Minden, Stadttheater Minden, Siegfried – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 24.09.2019

September 24, 2019 by  
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Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Stadttheater Minden © Stadttheater Minden

Siegfried  –  Der Ringzyklus am Stadttheater Minden

  – Siegfried heißt der Held im Stadttheater von Minden –

von Sebastian Siercke

Richard Wagner © IOCO

Richard Wagner © IOCO

Es ist 41 Jahre her, daß ich Richard Wagners  Der Ring des Nibelungen zum ersten Mal sah. Der Theaterfundus der Hamburgischen Staatsoper war gerade abgebrannt und man musste sich die Dekorationen von anderen Opernhäusern ausleihen. Dieser Ring kam von der Oper Köln und war eine etwas betagte Wieland-Wagner-Produktion. Seither habe ich viele Ringe gesehen und eine Unzahl aus Einzelwerken daraus. Legendäre Inszenierungen, längst vergessene Belanglosigkeiten und Ärgerliches. Musikalische Höhepunkte, die zu andächtigem Niederknieen verleiteten und welche, über die schnell der gnädige Mantel des Vergessens gelegt wurde.

Und dann kam der Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden!

Kurzentschlossen gelang es uns 2018 die letzte Götterdämmerung zu besuchen und danach stand fest: Der komplette Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden wird 2019 für uns zu einer Pflichtveranstaltung! Das Erlebte in Minden mit Superlativen zu überhäufen wird dem Ganzen nicht wirklich gerecht. Die Sänger sind durch die Bank erstklassig, das Orchester großartig, der Dirigent Weltklasse.

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Das Herausragende am Ring des Nibelungen am Stadttheater Minden ist aber das Gesamtpaket dieser Aufführungen. Jeder in der Stadt scheint zu wissen, daß sich im Stadttheater außerordentliches tut und spricht die angereisten Gäste darauf an. Um das Theater herum hat man beinahe das bekannte, wohlige Bayreuth-Gefühl. Das Publikum steht in Hochstimmung vor dem Haus und wartet auf die Fanfaren, die hier wie dort das Pausenklingeln ersetzen und in Haus rufen. Letztlich fehlt nur der Bratwurststand um es zu komplettieren.

Das mit 525 Plätzen übersichtliche, beinahe intime Theater hat einen zu kleinen Orchestergraben für ein großes Wagnerorchester, also wird dieser überbaut zur Vergrößerung der Bühne, das Orchester sitzt nun hinter einen Gazevorhang im Hinterraum der Bühne. Dadurch hat man selbst aus der vorletzten Reihe im Parkett das Gefühl direkt ins Spiel auf der Bühne einbezogen zu werden. Und das, was dort gespielt wird ist wirklich außerordentlich! Der Regie von Gerd  Heinz merkt man an, daß er vom Schauspiel kommt. Eine so ausgefeilte Personenführung, perfekt an Musik und Text angelehnt, habe ich selten erlebt. Die Darsteller danken es mit hinreißender Spielfreude, bei der Gestik und Mimik in nie gesehener Perfektion gezeigt werden. Den Auftritt des gurrenden, flatternden Waldvogels wird jedem im Gedächtnis bleiben müssen.

Mit der Titelpartie des Siegfried hatte Thomas Mohr mittlerweile die dritte Rolle in dieser Ring-Serie; nach Loge im Rheingold und Siegmund in der Walküre. Von  lyrisch gesungen Passagen im ersten Akt über wuchtige Schmiedelieder bis zu dem strahlend inbrünstigen Werben um Brünnhilde im letzten Akt, gelang es ihm alles komplett mühelos erscheinen zu lassen, von der Anstrengung, die diese Mordspartie erfordert, war buchstäblich nichts zu hören oder zu sehen. Seine Brünnhilde war, wie schon in der Walküre, Dara Hobbs. Vom ersten „Heil Dir, Sonne!“ an hatte sie das Publikum mit ihrem strahlenden Sopran fest im Griff.  Herrlich, wie sich im folgenden Duett die ehemals göttliche Jungfrau und der eben erst erwachsene Jüngling sich gegenseitig wahrnehmen und neckend umwerben, bis sich zum Finale in die Arme werfen.

Stadttheater Minden / Siegfried - Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Stadttheater Minden / Siegfried – Dara Hobbs als Brünnhilde und Thomas Mohr als Siegfried © Friedrich Luchterhandt

Mime war der amerikanische Tenor Jeff Martin, wunderbar den verschlagenen, falschen Charakter der Partie darstellend. Renatus Meszar als Wanderer, im ersten Akt noch souverän als wanderender Wotan, der verzweifelt versucht Mime dazu zu bringen endlich die richtigen Fragen, die, die ihm beantworten würden, wie das das Schwert zu schmieden sei, zu einem resignierten Gott im zweiten und dritten Akt, zeigte stimmlich wie darstellerisch hervorragend die Wandlung zu jemandem, der dann nur noch schweigend, stumm und ernst in Walhall sitzen wird um das eigene Ende zu erwarten. Welch ein Einfall der Regie, daß nicht Siegfried am Amboss das Schwert schmiedet, sondern Wotan als Schattenbild im Hintergrund mit dem Aufstoßen seines Speers Nothung neu formt, in der vergebenen Hoffnung Siegfried könnte mit des Schwertes Hilfe doch noch alles zum Guten wenden. Erda trug mit ihrem Auftritt ihren Teil zu Wotans Wandlung bei. Nicht mehr als allwissendes Weib wie im Rheingold, sondern als alte verwirrte Frau saß sie auf der Bühne, verschlafend, was sie wissen müsste und letztlich von Wotan  zu ewigem Schlaf zurückgesandt.

Janina Baechle verkörperte diese Erda brillant. Heiko Trinsinger als Alberich mit höchst ausdrucksvoller Stimme, kommt als Jäger auf die Bühne und hat erstmal seinen kleinen Sohn Hagen dabei. Er erzieht ihn zum kalten Neid, zeigt ihm schon früh wo die Feinde sind, die er, erst erwachsen, für seinen Vater zu  schlagen hat. Der erste der fällt, wenn auch durch Siegfried ist Fafner, der Wurm. War es im Rheingold noch ein chinesischer Karnevalswurm, ringelte sich jetzt ein von Komparsen gespielter glitzernder Riesenwurm auf der Bühne. Erst als er von Siegfried tödlich getroffen wird verwandelt er sich zurück in Fafner, den Riesen, der seinen Bruder für den Ring erschlagen hat. Johannes Stermann lieh erst dem gelangweilten Wurm, Ich lieg und besitz: lasst mich schlafen, zum sterbend weisen Riesen seinen schönen Bass. Was war bei Julia Bauers Waldvogel eigentlich wichtiger? Die klangschöne Stimme oder das sagenhafte Spiel? Da spielte niemand einen Vogel: ein Vogel saß auf der Balkonbrüstung!

Bleibt noch das Orchester, wie immer in Minden die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford, das makellos und klangschön wohl die meisten Opernorchester mit dieser Leistung souverän an die Wand spielt. Liegt es auch am Dirigenten? Bestimmt. Frank Beermann entlockt dem Orchester Klänge, wie man sie kaum noch sonst zu hören bekommt. Das gesamte Spektrum der romantischen Emotionen und überbordenden Dramatik wird hervorgeholt, daß es einem heiß und kalt wird. Genau so möchte ich Siegfried hören! Ganz ganz wunderbar!

Stadttheater Minden / Siegfried - Der Ring des Nibelungen - hier : das Ensemble beim Schlussapplaus © Patrik Klein

Stadttheater Minden / Siegfried – Der Ring des Nibelungen – hier : das Ensemble beim Schlussapplaus © Patrik Klein

Ein Wermutstropfen: 2020 ist in Minden Wagner-Pause. Ob und mit was man in Minden in den folgenden Jahren weiter macht steht noch nicht fest. Ich hoffe, daß weiteres kommt; die Opernwelt wäre deutlich ärmer ohne Richard Wagner in Minden!

Widmen möchte ich diese Zeilen meinem besten Freund, den ich 1978, bei meinem ersten Ring in Hamburg kennenlernte und mit dem ich in den folgenden Jahren hunderte von Opernvorstellungen landauf-landab gesehen habe. Er starb am Morgen dieses Mindener Siegfrieds.  Er hätte diese Aufführung geliebt!

—| IOCO Kritik Stadttheater Minden |—

Chemnitz, Theater Chemnitz, Siegfried – Der Ring des Nibelungen, IOCO Kritik, 12.06.2019

Juni 12, 2019 by  
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Theater Chemnitz

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Theater Chemnitz © Dieter Wuschanski

Siegfried:  Der – Chemnitzer – Ring des Nibelungen

Was will die Regie wirklich zeigen?

von Thomas Thielemann

Die gravierende Fehlbesetzung der Titelrolle des Siegfrieds im Oster-Ring der Oper Chemnitz war Veranlassung genug, den Siegfried des Pfingst-Ringes mit dem Sänger-Darsteller der Premierenrunde Daniel Kirch zu besuchen. Auch waren Unklarheiten geblieben, was Regisseurin Sabine Hartmannshenn dem arglosen Opernbesucher in ihrer Inszenierung vermitteln möchte; die IOCO Rezension vom 26.4.2019 – Wagner aus feministischeer Sicht  – link hier-  und dort erwähnte Verbrechen von Männern an Frauen deuten schon deren Richtung an.

Siegfried –  Richard Wagner
youtube Trailer Theater Chemnitz
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Erst die phänomenale schauspielerische Leistung des Daniel Kirch, die geringfügige sängerische Rest-Defizite vergessen lässt, führt zum Kern der Inszenierung. Mit fünf Männern konfrontiert uns Richard Wagner, die von der Regie charakterisiert werden müssten: Der Riese Fafner ist bereits im Rheingold als Brudermörder ob seiner Habgier denunziert. Der Zwerg Mime schneidet brutal den Siegfried-Fötus aus  Sieglinde und lässt sie verbluten, nur um sich ein Werkzeug zu schaffen, das seine körperlichen Defizite kompensieren soll. Sein Bruder Alberich vergewaltigt eine gesichts- und willenslose Nibelungensklavin, um dem Knaben Hagen die angestrebten Machtverhältnisse zu demonstrieren. Der junge Hagen begreift und tritt nach. Warum der Wanderer, also eigentlich ein Gott, wenn auch auf Abruf, den Waldvogel umbringt, erläutert die Inszenierung nicht so richtig. Ist dem Gott ihre Informationsfreudigkeit und ihr Warnen ein Dorn im Restauge geworden?

Theater Chemnitz / Siegfried - hier : Arnold Bezuyen als Mime - knieend, Daniel Kirch als Siegfried © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Siegfried – hier : Arnold Bezuyen als Mime – knieend, Daniel Kirch als Siegfried © Nasser Hashemi

Bleibt Siegfried: er ist bereits von Wagner am Beginn als kindlich und naiv angelegt. Aber die Spielfreude des Daniel Kirch, wahrscheinlich von Sabine Hartmannshenn noch angefeuert, stellt ihn uns kindisch bis zu den Schluss-Szenen vor. Er beherrscht die Bühne, ohne dabei auch nur die geringste Entwicklung zu zeigen. In der April-Rezension hatte ich der Regie mangelhafte Personenführung kritisiert. Das war aber am Ostersamstag der Notwendigkeit geschuldet, dass der musikalische Leiter alle Mühe hatte, den armen Ersatz-Siegfried über den Spätnachmittag zu bringen und ihn deshalb häufiger an die Rampe holte. Kirch hat bewiesen, dass seine Spielfreude Mittel zum Zweck war. Siegfried blieb ein Kindskopf bis er in die Fänge der Brünnhilde geriet.

Fazit der Chemnitzer Inszenierung: Alle Männer sind Verbrecher oder naive Kindsköpfe; es sei denn, sie werden von einer starken Frau gelenkt, geleitet

Sabine Hartmannshenn ist eine höchst begabte Regisseurin. Wie sie die Oper mit diesem einen Bühnenbild, das eigentlich nur im Bereich des Feuerzaubers abgewandelt ist, ausfüllt, ist bemerkenswert. Einige Szenendetails – die Tafelei des Wanderers mit Mime mit dem abrupten Abbruch, die Drachenszene mit der Statisterie – zeugen von hoher Kreativität.

Theater Chemnitz / Siegfried - hier : Ralf Lukas als Der Wanderer, Bjoern Waag als Alberich © Nasser Hashemi

Theater Chemnitz / Siegfried – hier : Ralf Lukas als Der Wanderer, Bjoern Waag als Alberich © Nasser Hashemi

Gesungen wurde in der Aufführung recht ordentlich. Arnold Bezuyen war besser als am Ostersamstag. Prachtvoll wieder Jukka Rasilainen, Magnus Piontek und vor allen Guibee Yang und Stéphanie Müther.Überzeugend auch der Wanderer von Ralf Lukas und die Erda von Nadine Weismann.

Götterdämmerung – Richard Wagner
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Die Abendleistung des Orchesters zu beurteilen fällt schwer. Weil noch andere Aufführungen in meinem Ohr klingen, scheint mir, daß Guillermo Garcia Calvo mit den Blechbläsern recht üppig um sich warf und über weite Strecken das Feuer eines Richard Wagner vermissen ließ.

Der ausgeprägt aggressive Feminismus in den Konzeptionen von Sabine Hartmannshenn und Elisabeth Stöppler bleibt nach modernen Wertvorstellungen nur schwer verkraftbar.

—| IOCO Kritik Theater Chemnitz |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Pathetische Wagner-Pracht – Marek Janowski, IOCO Kritik, 12.01.2019

Januar 12, 2019 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

Pathetische Wagner-Pracht in der Elbphilharmonie

NDR Elbphilharmonie Orchester  mit Marek Janowski
Ausschnitte  aus Tannhäuser, Tristan und Isolde, Götterdämmerung

Von Michael Stange

Ein Vorzug des Programms des NDR Elbphilharmonie Orchester an diesem Abend lag neben den vorzüglichen Solisten in der Möglichkeit, sich allein auf die Musik zu konzentrieren, ohne von der Bühne abgelenkt zu sein. Das Publikum konnte so den Bezügen der so verschiedenen Opern Richard Wagners nachspüren.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester © Patrik Klein

Wagner war nicht nur Komponist, sondern nach Meinung von Zeitzeugen ein großer Dirigent. Seine Werke präsentierte er häufig selbst auf dem Konzertpodium, um bisher nicht Aufgeführtes vorzustellen und seine Werke bekannt zu machen. Schon in jungen Jahren kannte er aus Hörerfahrungen in Leipzig die Möglichkeiten eines Sinfonieorchesters. Davon unbeirrt komponierte er schon im Tannhäuser eine mit reichen Farben und sehr schwierigen Passagen ausgestatte Musik, die damals revolutionär war. Sie erfordert hohes virtuoses Geschick der Musiker, um die von Wagner gedachte klangliche Wirkung zu entfalten. Für damalige Orchester dürfte dies kaum zu bewältigen gewesen sein, weil die Instrumentenführung und die Klangfarben und Dynamiken oft deutlich über Tradiertes hinausgingen.

Wagner-Orchesterkonzerte sind Drahtseilakte, weil es sich dabei nur um Fragmente der Opern handelt. Dadurch müssen die zahlreichen Aspekte der Oper in den Opernauszügen und Vorspielen ungemein verdichtet und verwoben werden.

Die im ersten Konzertteil gespielten Werke Tannhäuser sowie Tristan und Isolde behandeln die Grundthemen verbotene Liebe, Verbote im Leben und Erlösung. Die Tannhäuser Ouvertüre mit ihrem choralsatzartigen Bläsereinsatz des Gnadenheil-Motivs gelangen dem NDR Elbphilharmonie Orchester wie ein wehmütiger inniger Auftakt. Im Liebesbann-Motiv erklangen flirrende, gleißende erotische Malereien. Auch beim gepeitschten Klang des Bacchanale erreichte das NDR Elbphilharmonie einen die Zerrissenheit des Venusbergs brillante Wiedergabe.

Richard Wagner Denkmal in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Richard Wagner Denkmal im Tiergarten in Berlin © IOCO / Rainer Maass

Noch größere solistische und gestalterische Herausforderungen bergen das Vorspiel und der Liebestod aus Tristan und Isolde. Schön mit dem Vorspiel öffnet sich eine neue musikalische Welt.

Durch die Anlage der Komposition handelt es sich um eine der am schwierigsten auf dem Konzertpodium zur Wirkung zu bringenden Kompositionen Wagners. Celli, erstes und zweites Fagott, ein Englisches Horn, zwei Klarinetten und zwei Oboen bilden den Tonkörper des Beginns des Vorspiels. Die an sich gegebene Klangharmonie der Instrumente wird aber kompositorisch ein aufwärts schwingender Salto mortale der Celli über eine Sext entgegengesetzt. Dies hebt die an sich tonale Wirkung der Instrumente völlig auf, so dass für den Zuhörer schon hier die Achterbahnfahrt von Klangwahrnehmung und Gefühlen beginnt.

Wagner berichtet aus der Zeit der die von ihm geleitete Erstaufführung des Vorspieles am 25. Januar 1860 in Paris: „Ich ließ zum ersten Mal das Vorspiel zu Tristan spielen; und — nun fiel mir’s wie Schuppen von den Augen, in welche unabsehbare Entfernung ich während der letzten acht Jahre von der Welt geraten bin. Dieses kleine Vorspiel war den Musikern so unbegreiflich neu, da ich geradewegs von Note zu Note meine Leute wie zur Entdeckung von Edelsteinen im Schachte führen musste.“ So musste auch Joseph Strauß 1860 für seine Kapelle, die seinerzeit als Spitzenorchester galt, das Vorspiel für seine Zwecke neu orchestrieren, um es erstmals in Wien aufzuführen.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester - hier : Nina Stemme © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester – hier : Nina Stemme © Patrik Klein

Über die beabsichtigte Wirkung des Tristans schreibt Wagner 1859 an Mathilde Wesendonck: „Nun denken Sie meine Musik, die mit ihren feinen, feinen, geheimnisvoll, flüssigen Säften durch die subtilsten Poren der Empfindung bis auf das Mark des Lebens eindringt, um dort Alles zu überwältigen, was irgendwie Klugheit und selbstbesorgte Erhaltungskraft sich ausnimmt, Alles hinwegschwemmt, was zum Wahn der Persönlichkeit gehört, und nur den wunderbar erhabenen Seufzer des Ohnmachtsbekenntnisses übrig lässt.“

In historischen Aufnahmen kleiden Carlos Kleiber oder Furtwängler diese Intention schon durch eine gefühlte Ewigkeit im Beginn des Vorspiels aus. Sie beginnen das Stück mit einen immensen Spannungsbögen. Dies steigern sie im Fortlauf durch jauchzende Ausbrüche und Momente, in denen Musik und Zeit nahezu still stehen. Sie begreifen das Tristan Vorspiels als musikdramatisch, ekstatische Gegenüberstellung der musikalischen Motive der Sehnsucht, der Liebesleidenschaft und des Liebesblicks und als Aneinanderreihung aberwitziger Steigerungen.

Diese rauschhafte Überschreitung des musikalisch fass- und erfahrbaren findet sich eher selten in aktuellen Interpretationen. Dies mag daran liegen, dass der von Wagner musikalisch ersehnte Durchbruch der den grenzenlos begehrlichen Herzen den Weg in das Meer unendlicher Liebeswonnen findet, heute oft anders aufgefasst wird.

Auch Janowski Tristan-Vorspiel klingt abgemildert und kühler. Die Erregung wurde gedämpft präsentiert. Dramatik und Ekstase waren gestuft und bedacht aufgebaut. Überbordender Melos wurde durch eine Klangbühne ersetzt, die durch tonale Pracht, organischen Aufbau und sinnende Piani glänzte. Diese abgemilderte, erdennahe Interpretation der Leidenschaft überzeugte durch sanfte Bögen, gedämpfte Dissonanzen und pastose Details und ein klangschönes Finale des Vorspiels.

Der Höhepunkt des ersten Konzertteils war Nina Stemmes Liebestod. Sie ist immer noch eine Isolde der Luxusklasse. Die Schönheit der Stimme, ihre Klangfarben, das leuchtend, betörende Timbre und ihre dramatische Auslotung bildeten eine glutvolle, verzehrende Einheit. Mit leuchtend schwebendem Ton nimmt sie das „Mild und Leise“ im verhaltenen Piano. Bei „Seht Ihrs Freunde…“ flutet sie die Stimme mit leidenschaftlichem Melos und bei „Ertrinken, versinken…“ meinte man aufgrund der leidenschaftlich, klagenden Wiedergabe, die Welt ginge unter.

Nach der Pause stellte Janowski seine Wagner Welt vor. Er ist der einzige Dirigent, von dem zwei offizielle Aufnahmen des Ring des Nibelungen vorliegen, die mehr als fünfundzwanzig Jahre auseinanderliegen. Zudem hat der in Hamburg 2017 das Rheingold in der Elbphilharmonie dirigiert und 2016 sowie 2017 die Ringzyklen in Bayreuth geleitet.

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester - hier : Marek Janowski und Nina Stemme © Patrik Klein

Elbphilharmonie Hamburg / NDR Elbphilharmonie Orchester – hier : Marek Janowski und Nina Stemme © Patrik Klein

Seine Interpretation zeichnete sich dieses Mal durch ein sattes und wuchtiges Klangbild aus. Seine Lesart stellte die Orchestermacht Wagners in den Vordergrund. Dadurch hörte das Publikum einen mächtig ausufernden Orchesterschwall in beeindruckender Qualität. Atmosphärisch knüpft Janowski an Schicksal und Heldentaten an, der gleißende Rhein oder Siegfrieds jauchzende Freude bei der Rheinfahrt werden dem untergeordnet. Seine Farben sind von grandiose Ausbrüchen gekennzeichnet. Insbesondere der Trauermarsch überzeugte durch dramatische Größe und packender Wucht.

Nina Stemme gestaltet einen ergreifenden Schlussgesang. Starke Scheite“ nahm sie mit konzentrierter, unbändiger Wucht. Bei „Wie Sonne lauterstrahlt mir sein Licht“ koste die Stimme die Worte und die Klangfarbe ihrer Stimme wurde rührend und poetisch. „Mein Erbe nun nehm ich zu eigen“ erklang mächtig und herrisch. Der gesamte Schlussgesang zeichnete sich durch eine durch ein immenses Spektrum an stimmlichen Klangfarben aus. Rollenidentifikation, immense Textdeutlichkeit und eine große interpretatorische Dichte waren überwältigend. Was für eine Sängerin, was für eine herrliche Stimme!

Dirigent und Orchester zeichneten ein erhabenes, mächtiges Wagnerbild, das in dieser überwältigenden Form selten zu hören ist. Beglückend zudem die Spielfreude, die Präzision und das differenzierte Zusammenspiel der Musiker.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

CD – Rezension, Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner, IOCO Kritik, 26.12.2018

Dezember 27, 2018 by  
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NAXOS / Der Ring des Nibelungen - mit Jaap van Zweden © NAXOS Deutschland

NAXOS / Der Ring des Nibelungen – mit Jaap van Zweden © NAXOS Deutschland

Der Ring des Nibelungen – Richard Wagner

Digitale Zauber aus:  Hongkong / NAXOS versus Bayreuth

Von Michael Stange

Naxos, der weltweit größte Anbieter für klassische Musik, und natürlich die Bayreuther Festspiele bietet faszinierende CD-Produktionen des Ring des Nibelungen von Richard Wagner. Michael Stange bespricht im folgenden für IOCO die folgenden Aufnahmen:

– Die Naxos-Eigenproduktion des Ring des Nibelungen unter Jaap van Zweden mit dem Hongkong Philharmonic Orchestra, entstanden in den Jahren 2015 -2018.

– Den Mitschnitt des Ring des Nibelungen der Bayreuther Festspiele von 2008 unter Christian Thielemann von Opus Arte.

Der hauseigene Naxos-Ring wurde in Hong Kong, wo das das Label seinen Sitz hat, zwischen 2015 und 2018 eingespielt. Geschuldet ist der Firmensitz der Vita des Naxos-Gründers Klaus Heymann. In Deutschland geboren setzte er seine Berufslaufbahn 1967 in Asien fort. Während des Vietnamkriegs organisierte er dort den Vertrieb einer US-amerikanischen Soldatenzeitung. Nebenher gründete er ein Versandgeschäft für Uhren, Kameras und Hifi-Artikel und importierte Klassik-LPs. In der Folge übernahm er den Asien-Vertrieb diverser unabhängiger Plattenlabel und gründete – und nicht ohne Hintergedanken – sein erstes eigenes Label Marco Polo. Die Idee war, seiner Frau, der japanischen Violinistin Takako Nishizaki, eine Plattform zu bieten, nahezu unbekannte Werke zu veröffentlichen. 1987 folgte dann die Gründung des Labels Naxos. Seitdem sind eine Vielzahl von Veröffentlichungen erschienen, die sich stets durch eine ausgezeichnete Aufnahmetechnik und qualitativ hochwertige Interpretationen auszeichnen.

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Richard Wagner Bayreuth © IOCO

Den Tonmeistern ist es gelungen, einen Ring des Nibelungen aufzunehmen, der alle aufnahmetechnischen Finessen und Möglichkeiten des digitalen Zeitalters vollendet auf die Silberscheibe bannt. Orchester und Sänger sind perfekt aufeinander abgestimmt. Das Klangbild ist phänomenal ausbalanciert. Verblüffend gelingt auch die Erzeugung eines mehrdimensionalen Klangraums in Breite und Tiefe. Wenn die Rheintöchter im Finale des Rheingolds Wotan anrufen glaubt, sie aus der Tiefe des Rheins zu hören.

Auch Lautsprecher, die nicht durch Basslastigkeit glänzen, bringen selbst die tiefen Töne der Hörner und Pauken wirklichkeitsgetreu hervor. Diese filigrane Aufnahmetechnik und klangliche Finesse allein überwältigt.

Auf der beigefügten USB Karte erläutert Produzent und Tonmeister Phil Rowlands die Details des Aufnahmeverfahrens, wie er mit den Mikrofoneinstellungen experimentiert hat und dass das Abmischen von wenigen Minuten Aufnahmezeit oft Stunden in Anspruch genommen hat. Seine Arbeit macht die Aufnahme in tontechnischer Hinsicht zum Meilenstein und zur Messlatte für neue Opernaufnahmen.

Wem die in kompakten CD Boxen zu schwer sind, der kann den Ring auch über den Naxos Streamingdienst NAXOS Music Library in achtbaren, klangvollem 320 kbs im AAC-Format hören. Erforderlich ist dafür ein Abonnement. Alternativ bieten zahlreiche regionale Büchereien oder Bibliotheken ihren Kunden einen Zugang zur digitalen Naxos-Bibliothek an. Erhältlich ist die Naxos Aufnahme auch als Blue Ray Audio DVD. Im Downloadbereich werden weitere hochauflösende Stereo-Daten-Formate angeboten, darunter auch DSD 2.8MHZ und DSD 5.6MHZ.

Dies entspricht bzw. übertrifft die Qualität der Super Audio CDs (SACD). Aufgrund der hohen Klangqualität ist dies überaus begrüßenswert; so wird vom Tabletnutzer bis zum High-End Stream für alle Zielgruppen ein passendes Tonformat geboten. Die CD Ausgabe ist klanglich so gut gelungen, dass sie an Klangfülle, Auflösung und Tonumfang mit den anderen High-End Formaten mithalten kann und durch handliches Format überzeugt.

NAXOS / Der Ring des Nibelungen - hier: Jaap van Zweden © Ramond HoHK Phil

NAXOS / Der Ring des Nibelungen – hier: Jaap van Zweden © Ramond HoHK Phil

Jaap van Zweden zeichnet die Partitur als Erzählung ohne Prunk und Pathos; seine Tempi begleiten die Handlung in bestrickender und spannender Weise. Klangschönheit paart sich mit mitreißenden Akzenten. Der Fluss des Dramas und die Spannungsbögen werden mit den Sängern gestaltet und entwickelt. Der Orchesterklang ist durchsichtig, kraftvoll und an entscheidenden Stellen dramatisch zupackend. Das Klangbild bleibt vom Rheingold bis zur Götterdämmerung durchsichtig und ausgewogen. Streicher und Holzbläser atmen und werden nie zugedeckt.

Dadurch sind die filigranen und oft polyphonen Melodienführung der Partituren stets präsent. Van Zweeden und sein Orchester bringt die vielschichtigen, schillernden Harmonielandschaften der einzelnen Teile des Ringes brilliant zum klingen. Das balancierte Zusammenspiel lässt alle Instrumente durchscheinen und bringt Wagners Werk packend und präzise auf die Klangbühne.

Schon im Rheingold meint man beim Gesang der Rheintöchter die Sonne in die Tiefen des Rheins herabblinzeln zu sehen. Aufwühlend dramatische auch Alberichs Höhle, der 1. Akt Walküre und das Siegfried Finale. Der 3. Akt Walküre zeichnet sich durch einen Walkürenritt ohne Pathos und Blechgetöse aus. Gerade hier gelingt eine Orchesterführung, die sich ganz der menschlichen Tagödie zwischen Brünnhilde und Wotan widmet, den Sängern den Vortritt lässt und sie einfühlsam begleitet.. Die Götterdämmerung setzt dem Ganzen in ihrer Wucht und orchestralen Pracht die Krone auf. Hier merkt man, dass das Hong Kong Philharmonic Orchestra in den vier Jahren der Befassung mit Wagner seinen eigenen Stil gefunden hat und das schon im Rheingold brillante Spiel wird in der Götterdämmerung durch abgründige Orchesterfarben und noch diferrenziertes Spiel als zum Beginn der Tetralogie gekrönt.

Höchstes Niveau erreicht auch die Sängerriege. Das gesamte Ensemble ist so wortdeutlich, dass man kein Textbuch braucht. Trotz des Konzertsaals sind die Sänger darstellerisch zutiefst involviert. Der Chor der Götterdämmmerung zeichnet sich Klangschönheit, und Dynamik aus und hebt sich aus vielen Konkurrenzaufnahmen wohltuend hervor.

NAXOS / Der Ring des Nibelungen - hier : Gun-Brit Barkmin © Ka Lam/HK Phil

NAXOS / Der Ring des Nibelungen – hier : Gun-Brit Barkmin © Ka Lam/HK Phil

Beeindruckend sind auch die Solistinnen. Die Götterdämmerungs-Brünnhilde von Gun-Brit Barkmin ist ein gesanglicher Höhepunkt dieses Ringes. Mit ihrer jugendlich dramatisch, leuchtenden Stimme beherrscht sie die Partie in staunenswerter Weise. Mit berückendem, lyrisch samtweichen Timbre und leuchtender Höhe nimmt sie Abschied von Siegfried; verhangen melancholisch gestaltet sie das Wiedersehen mit Waltraute. Im Racheterzett des 2. Akts und in Brünnhildes Schlussgesangs gelingen ihr gesanglich und gestalterisch große, intensive Momente. Sie füllt die Partie stimmlich mit ihrer leuchtenden Höhe und ihrem klangschönen Sopran vollständig aus. Was für eine beeindruckende Stimme, die Schönheit, Gesangstechnik und interpretatorischen Tiefgang miteinander vereint. Sie ist eine weitere große Überraschung dieses Ringes.

Herausragend auch Heidi Melton als Sieglinde und Siegfried-Brünnhilde. Ihr hochdramatischer Sopran ist von großer Wucht. Mit beindruckende Klangfarben und glühender Gestaltungsfähigkeit gestaltet sie beide Rollen. Petra Lang ist eine klangschöne, technisch sichere Walküre-Brünnhilde. Insbesondere im 3. Akt der Walküre hat sie große lyrische Momente mit rundem warmen Ton. Michelle De Young ist als Fricka darstellerisch ungemein intensiv, fällt aber gegenüber den Sopranen mit ihrem in der Mittellage verschatteten Ton und häufigem Tremolo auch als Waltraute in der Götterdämmerung gegenüber den übrigen Sängerinnen ab.

Matthias Goerne hat bei Naxos seine ersten Wotane und den Wanderer eingespielt. Klangschön, strömend, überaus differenziert und textdeutlich lotet er die Partie aus. Sein Wotan ist von der Tragödie des Scheiterns gezeichnet und kein herrischer Gottvatervater. Allerdings fehlt ihm etwas die heldenbaritonale Wucht und die durchschlagskräftige Höhe. Gleichwohl ein interpretatorisch gelungenes und wichtiges Rollendebut. Textbehandlung und Gestaltung sind vorbildlich.

Auch die Heldentenöre sind gut besetzt. Daniel Brenna ist ein Götterdämmerungs-Siegfried von großer Poesie und heldischer Attacke. Stuart Skelton ist stimmlich mit seinem baritonalen Timbre ein heroischer Siegmund. Simon O’Neills Siegfried gelingt mit Strahlkraft und Schmelz ein eindrucksvolles Portrait des jungen Siegfried. Kim Begley ist ein differenzierter und tückischer Loge. Herausragend auch der schwarze Hagen von Eric Halvarsson. Dirigat, Sängerriege und die überirdische Klangqualität überwältigen. Ein großer Wurf und eine wichtige Ergänzung der überreichen Ring-Discografie.

Christian Thielemann setzt mit Opus Arte die Aufnahmen der Bayreuth-Ringe der neunziger Jahre fort, Daniel Barenboim folgend. Grundlage sind die Rundfunkbänder des Bayrischen Rundfunks. Der Vorzug der Aufnahme liegt in der Live-Atmosphäre. Sie fängt die Akkustik des Bayreuther Festspielhauses mit seinem verdeckten Orchester detailgetreu ein. Beim Zuhören glaubt man, im dortigen Zuschauerraum zu sitzen.

Die Klangwogen nach Wagners Vorstellung überwältigen und akkustisch wird nicht getrickst. Hifi-Enthusiasten sollten bedenken, dass tiefgestaffelter Raumklang und die Auffächerung von Sängern sowie Orchester aufgrund der akustischen Gegebenheiten des Aufnahmeortes fehlen.

Thielemann entwickelt schon im Rheingold ein mystisches Klangbild. Er beleuchtet Wagners das Wagners Musikdrama in allen Facetten von der menschlichen Tragödie über die Verstrickungen zwischen Macht, Gewalt und Leidenschaft. Tonal gelingt ein klanglich nuancierter bestrickender Zauber. Thielemanns architektonische angelegte musikalische Konzeption verbindet den inneren Zusammenhang des jeweiligen Stücks, wie auch der vier Werke zueinander. Dramatische Situationen werden durch das fließende Dirigat miteinander verknüpft; sie zerfallen nicht in lose symphonische Ausleuchtungen einzelner Passagen. Thielemann kostet schwelgerisch die Partitur aus, schafft aber auch durch teilweise rasche Tempi ein Klangbild, dass stets mitreißt.

Es ist hörbar, dass Christian Thielemann sein Musizieren auch unter dem Aspekt begreift, einen bestimmten, tradierten Musik und Dirigierstil zu bewahren. Dieser zum Teil als überholt gelten Ansatz wurde von ihm in einem Interview mit der Zeit damit begründet, dass Dirigenten wie Hans Knappertsbusch, Wilhelm Furtwängler oder Bruno Walter freier und freizügiger musiziert haben.

 Christian Thielemann © Bayreuther Festspiele / Jochen Quast

Christian Thielemann © Bayreuther Festspiele / Jochen Quast

Christian Thielemann liefert aber kein Plagiat dieser Musikgrößen ab sondern entwickelt eine überzeugende, eigenständige, auftrumpfende und mitreißende Ringdeutung. Man nimmt ihm ab, dass er den interpretatorischen Geist seiner Vorgänger aufgreift, ohne aber beispielsweise die breiten Tempi von Hans Knappertsbusch nachzuahmen. Was Thielemanns Interpretation so auszeichnet, ist dass er mit dem klang- und farbenreichen Orchester und ein furioses Klangfeuerwerk entzündet. Der musikalischen Fluss und Wagners Zuversicht, dass im Ende immer ein Anfang liegt bei ihm interpretatorisch in den besten Händen.

Das Bayreuther Orchester ist gleichsam die Nationalmannschaft der deutschen Orchester, die ihre Sommerferien mit Richard Wagner in Bayreuth verbringen. Als Team gingen sie mit Thielemann in das dritte Jahr dieser Ring Inszenierung, so dass genug Proben und Aufführungen hinter ihnen lagen, um ein packendes musikalisches Portrait abzuliefern.

Sängerisch wird hohes Niveau geboten: Albert Dohmen ist ein lyrischer, innwendiger Wotan mit großem gesanglichen Momenten. Mit Textdeutlichkeit und berückendem Timbre gestaltet er – wie Goerne bei Naxos – einen sinnenden, schicksalsergebenen Göttervater. Linda Watson singt Brünnhilde mit leuchtenden Töne und unermüdlicher Stimmkraft. Stephen Gould ist ein lyrischer Siegfried mit poetischen Ton und großer Attacke. Endrik Wottrich singt einen packenden Siegmund mit Feuer und intensiver Gestaltung. Eva-Maria Westbroek ist ein lyrische, blühende Sieglinde mit betörender Stimme und großer Strahlkraft. Kwangchul Youn ist ein bedrohlicher Hunding und Hans-Peter König ein stimmgewaltiger Hagen.

Für Thielemann-Fans und Bayreuth-Liebhaber eine ausgezeichenete Wahl. Der Mitschnitt der Bayreuther Festspiele von 2008 punktet klanglich deutlich vor dem Thielemann Ring aus der Wiener Staatsoper, der mir bei kurzem Hören hinsichtlich der Klangqualität auch für einen Rundfunkmitschnitt recht fragwürdig schien.

 Der Naxos Ring – Bayreuther Festspiele Ring :  Ein Fazit

Der Naxos Ring zieht den Hörer in den Bann. Van Zweeden geleitet den Hörer –  wiegleichsam Dante von Vergil – musikalisch erläuternd durch Wagners Welten und zieht ihn in den Bann. Klanglich faszinierend wird höchstem Niveau musiziert. Wortdeutlichkeit und Hörbarkeit aller Instrumente im Orchester machen die Aufnahme gerade für Wagner-Einsteiger und Kenner ihn zum Muss. Er präsentiert die alle Farben des Orchesters und die Vielfalt von Wagners Ring-Instrumentation in unvergleichlicher Weise.

Thielemann ist für meine Ohren intensiver, dramatisch dichter und mitreißender. Er legt jede Verstrickung dar und er entlockt der Partitur das Bayreuther Feuer. Damit hat er ein zentrales Ring-Portrait in der Bayreuther Klangtradition geschaffen und mit starker künstlerischer Handschrift eine bleibende Ringinterpretation auf Tonträger gebannt.

Richard Wagner in Venedig © IOCO

Richard Wagner in Venedig © IOCO

Beide Ringe werden Richard Wagners Werk auf hohem Niveau in unterschiedlicher Weise gerecht; zeigen sie doch eindrucksvoll verschiedene musikalische Deutungsmöglichkeiten. Beide Aufnahmen verdienen so vordere Plätze in der großen Ring Discografie.

Weitere  Empfehlungen  –  Der Ring des Nibelungen

Wer Historisches in gutem Klang sucht ist mit dem Keilberth Ring bei Testament ausgezeichnet bedient. Die Bayreuther Ring-Garde der 50er Jahre singt in Breitwand Stereo: Ein Jahrhundert Ring.

Digitales in Hollywood-Dimension liefert James Levine bei der Deutschen Grammophon. Pluspunkte sind zudem die stimmlich unerreichten heldische Wotane und der Wanderer von James Morris. Er ist der klangschönste und heldischste Wotan auf CD. Maßstäbe setzt auch Reiner Goldberg als Götterdämmerungs-Siegfried. Beeindruckend auch Hildegard Behrens als berührend menschliche Brünnhilde. Tontechnisch ist allerdings die Aufnahme des Siegfried seltsam abgemischt. Die Sänger werden zum Teil unvorteilhaft überdeckt und klingen verschattet.

Hörenswert und ohne sängerische Beeinträchtigungen auch die Ringe des Nibelungen unter Wilhelm Furtwängler. Kirsten Flagstad, Max Lorenz und Ferdinand Frantz machen den Scala Ring zu einem zeitlosen Wagnermuseum und wer sich für den Ring aus Rom entscheidet begegnet der unvergleichlichen Martha Mödl als Brünnhilde und dem Jahrhundert Tristan Ludwig Suthaus.

 

—| IOCO CD-Rezension |—

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