Frankfurt, Oper Frankfurt, Oper Frankfurt zuhause, April 2020

logo_oper_ffm.gif

Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt zuhause

Nach der Veröffentlichung, dass die Einschränkungen für Opernhäuser und Theater im Rahmen der Corona-Krise doch länger zu dauern scheinen als von Vielen erhofft, startet die Oper Frankfurt auf ihrer Website unter www.oper-frankfurt.de/zuhause ein Programm für ihr Publikum, das in diesen Tagen nicht auf Oper verzichten will: „Oper Frankfurt zuhause“ präsentiert Opernaufführungen, „Wohnzimmerkonzerte“, Talkrunden und Programme für Kinder auf dem digitalen Weg. Anbei erste Termine:


Oper Frankfurt / Xerxes Gaëlle Arquez (Xerxes) © Barbara Aumueller

Oper Frankfurt / Xerxes Gaëlle Arquez (Xerxes) © Barbara Aumueller

Samstag, 18. April 2020, 20.30 Uhr

Xerxes

Dieses Werk gehört zu Georg Friedrich Händels beliebtesten Opern und feierte am 8. Januar 2017 in der Sicht von Regisseur Tilmann Köhler Premiere an der Oper Frankfurt. Am Pult des Opern- und Museumsorchesters stand Constantinos Carydis, zu den Solisten gehörten Gaëlle Arquez in der Titelpartie sowie u.a. Lawrence Zazzo (Arsamene), Elizabeth Sutphen (Romilda), Louise Alder (Atalanta) und Tanja Ariane Baumgartner (Amastre). Die vom DVD-Label Unitel aufzeichnete Produktion wird nun über die Website der Oper Frankfurt vom 18. April um 20.30 Uhr bis 20. April um die gleiche Zeit zu sehen sein.


Dienstag, 21. April 2020, 20.30 Uhr

„Wohnzimmerkonzert“ mit Liviu Holender

Seit der Spielzeit 2019/20 gehört der junge österreichische Bariton zum Ensemble der Oper Frankfurt. Live aus seiner Wiener Wohnung gibt er nun ein Konzert mit bekannten und unbekannten Melodien aus den Genres Lied, Oper und Musical. Dabei begleitet er sich selbst am Klavier und wird tatkräftig von seiner Familie unterstützt. Das „Wohnzimmerkonzert“ wird live auf der Facebook-Seite der Oper Frankfurt (https://www.facebook.com/Oper-Frankfurt-107804884207164/?modal=admin_todo_tour ) gestreamt. Im Anschluss ist das Video des Konzerts auch auf der Webseite der Oper Frankfurt sowie auf YouTube und Instagram zu finden.


Donnerstag, 23. April 2020, 20.30 Uhr

Talk zu Inferno

Die Uraufführung der Oper von Lucia Ronchetti war als Koproduktion von Oper und Schauspiel Frankfurt für den kommenden Samstag geplant. Nun ist sie um ein Jahr auf Juni 2021 verschoben worden. In einem Werkstattgespräch geben die Komponistin, der Dirigent Tito Ceccherini sowie die beiden Dramaturg*innen Konrad Kuhn (Oper) und Ursula Thinnes (Schauspiel) Auskunft darüber, was bisher geschah und welche Arbeit noch aussteht, nachdem der Entstehungsprozess seit 10. März unterbrochen wurde.


Sonntag, 26. April 2020, 11.00 Uhr

Oper für Kinder

Diese Reihe ist einer der Dauerbrenner im Programm der Oper Frankfurt. Kaum hat der Vorverkauf begonnen, sind stets (fast) alle Vorstellungen der Reihe ausverkauft. Hier haben nun Kinder ab 6 Jahren und ihre (Groß-) Eltern ohne langes Anstehen an der Kasse die Chance, die Probe zu einer Produktion dieser beliebten, von Dramaturgin Deborah Einspieler und Puppenspieler Thomas Korte entwickelten Serie mitzuerleben.

Nähere Informationen unter www.oper-frankfurt.de/zuhause. Hier werden baldmöglichst auch weitere Termine innerhalb dieses Formats angekündigt.

—| Pressemeldung Oper Frankfurt |—

Frankfurt, Oper Frankfurt, Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowitsch, IOCO Kritik, 13.11.2019

November 12, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Oper Frankfurt

logo_oper_ffm.gif

Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

Lady Macbeth von Mzensk  –   Dmitri D. Schostakowitsch

– von einer Lady, die nur Leidenschaft will

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Das berühmte Verdikt in der Prawda wird bis heute für die Oper Lady Macbeth von Mzensk angeführt, um ihren Rang und des Komponisten künstlerische Not zu beschreiben. Die Uraufführung von Dmitri D. Schostakowitschs zweiter Oper fand im Januar 1934 statt, zwei Jahre später besuchte Josef Stalin, der Generalsekretär der KPdSU, spätere Vorsitzende des Rates der Volkskommissare und im II. Weltkrieg „Generalissimus“ der Sowjetarmee, eine Aufführung und lehnte diese Oper in einem von ihm lancierten Artikel als Chaos statt Musik ab. Und vielleicht hatte er aus seiner Warte sogar „Recht“: Schostakowitschs Musik ist beredet, berauschend, manchmal witzig, „satirisch“, mit jedem Ton eine Handlung vorantreibend in der jede Figur ihre eigene farbenreiche Klangsprache erhält. Alles findet sich in ihr, niemand wird verschont, der Pope, die Polizei, das ganze Gesellschaftssystem des Zarenreichs nicht, für alle findet Schostakowitschs Musik den passenden Ausdruck – Stalin muss das sehr wohl gespürt haben. Doch kein Diktator übt sich gerne in Selbstreflexion oder strebt gar nach höherem Erkenntnisgewinn. Diese Musik war eine Kampfansage – Stalins Sicht war da sehr eindeutig, obwohl es sich um eine zurückliegende Epoche handelte – und deshalb gab es für ihn nur ein Gegenmittel: Eine öffentliche Vernichtung und Hinrichtung durch die Kritik. Und sie entfaltete eine mächtige und verhängnisvolle Wirkung. Schostakowitschs Angst vor seiner Deportation war sehr real, auch wenn er Teil des Systems war, und hatte Folgen: Er komponierte nie wieder eine Oper.

Lady Macbeth von Mzensk – Dmitri Schostakowithsch
youtube Trailer Oper Frankfurt – Anselm Weber zur Produktion
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Nach mehr als einem Vierteljahrhundert – 1993 hieß der Regisseur Werner Schroeter – ist Lady Macbeth von Mzensk erstmals wieder an der Oper Frankfurt in der Regie von Anselm Weber, Regisseur und Intendant des Schauspiel Frankfurt, zu erleben.

Am Anfang langweilt sich Katerina Ismailowa – im Russischen heißt das „skuka“. Die Langweile plagt sie so sehr, dass Sergej, neu angestellter Arbeiter und Dorf-Casanova, der sich vorgeblich nur ein Buch von ihr ausleihen möchte, leichtes Spiel haben wird: So schnell hat sich ihm – zu seiner Überraschung – noch keine Herrin hingegeben, es folgt die berühmte Beischlaf-Musik und Szene. Schostakowitschs Komposition ist eindeutig – nicht anstößig, nur die triebhaft-eruptive Antwort auf Monotonie. Und was die Bücher anbelangt: Katerina und ihr Mann lesen nicht, sie besitzen keine Bücher. Stattdessen flüchtet sich Katerina vor ihrem elenden Alltag – alles ist in diesem Einheitsbühnenbild grau und trostlos – in eine virtuelle Realität (mit Hilfe der Virtual Reality-Brille) mit Blumen, Bäumen und Farben. Eine zukünftige Dystopie, denn die Arbeiter tragen Schutzanzüge, aber niemand kann in dieser Welt von irgendetwas verschont bleiben, alle tragen ein Päckchen, so dass es das äußere Elend gar nicht braucht. Katerinas Mann Sinowi Ismailow, mit Asthmaspray und Pelzmantel ausgestattet, ist schwach und kann sich nur auf die gewalttätige Autorität des Vaters berufen. Sie vermisst ihn deshalb auch nicht, als er fort muss. Dass es jemals eine Nähe zwischen den Eheleuten gegeben haben soll, ist kaum zu glauben.

Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk - hier : Anja Kampe als Katerina Ismailowa © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk – hier : Anja Kampe als Katerina Ismailowa © Barbara Aumüller

Sergej, der nicht minder mit männlicher Gewalt umzugehen versteht – die Beinahe-Vergewaltigung der Hausangestellten Axinja verhindert Katerina bei ihrem ersten Aufeinandertreffen und singt daraufhin ein Loblied auf die Leistung von Frauen –, ist deutlich ambitionierter. Doch Boris Ismailow, ihr Schwiegervater, ist auf der Lauer und erwischt Katerina beim Seitensprung und peitscht Sergej dafür aus. Für Katerina der Grund, ihren Schwiegervater endlich loszuwerden: Sein Leibgericht – Pilze – „reichert“ sie mit Rattengift an. Der zu Hilfe geeilte Pope kommt zu spät, Boris’ „Gebrabbel“ von der Übeltäterin Katerina wird als wirres Zeug abgetan. Jetzt stört nur noch Sinowi, denn Sergej will sich nicht mit der Rolle des Liebhabers begnügen. Katerina verspricht ihn zum Ehemann zu machen und beide haben bald Gelegenheit dazu, als sie von Sinowi überrascht werden. Er  macht seiner Frau Vorwürfe, Katerina stiftet Sergej zum Mord an und gemeinsam verstauen sie die Leiche im Keller. Nun kann Hochzeit gefeiert werden. Doch diese Feier stimmt die Brautleute nicht fröhlich. Katerina, deren Gewissen sich durch die vermeintlichen Erscheinungen ihres toten Schwiegervaters immer stärker regt, und der vornehm im schwarz-goldenen Anzug gekleidete Sergej wirken nicht glücklich. Nur der Pope erlebt eine Art – obschon zur Endzeitstimmung nicht ganz passendes – Coming-out, als er sein Priestergewand mit Katerinas Negligé tauscht, die rosa Pantoffeln machen in vollends zu einer Witzfigur.

In einer weiteren grotesken Szene – Anselm Weber besitzt dafür ein feines Gespür – sitzen gelangweilte Polizisten herum; wie bei einem Chor sind sie in mehren Reihen positioniert und verheißen unter der Leitung ihres korrupten Polizeichefs nichts Gutes. Alle feiern die Hochzeit von Katerina und Sergej, nur sie wurden zum üppigen Mahl nicht eingeladen, stattdessen müssen sie düpiert ihre Chipstüten auspacken. Doch für diese Schmach wird man sich rächen, denn aus der eigenen moralischen Fehlbarkeit macht dieser Gesetzesvertreter gar keinen Hehl. Es fehlt nur noch die Gelegenheit. Der Schäbige – nach eigener Aussage wie seine ganze Familie keinen Tag ohne Alkohol überlebensfähig – findet auf der Suche nach Wein den toten Sinowi im Keller und meldet das umgehend der Polizei. Für eine Flucht ist es zu spät, Katerina gesteht sofort.

Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk - hier : Alfred Reiter als Pope; oben Bildmitte, darunter Anja Kampe als Katerina Ismailowa, Dmitry Golovnin als Sergei © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk – hier : Alfred Reiter als Pope; oben Bildmitte, darunter Anja Kampe als Katerina Ismailowa, Dmitry Golovnin als Sergei © Barbara Aumüller

Aus der anfänglichen „skuka“ – Langweile – ist im Straflager „muka“ – Leiden – geworden. Vielleicht nicht nur im Russischen ein Reim auf Langweile, im Deutschen gibt es die „tödliche Langweile“, und dass diese tödlich werden kann und die „Lady“ leiden wird, dieser Weg war ihr vorgezeichnet. Ihr Tod und dritter Mord, bei dem sie Sonetka, die neue Herzensdame von Sergej, ins Wasser stößt, der einzige Ausweg für sie. Sergej hat sie, ihr wahrer Schmerz, nur aus Berechnung „geliebt“, er wollte den gesellschaftlichen Aufstieg. Was ein Aufbruch für sie hätte sein sollen, erweist sich am Ende als eine einzige Farce, nur noch übertönt vom Spott der anderen Lagerinsassen, die dann weiterziehen. Folglich gibt es auch keine Erlösung, stattdessen lässt Anselm Weber den Chor im Zuschauerraum die Oper beenden, während die Bühne leer hell leuchtet, und wir wohl alle – in Webers Lesart – Teil dieser Dystopie sind; dabei ist es die Geschichte einer Frau, die mehr wollte, an sich und den Verhältnissen aber zugrunde gehen muss.

Das Einheitsbühnenbild von Kaspar Glarner (auch für Kostüme verantwortlich) verstärkt Katerinas Trostlosigkeit, aber nicht nur ihre. Es könnte ein Bunker sein, der Raum steht zugleich für das Haus der Ismailows, die Polizeistation und später das Straflager. Das Liebesbett schwebt wie eine überdimensionierte und nach vier Seiten offene runde Dose von oben herunter und erzeugt doch keine wirkliche Intimität, denn auch daraus flieht Katerina unter eine Bank in eine blühende virtuelle Welt – alle Figuren wirken in diesem düsteren betongrauen Halbrund irgendwie verloren. Für das entsprechende Licht sorgt bewährt und zuverlässig Olaf Winter, für die Videoeinspielungen Bibi Abel. Die dystopische Weltsicht, in der es nur um das schiere Überleben gehen soll, kontrastiert Anselm Webers Regie am überzeugendsten dann, wenn er den Figuren nahe kommt und sie zu Wesen aus Fleisch und Blut macht; wie etwa bei Sergej, dem seine hemdsärmelige Attitüde beim Mord an Sinowi Isamilow zu einer erstarrten Maske entgleitet – das hier ist kein Spiel mehr.

 Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk - hier : Iain MacNeil als Polizeichef; rechts im Sessel, Peter Marsh als Der Schäbige; links mit Fellmütze © Barbara Aumüller

Oper Frankfurt / Lady Macbeth von Mezensk – hier : Iain MacNeil als Polizeichef; rechts im Sessel, Peter Marsh als Der Schäbige; links mit Fellmütze © Barbara Aumüller

Anja Kampes Katerina legt ihre ganze Ausdrucksstärke in den Gesang, ihre Stimme bietet von schöner Höhe bis zur beißenden Schärfe alles, voller Zärtlichkeit und Begierde ihrem Geliebten, kalt und scharf ihrem Schwiegervater gegenüber, während ihrem Mann nur Gleichgültigkeit zuteil wird; ihr Spiel wirkt dagegen rätselhaft verhalten. Mitleid hat man mit dieser Frau nicht so richtig, obzwar sie (nicht) das einzige Opfer der Umstände zu sein scheint.

Das heimliche Kraftzentrum ist Boris Ismailow – grandios gesungen und gespielt von Dmitry Belosselskiy; sein wunderbarer Bass, seine deutliche (russische) Aussprache und das Wissen um die ihm vertraute Kulturgeschichte zeugen von seiner Meisterschaft. Sein Patriarch ist ein zu Härte fähiger Mann, aber das Produkt einer vergangenen und überwundenen Zeit (Nikolai S. Leskow schrieb die Novelle 1865), und er ist die einzige Figur, die letztendlich Reflektionen über die Zustände im Haus anstellt. Zwischen Brutalität, dem Auspeitschen des Sergei, und dem Sinnieren über das Älterwerden, seine eigene (unrühmliche) Vergangenheit, seinen Sohn, der nicht so ist wie er, und die falsche Schwiegertochter, die nicht hineinpasst, ist er durchaus zu Wärme und Menschlichkeit fähig, dabei kostet Belosselskiy alle Facetten seiner Stimme aus; ebenso berührend ist er in seiner Rolle als alter Zwangsarbeiter. Evgeny Akimov spielt den schwachen und Katerina nicht gewachsenen Ehemann Sinowi Ismailow und stellt so einen deutlichen Kontrast zur Figur des Vaters dar.

Dmitry Golovnin verkörpert Sergejs Wandlung vom grobschlächtigen und heißblütigen Arbeiter bis hin zum abgebrüht agierenden neuen Ehemann überzeugend und gewinnt auch stimmlich an Kontur. Julia Dawsons beherzt gesungene Axinja besitzt gesunden Menschenverstand, fällt nicht auf den Blender Sergej herein und versucht in der rauen Männerwelt zu bestehen. Als unübertrefflich abgedrehter Pope ist Alfred Reiter, der auch zum Schlussapplaus von seinen rosa Pantoffeln nicht lassen will, Iain MacNeil als eine gelungene Karikatur des Polizeichefs und mit herrlichem Schluckauf als Schäbiger Peter Marsh zu sehen. Sonetka ist nicht minder durchtrieben als Sergej und wird von Zanda Švede dargestellt.

Es ist eine musikalisch herausragende Ensembleleistung und zu den weiteren Mitwirkenden gehören: Anthony Robin Schneider (Verwalter/ Sergeant), Mikolaj Trabka (Hausknecht), Dietrich Volle (Polizist/ Wachtposten), Theo Lebow (1. Vorarbeiter/ Lehrer),

Michael McCown (2. Vorarbeiter/ Betrunkener Gast), Hans-Jürgen Lazar (3. Vorarbeiter), Barbara Zechmeister (Zwangsarbeiterin), Alexey Egorov (Kutscher) und Yongchul Lim (Mühlenarbeiter). Unterstützt werden sie vom wie immer hervorragend einstudierten Chor der Oper Frankfurt unter der Leitung von Tilman Michael. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester läuft unter GMD Sebastian Weigle zur Höchstform auf, der die musikalischen so reichen Fäden dieser Oper bis zum Schluss sicher in seinen Händen hält. Dabei sollen – last but not least – die Blechblässer erwähnt werden; ihr strahlender Klang, in komischen wie tragischen Momenten besonders wirkungsvoll zur Geltung kommend, verdient Anerkennung, so dass sie von Weigle zu Recht zum Schlussapplaus auf die Bühne geholt werden – ihre Leistung rundet den Abend ab.

Großer und einhelliger Applaus für alle Mitwirkenden.

–| IOCO Kritik Oper Frankfurt |—

Bremen, Theater Bremen, Saisoneröffnung mit Lady Macbeth von Mzensk, 10.09.2017

August 31, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Oper, Pressemeldung, Theater Bremen

logo_theater_bremen

Theater Bremen

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Theater am Goetheplatz © Jörg Landsberg

Lady Macbeth von Mzensk von Dmitri Schostakowitsch
Oper von Dmitri Schostakowitsch, Text von Alexander Preis, nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Leskow
 
Premiere am Sonntag, 10. September 18 Uhr, weitere Termine 15.9.; 17.9.; 23.9.; 3.10.; 8.10.; 19.10.; 2.11.; 15.11.; 9.12.; 15.12.2017
 
Mit Lady Macbeth von Mzensk von Dmitri Schostakowitsch eröffnet die Musiktheater-sparte des Theater Bremen die neue Spielzeit. Die Premiere wird am Sonntag, 10. September, ab 18 Uhr im Theater am Goetheplatz zu sehen sein. Armin Petras, seit 2013 Schauspielintendant in Stuttgart, inszeniert nach Anna Karenina zum zweiten Mal in Bremen, am Dirigentenpult gibt der neue Musikdirektor Yoel Gamzou, der in diesem Sommer frisch mit dem „Klassik-Echo“ für den besten Nachwuchs-Dirigenten ausgezeichnet wurde, seinen Einstand. In der Titelpartie ist die Kurt-Hübner-Preisträgerin Nadine Lehner zu sehen und zu hören, als Sergej der letztjährige Parsifal– Sängerdarsteller Chris Lysack und als Boris Ismailow mit Patrick Zielke ein weiterer Kurt-Hübner-Preisträger.
Die 1934 uraufgeführte Oper mit dem Libretto von Alexander Preis basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Leskow und hat bereits eine bewegte Vergangenheit. Zunächst gefeiert, wurde sie, nachdem Stalin die Oper begutachtet hatte, medial verrissen, was die jahrelange Missachtung des Werkes zur Folge hatte. Schostakowitsch wurde zum Volksfeind erklärt, später allerdings wieder rehabilitiert.
Lady Macbeth von Mzensk erzählt davon, wie eine tiefe Sehnsucht und quälende Langeweile die titelgebende Katerina Ismailowa dazu bringen, sich leidenschaftlich einem anderen Mann hinzugeben, Schwiegervater und Ehemann zu töten und sich schließlich mit einer Rivalin in den Tod zu stürzen. Schostakowitsch formulierte mit seiner „tragisch-satirischen Oper“ inmitten des stalinistischen Terrors einen Protest im Kleinen: das Aufbegehren der Lady Macbeth gegen die soziale Kälte, gegen die Ausweglosigkeit und Enge gesellschaftlicher Normen.
Der Zugriff durch einen extrem Russland-affinen Schauspiel-Regisseur verweigere sich bewusst einer Moral, erklärt Dramaturgin Isabelle Becker:Ebenso wie Schostakowitsch in seiner Oper nehmen wir keine eindeutige Wertung oder Beurteilung vor, das Publikum soll entscheiden, ob Katerina Ismailowa schuldig ist oder richtig gehandelt hat.
 
Armin Petras, geboren 1964, arbeitete nach dem Studium zunächst als Regieassistent am TAT Frankfurt und an den Münchner Kammerspielen. Weitere Arbeiten entstanden am Nationaltheater Mannheim, am Schauspiel Hannover, an den Münchner Kammerspielen und am Thalia Theater Hamburg. Als Oberspielleiter war er am Theater Nordhausen sowie als Hausregisseur am Schauspiel Leipzig engagiert. Von 1999 bis 2002 wirkte er als Schauspieldirektor am Staatstheater Kassel. Im Anschluss war er als Hausregisseur am Schauspiel Frankfurt engagiert und leitete dort drei Jahre die Spielstätte in der Schmidtstraße. Im Jahr 2006 übernahm er die Intendanz am Maxim Gorki Theater Berlin. Seit Beginn der Spielzeit 2013/14 leitet er als Intendant das Schauspiel Stuttgart. Neben seiner inszenatorischen Tätigkeit ist Petras auch als Autor von Bühnenstücken unter dem Pseudonym Fritz Kater bekannt. Für dessen Gesamtwerk erhielt er 2008 den Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis. In der Spielzeit 2014/15  inszenierte er mit Anna Karenina erstmals in Bremen.
 
Theater Bremen / Yoel Gamzou, neuer Musikdirektor am Theater Bremen © Jörg Landsberg

Theater Bremen / Yoel Gamzou, neuer Musikdirektor am Theater Bremen © Jörg Landsberg

Yoel Gamzou wuchs in einer Künstlerfamilie zwischen New York, London und Tel Aviv auf. Im Alter von sieben Jahren entdeckte er die Musik Gustav Mahlers und beschloss, Dirigent zu werden. Er lernte unter anderem bei Winston Dan Vogel und Piero Bellugi. Im Alter von 19 Jahren wurde Gamzou beim Gustav Mahler-Dirigierwettbewerb der Bamberger Symphoniker mit einem Sonder-Förderpreis ausgezeichnet. 2010 veröffentlichte er eine eigene, radikal vervollständigte Version der unvollendeten 10. Symphonie Gustav Mahlers beim Schott Musikverlag. 2012 bis 2015 war er Erster Kapellmeister und Stellvertretender Generalmusikdirektor am Staatstheater Kassel und gastierte regelmäßig bei Orchestern wie dem Israel Philharmonic Orchestra, dem Malaysian Philharmonic Orchestra oder den Hamburger Symphonikern. Mit Beginn der Spielzeit 2017/18 ist Yoel Gamzou als Musikdirektor am Theater Bremen tätig.

Musikalische Leitung: Yoel Gamzou, Regie: Armin Petras, Bühne: Susanne Schuboth, Kostüme: Karoline Bierner, Video:  Rebecca Riedel, Licht: Norman Plathe-Narr, Dramaturgie:  Isabelle Becker, Malte Ubenauf
Mit: Christoph Heinrich, Loren Lang, Nadine Lehner, Chris Lysack, Ulrike Mayer, Luis Olivares Sandoval, Hanna Plaß, Daniel Ratchev, Alexey Sayapin, Patrick Zielke. Chor des Theater Bremen. Es spielen die Bremer Philharmoniker.
Lady Mabeth von Mzensk: Premiere am Sonntag, 10. September 18 Uhr, weitere Termine 15.9.; 17.9.; 23.9.; 3.10.; 8.10.; 19.10.; 2.11.; 15.11.; 9.12.; 15.12.2017
—| Pressemeldung Theater Bremen |—

 

Frankfurt, Schauspiel Frankfurt, Burgtheater Gastspiel – John Hopkins, IOCO Kritik, 10.04.2017

April 11, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper Frankfurt, Schauspiel

Schauspiel Frankfurt

Das Schauspiel Frankfurt © Birgit Hupfeld

Das Schauspiel Frankfurt © Birgit Hupfeld

DIESE GESCHICHTE VON IHNEN von John Hopkins

Das Burgtheater Wien am Schauspiel Frankfurt

Von Ljerka Oreskovic Herrmann

„Diese Geschichte von Ihnen … geht nicht auf.“ So sagt es eine der Figuren im Laufe des Abends. Und irgendwie geht für alle Protagonisten die Geschichte, ihre Geschichte tatsächlich nicht auf. Jeder trägt seine Illusion vor sich her, das Gegenüber wird je nach Bedarf zum Punchingball oder Projektionsfläche, auf die die eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Sehnsüchte oder auch der Ekel geworfen werden. Und dann gibt es kein Halten mehr.

 Schauspiel Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters - DIESE GESCHICHTE VON IHNEN © Bernd Uhlig

Schauspiel Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters – DIESE GESCHICHTE VON IHNEN © Bernd Uhlig

Das von John Hopkins 1968 geschriebene Stück ist ein aus drei Dialogen bzw. Akten bestehende Geschichte, die erst im letzten Akt die Auflösung über die Geschehnisse bietet. Sergeant Johnson, ein Polizist in mittleren Jahren, kommt spät nachts nach Hause. Er ist aufgewühlt, trinkt maßlos bis seine Frau auftaucht und wissen will, was los sei. Johnson faselt immer wieder von einem Verhör, das wohl schief gelaufen ist, weil der verhörte Mann ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Nein, aber tot kann er nicht sein, so Johnson. Maureen will mehr wissen, sie möchte ihm eine Hilfe sein, doch Johnson weist sie zurück. Das Gespräch eskaliert, es kommt zu einer handfesten Auseinandersetzung, bei der Gläser und Mobiliar zur Bruch gehen. Die Ehe der beiden hat vielleicht bessere Tage erlebt, die perfekt ausgeleuchtete 1960er Jahre Schrankwand mit den Nippes- oder Porzellanfiguren bietet keine Sicherheit, nur den Rahmen für die nicht existierenden menschlichen Beziehungen.

Der zweite Akt findet auf der Polizeistation, in einem kahlen von Folien ausgelegten Verhörraum statt. Die Wache wird renoviert, deshalb gibt es wenig Mobiliar – nur einen Tisch und zwei Stühle. Renovierungsbedürftig – so die Suggestion – ist nicht nur diese Wache, sondern auch das Leben ihrer Protagonisten. Johnson soll für das gestrige Verhör, bei dem der Tatverdächtige Baxter ums Leben kam, Rede und Antwort stehen. Cartwright, sein Vorgesetzter, will herausfinden, was tatsächlich geschehen ist. Doch um Wahrheit geht es auch in diesem Dialog nicht. Das Gespräch kreist um die eigenen Lebensläufe, die verpasste Karriereleiter, das Dienstverhältnis – und Dienstverständnis – um vieles, aber den Tod von Baxter klärt es nicht auf. Wieder entgleist die Situation am Ende, wie am Abend zuvor wird Johnson aggressiv.

Schauspiel Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters - DIESE GESCHICHTE VON IHNEN © Bernd Uhlig

Schauspiel Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters – DIESE GESCHICHTE VON IHNEN © Bernd Uhlig

Im Schlussakt, es ist die besagte Nacht des Verhörs, sehen wir wieder einen renovierungsbedürftigen Raum auf der Wache, kleiner und klaustrophobischer. Aus dieser Geschichte kommt keiner raus. Johnson verhört Baxter, den ihm sich anbietenden Kollegen Jessard sperrt er im wahrsten Wortsinn aus. Die Geschichte gewinnt an Fahrt, denn endlich sehen wir die beiden Männer, die wie zwei Seiten einer Medaille oder Spiegelbilder sind. Johnson ist sich sicher, dass dieser verschmutzte und mit Blut verschmierte Mann der gesuchte Mädchenschänder ist. Erneut wird es zu einer Eskalation kommen und am Ende ist Baxter tot, nicht nur verprügelt. Auch hier geht es weniger um Wahrheitsfindung, als um unerfüllte und verbotene Sehnsüchte, um verpasste Chancen und letztlich auch um Macht. Johnson, dessen Karriere trotz seiner zwanzig Jahre bei der Polizei nicht weit gekommen ist, erblickt in diesem Baxter seinen vermeintlichen Karriereschub, endlich einen wichtigen Fall lösen zu können. Baxter ist fast in gewisser Weise sein Alter Ego, jemand der seine triebhaften Vorstellung tatsächlich auslebt, zumindest in Johnsons Sichtweise, der davon gleichermaßen angezogen und angeekelt ist. Aus der „großen Nummer“ entwickelt sich ein Wortgefecht auf Augenhöhe. Baxter, zwar schmächtiger als Johnson, erweist sich als zäher Bursche, der die verborgenen Schwachstellen Johnsons immer wieder trifft – wie etwa mit der Frage nach Johnsons Verhältnis zum eigenen Vater.

Nicholas Ofczarek spielt diesen in die Jahre gekommen Polizisten, der mit seinem Leben nicht mehr zurechtkommt. Er schafft eine unglaubliche Mischung aus körperlicher Wucht und Beweglichkeit, beides kann er gezielt und beeindruckend einsetzen. Im Verhör mit Baxter, gespielt von einem hervorragenden August Diehl, ist dieser Johnson zunächst der Überlegenere. Doch Diehls wendiger Baxter, schafft es, sich aus seiner Umklammerung zu lösen, ihm Paroli zu bieten – bis ihm am Ende hinter dem umgeworfenen Tisch, und für die Zuschauer somit nicht einsehbar, mit einem Tritt Johnsons das Genick gebrochen wird.

Der letzte Akt hat den nötigen Drive, er ist kürzer und schneller inszeniert. Andrea Breth, die das Stück im Januar 2016 in Wien zur Premiere führte, vermag die Spannung bis zum Schluss zu halten, wenngleich die ersten beiden Akte durchaus von Kürzungen profitieren könnten. Sie setzt auf eine Atmosphäre der muffigen und sich bräsig gebenden Mittelschicht in den späten Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts. Die Schrankwand, die Teakholzsessel nebst Bar gehören genauso dazu, wie die gräulichen Anzüge der Polizisten. Martin Zehetgruber hat dieses Bühnenbild entworfen. Moidele Bickel, die große und berühmte Kostümbildnerin, die nur wenige Monate nach der Premiere verstarb, schuf die dazu passenden Kostüme.

Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters - DIESE GESCHICHTE VON IHNEN3 © Bernd Uhlig

Frankfurt / Gastspiel des Burgtheaters – DIESE GESCHICHTE VON IHNEN3 © Bernd Uhlig

Andrea Clausen spielt die verzweifelte und am Ende resignierende Maureen, die mit blauem Morgenmantel und Lockenwicklern „bewaffnet“ ihrem Mann eine ebenbürtige Partnerin sein möchte. Ebenfalls in blau gekleidet ist August Diehls Baxter, der als einziger der Männer einen zeitlos wirkenden Anzug trägt und die vermeintlich heile Welt und alle, auch persönliche, Gewissheiten erschüttert. Roland Koch, in hellem Anzug, gibt einen Cartwright, der leicht herablassend und etwas verächtlich seinem früheren nun untergebenen Kollegen Johnson gegenüber tritt. Je geringer der Dienstgrad umso schlechter sitzen die Anzüge, wie bei Jessard, von Benjamin Çabuk verkörpert, der von allem ausgenommen wird. Die Ausstattung erinnert deutlich an die Entstehungszeit des Stückes. Etwas bieder und fast spießig soll das alles signalisieren, was von der Regie noch verstärkt wird, aber diesen Figuren nicht genügend Konturen verleiht, um Sympathie für sie zu entwickeln. Vielleicht soll man es ja auch nicht, vielleicht ist genau diese Unschärfe gewollt. Ein interessanter Abend mit grandiosen Schauspielern, die mit einem großen Applaus für ihre Leistung belohnt wurden.

—| IOCO Kritik Schauspiel Frankfurt |—

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung