Chemnitz, Theater Chemnitz, Fidelio – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 01.06.2019

Juni 1, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Fidelio – Ludwig van Beethoven

Florestan, ein Mitglied der Oberklasse, ist verschwunden ….

von Thomas Thielemann

Die Oper Chemnitz hatte zur zweiten Aufführung der leider wenig beachteten klugen und sensiblen Inszenierung des Fidelio von Ludwig van Beethoven eingeladen. Auch um das desaströse Bild der Stadt in den Medien etwas gerade zu rücken. Eventuell wollte das Haus einen Beitrag zur Deutung des eigentlich unmöglichen Wahlverhaltens der Sachsen am letzten Wochenende leisten.

Fidelio –   Ludwig van Beethoven
youtube Trailer Theater Chemnitz
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In einer beliebigen Bananenrepublik unserer Tage ist das Mitglied der Oberklasse, Florestan, verschwunden. Seine Ehefrau Leonore nutzt skrupellos alle Möglichkeiten, um ihren Mann aufzuspüren und der Gesellschaft zurückzugeben. Da ist für sie auch legitim, in der Verkleidung als Fidelio die Treuherzigkeit des Gefangenenwärters Rocco zu missbrauchen, seine Tochter Marzelline verliebt zu machen und sogar eine Eheschließung vorzubereiten.

Theater Chemnitz / Fidelio - hier : Guibee Yang  als Marzelline © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Fidelio – hier : Guibee Yang  als Marzelline © Nasser Hashemi

Soweit ist die Inszenierung von Robert Lehmeier mit ihrer guten Personenführung fast konventionell. Den ersten Akt mit der Vorbereitung einer Grillparty zu verbinden, bis dann die robusten Personenschützer des Pizarros die Bühne übernehmen, ist nicht besonders originell. Auch dass Lehmeier die Geschichte aus der Sicht Marzellines erzählen lässt, fand ich als Zuhörer angenehm. Denn die oft von Sängern gestammelten Rezitative und Dialoge zwischen den Musiknummern waren gestrichen. Stattdessen wurden die Reflexionen der jungen Frau von der guten Schauspielerinnenstimme Christine Gabsch „aus dem Off“ (so die nette die Einführung Vortragende) eingesprochen.

Lehmeiers Inszenierung schien sich damit auf die eigentlichen Verlierer des Geschehens Marzelline, Rocco und Jaquino zu bewegen, als die Robert-Schumann-Philharmonie unter der beeindruckenden Leitung des „assistierenden Kapellmeiste“ Jakob Brenner mit der Leonoren Ouvertüre Nr.2 (von 1805) mit einem musikalischem Höhepunkt des Abends das Finale vorbereitete.

Der Vorhang öffnete sich: statt der bis zu dieser Phase des Geschehens dunklen Farben über-raschte Robert Lehmeier sein Publikum mit einem vorwiegend vertikal angeordnetem gewaltigen Statisterie Aufgebot in bunter „Verkleidung“, fast regungslos nur mit einer der Pantomime entlehnten Armbewegung.

Vor diesem offensichtlich desinteressierten aber auch unbeachteten statischen Winke-Volk lässt Lehmeier die berühmte Schlussszene als „Friede-Freude-Eierkuchen“ in zugegebenermaßen hoher musikalischer Qualität ablaufen, indem sich der Minister, Leonore, Florestan mit Chorbegleitung gegenseitig befeiern. Dazu am rechten Bühnenbereich die „Verlierer“ Marzelline, Rocco, Jaquino.

Theater Chemnitz / Fidelio - hier : Siyabonga Maqungo als Jaquino, Magnus Piontek als Rocco, Pauliina Linnosaari als Leonore © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Fidelio – hier : Siyabonga Maqungo als Jaquino, Magnus Piontek als Rocco, Pauliina Linnosaari als Leonore © Nasser Hashemi

Ein Opernschluss, der regelrecht im Halse stecken geblieben ist, denn, sind nicht die wahren Verlierer Jene, die nicht aus ihrer Beteiligungslosigkeit herausfinden? Mit jedem unserer Abstecher nach Chemnitz hat uns die Qualität, wie dort musiziert und gesungen wird, gefallen. Die Robert-Schumann-Philharmonie als guter Sinfoniker und Sänger-begleiter über-zeugte diesmal mit der aufmerksamen Leitung des „assistierenden Kapellmeisters“ Jakob Brenner.

Eine sängerisch-schauspielerisch auch emotional bewegende Leistung bot die Koreanerin Guibee Yang vom Hausensemble als Marzelline. Spröder und gewollt distanzierter war eine stimmgewaltige Leonore der finnischen Sopranistin Pauliina Linnosaari zu erleben. Der Petersburger Viktor Antipenko ist seit seinen Einsätzen im Ring für das Haus ein häufiger und zuverlässiger Tenor-Gast. Stimmgewaltig erwies sich gleichfalls der ungarische Gast Kristián Cser in der Rolle des Pizarro. Über derart zuverlässige Ensemblemitglieder, wie Magnus Piontek (Rocco) und Siyabonga Maqungo (Jaquino), verfügt auch nicht jedes Opernhaus. Florian Sievers als erster Gefangener und André Eckert sowie Andreas Beinhauer vervollständigten die Sänger-Riege.

 Fidelio am Theater Chemnitz; die weiteren Vorstellungen 15.6.; 23.6.2019

—| IOCO Kritik Theater Chemnitz |—

Mönchengladbach, Theater Krefeld Mönchengladbach, Lohengrin & Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, Januar 2018

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Mönchengladbach © Matthias-Stutte

Theater Mönchengladbach © Matthias-Stutte

Premieren –  Lohengrin von Richard Wagner

 Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

Das Jahresende rückt näher – eine gute Gelegenheit, um einmal inne zu halten und in Ruhe frische Pläne für das neue Jahr zu schmieden. Das Theater sollte auf jeden Fall Platz in Ihrem Kalender finden:

Besuchen Sie zum Jahresbeginn Wagners Lohengrin und Michael Nymans Kammeroper Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte Von einem „Wagner-Wunder am Niederrhein“ war in der Presse zu lesen anlässlich der Premiere von Lohengrin am Krefelder Theater in der letzten Saison. Auch bei der Gastspielreise des Gemeinschaftstheaters in Estland wurde die Inszenierung frenetisch gefeiert. Ab Samstag, den 20. Januar 2018 ist die Oper in der Regie von Robert Lehmeier am Theater Mönchengladbach zu erleben.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Lohengrin © Thomas Esser

Theater Krefeld Mönchengladbach / Lohengrin © Thomas Esser

– Das Gemeinschaftstheater ist in der glücklichen Lage, alle anspruchsvollen Solistenpartien aus dem eigenen Ensemble besetzen zu können. Für den herausfordernden Chorpart dieser Oper werden 70 Sängerinnen und Sänger aufgeboten durch den Haus- und Extrachor sowie durch professionelle „Wagner-Choristen“.

Theater Krefeld Mönchengladbach / Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte © Thomas Esser

Theater Krefeld Mönchengladbach / Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte © Thomas Esser

Ab Mittwoch, dem 31. Januar 2018 wird Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte von Michael Nyman am Theater Mönchengladbach aufgeführt: Dr. P., ein Sänger und Gesangslehrer, hat zunehmend Schwierigkeiten damit, Gesichter und Gegenstände wiederzuerkennen. Der Neurologe Dr. S. diagnostiziert visuelle Agnosie, auch „Seelenblindheit“ genannt. Verblüfft ist der Arzt von Dr. P.’s Methode, sich trotz seiner Erkrankung im Alltag zurechtzufinden: Er verknüpft jede Tätigkeit mit Musik. – Die Inszenierung (Regie: Robert Nemack) dieser 70minütigen Kammeroper findet auf der Großen Bühne statt, auf der auch die Zuschauer Platz nehmen.

—| Pressemeldung Theater Krefeld Mönchengladbach |—

Oldenburg, Oldenburgisches Staatstheater, Premiere CARMEN, 27.05.2017

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Oldenburgisches Staatstheater

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

CARMEN von Georges Bizet

Text von Henri Meilhac, Ludovic Halévy, nach Prosper Mérimée

Sa 27. Mai 2017 um 19.30 Uhr, weitere Vorstellungen: Do 01., Sa 03., Mi 07., Mi 14., Sa 17., Mi 21. und Sa 24. Juni, jeweils um 19.30 Uhr – Wiederaufnahme am 20. August 2017,  Soiree: Mo 22. Mai, 18.15 Uhr, Foyer und Großes Haus; Eintritt frei

Grabmal Georges Bizet © IOCO

Grabmal Georges Bizet © IOCO

Sobald der Soldat Don José ihr endlich bedingungslos verfallen ist, verliert Carmen das Interesse an ihm und wendet sich einem neuen Liebhaber zu. Kaum verwunderlich, dass Don José das nicht so einfach akzeptieren kann … – und was sagt eigentlich Micaëla dazu? Wer kennt sie nicht, die tragische Geschichte um die berühmteste Femme Fatale der Operngeschichte, die am Ende ihrer eigenen Leidenschaft zum Opfer fällt? Carmen ist nach der Zauberflöte und Hänsel und Gretel die weltweit meistgespielte Oper, viele der Arien haben einen Stammplatz auf den obersten Rängen der Klassikcharts – und doch hat Bizets Oper bis heute nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Das liegt neben der meisterhaften Musik und der spannungsreichen Handlung vor allem daran, dass der wesentliche Gehalt des Stücks weit über ein folkloristisches Drama hinausgeht: Wie so viele Meisterwerke erweist sich auch ‚Carmen‘ immer wieder als offenes Kunstwerk, das mit jeder szenischen Interpretation neu geschrieben wird.

In Oldenburg widmet sich diesem Werk der Regisseur Robert Lehmeier, der für seinen oftmals ungewöhnlichen Zugriff auf die Stücke bekannt ist. So gehört zu seinen aufsehenerregendsten Arbeiten die Bearbeitung von Mozarts ‚Così fan tutte‘ für zehn Männer, die in der Jahresumfrage von Theater heute als „bestes deutschsprachiges Theaterstück“ genannt wurde und an der viele bezeichnenderweise gerade die geistige Nähe zu Mozarts Original schätzten. Man darf also gespannt sein, in welchem Licht Lehmeier Bizets Oper zeigen wird, die alle hinlänglich zu kennen glauben …

Musikalische Leitung: Hendrik Vestmann; Regie: Robert Lehmeier; Bühne und Kostüme: Stefan Rieckhoff

Mit: KS Paul Brady, Ill-Hoon Choung, Evan LeRoy Johnson, Daniel Moon/Tomasz Wija, Aarne Pelkonen, Timo Schabel; Martyna Cymerman, Melanie Lang, Hagar Sharvit, Sarah Tuttle/Anna Avakian, Klanghelden Jugendchor; Opern- und Extrachor des Oldenburgischen Staatstheaters, Oldenburgisches Staatsorchester,

—| Pressemeldung Oldenburgisches Staatstheater |—

Krefeld, Theater Krefeld Mönchengladbach, Lohengrin – In irdischem Wettstreit gefangen, IOCO Kritik, 21.04.2017

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Theater Krefeld Mönchengladbach

Theater Krefeld © Matthias Stutte

Theater Krefeld © Matthias Stutte

Lohengrin von Richard Wagner

„Gral Gesandter scheitert in irdischem Streit“

Von Viktor Jarosch

Lohengrin am Theater Krefeld, Premiere 16.4.2017, weitere Vorstellungen 22.4.2017, 7.5.2017, 20.5.2017, 25.6.2017, 2.7.2017

Am Niederrhein war man gespannt. Lohengrin im Theater Krefeld, erstmals seit über 40 Jahren. Wie würde Richard Wagners Musikdrama aufgenommen werden? Kann das Orchester die sphärische Aura von Traum- und Gralswelt spürbar machen, sind die Solisten den extremen Ansprüchen der Partien von Elsa, Lohengrin, Ortrud und Telramund gewachsen, wird die Regie angenommen? Nach der Vorstellung, zur Premierenfeier, hörte ich einen Solist zu seinem Nachbarn flüstern „einen ähnlichen Beifallsturm habe ich seit vielen Jahr am Theater Krefeld nicht erlebt.“ So war es, langer starker Beifall für alle, für den neuen Lohengrin am Theater Krefeld!

Theater Krefeld / Lohengrin - Koenig Heinrich und die Edlen von Brabant © Thomas Esser

Theater Krefeld / Lohengrin – Koenig Heinrich und die Edlen von Brabant © Thomas Esser

Die Oper Lohengrin fasziniert bis heute an allen Bühnen der Welt, ein letzter Höhepunkt der romantischen Opern. Komponist Richard Wagner war zur Uraufführung 1850 an der Hofoper in Weimar, dem heutigen Deutschen Nationaltheater, nicht anwesend. Franz Liszt, damaliger Hofkapellmeister in Weimar und späterer Schwiegervater, hatte zuvor den bewunderten wie steckbrieflich gesuchten „Dresdner Revolutionär“ Richard Wagner zur Flucht in die Schweiz verholfen. Die deutscheste aller Opern Wagners offenbart in Konflikten zwischen Gralsbestimmung und irdischem Treiben eine unauflösliche Gemengelage zwischen Liebe und Leben, in der letztlich die Liebe stirbt. Der sagenumwobene mythische Gral bannte Richard Wagner über Jahrzehnte, bis zu seiner letzten Oper Parsifal. Wagners Lohengrin Komposition ist bereits revolutionär, kehrt sich ab von der Nummernoper und bringt erstmals die freie Deklamation; die Vorspiele bemalen Stimmungen; wiederkehrende Tonarten kennzeichnen die Protagonisten, A-Dur ist Lohengrin; die Orchestrierung teilt gleiche Instrumente erstmals in Gruppen welche sich trennen und wieder verschmelzen; Chöre werden zu dramatischen Akteuren. Die Dichtung der Oper speist sich aus vielen Quellen: Wagner formt seinen Lohengrin aus deutscher Geschichte, Erzählungen und deutschen Mythen; das Herzogtum Brabant der Oper ist Synonym für ein deutsches Reich; Wagners Nähe zur Revolution von 1848 ist bei der Deutung von Mythen und Realität zentraler Schlüssel. Seine Hoffnung, wenn  schon nicht die Menschen selbst, so möge uns Gott, Lohengrin oder Parsifal  schon auf Erden zum Heil führen, erfüllt sich nicht. Nicht in der Oper Lohengrin, nicht in irdischem Einerlei.

Theater Krefeld / Lohengrin - Telramund und Edle © Thomas Esser

Theater Krefeld / Lohengrin – Telramund und Edle © Thomas Esser

Die Krefelder Inszenierung des Lohengrin sucht diese Nähe zum modernen Alltag, zur Realität menschlichen Seins. Lohengrins Mystik wird als fremde, mit  irdischem unvereinbare Welt gezeichnet. So verbreitet Regisseur Robert Lehmeier Mystik meist nur zu den Vorspielen und im Nachspiel; zu den sphärischen Streicherklängen des ersten Vorspieles stehen Elsa und Thronfolger Gottfried als Kind pantomimisch stumm und regungslos vor den Vorhang, zum Nachspiel deutet Gottfried im dunklen Hintergrund der Bühne nackt, erwachsen, mit Schwert, erneut Erlösung an.  Die Realtät dominiert auf der Bühne. Alle Mystik verliert sich im ersten Bühnebild; doch nicht mit Wagners klassischem Heerbann, Gerichtseiche oder Rittern, sondern aus dem irdisch jetzigem Lebensalltag gezeichnet: Ein großer Saal mit halbrunder Tischformation in der Mitte, Bänke an den Seitenwänden; Bühne Tom Musch. König Heinrich (Matthias Wippich) grüßt mit elegantem wohlklingenden Timbre: „Gott euch euch, liebe Männer von Brabant, nicht müßig tat zu Euch ich diese Fahrt„. Er wie seine Gefolgsleute in modern geschäftlich glattem Outfit, Männer mit Krawatten, Frauen in Gehröcken (Kostüme Ingeborg Bernerth). Friedrich von Telramund, Johannes Schwärsky, ebenfalls in Business-Outfit, ließ schon mit seiner ersten Arie „Dank, König, dir, daß du zu richten kamst..“ aufhorchen;  sein kräftiger dramatisch lyrischer Bassbariton wurde von präziser Diktion begleitet. Gemeinsam mit dem bald folgendem, klangschönem Sopran von Izabela Matula als Elsa von Brabant, in buntem Frühlingskleid „Einsam in trüben Tagen hab ich zu Gott gefleht..“, war früh zu erkennen, daß zur Oper Lohengrin am Theater Krefeld ein unerwartet starkes Solistenensemble auf der Bühne steht. Doch, zu diesem Zeitpunkt, lagen noch drei Stunden komplexe Handlung vor Orchester, Chor und Solisten, wie auch den Besuchern.

 Theater Krefeld / Lohengrin - Telramund, Elsa, Lohengrin © Thomas Esser

Theater Krefeld / Lohengrin – Telramund, Elsa, Lohengrin © Thomas Esser

Lohengrin (Peter Wedd) erscheint aus dem geheimnisvollen Dunkel im Bühnenhintergrund in die irdische Wirklichkeit der vorderen Bühne: Der mystifizierende Schwan bleibt unsichtbar, Wirklichkeit dominiert auf der Bühne. Mit Beginn gibt Wedd dem Lohengrin mit hell kraftvoller Stimme perfekte Bühnenpräsenz: „Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!…“. Alles Bühnengeschehen und Bilder betonen das Irdische, das Zwielichtige der heutigen Welt. Mystisches, Lohengrin, fremdeln darin unwirklich, fast Fremdkörper. Elsa bleibt immer die im heutigen Leben stehende Frau, welche, natürlich, die Herkunft von Lohengrin wissen will. Auch die folgenden Bildern betonen reales, gelegentlich allzu irdisches: Im Dunkel eines Vortragsraumes voller Bürostühle konspiriert Ortrud (Eva Maria Günschmann) mit dramatischem Mezzo in elegantem Zweiteiler mit Telramund, säht erste Zweifel in Elsa. Elsas folgende Hochzeit wird als Massenhochzeit zelebriert: Voll verhüllte Frauen sitzen neben in den Krieg ziehenden Männern in Kampfanzügen. Der Kampf Lohengrins mit Telramund wird nur angedeutet; der tote Telramund wird später in Rollstuhl und Leichensack auf die Bühne gerollt. Lohengrin holt kein Schwan ab, er wandert seitlich unauffällig ins Nichts, ins Außerirdische. Doch die Mystik stirbt nie wirklich: Hoffnung auf himmlische Erlösung erweckend erscheint Gottfried zum Ausklang im Bühnenhintergrund.

 Theater Krefeld / Lohengrin - Elsa und Brautchor © Thomas Esser

Theater Krefeld / Lohengrin – Elsa und Brautchor © Thomas Esser

Die große Spannung der Krefelder Lohengrin Inszenierung entsteht immer wieder aus dem griffigen Gegensatz von sphärischer Mystik zu irdisch profanem Treiben. Die wunderbare Komposition, starke Stimmen und große Bühnenpräsenz der Solisten (LohengrinsIn fernem Land, unnahbar euren Schritten“ ist ein glanzvoller Höhepunkt des Abends) und des Chores (Maria Benyumova) machen diesen Lohengrin zu einem besonderen kulturellen Ereignis am Niederrhein. Die Niederrheinischen Sinfoniker unter Mihkel Kütson, ohne große Krefelder Wagner-Tradition, verzaubern durch farbenreiche Klänge großer Romantik, auch patzte kein Trompeter im Hochzeitsmarsch. Wie sagte in der Premierenfeier ein Solist: „Einen ähnlichen Beifallsturm hat es in Krefeld seit Jahren nicht mehr gegeben.

Lohengrin am Theater Krefeld, Premiere 16.4.2017, weitere Vorstellungen 22.4.2017, 7.5.2017, 20.5.2017, 25.6.2017, 2.7.2017

 

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