Wien, Neue Oper Wien, MuseumsQuartier, Angels in America – Peter Eötvös, IOCO Kritik, 10.10.2019

Oktober 10, 2019 by  
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Neue Oper Wien

Museumsquartier Wien © Marcus Haimerl

Museumsquartier Wien © Marcus Haimerl

Angels in America  –  Peter Eötvös

– Endzeitängste begegnen den Bürger eines Landes –

von Marcus Haimerl

Mit der österreichischen Erstaufführung von Peter Eötvös´ Oper Angels in America nach dem 1991 uraufgeführten Theaterstück von Tony Kushner bleibt die Neue Oper Wien ihrem Prinzip treu, Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert aufzuführen und damit eine Lücke in der Wiener Kulturlandschaft zu schließen.

Tony Kushners mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnetes Stück beschäftigt sich mit dem Amerika der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts und drückt die Endzeitängste einer Nation im Angesicht der Aids-Epidemie sowie der politischen und ökologischen Bedrohungen (Ozonloch, Reaktorkatastrophe von Tschernobyl) und der gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit aus. Dazu Tony Kushner, 1992: „Aids zeigt uns die Grenzen der Toleranz (…) und, dass unterhalb der Toleranz ein intensiver, leidenschaftlicher Hass liegt.“

Anders als in Kushners Stück, wird in Eötvös´ Oper Angels of America der politischen Ära der Präsidentschaft Ronald Reagans weniger Platz eingeräumt.

 Museumsquartier Wien / Angels in America - hier : Caroline Melzer als Engel von Amerika © Armin Bardel

Museumsquartier Wien / Angels in America – hier : Caroline Melzer als Engel von Amerika © Armin Bardel

Dazu schreibt Peter Eötvös über seine Komposition: „Halluzination und Realität gehen in diesem Stück nahtlos ineinander über. In der Opernversion lege ich weniger Akzent auf die politische Linie als Kushner, vielmehr konzentriere ich mich auf die leidenschaftlichen Beziehungen, auf die hochdramatische Spannung des wunderbaren Textes, auf den permanent schwebenden Zustand der Visionen.“

Tony Kushners zweiteiliges Theaterstück (Teil 1 Millenium Approaches und Teil 2 Perestroika) mit einer Gesamtspielzeit von knapp 7 ½ Stunden wurde von Mari Mezei, Ehefrau und kreative Partnerin von Peter Eötvös, in ein knapp dreistündiges Libretto zusammengefasst. Das Stück wurde für acht Schauspieler geschrieben, die zwei oder mehrere Rollen übernehmen, was von der Librettistin beibehalten wurde. Anders als beispielsweise Peter Eötvös Oper „Tri sestri“, die am aktuellen Spielplan der Wiener Staatsoper steht, integriert Eötvös in Angels in America Jazz-, Rock- und Musicalelemente im Zusammenklang mit Alltagsgeräuschen, aus denen sich viele Formen des Gesangs ergeben: Von freiem Sprechen bis hin zu opernhaften Koloraturgesängen.

Die Handlung spielt in New York und beginnt im Oktober 1985, sie endet mit dem Epilog im Januar 1990. Prior Walter gesteht seinem Lebensgefährten Louis Ironson nach der jüdischen Trauerfeier von Louis Großmutter, an Aids erkrankt zu sein. Louis verlässt ihn. Im Krankenhaus kümmert sich der Transvestit Belize um Prior, der zunehmend den Bezug zur Realität verliert. Er erhält in Visionen Besuch von einem Engel, der ihn als Propheten anspricht und ihn mit den „großen Werk“ der Rettung der Erde beauftragen will, denn Gott habe die Engel und den Himmel schon lange verlassen. Harper und ihr Ehemann, der mormonische Rechtsanwalt Joe Pitt, entfremden sich zunehmend. Joe entdeckt seine Homosexualität und verbirgt dies seiner Frau gegenüber, offenbart sich aber seiner Mutter Hannah, die das als strenggläubige Mormonin nicht akzeptieren kann und umgehend nach New York reist, um ihren Sohn wieder auf den rechten Weg zu führen. Auf der Suche nach anonymen Sexkontakten im Central Park trifft Joe auf Louis, mit dem er auch später zusammenziehen wird. Harper, von Valium abhängig, spaziert mit dem von ihr imaginierten Reiseagenten Mr. Lies durch die Straßen Brooklyns und glaubt, in der Antarktis zu sein. Joe arbeitet für den Rechtsanwalt Roy Cohn, einen der beiden historischen Figuren des Dramas. Roy Cohn, ein vehementer Schwulenhasser, der mit Männern schläft, erfährt von seinem Arzt, er habe Aids. Cohn beharrt jedoch darauf, nicht schwul zu sein und an Leberkrebs erkrankt zu sein. Seinen Aids-Tod begleitet ein besonderer Racheengel: Ethel Rosenberg, die zweite historische Figur dieses Dramas, die er 1953 als Staatsanwalt mit falscher Anklage auf den elektrischen Stuhl gebracht hatte. Priors Engelsvisionen gipfeln in einem Treffen mit den Engeln, die im Himmel Radioberichte über die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl verfolgen. Prior lehnt es ab, das „große Werk“ fortzusetzen, er möchte vielmehr nur gesegnet werden und mehr Zeit bekommen. Er legt das Buch des Propheten nieder und kehrt zu Erde zurück. Fünf Jahre später treffen er, Louis, Belize und Hannah sich am Bethseda-Brunnen im New Yorker Central Park wieder.

Das Bühnenbild von Nikolaus Webern (der auch die Kostüme schuf) zeigt auf drei Seiten die New Yorker Skyline, der Hintergrund dient dabei aber auch für Projektionen, von der amerikanischen Flagge, über den Central Park bis hin zur ersten Erscheinung von Ethel Rosenberg. Der Bühnenboden bleibt während des ganzen Stücks schneebedeckt.

Der deutsche Regisseur Matthias Oldag sorgt mit seiner packenden und zutiefst berührenden Regiearbeit auch für rasche Szenenwechsel durch schnell hereingeschobene Requisiten: ein Schreibtisch für den machthungrigen Roy Cohn, einen Schminktisch für Harper und Prior, eine Parkbank für heimliche Treffen im Central Park zwischen Joseph und Louis oder des Krankenbettes in dem Prior seine Visionen durchlebt und Roy Cohn stirbt.

MuseumsQuartier Wien / Angels in America - hier : I Savchenko T Severloh © Armin Bardel

MuseumsQuartier Wien / Angels in America – hier : I Savchenko T Severloh © Armin Bardel

Großartig auch die musikalische Seite. David Adam Moore ist ein eindringlicher Prior Walter mit wunderbar sonorem Bariton und berührendem Spiel. Franz Gürtelschmied verleiht mit der Strahlkraft seines wohlklingenden Tenors der Figur des Louis Ironson Tiefgang und überzeugt als innerlich Zerrissener. Bewegend Sophie Rennert als agoraphobische und Valium abhängige Harper Pitt (auch als Ethel Rosenberg) mit wunderschönem Mezzosopran. Intensiv auch Bariton Wolfgang Resch als zwischen Ehefrau, Glauben, politischer Überzeugung und Homosexualität hin- und hergerissener Joseph Pitt. Imponierend der gebürtige Australier Karl Huml, der mit dröhnendem Bass der Figur des Roy Cohn Stimme verleiht. Eine Höchstleistung von Caroline Melzer als Engel von Amerika, die mit himmlischen Koloraturen zutiefst zu beeindrucken vermag. Inna Savchenko überzeugt nicht nur als Joe’s Mutter Hannah, sondern beweist auch ihre Vielseitigkeit als Rabbi Chemelwitz mit ihrem vollen, warmen Mezzosopran. Eine hervorragende Leistung auch vom deutschen Countertenor Tim Severloh als Belize (oder auch als Mr. Lies), sowie dem im Orchestergraben agierenden Vokaltrios Momoko Nakajima (Sopran), Johanna Zachhuber (Alt) und Jorge Alberto Martinez (Bassbariton).

Das amadeus-ensemble-wien unter der Leitung von Walter Kobéra leistet Großartiges zwischen Untermalung und intensivsten musikalischen Höhepunkten.

Jubel und verdienter, langanhaltender Applaus in Beisein des Komponisten zeugen von einem erneuten Erfolg der Neuen Oper Wien, der es gemeinsam mit Peter Eötvös und Mari Mezei gelungen ist, dem Publikum ein Gefühl von Tony Kushners Meisterwerk zu vermitteln.

—| IOCO Kritik Neue Oper Wien |—

Karlsruhe, Badisches Staatstheater Karlsruhe, 07.07.2012

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Badisches Staatstheater Karlsruhe

Badisches Staatstheater Karlsruhe © Jochen Klenk

Badisches Staatstheater Karlsruhe © Jochen Klenk

Premiere WALLENBERG

Oper von Erkki-Sven Tüür
Libretto von Lutz Hübner

Premiere 7.7.12  19.30  GROSSES HAUS

ML Johannes Willig  R Tobias Kratzer  B & K Rainer Sellmaier C Ulrich Wagner D Bernd Feuchtner

Mit Tobias Schabel a. G. (Wallenberg), Renatus Meszar a. G. (Eichmann), Matthias Wohlbrecht (Wallenberg zwei), Ks. Edward Gauntt (Deutscher Offizier / Ronald Reagan), Stefanie Schaefer (Erste Überlebende / 1. Gerettete), Max Friedrich Schäffer (Zweiter Überlebender / 2. Geretteter), Florian Kontschak (Dritter Überlebender / 3. Geretteter), Ks. Klaus Schneider (Erster Gast / Jakob Wallenberg), Lucas Harbour (Zweiter Gast / Amerikanischer General), Andrew Finden (Dritter Gast / Amerikanischer Soldat), Ks. Tiny Peters (Erster Diplomat), Christina Bock (Zweiter Diplomat), Sarah Alexandra Hudarew (Dritter Diplomat), Rebecca Raffell (Eine Dame), Ina Schlingensiepen (Die Frau), Doru Cepreaga (Erster Russischer Offizier), Ks. Johannes Eidloth (Zweiter Russischer Offizier), Marcelo Angulo / Wolfram Krohn / Andreas Netzner (Drei Gulaghäftlinge)

Badischer Staatsopernchor, Statisterie des STAATSTHEATERS KARLSRUHE, BADISCHE STAATSKAPELLE

Raoul Wallenberg hatte sich eigentlich einen Posten an der Spitze des Familienkonzerns erträumt, doch plötzlich fand er sich in Ungarn als Diplomat wieder, der die Ermordung der Juden verhindern sollte. Die Rote Armee rückte bereits näher, und Adolf Eichmann versuchte so viele jüdische Ungarn wie möglich noch rasch der Vernichtung zuzuführen – eine schreckliche Lage für Wallenberg, der durch die Ausgabe schwedischer Schutzpässe der Vernichtungsmaschinerie Einhalt zu gebieten versuchte.

Vom ersten Moment an regiert in der Oper Wallenberg von Erkki-Sven Tüür daher ein enormer Druck – der Wettlauf gegen die Zeit. Zudem gewinnt die Handlung mehr und mehr groteske Züge. Nicht nur, dass die Situation, in der Wallenberg sich plötzlich wiederfand, an Absurdität kaum zu übertreffen war. Er erlitt auch selbst ein groteskes Schicksal: Nach der Befreiung von Budapest nahm ihn die Rote Armee mit nach Moskau und warf ihn dort in den Kerker. Nach 1947 verliert sich dort seine Spur – bis auf den heutigen Tag ist sein Tod ungeklärt.

Damit wurde der in Ungarn als Held verehrte Wallenberg aber zum Spielball im Kalten Krieg. Die Amerikaner verliehen ihm die Ehrenstaatsbürgerschaft, und Ronald Reagan benutzte ihn als Instrument gegen Breschnew. Tüürs Oper thematisiert auch diesen tragischen Aspekt: Während im Westen sein Popanz strahlt, geht der reale Mensch Wallenberg unter im Gefängnis oder im Gulag.

Der estnische Komponist Erkki-Sven Tüür begann seine Musikerlaufbahn als populärer Rockmusiker, was in seiner Oper im Hintergrund spürbar bleibt. Arvo Pärts Minimalismus hat ihn auch nicht unberührt gelassen. Er war in den 1980er Jahren Mitglied in der erfolgreichen estnischen Rockband „In Spe“ und studierte in Karlsruhe Elektronische Musik. Im 5. Sinfoniekonzert hat die BADISCHE STAATSKAPELLE bereits ein Orchesterwerk von Tüür vorgestellt. Unser Kapellmeister Johannes Willig setzt sich nachhaltig für Tüürs eigenwilligen Ton ein.

Die Inszenierung dieser Oper, die sich mit dem heiklen Thema auf durchaus unkonventionelle Weise auseinandersetzt, wurde dem Regisseur Tobias Kratzer und dem Ausstatter Rainer Sellmaier anvertraut. Beide hatten bravourös alle Preise beim RING Award 2008 gewonnen, dem renommierten Wettbewerb für junge Opernregieteams. Sie arbeiten an der Grazer und Leipziger Oper ebenso wie am Bremer Theater und bei den Schwetzinger Festspielen und haben dabei stets durch ihre außergewöhnlichen Ideen für Aufsehen gesorgt. In der Zeitschrift „Die Deutsche Bühne“ nahmen sie an dem Redaktions-Gespräch zum Thema „Politisches Musiktheater“ teil (abgedruckt im April-Heft 2012).

—| Pressemeldung Badisches Staatstheater Karlsruhe |—