Halle, Bühnen Halle, Premiere DON GIOVANNI – Wolfgang A. Mozart, 29.02.2020

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Bühnen Halle

Oper Halle © Bühnen Halle / Falk Wenzel

Oper Halle © Bühnen Halle / Falk Wenzel

DON GIOVANNI  –  Wolfgang Amadeus Mozart

Premiere: Samstag 29. Februar 2020

Kaum eine Opernfigur ist mit derart vielen Phantasmen und Projektionen belegt worden wie die schillernde Hauptfigur aus Mozarts Der bestrafte Wüstling oder Don Giovanni. Ein schwer zu greifendes Phantom der Nacht ist die Titelfigur, mal ein von toxischer Männlichkeit strotzender Vergewaltiger, mal ein von Weltschmerz und Überdruss getriebener sinnlicher Anarchist, der alle gesellschaftlichen Konventionen überschreitet und am Ende selbst noch den Tod verlacht.

Mozart und sein kongenialer Librettist Da Ponte wählten nach ihrem ersten gemeinsamen Erfolg Le nozze di Figaro den seit dem 17. Jahrhundert populären und mannigfach bearbeiteten Don-Juan-Stoff für eine neue Oper aus. Bereits die ersten donnernden Akkorde der berühmten Ouvertüre lassen keinen Zweifel daran, dass hier auf ein dramatisches Ende zugesteuert wird. Und so nimmt mit der ersten Szene und dem Mord Don Giovannis am Komtur und Vater Donna Annas, in deren Schlafzimmer er zuvor gewaltsam eingedrungen war, die Geschichte um den sprichwörtlich gewordenen Verführer ihren Lauf. Zuletzt wird das steinerne Standbild des Komturs als Geist bei einem makabren Festmahl erscheinen und Giovanni in die Hölle reißen.

Am Vorabend der Französischen Revolution 1787 in Prag uraufgeführt, leuchtet diese „Oper aller Opern“ auf faszinierende, atemberaubende Weise das menschliche Begehren aus und ist gleichwohl auch Sinnbild der kommenden gesellschaftlichen Umwälzungen. In Vertretung des Schwertadels geht mit Giovannis Höllenfahrt am Ende eine ganze Klasse mitsamt ihren Moralvorstellungen und Privilegien in den Orkus der Geschichte: „Dies ist das Ende dessen, der Böses tut!“ singen die zurückbleibenden fünf Frauen und Männer Donna Anna, Donna Elvira, Zerlina, Don Ottavio und Masetto und klingen dabei weniger befreit als es ihnen lieb wäre. Zuvor eilten und hetzten sie ihm nach, Don Giovanni, dieser emotionale Extremzustände auslösenden Wunschmaschine, um sich hinzugeben, um Rache zu üben oder sich mit ihm zu messen.

Die Musik Mozarts zeichnet hierbei die psychologischen Motivationen wie auch die seelischen Untiefen präzise und emphatisch, wie es bis dato in der Operngeschichte unerhört war. Durch polyrhythmische Strukturen und avancierte, gespenstisch wirkende Modulationen weist dieses Meisterwerk kompositionstechnisch weit seiner Zeit voraus.

Musikalische Leitung Michael Wendeberg, Regie Nina Kupczyk, Bühne Martin Kukulies, Kostüm Mechthild Feuerstein, Dramaturgie Michael v. zur Mühlen, Beleuchtung Peter Erlenkötter, Einstudierung Peter Schedding, Choreinstudierung Johannes Köhler
Inspizient Berd Bunk, Soufflage Anke Hoheisel, Regieassistenz Matthias Hüstebeck
Ausstattungsassistenz Yaroslava Sydorenko

MIT:  Don Giovanni Andrii Chakov, Donna Anna Liudmila Lokaichuk, Don Ottavio Robert Sellier, Komtur Ki-Hyun Park, Donna Elvira Romelia Lichtenstein, Leporello Michael Zehe, Masetto Johannes Wedeking, Zerlina  Vanessa Waldhart

Chor der Oper Halle, Staatskapelle Halle

Kostprobe zu Dienstag, 25. Februar 2020, 18 Uhr, Oper – Großer Saal, Eintritt frei

PREMIERE Samstag, 29. Februar 2020, 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen  Freitag, 06. März 2020, 19.30 Uhr, Sonntag, 22. März 2020, 15 Uhr, Samstag, 28. März 2020, 19.30 Uhr,  Samstag, 11. April 2020, 19.30 Uhr,  Sonntag, 24. Mai 2020, 15 Uhr, Sonntag, 28. Juni 2020, 16 Uhr,

—| Pressemeldung Bühnen Halle |—

Münster, Theater Münster, Eine Winterreise – Tanztheater Hans Henning Paar, IOCO Kritik, 09.02.2019

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Eine Winterreise – Tanztheater von Hans Henning Paar

– Sanfter Tod im rieselnden Schnee –

Von Hanns Butterhof

Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise von 1827 nach Wilhelm Müllers 24  Gedichten voller Liebesleid und Todessehnsucht erklingt auf der Bühne im Großen Haus des Theaters Münster in ungewohnter Form. Zum Sänger, der Schuberts Melodien unverändert darbietet, tritt die für Orchester komponierte Interpretation von Hans Zender, die Hans Henning Paars neues, sehr poetisches Tanztheater-Stück Eine Winterreise eindrucksvoll untermalt.

Hans Henning Paar choreographiert so politisch wie poetisch – Eine Winterreise

Eine Winterreise   –  Tanztheater von Hans Henning Paar
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2003 hatte Daniel Goldin bei seiner bildstarken Choreographie der Winterreise im Kleinen Haus noch Gesangsaufnahmen mit Klavierbegleitung vom Band eingespielt, nun singt der Tenor Robert Sellier live zu Zenders 1993 uraufgeführtem Orchesterstück Schuberts Winterreise. Zender (*1936)  lehnt sich  eng  an Schuberts Tonsprache an, bezieht aber wirkungsvoll verfremdende Klangeffekte ein. Sie betonen die verschiedenen Stimmungen des Werks, seine eisige Kälte und depressive Weltflucht ebenso wie die Passagen heiterer Erinnerung und aufkeimender Hoffnung. Das mit 24 Musikern kleine, mit teilweise ungewöhnlichen Instrumenten und viel Schlagwerk besetzten Orchester lässt den knirschenden Schnee unter den Tritten des Wanderers ebenso vernehmen wie das Pfeifen des Windes  und das Knurren der Wachhunde, die an ihren Ketten zerren. Akkordeon und Gitarre lassen Volksmusik, Streicher gehobene Salon-Kultur anklingen, und das Schlagwerk kracht brutal in jeden Anflug von Hoffnung. Zender holt mit seiner spannenden, musikalisch voll überzeugenden Interpretation Schumanns Winterreise ins Heute und ist unbedingt ein Gewinn.

Theater Münster / Eine Winterreise - Tanztheater - hier : Die Reichen stoßen den Wanderer aus. Robert Sellier und Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / Eine Winterreise – Tanztheater – hier : Die Reichen stoßen den Wanderer aus. Robert Sellier und Ensemble © Oliver Berg

Hans Henning Paar hat seine 2010 in München uraufgeführte zweiteilige Choreographie Eine Winterreise – auch damals sang Robert Sellier – jetzt mit dem TanzTheater Münster neu einstudiert. Gleich zu Beginn verknüpft Paar die Entstehungszeit des Liederzyklus‘ mit der Gegenwart. Das Ensemble drückt sich als Referenz an die nachrevolutionäre Restauration in gebückter Haltung über die Bühne, die in ihrem kaltem Grau auf die soziale Kälte unserer Zeit verweist. Wenn dann Robert Sellier als  Wanderer aus der Mitte des zu einem schönen Gruppenbild formierten Ensembles hervortritt, dann beziehen sich seine Sehnsüchte und seine Verzweiflung auf mehr als den Verlust seiner Geliebten; er ist einer von uns, der an der Spaltung der Gesellschaft leidet und schließlich verzweifelt.

Auch das Bühnenbild von Bernhard Niechotz und die Kostüme von Isabel Kork drücken Spaltung aus. Der hohe, kühle Fremdheit ausstrahlende Bühnenraum ist im ersten Teil durch eine gläserne Wand zweigeteilt, die auch die Tänzer in gedeckt farbiger Alltagskleidung von der abgehobenen Gesellschaft in schwarzen Feier-Gewändern trennt. Auch der Wanderer ist in zweierlei Gestalt auf der Bühne. Den Sänger begleitet der Tänzer Jason Franklin als sein Alter Ego, das in Nähe und kritischer Distanz die Gefühle des Wanderers spiegelt: seine innere Zerrissenheit geht bis zum Kampf zwischen beiden, als der Wanderer zur dissonanten Orchester-Begleitung seinem untreuen Liebchen „Gute Nacht“ wünscht.

Theater Münster / Eine Winterreise - Tanztheater - hier : Der Wanderer hängt noch an der Geliebten_ Jason Franklin, Robert Sellier, Tarah Malaika Pfeiffer © Oliver Berg

Theater Münster / Eine Winterreise – Tanztheater – hier : Der Wanderer hängt noch an der Geliebten_ Jason Franklin, Robert Sellier, Tarah Malaika Pfeiffer © Oliver Berg

Paar hat eindringliche, poetische Bilder für die Situationen und Konstellationen geschaffen. Die geschlossene Spaßgesellschaft führt in skurrilen Ritualen und mit bösem Lachen gespreizt ihren eigenen Todestanz auf, Krähe und Leiermann umschwirren gespenstisch den Wanderer, und als Irrlicht führt ihn ein nacktes Paar vom Wege ab. Im plötzlich warmen Licht blüht eine Gruppe Blumenmädchen auf, und wunderschön weht in rostrotem Kleid eine Tänzerin als Blatt eines Baumes von der Bühne. Am Ende findet Jason Franklin, von Sellier nurmehr von der Seite betrachtet, einen sanften Tod im herabriesenlnden Schnee, nachdem ihn der „Leiermann“ langsamen entkleidet und sich liebevoll an ihn geschmiegt hatte.

In dieser Winterreise passt alles, Robert Sellier mit seinem angenehm weichen, ausdrucksstarken Tenor, den Dirigent Thorsten Schmid-Kapfenburg sängerfreundlich führt. Das Sinfonieorchester Münster lässt sämtliche Feinheiten der Partitur Zenders vernehmen, ohne sich vor das begeisternd tanzende Ensemble zu drängen, für das Hans Henning Paar wohl seine poetischste Choreographie unaufdringlich mit der deutlichen Aussage entworfen hat, dass einem bei zunehmender sozialer Spaltung selbst die geliebte Heimat fremd werden kann.

Nach über zwei Stunden fesselnden Tanztheaters gab es lang anhaltende Ovationen für das Ensemble, Robert Sellier und Thorsten Schmid-Kapfenburg mit seinem Sinfonieorchester Münster.

Eine Winterreise – Tanztheater, am Theater Münster; die nächsten Termine: 16.2., 12., 15. und 21.3.2019  jeweils 19.30 Uhr, am 31.3. um 15.00 Uhr.

 

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Premiere Tanzabend EINE WINTERREISE, 19.01.2019

Dezember 12, 2018 by  
Filed under Ballett - Tanz, Pressemeldung, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

EINE WINTERREISE
Tanzabend von Hans Henning Paar zu Musik von Hans Zender

Eine komponierte Interpretation für Tenor und Kammerorchester
von Franz Schuberts Winterreise

Premiere: Samstag, 19. Januar 2019, 19.30 Uhr
Großes Haus des Theaters Münster
»Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh‘ ich wieder aus…«

Mit diesen Worten beginnt einer der bekanntesten Liederzyklen der Romantik, die WINTERREISE, mit dem Franz Schubert (1797–1828) eine Kette von Rückblicken und Stimmungen eines von der Liebe enttäuschten Mannes auf seiner ziellosen Reise durch eine erstarrte Winterlandschaft beschreibt – eine Reise, die keine Rückkehr kennt. Die 24 Lieder zu Gedichten Wilhelm Müllers wirkten für die Ohren der Zeitgenossen im biedermeierlichen Wien um 1827 allzu hoffnungslos und depressiv – der Komponist selbst nannte sie einen »Kranz schauerlicher Lieder«.

Hans Zender sucht in seiner komponierten Interpretation nicht nach einer neuen expressiven Deutung des Liederzyklus‘, sondern nach der eigentlichen Intention, die auch im politischen und gesellschaftlichen Kontext ihrer Entstehungszeit betrachtet werden muss. Er zeigt Brüche auf, vergrößert Kontraste und verschärft Akzentuierungen. Mittels Dissonanzen, Montagen, Abbrüchen, Wiederholungen und verfremdeten Klangeffekten durchbricht der Komponist die ästhetische Routine der Klassiker-Rezeption, sodass die WINTERREISE (für uns heute) wieder so ungewohnt klingt wie das Original für die Hörer zur Zeit ihrer  Entstehung.

Fasziniert von der Synthese aus Tradition und Moderne, übersetzt Hans Henning Paar die Metaphern des Stückes in eine klare, auf das Wesentliche reduzierte Bewegungssprache. Durch die Integration des Sängers in das Tanzgeschehen entsteht ein unvergleichlich bildhaft-dramatisches Gesamtwerk.

Musikalische Leitung: Thorsten Schmid-Kapfenburg
Inszenierung & Choreografie: Hans Henning Paar
Bühne: Bernhard Niechotz
Kostüme: Isabel Kork
Dramaturgie: Esther von der Fuhr

Mitwirkende:
Maria Bayarri Pérez, Adam Dembczy?ski, Jason Franklin a.G., Fátima López García, Angela Guaccio a.G., Andrea Landolfi a.G., Kana Mabuchi , Matteo Mersi , Ako Nakanome , Tarah Malaika Pfeiffer , Adrián Plá Cerdán, Elizabeth Towles , Holly Vallis a.G., Leander Veizi, Keelan Whitmore, Gesang:  Robert Sellier a.G. und dem Sinfonieorchester Münster

Öffenliche Probe
Donnerstag, 10. Januar, 19.00 Uhr, Großes Haus

Weitere Vorstellung im Januar:
Samstag, 26. Januar, 19.30 Uhr, Großes Haus

Vernissage BEHIND THE CURTAIN
»Seit Ende 2016 begleitet der Fotograf Michael Johann Dedeke für seine neue Ausstellung BEHIND THE CURTAIN das Tanztheater Münster. Abseits der großen Bühne – von Bauproben über unzählige Stunden im Ballettsaal bis zu Generalproben – hat er sich dem Universum TanzTheaterMünster und seinen Protagonisten vorsichtig angenähert und die unterschiedlichen Facetten festgehalten. Über 30.000 Fotos sind so innerhalb der letzten drei Jahre entstanden, außerdem zahlreiche Interviews sowie der gleichnamige Film zur Fotoausstellung« (Martina Cwojdzinski in: Stylus 3/18)

Samstag, 19. Januar, 22.00 Uhr, Oberes Foyer

—| Pressemeldung Theater Münster |—

Halle, Theater Halle, Fidelio von Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 20.09.2017

September 21, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Theater und Orchester Halle

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Bühnen Halle

Oper Halle © Bühnen Halle / Falk Wenzel

Oper Halle © Bühnen Halle / Falk Wenzel

Fidelio von Ludwig van Beethoven

„Das „narzistische“ Stadttheater. Volten über das Thema Freiheit“

Von Guido Müller

Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

Ludwig van Beethoven in Bonn © IOCO

Wenn es im Fidelio was zu Lachen gibt, Slapstick, humanistischer und kapitalismuskritischer Ernst um einen diffizilen Freiheitsbegriff nebeneinander liegen, dann hat sich das derzeitige Enfant terrible des Kulturlebens der Händelstadt und Opern-Intendant Florian Lutz der feierlichen Sache von Beethovens musikalisch heterogener, mit dramaturgischen und textlichen Schwächen behafteter Hymne auf Gattentreue und Freiheit angenommen.

Diese Inszenierung stellt das sonst kaum reflektierte abstrakte Problem der Endfassung von Fidelio ins Zentrum, dass die Rettung des Individuums (Staatsgefangener Florestan) und die Erringung der Freiheit nicht durch die Frau (Leonore bzw. Fidelio) sondern letztlich in fast religiöser Überhöhung („Heil!“) nur durch eine höhere politische Macht (der Auftritt des „Ministers“) und Gerechtigkeit wie Wiederherstellung der (alten?) Ordnung ermöglicht wird.

Die „Große Oper“ Fidelio befragt den Freiheitsbegriff in allen Facetten. Und das gelingt dem Team um Florian Lutz durch eine sehr sinnliche, kurzweilige, vor Einfällen sprühende, überaus opulent ausgestattete und vor allem zum Schluß der Oper oft die Aufmerksamkeit durch die Reizüberflutung der Video- und Texteinspielungen überfordernde Inszenierung.

Im zweiten Aufzug tritt das selbstironisch gezeichnete Ebenbild des in seinem Büro Akten und Bilanzen wälzenden und zugleich die Oper Fidelio mit der Darstellerin der Leonore inszenierenden Intendanten Florian Lutz gleich selber auf als Florestan, zusammen mit Kopien seiner beiden Dramaturgen im Kerker des kapitalistischen Effizienz- und Spardrucks auf die Kultur: „Oh welch Dunkel hier“. Der singende, inszenierende und managende Intendant in einer Person. Ironischer Stadttheater-Narzismus. Von Depression keine Spur.

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Bereits zu Beginn der Oper hatte der kulturpolitische Manager-Geschäftsführer im üppigen Ancien-Regime-Kostüm mit Allonge-Perücke (Don Pizzaro: Gerd Vogel) über Video seine neoliberale Botschaft vom Ende des Wohlfahrts- und Kulturstaats verkündet: und somit auch vom Ende des „narzistischen Stadttheaters“ – ein Seitenhieb auf den Aufsatz des Geschäftsführers der Theater, Oper und Orchester Halle GmbH Rosinski über das „depressive Staatstheater“. Anschließend beim Gefängnispersonal vulgo Sängerpersonal des Stadttheaters setzt er es gleich auf der Bühne durch Freistellungen in die Praxis um

Mit diesem Kunstgriff der aktualisierten Zwischentexte, teilweise auf Videos, die sich im Subtext der kulturpolitischen Diskussion um die Oper Halle und die neue künstlerische Leitung beziehen, umgeht der Regisseur die Peinlichkeiten des Urtextes der Oper. Allerdings thematisiert Lutz bewußt mit einer Parodie auf die TV-Sendung „Bares für Rares“ neue Peinlichkeiten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens im marktbestimmten Zeitalter des Ausverkaufs von Kultur und Geschichte.

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Diese Inszenierung nimmt zunächst nichts ernst außer der totalen Kunstform Oper, verkörpert in erster Linie durch die ergreifend und differenziert gerade auch im Lyrischen singende und die Lichtgestalt der Oper bravourös verkörpernde Anke Berndt als Leonore. Wie schon in ihren Wagner-Partien gefällt mir an dieser seit vielen Jahren dem Ensemble der Oper Halle angehörenden Sängerin ganz besonders, dass ihre Stimme nie dramatisch drückt sondern immer im Belcanto bleibt.

Zur Ouvertüre bricht sie im auf den Vorhang projezierten Video (Iwo Kurze) aus dem Opernhaus Halle aus in ihrer 30 Kilo schweren Rokoko-Prachtrobe (Kostüm: Andy Besuch) und mit riesigem Haaraufbau und irrt durch Halle und Schloßparks auf der Suche nach ihrem Mann Florestan im Gefängnis.

Das naturalistische Bühnenbild von Martin Miotk zeigt im ersten Aufzug ein schönes malerisches Piranesi-mäßiges Gebäude mit großer Treppe, Eisentoren und herumliegenden Skeletten. Eine Augenweide als wirklich prächtiges Staatsgefängnis! Leonore entschlüpft dem tollen Rokokokostüm, das in den Schnürboden gezogen wird und später zur Rettung der Kultur versteigert wird. Sie verkleidet sich als Mann um im Gefängnis arbeiten zu können.

Zur Rettung ihres Mannes sollte Leonore als Fidelio dann später im eleganten Gehrock der Beethoven-Napoleon-Zeit im zweiten Aufzug in den Kerker des im Untergeschoss liegenden Intendantenbüros eindringen. Dort zeigt sie sich durch die heutigen Interieurs von laufendem TV und Smartphone stark verstört. Oper nicht nur mit doppeltem Boden.

Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth

Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth

Schließlich erschießt Leonore dort im wehenden Negligé à la Wilhelmine Schröder-Devrient, einer berühmten Verkörperung der Rolle im 19. Jahrhundert, nicht nur den Tyrannen Pizarro sondern gleich danach alle Darsteller auf der Bühne einschließlich des Intendanten Florian ( Lutz ) alias Florestan. Ende der Oper?

Nein, dies ist nur eine der zahlreichen dialektischen und spielerischen Volten, die der Regisseur zunächst zum Amüsement und dann zur wachsenden Verwunderung und Empörung von Teilen des Publikums in dieser Inszenierung schlägt.

Florian Lutz zitiert damit sowohl ironisch das optisch opulente alte Opernspektakel eines Jean-Pierre Ponnelle, Otto Schenk oder Michael Hampe, das gar als verstaubtes Totengerippe auch Marzelline mal zum Tänzchen im wunderschön gemalten Kulissengefängnishof dient. Genauso nimmt er auch die Mätzchen des Regietheaters beispielsweise mit dem hundertfach abgedroschenen Chor der Herren im taubenblauen Blazern mit Smartphone und Aktenkoffer auf die Schippe, der als Touristengruppe den Gefangenenchor mit Kopfhörern und Textblättern singend und staunend das Gefängnis besichtigt. Eine Parodie auf die vielen Männerchor-Festkonzerte, in denen die „Hits“ der Gefangenenchöre von Beethoven oder Verdi so schmalzig wie gedankenlos zum Besten gegeben werden

Florian Lutz ist ein dezidierter Gegner des überintellektuellen Dramaturgen-Regietheaters. Ich würde ihn eher als post-postmodernen Regisseur mit fast barock-rheinischer Lust an Sinnlichkeit und intellektuellem Spiel bezeichnen, wenn es denn eine Schublade sein soll. Bereits 2012 schrieb in der „Deutschen BühneDetlev Brandenburg anlässlich der Bonner „Norma“ Inszenierung von Florian Lutz über diesen Inszenierungsstil: Frank Castorf begann früh damit, Stadttheater-Inszenierungen zu Theaterspektakeln von so radikaler Unmittelbarkeit zu machen, dass der Text nur noch sehr weit im Hintergrund das Geschehen inspirierte. Und Regisseure wie Christoph Marthaler, Nicolas Stemann, Stefan Pucher, Matthias Hartmann oder in der Oper Hans Neuenfels, Peter Konwitschny, Sebastian Baumgarten oder Florian Lutz sprengen das Erzählkontinuum durch heftig und unverhofft über die Zuschauer hereinbrechende ästhetische Ereignisse, die ihre Inszenierungen gleichsam performativ aufladen.“ Ich sehe Florian Lutz durchaus in diesem Zusammenhang, auch wenn manche ihn gerade in Mitteldeutschland nicht in einer Linie mit dem „guten“ „alten“ Peter Konwitschny sehen wollen.

Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth

Theater Halle / Fidelio © Detlef Kurth

Zum großen feierlich oratorienmässigen Schlußtableau des Fidelio (Chor und Extrachor grandios einstudiert von Rustam Samedov) tritt der Deus-ex-machina-Minister Don Fernando auf, verkörpert vom sowohl balsamisch wie auch autoritär markant singenden und in der Oper Halle in vielen Rollen bewährte Bass Ki-Hyun Park. Da denkt man unverzüglich, ob auch die in argen finanziellen Nöten steckende Theater-Opern-Orchester-Halle-GmbH am Ende durch ein Eingreifen des Landes Sachsen-Anhalt gerettet wird.

Dazu werden ununterbrochen vor dem Chor, der in eleganter und opulenter Ancien-Regime-Garderobe mit hohen Perücken auf dem Podest gestaffelt ist, und vor den davor posierenden Solisten auf den durchsichtigen Gazevorhang in Videosequenzen Stimmen und Texte von Bürgern in Halle zu ihren individuellen Begriffen und Erfahrungen von und mit Freiheit und Beziehungen eingespielt. Diese starke Collage zur Musik hat mich in der Wechselwirkung ganz stark berührt.

Das löste sichtlich bei einem Teil der Zuschauer ganz andere emotionale Reaktionen aus, die empört brüllen „Wir wollen Musik hören!“ oder „Das ist nicht Beethoven!“ Einen solchen Opernskandal hat das Opernhaus Halle schon lange nicht mehr erlebt. Mit diesem Spiegel der sehr persönlichen Meinungen von Menschen auf den Straßen von Halle in den Videos entwickeln einige Besucher sichtlich großes Unbehagen. Als sich das Regieteam um Florian Lutz daher zum Schlußapplaus dem Publikum stellt, wird es mit zahlreichen Buh-Rufen empfangen, auf die laute Bravo-Rufe und starker Beifall antworten.

Christopher Sprenger leitet die Staatskapelle Halle mit frischem und geschwinden Zugriff passend zur Inszenierung. Das Pathetische wird durchgängig vertrieben, schon indem auf die sonst immer als Zwischenmusik vor dem Schlußbild verwandte dritte Leonoren-Ouvertüre mit dem berühmten Trompetensignal verzichtet wird. Während zu Beginn die Bläser schon mal leicht wackeln gelingt der Schlußchor mit dem Orchester trotz schwieriger Sichtverhältnisse grandios abgestimmt und überwältigend schön musiziert. Das zeigt Sprengers Begabung in der Koordinierung großer Chorszenen mit den Solisten und dem Orchester, die er schon im Luther-Projekt mit den Bach-Kantaten an der Oper Halle gezeigt hatte.

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Theater Halle / Fidelio © Falk Wenzel

Ines Lex als Marzelline singt sich mit ihrem glockenhellen Sopran und ihrer Spielfreude in die Herzen der Zuschauer und erhält den stärksten Beifall – sicherlich nicht zuletzt auch dank ihres entzückenden Zofenkostüms.  Jaquino wird von Robert Sellier sowohl als Liebhaber wie in einer akrobatischen Paketnummer als DHL-Bote sehr präsent dargestellt und differenziert gesungen. Gerd Vogel im Prachtkostüm des Pizarro und als gefährlicher kalter Geschäftsführer vermag nach leichter Unsicherheit in der Auftrittsarie, die der Premierennervosität geschuldet sein mag, das dunkle und bedrohliche Profil seiner Rolle prägnant und präsent zu verkörpern. Der einzige Gast Hans-Georg Priese in der Rolle des Florestan strahlt vor allem in seiner Auftrittsarie mit eindrucksvollem tenoralen Glanz und lyrischer Differenzierung. Er fügt sich sehr gut ins Ensemble ein.

Der Rocco von Vladislav Solodyagin liefert mit flexiblem und tonschönem Bass nicht nur eine beeindruckende Studie eines Goya-mässigen Gefängniswärters sondern auch die eines zeitgenössischen Sicherheitsbeamten.

Zum Spielzeitauftakt zeigt die Oper Halle einen unterhaltsamen und stellenweise witzigen, opulenten Fidelio, voller ironischer Anspielungen auf die kulturpolitische Gefährdung der Oper in der Saalestadt und kluger Überlegungen zum Thema Freiheit und was Kunst im 21. Jahrhundert darf. Die musikalische Qualität ist solide und zeigt die hohe Qualität des Ensembles und wird sich in den Folgevorstellungen sicher noch steigern. Unbedingte Besuchsempfehlung!

Fidelio an der Oper Halle: Nächste Vorstellungen am 24.9., 22.10., 28.10., 15.11., 9.12., 25.12.2017, 5.1., 14.1.2018

—| IOCO Kritik Theater und Orchester Halle |—

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