Hannover, Staatsoper Hannover, Gartentheater Herrenhausen – Le Vin herbé, IOCO Aktuell, 18.06.2020

Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover / Sommer Festival im Gartentheater Herrenhausen @ Robert Robinson

Staatsoper Hannover / Sommer Festival im Gartentheater Herrenhausen @ Robert Robinson

Staatsoper Hannover : 19. Juni – 12. Juli 2020
Summer Session – Gartentheater Hannover Herrenhausen

Ab 19. Juni 2020 zeigt die Staatsoper Hannover eine inszenierte Musiktheater-Aufführung live  und ist damit eines der ersten Opernhäuser in Deutschland, das nach der Hochphase der Corona-Pandemie wieder eine komplette Operninszenierung für Publikum spielt: Regisseur Wolfgang Nägele und Hannovers neuer Generalmusikdirektor Stephan Zilias erarbeiten für die Summer Session 2020 im Gartentheater Herrenhausen das Musiktheater Le Vin herbé. Darüber hinaus stellt Ballettdirektor Marco Goecke einen Ballettabend mit eigenen Choreografien zusammen, Nachwuchs-Choreograf*innen wagen erste Schritte und zwei Konzertprogramme runden das Programm ab.

Staatsoper Hannover – Summer Session 2020 im Gartentheater Herrenhausen
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Oper, Ballett und Konzerte in Herrenhausen – Das Programm

Le Vin herbé / Der Zaubertrank
Musiktheater von Frank Martin

Weltliches Oratorium in einem Prolog, 3 Teilen (18 Bildern) und Epilog. Libretto nach 3 Kapiteln aus „Le Roman de Tristan et Iseut“  („Der Roman von Tristan und Isolde“) in der Übersetzung und Wiederherstellung (1900) von Charles Marie Joseph Bédier

Die Staatsoper Hannover eröffnet das Sommerfestival in Herrenhausen mit dem Musiktheater Le Vin herbé / Der Zaubertrank von Frank Martin, einem Werk über Liebe, Schuld und Tod in schicksalhaften Zeiten, einer der tiefsten, berührendsten und traurigsten Beziehungs-geschichten: Isoldes Mutter hat ihrer Tochter für die Hochzeitsnacht mit König Marke einen Kräuterwein, Le Vin herbé, mitgegeben. Dieses magische Gebräu ist es, das Tristan, König Markes Brautwerber, und Isolde, die irische Prinzessin, in unwägbaren Zeiten zusammenführt. Irrtümlich wird beiden der Zaubertrank gereicht, und aus der Begegnung wird untrennbares Schicksal: Sie geben sich einander hin.

IOCO,  Christian Biskup, wird Le Vin herbé sehen und berichten

Le Vin herbé ist ein Stück, das aus der Zeit gefallen scheint. Schicksalhaft schwer schon die Entstehungsgeschichte: 1938 beschäftigt sich der Schweizer Komponist Frank Martin erstmals mit dem Stoff, 1939 stirbt seine Frau. Mitten im Krieg, der alle bürgerlichen Kulturtraditionen in Frage stellte, Opernhäuser und Konzertsäle zerstörte, entstand die Musik, 1948 fand bei den Salzburger Festspielen die szenische Uraufführung des Gesamtwerks statt. 12 Sänger*innen, sieben Streichinstrumente und Klavier kreieren einen Klang von atmosphärischer Zeitlosigkeit, voll zerbrechlicher Zartheit und ausdrucksstarkem Wohllaut, mit bittersüßem, glasklarem Schimmer. Ein Kunstwerk, nicht zugehörig einer Zeit und dennoch hochmodern komponiert, unwirklich, anachronistisch.

Stephan Zilias, ab nächster Spielzeit Hannovers neuer Generalmusikdirektor, startet unverhofft und mit Kammerorchester noch vor dem Sommer in sein neues Amt:   Le Vin herbé  ist musizierte Verzauberung, intim, verletzlich, berührend. Obwohl es scheinbar undramatisch, fast etwas ritualhaft wirkt, entfaltet es eine immense Sogwirkung. Die Sängerinnen und Sänger übernehmen eine Doppelrolle, sie sind Chor und Soli zugleich. Unsere Herausforderung wird vor allem darin bestehen, unter den gegebenen Umständen in den Gärten eine klangliche Homogenität herzustellen und einen innigen Musizierton zu finden.“

Regisseur Wolfgang Nägele inszeniert im Sonnenuntergang der Herrenhäuser Gärten. Zu seinen Regiearbeiten zählen Musiktheater- und Schauspielinszenierungen, Stückentwicklungen und Uraufführungen u. a. an der Bayerischen Staatsoper, der Hamburgischen Staatsoper, der Musikbiennale Venedig und der Philharmonie Luxemburg. „Frank Martins Le Vin herbé ist episches Theater und gleichzeitig eine tief berührende, sinnliche Nahaufnahme zweier Liebender, die einander auf Grund moralischer Restriktionen entsagen und dennoch nicht aufhören können sich nacheinander zu sehnen. Dieser Spannung zwischen Nähe und Distanz, zwischen Sehnsucht und Isolation lässt sich gerade besonders gut nachspüren.“

Termine Fr 19.06.2020 21 Uhr Premiere, weiter Termine So 21.06.2020, 21 Uhr, Mi, 24.06.2020, 21 Uhr, Fr 26.06.2020, 21 Uhr, So 28.06.2020, 21 Uhr, Sa 04.07.2020, 21 Uhr, Mi 08.07.2020, 21 Uhr, Fr 10.07.2020, 21 Uhr So 12.07.2020, 21 Uhr  Weitere Informationen und Karten HIER!

Das weitere Programm im Gartentheater Herrenhausen

All you can dance —  Junge Choreograf*innen in Herrenhausen

Acht Tänzer*innen des Staatsballetts Hannover werden im Rahmen von All you can dance erste Erfahrungen als Choreograf*in haben: Alessandra La Bella, Francisco Baños Diaz, Giovanni Visone, Javier Ubell, Lilit Hakobyan, Michèle Seydoux, Veronica Segovia Torres und Rosario Guerra. Choreograf*in zu sein bedeutet mehr, als sich „nur“ Schrittfolgen auszudenken. Neben der Entscheidung, mit welchen Tänzer*innen man zusammenarbeiten möchte, geht es auch um die Wahl der Musik, die Planung der Proben sowie um Kostüm, Licht und die Nutzung des Raums   in diesem Fall des Gartentheaters Herrenhausen.

Termine Mi 01.07.2020, 21 Uhr, Do 02.07.2020, 21 Uhr, Weitere Informationen und Karten

We’ll meet again  –  Ballettabend mit Choreografien von Marco Goecke

Das Staatsballett zeigt im Gartentheater sechs Choreografien von Marco Goecke. Darunter sind mit Cry Boy und Tué zwei Solo-Kreationen, die erstmals in Hannover aufgeführt werden.

Termin  Fr 03.07.2020, 21 Uhr  Weitere Informationen und Karten

Staatstheater Hannover / hier : Marco Goecke, Ballett, Laura Bermann - Intendantin Staatsoper, Sonja Anders - Intendantin Schauspiel @ Staatstheater Hannover

Staatstheater Hannover / hier : Marco Goecke, Ballett, Laura Bermann – Intendantin Staatsoper, Sonja Anders – Intendantin Schauspiel @ Staatstheater Hannover

Sh*t happens  – Konzertabend mit Musik von Verdi und Tschaikowski u.a.

Mit Sh*t happens gibt es ein Opernarien-Programm, das den Bässen der Staatsoper Hannover gewidmet ist. Arien von Vaterfiguren aus Opern von Giuseppe Verdi und Peter Tschaikowski werden von den Ensemblemitgliedern Shavleg Armasi, Pavel Chervinsky und Daniel Miroslaw gesungen. Und wo russische und italienische Väter klagen, sind deren unglückliche Kinder nicht weit: Die Sopranistin Barno Ismatullaeva und der Tenor Long Long brillieren mit Arien aus dem Repertoire des 19. Jahrhunderts – aus der Position der Töchter und Söhne.

Termine  –  Sa 20.06.2020, 21 Uhr, Sa 27.06.2020, 21 Uhr, Do 09.07.2020, 21 Uhr
Weitere Informationen und Karten

Tanzen! Singen! Küssen!  –  Operettenabend mit Musik und Liebe auf Abstand

Wenn viele liebenswerte Vergnügungen während einer Pandemie nicht mehr möglich sind, bedeutet das nicht, dass der Wunsch danach verschwindet: Der Konzertabend Tanzen! Singen! Küssen! ist ganz der Sehnsucht gewidmet, sich endlich wieder berühren, über Zimmerlautstärke hinaus singen … und nicht nur den*die Ehepartner*in küssen zu dürfen.

Termine  –  Do 25.06.2020, 21 Uhr, So 05.07.2020, 21 Uhr, Sa 11.07.2020, 21 Uhr
Weitere Informationen und Karten

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Rund 200 Plätze können unter Einhaltung aller Hygiene- und Sicherheitsvorschriften im Gartentheater angeboten werden.  Die Staatsoper Hannover hält sich für die Vorstellungen konsequent an die geltenden Verordnungen für die weitere Eindämmung der Corona-Pandemie. Alle Vorstellungen finden darum unter strengen Schutz-und Hygienemaßnahmen statt.

Bitte halten Sie sich während Ihres Theaterbesuchs an die allgemeinen Empfehlungen zur Prävention des Robert Koch-Instituts. Wahren Sie bitte auch aus Rücksicht auf die anderen Besucher*innen und Mitarbeiter*innen die Nies- und Hustenetikette, und halten Sie bitte den Mindestabstand von 1,5 m zu anderen Menschen, die nicht zu Ihrem eigenen oder einem weiteren Hausstand gehören, ein. Vor Ort erinnern Hinweisschilder und unser Abendpersonal an unsere Hygieneregeln. Hier können Sie unser Hygiene-Knigge herunterladen.

—| Pressemeldung Staatsoper Hannover |—

Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Noverre – Exponate Junger Choreographen, IOCO Kritik, 28.04.2017

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Stuttgarter Ballett | Oper Stuttgart

Stuttgart Opernhaus © A.T. SchaeferStuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgarter Ballett

Angstfrei und selbstbewusst ins Ballett von Morgen
„Junge Choreografen“ begeistern im Stuttgarter Schauspielhaus

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Von Peter Schlang

Der in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts am Hofe des kunstsinnigen Herzogs Carl Eugen von Württemberg wirkende französische Ballett-Pionier Jean Georges Noverre (Die Ballettwelt gedenkt am 29. April 2017 seines 290. Geburtstags.) wurde 1958 in Stuttgart zum Namensgeber einer Einrichtung, die in den nunmehr 59 Jahren ihres Bestehens unschätzbare Beiträge zur Förderung des modernen Tanzes und des Balletts geleistet hat und aus dem Kulturleben in Baden-Württemberg, ja Deutschlands, nicht mehr wegzudenken ist.

Ursprünglich mit dem Ziel gegründet, Wissen um den Tanz zu vermitteln und dieses zu erweitern, ist die Noverre-Gesellschaft, die sich selbst mit dem eher schwäbisch-bescheidenen Untertitel „Freunde des Balletts“ erklärt, spätestens seit 1961 einer der innovativsten Akteure und Förderer auf dem Gebiet der Choreografie und moderner Tanzideen. In jenem Jahr riefen nämlich ihr Gründer und langjährige Vorsitzende Fritz Höver und der Vater des Stuttgarter Ballettwunders, John Cranko, die seitdem jährlich im Frühjahr präsentierte Reihe „Junge Choreografen“ ins Leben.

Sie beglückt nicht nur an nur zwei Abenden ein immer größer werdendes und ungeduldiger auf die Neuausgabe wartendes tanzbegeistertes Publikum, sondern zieht auch Tanzexperten und Ballett-Verantwortliche aus allen Ecken Deutschlands, ja Europas an. Längst hat sich nämlich herumgesprochen, dass bei diesem Ereignis etliche der kommenden Choreografie-Stars ihre Erstlings-Entwürfe vorstellen oder zum zweiten oder wiederholten Mal eine Arbeit vor einem fachkundigen Publikum präsentieren. Entsprechend lang und illuster ist die Liste der Choreografinnen und Choreografen, für welche die Stuttgarter Reihe „Junge Choreografen“ zum Sprungbrett in eine internationale Karriere als Choreograf und Ballettleiter wurde: Pina Bausch, Bridget Breiner, William Forsythe, Marco Goecke, Jirí Kylián, John Neumeier, Uwe Scholz, Christian Spuk und Demis Volpi starteten einst als Noverre-Novizen und wurden für unzählige Tänzer und Nachwuchs-Choreografen Vorbild und Ansporn.

In diesem Jahr wurden aus der langen Liste junger und teilweise bisher unentdeckter Choreografie-Talente neun Mitglieder der Stuttgarter Compagnie und drei auswärtige Gäste – Guilherme Carola von der Akademie des Tanzes in Mannheim, Dustin Klein vom Bayerischen Staatsballett in München und Tadayoshi Kokeguchi vom Ballet de  l´Opéra de Lyon – für würdig befunden, an diesem Schaulaufen des Choreografie-Nachwuchses teilzunehmen. Sie hatten für die zwei Aufführungen am 20. und 21. April neun Uraufführungen und eine Stuttgarter Erstaufführung vorbereitet und erhielten somit die absolut realitätsnahe Chance, ihr Arbeiten unter „Echt-Bedingungen“ vorzustellen – ganz nach der Maxime John Crankos: „Choreographen brauchen Licht, Bühne, Tänzer, Kostüme, Probenzeit und nicht zuletzt: ein Publikum, das sich die Stücke ansieht.“

Stuttgarter Ballett / Noverre - Venus Choreograf Noan Alves © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – Venus Choreograf Noan Alves © Roman Novitzky

Einzige Bedingung für alle Teilnehmenden ist die Länge ihres Balletts, welche 12 Minuten nicht überschreiten darf. Weitere Besonderheiten dieses Tanz-Ereignisses sind, dass sich die jungen Autorinnen und Autoren selbst um alles Details der Aus- und Aufführung kümmern müssen, also sowohl für die Bühne und die Kostüme verantwortlich zeichnen als auch z. B. die Lichtregie selbst entwerfen müssen.
Aber nicht nur an die Schöpfer der Tanzvorlagen stellen diese Abende der Noverre-Gesellschaft allerhöchste Anforderungen. Auch die ausführenden Tänzerinnen und Tänzer, von denen einige Mitglieder der Stuttgarter Compagnie mehrmals auftreten, stehen vor einer besonderen Aufgabe, und selbst für das Publikum stellt die Fülle von Entwürfen und Ideen, die in zwei Fünferblocks mit einer jeweils höchstens zweiminütigen Umbaupause im zweimal total ausverkauften Stuttgarter Schauspielhaus vorgestellt wurden, eine gewisse Herausforderung dar.

Die erste Arbeit stammte in diesem Jahr von Noan Alves, der mit seinem Noverre-Erstling Venus eine Verbeugung vor der Rolle der Frau, ja dem Weiblichen überhaupt macht. Er schickt dabei vier wie Schwestern wirkende Tänzerinnen durch eine kleine Reise durch die Tanzgeschichte und verknüpft dabei klassische Zitate mit modernen, teilweise leicht akrobatisch anmutenden Elementen.

 Stuttgarter Ballett / Noverre - Fraternal / Stories Choreograf Alexander McGowan, Enes Comak © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – Fraternal / Stories Choreograf Alexander McGowan, Enes Comak © Roman Novitzky

Seine Stuttgarter Compagnie-Kollegen Alexander Mc Gowan, der bereits zum zweiten Mal bei den „Jungen Choreografen“ gastierte, und Enes Comak wagten sich mit ihrem zweiteiligen Entwurf Fraternal/Stories schon etwas mehr in die Moderne vor. Ihre an Breakdance und an Marco Goecke erinnernden Bewegungen und Figuren, denen sie als Tänzer höchstpersönlich Leben einhauchten, gewannen durch eine beeindruckende Lichtregie weiter an Wirkung.

Auch Alisa Scetinina gehört seit der vergangenen Spielzeit dem Stuttgarter Corps de Ballett an und setzte ihre Choreografie Intact zusammen mit ihrem Kollegen Shaked Heller selbst in Tanz um. Dabei verdienen nicht nur die zahlreichen höchst fesselnden Studien zum pas de deux Erwähnung, sondern vor allem auch der Umstand, dass die Choreografin laut Programmheft selbst die Musik zu ihrem Ballett komponiert hatte.
Alessandro Giaquinto, ebenfalls Stuttgarter Noverre-Debütant, sorgte bei seiner von drei Tänzerinnen vorgetragenen Elegia nicht nur durch das darin angesprochene Thema Abschied und Sterben für Aufmerksamkeit, sondern ließ auch durch seine „Musikauswahl“, die Verbindung von Strawinskys Elegy for a solo viola mit dem von Giuseppe Ungaretti hinreißend vorgetragenen Gedicht Sono una creatura, regelrecht aufhorchen.

Für einen weiteren Höhepunkt vor der Pause sorgte der erste Gast der diesjährigen Aufführungen, der an der Oper in Lyon tanzende Tadayoshi Kokeguchi, der dort bereits mehrfach als Choreograf auf sich aufmerksam gemacht hat. Mit seinen zu Johannes Brahms erster Cello-Sonate geschaffenen Fences stellte er das längste Stück des Abends vor, in dem er die zwei Tänzerinnen und Tänzer – darunter er selbst – zu ganz unterschiedlichen Tableaus und bildhaften Formationen gruppierte. Für diesen faszinierenden Entwurf mit seinen überzeugenden psychologischen Studien und häufigen filmischen Adaptionen und Anspielungen wurde sein Schöpfer vom vollen Haus mit begeistertem, lang anhaltendem rhythmischem Applaus bedacht.

 Stuttgarter Ballett / Noverre - A drop of ocean Choreograf Pablo von Sternenfels © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre – A drop of ocean Choreograf Pablo von Sternenfels © Roman Novitzky

Eine Besonderheit an Pablo von Sternenfels‘ A drop of ocean, mit dem der Stuttgarter Halbsolist den zweiten Teil des Abends eröffnete, war nicht nur die Tatsache, dass der Schöpfer dieses Werks auch die Rolle des ausführenden Tänzers übernommen hatte. In jeder Hinsicht Augenweide wie Ohrenschmaus war vielmehr die musikalische Seite dieses Beitrags, für welche der Choreograf seinen Bruder Santiago an Saxophon und Wasserschlauch und die singende Kontrabassistin Fuensanta Mendez zu sich auf die Bühne geholt hatte. Großartig zu verfolgen, wie die fulminant dargebotenen Tanzbewegungen dieses Ausnahmetalents, zu denen er seinen Oberkörper häufig in Bodennähe oder knapp darüber bewegte, mit dem jazzigen und groovenden Sound der beiden Musiker amalgamierten. Nicht selten stellte sich dabei dem faszinierten Beobachter die Frage, wer bei diesem Trio nun Maß und Takt vorgab, der Tänzer oder seine Partnerin am Kontrabass.

Der nächste Beitrag stammte von der zweiten zu diesem Abend eingeladenen jungen Choreografin, der sich noch im Stadium einer Elevin befindlichen gebürtigen Italienerin Aurora de Mori. In ihrem Devenire anima zu Musik von Arvo Pärt schöpft sie alle Möglichkeiten aus, die sich zwei Tänzerinnen und drei Tänzern bieten und bietet flüssiges und sehr empathisches Tanztheater, das sehr stark auf klassische Elemente baut.
Kaum krasser konnte der Gegensatz zum folgenden Stück sein, das wiederum von einem Gast kreiert worden war, von Dustin Klein aus München Zu typisch bayrischer Volksmusik lässt der seine beiden Tänzerkollegen Nikita Kotkov und Ilia Sarkisov alle Register der Tanzkunst ziehen, wobei es der Fantasie der Zuschauer überlassen bleibt, was diese in diesen turbulenten, abwechslungsreichen zehn Kraftminuten am ehesten sehen, eine Parodie auf bayrisches Brauchtum oder eine Verballhornung des klassischen Ballettbetriebs. Jedenfalls tobte das Stuttgarter Schauspielhaus nach dieser Vorführung sicherlich nicht weniger als ein Münchner Oktoberfestzelt.

Nach dieser furiosen Präsentation ließen die beiden auch als Tänzer agierenden Stuttgarter Compagnie-Mitglieder Robert Robinson und Adam Russell-John das Publikum und dessen aufgeheizte Sinne mit ihrem vom gleichnamigen Song von Jarvis Cocker und Chilly Gonzales begleiteten Room 29 wieder etwas zur Ruhe kommen.

Stuttgarter Ballett / Noverre2017 - E=mc² - Tänzer des Ballettstudio Karlsruhe - Choreograf Guilherme Carola © Roman Novitzky

Stuttgarter Ballett / Noverre2017 – E=mc² – Tänzer des Ballettstudio Karlsruhe – Choreograf Guilherme Carola © Roman Novitzky

Den Schlusspunkt dieses begeisternden Abends mit dem Schaulaufen großer Choreografie-Talente setzte der an der Mannheimer Akademie des Tanzes studierende Guilherme Carola, der mit diesem letzten Stück sicherlich den schwierigsten Part des Abends zu bewältigen hatte. Sein nach Einsteins Formel E=mc² benanntes Stück für einen Tänzer und vier Tänzerinnen versucht mit den Mitteln des Tanzes, hinter die Geheimnisse von Mathematik und Physik zu kommen. Dabei spürt er genauso der Faszination eines Stoffes und Themas nach, wie er untersucht, weshalb andere Menschen davon abgestoßen oder zumindest kalt gelassen werden.

Das Schluss-Defilee führte noch einmal alle anwesenden elf zukünftigen Choreografie-Stars auf der Bühne zusammen, wo sie sichtlich und verdient den tosenden Applaus des zwar ermüdeten, aber noch immer begeisterten Stuttgarter Ballett-Publikums genossen.

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