Stuttgart, Stuttgarter Ballett, CREATIONS IV – VI ~ Wasser, Sonne, Mond, IOCO Kritik, 29.02.2020

Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Oper Stuttgart © Matthias Baus

Creations IV bis VI   –  Stuttgarter Ballett

Botschaften – Aus dem Wasser – Von der Sonne – Vom Mond

von Peter Schlang

Nicht weniger als sechs Uraufführungen hat Tamas Detrich auf den Spielplan seiner zweiten Saison als Intendant des Stuttgarter Balletts gesetzt. Nachdem deren erste Hälfte im Herbst auf der „kleinen Ballettbühne“, jener des Schauspielhauses, das Stuttgarter Ballettpublikum in Begeisterung versetzt hatte, wurden die anderen drei Neuschöpfungen unter dem passend-programmatischen Titel CREATIONS IV – VI am 21. Februar 2020 auf der „großen Ballettbühne“, also im Opernhaus, präsentiert. Im Untertitel werden mit „Douglas Lee / Louis Stiens / Martin Schläpfer“ nicht nur die drei verantwortlichen Choreografen dieses Abends genannt, sondern für Kenner wird damit auch deutlich gemacht, dass diese aus drei unterschiedlichen Generationen stammenden  Ballettschöpfer einen äußerst abwechslungsreichen, vielseitigen und spannenden Ballettabend, quasi ein choreografisches Drei-Gänge-Menü, kreieren würden.

Mit dem 42jährigen Douglas Lee, von 1996 bis 2011 als erster Solist Mitglied der Stuttgarter Compagnie, eröffnete der der mittleren Choreografen-Generation Angehörende diesen Uraufführungsreigen. Sein Naiad betiteltes Ballett nimmt Bezug auf die Wassernymphen der griechischen Mythologie und das 1830 entstandene Gedicht „Krake“ des englischen Lyrikers Alfred Lord Tennyson und möchte nicht nur die verschiedenen Eigenschaften des Wassers beleuchten, sondern vor allem die Mythen um dieses Element hinterfragen. Auf der Bühne selbst wird die Unterwasserwelt  durch schwarze, in Wellenbewegung zu bringende Stoffbahnen an der hinteren Bühnenwand (Eva Adler) und eine Meerestiefen imaginierende, mystische  Beleuchtung (Sakis Birbilis) angedeutet. Im Mittelpunkt steht aber der riesige schwarze Reifrock, mit dem Sinéad Brodd starke Assoziationen an eine Qualle erzeugt und der ihr ungeheuer weiche, fließende, auf- und ab wogende und weit ausladende Tanzbewegungen ermöglicht. Zudem  nutzen Choreograf und Tänzerin das beeindruckende Kostüm für manch dramaturgische und tänzerische Überraschung, etwa wenn unter diesem „Rock-Zelt“ plötzlich ein anderer Tänzer hervorkriecht.

Stuttgarter Ballett / CREATIONS IV - VI NAIAD hier © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / CREATIONS IV – VI NAIAD hier © Stuttgarter Ballett

Um dieses die Fantasie anregende optische und choreografische Zentrum gruppieren sich in wechselnder  Ensemblegröße weitere vier Tänzerinnen und fünf Tänzer, die in kraftvoll-artistischen wie weich-fließenden Bewegungen und Figuren und einer insgesamt sehr modernen Tanzsprache eine Wasserwelt simulieren, die mehr Schutz und Autonomie als Bedrohung und Lebensfeindlichkeit bietet.

Zusätzliche Bewegung und eine weitere Dimension erhalten die einzelnen Szenen Naiads durch die neun sich vertikal und um sich selbst bewegenden, aus dem Bühnenhimmel herunterragenden Spezialscheinwerfer, die nicht nur oft selbst regelrecht in Tanz geraten, sondern als modernes theatralisch-dramaturgisches Mittel der Szene etwas Futuristisch-Unwirkliches verleihen. Zudem lassen sie im Betrachter das Gefühl entstehen, (auf den Meeresboden) zu sinken.

Alle diese Effekte werden durch die von Douglas Lee ausgewählte, höchst emotionale Musik  verstärkt.  Im ersten Teil ist dies die von dem australischen Komponisten Sávva geschaffene Auftragskomposition Corallina, in der nicht nur die von Gustavo Surgik virtuos gespielte Solo-Violine und das mit ihr häufig dialogisierende Klavier für erstaunliche Effekte sorgen. Das ausgesprochen tänzer/innenfreundliche Werk nimmt den Hörer auch durch den fantasievollen  Einsatz diverser Rhythmus- und Perkussionsinstrumente  für sich ein.

Als zweites Musikstück greift Lee auf das 2011 veröffentlichte Stück Algol Bloom des vor allem als Filmkomponisten bekannten Briten Joby Talbot zurück, das ebenfalls das Schlagwerk im Stuttgarter Staatsorchester stark beschäftigt und die Lebensenergie des Wassers klangsinnlich verdeutlicht. Mit prächtig-metallenem Wirbel und fetzigem Drive werden die so selbst in Schwingung gebrachten und bereits heftig begeisterten Zuschauerinnen und Zuschauer  in die erste Pause entlassen.

Das zweite Drittel dieses abwechslungsreichen Ballettabends lag in den Händen des jüngsten der drei mitwirkenden Choreografen, des als Halbsolist in der Stuttgarter Compagnie aktiven Louis Stiens.

In seinem Beitrag Messenger, für den er auch die Bühne und die Kostüme der zehn Tänzerinnen und sieben Tänzer entwarf, verfolgt er die so unterschiedlichen Reaktionen von Menschen auf einen aus einer anderen Sphäre gekommenen Boten, der in wechselnder Gestalt und Sendung auftreten kann. Ausgangspunkt für Stiens‘ Ideen und Botschaften war nach seinen eigenen Aussagen die dafür von ihm ausgewählte Musik, das 2017 im Auftrag des Bayerischen Rundfunks entstandene und der Geigerin Isabelle Faust gewidmete „Follow me“ des in Prag geborenen Komponisten Ondrej Adámek. Dieses dreisätzige Violinkonzert, den Solopart hatte dieses Mal Elena Graf übernommen, thematisiert die Beziehung einer  Gruppe zu einem Individuum oder Solitär, die sich in ganz unterschiedlichen Verhaltensweisen und Reaktionen äußern kann.

Stuttgarter Ballett / Creations IV-VI Messenger - hier : das Tänzerensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Creations IV-VI Messenger – hier : das Tänzerensemble © Stuttgarter Ballett

Mit seinen wechselnden Stimmungen und seinem rhythmisierenden, akzentreichen Duktus liefert „Follow me“  Stiens die perfekte Grundlage für seine höchst akkurate, körperlich-akrobatische Bewegungssprache. Diese beansprucht den gesamten Körper der Tanzenden, von denen Elisa Badenes und Jason Reilly häufig solistisch agieren, die aber auch dem Rest des Ensembles Einiges an Artistik, Körperbeherrschung und Synchrongefühl abverlangt. Ob in kleineren Formationen oder als gesamtes Ensemble im Einsatz,  gelingen den Tänzerinnen und Tänzern zumindest anfangs beeindruckende Charakter- und Bewegungsstudien, die ihre Wirkung vor allem aus der großen Vielfalt an Tanz- und Ausdruckselementen und dem mitunter atemberaubenden Tempo der Musik bezieht. So liefert der Choreograf Studien in einer Art Pinguin-Gang  oder im stakkatohaften Takt von Maschinen und lässt seine Kolleginnen und Kollegen puppen- und marionettenartige Bewegungen ausführen.

In den ersten zwei Sätzen von Adámeks Musik vermag das alles die Zuschauer zu fesseln und vermittelt auch einen interessanten Überblick über die dem zeitgenössischen   Ballett zur Verfügung stehenden Tanzstile und Bewegungstechniken. Spätestens im letzten Teil verliert dieser  Ansatz aber etwas an Wirkung und Reiz und fällt gegenüber dem Bisherigen durch das nun hinreichend Bekannte und häufig Redundante ab. Eine Entwicklung findet jetzt nur noch in der Musik statt, was nicht nur der Komposition, sondern in erster Linie dem auch hier fabelhaft aufspielenden Staatsorchester unter der bewährten Leitung seines Ballett-Dirigenten James Tuggle zu verdanken ist.

Das Publikum zeigte sich trotz dieser leichten Trübung von der neuen Arbeit eines seiner Lieblinge sehr angetan und spendete diesem, der ihn kongenial unterstützenden Licht-Designerin Tanja Rühl sowie dem gesamten Ensemble begeisterten Beifall.

Stuttgarter Ballett – Tamas Detrich und der Arbeitsalltag
youtube Trailer des Stuttgartr Ballett
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Mit großen Erwartungen sah man nach der zweiten Pause auch dem letzten Teil des Abends entgegen, wofür neben seinem prominenten Namen vor allem die Tatsache sorgte, dass der hierfür gewonnene Schweizer Choreograf Martin Schläpfer nur zwei seiner bisher über 70 Arbeiten für Compagnien außerhalb seiner jeweiligen Wirkungsstätte geschaffen hat. Diese entstanden vielmehr fast ausschließlich für die Ballette in Bern, Mainz und Düsseldorf, von wo der jetzt Sechzigjährige im Sommer  als Ballettdirektor an die Wiener Staatsoper wechseln wird. Dass Schläpfer für diese Aufgabe gut gerüstet ist und man sich in der österreichischen Hauptstadt uneingeschränkt auf ihn freuen kann, zumindest was seine schöpferische Meisterschaft betrifft, stellte er mit seinem über fünfundvierzigminütigen Beitrag, dem längsten dieses Stuttgarter Abends, eindrucksvoll unter Beweis. Für dieses von ihm versprochene und – das sei jetzt schon verraten – überzeugend realisierte „freudvolle Tanzfest“ als „Hommage an diese große Kompanie“ hatte Schläpfer mit  Franz Schuberts 3. Sinfonie in freudvollem, hellem, heiterem D-Dur ein anspruchsvolles wie mitreißendes Konzertstück gewählt, das seinen Ansprüchen und Fähigkeiten als Vertreter der klassisch geprägten Ballettschule voll entgegenkam. Zu dieser Musik lässt er die neun Tänzerinnen und zehn Tänzer tatsächlich und wie von ihm versprochen „wie in ein Sommerhaus eintreten“ – „in kompletter Harmonie mit sich selbst“.

Mit einem Stück des zeitgenössischen japanischen Komponisten Toshio Hosokawa, dessen Oper Erdbeben.Träume im Juli 2018 in der Staatsoper Stuttgart ihre umjubelte Uraufführung erlebte, fügt Schläpfer dem Schubert’schen Sommerhaus aber gleichsam einen Keller oder ein Untergeschoss hinzu und bleibt damit seiner vielfach gerühmten Tiefgründigkeit treu. Diese Dialektik von Unten und Oben, hell und dunkel, Tag und Nacht findet sich auch in dem vom Choreografen für sein Stuttgarter Stück gewählten Titel wieder, Sonne und Mond, den er allerdings dem zweiten, japanischen Musikstück angepasst hat und in die viel leichter und musikalischer klingende japanische Fassung übersetzen ließ: Taiyo to Tsuki.

Stuttgarter Ballett / CREATIONS IV - VI Taiyo to Tsuki © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / CREATIONS IV – VI Taiyo to Tsuki © Stuttgarter Ballett

Das Staatsorchester unter seinem „großen Ballett-Versteher“ James Tuggle versieht dazu die Musik des erst siebzehnjährigen Franz Schubert mit strammen Tempi und trocken-klarem Klang, kurz, mit unbetonten, fast harschen Schlüssen und nahezu vibratofrei,  sprich in historisch-informiertem Stil, was diese 3. Sinfonie auch für Liebhaber des „Originalklangs“ zu einem Fest werden ließ.

Dass es zu diesem auch uneingeschränkt für die Anhänger großer Tanzkunst wurde,  war neben der alle Register des Spitzentanzes und anderer klassischer Ausdruckmittel ziehenden Choreografie-Kunst Schläpfers natürlich vor allem auch dem diesem bedingungslos folgenden Stuttgarter  Ensemble zu verdanken. In größter Meisterschaft demonstrieren Miriam Kacerova, Hyo-Jung Kang, Anna Osadcenko, David Moore, Roman Novitzky und Friedemann Vogel, alles Erste Solistinnen und Solisten der Compagnie, sowie die anderen, hier aus Platzgründen nicht namentlich genannten, Ensemblemitglieder in Solo-Auftritten, als Paar und in unterschiedlichsten Gruppenformationen alle Bewegungsmöglichkeiten und Ausdrucksmittel, die sich das klassische Ballett über Jahrhunderte hinweg erarbeitet und angeeignet hat.

Dieses Leichte und Spielerische wird durch die Kostüme Florian Ettis unterstrichen, der die Tänzerinnen in leichte, weite Kleider und die Tänzer in ebenso bequeme weite Hosen und Shirts steckt; eine Art Haus- oder Freizeitkleidung, die auch eine gewisse ironische Distanz zu herkömmlichen klassischen Balletten schafft.

Freilich entspringt diese Leichtigkeit und dennoch vorhandene Tiefe von Schläpfers Entwurf auch der von ihm pausenlos verfolgten und sicht- wie hörbar gewordenen engen Beziehung zwischen seiner Choreografie und der diese begleitenden Musik, die zudem das Geschehen auf der Bühne nicht nur sensibel doppelt und unterstreicht, sondern auch einen gewissen inhaltlichen Bogen zum zuvor gezeigten  Messenger von Louis Stiens schlägt.

Dass  Martin Schläpfer dem modernen Tanztheater durchaus offen gegenübersteht und dieses gekonnt mit klassischen Stilmitteln und Elementen zu verknüpfen weiß, zeigt er im letzten Teil, also zur „Mond-Musik“  Hosokawas, die dessen Stück „Ferne Landschaft III“ entnommen ist. Hier bemerkt man bei deutlich herausgenommenen Tempi, teilweise wie in Zeitlupe, ganz neue, überraschende Figuren und Bewegungen in einer formenreichen, vielseitigen Tanzsprache, die einen tatsächlich in schlaf- oder traumhafte Stimmung versetzen. Ja, der Berichterstatter sah sich hier gar in Gefahr, (Mond)- und tanzsüchtig zu werden – Ballettkunst in höchster Vollendung!

Nach so viel Lob für die drei Choreografen und die deren Ideen in traumhafter  Sicherheit umsetzenden Tänzerinnen und Tänzer sei abschließend noch einmal das (nicht nur) an diesem Abend fabelhafte Staatsorchester und sein Ballett-Dirigent James Tuggle dafür gelobt, dass und wie sie in einer einzigen Aufführung fünf so unterschiedliche, äußerst anspruchsvolle  Stücke spielen, dazu nicht als rein akustisches Ereignis in einem Konzertsaal, sondern für Tänzerinnen und Tänzer, die dazu in ebenso anspruchsvollen wie unterschiedlichen Choreografien ihr Bestes geben müssen.

Dafür, dass dies ausnahmslos überzeugend, ja begeisternd gelang, ernteten alle Beteiligten nach jedem der drei Teile des Abends – und an dessen Ende nochmals zusammengefasst und verstärkt – uneingeschränkten Beifall, ja großen Jubel.

Creations IV – VI  des Stuttgarter Ballett – weitere Vorstellungen am 29.02.; am 03., 19., 25., 29. 03.; am 08., 11. 04.; am 22., 23. 07. 2020

—| IOCO Kritik Staatsoper Stuttgart |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Lulu – Ballett nach Frank Wedekind, IOCO Kritik, 22.06.2018

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

LULU — Ballett von Christian Spuck –  Frank Wedekind 

Menschen ohne Hoffnung auf Liebe und Zukunft  –  Stuttgarter Ballett 

Von Peter Schlang

Im Jahr 2003  schuf  der damals in jeder Hinsicht noch junge Haus-Choreograf Christian Spuck mit seiner auf Frank Wedekinds Drama Lulu. Eine Monstretragödie basierenden  gleichnamigen Choreografie für die Stuttgarter Compagnie nicht nur sein erstes Handlungsballett, das bis zu seinem Verschwinden aus dem Stuttgarter Ballettspielplan im Jahr 2008  ein umjubelter Publikumsmagnet war, sondern auch das erste Handlungsballett unter der Intendanz  des zum Ende dieser Spielzeit aus seinem Amt scheidenden Reid Anderson überhaupt. Auf dessen ausdrücklichen Wunsch hin überarbeitete der seit sechs Jahren  als Ballettdirektor in Zürich wirkende Spuck seinen überaus sinnigen wie schonungslos verstörenden Ballett-Thriller, womit sich für beide – Anderson wie Spuck  – ein Kreis schloss. Diese sowohl dramaturgisch-choreografisch als auch ästhetisch und ausstattungsmäßig behutsam, aber wirkungsvoll aktualisierte Fassung erlebte am 6. Juni  ihre begeistert gefeierte Premiere.  Der IOCO – Besprechung dieses erneut fesselnden, vielschichtigen und vor der noch immer anhaltenden Debatte nach und um „#MeToo“ auch äußerst aktuellen Ballett-Ereignisses liegt die erste Repertoire-Vorstellung nach der Premiere zugrunde, die am 15. Juni das Publikum im ausverkauften Stuttgarter Opernhaus erneut zu Begeisterungsstürmen  hinriss.

Staatstheater Stuttgart / Lulu - Ballett von Christian Spuck hier :  Alicia Amatriain als Lulu © Carlos Quezada

Staatstheater Stuttgart / Lulu – Ballett von Christian Spuck hier : Alicia Amatriain als Lulu © Carlos Quezada

In seinem dreiaktigen, fast zweistündigen Werk verbindet Christian Spuck unterschiedliche Ebenen bzw. Zusammenhänge, die er aus den verschiedenen Fassungen von Wedekinds Theatervorlage heraus destilliert hat. Es gelingt ihm dabei sehr erfolgreich, mit psychologischen, dramaturgischen, tänzerischen und auch musikalischen Mitteln dem komplexen Themenmix  aus Sexualität, Verführung, Begierden, Geschlechterrollen und erotischen Fantasien beizukommen und daraus eine schlüssige, konzise und fesselnde Balletthandlung zu formen. Diese zeichnet sich wie  die anderen, nachfolgenden Handlungsballette Spucks durch eine absolut stimmige, sehr genaue Personenzeichnung aus, die nicht nur den einzelnen Figuren bzw. Rollen Farbe und Kontur verleiht, sondern auch in die pas de deux und in Ensemble-Figuren ausstrahlt, diese zu vibrierenden charakterlichen und soziologischen Studien macht und überragenden Anteil am großen Erfolg dieser genialen Tanz-Adaption hat.

Der Garant für die äußerst erfolgreiche Umsetzung dieses Konzepts ist natürlich auch dieses Mal wieder die herausragende, alle Schwierigkeiten bei Seite schiebende Stuttgarter Compagnie bei, an deren Spitze in dieser Produktion die erste Solistin Alicia Amatriain steht, welche schon vor 15 Jahren die Lulu verkörpert hatte. Nun, zu einer international gefeierten und anerkannten Prima Ballerina und Charakter-Darstellerin gereift,  macht sie aus dieser Rolle einer anziehenden wie abstoßenden Femme Fatale eine Charakterstudie, die jedes Psychothrillers würdig ist und in jeder Bewegung und noch so winzigen Geste oder mimischen Regung zeigt, wie scheinbar schamlos- und moralfrei, dabei aber auch gespalten, zerrissen und hoffnungslos diese Frauenfigur angelegt ist und agiert. Amatriains  Bühnenpräsenz  ist eine Klasse für sich, und das nicht nur,  wenn sie selbst tänzerisch gefordert ist, sondern auch, wenn sie quasi unbeteiligt am Rande steht oder auf einer Stufe der dramaturgisch so wirkungsvoll von Dirk Becker gebauten Freitreppe kauert.

Staatstheater Stuttgart / Lulu - Ballett von Christian Spuck  - hier : Alicia Amatriain als Lulu und Compagnie © Carlos Quezada

Staatstheater Stuttgart / Lulu – Ballett von Christian Spuck – hier : Alicia Amatriain als Lulu und Compagnie © Carlos Quezada

Nicht minder fesselnd  und den Betrachter in ihren Bann ziehend agiert die famose Anna Osadcenko als die von Lulu wie ihre männlichen Konkurrenten angezogene Gräfin von Geschwitz, die durch ihre große Tanzkunst ebenso überzeugt, wie durch ihre charakterliche und darstellerische Authentizität.

Auch die Tänzer der männlichen Hauptrollen  begeistern durch ihre Gestaltungsfreude und tänzerische Perfektion, so Roman Novitzky in der herausfordernden Doppelrolle des Dr. Franz Schöning und des Serienmörders Jack the Ripper, Noan Alves als Porträtmaler und Lulus zweiter Mann Eduard Schwarz, Flemming Puthenpurayil als Lulus Liebhaber Rodrigo und David Moore, welcher die schwierige Rolle von Schönings Sohn Alwa überzeugend ausfüllt. Eine Sonderrolle unter den an diesem Abend nicht nur tänzerisch-physisch, sondern auch darstellerisch-psychisch stark beanspruchten Tänzerinnen und Tänzern kommt  Louis Stiens zu, der nicht nur die Figur von Lulus „Entdecker“  und erstem Förderer und Protektor Schigolch tänzerisch-darstellerisch sehr gekonnt und abgestuft mit  Leben füllt, sondern als Rezitator von Vernehmungs- und Anklageprotokollen Jack the Rippers auch schauspielerisch bzw. als Sprecher gefragt ist. Die Textverständlichkeit seines Vortrags leidet allerdings stellenweise unter verschiedenen Einflüssen, weshalb man sich hier den für Opernvorstellungen längst selbstverständlichen Einsatz von Obertiteln gewünscht hätte.

Großen Anteil an der Dringlichkeit, Spannung, Eindrücklichkeit und Leidenschaft dieses Balletts hat die von Christian Spuck und seinen Beratern dafür ausgewählte Musik, die wie immer in Stuttgart live aus dem Orchestergraben, aber auch von einer Showbühne  in der  im gewaltigen Einheitsbühnenbild Dirk Beckers zu sehenden Lobby kommt. Die zu hörenden, allesamt aus der Entstehungs- bzw. Handlungszeit der Lulu stammenden Werke  von Alban Berg,  Arnold Schönberg und Dmitri Schostakowitsch fungieren  nicht nur als musikalische Untermalung eines ausdrucksstarken Tanzes, sondern sind gleichsam die zweite Ebene der Personen- und Charakterzeichnung. Egal ob Schostakowitschs mitreißende Jazz-Walzer, Bergs Auszüge aus seiner Lulu-Suite bzw. seiner drei Orchesterstücke oder Schönbergs Sätze seiner fünf Orchesterstücke: Jedes Musikstück kontrastiert und unterlegt die Handlung hilfreich wie überzeugend, gibt ihr wichtige Impulse zum Verstehen des Bühnengeschehens und stellt  gleichzeitig auch  ein erzählend-kommentierendes Element dar.

Staatstheater Stuttgart / Lulu - Ballett von Christian Spock - hier : Alicia Amatriain als Lulu und Louis Stiens © Carlos Quezada

Staatstheater Stuttgart / Lulu – Ballett von Christian Spock – hier : Alicia Amatriain als Lulu und Louis Stiens © Carlos Quezada

Das Staatsorchester unter der bewährten, aber nie distanziert-routinierten Leitung seines Ballett-Dirigenten James Tuggle setzt die unterschiedlichen Partituren mit Verve und Schmiss und großer Differenzierungsfähigkeit wie ausgefeilter Dynamik jederzeit überzeugend in Szene bzw. Töne und liefet so dem begnadeten Geschichtenerzähler Christian Spuck und seinen begeisternden Tänzerinnen und Tänzern eine kongeniale Plattform .

Tamas Detrich, der künftige Stuttgarter Ballett-Intendant, darf sich über dieses kostbares Erbe seines  Vorgängers Reid Anderson und dessen einstigem Zögling und jetzigen Züricher Kollegen Christian Spuck freuen wie ein reich beschenktes Kind!

LuluBallett von Christian Spuck nach Frank Wedeking: Weitere Vorstellungen 23., 24. und 30. Juni sowie am 02., 04., 07., 08., 10. und 14. Juli 2018

—| IOCO Kritik Oper Stuttgart |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Die Fantastischen Fünf – Reid Anderson, IOCO Kritik, 27.03.2018

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Die Fantastischen Fünf  –  Stuttgarter Ballett

Von Anfang und Abschied – Letzter Ballettabend in Reid Andersons Intendanz

Von Peter Schlang

Wenn die 22 jährige Dienstzeit Reid Andersons als Intendant des Stuttgarter Balletts im Juli mit einer ihm gewidmeten Festwoche zu Ende geht, wird die Liste der unter bzw. von ihm aus der Taufe gehobenen Uraufführungen weit über 100 Choreografien umfassen, darunter sage und schreibe elf abendfüllende Handlungsballette. Die meisten dieser Kreationen stammen aus den Köpfen und Händen von „hauseigenen Stuttgarter Kräften“, seien es Choreografinnen und Choreografen, die, häufig aus der Compagnie hervorgegangen, am Haus tätig waren, oder Tänzerinnen und Tänzer, die diesen Weg gerade eingeschlagen hatten oder im Begriff waren, dies zu tun.

Die Fantastischen Fünf  –  Im Schauspielhaus

Eine Frau und vier in diese Kategorien gehörenden Männer wurden nun vom seit 1969 dem Stuttgarter Ballett angehörenden Anderson zu einem Choreografen-Quintett zusammengespannt, um seinem Entdecker und Förderer unter dem beziehungsreichen Titel Die Fantastischen Fünf ein vorgezogenes Abschiedsgeschenk zu machen. Dieses durfte der Beschenkte am Freitag, dem 23. März auf der „kleinen“ Stuttgarter Ballettbühne im Schauspielhaus vor vollen, mit glücklichen und vielfach auch jubelnden Ballettfans besetzten Rängen auspacken.

Stuttgarter Ballett / Die fantanstischen Fünf - hier Under the Surface mit Fernanda Lopez De Souza Lopes, Alessandro Giaquinto, Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantanstischen Fünf – hier Under the Surface mit Fernanda Lopez De Souza Lopes, Alessandro Giaquinto, Ensemble © Stuttgarter Ballett

Den Anfang dieses letzten Uraufführungs-Reigens dieser Spiel- und Amtszeit machte Roman Novitzkys Under the Surface, in dem das Multitalent (Novitzky ist nicht nur erster Solist und damit tanzender Choreograph der Stuttgarter Compagnie, sondern inzwischen auch deren Fotograf.) drei Tänzerinnen und fünf Tänzer verschiedene Formen und Stadien von Beziehungen und Begegnungen interpretieren lässt. Zu Musik von Ólafur Arnalds, Stephin Merritt und einer Auftragskomposition Marc Strobels entwickeln Fernanda De Souza Lopes, Jessica Fyfe, Veronika Verterich, Timoor Afshar, Matteo Crockard-Villa, Allessandro Giaquinto, Alexander Mc Gowan und Matteo Miccini ein wahres Feuerwerk an Charakter- und Gruppenstudien, die sich kurz mit fünf großen „ A“ zusammenfassen lassen: A wie Anmache, Annäherung, Anfang, Abstand und Abschied. In diesem halbstündigen Feuerwerk unter einer aus Glühbirnen geformten geometrischen Figur, unter der sich die gerade pausierenden Tänzer um einen großen Tisch versammeln, führt Novitzky dem Publikum verschiedene Stationen menschlicher Kontakte vor Augen. Diese kleidet er in ein originelles wie differenziertes Spektrum von Bewegungen und Figuren, welche die Tänzer kraftvoll und temporeich und nicht selten mit artistischem Aplomb auf die ganz in schwarz gehaltene Bühne bringen.

Das zweite Stück des gut dreistündigen Abends wurde Fabio Adorisio anvertraut, dem Jüngsten aus dieser verheißungsvollen Fünfer-Bande, der aber auch schon neun Choreografien geschaffen und seinem jüngsten Werk den Titel Or Noir gegeben hat. Damit spielt er auf die japanische Porzellan-Reparatur-Technik „Kintsugi“ an, was auf Deutsch „Goldverbindung“ oder „Gold flicken“ bedeutet.

Dabei verdecken die aufgebrachten Goldbänder nicht die Risse oder Brüche, sondern betonen und veredeln diese. Adorisio macht diesen Bezug durch raffinierte zweifarbige Trikots deutlich, in die er seine fünf Paare kleidet und die ebenso von ihm entworfen wurden wie der Bühnenraum. An dessen hinterem Ende sitzt das aus Streichern des Staatsorchesters gebildete Streichquintett, welches das von der Komponistin Nicky Sohn als Auftragswerk gelieferte einsätzige Werk „Even in the oddest time“ packend und akzentuiert zur Uraufführung brachte. Obgleich der Choreograf seine je fünf Tänzerinnen und Tänzer zu schönen, meist an klassischen Vorbildern orientierten Figuren und Bildern gruppiert, welche diese souverän auf die Bühne setzen, wirkt diese Arbeit etwas ermüdend und weniger inspirierend als das Vorgängerstück, welches vielleicht auch – zumindest beim Publikum – manche Energie aufgesaugt hat.

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf - hier Take your Pleasure seriously mit Alicia Amatriain und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf – hier Take your Pleasure seriously mit Alicia Amatriain und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Diese ist – und das auf allen Seiten – beim Mittelstück des Abends wieder uneingeschränkt zu spüren. Es wurde, gendermäßig völlig korrekt, der einzigen Frau dieses Choreografen-Teams anvertraut, der nach dieser Spielzeit sich von der Stuttgarter Compagnie verabschiedenden Halbsolistin Katarzyna Kozielska. Ihr und sich selbst wünscht man nach ihrem fulminanten Beitrag Take Your Pleasure Seriously, dass Tamas Detrich, Stuttgarts designierter neuer Ballettchef, sie als Gastchoreographin wieder einmal an ihre bisherige Wirkungsstätte holen möge. Die aktuelle Arbeit der gebürtigen Polin ist ihr Resümee über ihre fast zwanzigjährige Zugehörigkeit zur Stuttgarter Compagnie und gleichzeitig eine große Verbeugung vor der Leistung aller Ersten Solistinnen. Folgerichtig lässt Kozielska Alicia Amatriain alle Haltungen, Positionen und Figuren vorführen, die das klassische Ballett kennt, wirkungs- und eindrucksvoll wie dienend und unterstützend begleitet von ihren Kolleginnen Rocio Aleman, Diana Ionescu, Mizuki Amemiya, Joana Romaneiro und Aiara Iturrioz Rico sowie den zu gewaltigen Hebe- und Stemmfiguren angehaltenen Tänzern Jason Reilly, Martí Fernández Paixà, Daniele Silingardi, Adrian Oldenburger, Fraser Roach und Noan Alves. Es ist ein live vorgeführtes, mit Fleisch und Blut versehenes Vademekum der Tanzkunst und Ausdrucksmittel verschiedener Epochen und Genres, welche die sechs Paare in höchster Vollendung und mit größter Leidenschaft auf die Bretter stellen.

Die musikalische Grundlage liefert neben zeitgenössischer Musik vom Band Johann Sebastian Bachs Italienisches Konzert, das von Paul Lewis am langsam von links nach rechts fahrenden Flügel akzentuiert wie tänzerfreundlich gespielt wurde.

Der Unterschied, ja Bruch zum nächsten und vorletzten Stück dieses denkwürdigen Ballettabends hätte kaum radikaler ausfallen können, denn Louis Stiens, ebenfalls Halbsolist und von Reid Anderson schon mehrfach mit Choreografien betraut, ist sowohl in seiner Formensprache als auch musikalisch eindeutig der Gegenwart zugewandt und hier wiederum leicht der Generation Twitter und Instagram zuzuordnen. Sein Bekenntnis, die Musik zu seinen Arbeiten ständig online zu suchen, wird durch die lauten, zumindest für einen älteren Zuhörer die Schmerzgrenze überschreitenden Beats und Rhythmen als absolut richtig eingestuft. Skinny, der Titel dieses Werks, wird vom Rezensenten deshalb weniger als „Unter die Haut gehend“, denn als nichts für „Dünnhäutige“ und für Klang-Ästheten gedeutet. Zwar gelingen dem Jung-Choreografen, der sich im Programmheft auch als Hobby-DJ outet, durchaus eindrucksvolle und teils sensible Körperbilder, doch die meisten der zu dieser aktuellen Clubmusik kreierten Tableaus und Szenen führen seelenlose, kalte Maschinenmenschen, ja zu Zombies dressierte Wesen vor, die den Verfasser dieses Textes an Chaos und Apokalypse denken lassen. Und wenn der Rezensent die Reaktionen vieler anderer Zuschauerinnen und Zuschauer richtig gedeutet hat, fand nicht nur er keinen richtigen Zugang zu der von Stiens gewählten Ausdrucksform.

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf - hier Or Noir und Rocio Aleman und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Die fantastischen Fünf – hier Or Noir und Rocio Aleman und Ensemble © Stuttgarter Ballett

Die gleiche Analyse dürften viele Besucher der Premiere auch in Bezug auf die letzte Arbeit des Abends treffen, auch wenn der Jubel für den scheidenden Haus-Choreografen Marco Goecke zumindest in manchen Ecken des Zuschauerraums orkanartige Dimensionen annahm und sich der etwas exzentrisch gebärdende, aber sichtbar gerührte Goecke einem regelrechten Blumenregen ausgesetzt sah. In der Tat polarisiert seine Tanzsprache auch in diesem letzten für das Stuttgarter Ballett geschaffenen Stück Almost Blue wohl wie die keines anderen zeitgenössischen Choreografen: Während die einen ob der konvulsivischen Zuckungen und der Tierwelt entlehnten Laut-Untermalungen verzückt und begeistert applaudieren, mögen andere eher verständnislos und ablehnend das Geschehen auf der Tanzbühne verfolgen. Zweifellos sind die von den vier Tänzerinnen und fünf Tänzern vorgeführten Bewegungen in ihrer Präzision äußerst bewundernswert, zumal die Beleuchtung, zusammen mit den von Thomas Mika geschaffenen Kostümen, für eindrucksvolle Momente und überraschende Effekte sorgt. Allerdings erschließen sich nicht alle der von Goecke eingesetzten Stilmittel und Kunstgriffe, sondern lassen den Berichterstatter an vielen Stellen eher ratlos und unberührt zurück.

Dieser natürlich sehr subjektive Eindruck schmälert indes die Kunst und Wirkung dieses abwechslungsreichen und spannungsgeladenen Ballettabends in keiner Weise. Und so sind Die fantastischen Fünf ein würdiges und bleibendes Vermächtnis des großen Tanz-Ermöglichers und Talente-Entdeckers Reid Anderson, dessen von ihm geförderte Choreografie-Talente mit ziemlicher Sicherheit weiter von sich reden machen werden – in Stuttgart und erst recht an anderer Stelle.

Die Fantastischen Fünf des Stuttgarter Ballett im Schauspielhaus; weitere Vorstellungen am 28. März, am 10., 21., 25. und 29. April sowie am 17. Juli 2018 im Stuttgarter Schauspielhaus

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Krabat – Plädoyer für Zivilcourage, IOCO Kritik, 21.1.2017

Stuttgarter Ballett

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgarter Ballett fesselt: Krabat von Demis Volpis

 „Plädoyer für Zivilcourage, Empathie und Achtsamkeit“ 

Von Peter Schlang

„Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal, die klappert so leis vor sich hin…“   ist eines jener Volkslieder, die neben weiteren Liedern und zahlreichen anderen Äußerungen bzw. Darstellungen in allen Kunstformen bis heute das Leben von Müllerin und Müller verklären und vom Leben und von der Arbeit in einer Mühle ein eher romantisches Bild zeichnen.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Elisa Badenes als Kantorka - Alicia Amatriain als Worschula - Ensemble © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Elisa Badenes als Kantorka – Alicia Amatriain als Worschula – Ensemble © Stuttgarter Ballett

Ganz anders stellt der 2013 verstorbene Otfried Preußler den Alltag in einer Mühle in seinem autobiografisch gefärbten Roman Krabat  dar, der Demis Volpi als Vorlage für sein gleichnamiges erstes Handlungsballett diente, das im März 2013 am Stuttgarter Ballett uraufgeführt wurde. Nachdem sich Krabat seinerzeit sehr schnell zum absoluten Publikumsmagneten entwickelt hatte, stand er zwei Jahre nicht mehr auf dem Spielplan des Stuttgarter Balletts, zu dessen Haus-Choreograf Demis Volpi inzwischen aufgestiegen ist. Am vergangenen Wochenende erlebte dieses in Tanz übersetzte Plädoyer für Menschlichkeit und ein mutiges Eingreifen in Missstände im Stuttgarter Opernhaus seine Wiederaufnahme und erwies sich dabei angesichts der neueren gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen als noch be(d)rückender und aktueller, als es das Ballett zum Zeitpunkt seiner Entstehung schon war. Es bedarf keiner großen Prophetengabe, um vorauszusagen, dass die Geschichte um den Müllerburschen Krabat auch dieses Mal die Besucher in Scharen anziehen und vielleicht sogar neue Besucherrekorde aufstellen wird.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Elisa Badenes als Kantorka - David Moore als Krabat © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Elisa Badenes als Kantorka – David Moore als Krabat © Stuttgarter Ballett

Einen großen Anteil daran kann neben der eigentlichen Ballett-Vorstellung und der dem Erfolg dieses Abends eine weitere Grundlage schenkenden Musik dem von Katharina Schlipf geschaffenen Bühnenbild zugeschriebenen werden. Die in Rottweil geborene Bühnen- und Kostümbildnerin, die schon mehrere Male mit Demis Volpi zusammengearbeitet hat, baute für alle drei Akte den aus mehreren hundert Mehlsäcken bestehenden fensterlosen Innenraum der Mühle nach. Dieser wirkt wie eine dunkle, gewaltige Mauer und wird in Wahrheit für die je zwölf Müllergesellen und ihre Seelen auch zu einem bedrohlichen, unüberwindbaren Gefängnis. Die ungeheure Wirkung dieses lebensfeindlichen, hermetischen Gevierts wird durch die fabelhafte Lichtregie der in Kanada lebenden Licht-Designerin Bonnie Beecher meisterhaft ergänzt und verstärkt. Sie taucht das riesige Sackgebirge in fahle, düstere Schattierungen, die, selten durch hellere Einsprengsel lebenswerter erscheinend, nicht nur das Dunkle und Gefährliche der Mühle betonen, sondern auch den Seelenzustand der dort zur Arbeit gezwungenen jungen Burschen widerspiegeln.

In dieser düsteren, an ein Arbeitslager erinnernden Umgebung erzählt der 1985 in Argentinien geborene Choreograf und Tänzer einfühlsam und spannend die Geschichte des Waisenjungen Krabat, der wie andere Jungen seines Alters und in ähnlicher Situation den Verführungskräften des (Müller-)Meisters erliegen und in jene geheimnisvolle Mühle eintreten, in der sie nicht nur das Müllerhandwerk erlernen sollen. Vielmehr werden sie dort auch in der „Kunst der Künste“, der Schwarzen Magie, unterrichtet und ketten sich dafür in Wahrheit unentrinnbar an ihren Lehrmeister. Erst nach und nach erkennen die Müller- und Zauberer-Gesellen, welche Auswirkungen dies für sie hat und dass die sich jährlich wiederholende Opferzeremonie nur den schrecklichsten Teil des Preises darstellt, den sie dafür zahlen müssen, dass sie sich dem Müller und seinen dunklen Machenschaften ausgeliefert haben. Indem sie sich aber als unfähig zeigen, die wahren Hintergründe zu erkennen und erst recht keinen Willen entwickeln, selbst dagegen vorzugehen, werden der Roman Preußlers und das Ballett Volpis zur Parabel von den verhängnisvollen Folgen des Wegsehens und der Weigerung, sich der Wirklichkeit zu stellen und diese zu verändern. Stattdessen verschließen die so Gebeutelten die Augen vor der unbequemen Realität und richten sich mehr oder weniger bequem im Status Quo ein, in fatalem Irrtum darauf hoffend, dass es für einen selbst schon gut ausgehen wird. Erst Krabat, unterstützt von einigen wenigen Leidensgenossen, durchschaut das schreckliche Spiel und weigert sich, die scheinbar unausweichlichen Grausamkeiten in der Mühle zu ignorieren und damit zu tolerieren. Dabei gibt ihm die Liebe eines Mädchens, der nach ihrer Rolle als Vorsängerin eines Chores genannten Kantorka, die Kraft, den Bann und den menschenverachtenden Rigorismus des Meisters zu besiegen und für sich und die anderen noch lebenden Müllergesellen die Freiheit und Selbstbestimmung zurückzugewinnen.

Damit stellt die Handlung die gerade auch heute sehr aktuelle und anspruchsvolle These auf, dass es zu allen Zeiten mutiger Menschen bedarf, die nicht weg-, sondern genau hinschauen und gemeinsam den Mut aufbringen, erkanntes Unrecht klar zu benennen und die dafür Verantwortlichen mindestens an den Pranger zu stellen, besser noch, ihnen das Handwerk zu legen. Damit wandelt sich die getanzte, in beeindruckende Bilder übersetzte Erzählung zur Hoffnung gebärenden Aufforderung, eine Situation mutig zu verändern und damit die darin verstrickte Gruppe oder Gesellschaft zu befreien.

Zur tänzerischen Umsetzung dieses Appells schuf Demis Volpi eine vielschichtige Choreografie mit modernen, Kraft und Körpereinsatz betonenden Elementen, welche ausgesprochen gut zur dargestellten Arbeitswelt in der Mühle passt und die körperlichen und seelischen Befindlichkeiten der dort geknechteten zwölf Müllergesellen sehr drastisch und äußerst glaubhaft veranschaulicht. Dabei setzt er auf eine für das klassische Ballett nicht selbstverständliche starke und plastische Gestik, die abschnitts- und situationsweise auch typisch pantomimische Elemente einsetzt. Diese verbindet er jedoch gekonnt, ohne Brüche und mit sicherem Instinkt mit alten und bekannten Stilmitteln des klassischen Balletts.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Myriam Simon als Herr Gevatter - Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – Myriam Simon als Herr Gevatter – Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Dass Volpi und dem Stuttgarter Ballett zur Umsetzung seines Konzepts nicht nur die nötigen technischen Mittel, sondern vor allem die dazu unerlässlichen Tänzerinnen und Tänzer von höchster Qualität und damit auf international allerhöchstem Niveau zur Verfügung stehen, dürfte kein großes Geheimnis sein. Allerdings ist es beglückend und faszinierend zu sehen, wie die an diesem Abend zu erlebenden Tänzerinnen und Tänzer dieses hohe Versprechen eines ungetrübten Tanz-Theater-Vergnügens einlösen. Da sind auf der dunklen Seite zunächst Myriam Simon, die in der nicht einfach auszufüllenden Rolle des Herrn Gevatter ein beeindruckendes Rollendebüt gibt, sowie Roman Novitzky als Meister zu nennen, der fast omnipräsent die Fäden in der Hand hält und in einer Mischung aus rigoroser, süffisanter und zynischer Haltung zum Prototyp des Lenkers, Strippenziehers und Ausbeuters wird. Unnachahmlich etwa, wie er zu Beginn der drei Akte den jeweils neu angelockten Jung-Gesellen verführt, für seine Zwecke abrichtet und auf die nur ihm dienenden Verhältnisse in der Mühle vorbereitet, die immer mehr als Ort der Vernichtung entlarvt wird, an dem Menschen und jegliche Menschlichkeit buchstäblich zermahlen werden. Wie schon bei der Premiere vor fast vier Jahren bilden der Krabat David Moores und die Kantorka von Elisa Badenes, beides erste Solisten der Stuttgarter Compagnie, ein helles, das Leben betonende Gegengewicht zur bedrohlichen Figur des Meisters und überzeugen in jeder Szene durch ihre mentale wie körperliche Präsenz und die teilweise atemberaubende Umsetzung von Volpis Konzept. David Moore besticht dabei durch seine jugendliche Kraft, Lebensfreude und Unerschrockenheit, während Elisa Badenes durch ihre zarte, sehr mädchenhafte Darstellung betört, die zwischen wohltuender Naivität und bezwingender Entschlusskraft changiert und glaubhaft macht, warum sie in jeder Hinsicht die ideale Partnerin Krabats ist.

Stuttgarter Ballett / Krabat - David Moore als Krabat - Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Stuttgarter Ballett / Krabat – David Moore als Krabat – Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Auch Marti Fernadenz Paixa, der erstmals Krabats Freund Tonda verkörpert, und die bereits als dessen Geliebte Worschula erfahrene Alicia Amatrian begeistern durch ihre starke Präsenz und Vielseitigkeit ihrer tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten und drücken so über weite Strecken dem ersten Akt ihren Stempel auf. Einen äußerst starken Auftritt darf man auch Ami Morita als Pumphutt bescheinigen, die/der sich im 2. Akt einen spektakulären und alle fesselnden Kampf mit dem Meister liefert.
Mit die stärksten und wirkungsvollsten Momente des Abends dürften jedoch die Arbeitsszenen in der Mühle sein, bei denen elf männliche Mitglieder des Corps de Ballett bzw. Eleven nach allen Regeln der Tanzkunst deutlich machen, welche Mühe, ja Drangsal der Arbeitsalltag unter dem Meister für die jungen Männer bereithält.

Zur Vervollkommnung dieses Ballettereignisses und zur Komplettierung seiner Beschreibung fehlt nun noch als wesentliche Komponente die Musik. Diese kommt, wie in allen Stuttgarter Ballettproduktionen, live aus dem Orchestergraben, wo der langjährige Musikdirektor des Stuttgarter Balletts, James Tuggle, das Staatsorchester nicht nur als meisterhaften Begleiter der Tänzerinnen und Tänzer sicher durch den Abend führt. Er entlockt dem Orchester vielmehr auch eine hohe musikalische Gestaltungskraft, welche die eigenständige Wirkung der ausgewählten Musikstücke eindrucksvoll hervorhebt. Die für den Krabat getroffene Musikauswahl, allesamt Werke des 20. und 21. Jahrhunderts, erweist sich dabei erneut als packend wie stimmig, egal, ob es sich um die kammermusikalischen Werke des lettischen Komponisten Peteris Vasks, die sinfonischen Sentenzen Krzysztof Pendereckis oder die drei Auszüge aus Instrumentalkonzerten des amerikanischen Minimalisten Philip Glass handelt. Ihre ganz eigene Wirkung entfaltet zu den Arbeitsszenen in der Mühle die in einer echten und noch aktiven Mühle in der Nähe Stuttgarts aufgenommene „Mühlenmusik“. Dieses „Mühlenklappern“, das Klackern des Mahlwerks und andere typische Arbeitsgeräusche einer Mühle illustrieren in beklemmender Weise die Perversion der Arbeit, der sich die Müllergesellen ausgesetzt sehen.

Zusammenfassend darf man den Krabat des Stuttgarter Balletts getrost als begeisterndes Gesamtkunstwerk preisen, welches auf eindrucksvolle Weise und äußerst aktuell den hohen Wert der Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, aber auch deren leichte Verletzlichkeit demonstriert. Von Peter Schlang, 20.1.2017

Karbat an der Staatsoper Stuttgart: Weitere Vorstellungen 16. und 19. Februar sowie am 11., 17., 18., 27. und 29. März 2017

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