Dresden, Semperoper, Le Grand Macabre – György Ligeti, IOCO Kritik, 05.11.2019

November 5, 2019 by  
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Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Le Grand Macabre  –  György Ligeti

Apokalypse light – von einem Weltuntergang, der nicht stattfand

von  Thomas Thielemann

In Breugellande sind die Mitmenschen alle glücklich; entfalten das Abenteuer und berauschen den Tod; halten ihn für tot. Aber der Tod war ein Verrückter, der sie in einen vermeintlichen Weltuntergangtreiben möchte. Tot vor Angst die Gottlosen, überleben die Glücklichen und zwei Liebende, die die Welt neu gestalten werden. Alles endet in der erdig, blumigen Farce Le Balade du Grand Macabre des  frankophonen Dramatikers flämischer Herkunft Michel de Ghelderodes (1898-1962) mit dem Sieg des Lebens und der Hoffnung. Aus dem Nachbarlande ahnte der Dichter 1934/35 im „noch-Aufstieg der Macht des Faschismus“ noch nicht, was sich in Deutschland tatsächlich zusammen braute. So richtet der Dramatiker sich zwischen Groteske und Entsetzen „an einfache Seelen“ und bezieht sich auf die Apokalypse  Pieter Bruegels des Älteren.

Le Grand Macabre –  the Making of .. hier Dramaturg Johann Casimir Eule
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Der 1931 in Danzig geborene schwedische Schauspieler  und Puppenspieler Michael Meschke formte mit dem österreich-ungarischen Komponisten György Ligeti (1923-2006) aus der Mischung von hintersinnigem mittelalterlichem Mysterienspiel sowie absurdem Theater für diesen ein Libretto zur „Anti-Anti-Oper“ Le Grand Macabre. Die 1978 in Stockholm unter dem Eindruck der Drohung einer atomaren Katastrophe als Weltuntergangsgroteske erstaufgeführte, betont agitatorische Fassung, wäre vierzig Jahre später angesichts der breiteren Existenzbedrohungen im „soundsovielten Jahrhundert“ zu eng gefasst, so dass Ligeti 1996 eine Überarbeitung vorlegte, die aktuellere ganz individuell vom Menschen selbst gemacht Bedrohungen des Lebens, ins Visier nehmen.

Calixto Bieto hatte Ligetis Anti-Anti-Oper  2011 in Freiburg als sexuell überhöhtes Welttheater auf die Bühne gebracht. Für seine Dresdner Inszenierung waren ihm zwei kreative Damen zur Seite gestellt: die Schweizer Videokünstlerin  Sarah Derentinger und die Bühnenbildnerin Rebecca Ringst. Die Bühnenbildnerin stellte Bieto eine Bungee-Anlage mit einer beeindruckenden Erdkugel auf die Bühne, während die Video-Expertin uns Erläuterungen, assoziative Erklärungen oder surrealistische Ergänzungen auf die Fläche der Kugel projizierten ließ. Meine Hoffnung, dass die Erde zum Finale die Spirale herab rollen werde, erfüllte sich allerdings nicht.

 Semperoper Dresden / Le grand Macabre - hier : Christopher Ainslie als Prinz Go-Go, Markus Marquardt als Nekrotzar © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Le grand Macabre – hier : Christopher Ainslie als Prinz Go-Go, Markus Marquardt als Nekrotzar © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Was sollte auch der Höllenfürst Nekrotzar tun, wenn er extra einen Kometen mit der Zielrichtung Erde organisiert hatte, sich aber die Bewohner im Breugelland kaum so recht für die drohende Apokalypse interessierten. Das lesbisch-flippige Paar Amanda-Amando ignoriert die Drohung und widmeten sich unbeeindruckt seiner Leidenschaften, die sadistisch-nymphomanische Gattin des Hofastrologen Astradamors verhindert, dass jener den Kometeneinschlag richtig prognostizieren kann. Die koalitionären Minister streiten über Steuererhöhung, statt Maßnahmen zum Katastrophenschutz vorzubereiten und ihr Fürst gibt eine jämmerlich-klagende Figur ab. Selbst der Chef der „Geheimen Staatspolizei“ eruiert nur mit einem verzweifelten Klagegesang und Selbstmorddrohungen. Unentwegt wird weiter konsumiert und gefeiert, so dass die Protagonisten Nekrotzar,  Astradamors und Piet vom Fass in ihrer Fassungslosigkeit mittranken, so dass der Höllenfürst nicht in der Lage war, die Welt zu zerschmettern.  Vom Kometen blieb nur ein bedrohlicher Schein und „der Große Macabre“ schlich blamiert von dannen. Piet und der Astrologe haben Durst, das Paar hat von all dem nichts mitbekommen und so steht am Schluss: “Fürchtet den Tod nicht, gute Leute. Lebt so lang in Heiterkeit“.

Mit kurzweiligen Bildern und ohne Holzhammer hält Calixo Bieto so uns einen Spiegel vor, wie die Menschheit die Bedrohungen der Zeit regelrecht ignoriert.

Semperoper Dresden / Le grand Macabre - hier : Gerhard Siegel als Piet vom Fass  © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Le grand Macabre – hier : Gerhard Siegel als Piet vom Fass © Semperoper Dresden / Ludwig Olah

Etwa einhundertfünf Minuten Ligeti- Musik. Omer Meir Wellber entfaltet mit den bestens aufgelegten Musikern der Sächsischen Staatskapelle sowie ihrem höchst unorthodoxen Instrumentarium im Graben und von den Rängen einen wahren Höllenspektakel; Schlagwerk-betont, und vor allem laut. Ligetis Vorgaben, mit ihrer großen Vielfalt von Klängen, Geräuschen, ein Gemisch von Anklängen an die Tradition und Parodien, wurden immer synchron mit der Bühne umgesetzt. Stellenweise wurde die Zwölftonmusik ins Lächerlichere gezogen, aber auch Bach, Beethoven, Rossini, Schubert oder Monteverdi wurden zitiert. Verwobene Ensemble-Rhythmen, haarsträubende Koloraturen und häufiger Wechsel von der Bruststimme ins Falsett, verlangten den Akteuren musikalische wie darstellerische Höchstleistungen ab, ohne dass Wellber auch nur einen Moment das Heft aus der Handzugeben bereit war.

Eine Idealbesetzung des Höllenfürsten Nekrotzar war mit Markus Marquardt gelungen. Seine breite Gestalt, die schneidend markante Bassbariton-Stimme, das furchteinlösende Spiel des tragisch-versagenden Weltzerstörers war schon beeindruckend.

Wer Gerhard Siegel einmal als Mime erleben durfte, wird nicht erstaunt gewesen sein, wie er sich mit seinem „Piet vom Fass“ als feixend feucht fröhlicher Helfershelfer eine tragende Position in der Premiere schaffen konnte.

Als Hofastrologe Astradamors war der norwegische Bassist Frode Olsen vergleichsweise spät in die Inszenierung einbezogen worden. Allerdings verfügt er bereits seit der Erstaufführung über Erfahrungen mit der Verkörperung dieser Partie. Seine Darstellung der sodomitischen Ehehölle  mit der Mescalina von Iris Vermillon und der Gegensatz als Unheilverkünder am Hofe des wankelmütigen Prinz Go-Go waren beeindruckende Kabinettsstücke. Dass Iris Vermillon ihren dunkel samtigen Mezzosopran auch triebgesteuert und beeindruckend locker einsetzen konnte, mag doch einige Dresdner Besucher ob der hochprofessionellen Leistung abseits des Gewohnten verwundert haben. Nicht unerwähnt sollten die etwas androgyne Gestalt des unentschlossenen Prinz Go-Go des Altus Christopher Ainslie mit seiner wunderbar extravaganten Stimme sowie seiner Minister-Riege Aaron Pegram und Matthias Henneberg mit ihren Darstellungen der Koalitionäre bleiben. Auch Wooram Lim als Schobiak und Markus Brühl als Schabernack gehören mit ihren kurzen Auftritten der Erwähnung.

Eine bravouröse Glanzleistung bot die israelische Sopranistin Hila Baggio mit der halsbrecherischen Koloraturarie des Chefs der Geheimen Politischen Polizei Gepopo. Eine verzweifelte Tortur, in der die Panik des drohenden Kometeneinschlags, sprich einer Revolution zu spüren war, atemberaubend serviert wurde. Ihre spielerische Leistung und der klare Tonfall passten hundertprozentig zum manischen Charakter der Figur. Weniger auffällig war ihre Zweitrolle als doch etwas flippige Venus im ersten Akt.

Le Grand Macabre  –  the Making of .. hier mit Dirigent Omer Meir Wellber
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Zu den musikalisch und spielerisch beeindruckenden Höhepunkten des Abends gehörten zweifelsfrei die Passagen des lesbisch umgedeuteten Paars Amanda der Katarina von Bennigsen und Amando der Annelie Sophie Müller mit ihrem „Schnee war ich, doch bin ich zerflossen“ und dem berührenden Abschlussduett, eine wohl selten glückliche Kombination zweier noch junger Stimmen.

Der Chor von Jan Hoffmann situationsgerecht vorbereitet, intonierte aus einem Seitenrang mutig auf bestürzende Weise, wie gepresst und wütend gesungen werden kann, wenn die Partitur und Regie es so wollen.

Eine Fülle von musikalisch-darstellerischen Regieeinfällen ließ keinen Leerlauf aufkommen und machte den Abend zu einer Besonderheit für den Spielplan des Hauses. Im Verlaufe der Vorstellung verließen kleinere Gruppen demonstrativ den Raum. Die Verbliebenen allerdings feierten die Agierenden und das Inszenierungsteam begeistert.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, 3. Symphoniekonzert – Bartok, Prokofjew, Schostakowitsch, IOCO Kritik, 23.10.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle – Saison 2019/20 – 3. Symphoniekonzert

Omer Meir Wellber – Bartok mit Kavakos, Prokofjew, Schostakowitsch

von Thomas Tielemann

In unserem Konzertführer der 1950er Jahre gesteht der Herausgeber Karl Schönewolf Bela Bartok (1881-1945) lediglich ein Violinkonzert aus den Jahren 1937-1938 zu. Er erwähnt aber, dass Bartok bereits um 1907 ein zweisätziges Werk für Violine und Orchester entworfen habe. Tatsächlich komponierte der Sechundzwanzigjährige, unsterblich verliebt in die ungarische Geigerin Stefi Geyer (1888-1956), für diese junge Frau zwei Sätze für Orchester und Violine Solo und legte ihr die sehr persönlichen Kompositionen buchstäblich zu Füssen. Ein Zerwürfnis  in Glaubensfragen beendete die Beziehung, so dass ein dritter Satz nicht zu Stande kam. Stefi Geyer hat die Komposition nie gespielt, aber offenbar die Partitur unter Verschluss gehalten. Bartok rächte sich musikalisch: Im letzten Zyklus seiner 14 Bagatellen nahm er sich „ihr“ Violinkonzert vor, karikierte das Leitmotiv und versah weitere Nutzungen des Materials mit Titeln wie „Zerrbild“. Nach Stefi Geyers Tod entdeckte man das Notenmaterial in ihrem Nachlass und konnte es nach der Neu-Einteilung 1958 als 1. Violinkonzert uraufführen.

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden © Matthias Creutziger

Das 2. Violinkonzert Bartoks trägt diese Bezeichnung erst seit den späten 1950er Jahren. Es galt bis dahin einfach nur als Bartoks Violinkonzert.

Der Geiger und Freund Bartoks, Zoltán Székely,  bat diesen 1937, ihm ein „ganz klassisches Konzert“ zu schreiben. Bartok plante aber, ein größeres Variationswerk zu komponieren. Man fand einen Kompromiss, der letztlich zu einem komplett neuen Konzept führte und Beide zunächst befriedigte. Der zweite Satz (Andante tranquillo) wurde ein Variationssatz und der Final-Satz eine Variation des durch schroffe Gegensätze geprägten Kopfsatzes. Vom dritten Satz existieren trotzdem zwei Versionen, weil sich Szekely über die geringe Präsenz der Solovioline im Finale beklagte. Mithin hat Bartok für den dritten Satz eine Alternativfassung zur Verfügung gestellt.

Für das 3. Symphoniekonzert der Saison 2019/20 der Sächsischen Staatskapelle Dresden hatte Omer Meir Wellber für den erkrankten Alan Gilbert das Dirigat übernommen. Als Solist des B-Dur-Bartok-Konzertes war der seit 2004 regelmäßig in Dresden gastierende und uns von seinen Sibelius-Aktivitäten bestens bekannte Grieche Leonidas Kavakos mit seiner wunderbaren Willemotte-Stradivari in den Semperbau gekommen. Geschaffen worden war das außergewöhnliche Instrument 1734, als Antonio Stradivaris Söhne die legendäre Werkstatt in Cremona bereits führten und er sich ob seiner 90 Lebensjahre Zeit zum Experimentieren nahm. Er vergrößerte die Wölbung des Instruments, um mehr Raum im Korpus für Klangproduktion, Farbe und Klangtiefe zu schaffen. Der Klang des Instruments mit seiner Intensität und der darunterliegenden Dunkelheit kombiniert das Beste der Instrumente Stradivaris mit denen der Guarinis. Namensgeber der Geige ist der Amsterdamer Violinist Charles Willemotte, auch stradivari, Wilmotte (1817-1883). Leonidas Kavakos konnte 2017 nach mehreren Anläufen das außergewöhnliche Instrument käuflich erwerben. Vor ihm hatten das Instrument unter anderem der Violinist und Komponist Jean Baptiste Cartier (1765-1841) sowie die deutsche Geigerin Maria Lidka (1914-2013), letztere bis ins hohe Alter, gespielt.

Bela Bartok hat bekanntlich den Interpreten seines Violinkonzertes durch ein engmaschiges Netz von Tempoangaben Begrenzungen auferlegt und sie damit zur Offenbarung ihrer Virtuosität gezwungen. Die Sensibilität für komplexe  Klang- und Gefühlsschattierungen des Leonidas Kavakos kam damit auf das wunderbarste zur Geltung. Die schnellen und virtuosen Passagen des ersten Satzes schaffte er fast schwerelos. Auch die Parallelität des griffigen Hauptthemas mit einer Zwölftonmelodie meisterten Solist und Dirigent sensibel, klangschön und mit Spannung. Im Schlussteil des Kopfsatzes brachte Leonidas Kavakos mit einer bezaubernden Kadenz noch einmal Klang und Volumen-Potenzial der wunderbaren Willemotte auf das prachtvollste zur Geltung.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Leonidas Kavakos und seine "Willemotte" © Marco Borggreve

Sächsische Staatskapelle Dresden / Leonidas Kavakos und seine „Willemotte“ © Marco Borggreve

Dem durch Tempo und Schroffheit geprägtem Kopfsatz folgte ein langsamer Variations-Satz. Kavakos gab dem Orchester eine ruhige wunderschöne Kantilene vor, die in der Folge vom Orchester und der Sologeige mehrfach variiert, die Hörer in die verschiedensten Klangwelten führte. Wie der Held im Märchen erhielt der Solist immer neue Aufgaben vom Orchester und muss Abenteuer überstehen, marschierte aber unentwegt zum Satzende, der Wiederholung des Themas. Es war meisterhaft, wie Wellber und Kavakos diesen schwierigen Satz zur Geltung und damit zu einem Höhepunkt des Abends brachten.

Mit dem Finalsatz, gespielt wurde die überarbeite „Virtuosen-Fassung“, kehrten dann Kavakos und Wellber zur Expressivität des ersten Satzes, aber auch zu dessen Themen zurück. Aber alles, was im Kopfsatz großartig und stolz klang, erhielt hier fratzenhafte, wilde und tänzerische Züge. Das Violinspiel Kavakakos blieb eng mit der Orchesterführung Wellbers verwoben, so dass eine faszinierende Wirkung „aus einem Guss“ entstanden war.

Mit einer Zugabe, offenbar eine Bartok-Komposition glänzten Solist und Violine mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Omer Meir Wellber und die Sächsiche Staatskapelle © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle Dresden / Omer Meir Wellber und die Sächsiche Staatskapelle © Matthias Creutziger

Sergei Prokofjew, 1891 in der Ukraine geboren, hatte nach der Petrograder Aufführung seiner „Klassischen Symphonie“ 1918 die Instabilitäten seiner Heimat hinter sich gelassen und bis 1932 ein unstetes Wanderleben als Pianist und Dirigent in Europa sowie Amerika geführt. Im Herbst 1919 traf er in den USA ehemalige Kommilitonen des Petersburger Konservatorium, die mit einem jüdischen Ensemble tingelten. Diese gaben ihm ein Heft mit hebräischen Themen und baten um die Komposition einer Ouvertüre für ein Sextett. Beim Blättern im Heft und beim Improvisieren am Klavier fügte sich für Prokofjew die Komposition wie von selbst zusammen. Inzwischen existiert diese „Ouvertüre über hebräische Themen op. 34“ in unterschiedlichen Fassungen: für kammermusikalisches Sextett und eben auch für Orchester. Wellber hatte dankenswerterweise für das Konzert eine frühe kammermusikalische Fassung für Klavier, Klarinette und Streicher-Gruppe ausgewählt. Der Israeli Omer Meir Wellber ist mit der Bandbreite an Stilrichtungen innerhalb der Klezmer-Musik bestens vertraut und so ist es nicht verwunderlich, dass seine Prokofjew-Interpretation verwandte Züge bietet. Die Vorgabe des Komponisten „Un poco allegro“ schiebt er zur Seite, gibt das Tempo vom Klavier an und lässt die Musiker frisch und temporeich aufspielen. Das Sextett vervollständigten der 1. Konzertmeister Roland Straumer, der Konzertmeister der 2. Violinen Professor Reinhard Krauß, der Solo-Bratscher Florian Richter, der Solo-Cellist Friedrich Christian Dittmann und der Solo-Klarinettist Wolfgang Große.

Nach öffentlichen Ankündigungen war 1939 als Schostakowitschs 6. Symphonie ein gewaltiges Chor-Werk zu Ehren Lenins erwartet worden. Aber Schostakowitsch legte eine Weiterführung der Gedanken zum Werden der Persönlichkeit und des menschlichen Bewusstseins aus der fünften Symphonie von 1937 vor. Er schließt mit dem ersten Satz der sechsten an das Schluss-Satz-Largo seiner 5. Symphonie an. Grüblerisch führte er den Monolog von 1937 weiter, so als habe er im Vorgängerwerk Gedanken nicht zum Ende gebracht. In dieser Monolog-Weiterführung herrscht aber größere Ruhe, Besonnenheit und Schicksalsergebenheit. Deshalb auch die lange (inoffizielle) Satzbezeichnung „Largo-Poco più mosso e poco rubato-Moderato-Sostenuto-Largo“. Omer Meir Wellber führt in diesem Kopfsatz die Musiker der Staatskapelle ruhig und unaufgeregt, fast schulmäßig, den aufgereihten Tempovorgaben Schostakowitschs entlang und ließ dem Hörer die Gedanken des Komponisten nachzuvollziehen. Den Satz beendeten die Streicher mit einem Flirren und Flimmern, so dass sich die Aussage des ersten Satzes im Ungefähren verlor.

Dafür verwöhnt der Komponist im Allegro mit einer Fülle von Ideen, Klangfarben und Rhythmen zu einem zauberhaften Scherzo, das Wellber mit dem Orchester engagiert und mit sichtbarer Freude zu einem regelrechten Jahrmarktstreiben umsetzte. Im dritten Satz (Presto) mit seiner schlichten  melodischen Klangsprache verschärfte Wellber das Tempo des Orchesters wie einen Galopp, ohne dass die Fröhlichkeit sowie Lebensfreude ins Groteske kippt und beendete mit einem glanzvollen Finale.

Mit frenetischem, zum Teil stehendem, Beifall löste das Publikum seine vom Bartok und Largo aufgebaute Spannung und dankte dem inzwischen recht beliebten Omer Meir Wellber und dem Orchester.

Für mich ergibt sich nach dieser Aufführung die Frage, ob unser derzeitiges, vor allem von Julian Barnes  geprägte Schostakowitsch-Bild, nicht zu düster ist. Denn wie kann ein Mensch eine derart fröhliche Musik gestalten, wenn er sich andererseits gefährdet sah.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, 1548 – Gedenkkonzert zur Gründung, IOCO Kritik, 25.09.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

  Sächsische Staatskapelle Dresden – 471. Gründungstag

Große Feier – Ton Koopmann mit wunderbaren SängerInnen

von Thomas Thielemann

Im doch noch monarchistisch orientierten Dresden wird mit ordentlichem Pomp dem 300. Jahrestag der „Jahrhunderthochzeit“ des sächsischen Kronprinz Friedrich August II., dem Sohn August des Starken, mit der österreichischen Kaisertochter Maria Josepha gedacht. Dresden avancierte im September 1719 zum Treffpunkt des europäischen Adels. Wenn auch die vom Kurfürsten mit der Familienbindung angestrebte politische Allianz nicht recht funktionierte, so blieben doch die kulturellen Wechselwirkungen zwischen dem Wiener und sächsischen Hof umso nachhaltiger.

Wie an jedem 22. September erinnerte die Gesellschaft der Freunde der sächsischen Staatskapelle mit einem Gedenkkonzert an die Gründung der Kurfürstlichen Hofkapelle, der heutigen Sächsischen Staatskapelle Dresden im Jahre 1548. Traditionell werden dabei Kompositionen früherer Kapellmeister oder der Kapelle verbundener Meister gespielt.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Gründungskonzert © Oliver Killig

Sächsische Staatskapelle Dresden / Gründungskonzert © Oliver Killig

Natürlich musste 2019 zum 471. Geburtstag ein Werk aus dem Rahmenprogramm der Hochzeitsfeierlichkeiten gespielt werden. Der von 1717 bis 1729 amtierende Hofkapellmeister Johann David Heinichen (1683-1729) hatte einen La Gara degli dei, einen Wettstreit der Götter, für fünf Gesangsstimmen komponiert. Das Bühnenbild für die Aufführung am 10. September 1719 war bombastisch. Eine riesige Kulisse war am Elbufer errichtet worden und die Götter-Solisten schwebten dank einer Maschine aus einer Wolke über dem Orchester ein.

Unsere Aufführung am 22. September war natürlich spartanisch, aber musikalisch kaum eingeschränkt. Die Partitur des Wettstreits der Götter war für das Geburtstagskonzert aus Kopien der auf Kupferplatten erhaltenen Komposition rekonstruiert worden. Für das Geburtstagskonzert  war der Barockspezialist Ton Koopmann als Dirigent und Cembalist eingeladen worden. Ihm und den Musikern der Staatskapelle standen die amerikanische Sopranistin Robin Johannsen, die kubanische Sopranistin Yetzabel Arias Fernandez, der dänische Altus Maarten Engeltjes, der österreichischer Tenor Mauro Peter und der Schweizer Bariton  Manuel Walser zur Seite.

Die Originalität und Inspiration der Musik, die vor 300 Jahren als avantgardistisch galt, verblüffte doch die Zuhörer im leider nicht ausverkauften Semperbau. Das zweifelsfrei außergewöhnliche und aus den Dresdner Barock herausragende Werk war es wert, entdeckt zu werden. Im zweiten Teil des Konzertes wurde Joseph Haydns (1732-1809) Symphonie Nr. 98 B-Dur aus dem Jahre 1791 gespielt.

Beim anschließenden Empfang wurde der bisherige Direktor der Staatskapelle Jan Nast, einer der Gründerväter der Gesellschaft der Freunde der sächsischen Staatskapelle Dresden, mit den besten Wünschen nach Wien verabschiedet.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Semperoper,  Eröffnungskonzert – Sächsische Staatskapelle Dresden, IOCO Kritik, 04.09.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 Eröffnungskonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden

 Ein Höllenritt mit Yuja Wang und Myung-Whun Chung 

von Thomas Thielemann

Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert d-Moll op. 30 gehört zu den Rekordhaltern berüchtigter Musikstücke. Unspielbar und Elefantenkonzert sind die häufigsten dem Werk angehängten Bezeichnungen. Mit dem Konzert wird ein Niveau der erforderlichen pianistischen Virtuosität erreicht, das in der Folge sinnvoll kaum steigerungsfähig ist. Im Klavierpart hat das Rach. 3 von den großen Klavierkonzerten die meisten Noten pro Sekunde. Unter dem Druck des technisch hochkomplizierten Werkes soll der durch eine schizoaffektive Störung vorgeschädigte  australische Pianist David Helfgott 1970 sogar den Verstand verloren haben. Inzwischen spielt er zwar das Konzert wieder. Mit einem über Helfgotts Comeback gedrehtem Film:„Shine-Der Weg ins Licht“ gelangte  das 3. Klavierkonzert in die Lichtspielhäuser der Welt und damit auch zu breiter Popularität.

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Der sechsunddreißig jährige Pianist Rachmaninow war 1909 zu einer Tournee in die Vereinigten Staaten eingeladen worden. Da sein 2. Klavierkonzert in den USA nur verhalten aufgenommen worden war, er aber auf einen finanziellen Erfolg des Gastspiels angewiesen war, beschloss er, mit einem neuen Konzert anzureisen. Im April 1909 verließ die Familie Dresden und zog sich auf das Familiengut der Rachmaninows Iwanowka zurück. Unter extremen Zeitdruck komponierte er sein d-Moll-Konzert, weil bereits im November Tourneebeginn vertraglich vereinbart war. Am 23. September war die Komposition soweit fertig, so dass der Komponist die Überfahrt nutzen konnte, auf einem stummen Klavier den Solopart des „Konzertes für einen Elefanten“ zu üben. Am 28. November 1909 fand dann in der Carnegie Hall die Uraufführung mit dem Solisten Rachmaninow und dem New York Symphony Orchestra  unter Walter Damrosch statt. Die Kritik bemängelte etwas ratlos, dass dem Konzert Rhythmus und harmonische Kontraste fehle. Erst die Aufführung des Konzertes mit dem New York Philharmonic unter Gustav Mahler  am 16. Januar 1910 brachte, allerdings nach intensiver Probenarbeit des Pianisten Rachmaninow, den Erfolg.

Im ersten Symphoniekonzert der Saison 2019/20  bot Yuja Wang das Konzert mit der Staatskapelle und deren ersten Gastdirigenten  Myung-Whun Chung. Die Pianistin haben wir inzwischen mehrfach als technisch auf höchstem Niveau agierende Virtuosin kennen gelernt. Aber mit philosophischem Tiefgang war sie zumindest mir bisher nicht aufgefallen. Mithin war sie mit ihrer extremen Leichtigkeit des Spieles und ihrer Intensität bei der Bewältigung des oft halsbrecherischen Tempos der Partitur die ideale Interpretin des Virtuosen-Stückes. Auch wenn sich gelegentlich der Eindruck einstellte, dass es sich beim Konzert um Kampfsport handele. Mit ihrer unwahrscheinlichen Technik jagte sie durch die schnellen Passagen des Konzerts und trieb das Orchester vor sich her.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Myung-Whun Chung  begleitete das ungestüme Klavierspiel mit den Musikern der Staatskapelle nuanciert, pünktlich und lebendig. Er rundete so die Interpretation in vollkommener Form ab und verschaffte uns damit einen lebendigen Saisonauftakt.

Im zweiten Konzert-Teil der Saisoneröffnung brachte Myung-Whun Chung mit der Staatskapelle die zweite Sinfonie von Johannes Brahms zu Gehör.

Während sich Johannes Brahms mit seiner ersten Symphonie von, der ersten Planung 1854 bis zur Uraufführung im November 1876, regelrecht herumgeplagt hatte, konzentriert sich, (zumindest nach unserem Wissen über die Arbeit an der zweiten Symphonie), die Entstehung auf das Jahr 1877. Weil Brahms keine Kompositionsskizzen hinterließ, ist die Entstehungsgeschichte nur von Briefen und Äußerungen des Komponisten abzuleiten. Danach entstand die Symphonie vor allem während eines Sommer-Aufenthalts im Juni 1877 in Pörtschach am Wörthersee. Im September begab sich Brahms anschließend, wie seit1865 in jedem Jahr, nach Lichtenthal bei Baden –Baden.

Dort hatte 1862 Clara Schumann ein Haus gekauft, um sich zwischen ihren anstrengenden Konzert-Tourneen, die üblicherweise vom Oktober bis zum Mai dauerten, zu erholen und sich mit ihrer Familie sowie Freunden zu treffen. Für Brahms war im Haus unter dem Dach eine Wohnung mit zwei Zimmern eingerichtet. Nach Berichten der Schumann-Töchter sei Brahms 1877 recht mürrisch gewesen, was auf seine unglückliche Situation in der Hausgemeinschaft zurückgeführt werden könnte. Er gehörte zwar wie selbstverständlich zur Familie, nahm aber keine eindeutige Stellung, weder als Ehemann noch als Sohn, ein. „Wir Kinder hatten Brahms  alle sehr gern, aber wir behandelten ihn wie einen, der eben da ist“, erinnert sich die Tochter Eugenie. Clara und Johannes musizieren zusammen, gehen spazieren und essen gemeinsam, fanden aber nicht mehr zueinander, nach dem sie beide bereits 1856 beschlossen hatten, getrennte Wege zu gehen.

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Am 24. September berichtet Clara Schumann, Brahms habe eine neue Symphonie fertig. Die Uraufführung des Werkes fand am 30. Dezember 1877 in Wien unter der Leitung von Hans Richter statt. Ab dem 10. Januar 1878 ging Brahms mit seiner Schöpfung von Leipzig auf eine erfolgreiche Tournee.

Die Symphonie D-Dur op. 73 wird häufig als heiter, natürlich und pastoral charakterisiert. Tiefere Analysen unterstellen aber Johannes Brahms eine ambivalente Haltung zur Naturpoesie. Er selbst berichtete von melancholischen Stimmungen, so dass der Begriff der „gebrochenen Idylle“ das Werk besser beschreibt. Auch zweifelt man inzwischen an, dass Brahms zunächst die Ecksätze und erst zum Schluss die Mittelsätze komponiert habe.

Intensiv führte Chung die Musiker im gesamten ersten Satz in einem großen Spannungsbogen durch die Partitur. Dabei entstand die Spannung vor allem durch ein ungewöhnlich strikt gleichmäßiges Tempo, ohne die kraftvolle Steigerung in der Durchführung des zweiten Themas zu vernachlässigen. Das Adagio non Troppo begann mit einer wehmütigen klangvollen Kantilene der wunderbaren Violoncelli-Gruppe der Staatskapelle. Chung formte in der Folge die brahmssche Sehnsucht nach etwas Unerreichbaren als eine Naturidylle und bringt dabei die dunklen Farben und grüblerischen Momente auf das Eindrucksvollste zur Geltung.

Mit dem  dritten Satz „Allegro grazioso“ lockert Myung-Whun Chung die Bedeutungsschwere  der beiden ersten Sätze behutsam auf. Mit dem Finale betonte er aber wieder das brahmssche Grübeln und die Tiefsinnigkeit. Der Schluss wurde damit nicht zum Jubel, sondern eher zu einem fiebrigen Ausklang.

Wie schon so oft, begeisterte Myung-Whun Chungs Dirigat mit seiner Detailgenauigkeit, der Präzision und seiner Energie. Er hatte aber offenbar begriffen, dass nach dem Rachmaninow-Feuerwerk die Besucher eher etwas gedämpft waren und schickte sein Publikum mit einem fulminant vorgetragenen  „Ungarischen Tanz“ nach Hause.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

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