Dresden, Semperoper, Das Land des Lächelns – Silvesterkonzert 2019, IOCO Kritik, 03.01.2020

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Sächsische Staatskapelle Dresden

Semperoper

Semperoper © Matthias Creutziger

Semperoper © Matthias Creutziger

Land des Lächelns – Franz Léhar

 ZDF Silvesterkonzert 2019 – Am 30.12.2019 in Dresden aufgeführt

von Thomas Thielemann

Franz Lehár, Stadtpark Wien © IOCO

Franz Lehár, Stadtpark Wien © IOCO

Eine sehr junge Frau, Felicitas „Lizzy“ Léon (1887-1918), war es, die den jüngsten Militärkapellmeister der k.u.k. Armee Ferenc Lehar zum „Olympier des Banalen“ gemacht hat. Lehár kam 1899 nach Wien und spielte mit seiner Kapelle des Infanterieregiments Nr. 26 im Winter 1900/01 auf dem Platz des Wiener Eislaufvereins. Die 12-jährige Lizzy, die dort ihre Runden drehte, war von der Musik des „feschen Militärkapellmeisters“, der auch noch komponierte, richtig begeistert. So brachte sie ihren Vater, den Schriftsteller Viktor Léon (1858-1940) nach über einem Jahr intensiver Treibereien, zu einer Zusammenarbeit mit Lehár. Sie hatte aus einem Stapel von Léon unangefragter eingeschickten Sendungen Noten von Lehár herausgesucht und so beiläufig gespielt, wenn es der Vater mitbekommen konnte. So wurde er auf Lehárs Musik aufmerksam gemacht und es kam  zur produktiven Zusammenarbeit der Beiden, die mit der Lustigen Witwe ihren Höhepunkt fand.

Semperoper Dresden / Das Land des Lächelns - hier : Christian Thielemann, Solisten und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Das Land des Lächelns – hier : Christian Thielemann, Solisten und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Auch beim Land des Lächelns soll Lizzy ihre Finger im Spiel gehabt haben: ein chinesischer Diplomat war mehrfach bei Léons zu Gast gewesen und hat Mutter und Tochter charmant den Hof gemacht, bis ihn seine politischen Verpflichtungen in die Heimat zurückbeorderten. Felicitas war beeindruckt und schrieb ein Exzerpt für eine Operette, in dem sie sich als Vorbild für die Hofratstochter Lea sah. Daraufhin bearbeitete sie den Vater, dass er 1918 das Libretto zu Die gelbe Jacke auf der Basis ihrer Arbeit schrieb. Lizzy sollte sogar bei Erfolg des Werkes zehn Prozent der Tantiemen erhalten. Die Resonanz auf die Uraufführung 1923 war allerdings mäßig. Der Tenor Richard Tauber, der in seiner Anfängerzeit 1913 in Chemnitz und an der Dresdner Hofoper gewirkt hatte, regte Lehár an, den Stoff von den allseits bewährten Librettisten Fritz Löhner-Beda und Ludwig Herzer überarbeiten zu lassen. Der Prinz Sou-Chong wurde in der Neufassung zu einem Anhänger des Buddhismus und aus Lea eine Frau mit Vergangenheit: Die nunmehr als Hofratstochter Lisa benannte, nach dem Tod des Gatten aus einer viel zu früh geschlossenen Standesehe befreite junge Witwe, wollte endlich leben, etwas erleben. Denn nur so ist erklärbar, dass sich in der Spielzeit der Operette eine junge Frau derart souverän gegenüber Sou-Chong verhalten konnte. Denn 1912 wäre kein naiver Backfisch aus der gehobenen Gesellschaft in der Lage gewesen, mit „Flirten, bisschen flirten, kann man zehnmal auf jedem Ball“ in einen Kreis mit Leuten von Stand ein zu treten.

Der Operette wurde als Sahnehäubchen mit „Dein ist mein ganzes Herz“ ein waschechter Schmalz-Tauber-Schlager hinzugefügt, so dass die Uraufführung am 10. Oktober 1929 ein voller Erfolg werden musste.

Semperoper Dresden / Das Land des Lächelns - hier : Christian Thielemann, Solisten und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Das Land des Lächelns – hier : Christian Thielemann, Solisten und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Zur Handlung: Besagte Lisa, die Tochter des Grafen Lichtenfels hat sich unsterblich in den chinesischen Prinz Sou-Chong verliebt. Als der Prinz zum Ministerpräsidenten nach China gerufen wurde, folgte ihm Lisa. Die anfängliche Verliebtheit wird bald von den die Lisa schockierenden kulturellen Gegebenheiten des Landes kompensiert. Als das neue Amt Sou-Chong verpflichtete, vier Mandschu-Prinzessinnen zu heiraten, eskaliert die Situation und Lisa will nur noch „Wieder einmal die Heimat seh´n!“ Der Graf Gustav von Pottenstein, genannt Gustel, Lisas früherer Verehrer, war ihr nach Peking nachgereist. Er entschließt sich, statt Sou-Chongs Schwester Mi zu ehelichen, Lisa zur Flucht aus dem Palast des Prinzen zu helfen. Die Flucht misslingt. Aber Sou Chong muss erkennen, dass er Lisa nicht halten kann, ein letztlich vom Buddhismus geprägtes Finale.

Die Urfassung der Operette hatte noch mit einem Happy End geendet: der Prinz verzichtete auf die „gelbe Jacke“, dem Sinnbild seines neuen Amtes, kehrte nach Wien zurück und blieb bei der Geliebten.

Ob diese Wendung eine späte Erinnerung an Puccinis Einfluss war, konnte ich nicht aufklären. Aber Lehár war mit Giacomo Puccini von 1913 bis zum Tode des Italieners eng befreundet gewesen. Sie schrieben sich häufig, trafen sich oft in Wien, musizierten gemeinsam und tauschten sich vor allem über ihre Arbeit aus. Puccini neidete Lehár seine eingängigen Melodien und die Walzerkompositionen, während Franz Lehár von Puccini davor bewahrt wurde, dramatische Stoffe zu bearbeiten und „die Grenzen der Operette einzureißen“. In Wien wurde deshalb nach Kurt Tucholski „Lehár sei dem kleinen Mann sein Puccini“ kolportiert, was keinesfalls abwertend gemeint gewesen sei.

Semperoper Dresden / Das Land des Lächelns - hier : Christian Thielemann, Solisten und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Semperoper Dresden / Das Land des Lächelns – hier : Christian Thielemann, Solisten und die Sächsische Staatskapelle © Matthias Creutziger

Für das ZDF-Silvesterkonzert 2019 der Sächsischen Staatskapelle waren ausschließlich Ohrwürmer aus Lehárs Land des Lächelns ausgewählt worden. Dazu waren außer den Musikern unter ihrem Chefdirigenten, dem Staatsopernchor, für die vier Hauptrollen Spitzen-Solisten des internationalen Musiktheaters aufgeboten worden.

Das Silvester-Vorabendkonzert wurde vom ZDF unter gleichen Bedingungen aufgezeichnet, wie für die Live-Übertragung am 31. Dezember vorgesehen. Möglicherweise wollte man eine sendereife Aufzeichnung im Sendezentrum vorrätig haben oder wollte man den Technikern eine Gelegenheit verschaffen, eventuelle Optimierungsmöglichkeiten für die Silvesterübertragung zu erkennen.

Für das Konzert wurden der schöne Saal und das Orchester mit wechselnden Bonbon-Farben angestrahlt. Es drehten sich die Kamerakräne über den Köpfen der Parkettbesucher und schränkten zeitweilig die Sicht der Rangbesucher. Auch der Handkameramann turnte mit eingeknickten Knien nebst einem Assistenten durch das Bühnengeschehen.

Gesungen wurde auf hohem Niveau, auch wenn die Textverständlichkeit im Besucherbereich Wünsche offen ließ.

Für die Partien der jungen Witwe Lisa war die kanadische Sopranistin Jane Archibald gewonnen worden. Sie bot mühelos mit Hingabe und unerschöpflicher Energie das gesamte Spektrum des Gesanges: von den virtuosen Belcanto-Koloraturen zum Dramatischen, bis zur leisen, sensiblen Intimität. Jane Archibald handelte und bewegte sich so brillant, wie sie sang. Man glaubte ihr die Chemie  zwischen ihr und dem in den intimen Szenen sanft singenden gut aussehenden Pavol Breslik. Selbst beim Ohrwurm „Dein ist mein ganzes Herz“ schlug sich der aus Nové Mesto stammende Opernsänger achtbar. Die wunderbare Koloratursopranistin Erin Morley beeindruckte durch ihren Gesang als Schwester des Prinzen Sou-Chong Mi, war aber keine Soubrette. Wie auch der etwas steife Sebastian Kohlhepp trotz seiner sängerischen Qualitäten keinen Tenorbuffo bot.

Auch der hinter dem Orchester postierte, von Wolfram Tetzner vorbereitete Chor, passte eher zu einem Oratorium als in eine Operettendarbietung.

Die Staatskapelle mit dem Dirigat Christian Thielemann spielte präzise und klangschön wie gewohnt. Aber so sehr ich den Klangkörper auch wegen seiner Flexibilität und Professionalität liebe, nach meinem Empfinden lugte doch immer wieder Anton Bruckner aus der Säulengalerie  und pfuschte dem Chefdirigenten ins Operetten-Handwerk.

Nun sind wir gespannt, wie sich unser subjektiver Eindruck beim Ansehen der Aufzeichnung vom Silvesterabend verändern wird. Denn statt die ZDF-Übertragung live anzusehen, werden wir das Silvesterkonzert der Dresdener Philharmonie mit dessen interessanten Programm besuchen.

—| IOCO Kritik Semperoper Dresden |—

Meta Seinemeyer – Erinnerungen an die deutsche Verdi-Renaissance, IOCO – Personalie, 04.12.2019

Dezember 5, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Oper, Personalie

Meta Seidemeyer - Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Meta Seidemeyer – Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Meta Seinemeyer – leuchtender Stern am Verdi Himmel des 20. Jahrhunderts

Erinnerungen an den Sopran der deutschen Verdi-Renaissance

von Toningenieur Horst Wahl, Einleitung Michael Stange

 Meta Seinemeyer war eine der faszinierendsten deutschen Soprane des vergangenen Jahrhunderts. Deutsche Musikgeschichte hat sie 1926 bei der Verdi Renaissance als Sängerin der Leonora in der Dresdener La forza del destino unter dem Dirigenten Fritz Busch geschrieben. Dirigent, Ensemble und vielleicht auch die einen Monat vor der Premiere aufgenommenen Arienplatten Meta Seinemeyers haben dazu geführt, dass das Werk in Dresden bis zu den Opernfestspielen 1928 bereits 44 mal aufgeführt worden war. Wer sie heute hört, ist verblüfft, wie sich ihre Sinnlichkeit, die Wärme der Stimme und die dramatische Erfassung der Rolle durch das Schellackrauschen immer noch den Weg bahnt.

Leukämiekrank starb Meta Seinemeyer mit 33 Jahren 1929 in Dresden. Ihre Lebensfreude, ihr Elan und selbst Ihr grenzenloser Humor hat sie in diesem tragischen Kampf nicht bestehen lassen. Beispiel dafür ist ihre Reaktion, als sie vor einer Intermezzo-Vorstellung in einer Skatrunde mit Richard Strauss eine größere Summe verlor und als sie ihre Spielschuld bezahlen sollte meinte: „Wenn ich das bezahlen muss, zersinge ich die ganze Partie.“ Ihr früher Tod riss eine bleibende Lücke. Zur letzten vorgesehenen Forza-Aufführung mit ihr reiste Arturo Toscanini 1929 aus Mailand an. Die Vorstellung musste entfallen, weil keine andere Leonora vorhanden war. Der Schallplattenproduzent Walter Legge empfahl seiner Frau Elisabeth Schwarzkopf eine kräftige Priese Seinemeyer im Timbre. Diesen Rat hat sie am intensivsten in ihren Operettenplatten befolgt.

Vor neunzig Jahren ist Meta Seinemeyer verstorben. Prägender als mit dem Spruch auf ihrem Grabstein „Die Seele lebt“, lässt sie sich nicht beschreiben. Die Quellenlage über die Sängerin ist dünn. Berichte von Zeitzeugen rar. Daher veröffentlich IOCO erneut den Beitrag über Meta Seinemeyer von Horst Wahl, ihrem langjährigen Toningenieurs. Seine Erinnerungen erschienen vor dreißig Jahren in der Reihe „Stimmen, die um die Welt gingen…„. Diese Reihe publizierte Günter Walter aus Münster. Die von ihm bis zu seinem Tod herausgegebenen, liebevoll editierten 84 Hefte sind häufig die einzigen ausführlichen Quellen zu den dort behandelten Sängerinnen und Sängern und heute noch lesenswert.

Die amerikanische Sprachwissenschaftlerin Vicky Kondelik hat Meta Seinemeyer auf einer Webseite ein umfängliches, berührendes Denkmal gesetzt. Hier finden sich Fotos, eine Discografie und viele weitere Informationen. In Preisers Serie „Lebendige Vergangenheit“ wurden nahezu alle ihre Aufnahmen technisch ausgezeichnet überspielt. Auf YouTube und anderen Streaming-Diensten leuchtet ihre Stimme dadurch heute noch.

Erinnerungen an META SEINEMEYER von Horst Wahl

Erste Eindrücke

Ich machte die persönliche Bekanntschaft Meta Seinemeyers etwa zur gleichen Zeit wie die Lotte Lehmanns und Richard Taubers, „nämlich anläßlich ihrer ersten akustischen Parlophon – Aufnahmen im November 1925, ein halbes Jahr nach meinem Eintritt in die Firma Odeon. Als Sängerin war sie mir allerdings keine Unbekannte mehr gewesen, denn sie hatte mich bereits in meiner Pennälerzeit, während meiner häufigen Besuche in der nur wenige Schritte von meinem Elternhaus gelegenen Charlottenburger Oper in Verdi- und Puccini-Rollen zu höchster Begeisterung hingerissen.

Allerdings war der persönliche Eindruck vom Menschen Meta Seinemeyer und ihrer aus nächster Nähe genossenen Stimme ein unvergleichlich überwältigenderer. Zwei Dinge waren es vor allem, die im Umgang mit ihr sofort auffielen: die unerhört intensive, bei aller Fraulichkeit doch mädchenhafte ‚Ausstrahlung, die von ihrer Persönlichkeit ausging, und das warme, dabei aber unglaublich sinnliche Timbre ihrer Stimme. Ich kann es nicht anders beschreiben, als dass sie eine Aura umgab, der sich niemand entziehen konnte. Es war dies eine seltsame beunruhigende Mischung aus rassiger Weiblichkeit, mädchenhaftem Charme und einem warmen, sinnlichen Fluidum.

Ich habe in meinem langen Leben durch meinen Beruf sehr viele Sängerinnen und Sänger mit dem Munde am Trichter oder am Mikrophon aus nächster Nähe erleben können. Nur eine verhältnismäßig kleine Schar hat sich mir unauslöschlich eingeprägt, und es hat sich im Verlaufe der Zeit erwiesen, dass diese von niemand zu ersetzen sind, so viele gute Sänger auch immer wieder „nachgewachsen“ sind.

Zu diesen kostbaren Stimmen, deren individuelles Timbre und menschliche Ausstrahlung ihres Trägers kein anderer Künstler vergessen machen kann, zählt unzweifelhaft auch die der Seinemeyer.

Meta Seidemeyer - Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Meta Seidemeyer – Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Biografisches

Am 5.September 1895 in Berlin als Tochter eines in Polizeidiensten stehenden Vaters geboren, der später – neben dem berühmten Gennat – einer der bekanntesten Kriminal-Kommissare der alten Reichshauptstadt werden sollte, studierte die junge Meta Gesang bei Ernst Grenzebach und dem bedeutenden Tenor Nicolaus Rothmühl, der 1882-1893 an der Königlichen Hofoper Berlin Triumphe gefeiert hatte. Ihr Debüt fand zu Ende des Ersten Weltkrieges (1918) an dem kurz vor Kriegsausbruch (1912) eingeweihten Deutschen Opernhaus im gerade eingemeindeten Berliner Stadtteil Charlottenburg statt, dessen Ensemble sie für die nächsten sieben Jahre angehörte. Die Inflation in Deutschland und das in den USA nach dem Kriege nur recht zögernd wieder anlaufende deutsche Repertoire begünstigten die Nordamerika-Tournee einer 1923 aufgestellten „German Opera Company“. Unter der Leitung von Leo Blech und Eduard Mörike (Neffe des Dichters) bestand sie aus so hervorragenden Künstler wie Friedrich Schorr, Friedrich Plaschke, Alexander Kipnis, Jacques Urlus, Robert Eutt, Elsa Alsen, Eva Plaschke-von der Osten, Editha Fleischer, Ottilie Metzger-Latternmann und eben Meta Seinemeyer. Ihre Auftritte als Eva in den „Meistersingern“ und als Elisabeth im „Tannhäuser“ (23./24. Februar 1923) waren noch viele Jahre später in den Vereinigten Staaten unvergessen.

Nach einer größeren Anzahl von außerordentlich erfolgreichen Vorstellungen, u.a. in Baltimore sowie im New Yorker Metropolitan und Manhattan Opera House, verlängerte die deutsche Operntruppe ihre Saison noch im dortigen Lexington Theatre. Da nicht alle Künstler beliebig lange ihren festen Verträgen in der Heimat untreu werden konnten, sprangen z.B. Claire Dux und Maria Ivogün helfend ein:

Im November 1924 gab Meta Seinemeyer an der Staatsoper Dresden ein Gastspiel als Margarethe in Gounods gleichnamiger Oper, und dieses Auftreten gestaltete sich derart triumphal, dass die Künstlerin sofort – beginnend mit Januar 1925 – ohne zeitliche Begrenzung – fest an dieses Institut verpflichtet wurde. In kürzester Frist wurde sie hier der führende jugendlich-dramatische Sopran, eroberte sich die Herzen des Opernpublikums im Sturm, und was bei einer Neunundzwanzigjährigen äußerst selten ist, sie war fortan nur noch „die Seinemeyer“.

Am 21. Mai 1925 kreierte sie die Partie der Herzogin von Parma in der Welt-Uraufführung von Ferruccio Busonis Oper „Doktor Faustus“, und das nächste Jahr brachte zwei Höhepunkte ihrer Dresdener Tätigkeit: die Leonore in Verdis „Macht des Schicksals“ und die Madeleine de Coigny in der deutschen Erstaufführung der Oper „Andrea Chenier“ mit Tino Pattiera in der Titelrolle. Das Urteil des anwesenden Komponisten Umberto Giordano lautete kurz aber inhaltsschwer: „In ganz Italien gibt es keine so herrliche Frauenstimme wie die der Seinemeyer!“

Anlässlich der Verdi-Renaissance mit La Forza del destino (Uraufführung: 11.11.1862 in Petersburg; deutsche Erstaufführung: 1878 in Berlin) schrieb die Kritik; „Man findet diese Oper nur äußerst selten auf deutschen Bühnen, jedoch brachte die Dresdener Staatsoper im März (1926) eine Neueinstudierung des Werkes in glänzender Besetzung und Ausstattung heraus – ein Ereignis für das deutsche Theaterleben! Die Leonore ist eine Glanzrolle für erstklassige Sopranistinnen, und in Dresden wurde sie von Meta Seinemeyer darstellerisch wie musikalisch vorbildlich verkörpert; mit ihrem schlackenlosen Sopran berauschte sie die Zuhörer geradezu. Für die Dresdener Neueinstudierung wurde zu dieser Oper von dem bekannten Dichter und Bühnenschriftsteller Franz Werfel ein neues Textbuch geschrieben, das den Stoff dem italienischen Vorbild frei nachdichtet, wobei es die Motive verdeutlicht, die Charaktere vertieft und die Handlung einfacher und klarer durcharbeitet. In dieser Uraufführung der Werfelschen Bearbeitung wird dieses großartige Werk sicherlich eine glanzvolle Auferstehung auf allen deutschen Bühnen erleben.“

Franz Werfel aber schrieb an Meta Seinemeyer noch am Abend dieses triumphalen Ereignisses: „Fräulein Seinemeyer, Sie haben heute Abend eine ganz große Gesangstat vollbracht, ich muss Ihnen das sagen! Es gibt keine solche warme Stimme mehr auf der deutschen Bühne. Die Linie Ihres Gesanges ist vollendet. Die Friedensarie “ war in ihrer ruhigen, schönheitstrunkenen Führung für das ganze Haus tieferschütternd. Ich glaube, Verdi selbst hätte an Ihrem Gesang seine helle Freude gehabt!“  Noch im gleichen Jahre 1926 unternahm die Sängerin eine große Südamerika-Tournee, und 1927 gab sie mehrere Vorstellungen an der Wiener Staatsoper, so am 22.Juni als Tosca in einem Ensemble, dem Alfred Piccaver und Emil Schipper angehörten (Dirigent: Reichenberger) und am 24.Juni als Aida neben Piccaver, Alfred Jerger und Rosette Anday (Dirigent: Robert Heger).

In den letzten Jahren ihres so überaus kurzen Lebens wandte sie sich neben den lyrischen immer mehr den Jugendlich-dramatischen Partien zu, und als sie am 9.Nai 1929 ihr Debüt am Londoner Covent Garden gab, da war es die Sieglinde in Wagners Walküre. Es folgten die Lohengrin-Elsa und am 16.Mai eine ihrer liebtesten Gestalten, die Eva in Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ Obwohl ihre Stimme noch die alte Schönheit und den alten Glanz besaß, war ihre tödliche Blutkrankheit z.Zt. ihres Londoner Gastspiels doch schon so weit fortgeschritten, dass ihr nur noch drei Monate blieben. Am 19.August 1929. starb Meta Seinemeyer zu Dresden im Alter von nur 33 Jahren. Ihre sterbliche Hülle wurde nach Berlin übergeführt und im dortigen Familiengrab beigesetzt.

 

Meta Seidemeyer  - Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Meta Seidemeyer – Stern am Verdi-Himmel des frühen 20. Jahrhundert

Erlebnisse mit Meta Seinemeyer

Im Herbst 1925 ließ mich der Odeon-Direktor Alfred Guttmann, dem seit vielen Jahren der Abschluss von Künstler-Verträgen oblag, in sein Büro kommen und fragte mich, ob ich bei meinen zahlreichen Besuchen im Charlottenburger Opernhaus auch eine Sängerin namens Meta Seinemeyer gehört habe. Auf meine begeisterte Schilderung der großen Vorzüge dieser Sopranistin erwiderte er, dass ihm dies gerade eben auch von seinem Freunde Frieder Weißmann berichtet worden sei und er sich jetzt um einen Vorvertrag mit ihr bemühen wolle.

Wenig später teilte mir mein Chef mit, dass voraussichtlich im November (1925) die ersten Probe-Aufnahmen mit der Seinemeyer erfolgen sollten: „Horst, ich möchte, dass Du dabei bist“ (er sagte immer „Horst“ und „Du“ zu mir, egal wie alt ich auch wurde). Nun war dies zwar eine große Ehre für mich, und ich wusste es sehr wohl zu schätzen, dass er mich wie einen Sohn behandelte, aber ich machte mir dennoch keine Illusionen darüber, dass ich als junger Anfänger in der Firma trotz meiner Erfahrungen mit Trichter-Aufnahmen in meinem eigenen Laden-Studio zunächst keinen leichten Stand bei den alteingesessenen Aufnahme-Experten haben würde.

Am Dienstag, dem 17.November 1925 war es dann soweit: die beiden Seiten der ersten Seinemeyer-Parlophon-Platte waren „in Arbeit“. Ich hatte mich zwar auf: „Zusehen“ und „Zuhören“ zu beschränken, doch in der Pause zwischen den beiden Stücken gelang es mir, mit der Sängerin ins Gespräch zu kommen, und wir konnten unsere beiderseitigen, nicht immer positiven Erfahrungen mit Trichter-Aufnahmen austauschen.

Selbstverständlich bemerkte sie meine Bewunderung für ihre Stimme, und mein in jugendlicher Begeisterung (ich war damals knapp 20 Jahre alt und studierte bei Professor Bernhard Ulrich Gesang) vorgetragener Bericht von den Besuchen im Charlottenburger Opernhaus ließen sehr schnell jenen Funken des Verstehens überspringen, der immer da entsteht, wo zwei Menschen mit der gleichen Begeisterung von einer Sache reden. Als ich sie darauf ansprach, dass jetzt in Amerika ein ganz neuartiges System von elektrischen Mikrophon-Aufnahmen im Gange sei, welches die hohen Frequenzen der Obertöne einer Stimme mit weit größerer Natürlichkeit wiederzugeben vermochte, da horchte sie auf. Sie meinte, dass dann ja wohl der „seidige“ (sie meinte zwar, sagte aber nicht „sinnliche“) über ihrer Stimme liegende Glanz herauskommen würde, den der Trichter verschluckte.

Monate später war ich soweit in die Firma integriert, dass mir die Ausgestaltung der Monats-Nachträge mit den Seinemeyer-Platten übertragen wurde, zu welchen mir die Künstlerin selbst die Bilder zur Verfügung stellte. Da ich inzwischen bereits mittels eines von meinem Onkel Gregor aus den USA mitgebrachten Pick-up (in Verbindung mit einem Radio-Apparat als Verstärker) in meinem Studio selbst elektrische Aufnahmen hergestellt hatte, war ich diesmal meinen Kollegen um einiges voraus und durfte zum Einfangen des ganzen kostbaren Stimmtimbres der Seinemeyer selbständig Entfernungstests mit ihr vor dem Mikrophon durchführen.

Gleich ihre erste, noch akustische Aufnahme (veröffentlicht als Parlophon P 2089 zu Weihnachten 1925) war der Maddalena di Coigny in Giordanos Oper Andrea Chenier gewidmet. Die Arie „La mamma morta“ (Von Blut gerötet war meine Schwelle) wurde später elektrisch wiederholt, und ihr folgten bald die herrlichen Duette aus dieser Oper mit Tino Pattiera. Bereits bei der 2, akustischen Sitzung begann die Reihe der wundervollen Aufnahmen aus Verdis Macht des Schicksals, die ebenfalls in der elektrischen Ära wiederholt bzw. fortgesetzt wurden. Die ersten elektrischen Aufnahmen waren der Gioconda und Aida vorbehalten.

Auf Dr. Weißmanns ganz besonderen Wunsch sang Meta am 2.November 1927 die Wahnsinnsszene der Marfa aus der Oper Die Zarenbraut von Rimsky-Korssakoff in das Mikrophon. Diese Arie „Iwan Sergeiwitsch, komm in den Garten“ zählt zu den schönsten Eingebungen des russischen Komponisten.

Es ist interessant und aller Ehren wert, dass beide Künstler, Seinemeyer wie Weißmann, darin übereinstimmten, keine im Tempo gehetzten oder gekürzten Arien möglichst noch auf einer Plattenseite unterzubringen, sondern evtl. sogar mit dem Rezitativ auf die beiden Seiten einer Platte zu verteilen (Aida, Figaros Hochzeit, Don Carlos usw.). Schon zu Zeiten der akustischen Ära begannen beide damit, ganze zusammenhängende Szenen lückenlos auf Platten festzuhalten (z.B. Tosca, Walküre, Aida, Fliegender Holländer). Von den Partnern der Seinemeyer sei neben Tino Pattiera, Robert Burg, Emanuel List, John Gläser, Jaro Dworsky und Curt Taucher vor allem Ivar Andresen hervorgehoben, der gleich ihr 1925 an die Dresdener Staatsoper berufen worden war (ab 1931 auch in Charlottenburg) und wie Pattiera maßgebend an der Verdi-Renaissance beteiligt war. Er besaß eine der schönsten Bassstimmen, welche uns die Schallplatte überliefert hat.

In den beiden letzten Jahren ihres Lebens war mein Verhältnis zu Meta Seinemeyer, ihrem Vater und ihrem Verlobten immer freundschaftlicher geworden, so dass wir uns bald nicht mehr nur im Lindström-Studio sondern gelegentlich auch in meiner eigenen, dicht neben meinem Studio liegenden Wohnung trafen. Bei einem dieser Abende fragte mich die Sängerin, ob es nicht möglich sei, meinen Nachbarn, Herrn Kammersänger Joseph Schwarz zu uns herüberzubitten. Zu unserer aller Freude sagte der große Bariton sofort zu, und im Verlaufe des sehr fröhlichen Beisammenseins bat Dr. Weißmann unseren Ehrengast, ob er nicht mit der Meta einmal ein Duett singen wolle, er würde gern am Klavier begleiten. Was kann man da viel sagen – es wurde ein unbeschreibliches Ereignis. Das Zusammenklingen von zwei der herrlichsten Stimmen, die es gegeben hat, ließ das Crucifixus von Jean-Baptiste Faure in geradezu überirdischer Schönheit erstrahlen, und die Zelluloidfolie, die ich von dieser Darbietung mitgeschnitten hatte, gehörte fortan zu Metas kostbarem Besitz. Schon am nächsten Tage suchte ich Direktor Wünsch von der Deutschen Grammophon auf, um ihn um Freigabe von Schwarz für einige Parlophon-Duette zu bitten. Der stets sehr kulante Wünsch stimmte zu meiner Freude sofort zu – doch das Nierenleiden des Sängers hatte sich bereits derart „verschlimmert, dass er kurze Zeit später (10.01.1926) für immer von uns ging.

Die letzte Zusammenkunft mit Meta und Frieder war in den ersten Maitagen des Jahres 1929. Ihre Kräfte schwanden rasch. Sie starb ja schon drei Monate später. Wenige Tage danach begleitete ihr Vater sein geliebtes Kind zu dem letzten Gastspiel ihres Lebens nach London, da es ihm unmöglich war, sie bei ihrem schlechten körperlichen Zustand noch allein reisen zu lassen. Kurz vor diesem englischen Gastspiel, am 3.Mai 1929 hatte sie noch mit dem Bariton Robert Burg die letzten vier Aufnahmen (eine Szene aus Wagners, „Fliegendem Holländer“) getätigt, die aber leider zunächst infolge Terminschwierigkeiten vor der Reise, nach ihrer Rückkehr aus London dann jedoch wegen ihres stark angegriffenen Gesundheitszustandes nicht mehr korrigiert werden konnten und daher unveröffentlicht blieben.

Die Aufnahmen

Wir werden sie nie wiedersehen, doch ihre Stimme ist uns nicht verloren: all ihre Lebenskraft, ihre reine Schönheit und ihre Beseelung lebt in ihren Schallplatten-Aufnahmen weiter. Der bedeutendste Teil ihres Lebenswerkes ist uns erhalten geblieben: Andrea Chenier, Forza del Destino, Aida, Otello, Faust, Manon, Boheme, Butterfly und Tosca, Richard Strauss Rosenkavalier, Wagners Musikdramen und das deutsche Lied – dies alles ist weit mehr als ein kleines Erinnern, es ist ein bleibendes Denkmal!“

Was die Schallplatten der Seinemeyer betrifft, so können wir glücklich sein, dass gerade bei dieser Künstlerin eine Anzahl von glücklichen Umständen zusammentreffen, die ihre Aufnahmen trotz des kurzen Lebenslaufes zu einem reichen Erbe werden lassen. Einmal traf es sich, dass die Stimme der Sängerin gerade zu einer Zeit voll erblüht war, als das elektrische Verfahren auch in Deutschland eingeführt wurde. Zum anderen waren glücklicherweise sowohl die Seinemeyer als auch Frieder Weißmann bestrebt, bei der Erörterung der von ihr aufzunehmenden Stücke eine wohlüberlegte Auswahl unter ihren erfolgreichsten Rollen zu treffen, ein Umstand, der leider nur allzu häufig bei Plattenkünstlern nicht berücksichtigt wurde.

Hinzu kam, dass Dr. Weißmann der Hausdirigent des Lindström-Konzerns war und sowohl seine Stellung wie seine persönliche Beziehung zu der Künstlerin der Nachwelt trotz des kurzen Zeitraums von nur 3 4/2 Jahren die erstaunliche Fülle von immerhin rund 100 Aufnahmen bescherte, von denen ich keine einzige missen möchte. Ein weiterer glücklicher Umstand ist der, dass ihre Dresdener Kollegen und Mitstreiter bei der Verdi-Renaissance, Tino Pattiera und Ivar Andresen, bei der gleichen Plattenfirma verpflichtet waren und somit eine Reihe herrlicher Duett- und Ensemble-Aufnahmen aus den von ihr geliebten Opern mit ihr zusammen tätigen konnten.

Schließlich dürfen wir uns glücklich schätzen, in Preisers Serie „Lebendige Vergangenheit“ eine so ausgezeichnete Überspielung des weitaus überwiegenden Teiles ihrer Gesamt-Discographie heute noch auf CDs erwerben zu können.

Nachrufe – 1933 zum Tod von Meta Seinemeyer

Die Nachrufe überschritten das übliche Maß von dergleichen oft nur pflichtgemäß absolvierten Zeitungsartikeln bei weitem. Allen merkte man die tiefe Betroffenheit an, durch ein grausames Geschick so jung eine solche wunderbare Künstlerin verloren zu haben. Fast alle wiesen auf die Unersetzlichkeit des Menschen und der Künstlerin Meta Seinemeyer und ihrer unvergleichlichen Stimme hin. Sämtliche beklagten ein Schicksal, welches eine Künstlerin gerade in dem Augenblick abberief, da sich ihre Kunst zu höchster Reife entwickelt hatte.

Dresdener Neueste Nachrichten: „Die Seinemeyer“, das ist ein höchst ehrenvoller Titel, der eine bereits seit einigen Jahren bestehende innige Verbindung mit ihrem Publikum ausdrückte. „Die Seinemeyer“, das ist zu einem Begriff für das Gold und den Schmelz einer seltenen Stimme, für den Liebreiz einer wahren Frau geworden. „Die Seinemeyer“, das war der hellglänzende Stern in: dem großartigen Ensemble der Dresdener Staatsoper – aber kein „Star“, wie er es üblicherweise in diesem jungen Alter ist, dem Kunst ein Fremdwort ist.“

Dresdener Nachrichten:Dies war ein lyrischer Sopran, wie man ihn schon lange Zeit nicht mehr gehört hatte, voll Süße und weiblicher Anmut, ausgestattet mit einer Stimme, die Nicolaus Rothmühl zu hoher Meisterschaft entwickelte, geschmeidig in den Kantilenen und voll reinen Entzückens in den Höhen. Die Stimme der Seinemeyer eignete sich in hohem Masse für Schallplatten-Aufnahmen. Die Wärme, Süße und Intimität ihres Timbres, in dem sich – wie man heute nur zu gut weiß – bereits die schwermütige Träne eines viel zu frühen Endes ankündigte, tritt uns auch in ihren Platten entgegen, die kein starrer stimmlicher Abklatsch sind, sondern verewigtes tönendes Leben.“

Hamburger Anzeiger: Die silberne Pracht dieses Soprans erreichte das Herz jedes Zuhörers. Ihre Technik war makellos, ihre Musikalität und die Frische ihres mädchenhaften Temperamentes waren bezwingend und es war selbst für einen Partner vom Range eines Tino Pattiera nicht leicht, neben dieser wundervollen Frau zu bestehen.“

Dr. Albert Henschel schrieb in seinem für Parlophon verfassten Nachruf: „Als am 20.August die Meldung vom Tode Meta Seinemeyers aus Dresden hier eintraf, waren wir alle tief erschüttert. Es war mehr als Trauer. Es war die Gewissheit, dass etwas Unersetzliches, Unwiederbringliches all jenen genommen worden war, denen Musik etwas bedeutet. Am nächsten Tag ging die Nachricht durch alle großen Blätter dieser Erde, und die ganze musikalische Welt stand im Geiste trauernd am Sarge einer großen, einer einzigartigen Künstlerin und beweinte das Verlöschen einer der schönsten Sopranstimmen, welche sie gekannt und geliebt hatte – auf der Bühne oder von Platten. Aus allen Ländern, wo sie gewirkt hatte, aus Deutschland, Amerika und England, kamen die Beileidsbezeugungen. Allgemein wurde es tief empfunden, dass dieser sinnlose Tod eine Lücke gerissen hatte, die nicht mehr zu füllen war, dass es für diesen warmen, strahlenden Sopran keinen Ersatz gab. Jene, die ihr näher gestanden hatten, wussten, dass es auch für den Menschen Meta Seinemeyer keinen Ersatz geben konnte. Dass sie schon mit 27 Jahren die Bühne der MET betreten konnte, muss sie mit Stolz erfüllt haben; ihre Liebe aber galt der Dresdener Staatsoper, jenem Institut, wo sie vom jungen lyrischen Sopran zur lyrisch-dramatischen Sängerin reifte und als „die Seinemeyer“ beliebt, ja geliebt wurde.“

—| IOCO Portrait |—

Essen, Aalto-Theater, Eine Nacht in Venedig – Strauss – Korngold – Klimek, IOCO Kritik, 16.09.2018

September 19, 2018 by  
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Aalto Theater Essen

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Aalto-Theater-Essen © IOCO

Eine Nacht in Venedig – Ein Opernhappening

Johann Strauss – Erich Wolfgang Korngold – Bruno Klimek

Von Viktor Jarosch

„Leichte Theater-Kost“ attraktiv zu inszenieren ist wahrlich schwer: Eine Nacht in Venedig  ist solch vermeintlich leichte Theater-Kost. Aalto-Intendant Hein Mulders benötigte 5 Jahre, um diese, seine erste Operetten-Produktion auf die Bühne des Aalto-Theaters zu bringen.

Eine Nacht in Venedig
Youtube Trailer Aalto Theater Essen
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Glatteis und Schnee  in Venedig dominiert die moderne Inszenierung von  Bruno Klimek, welche Klischees, alte wie neue, verlässt und mit Slapstick, Video, farbigen Dialogen und einem bunten Reigen szenischer Überraschungen den Besucher bannt.  Bruno Klimek, Professor an der nahen Essener Folkwang Universität, toppt vergangene Strauß und Korngold Fassungen von Eine Nacht in Venedig  mit einer neuartig faszinierenden Essener Fassung. Eine lebendige Bühnen-Show voller Esprit wird geboten. So führt die Titulierung der Essener Fassung als „Operette„, auch im Programmheft des Aalto-Theater, offene Erwartungen ein wenig ins Abseits.

Die 1883 uraufgeführte  Nacht in Venedig zeigt schmunzelnd modern nicht enden wollende Irrungen und Wirrungen amüsierfreudiger Frauen wie Männer zum Karneval in Venedig um 1800. Allerdings, die Intrigen um die Entstehung dieser Operette reichen schon für eine eigene Operette. Der Grund: Johann Strauss´ Operetten wurden alle in Wien uraufgeführt; zumeist im Theater an der Wien; so auch 1874 die Fledermaus; doch, Johann Strauß‘ zweite Ehefrau, die 25 Jahre jüngere Angelica Dittrich, „Lily“, hatte, als Eine Nacht in Venedig 1882 entstand, ein Verhältnis mit Franz Steiner, dem Direktor des Theater an der Wien. So leitete Johann Strauß, auch am Pult, die Uraufführung von Eine Nacht in Venedig 1883 nicht in Wien sondern teilweise „verberlinert“, in Berlin; die Uraufführung in Berlin wurde ein Flop. Die Operette wäre, trotz Anpassungen, wohl untergegangen, hätte nicht Erich Wolfgang Korngold um 1930, über 45 Jahre später, die verschiedenen Straußschen Urfassungen für moderne Theaterbühnen „veropert“ und mit eigenen Kompositionen wie  mit „Sei mir gegrüßt, holdes Venezia“ für Richard Tauber bereichert. So wurde im Aalto-Theater nicht die Straußsche Urfassung sondern die Korngold-Fassung  gespielt. Bruno Klimeks erhebliche wie aktuelle Werkbearbeitung  wirkt wie die Transponierung, wie ein Sprung der Korngold-Fassung in die Moderne, in das 21. Jahrhundert.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : Ciboletta rutscht auf dem vereisten Markusplatz aus waehrend ein Luxusliner in Venedigs Hafen einfaehrt © Joerg Landsberg

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : Ciboletta rutscht auf dem vereisten Markusplatz aus waehrend ein Luxusliner in Venedigs Hafen einfaehrt © Joerg Landsberg

Klimeks  Essener Fassung beherrscht auch den Verwechslungswirrwarr, nicht aber den  Karneval oder Commedia dell´arte. Eine Nacht in Venedig mutiert in Essen durch  Umdichtungen, gestrafften Texten, Gags, Clownerien und oft skurrilen Choreographien zu einem modernen Happening. Klimek:Das Stück ist ein großer, ironischer Abgesang auf die ganze „Gockelherrlichkeit“; der Herzog ist ein überzeichneter Superstar: Es ist Satire, nicht genaues Abbild des Lebens“. Klimek macht in seiner Essener Fassungdie Frauen viel schlauer, stärker als die Männer, ähnlich der Csardasfürstin, der Lustigen Witwe oder Adele “. Klimek:Bei Eine Nacht in Venedig folgt ein Hit dem anderen…  es ist nicht verwunderlich, dass Operette wieder im Kommen ist“.

Der Blick des Besuchers gleitet im ersten Bild (Bühne Jens Kilian) über den  vereisten weiten Markusplatz von Venedig; das angrenzende Meer mit farbigen, stetig wandernden Wolkenformationen am Himmel zeichnen Videoprojektionen auf eine den gesamten Bühnenhintergrund ausfüllenden Leinwand. Auf dem Markusplatz finden sich filigrane Miniaturen des Dogenpalastes, der Markuskirche und alter venezianischer Bauten. Zur Ouvertüre stöckeln warm angezogen, Schnee rieselt auf den Markusplatz, Ciboletta (Christina Clark) und  andere Venezianer, aufgeregt  rufend „Er kommt“, rufen sie; „Wer“, „Nun, er!“.    Wer kommt denn? Noch weiß es niemand!

Der erste Clou der Essener Fassung ist originell wie unerwartet: Ein riesiges Kreuzfahrtschiff  fährt ein in den Hafen Venedigs; Himmel und Meer verdeckend;  die Miniaturpaläste Venedigs wackeln, fallen zusammen. Wer entsteigt dem Schiff auf einer Schiffstreppe?  Nicht Guido, der draufgängerische Herzog von Urbino; es ist   Pappacoda, der Makkaronikoch (Martiijn Cornet). Derweil die in Mänteln und Hüten vermummten Venezianer  auf dem Schnee des Markusplatz rutschen, hinfallen und  „Wenn vom Lido sacht wieder Kühlung weht…“ singen. Pappacoda mischt sich, Makkaroni beschwörend und werfend, unter seine weiterhin „Er kommt, die Frauenwelt Venezias zu verwöhnen….“  singenden Verehrerinnen.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : Annina und Ciboletta mit dem Herzog © Joerg Landsberg

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : Annina und Ciboletta mit dem Herzog © Joerg Landsberg

Clou und Komik verstärken sich, wenn in Wiederholungen, in den Folgen von „Er kommt“,  „Wer“, „Nun, er!“ weitere monströse Kreuzfahrtschiffe (Foto) den Bühnenhintergrund durchkreuzen, Dogenpaläste umfallen und die anderen Protagonisten der Operette in eigenem Oeuvre dem Schiff entsteigen: Enrico Piselli (Carl Bruchhäuser), „Die Frauen müssen wir fernhalten“,  gefolgt von  Caramello (Albrecht Kludszuweit)  und schließlich  mit zahllos kolossalen Seekoffern Guido, Herzog von Urbino  (Dmitry Ivanchey), dem die geifernden Frauen Veneziens sogleich und  triumphierend die Kleider vom Körper reißen. Derweil Annina (Tamara Banjesevic)  ihre Arie  Frutti die Mare„Ich komme von Chioggia zu euch übers Meer…“  in lebendig frischem Sopran singt, von Chor und Statisten revuehaft begleitet. .

Zu allem Spiel, zu packenden Gags und Pointen auf der Bühne verlor sich der Blick des Autors immer wieder in den Bühnenhintergrund, wo psychodelisch wandernde Wolkenformationen,  die Handlung auf der Bühne kontrastierend, stetig sanft zarte Stimmungen webten.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : die Nacht des Karnevals, alle Venezianer, Männer wie Frauen, in gleichen Kostuemen © Joerg Landsberg

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : die Nacht des Karnevals, alle Venezianer, Männer wie Frauen, in gleichen Kostuemen © Joerg Landsberg

Das bunte Kaleidoskop von Klimeks Essener Fassung“ setzt sich modern, unbefrachtet von althergebrachten Operetten-Klischees fort: Senator Delaqua (Karel Martin Ludvik) bewundert den Herzog auf einer Wolke hoch über der Bühne schwebend „Mit der Würde, die Dir eigen…“;  während die Venezianer aus dem Mittelgang des Zuschauerraumes antworten. Doch es geht auch klassisch:  Ein Schlitten auf der Bühne würzt den lyrischen Lockruf des CaramelloKomm in die Gondel, mein Liebchen so steige doch ein..“ . Gags, Tiefsinniges wie  Überraschungen setzen sich im 2. Akt fort: wenn die Venezianer des Palast des Herzogs plündern, während sich Herzog Guido mit Anninazu unbekannten Zwecken“ in ein Hinterzimmer verzogen hat;  wenn zum Karneval Männer und Frauen – ohne Maske –  Männer und Frauen in gleichen Kostümen und Perücken merkwürdig gleich wie geklont wirken; wenn sie dann zum „Karneval ruft zum Ball, der ist Souverän“  auf dünnem Eis einbrechen und versinken; wenn Caramello  im 3. Akt fortwährend Wo ist meine Frau“ rufend über den Markusplatz irrt, während der Herzog (Dmitry Ivanchey) mit Annina und Ciboletta einer Gondel entsteigend den lebensfrohen Lagunenwalzer singt „Ach, wie so herrlich zu schaun, sind all die lieblichen Fraun…“. Aller Verwechslungs-wirrwar der Handlung bleibt bis zu einem „offenen Ende“ bestehen, wo man sich für den Karneval des nächsten Jahres verabredet.

Das gesamte Ensemble bot in der detailreichen Produktion eine darstellerisch wie stimmlich  starke Gesamtleistung. Doch  Tamara Banjesevic als Annina und Christina Clark als Ciboletta  waren in dem Potpourri der Clownerien durch hohe Präsenz, mit Charme, Esprit und romantisch timbrierten Stimmen besonders präsent. Johannes Witt und die Essener Philharmoniker begleiteten das Happening freier, hollywoodesken  Lebensfreude in den bunten Orchesterfarben. So feiert das Publikum lebhaft ein modern boulevardeskes Happening wie dessen Protagonisten auf der Bühne wie im Graben.

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig - hier : Applaus für das Ensemble vor dem venezianischem Himmel © IOCO

Aalto Theater Essen / Eine Nacht in Venedig – hier : Applaus für das Ensemble vor dem venezianischem Himmel © IOCO

Eine Nacht in Venedig im Aalto-Theater; die nächsten Vorstellungen: 30.9.; 7.10.; 28.10.; 3.11.; 11.11. und zu Sylvester am 31.12.2018

—| IOCO Kritik Aalto Theater Essen |—

Baden / Wien, Bühne Baden, Operette Frasquita von Franz Lehar, bis 27.08.2016

Juni 24, 2016 by  
Filed under Pressemeldung, Stadttheater Baden

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Bühne Baden

Baden bei Wien Stadttheater © IOCO

Baden bei Wien Stadttheater © IOCO – Kultur im Netz

Frasquita von Franz Lehár
17. Juni bis 27. August 2016 in der Sommerarena der Bühne Baden

Frasquita

Handlung :  Erzählt wird eine turbulente Geschichte um zwei Freunde, zwei Frauen und die große Liebe. Es erklingen Kastagnetten, exotische Tänze wie Bolero Cubano, Tango, Habanera oder Valse Espagnole.

Über Franz Lehárs Operette: Teile der Presse waren erregt, als 1922, im Theater an der Wien, Franz Lehárs Operette Frasquita als Uraufführung über die Bühne ging. Man war bereits gewohnt, dass Meister Lehár gerne die traditionellen Grenzen des Genres Operette sowohl musikalisch als auch im Sujet sprengte, aber hatte er sich jetzt nicht doch zu weit vorgewagt? Das in Spanien und Paris spielende Werk ist weniger bekannt als andere Lehár-Operetten, trägt aber unverkennbar den Stempel des Meisters der Operette.

Die Musik :  Am populärsten ist das Tenorlied vom blauen Himmelbett („Schatz ich bitt‘ dich, komm‘ heut Nacht“), das in der Interpretation von Richard Tauber weltbekannt wurde.

Facts :  Operette in drei Akten von Franz Lehár, Libretto: A. M. Willner und Heinz Reicher

Besetzung:  Anette Leistenschneider, Regie, Franz Josef Breznik, musikalische Leitung, Marcus Tesch, Choreographie, Roswitha Wilding-Meisel, Kostümbild, Bühnenbild
Bibiana Nwobilo, Frasquita, Sebastian Reinthaller, Armand Mirbeau
Rupert Bergmann, Aristide Girot (Fabriksdirektor), Beppo Binder, Pedro / Don Diego
Sieglinde Feldhofer – Dolly Girot, Daniel Ferlin – Sebastiano
Franz Födinger, Franconi / Fernandez, Lilla Galambos – Ines, Gabriele Kridl – Lola,
Georg Lehner – Juan / Silvan, Thomas Malik – Hippolyt Gallipot
Laura Scherwitzl, Dolly Girot,  Lorin Wey – Sancho / Philippe

PM  Bühne Baden / Wien

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