Dresden, Semperoper, Spielplan Januar 2020

November 19, 2019 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Monatsspielplan Januar 2020

Der erste Monat des Neuen Jahres steht in der Semperoper ganz im Zeichen der mit Spannung erwarteten Neuproduktion von Richard Wagners »Die Meistersinger von Nürnberg« in der Inszenierung von Jens-Daniel Herzog. Die Koproduktion mit den Osterfestspielen Salzburg, dem Tokyo Bunka Kaikan und dem New National Theatre, Tokyo ist erstmalig am 26. Januar 2020 in Dresden in Spitzenbesetzung zu erleben: Unter der Musikalischen Leitung ihres Chefdirigenten, Christian Thielemann, begleitet die Sächsische Staatskapelle Dresden unter anderem Christa Mayer, Jacquelyn Wagner, Adrian Eröd, Vitalij Kowaljow und Georg Zeppenfeld sowie den Sächsischen Staatsopernchor Dresden. Sebastian Kolhepp brillierte bereits bei den Osterfestspielen in Salzburg bei seinem Debüt als David.

Die Dresdner Produktion wird begleitet von einem »Aktenzeichen« am 28. Januar 2020 unter dem Titel »Festwiesenspektakel im Wandel der Zeit« und dem SemperDialog »Wie politisch ist Oper?« am 31. Januar 2020, moderiert vom Leitenden MDR-Kulturredakteur, Andreas Berger.

In Semper Zwei kommt am 15. Januar 2020 »Cabaret« in der Inszenierung von Manfred Weiß zur Wiederaufnahme. Als Conférencier entführen Aaron Pegram und seine Kit Kat Boys and Girls das Publikum in das Berlin der Roaring Twenties, wo Julia Gámez Martín als Sally Bowles und Simeon Esper als Clifford Bradshaw die braunen Schatten aufziehen sehen.

Premiere: 26. Januar 2020: Richard Wagner »Die Meistersinger von Nürnberg«

Weitere Vorstellungen: 30. Januar sowie 2., 10. und 16. Februar 2020


Mi 01.01. 17:00 Die Fledermaus

Do 02.01. 19:00 Lucia di Lammermoor

Fr 03.01. 19:00 Der Freischütz
20:30 Semper Bar

Sa 04.01. 19:00 La bohème

So 05.01. 11:00 Kammerkonzert der Giuseppe-Sinopoli-Akademie
16:00 Der Freischütz

Do 09.01. 13:00 Die Fledermaus (Seniorenvorstellung)
20:00 3. Kammerabend

Fr 10.01. 19:30 Der Nussknacker

Sa 11.01. 19:00 Die Fledermaus

So 12.01. 11:00 6. Symphoniekonzert
19:30 Der Nussknacker

Mo 13.01. 20:00 6. Symphoniekonzert

Di 14.01. 20:00 6. Symphoniekonzert

Mi 15.01. 10.00 Gestatten, Monsieur Patipa!
19:00 Così fan tutte
19:00 Cabaret

Do, 16.01. 10:00 Gestatten, Monsieur Petipa!

Fr 17.01. 19:00 Der Nussknacker
20:00 Cabaret

Sa 18.01. 14:00 Der Nussknacker (Familienvorstellung)
18:00 Der Nussknacker
20:00 Cabaret

So 19.01. 14:00 Der Nussknacker (Familienvorstellung )
18:00 Der Nussknacker
20:00 Cabaret

Di 21.01. 17:00 Premierenkostprobe »Die Meistersinger von Nürnberg«
19:00 Cabaret

Mi 22.01. 19:00 Così fan tutte (Dresdentag)
19:00 Cabaret
19:30 Tanz:Film (Programmkino Ost)

Fr 24.01. 19:00 Die Zauberflöte

Sa 25.01. 19:00 La bohème

So 26.01. 15:00 PREMIERE Die Meistersinger von Nürnberg

Mo 27.01. 19:00 Così fan tutte
19:00 Cabaret

Di 28.01. 18:00 Aktenzeichen zu »Die Meistersinger von Nürnberg«:
»Festwiesenspektakel im Wandel der Zeit«
19:00 Cabaret
20:00 2. Aufführungsabend

Mi 29.01. 10:00 Gestatten, Monsieur Petipa!
19:00 Die Zauberflöte
19:00 Cabaret

Do 30.01. 10:00 Gestatten, Monsieur Petipa!
16:00 Die Meistersinger von Nürnberg

Fr 31.01. 19:00 La bohème
19:00 SemperDialog zu »Die Meistersinger von Nürnberg«:
»Wie politisch ist Oper«

 

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Gedenken an die Zerstörung Dresdens – Konzert, IOCO Kritik, 22.02.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper Dresden / © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / © Matthias Creutziger

Gedenken an die Zerstörung von Dresden

Sächsische Staatskapelle Dresden – Christoph Eschenbach

von Thomas Thielemann

Die Konzerte der Sächsischen Staatskapelle „Zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945“ sind für den Autor und seine Familie stets schwierige Termine: Meine Frau, damals eine Sechsjährige, musste an jenem Abend mit Mutter, Großmutter und ihrer jüngeren Schwester durch das brennende Dresden laufen; zuvor waren sie „ausgebombt“ worden.

Als wir 2009 nach Sachsen zurückgekommen waren, war Dresden wegen seines Kulturangebots und seiner Umgebung der Wohnort unserer Wahl. Die  Rückkehr in ihre Geburtsstadt legten bei meiner Frau jedoch verschüttet geglaubte Kindheitserinnerungen frei.

Die Stadt befand sich  im Landtags-Wahlkampf. Vor allem NPD-Plakate beherrschten das Stadtbild. Vor allem thematisierte die rechte Szene die nach wie vor unbekannte Zahl der Opfer der Luftangriffe und nutzte das zu Provokationen. Der über ideologische Parteigrenzen reichende, von der damaligen Oberbürgermeisterin Helma Orosch organisierte Widerstand gegen den Missbrauch der Erinnerungskultur, half uns, diese kritischen Tage zu überstehen.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Christoph Eschenbach zum Gedenkkonzert 13. Februar 1945 © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Christoph Eschenbach zum Gedenkkonzert 13. Februar 1945 © Matthias Creutziger

Bei den Menschen der Stadt ist die Erinnerung an den 13. Februar 1945 tief verwurzelt, da wohl jede in der Innenstadt angesiedelte Familie von den Terror-Angriffen in irgend einer Form betroffen war. Auch wenn die Zeitzeugen zunehmend versterben, werden jene, die den Anblick des zerstörten Schlosses, die Ruine der Frauenkirche noch erlebt hatten, die Erinnerung an diesen Bombenterror bewahren.

Auch bleibt die Vermutung, dass der Stadt das Schicksal von Hiroshima gedroht hätte, wenn die Atombombe früher zur Verfügung gewesen wäre, im Gedächtnis der Menschen.


Aus diesem Dresdener Trauma heraus war es wertvoll, daß die Sächsische Staatskapelle  für das Gedenk-Konzert 2019  Antonin Dvoráks Stabat mater op. 58 gewählt und Christoph Eschenbach, von Kriegswirren auch hart getroffen, eingeladen hatte.

Das  Stabat mater, exakt Stabat mater dolorosa (lat: es stand die Mutter schmerzerfüllt) ist ein mittelalterliches Gedicht, das die Mutter Jesu in ihrem Schmerz um den gekreuzigten Sohn zum zentralen Inhalt hat. Der Text beruht auf einer Weissagung des Propheten Simeon gegenüber der Mutter Maria:Deine Seele wird ein Schwert durchdringen“ und wird häufig dem Jacopone di Todi (1230 bis  1306) zugeschrieben. Aber auch eine Autorenschaft des Papstes Innozenz III. ist nicht ausgeschlossen.

Nach meinen Recherchen sind die Texte zwischen 1480 und 2008 61-mal für zum Teil sehr persönliche Kompositionen genutzt worden. Darunter sind Arbeiten so bedeutender Musiker wie die Scarlatti, Pergolesi, Vivaldi, Haydn, Rossini, Liszt,  Schubert, Penderecki und Pärt. Die möglicherweise am häufigste aufgeführte und eingespielte Vertonung ist die 1876 bis 1877 unter dem Eindruck der Verluste seiner drei Kinder entstandene Komposition Dvoráks Opus 86.

Er hatte die Textbearbeitung auf Basis einer kritischen Sichtung der Handschrift-Überlieferungen von Clemens Blume und Henry M. Bannister des  Gedichtes für vier Solisten, Chor und Orchester eingerichtet. Vom mittelalterlichen Original übernahm der Komponist die Struktur der zehn Strophen. Jede dieser Strophen hat eine eigene thematische Basis und ist seinerseits in Teile zu je drei Zeilen gegliedert. Dvorák verzichtete auf eine Aufteilung des Chores in zwei Halbchöre. Der Dialogcharakter war von ihm den Solisten übertragen worden.

Mit der Staatskapelle, dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden und der Sopranistin Venera Gimadieva, der Altistin Elisabeth Kulman, dem Tenor Pavol Breslik und dem Bassisten René Pape stand dem Christoph Eschenbach für seine Interpretation ein hochkarätiges Ensemble zur Verfügung.

Das Orchester bildete mit seinem faszinierenden warmen dunklen Klang das Rückgrat der Aufführung. Dabei entwickelte Christoph Eschenbach seine Orchesterführung zunächst aus der Stille, im lyrischen ergreifend und in den Steigerungen packend. Das auf das Detail konzentrierte Dirigat führte dabei den Chor und die Solisten beeindruckend zusammen.

Der besonders ausgedehnte Eröffnungssatz erzeugte bereits eine Stimmung eindringlicher Trauer,  unterbrochen von flüchtigen Momenten der Wut und des Trotzes. Diese Ausbrüche des Chores und des Orchesters beruhigte Pavol Breslik mit schönen Phrasierungen und makelloser Höhe bis die übrigen Solisten die Melodie aufnahmen. Venera Gimadieva, Elisabeth Kulman, Pavol Breslik und René Pape gelang, jede feine Schattierung der Partitur in Intensität umzusetzen. Sehnsüchtiges Pianissimo wurde klangfarbenreich und brillant wie das mächtige Forte textdeutlich umgesetzt.

Staatskapelle Dresden / Christoph Eschenbach und die Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Christoph Eschenbach und die Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Die acht folgenden Strophen mit ihren eigenen Themenstellungen boten ob der zwei-Dreizeilenstruktur reichliche Gelegenheiten zu Wiederholungen innerhalb der Sätze sowie zu brillanten Einzelleistungen der Solisten und des Chores. So gehörte der von Mozarts Requiem inspirierte vierte Vers „Fac, ut ardeat cor meum“ (Mach, dass brenne mein Herz) neben den Chorstimmen vor allem  dem warm-eindringlichen und würdevoll-expressiven Bass des René Pape.

Zu den vielen Höhepunkten gehörte auch  das „Fac me vere Tecum Flere“(Lass mich wahrhaft mit dir weinen), das Pavol Breslik vom schlichten Beginn zu einem wilden Aufbegehren steigerte und mit den Männerstimmen des Chores in der Folge wieder zur Ruhe abmildern ließ. Beeindruckend war das von den Frauenstimmen in den höchsten Lagen fein und wendig dargebotene  „Virgo virginum praeclara“ (Jungfrau, der Jungfrauen strahlendste). Das Duett „Fac, ut portem Christi mortem“ (Lass mich tragen Christi Tod), meisterlich gesungen von der russischen Koloratursopranistin Venera Gimadieva und dem Tenor Pavol Breslik, erzeugte nicht zuletzt ob der begleitenden Holzbläser eine warme beruhigende Atmosphäre.

Leidenschaftlich auch die Interpretation des Inflammatus et accensus (Entflammt und entzündet), das von Elisabeth Kulman höchst emotional vorgetragen worden war. Der Staatsopernchor (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen), eigentlich ständig präsent, beeindruckte insbesondere bei den sensiblen a capella-Stellen.

Christoph Eschenbach gelang es bis zum Schluss, die gelegentlich süßlichen Melodien nicht ins Gefühlige abdriften zu lassen. So ließ er nach dem machtvoll gesteigerten Amen im Finale, das Ausklingen zugleich innig als auch erdennah spielen.

Trotz der Monumentalität der Komposition gelang damit Christoph Eschenbach eine sanfte demutsvolle Aufführung, so dass er seine ergriffenen Hörer regelrecht getröstet entließ.

Bei den Salzburger Osterfestspielen 2019 wird das Konzert jeweils am 16. und 19. April 2019 zur Aufführung gebracht.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Semperoper, Die Trojaner von Hector Berlioz, IOCO Kritik, 16.10.2017

Oktober 17, 2017 by  
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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Ewiger Krieg im Kostümrummel oder Männer gegen Frauen?

Les Troyens von Hector Berlioz

Von Guido Müller

Hector Berlioz Grabmal in Paris © IOCO

Hector Berlioz Grabmal in Paris © IOCO

Die frühere prächtige Hofoper, dann in der DDR wieder wunderschönhergestellte Semperoper im erneuerten Neo-Renaissance-Stil bringt das große, weit über fünf Stunden dauernde Opern-Schmerzenskind  des französischen Komponisten Hector Berlioz Les Troyens zum Beginn der Spielzeit. Noch Richard Strauss war fasziniert von der Instrumentenkunde und Klangfarbenmagie des Franzosen. So passt die große Anforderung an das Orchester, die Sänger und den Chor stellende Grand Opera  ideal an das sächsische Haus großer Strauss-Uraufführungen.

Die Sächsische  Staatskapelle Dresden sollte sich unter dem Dirigat   des ihr vertrauten Amerikaners John Fiore auch ganz dem schönen Klangfarbenrausch dieser Komposition widmen: Berlioz sozusagen mit üppigem Goldrahmen präsentiert. Auch das Staatstheater Nürnberg hat in dieser letzten Spielzeit des künftigen Intendanten der Sächsischen Staatsoper dieses Werk zur Premiere in einer allerdings dreistündigen Schrumpffassung nur drei Tage nach    der Dresdener Premiere angesetzt.

In Dresden inszeniert die viel beschäftigte und von der Kritik stark beachtete  junge Amerikanerin Lydia Steier das opulente Werk mit ihrem bevorzugten römischen Kostümmodisten Gianluca  Falaschi, der prächtige und aufwändige Kostüme im üppigsten Bonbonière-Stil der Pariser Weltausstellungen entworfen hat und mit ihrem Architekten beeindruckender Bühnenbauten Stefan Heyne.

Der deutsche Bühnenbildner hat fantastische Prospekte mit der alten  Semperoper oder einer Mittelmeerlandschaft malen lassen sowie für die Akte drei bis fünf eine Kombination aus Turm zu Babel (Achtung: Mittelmeer-Vielvölkerproblematik der Trojaner-Oper), Globe-Theater als  Holzkonstuktion  (Achtung: Shakesspeare -Verehrung von Berlioz) oder Mini-Tour-Eiffel im Bau mit Schlafnische für flüchige Liebesnächte (herrlich  gesungenes Duett  „Nuit d’ivresse“,  textlich auf Shakespeares Kaufmann von Venedig basierend, der mit warmem Schmelz  singenden Didon  der Christa Mayer und dem lyrischen Enée des Bryan Register).

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier mit dem Sächsischen Staatsopernchor © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier mit dem Sächsischen Staatsopernchor © Forster

Das trojanische Pferd wird in Gestalt des Reiterdenkmals des allerdings so gänzlich unmilitaristischen „guten“ König Johanns von Sachsen vor der Semperoper herein gezogen. Sein Sockel dient am Ende der  Oper  der karthagischen Königin Dido als Grab für ihren Freitod.

Aber darauf kommt es historisch gar nicht so genau an, schließlich gab  es zu Lebzeiten von Berlioz ja dauernd Kriege vom französischen Kaiser Napoleon Bonaparte bis zu Kaiser Napoleon III. Dazu ergänzt die   seit  2002 in Berlin lebende Amerikanerin Lydia Steier im Programmheft  im Gespräch mit der Dramaturgin Anna Melcher dann zu dem mit aktualistischer  Anwandlung: „Plötzlich fliegen Drohgebärden  über atomare Waffen durch die Luft, das politische Klima verändert sich bis    vor die Haustür: Trojanische Pferde sollte man nicht aus den Augen lassen.“ So wird zumindest im Kostüm und Klischee die Geschichte noch bis zur stalinistischen Soldateska im zweiten Weltkrieg weiter erzählt.     Und den Bezug zum tagesaktuell in den Nachrichten immer mal wieder  dank Pegida und Opernball auftauchenden Opernplatzes kann der werte Zuschauer für sich je nach Gusto interpretieren.

Nach dem ersten Teil fragte ich mich nun allerdings verblüfft, ob der zunächst bunte Faschingskostümrummel des trojanisch-offenbachiesken Volks und der abschließende bluttriefende Mordexzess der Frauen untereiner rasenden „keuschen“ „Seherin“ Kassandra im englischen hochgeschlossenen Gouvernantenkostüm ernst gemeint ist als Anklage gegen Krieg, Machismo und dauernd amüsiergeile Gesellschaft?

Oder ist dies zu verstehen als eine Parodie auf den gescheiterten Versuch von Hector Berlioz eine Grand Opera  zu komponieren, mit der er bei Jacques Offenbachs Pariser Vorstadtbühne mit dem Versuch einer zu lang geratenen Opéra bouffe durchgefallen ist? Oder beides zugleich?

Die Sänger – wie der für die äußerst anspruchsvolle Rolle des Aeneas zunächst noch zu Spielzeitbeginn angekündigte Gast-Tenor Eric Cutler – haben wohl teilweise schon während der Proben aufgegeben.

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Christa Mayer als Königin Didon und der Sächsische Staatsopernchor © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier Christa Mayer als Königin Didon und der Sächsische Staatsopernchor © Forster

Die Ausnahme-Mezzosopranistin Christa Mayer von der Semperoper, die diesen Sommer bei den Richard Wagner Festspielen in Bayreuth als Brangäne aufhorchen ließ, ist ob ihrer stoischen Professionalität zu bewundern, mit sie ihr mitreißendes und tief berührendes Profil der karthagischen Königin Didon durchgezogen hat, da sie die große ihr wie auf den Leib und das Stimmprofil geschneiderte Rolle darstellen wie       exemplarisch singen KANN und WILL. Und dies dazu noch in perfekter französischer Diktion!

Die zunächst auch eher keusch als sinnlich singende amerikanische Sängerin der Cassandre Jennifer Holloway fügt sich im Spiel und Gesang perfekt in das Regiekonzept ein. Sie gewinnt im Schlußtableau des zweiten Aktes noch erheblich an dramatischer Tiefe und stimmlichem Ausdruck.

Das gilt leider nicht durchgehend für den Sänger der überaus schweren  Partie des Enée, der in einer Art Operetten-Offiziersuniform sichtlich ohne Sympathie der Regie agieren muss. Im ersten Teil eher schwach, sucht Bryan  Register, der die Rolle auch an der Oper Frankfurt singt, sich in einer der anspruchsvollsten Tenorpartien des 19. Jahrhunderts zunächst  zu   profilieren, indem er in dieser zweiten Vorstellung seit der   Premiere ab und zu nach unten transponiert singt. Das große Liebesduett mit Christa Mayer gelingt ihm in dieser Vorstellung sehr fein. In seiner großen Schlussszene hat ihn die Regie und die Stimme manchmal etwas in  Stich gelassen. Steier mag sichtlich keine Helden und das trifft seine Stimme.

Semperoper Dresden / Die Trojaner - hier Jennifer Holloway als Cassandre © Forster

Semperoper Dresden / Die Trojaner – hier Jennifer Holloway als Cassandre © Forster

Kriegsgemetzel zu zeigen hingegen scheint der Regisseurin Spaß  zu machen,  auch wenn es in Berlioz‘ Oper nicht vorkommt. So gerät die berühmte „Chasse royale et Orage“ zum sowohl handwerklich wie historischen Missgriff, obwohl es eine ausführliche detaillierte Anweisung zu einer Pantomime von Berlioz gibt.

Lydia Steier zeigt statt Jagd, Gewittersturm und knisternder Erotik zwar natürlich so halb (!) politisch korrekt keine schwarzen Numider- Afrikaner,wie eigentlich in der bei Berlioz zuvor erwähnten, aber nicht gezeigten Schlacht, sondern musulmanische Krummsäbel-Osmanen mit Bärten à la  IS (sic!) werden durch heroische Russen-Franzosen-Krimkrieger mit Gewehren und Bajonetten abgeschlachtet, während die Posaunen und   Hörner der Staatskapelle effektvoll beleuchtet mit dem begleitenden Festfernchor in den Seitenlogen dazu musizieren.

Laut dem von der Oper Frankfurt zitierten Dramaturgen-Beitrag im  Programmheft wollte Berlioz sich mit seiner Oper, in der Militärterminologie als „Phalanx“ und „Avantgarde“ quasi kompositorisch selber ständig ins kriegerische Feuer stürzen.

Die Musik der Trojaner als ständige Kriegsanführung: ewigen Hass und endlosen Krieg verherrlichend durch über fünf Stunden Oper und Militärkapelle? Oder doch nur ein großer langer Kostümspaß im Stil einer  Operette von Jacques Offenbach?

Männer vergewaltigen, mehr oder weniger ständig betrunken, wie sowjetische Klischee-soldaten (drastisch gut gesungen von Jiri Rajnis und Matthias Henneberg) dauernd –  angezogen (!!!) – Frauen oder berauben sie ihrer Habseligkeiten (historisch-kritische Reminiszenz an die sowjetische Besatzung in Dresden nach 1945 oder doch eher             Krimkrieg oder Lumpenproletariat von Paris?).

Man fragt sich dann nur immer wieder, warum deren operettiger, französisch-russischer Offiziersanführer Aeneas  denn nun ausgerechnet dann nach Italien soll. Irgendwie scheint auch immer malerisch der Vollmond und leuchtet eine Staßenlampe. (Effektvolle und stimmige Lichtregie Fabio Antoci). Eine Spielzeugkanone ziert symbolisch pittoresk das Kriegsidyll.

Statt der Ballette gibt es zur gepflegten Unterhaltung Akrobaten und Seifenblasen- kunststücke für die feine Hofgesellschaft. Man spart an nichts in Dresden, wie schon Berlioz zu Lebzeiten konstatiert hatte: „Seit ich in Deutschland weilte, hatte ich noch nie eine solche Ansammlung von Reichtümern gesehen.“ ( Siehe Programmheft S. 42) Am Ende kommt das Gespenst der aus dem Leben geschiedenen untoten Cassandre-Gouvernante samt totem Familienanhang zurück um sich malerisch zusammen mit ihrer „Freundin“ Didon, die nun plötzlich ein festliches altrussisches Brautgewand (sic!) anlegt, schwesterlich zum erneuten gemeinsamen Freitod zu begeben.

Semperoper / Die Trojaner - hier mit Bryan Register als Enée und Alexandros Stavrakakis © Forster

Semperoper / Die Trojaner – hier mit Bryan Register als Enée und Alexandros Stavrakakis © Forster

Die Regisseurin verachtet den Opernkomponisten Hector Berlioz und seine Grand opéra wohl noch mehr als die Männer in diesem Werk. Daran vermögen auch nichts zu ändern der sehr nobel und besonders glaubwürdig singende Chorèbe des Baritons Christoph Pohl und der mit besonders schöner fundierter Belcantostimme ausgestattete junge    amerikanische Charakter-Bassbariton Evan Hughes als Narbal, der Liebhaber von Didons Schwester Anna. Sie wird hervorragend  gesungen und gespielt von der jungen polnischen Mezzosopranistin Agnieszka Rehlis im lila Blaustrumpfkostüm, die in dieser Rolle sehr überzeugend an der Semperoper debütiert). Sogar für das fein durch den stimmschönen Tenor Simeon Esper gesungene Heimwehlied des Hylas vermag die Regie sich kaum zu erwärmen.

Die Inszenierung verfolgt ganz offensichtlich vor allem den Zweck, uns tolle, aus dem Vollen schöpfende bunte Kostüme an singenden Menschen vorzuführen, vor allem an einem üppigen und mit sehr  individuellen Portraits gezeichneten Riesenchor. Der eigentliche Hauptakteur dieser Inszenierung sind ja die Trojaner, Griechen und Karthager, überaus packend und präzise gesungen und gespielt vom Sächsischen Staatsopernchor, Sinfoniechor  Dresden, Extrachor und Kinderchor der Sächsischen Staatsoper Dresden unter der Chorleitung von Jörn Hinnerk  Andresen und für den Kinderchor Claudia Sebastian-Bertsch. Dazu spielt die Sächsische Staatskapelle Dresden unter John Fiore in gewohnt höchster  Qualität schwelgerisch und verführerisch dauerschön. Nicht nur die mir an dem Abend besonders positiv aufgefallenen vier, oft solistischen Harfen und die Hörner verdienten Extralob.

Alleine dieses Spitzenorchester und der Spitzenchor sowie Christa Mayer als Didon lohnen den Besuch der optisch wie akustisch opulenten Produktion der Semperoper.

Die Trojaner von Hector Berlioz an der Semperoper: Die nächste Vorstellungen am 21.10., 27.10., 3.11.2017.

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—