Münster, Theater Münster, Bin nebenan – über Macken der Mittelschicht, IOCO Kritik, 17.06.2020

Juni 17, 2020 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

 Bin nebenan  –  groteske Szenen von Ingrid Lausund

Literarische Geläufigkeitsübungen im Theater auf Abstand

von Hanns Butterhof

Als Geläufigkeits-Übung, um nicht ganz das Gefühl für das Musizieren und Theaterspielen zu verlieren, hat das Theater Münster für zwei Wochen und unter strengen Sicherheits- und Hygienevorschriften wieder Aufführungen im Großen Haus angeboten. Für die jeweils 60-minütigen, ohne Pause gespielten Veranstaltungen standen im Großen Haus  an jedem Abend maximal 84 Plätze im Parkett zur Verfügung.

Unterhaltsame  Mittelschichtsmacken

Auch für das Publikum ist es eine Geläufigkeits-Übung, nach der totalen Coronapause wieder leibhaftig ins Theater zu gehen. Das gestaltet sich entsprechend ungewohnt: Schon am Eingang wird die Zugangsberechtigung geprüft, nur in kleinen Grüppchen wird man hineingelassen und durch ein, wenn auch lockeres, Spalier mit markiertem Laufweg bis zum Parkett geleitet. Dort sind neben jedem freien Platz links und rechts drei Plätze mit schwarzem Tuch verhängt, im großen Zuschauerraum verlieren sich um die achtzig Unentwegte. Eindringlich wird die Stille hörbar, wenn das Geflüster aus den hinteren Rängen zu verstehen ist; ein Hauch von Hallenbad liegt über der Szene, die Betonung liegt auf  Hall.

Das Schauspiel kündigt die Komödie Bin nebenan. Monologe für zuhause von Ingrid Lausund an. Bin nebenan ist eine 2008 erschienene Sammlung von elf literarischen Geläufigkeits-Übungen der Autorin in Prosa. Sie  folgen keinem gemeinsamen Handlungsfaden, haben aber ein gemeinsames Thema: Menschen, die vergeblich versuchen, mit einer widerspenstigen Welt zurechtzukommen. Für ein Theater, das Abstand halten muss, sind die fünf für den Abend ausgewählten Soloszenen die ideale Form.

Theater Münster / hier der leere Zuschauerraum @ Theater Münster

Theater Münster / hier der leere Zuschauerraum @ Theater Münster

Für alle Szenen ist die Bühne leergeräumt, den Hintergrund füllt jeweils ein passendes Video (Tobias Hoeft). So haben die drei Schauspielerinnen und ihre beiden Kollegen allen Raum für ihr intensives Spiel. Wer allerdings eine Komödie erwartet hat, wird enttäuscht. Es sind lieblose Legenden, in denen jeweils eine mehr oder weniger große Mittelschichts-Neurose grotesk ausbuchstabiert wird.

Wenn in der ersten Szene „Globus“ Regine Andratschke in ihrem weißen Wollstrickkleid (Kostüme: Ilka Meier) fast ertrinkt, im Hintergrund leise der Schnee rieselt, bis eine völlig zugeschneite Mittelgebirgswelt sichtbar wird, scheint Bin nebenan auch ein Corona-Stück zu sein. Die weißhaarige Dame  ist in ihrer Wohnung wie gefangen, und das Übermaß ihres Strickwerks ist ein trefflicher Ausdruck ihres Sinn ins Sinnfreie transzendierenden Tatendrangs. In ihrem Monolog macht sie mal säuselnd, mal aggressiv deutlich, dass nicht ein coronabedingtes Ausgehverbot sie in ihre Wohnung fesselt. Die Zufriedenheit mit sich und ihrer Lage, die sie sich einredet und permanent etwa als „entspannte Lässigkeit“ protokolliert, wird durch ihre jähen Aggressionen dementiert. Eigentlich will sie weg, doch als sie entschlossen dem Zufall die Wahl ihres Fluchtziels durch Antippen des sich drehenden Globus‘ überlässt, bleibt sie doch. Diese Mittelschichts-Dame ist für ihr sehr relatives Unglück selbst verantwortlich; das Mitgefühl mit ihr hält sich in Grenzen.

Ähnlich verhält es sich mit den anderen Szenen. In „Teekanne“ windet sich eine von Sandra Schreiber schön exaltiert gespielten Dame im kleinen Schwarzen und mit dem Sektglas in der Hand vor der Video-Kulisse der Hagia Sophia. Ihr Versuch, sich und das Publikum davon zu überzeugen, dass sie gegenüber ihrer türkisch-muslimischen Putzfrau keine Vorurteile hat, offenbart nichts deutlicher als diese. Ihre Offenheit gegenüber der Türkin ist nur der political correctness geschuldete reine Lüge.

Etwas Mitleid kann man da schon für die von Lea Ostrovskiy einnehmend gespielte Studentin aufbringen.  Sie will sich in „Bild“ vor einem Raum voller Käfige vom Leistungsdruck befreien. Der spukt als Erfolgserwartung der Mutter so unüberhörbar und von Lea Ostrovskiy schön märchenhexenhaft kreischend zum Ausdruck gebracht in ihrem Kopf. Die Chancen der Studentin,  sich mit ihrem Mittelmaß versöhnend abzufinden, scheinen gering.

Theater Münster / Bin zuhause - hier : Regine Andratschke in dem Bild Globus @ Oliver Berg

Theater Münster / Bin zuhause – hier : Regine Andratschke in dem Bild Globus @ Oliver Berg

Mit weißen Flügelchen, Anzug und barfuß bewegt sich Paul Maximilian Schulze vor einer Wüstenlandschaft über die Bühne. Er ist selbst als Leiche noch so unfähig wie im Leben, einen Ort zu finden, an dem er bleiben kann. Das ist zwar ein trauriger Fall, der aber so wenig Spuren im Publikum wie der barfüßige Tote auf der Bühne hinterlässt.

Hat es damit zu tun, dass nach diesen vier doch eher belanglosen Szenen, bei denen Michael Letmathe Regie geführt hat, die einzig unter die Haut gehende Szene von einer Frau inszeniert wurde? Sandra Bezler zeigt  in „Bett“ mit  Louis Nitsche einen Mann, der sich eisern seine Zufriedenheit einredet. Wie er da steht, steif, die Hände an der Hosennaht, und mechanisch seine unglückliche Kindheit rapportiert, ergreift er. Als Kind einer alkoholsüchtigen Prostituierten, von den Pflegeeltern nach wenigen Wochen wieder abgegeben und als Versager abgestempelt, rechnet er sich als Erfolg an, dass er als Schlachthofarbeiter auf eigenen Beinen stehen kann. Und dass er eine Beziehung zu einer Gummipuppe hat. Welche andere Chance fürs Überleben hätte er? Er hat als einzige Figur eine Geschichte, nicht nur eine Macke.

Die Zwischenöffnung des Theaters hat dankenswert die Geläufigkeit aller Beteiligten geübt. Dabei ist jedoch überdeutlich geworden, dass dieser Hallenbad-Zustand keine Zukunft haben sollte. Es ist dem Theater zu wünschen, dass bald die Sicherheits- und Hygienevorschriften wie ja auch bei Flugzeugen sinnvoll derart gelockert werden, dass man wieder neben einander in vollen Häuser sitzen kann, in denen richtige runde Stücke gespielt werden.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Groteske – Bonn ist eine Stadt im Meer, IOCO Kritik, 28.09.2019

September 28, 2019 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Bonn ist eine Stadt im Meer – Svenja Viola Bungarten

  Quirlige Migrations-Groteske  – Du sollst nicht nur die Eltern retten

von Hanns Butterhof

Ein grotesk fettes Paar ist in die Wüste aufgebrochen, um seine Ehe zu retten. Nun zankt es sich dort darüber, ob es sich um eine Dienst- oder Urlaubsreise handelt. Wie ihr Schicksal sich über viele groteske Stationen zu dem von Migranten entwickelt, entfaltet Sven Viola Bungartens Stück Bonn ist eine Stadt im Meer. Bei seiner Uraufführung im Kleinen Haus des Theaters Münster wurde es mit viel Beifall bedacht.

Die von Martin Miotk gebaute Einheitsbühne meint keinen bestimmten Ort, zeigt aber deutliche Zeichen von Katastrophen. Sie bietet in Tragflächen abgestürzter Flugzeuge mit Bildern eines Tsunamis verschiedene Öffnungen für die Auftritte der Schauspieler. Am spektakulärsten ist eine sich nach oben trichterförmig verengende Schräge, auf der sich lustig herunterrutschen und -purzeln lässt.

Theater Münster / Schauspiel Groteske - Bonn ist eine Stadt im Meer hier Sandra Bezler als Kapitänin © Martin Miotk, Andy Besuch

Theater Münster / Schauspiel Groteske – Bonn ist eine Stadt im Meer hier Sandra Bezler als Kapitänin © Martin Miotk, Andy Besuch

Die Inszenierung Simone Blattners steht nicht unter Realismusverdacht. Jeder Schauplatz wird von den Akteuren lauthals als „Wüste!“ oder „Flughafen!“ angekündigt, die Wirklichkeit dazu muss sich das Publikum denken.

Die Geschichte der beiden Fettwänste wird vom Pro- und Epilog einer deutlich hochneurotischen Kapitänin (Sandra Bezler) gerahmt, die sich vor Gericht – das offenbar das Publikum ist – dafür rechtfertigt, einen ihrer Matrosen nicht gerettet zu haben. Dabei stellt sich langsam heraus, dass sie mit ihre Fregatte „Bonn“ die eigenen Eltern in einem havarierten Boot voller Migranten hatte untergehen lassen. Sie hatte sich nicht vorstellen können, dass es wirklich ihre Eltern waren, die es in diese Situation verschlagen hatte, und sie hatte keinen Befehl, die Migranten zu retten. Das hatte nur der Matrose versucht.

Ihre Eltern sind die beiden übermäßig aufgeblasenen Durchschnitts-Urlauber Vero S. (Ulrike Knobloch) und  ihr Mann Uwe (Mirco Reseg). Deren Odyssee beginnt damit, dass ihnen das außerirdisch aussehende, in Reiseprospekte (Kostüme: Andy Besuch) gekleidete Aussteiger-Pärchen Vega  und Ulvi S. (Lea Ostrovskiy und Paul Maximilian Schulze) ihr Auto samt Geld und Papieren klaut.

Ohne Geld sind Vero und Uwe für ihr Hotel uninteressant und werden hinausgeworfen. Vor der Botschaft werden sie von einer sturzbetrunkenen Angestellten abgewimmelt, da sie ohne Papiere auch nicht deutlich machen können, dass sie berechtigt Hilfe einfordern. So müssen sie sich irgendwie zu ihrem Kreuzfahrtschiff durchschlagen. Dabei machen sie die ganze elende Migranten-Prozedur durch. Sie arbeiten sich in einem Bergwerk die Finger wund, durchqueren auf einem überfüllten LKW die Wüste und kommen doch zu spät: ihr Schiff ist schon weg.

Schließlich erhalten sie von einem pornoschicken Schlepper-Pärchen (Sandra Bezler und Christoph Rinke), das ihre Weiterbeförderung übernimmt, polit-ökonomische Nachhilfe. Die beiden erklären mit Verweis auf um sie blühende Landschaften, dass sie ihre Gewinne aus dem Menschenschmuggel im Inland anlegen; das trage mehr zu dessen Entwicklung bei als alle Entwicklungshilfe.

Theater Münster / Schauspiel Groteske - Bonn ist eine Stadt im Mehr hier für Vero und Uwe S geht der Wüstenurlaub übel aus © Martin Miotk, Andy Besuch

Theater Münster / Schauspiel Groteske – Bonn ist eine Stadt im Mehr hier für Vero und Uwe S geht der Wüstenurlaub übel aus © Martin Miotk, Andy Besuch

Als dann ihr Schlepperboot nicht von der „Bonn“ aufgenommen wird, obwohl die Fregatte so groß ist wie eine Stadt im Meer, erleiden Vero und Uwe S. das zu häufige Migranten-Schicksal und ertrinken.

Die mehr erzählten als erspielten Schrecknis-Szenen lässt das spielfreudige Ensemble mit viel Klamauk fast wie ein richtiges Theaterstück aussehen. Ob die Groteske das Elend der Migranten näher bringt, indem ihre Wirklichkeit an deutschen Eltern gezeigt wird, steht dahin. Aber das meint das Stück: Es gilt Menschen zu retten, nicht nur Eltern.

Nach hundert ohne Pause gespielten Minuten viel Beifall für alle Beteiligten, besonders für die sprechakrobatische Leistung Sandra Bezlers in vier Rollen und die anwesende Autorin.

Bonn ist eine Stadt im Meer – Schauspiel, Theater Münster; Die nächsten Termine:  5., 11., 19.10.2019  jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Caligula – Albert Camus, IOCO Kritik, 11.10.2018

Oktober 12, 2018 by  
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Theater Münster

Theater Muenster © Oliver Berg

Theater Muenster © Oliver Berg

  Caligula  –  Albert Camus

– Im Dschungelcamp des Kaisers –

Von Hanns Butterhof

Kaiser Caligula, der vom Jahr 37 bis 41 das Römische Reich regierte, war ein Tyrann von hohen Graden. Mit dem 1945 uraufgeführten Caligula, dem ersten  Bühnenstück des algerisch-französischen Literatur-Nobelpreisträgers Albert Camus, eröffnet das Schauspiel am Theater Münster passend die neue Saison, die Ego-Monstern, Machtmenschen und Tyrannen gewidmet ist.

In Caligula spielt Camus die Frage durch, ob die Möglichkeit, alles infrage zu stellen, die Konventionen und selbst die Vernunft zu verneinen, zur Freiheit und Wahrhaftigkeit im Leben führt.

Caligula – Albert Camus
Youtube Trailer  des Theater Münster
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Durch den Tod seiner inzestuös geliebten Schwester ist Caligula (Joachim Foerster) nervlich zerrüttet und in seinem Glauben an die vernünftige Einrichtung der Welt fundamental erschüttert. In seiner unbeschränkten kaiserlichen Freiheit erprobt er an seinem Staatsrat, was von einer Persönlichkeit übrig bleibt, wenn man ihr den stabilisierenden sozialen Rahmen mit all seinen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zertrümmert.

Sein Hof, den Ausstatterin Žana Bošnjak wie den Befehlsstand eines Raumschiffs mit zentralem Steuerpult angelegt hat, entwickelt sich zum kaiserlichen Dschungelcamp. Mit der ihn liebenden, bedingungslos getreuen Caesonia (Sandra Schreiber) irritiert er sein Umfeld mit absurden Anordnungen; er demütigt, vergewaltigt, tötet, und je unterwürfiger sich die beständig von ihm mit dem Tod bedrohten Menschen verhalten, desto mehr verachtet er sie.

Joachim Foerster als Caligula taumelt hochtourig zwischen weinerlicher Desorientierung und kalter Durchführung seiner Ideologie. Ein Gastmahl mit dem genötigten Staatsrat verwandelt er nackt in eine Orgie von  lustvollem Sado-Masochismus, nur um die verdrängten animalischen Lüste in seinen Räten aufzudecken.

Theater Muenster / Caligula von Albert Camus -  hier : Orgie der Gewalt_ Fréderic Brossier, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Joachim Foerster © Oliver Berg

Theater Muenster / Caligula von Albert Camus – hier : Orgie der Gewalt_ Fréderic Brossier, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Joachim Foerster © Oliver Berg

Seine kalkulierte Willkür verschont niemanden, den alle Erniedrigung erduldenden Mucius (Gerhard Mohr) ebenso wenig wie Lepida (Sandra Bezler), die  Caligula anhimmelt, nachdem er sie die Lust hat erfahren lassen, von ihm vergewaltigt zu werden; selbst vor Caesonia macht er nicht Halt. Der sensible Dichter Scipio (Frédéric Brossier) erhängt sich. Dass Cherea (Christian Bo Salle), der intellektuelle Gegenpart Caligulas, mit dem Leben davonkommt, erscheint auch als einer der Willkürakte Caligulas.

Das ist mit Dauer-Hochdruck gespielt, wobei oft Lautstärke für Emotionalität und Nacktheit für Authentizität steht. Für differenzierteres Spiel und die Verdeutlichung der verschiedenen inhaltlichen Positionen, vor allem Chereas Beharren auf Sinn, bleibt da wenig Raum. Nerlichs Inszenierung stellt Caligulas konsequent kaiserliche Anarchie mehr lustvoll aus, als dass sie deren fehlgehenden Impuls auf Wahrhaftigkeit ins Zentrum stellte. Damit lenkt sie weitgehend den Blick von der Aktualität des Stücks in einer Welt ab, deren „Rationalität“ eine Katastrophe nach der anderen hervorruft. Die von Camus gestellte, wenn auch absurde Aufgabe geht unter, gegen wachsende Empfindungslosigkeit an menschlicher Sinnstiftung zu arbeiten.

Nach 2 Stunden pausenlosen Spiels großer Applaus des Premierenpublikums für alle Beteiligten, v.a. für Joachim Foerster als Caligula.

Caligula von Albert Camus; die nächsten Termine: 11., 13., 25. und 26.10.2018

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Der Kaufmann von Venedig – Willian Shakespeare, IOCO Kritik, 09.12.2017

Dezember 9, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Der Kaufmann von Venedig – Ein Heiden-Spaß

Moralinsaure Polit-Bonbons in knallbunter Komödien-Verpackung

Von Hanns Butterhof

„Ihr seid alle Verbrecher!“, schallt es von der Bühne des Großen Hauses Münster ins Publikum, und „Unmenschen!“. Stefan Otteni hat William Shakespeares Schauspiel Der Kaufmann von Venedig  mit dessen Text  „Die Fremden“ angereichert und provokant ins Heute versetzt. Das reichlich moralinsauer mit aktuellen politischen Problemen aufgepeppte Stück mit Publikumsbeschimpfung ist hinreißendes Theater.

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig - hier: Der Richter rettet den Kaufmann, vlnr Sandra Bezler, Carola von Seckendorff, Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig – hier: Der Richter rettet den Kaufmann, vlnr Sandra Bezler, Carola von Seckendorff, Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

Peter Scior hat dazu eine große flache Schüssel auf die Bühne gesetzt, in der sich die gerade nicht beschäftigten Schauspieler als vergnügungssüchtiges junges Volk herumfläzen und amüsiert zuschauen, was so passiert.

Da bürgt der Venezianische Kaufmann Antonio, ein ekelhaft chauvinistischer Melancholiker (Christian Bo Salle), für die Schulden, die er für seinen Freund Bassanio (der wunderbar extemporierende, für den erkrankten Bálint Tóth eingesprungene Maximilian Scheidt) aufgenommen hat. Das Geld leiht ihm der Jude Shylock (Christoph Rinke), ein kühler Geschäftsmann im dunklen Zweireiher (Kostüme: Sonja Albartus), dem Antonio in vielen Formen seine Verachtung gezeigt hat. Shylock findet für seine Rache eine krasse Form: im Fall, dass die Schuld nicht pünktlich getilgt wird, will er ein Pfund Fleisch aus dem Körper Antonios schneiden. Der Fall tritt ein.

Derweil wirbt Bassanio erfolgreich um die superreiche Portia (Sandra Bezler). Wer sie heiraten will, muss vorher eine Probe bestehen. Drei Kandidaten scheitern, bevor Bassanio Erfolg hat: der Prinz von Hannover (Ilja Harjes), eine menschenfeindliche Karikatur, von den Zuschauern auf der Bühne und im Saal hässlich verlacht, dann ein stürmischer Prinz aus Kasachstan (Garry Fischmann) mit Pelzmütze und nackter Brust und schließlich der Prinz von Marokko (Zainab Alsawah).

Als Alsawah, eine in Damaskus geborene Schauspielerin, ihren Text ausufernd weitgehend auf Arabisch spricht, ertönt aus dem Zuschauersaal erst einzeln, dann vermehrt die aggressive Forderung „Sprich deutsch!“. Erregung, Unruhe und weitere Zurufe im Saal, denen Alsawah mit Shylocks Text die Forderung nach gleichem Recht aufgrund gleichen Menschseins entgegenschleudert und dem Publikum vorwirft, dessen Aggressionen zielten auf sie als Muslima. Das ist etwas ungenau, aber der geglückte Inszenierungscoup macht einen Heidenspaß.

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig_ hier: Große Ähnlichkeit - Der christliche Kaufmann und der jüdische Geldverleiher, vl Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

Theater Münster / Der Kaufmann von Venedig – hier: Große Ähnlichkeit – Der christliche Kaufmann und der jüdische Geldverleiher, vl Christian Bo Salle, Christoph Rinke © Oliver Berg

So wickelt Otteni leicht moralinsauer noch weitere aktuelle Themen in die Komödienverpackung, bis Shylock schon das Messer ansetzt. Da wird der Jude noch einmal richtig aufs Kreuz gelegt, begleitet von den feixenden jungen Leuten, die ihren gruseligen Spaß auf Kosten des Heiden haben.

Sie haben nichts aus den humanistischen Anmutungen des immer wieder eingeflochtenen Shakespeare-Textes „Die Fremden“ gelernt. Ebenso wenig hätte das beschimpfte Publikum diese nicht erspielten Belehrungen nötig gehabt. Mit ihnen hat Otteni es sich zu leicht gemacht und offene Türen eingerannt, aber einen fesselnden Theaterabend mit jeder Menge Diskussionsstoff geschaffen.

Nach drei Stunden anhaltende Ovationen für ein ausgesprochen spielfreudiges Ensemble, besonders für Maximilian Scheidt.

Der Kaufmann von Venedig am Theater Münster: Die nächsten Termine: 13.12.; 14. 12.; 30.12.2017 jeweils 19.30 Uhr

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