Les voyageur de l’Or du Rhin – Luc-Henri Roger, IOCO Buchbesprechung, 02.03.2021

März 1, 2021 by  
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Les Voyageurs de L`Or du Rhin / Die Rheingold-Reisenden - Buch von Luc-Henri Roger © Hugendubel

Les Voyageurs de L`Or du Rhin / Die Rheingold-Reisenden – Buch von Luc-Henri Roger © Hugendubel

Les voyageur de l’Or du Rhin – Die „Rheingold“-Reisenden

La réception française de la création munichoise du Rheingold de Richard Wagner –  Sprache französisch, Buch von Luc-Henri Roger

 Hugendubel.de Verlag – ISBN 978-2-322102327, 22,00 €, Paperback

von Julian Führer

Zum wagnerianischen Basiswissen gehört, dass im Jahr 1876 die ersten Bayreuther Festspiele stattfanden und dass dort Der Ring des Nibelungen uraufgeführt wurde. Wer etwas mehr in die Tiefe geht, findet heraus, dass König Ludwig II. von Bayern bereits 1869 bzw. 1870 Aufführungen von Das Rheingold und Die Walküre in München befohlen hatte. Kaum jemandem dürfte allerdings bewusst sein, dass wir über die Generalprobe des Rheingold 1869 mehr wissen als über die Premiere – und Luc-Henri Roger weiß, welche französischen Gäste in dieser denkwürdigen Probe saßen. Ihnen und vor allem ihrer breiten publizistischen Tätigkeit ist dieses Buch gewidmet.

Die Proben hatten sich in München über den Sommer hingezogen. Textbuch und Noten waren längst allgemein erhältlich, so dass bei vielen die Vorfreude stieg, endlich die Umsetzung auf der Bühne zu erleben und das Orchester dazu zu hören. Zeitungen entsandten ihre Korrespondenten, zumal in München gleichzeitig im Königlichen Glaspalast die I. internationale Kunstausstellung stattfand, über die ebenfalls berichtet werden sollte. Am 25. August nun würde König Ludwig II. seinen 24. Geburtstag feiern, und an diesem Tag sollte Das Rheingold uraufgeführt werden. Richard Wagner als Urheber des neuen Stückes bestand darauf, erst nach Vollendung aller vier Teile eine zyklische Aufführung durchführen zu lassen, konnte sich gegenüber dem Befehl seines königlichen Mäzens nicht durchsetzen, blieb aber demonstrativ in Luzern.

Luc-Henri Roger / Autor  von Les voyageur de l’Or du Rhin - Die "Rheingold"-Reisenden © Luc-Henri Roger

Luc-Henri Roger / Autor  von Les voyageur de l’Or du Rhin – Die „Rheingold“-Reisenden © Luc-Henri Roger

Das Stück ist schwierig zu inszenieren, wer wollte das bestreiten. Etwa zweieinhalb Stunden ohne Musik, drei Verwandlungen zwischen den vier Szenen bei offenem Vorhang, während das Orchester weiterspielt – und entsprechend wenig Zeit für die notwendigen Umbauten, wenn die erste Szene doch „Auf dem Grunde des Rheins“ spielt, bevor man auf eine „Freie Gegend auf Bergeshöhen“ wechselt, bevor es in die Tiefe der Erde nach Nibelheim und von dort wieder auf die Bergeshöhen geht. Der Premierentermin war nicht zu halten, die Korrespondenten waren aber bereits angereist und berichteten abwartend und erwartungsvoll erst einmal von der Kunstausstellung. Einige von ihnen (und auch der König) erlebten am 27. August dann die Generalprobe unter der Leitung von Hans Richter, dem späteren Uraufführungsdirigent des Ring in Bayreuth. Die musikalische Qualität gefiel den Anwesenden, die szenische Umsetzung wurde jedoch als katastrophal wahrgenommen. Im Publikum gab es Gelächter, die Premiere musste verschoben werden. Richard Wagner wurde telegraphisch informiert und eilte nach München, wurde aber nicht zum König vorgelassen. Hans Richter riskierte mit nur 26 Jahren seine gutdotierte Stelle am Nationaltheater und reiste ab, ebenso Franz Betz, der 1868 in München bei der Uraufführung ein gefeierter Hans Sachs gewesen war und nun die Partie des Wotan übernommen hatte.

Die Premiere konnte erst am 22. September stattfinden, nachdem am Bühnenbild und vor allem an der Bühnenmaschinerie und dem Licht mit Hilfe des bewährten Carl Brandt aus Darmstadt nachgearbeitet worden war. Der König konnte das Werk nun erleben, die meisten Korrespondenten hingegen hatten ihren Redaktionen etwas über die Generalprobe und den folgenden Skandal geliefert und waren wieder abgereist. Hans Richter hatte auf seine Stelle verzichtet, als Dirigent sprang Franz Wüllner ein. Den Wotan sang August Kindermann, der bei der Generalprobe noch den finsteren Fafner gegeben hatte. Ebenfalls umbesetzt wurden Donner, Froh, Loge, Alberich, Mime, Fasolt und natürlich Fafner; anders gesagt: Fricka, Freia, Erda, Woglinde, Wellgunde und Flosshilde wurden von Sängerinnen, die die Proben miterlebt hatten, gegeben, sämtliche männlichen Solopartien waren neu besetzt worden…

Die Geschichte des französischen Wagnerismus ist schon oft und manchmal sehr genau erzählt worden, doch zeigt sich in den Berichten zur Münchener Generalprobe vieles, was die Wege der französischen Wagnerrezeption aufzuhellen beiträgt. Das Buch von Luc-Henri Roger enthält nun nach einer kurzen Einführung in die Werkgeschichte eine Präsentation der französischen Korrespondenten und an erster Stelle (S. 27-94) einer Korrespondentin, nämlich Judith Mendès, Tochter des Literaten Théophile Gautier (der unter anderem das Libretto für Adolphe Adams Ballett Giselle schrieb und über den Club des Hachichins mit Charles Baudelaire bekannt war und gemeinsam mit ihm Haschisch konsumierte). Judith hatte mit etwa 20 Jahren Catulle Mendès geheiratet, ebenfalls ein großer Wagnerverehrer. Judith nun hatte früh Wagners Bekanntschaft gesucht und unterhielt mit dessen Geliebter und späteren Ehefrau Cosima, die mit Wagner bei Luzern lebte, eine umfangreiche Korrespondenz.

Judith publizierte vor allem, aber nicht nur, in La Liberté. Wirklich witzige Anekdoten über eine Reise über Luzern (mit Besuch bei Wagner) und Zug und über den Bodensee nach München wechseln sich ab mit engagierten, begeistert geschriebenen Artikeln, in denen Wagner, sein Werk und auch Das Rheingold über alle Maßen gelobt werden. Da dem französischen Publikum natürlich das Textbuch nicht geläufig war, erzählt Judith Mendès den Inhalt sehr präzise und am Wortlaut des Wagnerschen Textes entlang nach (S. 83-92), doch dann entfährt es ihr angesichts der Inszenierung etwas schnippisch: „Malheureusement, les féeries du Châtelet existent; et déclarer impossible une mise en scène aussi simple que celle de l’Or du Rhin, c’est s’avouer bien facilement vaincu.“ Also: Das Rheingold ist eigentlich ganz leicht auf die Bühne zu bringen, jedenfalls für eine Bühne wie das damals erst kürzlich eröffnete Théâtre du Châtelet in Paris…!

Die folgenden Artikel stammen von Judiths Ehemann Catulle Mendès (S. 95-181). Ebenfalls in unermüdlicher Weise publizistisch tätig für Wagner und sein Werk, stand er seit 1861 mit dem Komponisten in Kontakt (da war Mendès eben zwanzig Jahre alt), begegnet ist er ihm dann erst 1869 in Tribschen bei Luzern auf dem Weg zur Münchener Uraufführung des Rheingold. Seine Berichte an die Tageszeitung Le National sind unterschiedlich lang, manchmal erschienen mehrere kleinere Artikel in einer Nummer. Wagner hatte mit Frankreich kein Glück; seine Pariser Zeit 1840-1842 brachte ihm keinen Erfolg. Den Prosaentwurf für den Fliegenden Holländer musste er verkaufen, um sich über Wasser zu halten, und die Pariser Oper ließ das Stück von einem anderen vertonen als Wagner (der trotzdem ein Textbuch und eine Partitur dazu verfasste, die dann aber erst in Dresden zur Aufführung gelangte). 1861 sollte Tannhäuser gezeigt werden, der aufgrund diverser Intrigen und nicht zuletzt Wagners etwas schwieriger Persönlichkeit zu einem denkwürdigen Skandal, nicht aber zu einem Erfolg wurde. 1869 aber, im Jahr des Münchener Rheingold, wurde in Paris Wagners Frühwerk Rienzi gezeigt, und endlich wurde ihm Anerkennung zuteil. Catulle Mendès knüpft an diesen Erfolg an und berichtet seiner Zeitung und dem Pariser Publikum, was für ein freundlicher Mensch Wagner sei, der Stücke des französischen Opernrepertoires wie Aubers Muette de Portici und Rossinis Guillaume Tell lobe, Mozart und Beethoven verehre und in Tribschen in Einsamkeit und Zurückgezogenheit lebe. Dass Wagners langjährige Geliebte Cosima mit ihren Töchtern und dem wenige Wochen zuvor zur Welt gekommenen Sohn Siegfried ebenfalls dort lebte, ist Mendès natürlich nicht verborgen geblieben, doch da Cosima damals noch eine verheiratete von Bülow war, verlor er über diese etwas komplizierten Verhältnisse kein Wort. Ebenfalls mit keinem Wort erwähnte Mendès, dass Richard Wagner sein Pamphlet Das Judenthum in der Musik, 1850 anonym publiziert, soeben auf Anraten Cosimas und anderer unter seinem Namen erneut veröffentlicht hatte, womit Wagner sich international wieder einmal neue Feinde gemacht hatte und woraufhin in Tribschen Drohbriefe eingingen.

Wie seine Frau Judith schrieb auch Catulle Mendès mitunter Anekdoten auf, um sein Publikum zu unterhalten – unter anderem über die Bräuche in Münchener Wirtshäusern, wo man Bier bestellt und stattdessen Kaffee serviert bekommt (oder Kaffee bestellt und stattdessen Bier serviert bekommt). Auch in seiner Zeitung erscheint dann eine lange Inhaltsangabe des neuen Stücks, etwas freier als bei Judith, dafür etwas stärker die Musik einbeziehend (S. 144-153). Beide allerdings heben die hypnotische Wirkung des Vorspiels zur ersten Szene in Es-Dur hervor. Aus Mendès‘ späterem Schaffen ist außer seinem Nachruf auf Richard Wagner aus der Zeitung Gil Blas noch die Épître au roi de Thuringe von 1881 abgedruckt (S. 170-175), in der ein König „Friedrich II. von Thüringen“ im Schloss „Nonnenburg“ wohnt und es um die Uraufführung der Oper „Das Donaugold“ geht – natürlich ein kaum verhohlener Schmähtext auf den König von Bayern.

Richard Wagner Denkmal im Berliner Tiergarten, zu seinen Füßen Wolfram von Eschenbach © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal im Berliner Tiergarten, zu seinen Füßen Wolfram von Eschenbach © IOCO / Rainer Maass

Als dritter Franzose auf publizistischer Wallfahrt nach München wird Auguste de Villiers de l’Isle-Adam präsentiert (S. 183-210). Eigentlich wollte er Judith Gautiers jüngere Schwester heiraten, woraus dann aber nichts wurde – fast könnte man glauben, der französische Wagnerismus sei vor allem aus den amourösen Verwicklungen einer Pariser Kifferfamilie entstanden. Villiers de l’Isle-Adam war literarisch erfolgreich, so dass es schon früh auch biographische Arbeiten über ihn gab, unter anderem von seinem Cousin Robert du Pontavice de Heussey (das München und das Verhältnis zu Wagner betreffende Kapitel ist abgedruckt). Villiers publizierte seine Rheingold-Eindrücke in L’Universel – er referiert das Bühnengeschehen und den Text mit viel Enthusiasmus, aber verweist auch auf die Musik: Nach eigener Aussage saß Villiers de l’Isle-Adam im Münchener Nationaltheater gleich neben Franz Liszt, der in der Orchesterpartitur mitlas.

Es folgt Augusta Holmès (S. 211-226). Sie hatte mit der Familie Gautier-Mendès zunächst nichts zu tun – bis sie mit Catulle Mendès durchbrannte, der Judith sitzenließ, fortan mit Augusta Holmès zusammenlebte, mit ihr fünf Kinder hatte und ihr ganzes Vermögen durchbrachte. Augusta Holmès komponierte und war eine beachtliche Pianistin, der es sogar gelungen sein soll, mit dem Vortrag eigener Kompositionen am Klavier einen missgestimmten Richard Wagner wieder aufzuheitern. Ein Artikel in Le Siècle, ein anderer in der Union libérale et démocratique de Seine-et-Oise referiert einerseits den Inhalt, lässt aber andererseits die Musikerin erkennen. Der Satz (S. 224) „Les dieux, dont la présence éclaire l’opéra du „Rheingold“, ont le calme rayonnant de statues grecques laissées dans la glace du nord“ hätte Wieland Wagner mit seiner archetypisch-stilisierenden Interpretation sicherlich gefallen.

Schließlich werden noch Édouard Schuré und die Gräfin Muchanow (Maria von Nesselrode-Ehreshoven, verheiratete Kalergi, in zweiter Ehe Muchanow), eine Schülerin ebenso Frédéric Chopins wie Franz Liszts, gewürdigt. Maria Muchanow publizierte in keiner Zeitung, aber schrieb viele Briefe an ihre Tochter, in denen sie sie über Neuigkeiten auf dem Laufenden hielt und die 1911 gedruckt wurden. Cyprien Godebski schließlich schrieb 1895 in La Renaissance idéaliste Erinnerungen an 1869 nieder, in denen viele der hier aufgeführten Personen auftreten.

Der zweite Teil des Buches enthält Zeitungsartikel aus diversen französischen Blättern. Am packendsten ist sicherlich die erste Zusammenstellung aus dem heute noch erscheinenden Le Figaro, da dort mit Léon Leroy ein französischer Wagnerianer und mit Albert Wolff ein deutschsprachiger Elsässer und Wagnerfeind zwei Antagonisten ihren Zwist in den Feuilletonspalten ihres Blattes austrugen (und dafür auch den Platz zugestanden bekamen). Albert Wolff fühlte sich immer stärker als Franzose, zumal als 1870, nur ein Jahr später, die deutschen Staaten unter preußischer Führung gegen Frankreich Krieg führten. In Zeiten sekundenschneller Kommunikation um die ganze Welt ist es reizvoll, den Weg von Gerüchten nachzuvollziehen. Die erste Szene von Das Rheingold spielt „Auf dem Grunde des Rheins“. In Le Ménestrel wird daraus, dass die ganze Bühne geflutet werden sollte und die erhebliche Verzögerung bei den Proben nicht zuletzt darauf zurückzuführen sei, zumal die Rheintöchter im Schwimmen zu singen hätten (diese nahezu perfekte Illusion wurde dann erst bei den Bayreuther Festspielen 1983 in die Realität umgesetzt). In La France musicale wird Wagners monumentaler Ring-Zyklus philologisch etwas unsicher als „quadrilogie“ bezeichnet, ansonsten fassen die meisten Artikel das zusammen, was die anderen auch schon berichtet haben.

Über das Buch verteilt finden sich Zeichnungen von Szenenbildern der Münchener Inszenierung und Figurinen einzelner Personen. In den Anhängen sind die im Buch enthaltenen Zeitungsartikel und Briefe in chronologischer Reihenfolge aufgelistet (S. 341-345). Anschließend werden die in diesem Buch auftretenden Personen in der Reihenfolge ihres Lebensalters zum Zeitpunkt der Uraufführung präsentiert (S. 347-348). Das wirkt zunächst kurios, doch schärft es den Blick für einen Umstand: Die handelnden Personen waren außerordentlich jung! Augusta Holmès war 21, Ludwig II. und Judith Mendès 24, Catulle Mendès und Édouard Schuré 28, Villiers de l’Isle-Adam 30 Jahre alt. Fast unter die Senioren zu zählen sind daneben Ivan Turgeniev, der ebenfalls der Generalprobe beiwohnte (50 Jahre), und Franz Liszt (damals 57 Jahre). Auf S. 349 werden die Solorollen bei der Generalprobe vom 27. August und der Uraufführung vom 22. September gegenübergestellt. Es folgt ein Literaturverzeichnis (S. 351-355), ein Inhaltsverzeichnis und erst dann (S. 361-399) die umfangreichen Anmerkungen, in denen Luc-Henri Roger viele Anspielungen und Kontexte aufklärt.

Luc-Henri Roger hat zu den einzelnen Autorinnen und Autoren präzise recherchiert: Wenn ein Artikel eine Reaktion nach sich zieht (wie ein sarkastischer Kommentar zu den Lobeshymnen der Augusta Holmès in Le Figaro ein paar Tage später), wird auch diese abgedruckt. Auch wenn sich der eine oder andere Druckfehler eingeschlichen hat, ist das vorliegende Buch eine mit Fleiß und Enthusiasmus erarbeitete Leistung, die der langen Tradition des französischen Wagnerismus Ehre macht.

—| IOCO Buchbesprechung |—


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Minden, Stadttheater Minden, Siegfried – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 24.09.2019

September 24, 2019 by  
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Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Siegfried  –  Der Ringzyklus am Stadttheater Minden

  – Siegfried heißt der Held im Stadttheater von Minden –

von Sebastian Siercke

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Es ist 41 Jahre her, daß ich Richard Wagners  Der Ring des Nibelungen zum ersten Mal sah. Der Theaterfundus der Hamburgischen Staatsoper war gerade abgebrannt und man musste sich die Dekorationen von anderen Opernhäusern ausleihen. Dieser Ring kam von der Oper Köln und war eine etwas betagte Wieland-Wagner-Produktion. Seither habe ich viele Ringe gesehen und eine Unzahl aus Einzelwerken daraus. Legendäre Inszenierungen, längst vergessene Belanglosigkeiten und Ärgerliches. Musikalische Höhepunkte, die zu andächtigem Niederknieen verleiteten und welche, über die schnell der gnädige Mantel des Vergessens gelegt wurde.

Und dann kam der Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden!

Kurzentschlossen gelang es uns 2018 die letzte Götterdämmerung zu besuchen und danach stand fest: Der komplette Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden wird 2019 für uns zu einer Pflichtveranstaltung! Das Erlebte in Minden mit Superlativen zu überhäufen wird dem Ganzen nicht wirklich gerecht. Die Sänger sind durch die Bank erstklassig, das Orchester großartig, der Dirigent Weltklasse.

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Das Herausragende am Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden ist aber das Gesamtpaket dieser Aufführungen. Jeder in der Stadt scheint zu wissen, daß sich im Stadttheater außerordentliches tut und spricht die angereisten Gäste darauf an. Um das Theater herum hat man beinahe das bekannte, wohlige Bayreuth-Gefühl. Das Publikum steht in Hochstimmung vor dem Haus und wartet auf die Fanfaren, die hier wie dort das Pausenklingeln ersetzen und in Haus rufen. Letztlich fehlt nur der Bratwurststand um es zu komplettieren.

Das mit 525 Plätzen übersichtliche, beinahe intime Theater hat einen zu kleinen Orchestergraben für ein großes Wagnerorchester, also wird dieser überbaut zur Vergrößerung der Bühne, das Orchester sitzt nun hinter einen Gazevorhang im Hinterraum der Bühne. Dadurch hat man selbst aus der vorletzten Reihe im Parkett das Gefühl direkt ins Spiel auf der Bühne einbezogen zu werden. Und das, was dort gespielt wird ist wirklich außerordentlich! Der Regie von Gerd  Heinz merkt man an, daß er vom Schauspiel kommt. Eine so ausgefeilte Personenführung, perfekt an Musik und Text angelehnt, habe ich selten erlebt. Die Darsteller danken es mit hinreißender Spielfreude, bei der Gestik und Mimik in nie gesehener Perfektion gezeigt werden. Den Auftritt des gurrenden, flatternden Waldvogels wird jedem im Gedächtnis bleiben müssen.

Mit der Titelpartie des Siegfried hatte Thomas Mohr mittlerweile die dritte Rolle in dieser Ring-Serie; nach Loge im Rheingold und Siegmund in der Walküre. Von  lyrisch gesungen Passagen im ersten Akt über wuchtige Schmiedelieder bis zu dem strahlend inbrünstigen Werben um Brünnhilde im letzten Akt, gelang es ihm alles komplett mühelos erscheinen zu lassen, von der Anstrengung, die diese Mordspartie erfordert, war buchstäblich nichts zu hören oder zu sehen. Seine Brünnhilde war, wie schon in der Walküre, Dara Hobbs. Vom ersten „Heil Dir, Sonne!“ an hatte sie das Publikum mit ihrem strahlenden Sopran fest im Griff.  Herrlich, wie sich im folgenden Duett die ehemals göttliche Jungfrau und der eben erst erwachsene Jüngling sich gegenseitig wahrnehmen und neckend umwerben, bis sich zum Finale in die Arme werfen.

Stadttheater Minden / Siegfried - Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Mime war der amerikanische Tenor Jeff Martin, wunderbar den verschlagenen, falschen Charakter der Partie darstellend. Renatus Meszar als Wanderer, im ersten Akt noch souverän als wanderender Wotan, der verzweifelt versucht Mime dazu zu bringen endlich die richtigen Fragen, die, die ihm beantworten würden, wie das das Schwert zu schmieden sei, zu einem resignierten Gott im zweiten und dritten Akt, zeigte stimmlich wie darstellerisch hervorragend die Wandlung zu jemandem, der dann nur noch schweigend, stumm und ernst in Walhall sitzen wird um das eigene Ende zu erwarten. Welch ein Einfall der Regie, daß nicht Siegfried am Amboss das Schwert schmiedet, sondern Wotan als Schattenbild im Hintergrund mit dem Aufstoßen seines Speers Nothung neu formt, in der vergebenen Hoffnung Siegfried könnte mit des Schwertes Hilfe doch noch alles zum Guten wenden. Erda trug mit ihrem Auftritt ihren Teil zu Wotans Wandlung bei. Nicht mehr als allwissendes Weib wie im Rheingold, sondern als alte verwirrte Frau saß sie auf der Bühne, verschlafend, was sie wissen müsste und letztlich von Wotan  zu ewigem Schlaf zurückgesandt.

Janina Baechle verkörperte diese Erda brillant. Heiko Trinsinger als Alberich mit höchst ausdrucksvoller Stimme, kommt als Jäger auf die Bühne und hat erstmal seinen kleinen Sohn Hagen dabei. Er erzieht ihn zum kalten Neid, zeigt ihm schon früh wo die Feinde sind, die er, erst erwachsen, für seinen Vater zu  schlagen hat. Der erste der fällt, wenn auch durch Siegfried ist Fafner, der Wurm. War es im Rheingold noch ein chinesischer Karnevalswurm, ringelte sich jetzt ein von Komparsen gespielter glitzernder Riesenwurm auf der Bühne. Erst als er von Siegfried tödlich getroffen wird verwandelt er sich zurück in Fafner, den Riesen, der seinen Bruder für den Ring erschlagen hat. Johannes Stermann lieh erst dem gelangweilten Wurm, Ich lieg und besitz: lasst mich schlafen, zum sterbend weisen Riesen seinen schönen Bass. Was war bei Julia Bauers Waldvogel eigentlich wichtiger? Die klangschöne Stimme oder das sagenhafte Spiel? Da spielte niemand einen Vogel: ein Vogel saß auf der Balkonbrüstung!

Bleibt noch das Orchester, wie immer in Minden die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford, das makellos und klangschön wohl die meisten Opernorchester mit dieser Leistung souverän an die Wand spielt. Liegt es auch am Dirigenten? Bestimmt. Frank Beermann entlockt dem Orchester Klänge, wie man sie kaum noch sonst zu hören bekommt. Das gesamte Spektrum der romantischen Emotionen und überbordenden Dramatik wird hervorgeholt, daß es einem heiß und kalt wird. Genau so möchte ich Siegfried hören! Ganz ganz wunderbar!

Stadttheater Minden / Siegfried - Der Ring des Nibelungen - hier : das Ensemble beim Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Siegfried – Der Ring des Nibelungen – hier : das Ensemble beim Schlussapplaus © Patrik Klein

Ein Wermutstropfen: 2020 ist in Minden Wagner-Pause. Ob und mit was man in Minden in den folgenden Jahren weiter macht steht noch nicht fest. Ich hoffe, daß weiteres kommt; die Opernwelt wäre deutlich ärmer ohne Richard Wagner in Minden!

Widmen möchte ich diese Zeilen meinem besten Freund, den ich 1978, bei meinem ersten Ring in Hamburg kennenlernte und mit dem ich in den folgenden Jahren hunderte von Opernvorstellungen landauf-landab gesehen habe. Er starb am Morgen dieses Mindener Siegfrieds.  Er hätte diese Aufführung geliebt!

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—


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Chemnitz, Theater Chemnitz, Siegfried – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 12.06.2019

Juni 12, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Siegfried:  Der – Chemnitzer – Ring des Nibelungen

Was will die Regie wirklich zeigen?

von Thomas Thielemann

Die gravierende Fehlbesetzung der Titelrolle des Siegfrieds im Oster-Ring der Oper Chemnitz war Veranlassung genug, den Siegfried des Pfingst-Ringes mit dem Sänger-Darsteller der Premierenrunde Daniel Kirch zu besuchen. Auch waren Unklarheiten geblieben, was Regisseurin Sabine Hartmannshenn dem arglosen Opernbesucher in ihrer Inszenierung vermitteln möchte; die IOCO Rezension vom 26.4.2019 – Wagner aus feministischeer Sicht  – link hier-  und dort erwähnte Verbrechen von Männern an Frauen deuten schon deren Richtung an.

Siegfried –  Richard Wagner
youtube Trailer Theater Chemnitz
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Erst die phänomenale schauspielerische Leistung des Daniel Kirch, die geringfügige sängerische Rest-Defizite vergessen lässt, führt zum Kern der Inszenierung. Mit fünf Männern konfrontiert uns Richard Wagner, die von der Regie charakterisiert werden müssten: Der Riese Fafner ist bereits im Rheingold als Brudermörder ob seiner Habgier denunziert. Der Zwerg Mime schneidet brutal den Siegfried-Fötus aus  Sieglinde und lässt sie verbluten, nur um sich ein Werkzeug zu schaffen, das seine körperlichen Defizite kompensieren soll. Sein Bruder Alberich vergewaltigt eine gesichts- und willenslose Nibelungensklavin, um dem Knaben Hagen die angestrebten Machtverhältnisse zu demonstrieren. Der junge Hagen begreift und tritt nach. Warum der Wanderer, also eigentlich ein Gott, wenn auch auf Abruf, den Waldvogel umbringt, erläutert die Inszenierung nicht so richtig. Ist dem Gott ihre Informationsfreudigkeit und ihr Warnen ein Dorn im Restauge geworden?

Theater Chemnitz / Siegfried - hier : Arnold Bezuyen als Mime - knieend, Daniel Kirch als Siegfried © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Siegfried – hier : Arnold Bezuyen als Mime – knieend, Daniel Kirch als Siegfried © Nasser Hashemi

Bleibt Siegfried: er ist bereits von Wagner am Beginn als kindlich und naiv angelegt. Aber die Spielfreude des Daniel Kirch, wahrscheinlich von Sabine Hartmannshenn noch angefeuert, stellt ihn uns kindisch bis zu den Schluss-Szenen vor. Er beherrscht die Bühne, ohne dabei auch nur die geringste Entwicklung zu zeigen. In der April-Rezension hatte ich der Regie mangelhafte Personenführung kritisiert. Das war aber am Ostersamstag der Notwendigkeit geschuldet, dass der musikalische Leiter alle Mühe hatte, den armen Ersatz-Siegfried über den Spätnachmittag zu bringen und ihn deshalb häufiger an die Rampe holte. Kirch hat bewiesen, dass seine Spielfreude Mittel zum Zweck war. Siegfried blieb ein Kindskopf bis er in die Fänge der Brünnhilde geriet.

Fazit der Chemnitzer Inszenierung: Alle Männer sind Verbrecher oder naive Kindsköpfe; es sei denn, sie werden von einer starken Frau gelenkt, geleitet

Sabine Hartmannshenn ist eine höchst begabte Regisseurin. Wie sie die Oper mit diesem einen Bühnenbild, das eigentlich nur im Bereich des Feuerzaubers abgewandelt ist, ausfüllt, ist bemerkenswert. Einige Szenendetails – die Tafelei des Wanderers mit Mime mit dem abrupten Abbruch, die Drachenszene mit der Statisterie – zeugen von hoher Kreativität.

Theater Chemnitz / Siegfried - hier : Ralf Lukas als Der Wanderer, Bjoern Waag als Alberich © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Siegfried – hier : Ralf Lukas als Der Wanderer, Bjoern Waag als Alberich © Nasser Hashemi

Gesungen wurde in der Aufführung recht ordentlich. Arnold Bezuyen war besser als am Ostersamstag. Prachtvoll wieder Jukka Rasilainen, Magnus Piontek und vor allen Guibee Yang und Stéphanie Müther.Überzeugend auch der Wanderer von Ralf Lukas und die Erda von Nadine Weismann.

Götterdämmerung – Richard Wagner
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Die Abendleistung des Orchesters zu beurteilen fällt schwer. Weil noch andere Aufführungen in meinem Ohr klingen, scheint mir, daß Guillermo Garcia Calvo mit den Blechbläsern recht üppig um sich warf und über weite Strecken das Feuer eines Richard Wagner vermissen ließ.

Der ausgeprägt aggressive Feminismus in den Konzeptionen von Sabine Hartmannshenn und Elisabeth Stöppler bleibt nach modernen Wertvorstellungen nur schwer verkraftbar.

—| IOCO Kritik Theater Chemnitz |—


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Hamburg, Elbphilharmonie, Pathetische Wagner-Pracht – Marek Janowski, IOCO Kritik, 12.01.2019

Januar 12, 2019 by  
Filed under Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Oper

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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Pathetische Wagner-Pracht in der Elbphilharmonie

NDR Elbphilharmonie Orchester  mit Marek Janowski
Ausschnitte  aus Tannhäuser, Tristan und Isolde, Götterdämmerung

Von Michael Stange

Ein Vorzug des Programms des NDR Elbphilharmonie Orchester an diesem Abend lag neben den vorzüglichen Solisten in der Möglichkeit, sich allein auf die Musik zu konzentrieren, ohne von der Bühne abgelenkt zu sein. Das Publikum konnte so den Bezügen der so verschiedenen Opern Richard Wagners nachspüren.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Wagner war nicht nur Komponist, sondern nach Meinung von Zeitzeugen ein großer Dirigent. Seine Werke präsentierte er häufig selbst auf dem Konzertpodium, um bisher nicht Aufgeführtes vorzustellen und seine Werke bekannt zu machen. Schon in jungen Jahren kannte er aus Hörerfahrungen in Leipzig die Möglichkeiten eines Sinfonieorchesters. Davon unbeirrt komponierte er schon im Tannhäuser eine mit reichen Farben und sehr schwierigen Passagen ausgestatte Musik, die damals revolutionär war. Sie erfordert hohes virtuoses Geschick der Musiker, um die von Wagner gedachte klangliche Wirkung zu entfalten. Für damalige Orchester dürfte dies kaum zu bewältigen gewesen sein, weil die Instrumentenführung und die Klangfarben und Dynamiken oft deutlich über Tradiertes hinausgingen.

Wagner-Orchesterkonzerte sind Drahtseilakte, weil es sich dabei nur um Fragmente der Opern handelt. Dadurch müssen die zahlreichen Aspekte der Oper in den Opernauszügen und Vorspielen ungemein verdichtet und verwoben werden.

Die im ersten Konzertteil gespielten Werke Tannhäuser sowie Tristan und Isolde behandeln die Grundthemen verbotene Liebe, Verbote im Leben und Erlösung. Die Tannhäuser Ouvertüre mit ihrem choralsatzartigen Bläsereinsatz des Gnadenheil-Motivs gelangen dem NDR Elbphilharmonie Orchester wie ein wehmütiger inniger Auftakt. Im Liebesbann-Motiv erklangen flirrende, gleißende erotische Malereien. Auch beim gepeitschten Klang des Bacchanale erreichte das NDR Elbphilharmonie einen die Zerrissenheit des Venusbergs brillante Wiedergabe.

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal im Tiergarten in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Noch größere solistische und gestalterische Herausforderungen bergen das Vorspiel und der Liebestod aus Tristan und Isolde. Schön mit dem Vorspiel öffnet sich eine neue musikalische Welt.

Durch die Anlage der Komposition handelt es sich um eine der am schwierigsten auf dem Konzertpodium zur Wirkung zu bringenden Kompositionen Wagners. Celli, erstes und zweites Fagott, ein Englisches Horn, zwei Klarinetten und zwei Oboen bilden den Tonkörper des Beginns des Vorspiels. Die an sich gegebene Klangharmonie der Instrumente wird aber kompositorisch ein aufwärts schwingender Salto mortale der Celli über eine Sext entgegengesetzt. Dies hebt die an sich tonale Wirkung der Instrumente völlig auf, so dass für den Zuhörer schon hier die Achterbahnfahrt von Klangwahrnehmung und Gefühlen beginnt.

Wagner berichtet aus der Zeit der die von ihm geleitete Erstaufführung des Vorspieles am 25. Januar 1860 in Paris: „Ich ließ zum ersten Mal das Vorspiel zu Tristan spielen; und — nun fiel mir’s wie Schuppen von den Augen, in welche unabsehbare Entfernung ich während der letzten acht Jahre von der Welt geraten bin. Dieses kleine Vorspiel war den Musikern so unbegreiflich neu, da ich geradewegs von Note zu Note meine Leute wie zur Entdeckung von Edelsteinen im Schachte führen musste.“ So musste auch Joseph Strauß 1860 für seine Kapelle, die seinerzeit als Spitzenorchester galt, das Vorspiel für seine Zwecke neu orchestrieren, um es erstmals in Wien aufzuführen.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester - hier : Nina Stemme © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester – hier : Nina Stemme © Patrik Klein

Über die beabsichtigte Wirkung des Tristans schreibt Wagner 1859 an Mathilde Wesendonck: „Nun denken Sie meine Musik, die mit ihren feinen, feinen, geheimnisvoll, flüssigen Säften durch die subtilsten Poren der Empfindung bis auf das Mark des Lebens eindringt, um dort Alles zu überwältigen, was irgendwie Klugheit und selbstbesorgte Erhaltungskraft sich ausnimmt, Alles hinwegschwemmt, was zum Wahn der Persönlichkeit gehört, und nur den wunderbar erhabenen Seufzer des Ohnmachtsbekenntnisses übrig lässt.“

In historischen Aufnahmen kleiden Carlos Kleiber oder Furtwängler diese Intention schon durch eine gefühlte Ewigkeit im Beginn des Vorspiels aus. Sie beginnen das Stück mit einen immensen Spannungsbögen. Dies steigern sie im Fortlauf durch jauchzende Ausbrüche und Momente, in denen Musik und Zeit nahezu still stehen. Sie begreifen das Tristan Vorspiels als musikdramatisch, ekstatische Gegenüberstellung der musikalischen Motive der Sehnsucht, der Liebesleidenschaft und des Liebesblicks und als Aneinanderreihung aberwitziger Steigerungen.

Diese rauschhafte Überschreitung des musikalisch fass- und erfahrbaren findet sich eher selten in aktuellen Interpretationen. Dies mag daran liegen, dass der von Wagner musikalisch ersehnte Durchbruch der den grenzenlos begehrlichen Herzen den Weg in das Meer unendlicher Liebeswonnen findet, heute oft anders aufgefasst wird.

Auch Janowski Tristan-Vorspiel klingt abgemildert und kühler. Die Erregung wurde gedämpft präsentiert. Dramatik und Ekstase waren gestuft und bedacht aufgebaut. Überbordender Melos wurde durch eine Klangbühne ersetzt, die durch tonale Pracht, organischen Aufbau und sinnende Piani glänzte. Diese abgemilderte, erdennahe Interpretation der Leidenschaft überzeugte durch sanfte Bögen, gedämpfte Dissonanzen und pastose Details und ein klangschönes Finale des Vorspiels.

Der Höhepunkt des ersten Konzertteils war Nina Stemmes Liebestod. Sie ist immer noch eine Isolde der Luxusklasse. Die Schönheit der Stimme, ihre Klangfarben, das leuchtend, betörende Timbre und ihre dramatische Auslotung bildeten eine glutvolle, verzehrende Einheit. Mit leuchtend schwebendem Ton nimmt sie das „Mild und Leise“ im verhaltenen Piano. Bei „Seht Ihrs Freunde…“ flutet sie die Stimme mit leidenschaftlichem Melos und bei „Ertrinken, versinken…“ meinte man aufgrund der leidenschaftlich, klagenden Wiedergabe, die Welt ginge unter.

Nach der Pause stellte Janowski seine Wagner Welt vor. Er ist der einzige Dirigent, von dem zwei offizielle Aufnahmen des Ring des Nibelungen vorliegen, die mehr als fünfundzwanzig Jahre auseinanderliegen. Zudem hat der in Hamburg 2017 das Rheingold in der Elbphilharmonie dirigiert und 2016 sowie 2017 die Ringzyklen in Bayreuth geleitet.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester - hier : Marek Janowski und Nina Stemme © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester – hier : Marek Janowski und Nina Stemme © Patrik Klein

Seine Interpretation zeichnete sich dieses Mal durch ein sattes und wuchtiges Klangbild aus. Seine Lesart stellte die Orchestermacht Wagners in den Vordergrund. Dadurch hörte das Publikum einen mächtig ausufernden Orchesterschwall in beeindruckender Qualität. Atmosphärisch knüpft Janowski an Schicksal und Heldentaten an, der gleißende Rhein oder Siegfrieds jauchzende Freude bei der Rheinfahrt werden dem untergeordnet. Seine Farben sind von grandiose Ausbrüchen gekennzeichnet. Insbesondere der Trauermarsch überzeugte durch dramatische Größe und packender Wucht.

Nina Stemme gestaltet einen ergreifenden Schlussgesang. Starke Scheite“ nahm sie mit konzentrierter, unbändiger Wucht. Bei „Wie Sonne lauterstrahlt mir sein Licht“ koste die Stimme die Worte und die Klangfarbe ihrer Stimme wurde rührend und poetisch. „Mein Erbe nun nehm ich zu eigen“ erklang mächtig und herrisch. Der gesamte Schlussgesang zeichnete sich durch eine durch ein immenses Spektrum an stimmlichen Klangfarben aus. Rollenidentifikation, immense Textdeutlichkeit und eine große interpretatorische Dichte waren überwältigend. Was für eine Sängerin, was für eine herrliche Stimme!

Dirigent und Orchester zeichneten ein erhabenes, mächtiges Wagnerbild, das in dieser überwältigenden Form selten zu hören ist. Beglückend zudem die Spielfreude, die Präzision und das differenzierte Zusammenspiel der Musiker.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—


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