London, Royal Opera House, Carmen – Georges Bizet, IOCO Kritik, 29.07.2019

Juli 28, 2019 by  
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 Royal Opera House London ( links hinten die Paul Hamlyn Hall) © Royal Opera House

Royal Opera House London ( links hinten die Paul Hamlyn Hall) © Royal Opera House

Royal Opera House

 Carmen  –   Georges Bizet

Von Viva schreienden Todesmasken umgeben sinkt Carmen nieder …

von Peter M. Peters

Wer ist Carmen – wo kommt sie her? Wenn man sich näher mit ihr beschäftigt,erkennt man die ganze Komplexität der Gestalt. Carmen – lateinisch: Lied, Zauber. Mag sein, doch Carmen ist auch ein ganz üblicher Vorname in Spanien; jedoch etymologisch wird er abgeleitet von …  Virgen del Carmen…  der Jungfrau vom Berge Karmel in Palästina. Der Karmeliten-Orden verinnerlicht diesen Mzthos.. Die religiöse Mystik (Teresa de Avila 1515-1582, Juan de Cruz 1542-1591) und die populären Erzählungen haben über Jahrhunderte geholfen den Mythos Carmen zu verbreitern.

CarmenInsights into the ROH production
youtube Trailer des Rozal Opera House
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Carmen – die nach Freiheit sehnende Frau, Verführerin und Zauberin, ward geboren. Unser Dichter Prosper Mérimée hat in seiner Novelle alle diese Überlieferungen geschickt verarbeitet. Leider sind die Opernlibrettos nicht immer auf der gleichen Höhe wie das Original, und somit hat der australische Regisseur Barrie Kosky die oft seichten und versüßten gesprochenen Dialoge von Henri Meilhac und Ludovic Halévy radikal gestrichen. Dafür wurde der wunderbare Text von Mérimée in Auszügen von einer weiblichen Off-Stimme gelesen und bereicherten im Royal Opera House so Spiel und Darstellung.. Im Einklang mit der genialen Komposition von Georges Bizet, wurde großes Welttheater inszeniert:

Schon in der Ouvertüre zeigt sich eine über die gesamte Bühne verbreitete Treppe; sie wird bis zum Ende das einzige Dekorationsobjekt bleiben. Am Fuße der Treppe erscheint eine Gestalt die mit tänzelnden leichten Schritten auf und ab geht. Carmen in einem Torerokostüm, ist umgeben von wilden, brünstigen Männern, die Stieren gleich wütend und gierig in Angriffsstellung auf sie warten. Es ist eine getanzte wilde Orgie, unterbrochen nur durch Peitschenknalle der männerzähmenden Torerofrau. Das 20. Jahrhundert hat unseren Carmen-Mythos übernommen und erweitert in Form von Frauen-Emanzipation und Frauen-Rechten.

Royal Opera House, / Carmen - hier : Ensemble © Bill Cooper

Royal Opera House, / Carmen – hier : Ensemble © Bill Cooper

Ohne weitere Inhaltsangaben zu Carmen  (jeder Musikfreund kennt das Werk bestens) gehen wir auf den Spuren von Barrie Kosky:  Mit überwältigenden Massenszenen (Chöre und Tänzer) sind wir mitten im Geschehen. Auf der obersten Treppenstufe erscheint eine von Spotlight bestrahlte Schimpansenfigur, die von der Menge frenetisch umjubelt wird; die sich sogleich als Carmen entpuppt. Sie steigt langsam jeden Schritt messend die Treppe herunter und knistert vor Erotik, indem sie ihre weiblichen Reize in dem körpernahen Anzug schwer verbergen kann. Mit..  amour est un oiseau rebelle ...hat sie die Inkarnation vollbracht: Superstar in einer Music-Hall-Show. In unseren Gedanken geht die Verwandlung weiter: Folies Bergère, Ziegfeld Follies, Moulin Rouge, Marlene Dietrich (Blonde Venus), Seeräuber-Jenny ( Dreigroschenoper), Carmen Jones, und…und…

Royal Opera House, / Carmen - Anaïk-Morel als Carmen © Bill-Cooper

Royal Opera House, / Carmen – Anaïk-Morel als Carmen © Bill-Cooper

Der Schwerpunkt dieser Produktion ist die gewaltige Treppe, die einerseits Music-Hall-Atmosphäre und andererseits griechisches Theater inspiriert; dazu Carmen, Escamillo und gewissermaßen Don José. Nicht zu vergessen Chor und Tänzer, die in einem rasantem Tempo mit gewaltigen vulkanartigen Strömen alles mit sich fort- und niederreißen. Wie in der antiken Tragödie wird Rhythmus und Ablauf von ihnen bestimmt, nicht zuletzt wenn am Ende ihre Gesichter von Todesmasken verdeckt werden. Die restlichen Rollen der Oper, einschließlich Micaëla und (auch) Don José werden nicht vergessen aber erscheinen uns unwichtiger.

Royal Opera House / Carmen – hier : Ensemble © Bill Cooper

Don José ist im ROH ein guter gehorsamer Junge, weichlich und schwächlich – immer etwas Muttersöhnchen geblieben; er zeigt nur einmal Kraft und Zorn bei der Tötung seiner Geliebten. Aber auch dort greift er mit seiner Tat nicht direkt in das Geschehen ein; denn Carmen, die Allwissende hat alles vorbestimmt. Der zweite große Superstar Escamillo schreitet wie ein Crooner, man denkt an Frankie-Boy; wenn er gockelhaft die große Treppe hinunterstelzt:… Votre toast, je peux vous le rendre....umgeben von einem Schwarm Torero-Frauen, die ihn gierig ergreifen wollen. Unten erwartet ihn Carmen, in großem Festkleid, übrigens das erste Mal in einem Kleid! Mit Escamillo fühlt sie sich auf gleicher Ebene, das Kräfteverhältnis ist etabliert; so kann sie das Mannweib abstreifen. Gleichzeitig besiegelt sie aber auch ihr eigenes Ende.

Die Musik weist im grossen Finale das Nahen des Todes an! Gleich einer antiken Priesterin schreitet Carmen verhüllt in einem weißen Kleid, mit eine riesigen, treppen-verdeckenden Schleppe die Stufen hinab zum Opferaltar. Eine unnahbare Schöne erwartet den Todesstoß, so wie der stolze Stier in der Arena ..  Voyez! Victoire!...Umgeben von .Viva. schreienden Todesmasken sinkt sie nieder. Vielleicht das Beeindruckendeste der ganzen Show:dieses meisterhafte Pendeln von Barrie Kosky zwischen Mythe und Wahrheit, Tradition und Moderne, Liebe und Tod, Music-Hall und griechischer Tragödie.

Für den Besucher des ROH ist diese Carmen großes zeitloses Lebenstheater. Musikalisch ist  die Partition natürlich nicht angegriffen; alle Nummern sind von der jeweiligen Person nach Anweisung des Komponisten interpretiert; so begeistert, erfasst die gesamte Inszenierung in starkem musikalischen Ausdruck.

Das Solistenensemble hat leider nicht immer überzeugt, jedoch die großen Stars des Abends ueberzeugten: Chöre und Tänzer! Ein Extra-Lob dem Chordirektor William Spaulding und dem Choreographen Otto Pichler, Harmonie und Ausgewogenheit zwischen Choristen, Tänzern und Solisten verband sich nahtlos mit der anspruchsvollen Inszenierung. Desgleichen das Orchester mit Dirigent Christopher Willis, der mit viel Feingefühl  diese verschiedenen Komponente harmonisch in die Produktion einflochtete.

Anaïk Morel, die französische Mezzo-Sopranisten überzeugt als Carmen in allen Registern mit ihrer tiefen samtweichen sensuellen und erotischen Stimme, die nie ins vulgäre abflacht. Gleich in der ersten Habanera:…amour est un oiseau rebelle...zeigt die Stimme diesen unverwechselbaren verführerischen Carmen-Scharm, desgleichen die Seguedille ….Près des remparts de Séville.... In dem Chanson Bohême:  ….Les tringles des sistres…. girrt sie wie ein Paradiesvogel von Lust, Leben und Freiheit.

Royal Opera House / Carmen – hier : Ensemble © Bill Cooper

Der polnische Tenor Arnold Rutkowski hat  Don José gesanglich leider nicht überzeugt, doch vom schauspielerischem brachte er such ideal in die Produktion ein. Vielleicht war er indisponiert, doch an diesem Abend war seine schmale Stimme kein Ohrenschmaus.  Die berühmte Blumenarie ...  La fleur que tu m;avais jetée …fehlte Projektion und Schönheit und die Stimme klang nicht im großen Saal des Royal Opera House. Der Applaus war kaerglich.

Die beste gesangliche Leistung brachte vielleicht die amerikanische Sopranisten Ailyn Pérez als Micaëla mit. Ihr wunderschöner Sopran klang natürlich und geschmeidig, in den Höhen niemals klirrend; keinerlei Effekthascherei wurde bemerkt. Die beiden Szenen... Oui, je parlerai.. und …Sa mère, il la revoit!....mit den  Arien …est des contrebandiers le refuge ordinaire.….und  Mais j;ai beau faire la vaillante. .. sind in atemberaubender Schönheit und Vollkommenheit interpretiert.

Der neu-seeländische Bariton Phillip Rhodes als Escamillo sang mit einer soliden Stimme, liess aber die dazu gehörige Dreistigkeit, Festigkeit und Männlichkeit vermissen. Die wohlbekannte Bravour-Arie  (Air du toréador): ...Votre toast… je peux vous le rendre…  fehlte der nötige Schwung um die großen Schwärme von verliebten Frauen zu begeistern.  Man glaubte ihm nicht! Die anderen Klein-und Nebenrollen sind adäquat besetzt. Hervoryuheben ist Jacquelyn Stucker als Frasquita und Hongni Wu als Mercédès, die zusammen mit Carmen das wunderbare Trio des cartes .. Mêlons! Coupons….; interpretierten.

Regisseur Barrie Kosky, an der Komischen Oper Berlin seit 2012 als erfolgreicher Regisseur und langjaehriger Intendant etabliert, momentanes Enfant terrible der Regie.  Seine Inszenierung der Zauberflöte an der Komischen Oper Berlin wird weltweit gespielt und hat überall Begeisterungsstürme von Presse und Publikum erhalten.

Somit ist dennoch an einem schwülen und seichten Londoner Sommerabend ein   bemerkenswerter und belebender Opernabend zu Ende gegangen.

Royal Opera House  –  Covent Garden

Das geschichtsträchtige  Royal Opera House (ROH) in Covent Garden,  im Zentrum Londons, ergreift seine Besucher durch seine klassisch-barocke Ambiente wie die locker entspannte „englische“ Atmosphäre. 1732 als Theatre Royal eröffnet wurde das Gebäude 1808 und 1856 durch Brände zerstört und wiederaufgebaut. Der heutige, dritte  Bau des ROH wurde 1858 errichtet. Seit 1735 werden hier auch Opern und Oratorien von Georg Friedrich Händel – englisch George Frederick Handel – aufgeführt. Der prunkvolle Innenraum des ROH fasst 2.256 Plätze und beeindruckt durch hervorragende Akustik,  wunderbare Logen sowie einem spektakulären Amphitheater.

Mehr zum Royal Opera House /  folge diesem link HIER

—| IOCO Kritik Royal Opera House |—

Wien, Staatsoper Wien, Europäische Kulturpreisgala 2019, IOCO Aktuell, 14.03.2019

April 25, 2019 by  
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Wiener Staatsoper bei Nacht © IOCO

Wiener Staatsoper bei Nacht © IOCO

Europäischer Kulturpreis

Europäisches Kulturforum

Europäische Kulturpreisgala in Wien – 20.10.2019

 Wiener Staatsoper, Plácido Domingo, Christian Thielemann, René Pape 

In der Wiener Staatsoper, die 2019 ihr 150-jähriges Bestehen feiert, findet am 20. Oktober 2019 die Europäische Kulturpreisgala statt. Dabei treffen sich in Wien die ganz großen Namen der Klassik: von Nina Stemme über Plácido Domingo und Christian Thielemann bis hin zu René Pape.

„Für uns ist es eine große Ehre, dass wir in diesem weltweit renommierten Haus im 150. Jahr seinesBestehens unsere Preise vergeben können“, sagt Bernhard Reeder, Vorstand des Vereins Europäisches Kulturforum und damit Veranstalter dieses außergewöhnlichen Abends. Den Preis erhalten Menschen und Institutionen, deren Visionen und Kreativität beispielhaft das kulturelle Leben in Europa beeinflussen und die dafür sorgen, dass das jahrhundertelange Erbe gepflegt und in die Neuzeit integriert wird.

Erste Preisträgerin: Die Wiener Staatsoper Die Wiener Staatsoper gilt als eines der bedeutendsten Opernhäuser der Welt. Sie bietet – weltweit einmalig – über 300 Vorstellungen von über 60 Opern-und Ballettwerken. Die unverwechselbaren, künstlerischen Eckpfeiler des Hauses sind das fest engagierte Sängerensemble, das Ballett-Ensemble, das Staatsopernorchester (dessen Musiker in Personalunion den Klangkörper der Wiener Philharmoniker bilden), der Chor und das Bühnenorchester.

Wiener Staatsoper © IOCO

Wiener Staatsoper © IOCO

Darüber hinaus gastieren jedes Jahr die wichtigsten Opernstars und bedeutendsten Dirigenten im Haus am Ring. Auf der weltbekannten Bühne treffen sich nun Ausnahmekünstler, die eine ganz eigene Verbindung zueinander und zu dieser hoch geachteten Kulturinstitution haben.

Plácido Domingo: Er gilt als einer der größten lebenden Sänger unserer Zeit: Plácido Domingo gab bereits 1967 sein Debüt an der Wiener Staatsope rund ist seitdem dem Haus eng verbunden. Bei seinen bisher 4.000 Opernvorstellungen, davon über 250 alleine in Wien, brachte er die Anhänger der klassischen Musik zum Jubeln. „Die Stadt und die Staatsoper haben einen festenPlatz in meinem Herzen“, sagt der Ausnahmekünstler, der Österreichischer Kammersänger und Ehrenmitglied des Hauses ist.„Es ist eine Liebesbeziehung.“

Olga Peretyatko, die gefeierte Koloratursopranistin, wird die Laudatio auf Plácido Domingo halten. Dabei steht sie auf derselben Bühne, auf der sie als Gilda in Verdis Rigoletto 2013 ihr Debüt gab und erst im vergangenen Jänner mit der Titelpartie von Lucia di Lammermoor einen Premierenerfolg feierte.

Christian Thielemann: Christian Thielemann zählt zweifellos zu den größten Dirigenten unserer Zeit und stand zuletzt als Dirigent des in über 90 Länder übertragenen Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker 2019 im Scheinwerferlicht der Klassikwelt. Bereits 1987 debütierte er an der Wiener Staatsoper und dirigierte hier wichtige Premieren, mit Plácido Domingo und den Wiener Philharmonikern nahm er Parsifal auf. Christian Thielemann ist Chefdirigent (nicht GMD) der Sächsischen Staatskapelle Dresden und bespielt mit ihr sehr erfolgreich seit 2013 die Salzburger Osterfestspiele. Als Musikdirektor steht Thielemann außerdem den Bayreuther Festspielen vor und begeistert durch seine rauschhaften Dirigate der Werke von Richard Wagner. An der Wiener Staatsoper wird er am 25. Mai 2019, dem Geburtstag des Hauses, die hochkarätig besetzte Premiere von Richard Strauss‘ Die Frau ohne Schatten dirigieren.

René Pape:  Ebenfalls als großer Wagner-Interpret gilt der gebürtige Dresdner und zweifache Grammy-Preisträger René Pape, der sein Debüt an der Wiener Staatsoper bereits 1991 absolvierte. Danebensteht der ehemalige Sänger des Dresdner Kreuzchores auch auf allen anderen großen Bühnen der Welt, schon mit 24 Jahren wurde er ins Ensemble der Berliner Staatsoper engagiert. Seine Interpretationen wichtigerBass-Partien sind bereits jetzt legendär. Am 18.Dezember 2018 wurde er im Anschluss an die Zauberflöten-Vorstellung an der Wiener Staatsoper zum Österreichischen Kammersänger ernannt. „Für mich ist es immer etwas Besonderes, wenn ich in Wien auftreten kann, diesem einmaligen Hort der Kultur“, so René Pape.Das Haus begleitet mich seit vielen Jahren, die Mitarbeiter sind mir sehr vertraut.“

Nina Stemme: Seit Jahren ist die schwedische Sopranistin und Österreichische Kammersängerin Nina Stemme der Wiener Staatsoper eng verbunden. Ihre außergewöhnliche Stimme lässt Kritiker in höchsten Tönen schwärmen, Experten attestieren ihr immer wieder Einzigartigkeit – egal ob in der New Yorker Met, der Mailänder Scala, in der Bayerischen Staatsoper oder dem Londoner Royal Opera House Covent Garden. In der Jubiläumssaison der Wiener Staatsoper wird sie in Richard Strauss‘ hier uraufgeführter Oper Die Frau ohne Schatten ihr Debüt als Färberin geben. Im Oktober 2018 erhieltdie angesehene Wagner-Interpretin den Birgit-Nilsson- Preis, eineder bedeutsamsten Klassik-Auszeichnungen weltweit. Mit Plácido Domingo traf sie an diesem Abend auf einen ihrer größten Förderer. Schon 1993 gewann sie den von ihm begründeten Gesangswettbewerb Operalia. 

—| Pressemeldung Europäischer Kulturpreis |—

London, Royal Opera House, Lohengrin – Richard Wagner, IOCO Kritik, 11.07.2018

 Royal Opera House London und, links hinten die Paul Hamlyn Hall © Royal Opera House

Royal Opera House London und, links hinten die Paul Hamlyn Hall © Royal Opera House

Royal Opera House

Royal Opera House – Covent Garden

Mit Betreten des geschichtsträchtigen  Royal Opera House (ROH) im Zentrum Londons, im Stadtteil Covent Garden ergreift dessen klassisch-barocke Ambiente wie die locker entspannte „englische“ Atmosphäre seiner Besucher. 1732 als Theatre Royal eröffnet wurde das Gebäude 1808 und 1856 durch Brände zerstört und wiederaufgebaut. Der heutige, dritte  Bau des ROH wurde 1858 errichtet. Seit 1735 werden hier auch Opern und Oratorien von Georg Friedrich Händel – englisch George Frederick Handel – aufgeführt. Der prunkvolle Innenraum des ROH fasst 2.256 Plätze und beeindruckt durch hervorragende Akustik,  wunderbare Logen sowie einem spektakulären Amphitheater, welches im 3. Rang des Zuschauerraumes bis unter das Dach steil ansteigt.

Das klassische ROH wurde 1990 um ein modernen Glaspavillon, die Paul Hamlyn Hall, ergänzt; das architektonische Aufeinandertreffen von Historie und lebhafter Moderne wurden prägend für den besonderen Charme des Theatergebäudes. Die mit dem ROH verbundene hochmoderne Stahl-Glas-Konstruktion bietet Besuchern wunderbare Aufenthaltsräume und eine der schönsten Dachterrassen Londons: Ein Besuch wird dringend empfohlen!

Royal Opera House London/ Besucherraum - Auditorium © Rob Moore / ROH

Royal Opera House London/ Besucherraum – Auditorium © Rob Moore / ROH

LOHENGRIN  von  Richard Wagner

– In den Trümmern der Welt –

Von Uschi Reifenberg

Die Welt ist aus den Fugen:  Die Gesellschaft nach einem Krieg schwer traumatisiert, die Menschen sehnen sich nach Orientierung und Stabilität. Das ist die Ausgangslage in der Lohengrin – Neuinszenierung des US-amerikanischen Regisseurs David Alden. Der Bühnenbildner Paul Steinberg hat für diese trostlose Situation im 1. Akt zwei heruntergekommene, doppelstöckige, schräg abfallende Häuserreihen auf die Bühne des Königlichen Opernhauses gestellt, die ihre Position je nach Bedarf verändern und auch dem Chor als Aktionsraum dienen.

Richard Wagner konzipierte den Lohengrin um 1845, in einer Zeit des tiefgreifenden politischen Auf- und Umbruchs. Sein Denken war zum damaligen Zeitpunkt auf einen radikalen Strukturwandel der Gesellschaft ausgerichtet und gipfelte in seiner aktiven Teilnahme als Barrikadenkämpfer bei den Dresdner Maiaufständen 1849. In der romantischen Oper Lohengrin kommt Wagners Utopie einer durch Revolution und Kunst erneuerten demokratischen Welt zum Ausdruck, die auf Erlösung hofft…

Royal Opera House London / Lohengrin - hier: Klaus Florian Vogt als Lohengrin © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier: Klaus Florian Vogt als Lohengrin © Clive Barda

Der Heerrufer des Königs ist ein Kriegsversehrter mit Beinschiene und Kopfverletzung, König Heinrich ein zutiefst verunsicherter Herrscher, der sich an seinen Königsmantel klammert und mit Elsa zusammen zu ihrem vermeintlichen Retter betet. Elsa, gedemütigt und entrechtet, wird in einem Gefängnis unter der Erde gefangen gehalten, mühsam kriecht sie aus ihrem Verließ und singt ihren Traum unter strenger Bewachung von bewaffneten Militärs, die ihr die Augen verbinden und ein Erschießungskommando vorbereiten.

Elsas traumwandlerische Sicherheit im Glauben an ihre Errettung evoziert Lohengrins Ankunft, indem schwarze Flügelschläge von Schwänen auf die Hauswände projiziert werden (Video: Tal Rosner). Diese gleiten auseinander und geben den Blick frei auf Lohengrin, der in gleißend weissem Licht (Licht: Adam Silverman), rückwärts gewandt, den Schwan verabschiedet. Lohengrin erscheint barfuß, engelsgleich, in einem strahlend weißen Anzug (Kostüme: Gideon Davey), verletzlich, ein Schützer, der selbst Schutz sucht, wenn er seinen Kopf in Elsas Schoss birgt.

Lohengrins Anspruch an Elsa, Liebe und Verständnis durch “höchstes Vertrauen“ zu finden, fraglose Akzeptanz seiner „Eigenart“ zu gewinnen sowie Aufnahme in eine Gesellschaft zu finden, in die er als Retter gesandt wurde, manifestiert auch gleichzeitig die Lohengrin Tragödie. Das Frageverbot, der folgende Dialog zwischen Elsa und Lohengrin, ist bei David Alden eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen den Liebenden. Sie sind plötzlich allein mit sich, das restliche Ensemble ist für diesen Moment nicht mehr auf der Bühne. Telramund wird nach seiner Niederlage im Kampf mit Lohengrin an einen Stuhl gefesselt, fortan ist er stigmatisiert durch ein rotes Farbmal auf seiner Stirn. Ein Geächteter, der sich nach und nach immer mehr seiner eigenen schrecklichen Schuld bewusst wird.

Im 2. Akt ist nun die Innenseite der Häuserreihe zu sehen, die durch Balken abgestützt wird.  Ortrud sitzt an einem Schreibtisch und ordnet Aktenunterlagen, eine eiskalte Politikerin, der zur Erreichung ihrer Ziele jedes Mittel recht ist. Telramund, den heftigste Verzweiflung und Gewissensbisse quälen, ist am Ende. Ein labiler Charakter, der von seiner machtgierigen Frau Ortrud hemmungslos manipuliert wird. Hier wird eine Beziehungstragödie von Shakespeareschem Ausmaß gezeigt, wenn Lady Macbeth- Ortrud Telramund verführt und dieser- nicht nur sexuell von ihr abhängig-, sich nur allzu bereitwillig zum Werkzeug ihrer kriminellen Absichten instrumentalisieren lässt. „Der Rache Werk“ singt das Paar in eng umschlungener Umarmung.

Royal Opera House London / Lohengrin - hier : Jennifer Davis als Elsa © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier : Jennifer Davis als Elsa © Clive Barda

Bei Elsas Zug zum Münster gleitet die schiefe Häuserreihe auseinander und es erscheint eine riesige, leuchtend weiße „Reichs-Schwan“ Statue (!), die auf dem Sockel des Leipziger Völkerschlachtdenkmals thront. Elsas Brautkleid senkt sich vom Schnürboden herab und sie ähnelt nun in ihrer weißen Pracht deutlich dem Schwan.

Ein Verweis auf die Schwan Symbolik von Reinheit, Unschuld und Licht, und ebenso ein Hinweis des Regisseurs, wie unreflektiert notleidende Gesellschaften fremde Kultursymbole und -techniken zu übernehmen bereit sind und wie schnell sogenannte Heilsbringer etabliert werden. Das arg strapazierte Nazi-Klischee lässt grüßen.  Elsa wird- gegenüber der Schwan-Statue auf einen kleineren blumenbekränzten Sockel gehoben, der später Telramund und Lohengrin vor den Volksmassen als Rednerpult dient.

Während des Vorspiels zum 3. Akt verirren sich das Brautpaar Elsa und Lohengrin in die vorderen Parkettreihen des Zuschauerraumes und beeilen sich – in freudiger Erwartung der Hochzeitsnacht- wieder auf die Bühne zu kommen. Denn dort wartet ein großes Bett- ebenfalls in klinischem weiß vor ebensolcher Wand. Darüber hängt ein überdimensionales Bild von August von Heckels „Die Ankunft Lohengrins“ aus dem Wohnzimmer von Neuschwanstein.

Man wünschte sich, Elsa und Lohengrin wüssten dies als Fingerzeig zu nutzen, aber vielleicht gerade deshalb steuern sie sehenden Auges in ihr Schicksal. Die sensible und differenziere Personenführung von David Alden ließ in der Brautgemachszene den Dialog zwischen dem Liebespaar zu einem Höhepunkt werden. Telramund bricht bei seinem Anschlag auf Lohengrin durch die geschlossene Wand; ein wunderbares Detail ist, wenn Lohengrin dem toten Telramund die Augen schließt und er plötzlich erkennt, dass nun auch an seinen Händen Blut klebt.

Das letzte Bild des 3. Aktes wird von zahlreichen Flaggen mit  rot-weiß-schwarzen Schwänen eingerahmt, die Militärmaschine kommt in Gang, Soldaten mit Stahlhelmen und mittelalterlichen Speeren versammeln sich in „ Kampfeslust“. Lohengrin geht wie er kam: weiß, barfüßig, einsam. Das Prinzip Hoffnung ist gescheitert, so wie Land, Leute und Liebe. Er beginnt die Gralserzählung zusammengekauert am Boden, in sich gekehrt und vernichtet in der Erkenntnis seines Scheiterns an den unlösbaren Aufgaben. Ein starkes Bild!

Bei Ortruds Triumphgeheul fallen plötzlich alle Flaggen in sich zusammen, aus diesen schält sich der vermisste Gottfried heraus. Er reckt das übergroße Schwert, das er kaum tragen kann in Siegerpose in die Höhe und man ahnt, dass aus diesen Trümmern wohl keine bessere Zukunft erwachsen kann.

Royal Opera House London / Lohengrin - hier : Georg Zeppenfeld als König Heinrich © Clive Barda

Royal Opera House London / Lohengrin – hier : Georg Zeppenfeld als König Heinrich © Clive Barda

Andris Nelsons hinreißendes Dirigat führt Orchester, Chor und Solisten zu Höchstleistungen. Die ätherische A-Dur Sphäre des Vorspiels lässt er in blau- silberner Schönheit leuchten, in fein  abgestuften Schattierungen von zarten piani bis zum überschwänglichen Höhepunkt des Gralsthemas. Mit klar strukturierten Klangschichtungen, idealen Spannungsbögen und austarierter Agogik zelebriert Nelsons das Vorspiel als Tondichtung im Sinne Wagners:  „..in unendlich zarten Linien zeichnet sich mit allmählich wachsender Bestimmtheit die wunderspendende Engelschar ab, die, in ihrer Mitte das heilige Gefäß geleitend, aus lichten Höhen unmerklich sich herabsenkt...“ ( Richard Wagner: Vorspiel zu Lohengrin, 1853)

Mit packendem Zugriff geriet das Vorspiel zum 3. Akt, schwungvoll-ausladend, mit präzisen Posauneneinsätzen und perfekt balancieren Tutti Stellen. Klaus Florian Vogt ist ohne Zweifel die Personifizierung des Lohengrin schlechthin. Seine Stimme und seine Ausstrahlung vereinigen alle Parameter zur idealen Gestaltung des Gralsritters. Sein tragfähiger, klarer Tenor, eine perfekte Diktion, das hell-silberne Timbre sowie seine unforcierte und zu schönster Legatokultur fähigen Phrasierungskunst wie auch die Fähigkeit zu heldisch- dramatischen Ausbrüchen. In seiner Darstellung des Schwanenritters spannt er den Bogen vom unnahbaren Gottwesen bis zum einsamen, Liebe und Anerkennung suchenden Mannes, der an den unabänderlichen Verhältnissen scheitert.

Die junge Jennifer Davis bewährte sich als Einspringerin für Kristine Opolais in ihrer ersten großen Rolle als Elsa in bewundernswerter Weise. Sie besitzt einen sicher geführten, in allen Lagen ausgeglichenen, substanzreichen lyrischen Sopran, der sich im Laufe des Abends mühelos in dramatische Bereiche entwickelt und Zartheit in Dynamik und Darstellung glaubhaft vermittelte.

Die Figur des Telramund ist Thomas Johannes Mayer auf den Leib geschrieben. Der vielseitige Bariton aus Südhessen durchleuchtet die psychologischen Abgründe des Denunzianten bis an die Grenzen und sorgt für Gänsehaut. Mit kernigem, teils stählernem Bariton versucht er seinem Widersacher die Stirn zu bieten und offenbart einen im Kern tief verzweifelten Menschen.

Christine Goerke zeigte nicht nur in ihrer Rollengestaltung als Ortrud eine dämonische Frau mit vielen Gesichtern, auch stimmlich wies ihr Mezzo in den verschiedenen Lagen eine eher inhomogene Klangkultur auf. Ihre tragfähige Tiefe überzeugte mehr als die höheren Lagen, die beiden Spitzentöne im 2. Akt und am Schluss gerieten- trotz oder wegen der Fermaten- leider enttäuschend.

Kostas Smoriginas als Heerrufer liess einen vollen und ausdrucksstarken Bariton hören, allerdings mit einigen mulmigen Vokalen und stellenweiser Textunverständlichkeit. Georg Zeppenfeld, derzeit nicht nur als exemplarischer König Heinrich in der vordersten Liga- veredelte mit balsamischem Wohllaut seines Luxus-Basses die Königsfigur und beglückte mit exzellenter Klarheit und perfekter Rollenidentifikation.

Der Chor des ROH (Leitung: William Spaulding), war überwältigend in Klangentfaltung, Präzision und Textverständlichkeit. Das begeisterte Publikum im ausverkauften Royal Opera House spendete für alle Mitwirkenden nach jedem Akt lautstark Jubelrufe und Bravos. Die Musik und die Bilder blieben noch lange präsent auf dem Weg durch die sommerlich-heißen Londoner Straßen.

—| IOCO Kritik Royal Opera House |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Monumental: Achte Sinfonie von Gustav Mahler, IOCO Kritik, 30.04.2017

April 30, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Gustav Mahlers Achte Sinfonie – Monumental

In der Elbphilharmonie Hamburg

Von Patrik Klein

Eliahu Inbal, das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, der Chor der Hamburgischen Staatsoper, die Hamburger Alsterspatzen, der Chor Latvija und namhafte Solisten tauchen die Elbphilharmonie in ein musikalisches Feuerwerk, optisch unterstützt durch die Lichtskulpturen von „rosalie“

Man nennt sie auch die Sinfonie der Tausend, weil sie oft in allergrößter Besetzung des Orchesters und der Chöre mit mehreren hundert Mitwirkenden zu Gehör gebracht wird. Mit ihrer gigantischen Besetzung und einer schier überbordenden Klangfülle nimmt sie geradezu opernhafte Ausmaße an. In der Elbphilharmonie Hamburg  genügt ein großes, berühmtes Staatsorchester, drei Chöre mit beinahe 200 Mitgliedern, 8 Solistinnen und Solisten, die allesamt Erfahrungen auf Hamburgs Staatsopernbühne haben, ein Mahlerdirigent der Weltspitze (der 80-jährige Israeli Eliahu Inbal, berühmt und mehrfach ausgezeichnet für seine Mahlerinterpretationen auch auf Tonträgern, musste kurzfristig für den erkrankten Kent Nagano einspringen) und eine renommierte Bühnenkünstlerin, um ein Maximum an Wirkung zu erzeugen.

Elbphilharmonie Hamburg / Der 80jährige israelische Dirigent Eliahu Inbal © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Der 80jährige israelische Dirigent Eliahu Inbal © Patrik Klein

 Die Stuttgarter Lichtkünstlerinrosalie„, die schon Wagners Ring bei den Bayreuther Festspielen ins „rechte Licht“ setzte und Hamburgs Staatsopernfassade mit einer Lichtinstallation versah, hat nun dem Konzert noch eine weitere, visuelle Ebene hinzufügt. Nach eineinhalbjähriger Beschäftigung mit dem Thema entwickelte sie ihr Konzept. An sieben von der Decke des Großen Saals der Elbphilharmonie Hamburg hängenden beleuchteten Stelen, die Kirchenfenstern gleichen, inszeniert sie die Kunst-Grenzen des Endlich-Unendlichen. Man kann es verstehen als eine Art ästhetische Reflexion von Mahlers Licht-Ton-Welt. Es sollen höhere Koinzidenzen von Licht- und Musikwelten entstehen. Ein utopischer Präsens „tausend, dann abertausendfach“, von dem man sagen kann: Hamburg leuchtet !

Gustav Mahler Ehrung in der Hamburgischen Staatsoper © IOCO

Gustav Mahler Ehrung in der Hamburgischen Staatsoper © IOCO

Der 1860 in Böhmen geborene Komponist Gustav Mahler war von 1891 bis 1897 erster Kapellmeister am Stadttheater in Hamburg.

Die 8. Sinfonie entstand größtenteils im Sommer des Jahres 1906. Im ersten Halbjahr 1907 wurde sie vollständig orchestriert und ins Reine geschrieben. Bei der Veröffentlichung 1910 versah Mahler das Werk mit einer Widmung an seine Frau Alma. Er spürte bereits im Schaffensprozess die Besonderheit dieser Sinfonie, die er später als sein „wichtigstes Werk“ bezeichnete. „In meiner Sinfonie erscheint das ganze Weltall zu klingen und zu tönen“. Die Niederschrift der enormen Komposition im Sommer 1906 geschah in höchster Arbeitsgeschwindigkeit.  Die Idee, einen mittelalterlichen Hymnus (Das Licht und die Liebe Gottes kommt in die Welt) als Vorlage für die neue Sinfonie zu nehmen, kam Mahler in seinem Feriendomizil am Wörthersee, wo ihm ein katholisches Messbuch in die Hände fiel.

Elbphilharmonie Hamburg / Nahezu 400 Mitwirkende bei Mahlers Achter © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Nahezu 400 Mitwirkende bei Mahlers Achter © Patrik Klein

Der erste und kürzere Teil der Sinfonie vertont einen mittelalterlichen, lateinischen Pfingsthymnus. Beinahe durchgehend wird die musikalische Entwicklung von den Chören und Solisten getragen, weshalb der erste Teil an die Form einer Motette erinnert. Der zweite Teil vertont die über 1000 Jahre jüngere Schlussszene von Goethes Faust Teil 2. Sie stellt wiederum eine Mischform aus Musikdrama, Kantate und Oratorium dar.

Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg in riesiger Besetzung mit 10 Kontrabässen, 6 Harfen, doppelten Schlagwerken, verstärkten Streichern und Blech füllt das Orchesterpodium fast zur Gänze. Es bleibt ein wenig Platz für die 7 Solisten hinter dem Orchester und dem Knabenchor, den man hinter die Bässe platziert hat. Die beiden Chöre befinden sich in den Blöcken hinter dem Orchester. Die achte Solistin, Posaunen und Trompeten erklingen später aus dem mittleren Weinbergrang.

Es beginnt kraftvoll mit dem eröffnenden Veni creator spiritus-Chor, in dem die beiden Hauptthemen und Hauptmotive vorgestellt werden. Nach einem vorbereitenden Orgelton, beginnt der Chor feierlich das erste Hauptthema anzustimmen. Es schließt sich im Imple superna gratia der in Rondoform gehaltene Seitensatz an. Die orchestrale Begleitung ist hier völlig zurückgenommen und es entsteht ein kunstvoller Wechselgesang der Solisten. Die sieben Solisten (Sarah Wegener, Sopran; Jacquelyn Wagner, Sopran; Daniela Sindram, Alt; Dorottya Lang, Alt; Burckhard Fritz, Tenor; Kartal Karagedik, Bariton und Wilhelm Schwinghammer, Bass) haben es heute sehr leicht gegen das Orchester anzukommen, denn der überragende Dirigent Eliahu Inbal dirigiert manchmal fast kammermusikalisch sein riesiges Instrument.

Elbphilharmonie Hamburg / Die Choere bei Mahlers Achter © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Die Choere bei Mahlers Achter © Patrik Klein

Es folgen mit dem Infirma nostri die nächsten vier Einzelsätze. Diese münden in eine mächtige Doppelfuge  („Entzünde das Licht in uns, gieß Liebe in die Herzen ein“). Mahler bezeichnete das Motiv als „Brücke zum Faust“. Im „Gerettet ist das edle Glied“ des Faust-Teils kehrt dieses Motiv zurück und schafft damit auch eine inhaltliche Verbindung von Licht und Erlösung aus Liebe. Diese Doppelfuge stellt deshalb ein inhaltliches Zentrum des Werkes dar. Sie ist in höchster Virtuosität und mitreißender Dynamik gestaltet. Das Blech trumpft mächtig auf, die Flöten flirren, die Streicherklänge fließen sanft. Im Block S sitzend empfindet man eine perfekte Klangmischung. Man nimmt Feinheiten wahr, die in üblichen Konzerten in halligen Kirchen zu einem üblen Klangbrei führen, der alles überdeckt. Die Solisten sind deutlich zu hören, die Chöre klingen textverständlich und präzise. Inbal bringt alles Musikalische in eine unerhörte, überragende Balance.

Das Gloria sit patri (Ehre sei dem Vater) stellt den Abschluss des ersten Teils der Sinfonie dar. Darin bedeutet es das triumphale Ende des Pfingsthymnus. Alle bisherigen Themen und Motive werden hier parallel verarbeitet. Der Knabenchor der Hamburger Alsterspatzen (Chorleiter Jürgen Luhn) übernimmt die Rolle des feststehenden Gesangsthemas, während die beiden Chöre (Staatsopernchor Hamburg unter der Leitung von Eberhard Friedrich und der Staatschor Latvija unter der Leitung von Maris Sirmais) eine Art Gegengesang beisteuern. Die letzten Takte führen zu einer enormen Schlusssteigerung und münden in einem achttaktigen Schlussakkord ungekannten Glanzes. Sieben Posaunen und Trompeten erklingen aus dem mittleren Weinbergrang zum fulminanten Ende des ersten Teils. Es liegt eine ungeheure Spannung im Großen Saal.

Elbphilharmonie Hamburg / Probenfoto aus der Sicht der Solisten © Kartal Karagedik

Elbphilharmonie Hamburg / Probenfoto aus der Sicht der Solisten © Kartal Karagedik

Den Beginn des zweiten Teils bildet die längste rein instrumentale Passage der ganzen Sinfonie. Das Adagio beginnt mit einigen bedrohlichen und unsicheren Pizzicati der tiefen Streicher, worauf in den Holzbläsern in geheimnisvoller und mystischer Stimmung ein erstes Thema entsteht. Nachdem es sich entfaltet hat, folgt ein ergreifender und choralähnlicher Gesang der Streicher und Bläser. Es verbinden sich diese beiden thematischen Elemente immer enger miteinander. Der Höhepunkt dieser Entwicklung ist ein dramatischer Ausbruch der Thematik in den Blechbläsern zu erregten Tremoli der Streicher. Dann beruhigt sich das Geschehen, und das Adagio schließt pianissimo.

Der folgende kurze scherzohafte Abschnitt Piu mosso ist der zweite rein instrumentale Abschnitt der Sinfonie. Das bewegte Hauptmotiv bricht jäh aus der Ruhe des verklingenden Adagios hervor. In der Folge erklingen die beiden Hauptthemen, welche im Adagio vorgestellt wurden. Sie erscheinen sowohl in leichterer Scherzoform als auch dramatisch gesteigert. Attacca geht es in den dritten Abschnitt des zweiten Teils der Sinfonie über.

Der Chor zu Waldung schwanket heran stellt, nach der rein instrumentellen Eröffnung, den ersten Abschnitt mit vokaler Begleitung im Faust-Teil der Sinfonie dar. Hier findet eindrücklich dargestellt die lokale Beschreibung von Wald und Fels der letzten Szenen im Faust statt. Die Chöre klingen getragen, rhythmisch präzise und textverständlich.

Es folgen die kurze und ergreifende Bariton-Arie Ewiger Wonnebrand des Pater Ecstaticus und die Arie Wie Felsenabgrund mir zu Füßen des Pater Profundus. Kartal Karagedik mit berührendem, warmherzigen Bariton kann die Töne schön fließen lassen und die Stimme kommt in der klaren Akustik der Elbphilharmonie angenehm zur Geltung. Der aus München stammende Bass des Wilhelm Schwinghammer, mittlerweile von der Hamburger Opernbühne kaum wegzudenken, kommt mit wuchtiger Stimme und ausdrucksvollem sonoren Klang daher. Textverständlich mit schönster Schwärze kommt er mühelos in den höchsten Bereich seines Stimmumfangs.

Elbphilharmonie Hamburg / Eliahu Inbal und Solisten © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Eliahu Inbal und Solisten © Patrik Klein

Aus dem Liebesthema entwickelt sich der inhaltlich zentrale Chor-Abschnitt Gerettet ist das edle Glied. Mahler schafft damit eine inhaltliche Verbindung von Licht und Erlösung aus Liebe. Das Thema taucht hier in Scherzandoform auf und etabliert sich als Liebes-Thema für den Faust-Teil der Sinfonie. Mahler interpretiert Fausts Rettung durch die Engel folglich als Akt der Liebe. Im feierlichen Gesang der Chöre wird der erhebende Textabschnitt unter größter Feierlichkeit musikalisch umgesetzt.

Der Chor Jene Rosen aus den Händen schließt sich attacca an den vorhergehenden Abschnitt an. In schwebender Dynamik unter zurückgenommener und unbeschwerter Orchesterbegleitung erklingt der Gesang der jüngeren Engel. Zum Ende des Textabschnittes bricht unter größtem Jubel das Thema der Liebe wieder hervor. Ein Ritardando führt zum Chor Uns bleibt ein Erdenrest der vollendeten Engel. Zum Gesang der Engel, dargestellt durch einen zurückhaltend agierenden Chor, erklingt das virtuose Spiel der Solovioline. Im Textabschnitt „Kein Engel trennte geeinte Zwienatur“ übernimmt die Altstimme von Daniela Sindram. Sie läßt ihre wunderbar warme Stimme mit einem sehr schönen abgedunkelten Timbre erklingen.

Es folgt erneut der Chor der jüngeren Engel mit dem Textabschnitt Ich spür soeben nebelnd um Felsenhöh. Der Gesang beginnt in feierlich gelöster Stimmung. Der Solotenor als Doctor Marianus tritt kurz darauf zum Engelschor hinzu. Der gebürtige Hamburger Burkhard Fritz, der heute zu den gefragtesten jugendlichen Heldentenören zählt, singt sicher in Intonation und Dynamik die schweren Solostellen. Die Musik erfährt hierdurch eine zunehmende Spannung, sowie eine leichte Steigerung des Tempos. Attacca folgt die Soloarie Höchste Herrscherin der Welt. Die Arie wirkt hymnisch verklärt, zu glanzvoller Begleitung der Streicher. Es entwickelt sich ein kunstvoller Wechselgesang zwischen Tenor, Chor und Solovioline von größter Erhabenheit.

Zu famos gespielten zarten Klängen der von den 6 Harfen begleiteten Streicher entwickelt sich der Chorgesang zum Textabschnitt Dir der Unberührbaren. Es folgt nahtlos der Chor der Büßerinnen, welcher mit zartem Gesang die Gnade und somit die Liebe hervorhebt. Die hier entwickelte Melodie der Büßerinnen durchzieht auch die folgenden Abschnitte. Jacquelyn Wagner, die amerikanische, international gefragte Sopranistin, die als Gräfin bereits in Le Nozze di Figaro auf Hamburgs Opernbühne stand, singt mühelos mit wunderschönem Legato und berührendem Ausdruck.

Inhaltlich direkt an den Chor der Büßerinnen anschließend folgt die Sopranarie der Magna Peccatrix (Große Sünderin). Auch hier wartet ein äußerst angenehmer Sopran auf. Sarah Wegener, die britisch-deutsche Sängerin, die bereits an der Deutschen Oper Berlin und dem Royal Opera House London debutiert hat, kommt mit weicher, schön fließender und leicht dunkel gefärbter Stimme daher. Die Arie Bei der Liebe die den Füßen wandelt sich schnell zum durchkomponierten musikdramatischen Abschluß der vorherigen Abschnitte. Erneut taucht das Liebesthema in verarbeiteter Form auf. Zu den beiden Sopranistinnen gesellt sich der Alt von Dorottya Lang. Die aus Ungarn stammende Sängerin ist im Ensemble der Hamburgischen Staatsoper und hat dort u.a. als Hänsel, Cherubino und Angelina auf der Bühne gestanden. Zusammen stimmen die drei Damen zum Abschluß dieses Kapitels ein herrliches Terzett an.

 Elbphilharmonie Hamburg / Die Solisten bei Mahlers Achter © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / Die Solisten bei Mahlers Achter © Patrik Klein

Die Arie Neige du Ohnegleiche ist eine unter der zarten Orchesterbegleitung der vorigen Büßerinnen-Abschnitte weiterlaufende Sopranarie des Gretchens, der zentralen weiblichen Figur aus dem ersten Teil des Faust (Jacquelyn Wagner).

Es schließt sich der Chor der seligen Knaben zum Textabschnitt Er überwächst uns schon an. Zu nahezu mediterran klingender Orchesterbegleitung erklingen die ersten Textzeilen zu einer ins Unbeschwerte veränderten Melodie der Büßerinnen. Es schließt sich direkt ein arienartiger Abschnitt Gretchens an. In der Orchesterbegleitung des kunstvollen Sologesangs setzt sich das Liebesthema durch. Nach großartiger Steigerung zur Textzeile „Noch blendet ihn der neue Tag“ setzt ein musikalischer Ruhepunkt ein, welcher den folgenden Auftritt der Mater gloriosa einläutet.

Der Abschnitt Komm hebe dich zu höheren Sphären stellt den verklärten Auftritt der Mater gloriosa dar. Das dominierende Liebesthema scheint wie ein Licht auf die verklärt wirkende Szene. Hier hat der dritte Sopran der Heather Engebretson seine große Wirkung. Das Ensemblemitglied der Hamburgischen Staatsoper singt aus dem Weinbergrang, von dort wo zum Ende des ersten Teils die zusätzlichen Bläser postiert waren, ihre kurze Arie. Ihr warmer, hell klingender Sopran entfaltet dabei eine imponierende Wirkung, die durch die Zurücknahme des Orchesters durch den großartigen Dirigenten des Abends nochmals unterstrichen wird.

Der vorletzte Abschnitt der Sinfonie ist die Chor-Arie Blicket auf. Der Tenor Doctor Marianus (wieder sehr schön gesungen von Burkhard Fritz) intoniert den erhabenen Gesang zunächst mit einem feierlichen Dreiklangmotiv, welches später vom Chor übernommen wird. Die Übernahme des Motivs durch die Blechbläser bewirkt eine choralartige Überhöhung. Der musikalische Charakter ist durchweg von verhaltener Feierlichkeit unter größter Erhabenheit gekennzeichnet. Das rein instrumentale Ende des Abschnittes verklingt schließlich pianissimo.

Leisest beginnt der große Abschlusschor Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis. „Das Unzulängliche, hier wirds Ereignis; Das Unbeschreibliche, hier wirds getan; Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ Der Chorgesang beginnt höchst verhalten und feierlich-mystisch.  Thematisch greift Mahler hier einige Motive der ganzen Sinfonie auf, der Hauptgedanke ist wiederum aus dem Liebesthema entwickelt. Der Abschnitt stellt eine großartige musikalische Steigerung dar. Dynamisch steigert Mahler das musikalische Geschehen unter immer weiterer Hinzunahme von Solisten und Chören bis zum Tutti. Zu einem feierlichen Orgelakkord beginnt der Chor den Text erneut vorzutragen. Triumphal tritt das Liebesthema in der Begleitung ein letztes Mal direkt in Erscheinung. Die Sinfonie strebt ihrem mitreißenden Ende entgegen. Die Steigerung des variierten Liebes-Themas stellt das jubelnde Ende des „Opus Summum “ Mahlers dar. Die Farbenpracht der sieben von rosalie entwickelten Lichtstelen entwickelt sich zum Maximum.

Ein ganz kurzer Nachhall, andächtige Stille und großer Jubel des Publikums.

Eliahu Inbal hat die Konzerte gerettet. In nur drei Tagen hat er eine Aufgabe übernommen, die nur von einem äußerst erfahrenen Routinier und Weltklassedirigenten geleistet werden kann. Und was das Publikum zu hören bekam war noch viel, viel mehr. Mahlers Achte Sinfonie ist in Konzerthallen und Kirchen so leicht zu einem riesigen, langweiligen Klangbrei anzurühren, von dem am heutigen Abend bei Weitem nicht die Rede sein konnte. Ganz im Gegenteil. Mit wunderschöner Leichtigkeit und Transparenz dirigiert er das monumentale Werk. Gerade die leisen Stellen versteht er meisterhaft darzustellen. Es klingt fast kammermusikalisch bis in die kleinste Faser dieses umwerfenden musikalischen Werkes. Mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg, drei hervorragenden Chören aus Hamburg und Lettland und 8 wunderbaren Solisten mit farbenuntermalender Lichtgestaltung durch „rosalie“ ist es ein denkwürdiges Ereignis geworden.

Elbphilharmonie Hamburg / Lichtskulptur in der Elphi © Wolf Dieter Gericke

Elbphilharmonie Hamburg / Lichtskulptur in der Elphi © Wolf Dieter Gericke

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