Dresden, Sächsische Staatskapelle, 1548 – Gedenkkonzert zur Gründung, IOCO Kritik, 25.09.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

  Sächsische Staatskapelle Dresden – 471. Gründungstag

Große Feier – Ton Koopmann mit wunderbaren SängerInnen

von Thomas Thielemann

Im doch noch monarchistisch orientierten Dresden wird mit ordentlichem Pomp dem 300. Jahrestag der „Jahrhunderthochzeit“ des sächsischen Kronprinz Friedrich August II., dem Sohn August des Starken, mit der österreichischen Kaisertochter Maria Josepha gedacht. Dresden avancierte im September 1719 zum Treffpunkt des europäischen Adels. Wenn auch die vom Kurfürsten mit der Familienbindung angestrebte politische Allianz nicht recht funktionierte, so blieben doch die kulturellen Wechselwirkungen zwischen dem Wiener und sächsischen Hof umso nachhaltiger.

Wie an jedem 22. September erinnerte die Gesellschaft der Freunde der sächsischen Staatskapelle mit einem Gedenkkonzert an die Gründung der Kurfürstlichen Hofkapelle, der heutigen Sächsischen Staatskapelle Dresden im Jahre 1548. Traditionell werden dabei Kompositionen früherer Kapellmeister oder der Kapelle verbundener Meister gespielt.

Sächsische Staatskapelle Dresden / Gründungskonzert © Oliver Killig

Sächsische Staatskapelle Dresden / Gründungskonzert © Oliver Killig

Natürlich musste 2019 zum 471. Geburtstag ein Werk aus dem Rahmenprogramm der Hochzeitsfeierlichkeiten gespielt werden. Der von 1717 bis 1729 amtierende Hofkapellmeister Johann David Heinichen (1683-1729) hatte einen La Gara degli dei, einen Wettstreit der Götter, für fünf Gesangsstimmen komponiert. Das Bühnenbild für die Aufführung am 10. September 1719 war bombastisch. Eine riesige Kulisse war am Elbufer errichtet worden und die Götter-Solisten schwebten dank einer Maschine aus einer Wolke über dem Orchester ein.

Unsere Aufführung am 22. September war natürlich spartanisch, aber musikalisch kaum eingeschränkt. Die Partitur des Wettstreits der Götter war für das Geburtstagskonzert aus Kopien der auf Kupferplatten erhaltenen Komposition rekonstruiert worden. Für das Geburtstagskonzert  war der Barockspezialist Ton Koopmann als Dirigent und Cembalist eingeladen worden. Ihm und den Musikern der Staatskapelle standen die amerikanische Sopranistin Robin Johannsen, die kubanische Sopranistin Yetzabel Arias Fernandez, der dänische Altus Maarten Engeltjes, der österreichischer Tenor Mauro Peter und der Schweizer Bariton  Manuel Walser zur Seite.

Die Originalität und Inspiration der Musik, die vor 300 Jahren als avantgardistisch galt, verblüffte doch die Zuhörer im leider nicht ausverkauften Semperbau. Das zweifelsfrei außergewöhnliche und aus den Dresdner Barock herausragende Werk war es wert, entdeckt zu werden. Im zweiten Teil des Konzertes wurde Joseph Haydns (1732-1809) Symphonie Nr. 98 B-Dur aus dem Jahre 1791 gespielt.

Beim anschließenden Empfang wurde der bisherige Direktor der Staatskapelle Jan Nast, einer der Gründerväter der Gesellschaft der Freunde der sächsischen Staatskapelle Dresden, mit den besten Wünschen nach Wien verabschiedet.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Sächsische Staatskapelle, Camille Saint-Saëns  –  Gustav Mahler, IOCO Kritik, 18.09.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Sächsische Staatskapelle – Sol Gabetta – Daniele Gatti   

Camille Saint-Saëns  –  Gustav Mahler

von Thomas Thielemann

Dem Komponisten Charles Camille Saint-Saëns (1835-1921) sagten Zeitgenossen nach, dass er von keiner Leidenschaft geplagt gewesen sei. Nichts habe die Klarheit seines Verstandes getrübt. Er wäre von Anfällen krankhafter Müdigkeit geplagt gewesen, verfügte aber andererseits über einen wunderlichen Humor und einen kapriziösen Geschmack für Parodien, Burlesken, Possenhaftem. Zugleich trieb ihn eine ruhelose erregte Laune durch die Welt, was ihn zu vielfältigen, zum Teil exotischen Kompositionen anregte, die sein vagabundierendes Denken über Epochen und Landschaften widerspiegelten. Seine Musik zeichnet sich besonders durch handwerkliche Meisterschaft, formale Strenge und Eleganz des Klanglichen aus.

Sächsische Staatskapelle Dresden – 2. Symphoniekonzert 2019/20

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert - hier : Sol Gabetta © Markenfotografie

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert – hier : Sol Gabetta © Markenfotografie

Sein Violoncello-Konzert a-Moll op. 33 von 1872 ist für jeden Solisten ein Paradestück und sehr beliebt. Statt der üblichen dreisätzigen Konzertform strukturierte Saint-Saëns seine Arbeit in einem Satz, der allerdings drei eng verbundene Ideen enthält. Im 2. Symphoniekonzert der Saison 2019/20 spielte die Capell-Virtuosin der laufenden Saison Sol Gabetta das Konzert mit der Staatskapelle Dresden unter der Leitung von Daniele Gatti. Beide haben als Gastmusiker schon des Öfteren im Semperbau mit großem Erfolg musiziert, so dass es keine Berührungsprobleme zu überwinden gab. Auch gehört Sol Gabetta inzwischen mit ihrem virtuosen kraftvollen Spiel und ihrer enormen Bühnenpräsenz zu den eindrucksvollsten Musikerinnen unserer Zeit. Mit einem Lächeln im Gesicht meisterte sie die enorm anspruchsvollen Schwierigkeiten  des Soloparts, insbesondere im letzten Abschnitt des Konzerts. Berückend bot sie auch die Kadenz im Menuett-Mittelteil. Dazu kam der warme Klang ihres Instruments, das 1730 in der Werkstatt des Cello-Spezialisten Matteo Goffriller in Venedig gebaut worden ist.

Das Familiengrab von Camille Saint-Saens in Paris © IOCO

Das Familiengrab von Camille Saint-Saens in Paris © IOCO

Daniele Gatti begnügte sich mit einer dienenden Rolle und ließ die Solistin überwiegend im dramatischen und musikalischen Vordergrund. Er führte die Musiker der Staatskapelle einfühlsam und flexibel, bot so die Gegenmelodien zurückhaltend.

Besondere Begeisterung entfachte die Zugabe der Solistin und des Orchesters mit Gabriel Faurés  „Plays Aprés un rêve“.

Nach der Pause folgte dann Gustav Mahlers fünfte Symphonie. Mit keiner seiner Kompositionen plagte sich Mahler mit der Instrumentierung so, wie bei diesem Werk. Nach den Symphonien zwei, bis vier war das nächste Werk dieser Gattung das erste ohne Einbeziehung der menschlichen Stimme. In den Sommerferien 1901 und 1902 konzipiert, 1903 erstmals instrumentiert, fand die Uraufführung 1904 statt. Die heute dargebotene Instrumentierung ist allerdings eine Mahler-Überarbeitung aus seinem Sterbejahr 1911.

Die Verwendung des Adagietto als Filmmusik in Viscontis  “Tod in Venedig“ hat massiv zur Popularität der Komposition beigetragen, so dass sie heute eine der beliebtesten und am häufigsten aufgeführte Symphonie Mahlers ist. Das Werk ist voll von Themen, Gegenthemen, schnellen Stimmungswechseln und hat einen gewaltigen Dynamikumfang. Gatti gelingt mit den Musikern aber auch ein Spiel mit Weichheit und Transparenz. Hervorragend werden die langen Passagen von den Blechbläsern der Kapelle freigelegt. Bei der Häufigkeit der unterschiedlichen Interpretationen war es für Gatti schwierig, Besonderheiten, die auch seinem Stil entsprechen, in der Darbietung unterzubringen. Die Anklänge an Bachs Polyphonie waren beeindruckend. Der erste Satz wurde an der Grenze des von Mahler gewünschten gemessenen Schrittes gespielt, bevor sein Dirigat Fahrt aufnahm. Der Wirkung des zweiten Satzes bekam, zumindest nach meinem Empfinden, die von Daniele Gatti vorgegeben Tempo- und Intensitätswechsel recht gut.

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert - hier : Daniele Gatti © Markenfotografie

Sächsische Staatskapelle / 2. Symphoniekonzert – hier : Daniele Gatti © Markenfotografie

Das Scherzo, nach des Komponisten Einteilung bereits der II. Abteilung zugehörig, bot Daniele Gatti mit den verblassenden Erinnerungen des Lebens den Abschluss einer Entwicklung. Denn fast plötzlich ist das Adagietto als das Markenzeichen jeder Interpretation und als Ruhebereich von Mahlers „fünfter“ da. Gatti versuchte mit seinem Dirigat die Hörerwartungen gerade zu rücken, um beim Publikum die Kino-Assoziationen aus dem Kopf zu bekommen und so ein Abgleiten in die Liebeserklärung an Alma Schindler zu vermeiden. Dazu nutzte er die melodischen Wendungen an das Rückert-Lied „ Ich bin der Welt abhandengekommen“. Letztlich gestaltete Gatti, von den flexiblen Streichern des Orchesters unterstützt, ein Atemholen vor dem unmittelbar angeschlossenen Finale.

Zunächst finden Dirigent und Staatskapelle fast zögerlich den Bewegungsrhythmus mit seinen rudimentären Motiven. Dann aber ließ Daniele Gatti die Musik Mahlers für sich sprechen und führte zum jubelnden Finale. Frenetischer Beifall des doch recht erschöpften Publikums für das Gebotene.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

Dresden, Semperoper, Premiere Il viaggio a Reims, 28.09.2019

September 16, 2019 by  
Filed under Oper, Pressemeldung, SemperOper

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Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Erste Premiere der Spielzeit 2019/20 am 28. September 2019 – Laura Scozzi seziert europäische Befindlichkeiten

Gioachino Rossinis Oper »Il viaggio a Reims/Die Reise nach Reims« eröffnet am Sonnabend, den 28. September 2019, an der Semperoper Dresden den Premierenreigen der Saison 2019/20.
Eigens für die Krönungsfeierlichkeiten Karl X. schuf Rossini als monarchistisches Auftragswerk seine ungewöhnliche und personell aufwendige Komposition um eine Gruppe von europäischen »Individualreisenden«, deren unerwarteter Reisestopp nach einigen Turbulenzen in einem Nationalitäten umarmenden Fest endet. Zum ersten Mal kommt das 1825 uraufgeführte Werk nun in Dresden zur Aufführung, wo sich das Opernpublikum neben den Leistungen der Koloraturinterpreten auf das »Gran pezzo concertato a 14 voci«, das außerordentliche vierzehnstimmige A-capella-Ensemble, freuen darf. Unter der Musikalischen Leitung von Francesco Lanzilotta begleitet die Sächsische Staatskapelle Dresden das hochkarätige Ensemble unter anderem um Elena Gorshunova, Maria Kataeva und Tuuli Takala sowie Maurizio Muraro, Edgardo Rocha und Georg Zeppenfeld. Der Sächsische Staatsopernchor Dresden verabschiedet sich mit dieser Produktion von seinem langjährigen Chordirektor, Jörn Hinnerk Andresen, der im Oktober dem Ruf einer Professur ans Mozarteum Salzburg folgt.

Bereits 2012 brachte die in Paris lebende italienische Regisseurin Laura Scozzi Rossinis Nationen kolorierendes Dramma giocoso als aberwitziges Euro-Panoptikum auf die Bühne des Nürnberger Staatstheaters. Für die Dresdner Inszenierung folgt sie der Einladung Peter Theilers, diesen Gedanken mit Bezug auf aktuelle europäische Befindlichkeiten weiterzuentwickeln und die sich jeder konkreten Handlung entziehende Charakterstudie einer multikulturellen Reisegesellschaft den aktuellen politischen Strömungen anzupassen. Mit der Inszenierung für die Semperoper Dresden setzt Peter Theiler zu Beginn seiner zweiten Spielzeit als Intendant den Anspruch an ein sowohl der Tradition wie der Moderne verpflichtetes Musiktheater fort, das auf künstlerisch höchstem Niveau zur Auseinandersetzung mit zeitlos aktuellen Gesellschaftsthemen anregt.

Gioachino Rossini »Il viaggio a Reims/Die Reise nach Reims«

Premiere am Sonnabend, 28. September 2019 um 18 Uhr in der Semperoper Dresden.

Weitere Vorstellungen am 3., 6., 9., 20., 25. Oktober und 4. November 2019.

Werkeinführung jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn.

Karten für die Vorstellungen sind an der Schinkelwache am Theaterplatz (T +49 (0)351 4911 705) und online erhältlich. Weitere Informationen unter semperoper.de

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper,  Eröffnungskonzert – Sächsische Staatskapelle Dresden, IOCO Kritik, 04.09.2019

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

 Eröffnungskonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden

 Ein Höllenritt mit Yuja Wang und Myung-Whun Chung 

von Thomas Thielemann

Sergej Rachmaninows 3. Klavierkonzert d-Moll op. 30 gehört zu den Rekordhaltern berüchtigter Musikstücke. Unspielbar und Elefantenkonzert sind die häufigsten dem Werk angehängten Bezeichnungen. Mit dem Konzert wird ein Niveau der erforderlichen pianistischen Virtuosität erreicht, das in der Folge sinnvoll kaum steigerungsfähig ist. Im Klavierpart hat das Rach. 3 von den großen Klavierkonzerten die meisten Noten pro Sekunde. Unter dem Druck des technisch hochkomplizierten Werkes soll der durch eine schizoaffektive Störung vorgeschädigte  australische Pianist David Helfgott 1970 sogar den Verstand verloren haben. Inzwischen spielt er zwar das Konzert wieder. Mit einem über Helfgotts Comeback gedrehtem Film:„Shine-Der Weg ins Licht“ gelangte  das 3. Klavierkonzert in die Lichtspielhäuser der Welt und damit auch zu breiter Popularität.

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Myung-Whun Chung und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Der sechsunddreißig jährige Pianist Rachmaninow war 1909 zu einer Tournee in die Vereinigten Staaten eingeladen worden. Da sein 2. Klavierkonzert in den USA nur verhalten aufgenommen worden war, er aber auf einen finanziellen Erfolg des Gastspiels angewiesen war, beschloss er, mit einem neuen Konzert anzureisen. Im April 1909 verließ die Familie Dresden und zog sich auf das Familiengut der Rachmaninows Iwanowka zurück. Unter extremen Zeitdruck komponierte er sein d-Moll-Konzert, weil bereits im November Tourneebeginn vertraglich vereinbart war. Am 23. September war die Komposition soweit fertig, so dass der Komponist die Überfahrt nutzen konnte, auf einem stummen Klavier den Solopart des „Konzertes für einen Elefanten“ zu üben. Am 28. November 1909 fand dann in der Carnegie Hall die Uraufführung mit dem Solisten Rachmaninow und dem New York Symphony Orchestra  unter Walter Damrosch statt. Die Kritik bemängelte etwas ratlos, dass dem Konzert Rhythmus und harmonische Kontraste fehle. Erst die Aufführung des Konzertes mit dem New York Philharmonic unter Gustav Mahler  am 16. Januar 1910 brachte, allerdings nach intensiver Probenarbeit des Pianisten Rachmaninow, den Erfolg.

Im ersten Symphoniekonzert der Saison 2019/20  bot Yuja Wang das Konzert mit der Staatskapelle und deren ersten Gastdirigenten  Myung-Whun Chung. Die Pianistin haben wir inzwischen mehrfach als technisch auf höchstem Niveau agierende Virtuosin kennen gelernt. Aber mit philosophischem Tiefgang war sie zumindest mir bisher nicht aufgefallen. Mithin war sie mit ihrer extremen Leichtigkeit des Spieles und ihrer Intensität bei der Bewältigung des oft halsbrecherischen Tempos der Partitur die ideale Interpretin des Virtuosen-Stückes. Auch wenn sich gelegentlich der Eindruck einstellte, dass es sich beim Konzert um Kampfsport handele. Mit ihrer unwahrscheinlichen Technik jagte sie durch die schnellen Passagen des Konzerts und trieb das Orchester vor sich her.

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Myung-Whun Chung  begleitete das ungestüme Klavierspiel mit den Musikern der Staatskapelle nuanciert, pünktlich und lebendig. Er rundete so die Interpretation in vollkommener Form ab und verschaffte uns damit einen lebendigen Saisonauftakt.

Im zweiten Konzert-Teil der Saisoneröffnung brachte Myung-Whun Chung mit der Staatskapelle die zweite Sinfonie von Johannes Brahms zu Gehör.

Während sich Johannes Brahms mit seiner ersten Symphonie von, der ersten Planung 1854 bis zur Uraufführung im November 1876, regelrecht herumgeplagt hatte, konzentriert sich, (zumindest nach unserem Wissen über die Arbeit an der zweiten Symphonie), die Entstehung auf das Jahr 1877. Weil Brahms keine Kompositionsskizzen hinterließ, ist die Entstehungsgeschichte nur von Briefen und Äußerungen des Komponisten abzuleiten. Danach entstand die Symphonie vor allem während eines Sommer-Aufenthalts im Juni 1877 in Pörtschach am Wörthersee. Im September begab sich Brahms anschließend, wie seit1865 in jedem Jahr, nach Lichtenthal bei Baden –Baden.

Dort hatte 1862 Clara Schumann ein Haus gekauft, um sich zwischen ihren anstrengenden Konzert-Tourneen, die üblicherweise vom Oktober bis zum Mai dauerten, zu erholen und sich mit ihrer Familie sowie Freunden zu treffen. Für Brahms war im Haus unter dem Dach eine Wohnung mit zwei Zimmern eingerichtet. Nach Berichten der Schumann-Töchter sei Brahms 1877 recht mürrisch gewesen, was auf seine unglückliche Situation in der Hausgemeinschaft zurückgeführt werden könnte. Er gehörte zwar wie selbstverständlich zur Familie, nahm aber keine eindeutige Stellung, weder als Ehemann noch als Sohn, ein. „Wir Kinder hatten Brahms  alle sehr gern, aber wir behandelten ihn wie einen, der eben da ist“, erinnert sich die Tochter Eugenie. Clara und Johannes musizieren zusammen, gehen spazieren und essen gemeinsam, fanden aber nicht mehr zueinander, nach dem sie beide bereits 1856 beschlossen hatten, getrennte Wege zu gehen.

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Staatskapelle Dresden / Pianistin Yuja Wang und die Staatskapelle © Matthias Creutziger

Am 24. September berichtet Clara Schumann, Brahms habe eine neue Symphonie fertig. Die Uraufführung des Werkes fand am 30. Dezember 1877 in Wien unter der Leitung von Hans Richter statt. Ab dem 10. Januar 1878 ging Brahms mit seiner Schöpfung von Leipzig auf eine erfolgreiche Tournee.

Die Symphonie D-Dur op. 73 wird häufig als heiter, natürlich und pastoral charakterisiert. Tiefere Analysen unterstellen aber Johannes Brahms eine ambivalente Haltung zur Naturpoesie. Er selbst berichtete von melancholischen Stimmungen, so dass der Begriff der „gebrochenen Idylle“ das Werk besser beschreibt. Auch zweifelt man inzwischen an, dass Brahms zunächst die Ecksätze und erst zum Schluss die Mittelsätze komponiert habe.

Intensiv führte Chung die Musiker im gesamten ersten Satz in einem großen Spannungsbogen durch die Partitur. Dabei entstand die Spannung vor allem durch ein ungewöhnlich strikt gleichmäßiges Tempo, ohne die kraftvolle Steigerung in der Durchführung des zweiten Themas zu vernachlässigen. Das Adagio non Troppo begann mit einer wehmütigen klangvollen Kantilene der wunderbaren Violoncelli-Gruppe der Staatskapelle. Chung formte in der Folge die brahmssche Sehnsucht nach etwas Unerreichbaren als eine Naturidylle und bringt dabei die dunklen Farben und grüblerischen Momente auf das Eindrucksvollste zur Geltung.

Mit dem  dritten Satz „Allegro grazioso“ lockert Myung-Whun Chung die Bedeutungsschwere  der beiden ersten Sätze behutsam auf. Mit dem Finale betonte er aber wieder das brahmssche Grübeln und die Tiefsinnigkeit. Der Schluss wurde damit nicht zum Jubel, sondern eher zu einem fiebrigen Ausklang.

Wie schon so oft, begeisterte Myung-Whun Chungs Dirigat mit seiner Detailgenauigkeit, der Präzision und seiner Energie. Er hatte aber offenbar begriffen, dass nach dem Rachmaninow-Feuerwerk die Besucher eher etwas gedämpft waren und schickte sein Publikum mit einem fulminant vorgetragenen  „Ungarischen Tanz“ nach Hause.

—| IOCO Kritik Sächsische Staatskapelle Dresden |—

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