politischen Unruhen des Jahres 1848, die in ganz Europa zur Auflehnung gegen herrschende Adelsklasse, gegen die Zwänge der Ständegesellschaft führten. Das Herz Verdis, des „Bauern von Roncole“ schlug ebenfalls für Bauern und Bürgertum. Als Vincenco Flauto, Intendant des Teatro San Carlo Neapel, ihn 1849 aufforderte, bestehenden Kompositions-Verpflichtungen nachzukommen, beschloss er unter Beachtung heikler Zensurverhältnisse und damaligem Kompositions-verständnis Schillers Kabale und Liebe zu vertonen. Luisa Miller wurde nie populär, doch steht sie kompositorisch Verdis erfolgreichen Werken in nichts nach.

Oper Wuppertal / Luisa Miller - hier : Vater Miller, Luisa als Kind und Clowns des Lebens © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Luisa Miller – hier : Vater Miller, Luisa als Kind und Clowns des Lebens © Jens Grossmann

Luisa Miller, wie Kabale und Liebe, gehören zu den ersten großen Opern / Dramen, in welchen Glanz, Intrige und Liebe zwischen Adel und Bürgertum changieren. Luisa, die Tochter des Stadtmusikanten Miller und Rodolfo, Sohn des adligen Il Conte di Walter, haben sich verliebt. Doch diese nicht standesgemäße Liaison wird von ihren Vätern abgelehnt: Miller möchte seine Tochter immer bei sich haben, akzeptiert nicht ihr Erwachsenwerden. Il Conte di Walter, von Habgier und Amoral innerlich zerfressen, sucht eigenes Verhalten auf seinen Sohn Rodolfo zu projizieren. Doch Rodolfo rebelliert gegen seinen Vater und will mit der jungen, geliebten Luisa aus der von Gier und Gewalt getriebenen Welt des Vaters ausbrechen. Wurm, selbst an Luisa interessiert, spinnt, im eigenen Mittelmaß wirkend, zahlreiche Intrigen, an welchen Rodolfo und Luisa letztlich zerbrechen, sterben.

Die tschechische Regisseurin Barbora Horakova mit Andrew Liebermann (Bühne) und Eva Maria van Acker (Kostüme) schaffen in Wuppertal bei klarem, hellem sich stets sanft wandelndem Bühnenbild eine moderne Inszenierung von beständig hoher Spannung. Eine brillant detailreiche Choreographie treibt die heterogen Handelnden von einem unschuldig eröffnenden Tanz letztlich in die Katastrophe. So öffnen zur Ouvertüre am Bühnenrand ein Junge und ein Mädchen, Rodolfo und Luisa noch als Kinder, einen Geschenkkarton, finden darin Malstifte und einen Teddy und zeichnen die Worte Intrigo und Amore (Kabale – Liebe) in großen Lettern, auf Wände links und rechts der Bühne; die ihr kommendes Leben zeichnenden Werte: Farbe und „Schmierereien“ an Wänden werden so zu Teil der Choreographie, der Inszenierung: Die hellen Wände wie die Worte Intrigo und Amore begleiten das Drama bildhaft durch den Abend: Unauffällig aber beständig verwischen vier Tänzer die zwei Worte, die Bühnenwände wie sich selbst mit dunklen Farben. So sind die am Ende schwarz verschmierten Wände sichtbarer Ausdruck der tragisch gescheiterten Intrigen.

Oper Wuppertal / Luisa Miller - hier : Rodolfo und Luisa © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Luisa Miller – hier : Rodolfo und Luisa © Jens Grossmann

Bereits das erste frohsinnige Bild der Inszenierung bannt den Besucher: Auf weitgehend leerer heller Bühne feiert die Dorfgemeinschaft Luisas Geburtstag, singt in filigran clownesken Kostümen, Luisa umtänzelnd: „Ti desta, Luisa, regina de’cori; i monti già lambe un riso di luce“ (Erwache, Luisa, Königin der Herzen; schon wirft die Sonne ihre Strahlen auf die Berge). Luftballons und Luisa mit Engelsflügeln; Rodolfo, welcher Luisa einen Ring überreicht; Vater MillerMöge kein Unheil aus deiner Beziehung entstehen..“ zeichnen das Bild einer – noch – innig ungetrübten Liebesbeziehung. Doch die folgenden Szenen, wenn Il Conte di Walter seinen Sohn Rodolfo herausfordert: „Der Weg zum Königshof öffnet sich Dir… Gehorche, mein Wille ist Gesetz..“ deuten, bereiten den Weg in die Katastrophe.

Viel Symbolik und feine Choreographie zeichnen die Charaktere der Protagonisten. Wenn Wurm auf einem Gerüst sitzend ein Pendel schwingt, über Intrigen sinniert oder Masken aufzieht; wenn Luftballons immer wieder das frohe Leben signalisieren; wenn im Sterben der Luisa („Vater, nimm den letzten Gruß, segne mich“) im Hintergrund der Bühne Clowns mit Luftballons neues Leben signalisieren. So stützen in dieser Inszenierung vielfältige Symbolik und  Choreographie das Verständnis die Protagonisten und ihre Handeln.

Oper Wuppertal / Luisa Miller - hier : Miller und Tragik abbildende Clowns © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Luisa Miller – hier : Miller und Tragik abbildende Clowns © Jens Grossmann

Das starke eigene Ensemble der Oper Wuppertal und Gäste formten die stimmlich so anspruchsvolle Oper: Izabela Matula zeichnet Luisa ihre anspruchsvollen Sopranarien mit dem frühen Beginn die wechselnden Charaktere, vom unschuldigen Mädchen zur getriebenen Frau, mit bleibend rundem Timbre und sicheren Koloraturen. Rodrigo Porras Garulo verkörpert als Rodolfo den rebellischen Sohn ebenso lebendig wie er als sterbend Liebender mit sensiblem, lyrischem Tenor die Besucher ergreift. Sebastian Campione überzeugt mit schwarzem Bass als fordernder, rücksichtsloser Il Conte di Walter; Michael Tews, mit und ohne Maske, ist mit wohl gefärbtem Bass der im Hintergrund beständig konspirierende Wurm. Anton Keremidtchiev agiert als Miller zurückhaltend, leise; doch seine anspruchsvolle Partie phrasiert er mit strahlendem Bariton. Nana Dzidziguri gestaltet als Frederica, Luisas Gegenspielerin, ihre Partie mit kräftigen Mezzo überzeugend.

Julias Jones führte das Sinfonieorchester Wuppertal schon zur Ouvertüre, mit den spielenden Kindern Luisa und Rodolfo am Bühnenrand, in präzisem Dirigat zu wunderbaren Klangfarben. Unser Erstaunen über die Sicherheit des Dirigats setzte sich fort, ergriff auch Streicher und auch die Bläser, welche mit zartesten Piani wie kräftigem Fortissimo verzauberten.

Der langanhalte begeisterte Schlussapplaus für Ensemble, Orchester und Regieteam hatte sich zuvor in zahlreichem Szenenapplaus angekündigt. Luisa Miller wird als Produktion wohl über Jahre auf dem Wuppertaler Spielplan bestehen und bestätigt zudem  die Stadtväter, in ihrer neuen Ausrichtung der Oper Wuppertal.

Luisa Miller an der Oper Wuppertal; die weiteren Termine: 22.12.2018; 27.1.; 17.2.; 28.2.2019

—| IOCO Kritik Wuppertaler Bühnen |—

Wuppertal, Oper Wuppertal, Surrogate Cities / Götterdämmerung, IOCO Kritik, 19.09.2017

September 22, 2017 by  
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Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Opernhaus Wuppertal © Andreas Fischer

Surrogate Cities / Götterdämmerung von Heiner Goebbels

 Ruppig – Glattes Stadtleben: Goebbels, Wagner, Gospel

Von Viktor Jarosch

Die Oper Wuppertal zeigt mit Surrogate Cities / Götterdämmerung innovatives Musiktheater: Es verwebt in dem Stück glattes wie kantiges Alltagsleben einer Stadt mit der Sagenwelt Richard Wagners, um in groovigem Gospel spektakulär zu enden. Stampfende, stoßende Musik von Heiner Goebbels öffnet den Abend, wechselt zu Richard Wagners Götterdämmerung um sich in den lyrisch dramatischen Horatian Songs von Heiner Goebbels überraschend mit packender Synthese aufzulösen.

Surrogate Cities hat den ambivalenten Charakter städtischen Lebens zum Thema; neben anregenden Themen auch das, was eine Großstadt mit seinen Widersprüchen nicht bieten kann. Es geht mir … darum, mit der glatten, abweisenden Oberflächlichkeit … auch an tiefere Schichten von Stadtgeschichte zu kommen“, so Heiner Goebbels wenig konkret über sein Werk, welches er mit Dramaturgen, Bühnenbildnern, Lichtgestaltern, Sounddesignern umsetzt. Heiner Goebbels (*1952), Regisseur, Komponist und Professor für Angewandte Theaterwissenschaft, komponierte, produzierte Surrogate Cities 1994, zur 1200 – Jahrfeier Frankfurts. Inzwischen ist Surrogate Cities ist inzwischen ein herausragendes Werk postdramatischer Musik. 2014, zum Ende von Goebbels Amtszeit als Leiter der Ruhrtriennale, fand in Duisburg eine choreographisch-szenische Neuproduktion von Surrogate Cities Ruhr statt. Im Mai 2017 war Surrogate Cities bei den KunstFestSpielen Herrenhausen zu erleben.

Für die Oper Wuppertal verbindet der amerikanische Regisseur Jay Scheib das Werk von Heiner Goebbels mit Musik, Themen und Personen aus dem 3. Akt von Richard Wagners Götterdämmerung. Eine Verbindung, die Goebbels überraschend differenziert sieht: „Mich interessiert an Wagner eher seine Musik und weniger die Narrationen“. Jay Scheib dazu: „Städte geraten außer Kontrolle, werden kurzsichtig … Surrogate Cities verbinde ich mit einem Zustand der Ortslosigkeit … öffnet eine Welt der Spekulation ohne Halt … ist, wie Götterdämmerung, eine Fundgrube für Unterschiede, unangenehme Wahrheiten, Einsamkeit und der Innovation.

Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Götterdämmerung - Blick auf Orchester, Bühne und Leinwände © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cites – Götterdämmerung – Blick auf Orchester, Bühne und Leinwände © Jens Grossmann

Die schwer greifbare Einführung zu Surrogate Cities mag den Besucher noch verunsichern. Faszination, Spannung greift jedoch mit dem Betreten des Zuschauerraumes, mit dem ersten Blick auf die Bühne (Kathrin Wittig). Die Bühne, der Orchestergraben ist hoch gefahren, ist in drei Segmente geteilt: Das große, 80–köpfige Orchester ist geteilt: Vorne die Streicher und zwei Harfen; die Bläser und Schlagwerker im hinteren Teil der Bühne. In der Bühnenmitte, die beiden Orchesterteile trennend, ein fünf Meter breiter Streifen. Hier findet die Handlung statt: Links ein langer, festlich gedeckter Tisch, darunter eine Hochzeitstorte. Offensichtlich hatte eine Hochzeit, ein Fest stattgefunden. Rechts daneben eine kleine Kammer mit Sitzecke, Waschbecken, Dusche, Mikrowelle. Ein kleiner Monitor in der Kammer zeigt während der 2,5 stündige Aufführung in Endlosschleife einen fliegenden Raben. Zwei 10 x 4 Meter große Leinwände über und neben der Bühne kündigen Live-Video-Techniken an. Eine Frau (Hannah Usemann) bewegt sich während der Vorstellung mit großer Kamera auf der Bühne; filmt die Handlung und überträgt sie auf die großen Bildschirme. So pendelt, jagt der Blick des Besucher immer gebannt von Orchester oder Bühne oder Projektionen auf den Leinwänden. Unverstellt von gewohnten Ritualen (Dramaturgie Jana Beckmann).

Oper Wuppertal / Surrogate Cites - Die Festgesellschaft - Gutrune Jenna Siladie © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cites – Die Festgesellschaft – Gutrune Jenna Siladie © Jens Grossmann

Die gut sichtbaren Musiker wirken modern, sympathisch, werden Teil der Inszenierung, Teil der Festgesellschaft: Männer in gepflegten weißen Dinner-Jackets mit Fliege, Frauen in hellen Abendkleider. Sie beginnen den Surrogate Cities Abend mit stampfender Musik von Heiner Goebbels. Dann die Handlung: Ein Mann in Helm und verschmutzter Motorradkleidung betritt, frustriert, wütend wirkend die Bühne, geht in die kleine Kammer, sein Apartment. Er zieht Helm, Kluft und Kleidung aus, duscht sich, zieht sich wieder an. Dann wäscht er Hemd und Hose, steckt diese in einen Plastikbeutel: setzt vor seiner Kammer Blumen ein, findet dort in einem Schlammhäufchen ein Ring (erster, zarter Bezug zu Wagner), sucht in seinen Schallplatten, legt Rheingold auf. Das Orchester springt kurz von Goebbels Stakkati zum Reingold-Motiv. Eine Stimme: „Wer in einer Stadt lebt, sollte nichts für selbstverständlich nehmen.“ Als um seine Existenz kämpfender Städter wird in so Wuppertal in dunkler Kleidung als Hagen (Lucia Lucas) wahrnehmbar; er nimmt einen Speer von der Wand.. In den benachbarten Festraum „schwebt“ nun in elegantem Abendkleid eine sichtbar von Albträumen geplagt wirkende junge „Lady“, in den benachbarten Festraum. Sie betrachtet ein Schwert welches an der Wand hängt. Dazu die Stimme: „Sie ist gerannt! Warum? Wenn du rennst, siehst du aus wie….!“ Festgäste, Choristen in weißen Anzügen. Trommelwirbel, vielschichtige Klangbilder Heiner Goebbels wie Projektionen machen Frust, seelische Zerrissenheit sichtbar. Die Live-Kamera überträgt Mimik, Sandhäufchen, Frust oder Akteure; wirft alles vergrößert auf die riesigen Leinwände. Städtischer Alltagsfrust wird in lebendiger Dramatik sichtbar.

Oper Wupptertal / Surrogate Cities - Götterdämmerun - Der sterbende Siegfried Ronald Samm © Jens Grossmann

Oper Wupptertal / Surrogate Cities – Götterdämmerun – Der sterbende Siegfried Ronald Samm © Jens Grossmann

Doch nun wird die Sagenwelt Wagners deutlich: Die Rheintöchter (Woglinde Ralitsa Ralinova, Wellgunde Liliana de Sousa, Floßhilde Arina Lucas) erscheinen als verarmte Stadtbewohner. Mit abgebrochenen Zähnen und in billig wirkender Goldlametta-Kleidung, Zigarette in der Hand, suchen sie den Festraum offensichtlich nach Mitnehmbarem ab, lyrisch verzweifelt singend: „Rheingold! Klares Gold! Wie hell du uns einstens strahlest, hehrer Stern der Tiefe!“ Endgültig mitreißend wird Wagners Götterdämmerung als Siegfried (Ronald Samm, Foto) in der Festgesellschaft von Surrogate Cities ankommt. Siegfried begegnet den Rheintöchtern (Wellgunde Ein goldner Ring ragt dir am Finger..“) mit heldisch starkem Tenor und prächtiger Präsenz packend und durchgehend sicher: „Denn giert ihr nach dem Ring, euch Nickern geb ich ihn nie!“

Götterdämmerung, die Komposition Wagners und ein starkes Ensemble bestimmen nun musikalisch. Johannes Prell führt das Sinfonieorchester Wuppertal in nicht erwartete Sinnlichkeit, gibt ihm und dem Ensemble Raum für Gestaltung und Dramatik. Hagen (Lucia Lucas) mit mächtigem Bariton lebt in seiner Partie: „So singe, Held!“; Siegfried reißt mit, sorgt für Staunen: „Mime hieß ein mürrischer Zwerg, in des Neides Zwang zog er mich auf..“. Das junge Ensemble und Orchester machen Surrogate Cities zu einem in dieser Kraft unerwarteten Stimmfest, alle Partien sind blendend besetzt: Annemarie Kremer als Brünnhilde mit leuchtendem Sopran, Jenna Siladie als Gutrune in wunderbarer Lyrik und Sebastian Campione als Gunther, wenn er mit viel Präsenz auf der Riesenleinwand und gut sitzender Stimme wenigstens etwas Mitgefühl für den sterbenden Siegfried ausdrückt. Siegfried stirbt ermordet unübersehbar auf dem Festtisch. Doch die Festgesellschaft feiert, mit Champagner, in weißen Smoking. Die Live-Kamera zeigt dazu statisch eine umgefallene Kaffeetasse auf der riesigen Leinwand. Die Feiernden interessiert Sterben und Kämpfen nicht; gelangweilt schlendern sie am toten Siegfried vorbei nach draußen.  Pause.

Oper Wuppertal / Surrogate Cities - Götterdämmerung - Siegfried und Hagen © Jens Grossmann

Oper Wuppertal / Surrogate Cities – Götterdämmerung – Siegfried und Hagen © Jens Grossmann

Surrogate Cities / Götterdämmerung verläuft auch weiterhin faszinierend wie überraschend: Die Rheintöchter töten Wagner-treu Hagen, entreißen ihm den Ring, die letzten zarten Töne der Götterdämmerung erklingen. Die Bühne leert sich, auf der Leinwand die Musiker in ihren weißen Gewändern. Stille, Ende? Das Publikum möchte klatschen, doch, Musik von Heiner Goebbels erklingt wieder. Die amerikanische Soul- und Gospelsängerin Elisabeth King erscheint und singt in coolem Outfit und mächtigem, unter die Haut gehendem Timbre (man glaubt Mahalia Jackson zu hören) die von Heiner Goebbels komponierte Parabel aus der römisch antiken Welt, die Three Horatian Songs. Surrogate Cities schließt in dieser Parabel einen Kreis der zeigt, auch in einem Leben voller Oberflächlichkeit und Unrecht bestehen die universalen ethischen Grundsätze  der Menschheit. Auch wenn man sie nicht immer sieht oder umsetzt.

Surrogate Cities / Götterdämmerung ist eine ungewöhnliche Produktion der Oper Wuppertal. Mut und Können beweist Intendant Berthold Schneider, ein solch komplexes, schwer umsetzbares Stück auf den Spielplan seines Hauses zu setzen. Nicht nur IOCO war begeistert über das von Jay Scheib umgesetzte Werk. Auch das Publikum feierte Surrogate Cities / Götterdämmerung, Inszenierung, Ensemble und Orchester ausgiebig und lautstark.

Surrogate Cities / Götterdämmerung an der Oper Wuppertal: Weitere Vorstellungen 1.10.2017, 14.10.2017

 

Münster, Theater Münster, Der Freischütz von Carl Maria von Weber, IOCO Kritik, 01.04.2017

April 1, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Ein Hoffnungsfunke in einer Welt der Düsternis

 Romantik – kritischer Freischütz im Theater Münster

VON HANNS BUTTERHOF

Eine riesige umgestürzte Eiche liegt dominierend auf der Bühne des Großen Hauses, ein gewaltiges Symbol der Entwurzelung. Doch dann führen Regisseur Carlos Wagner und sein Ausstatter Christophe Ouvrard mit Carl Maria von Webers romantischer Oper „Der Freischütz“ in eine düstere, tief im magischen Denken verwurzelte Welt.

Theater Muenster / Der Freischütz - Max (Mirko Roschkowski) braucht die Hilfe Kaspars ( Gregor Dalal) © Oliver Berg

Theater Muenster / Der Freischütz – Max (Mirko Roschkowski) braucht die Hilfe Kaspars ( Gregor Dalal) © Oliver Berg

Die Jäger, die sich stolz mit ihrer ausgeweideten Beute fotografieren lassen, leben nach sehr alten Sitten. Da wird der Jägersbursche Max (Mirko Roschkowski), der beim Königsschießen alles verfehlt hat, brauchgemäß kurzerhand zusammengeschlagen und wie erlegtes Wild gefesselt. Der sucht sein Schützenheil bei seinem übel beleumundeten Kollegen Kaspar (Gregor Dalal), der ihm mit Hilfe des Waldgeistes Samiel (Sebastian Campione) unfehlbare „Freikugeln“ verschafft; nach einem Schluck Zaubertrank würgt er sieben davon schaurig aus sich heraus.

Max braucht sie, weil seine Zukunft als Mann der Försterstochter Agathe (Sara Rossi Daldoss) von dem alten Brauch des gelungenen Probeschusses abhängt. Nur wenn er das von seinem Landesherrn willkürlich gebotene Ziel trifft, darf er Agathe heiraten und Nachfolger im Amt des Försters werden.

Theater Muenster / Der Freischütz - Waldgeist Samiel beherrscht Kaspar (Gregor Dalal) und Max (Mirko Roschkowski) © Oliver Berg

Theater Muenster / Der Freischütz – Waldgeist Samiel beherrscht Kaspar (Gregor Dalal) und Max (Mirko Roschkowski) © Oliver Berg

In dieser von nicht hinterfragbaren Bräuchen geordneten Welt ist nur Agathes resolute Freundin Ännchen (Eva Bauchmüller) mit unverschwurbeltem Lebensmut der kleine Funken Hoffnung auf den Ausgang aus der allgemeinen Unmündigkeit. Zwar rettet der fromme Einsiedler (wie Samiel: Sebastian Campione) den des Betrugs überführten Max vor der freihändig verfügten Strafe des Landesherrn. Aber er verändert nichts, sondern ersetzt nur den heidnischen Glauben an höhere, das Schicksal bestimmende Mächte durch den christlichen.

Für seine kritische Sicht auf die romantische Verklärung von Nacht, Mittelalter und Christentum findet Wagner auf der effektvoll eingesetzten Drehbühne ansprechende Bilder von schaurig-schöner Düsternis, die aber die These der Entwurzelung nicht bestätigen.

In dem gleichmäßig gut besetzten Ensemble singt Mirko Roschkowski den Max klar, unheldenhaft und rollengemäß ohne Wärme. Zu der überängstlichen Agathe, die Sara Rossi Daldoss mit weich fließendem Sopran ausstattet, findet er keine wirkliche Nähe wie auch zum dominant dämonischen Kaspar Gregor Dalals. Die einzige Sympathieträgerin der düsteren Aufführung ist die koloraturfreudige und auch darstellerisch einnehmende Eva Bauchmüller. Der von Inna Batyuk einstudierte Chor glänzt durch stimmliche Wucht und Beweglichkeit.

Theater Muenster / Der Freischütz - Diese Brautjungfern bringen kein Glück von links Damenchor Eva Bauchmüller und Sara Rossi Daldoss © Oliver Berg

Theater Muenster / Der Freischütz – Diese Brautjungfern bringen kein Glück von links Damenchor Eva Bauchmüller und Sara Rossi Daldoss © Oliver Berg

Am Pult des Sinfonieorchesters Münster macht Stefan Veselka nicht nur die schwarzen Seiten der Romantik in Webers Partitur, sondern auch die Sehnsucht und zarte Liebe hörbar, die auf der Bühne etwas kurz kommt.

Der Freischütz im Theater Münster: Die nächsten Termine: 7.4., 28.4., 3.5., 30.5.2017 jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Wuppertal, Oper Wuppertal, Rigoletto von Giuseppe Verdi, 09.04.2017

März 15, 2017 by  
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Wuppertaler Bühnen

Wuppertaler Bühnen / Rigoletto Plakat © Claudia Scheer van Erp

Wuppertaler Bühnen / Rigoletto Plakat © Claudia Scheer van Erp

Rigoletto von Giuseppe Verdi

Erste Inszenierung von Timofej Kuljabin außerhalb Russlands 

Premiere 9. April 2017 im Opernhaus, weitere Vorstellungen 15.4.2017, 23.4.2017, 31.5.2017, 9.6.2017, 22.6.2017, 24.6.2017

Wuppertaler Bühnen / Timofej Kuljabin © privat

Wuppertaler Bühnen / Timofej Kuljabin © privat

Auf diese Regiearbeit dürfte die Theater- und Opernwelt mit Spannung blicken. Timofej Kuljabin, einer der spannendsten Regisseure der jungen Generation in Russland, inszeniert an der Oper Wuppertal Rigoletto, Verdis gewaltiges Drama um Macht, Verantwortung und Verzweiflung. Mit dieser Arbeit gibt Kuljabin sein Regiedebüt an einem Theater außerhalb Russlands. Timofej Kuljabin ist Chefregisseur des Novosibirsker Theaters Rote Fackel und hat sich einen Namen gemacht als herausragender Interpret von Klassikern. Er wurde mit so wichtigen Theaterpreisen wie der Goldenen Maske ausgezeichnet und inszeniert sowohl Oper als auch Schauspiel, unter anderem am Moskauer Bolschoi Theater. 2016 gastierte er mit seiner Inszenierung von Tschechows »Drei Schwestern« bei den Wiener Festwochen. Internationale Beachtung erhielt seine Inszenierung von Wagners »Tannhäuser«, die im Dezember 2014 Premiere in Nowosibirsk hatte und von Publikum und Kritik gleichermaßen gefeiert wurde. Weil Kuljabin Tannhäuser in der Venusberg-Szene als Jesus Christus auftreten ließ, wurde ihm seitens der orthodoxen Kirche Blasphemie und Respektlosigkeit vorgeworfen. Die umstrittene Inszenierung wurde abgesetzt und der Theaterdirektor Boris Mesdritsch entlassen, als er sich weigerte, das Stück vom Spielplan zu nehmen.

Besetzung:  Herzog von Mantua Sangmin Jeon, Rigoletto Pavel Yankovsky / Alejandro Marco-Buhrmester (9./22./24.6.), Gilda Ruslana Koval / Ralitsa Ralinova (23.4./31.5.) Graf von Monterone Lucia Lucas, Graf von Ceprano Oliver Picker / Andreas Heichlinger, Marullo Simon Stricker, Borsa Mark Bowman-Hester, Sparafucile Sebastian Campione, Maddalena Catriona Morison, Giovanna Ute Temizel* / Katrin Natalicio*, Gerichtsdiener Hak-Young Lee* / Javier Zapata*, Page Banu Schult*, … und weitere * singt im Opernchor der Wuppertaler Bühnen, Opernchor der Wuppertaler Bühnen, Sinfonieorchester Wuppertal,

Musikalische Leitung Johannes Pell, Inszenierung Timofej Kuljabin, Bühnenbild Oleg Golovko, Kostüme Galya Solodovnikova, Licht Denis Solntsev,Chor Markus Baisch, Dramaturgie Ilya Kukharenko; PMOWu

Rigoletto, Oper Wuppertal, Premiere 9. April 2017 im Opernhaus, weitere Vorstellungen 15.4.2017, 23.4.2017, 31.5.2017, 9.6.2017, 22.6.2017, 24.6.2017

 

 

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