Berlin Staatsoper Unter den Linden, Elektra – Richard Strauss, IOCO Kritik, 01.02.2019

Februar 1, 2019 by  
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Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Elektra – Richard Strauss – Hugo von Hoffmannsthal

– Lauter nicht gelebte Leben –

von Hanns Butterhof

Patrice Chéreaus 2013 entstandene letzte Regiearbeit, Richard Strauss’ und Hugo von Hoffmannsthals einaktige Oper Elektra, ist nach einem Zug durch die großen Opernbühnen der Welt in ihrem Berliner Stammhaus angekommen. In der renovierten Staatsoper Unter den Linden feiert die Wiederaufnahme unter dem Dirigat Daniel Barenboims Triumphe.

Letzte Regiearbeit von Patrice Chéreau – 2013 entstanden

Die düstere, sehr elementarisierte Bühne Richard Peduzzis charakterisiert Elektras Lebenswelt markant als ausweglose Abgeschlossenheit. Das hohe Tor in der abweisenden Mauer versperrt der dezent zerlumpt gekleideten Prinzessin (Kostüme: Caroline de Vivaise) den Zugang zur Stadt und dem Königsschloss. Zwischen den Wänden des Wirtschaftshofs verbeißt sie alle, das Gesinde, ihre Schwester Chrysothemis und ihre Mutter Klytämnestra. Seit diese und deren Liebhaber Aegisth ihren Vater Agamemnon nach seiner Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg ermordet haben, ist Rache ihr einziger Gedanke.

Elektra –  Richard Strauss
youtube Trailer der Staatsoper Unter den Linden aus dem Schillertheater
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Die als Ersatz für Evelyn Herlitzius eingesprungene Ricarda Merbeth ist eine Elektra nahe am Wahnsinn. Sie zeigt kaum etwas von ihrem unendlichen Schmerz über den Tod des Vaters, sondern nur ihren sarkastischen Hass gegenüber allem um sie her. In diesem eingeschränkten Ausdrucksspektrum, verbunden mit fast durchgängig angestrengt hohen Lagen, lassen nur die wenigen ruhigen Passagen wie die Erkennungsszene mit ihrem Bruder Orest ihren gepflegten Sopran und klare Deklamation aufscheinen. Dass ihr Lebenszweck mit der Ankunft des Rächers Orest erfüllt ist und sie erkennen muss, dass ihr Leben verpfuscht ist, ist ergreifend.

Die Klytämnestra Waltraud Meiers ist ohne Dämonie. Die große Mezzosopranistin gibt der Königin eine stille Zerrüttetheit, tastende Suche nach Hilfe. Man glaubt ihr, dass sie ihr Leben durch den Mord an Agamemnon als zerstört weiß. Sie ist des verdrängenden Überspielens ihrer Untat überdrüssig und erhofft sich tiefere Erlösung von Schuldgefühlen und Ängsten, als es die (falsche) Nachricht vom Tod Orests für sie bedeutet, die sie ohne Triumphgefühle zur Kenntnis nimmt.

Staatsoper Unter den Linden / Elektra - hier : Elektra und Klytämnestra © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Elektra – hier : Elektra und Klytämnestra © Monika Rittershaus

Als Elektras Schwester Chrysothemis begeistert Vida Mikneviciute mit jugendlich-klarem Sopran als eine Frau voller Lebenswillen, auf der jedoch der Schatten der Vergeblichkeit liegt. Sie erscheint wie die Personifizierung der abgespaltenen Fraulichkeit Elektras. Doch Vida Mikneviciute lässt berührend erfahren, dass auch sie ihr Frausein nicht leben kann. Nicht erst Elektras Fluch, als Chrysothemis sich weigert, sich am Muttermord zu beteiligen, beschädigt ihr Leben. Sie trägt wie die anderen die Last des Mordes an Agamemnon.

Chéreau hat jeder dieser drei Frauen ihre eigene Würde gelassen. Nicht nur Chrysothemis erscheint als Teilaspekt Elektras. In Klytämnestra ist Elektras künftiges Schicksal vorweggenommen, die zwar nicht mit einem Gatten-, so doch mit einem Muttermord auf dem Gewissen weiterleben muss.

Mit René Pape als Orest kehrt eine tiefe, geerdete Ruhe in der Oper ein. An den ausdrucksstarken Bassbariton kann sich Elektra sogar einen Moment lang herzergreifend anlehnen, und ohne Zweifel ist er der rechte Mann, um ihre Rachegelüste zu stillen. Als er nach vollbrachter Tat den Ort des schrecklichen Geschehens verlässt, dreht er sich nicht erleichtert nach seinen Schwestern um. Auch ihn hat der Rachegedanke einsam gemacht und sein Leben zerstört, der Mord hat keinem Heil gebracht.

Staatsoper Unter den Linden / Elektra - hier : Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Unter den Linden / Elektra – hier : Ensemble © Monika Rittershaus

Daniel Barenboims vorwärtstreibendes Dirigat drängt auf den Augenblick zu, in dem Elektra vor Orest ihrer Situation inne wird. Den einhundertelf Musikern der Staatskapelle Berlin fordert er eine Wahnsinnsgeschwindigkeit ab, die das Orchester bravourös bewältigt, ohne ungenau, klanglich unscharf zu werden. Die Solisten haben es nicht leicht, sich gegen den Klangrausch aus dem Orchestergraben zu behaupten, doch Waltraud Meier, Vida Mikneviciute  und René Pape gelingt das souverän.

Über der teilweise grausigen Schilderung der inneren und äußeren Geschehnisse, den knallenden Peitschenhieben und dem mörderischen Blutbad im Palast liegt eine eigenartige humanistische Milde. Sie ist dem einfühlsamen Verständnis für die Opfer des Verbrechens an Agamemnon und ihren nicht gelebten Leben geschuldet und lässt diese aufwühlende Oper gleichwohl als ungeheuer schön empfinden.

Der lang anhaltende Beifall des begeisterten Publikums, darunter auch die Kanzlerin Angela Merkel und Ehemann, galt allen an der Aufführung Beteiligten und steigerte sich für Vida Mikneviciute, Waltraud Meier und Daniel Barenboim zu Ovationen.

Elektra an der Staatsoper Unter den Linden, Berlin; besuchte Aufführung: 27.1.2019; die nächsten Termine: 3. und 24.2. 18.00 Uhr, 16.2.2019 17.30 Uhr

—| IOCO Kritik Staatsoper unter den Linden |—

Berlin, Staatsoper im Schillertheater, Elektra – Letzte Regiearbeit von Patrice Chéreau, IOCO Kritik, 30.10.2016

Oktober 31, 2016 by  
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Staatsoper im Schiller Theater

Staatsoper im Schillertheater © Thomas Bartilla

Staatsoper im Schillertheater © Thomas Bartilla

Dreifach verpfuschtes Frauenleben

Elektra: Patrice Chéreaus letzte Regiearbeit feiert in Berlin Triumphe

von  HANNS BUTTERHOF

Endlich ist sie auch in Deutschland angekommen: Patrice Chéreaus letzte Regiearbeit, Richard Strauss’ und Hugo von Hoffmannsthals einaktige Oper „Elektra“, feiert nach ihrer Uraufführung 2013 in Aix en Provence und einem Zug durch die großen Opernbühnen der Welt  in der Berliner Staatsoper im Schiller Theater Triumphe.

Staatsoper Berlin / Evelyn Herlitzius als Elektra © Monika Rittershaus

Staatsoper Berlin / Evelyn Herlitzius als Elektra © Monika Rittershaus

Die düstere, sehr elementarisierte Bühne Richard Peduzzis charakterisiert Elektras Lebenswelt markant als ausweglose Abgeschlossenheit. Das hohe Tor in der abweisenden Mauer versperrt der leicht zerlumpten Prinzessin (Kostüme: Caroline de Vivaise) den Zugang zur Stadt und dem Königsschloss. Wie ein Kettenhund bewegt sie sich zwischen den Wänden des Wirtschaftshofs und verbeißt alle, das Gesinde, ihre Schwester Chrysothemis und ihre Mutter Klytämnestra. Seit Klytämnestra und Aegisth, ihr Liebhaber, Elektras Vater Agamemnon nach seiner Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg ermordet haben, ist Rache ihr einziger Gedanke.

Staatsoper Berlin / Klytämnestra (l) und Elektra (r) Berlin © Monika Rittershaus

Staatsoper Berlin / Klytämnestra (l) und Elektra (r) Berlin © Monika Rittershaus

Die stimmlich und darstellerisch wunderbar ausdrucksstarke Evelyn Herlitzius ist eine Elektra nahe am Wahnsinn. Sie zeigt kaum mehr den unendlichen Schmerz über den Tod des Vaters, sondern nur die Raserei als dessen Ergebnis. Ihre große Einsamkeit speist mit enormer Energie die Wut, Verachtung und den sarkastischen Hass gegenüber allem um sie her. Ihr Zusammenbruch, als sich ihr Lebenszweck mit der Ankunft des Rächers Orest erfüllt, ihre Einsicht, dass ihr Leben verpfuscht ist, sind zutiefst erschütternd.

Die Klytämnestra Waltraud Meiers ist ohne Dämonie. Die große Mezzosopranistin gibt der in schlichtes Schwarz gekleideten Königin eine stille Zerrüttetheit und tastende Suche nach Hilfe. Man glaubt ihr, dass sie ihr Leben durch den Mord an Agamemnon als verpfuscht weiß. Des verdrängenden Überspielens ihrer Untat überdrüssig, erhofft sie sich tiefere Erlösung von ihren Schuldgefühlen und Ängsten, als es die (falsche) Nachricht vom Tod Orests für sie bedeutet; sie nimmt sie ohne Triumphgefühle zur Kenntnis.

Als Elektras Schwester Chrysothemis gibt Adrianne Pieczonka mit reifem Sopran anrührend eine Frau, auf deren Lebenswillen der Schatten der Vergeblichkeit liegt. Sie erscheint wie die Personifizierung der abgespaltenen, unterdrückten Fraulichkeit Elektras, die für diesen schwachen Teil von sich nur Verachtung übrig hat; elementar entlädt diese sich, als sich Chrysothemis weigert, sich am Muttermord zu beteiligen.

Chéreau hat jeder dieser drei Frauen ihre eigene Würde gelassen und sie so stimmig gleichwertig besetzt, dass nicht nur Chrysothemis als Teilaspekt Elektras erscheint, sondern auch Klytämnestra. In ihr ist Elektras künftiges Schicksal vorweggenommen, die, wenn auch nicht mit einem Gatten-, so doch mit einem Muttermord auf dem Gewissen weiterleben muss.

Staatsoper Berlin / Elektra und Bruder Orest © Monika Rittershaus

Staatsoper Berlin / Elektra und Bruder Orest © Monika Rittershaus

Mit Michael Volle als Orest im Straßenanzug kehrt eine tiefe, geerdete Ruhe in der Oper ein. An den heldenhaft stimmstarken Bariton kann sich Elektra sogar einen Moment lang herzergreifend anlehnen, und ohne Zweifel ist er der rechte Mann, um ihre Rachegelüste zu stillen. Am Ende ist es sein Begleiter (Franz Mazura), der kühl den herrisch heimkehrenden Aegisth (Stephan Rügamer) tötet.

Daniel Barenboims vorwärtstreibendes Dirigat drängt auf den Augenblick zu, in dem Elektra vor Orest ihrer Situation inne wird. Den einhundertelf  Musikern der Staatskapelle Berlin fordert er eine Wahnsinnsgeschwindigkeit ab, die das Orchester bravourös bewältigt, ohne ungenau, klanglich unscharf zu werden oder die Solisten zuzudecken. Nur in der Orchestermusik ist die teilweise grausige Schilderung der inneren und äußeren Geschehnisse hörbar, die knallenden Peitschenhieben und das finale mörderische Blutbad im Palast. Doch über alldem liegt eine eigenartige humanistische Milde, die dem einfühlsamen Verständnis Patrice Chéreaus und Daniel Barenboims für die drei Frauen geschuldet ist und diesen anregenden Opernabend uneingeschränkt als schön empfinden lässt.

Nach eindreiviertel Stunden der deutsch gesungenen und übertitelten Oper war der Beifall des Publikums grenzenlos. Er    galt neben den Protagonisten und Daniel Barenboim mit seiner Staatskapelle Berlin auch manchen Nebenrollen, die mit alten Weggefährten Chéreaus wie Roberta Alexander als 5. Magd, Franz Mazura als Pfleger Orests und Donald McIntyre als altem Diener besetzt sind. Von Hanns Butterhof

Elektra in der Staatsoper im Schillertheater, weitere Termine:1.11. und 4.11.2016 19.30 Uhr, (beide ausverkauft); Im Gran Teatre del Liceu, Barcelona 7., 11., 15., 19. und 23.12. 2016, jeweils 20.00 Uhr.

—| Pressemeldung Staatsoper im Schillertheater |—

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