Baden-Baden, Festspielhaus, Fest der Barockmusik, 13.12.2019

November 29, 2019 by  
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Festspielhaus Baden – Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Festspielhaus Baden-Baden © Festspielhaus Baden-Baden

Fest der Barockmusik – William Christie und Les Arts Florissants feiern ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum im Festspielhaus

Freitag, 13. Dezember 2019, 20 Uhr

Mit einem festlichen Barockkonzert feiern William Christie und Les Arts Florissants ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum. Im Festspielhaus Baden- Baden erklingt am Freitag, 13. Dezember 2019 um 20 Uhr Musik der besten damaligen Komponisten aus Frankreich und England – und Werke von Händel, der virtuos den deutschen, italienischen und englischen Stil beherrschte.

Festspielhaus Baden-Baden / Les Arts Florissants © Denis Rouvre

Festspielhaus Baden-Baden / Les Arts Florissants © Denis Rouvre

Im 18. Jahrhundert war Kunst Schmuck, Feier und Bebilderung, jedoch kein für sich selbst sprechendes Wahrheitsmedium. Das drückte sich in der barocken Vorliebe für Stehgreif-Improvisationen und offene Formen aus. Wenn also William Christie und sein Ensemble Les Arts Florissants eine bunte Mischung aus verschiedenen Barockwerken zusammenstellen, dann sind sie ganz nah am Geist dieser Epoche – besonders, wenn sie diese Zusammenstellung als ein Fest inszenieren. Zu erleben ist am 13. Dezember nichts weniger als ein „best of“ Barock mit Werken von Händel, Purcell, Charpentier, Lully und Rameau.

Denn es gilt ein Jubiläum zu feiern: 40 Jahre Les Arts Florissants unter ihrem Gründer und Chefdirigenten William Christie. Den Auftakt macht Musik des Deutschen Georg Friedrich Händel (1685-1759) und des Engländers Henry Purcell (1659-1695). Für die ganz eigene britische Operntradition, die Tanz und Schauspiel mit einbezieht, stehen die Werkausschnitte des Komponisten Henry Purcell. Dieses jung verstorbene Genie hat eine ganz unverwechselbare Musiksprache und gilt als der größte britische Komponist vor dem 20. Jahrhundert. Christies Schwerpunkt französische Barockmusik spiegelt sich im zweiten Teil des Konzerts mit Ausschnitten aus Opern, Tanzfolgen und Vokalwerken von Marc-Antoine Charpentier (1643-1704), Jean-Baptiste Lully (1632-1687) und Jean-Philippe Rameau (1683-1764) wieder. Das ‚Fehlen‘ italienischer Barockmusik im Programm wird durch Werke von Händel wettgemacht, der in seiner Kunst italienische, französische, deutsche und englische Einflüsse vermittelte. Die meisten seiner am Abend erklingenden Opern- und Kantaten-Ausschnitte wurden für England oder Italien geschrieben.

Während Händels und Purcells Musik für die sich in England entwickelnden bürgerlichen Musiktraditionen steht, so ist die französische Barockmusik ganz auf Paris und das Schloss von Versailles zentriert. Ihre wichtigsten Formen definierte der Italiener Jean-Baptiste Lully, der so zum einflussreichsten Komponisten der französischen Musikgeschichte wurde. Lully war der Hofkapellmeister Ludwig XIV., mit dem er sich anfreundete. Neben Lullys Musik erklingen Ausschnitte aus „Les Arts florissants“ des Lully-Zeitgenossen und Konkurrenten Marc-Antoine Charpentier – der Oper, dem William Christie den Namen für sein Ensemble entlieh. Den Mittelpunkt des barocken Fests in Baden-Baden bilden Ausschnitte aus Opern von Jean-Philippe Rameau, der wie Händel bereits an der Schwelle zwischen Barock und Rokoko bzw. Klassik steht. Rameau gilt heute als einer der genialsten französischen Komponisten überhaupt.

Festspielhaus Baden-Baden / William Christie © Denis Rouvre

Festspielhaus Baden-Baden / William Christie © Denis Rouvre

Die Pionierarbeit des Cembalisten, Dirigenten, Musikwissenschaftlers und Pädagogen William Christie hat einem breiten Publikum insbesondere das französische Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts nahegebracht. Der in den USA geborene Musiker studierte in Harvard und Yale, bevor er sich in Frankreich niederließ. 1979 gründete er dort Les Arts Florissants. Die Aufführung von Lullys „Atys“ 1987 an der Pariser Opéra-Comique eröffnete eine Reihe großer Erfolge für das Ensemble. In jüngerer Zeit zählten dazu André  Campras „Les Fêtes vénitiennes“ an der Pariser Opéra-Comique und an der Brooklyn Academy of Music, Händels „Theodora“ am Théâtre des Champs Élysées, „Jephtha“ an der Opéra National de Paris und „Ariodante“ an der Wiener Staatsoper sowie Monteverdis „L’Incoronazione di Poppea“ bei den Salzburger Festspielen. John Gays „The Beggar’s Opera“ zeigten er und sein Ensemble auf einer Europatournee. Als Gast dirigiert William Christie regelmäßig in Glyndebourne, an der Metropolitan Opera New York und am Opernhaus Zürich. Über 100 Einspielungen belegen eindrucksvoll seine Vielseitigkeit. 2002 gründete er mit Les Arts Florissants „Le Jardin des Voix“, eine alle zwei Jahre stattfindende Akademie für junge Sängerinnen und Sänger und 2012 rief er das Festival „Dans les Jardins de William Christie“ in den Gärten seines Anwesens in der Vendée ins Leben.

Das 1979 von William Christie gegründete Ensemble spielte eine Schlüsselrolle bei der Wiederbelebung des barocken Repertoires. Unter der Leitung von William Christie und Paul Agnew gibt das Ensemble jährlich rund 100 Konzerte oder Aufführungen in Frankreich und auf internationalen Gastspielen. Opern, Oratorien, große Konzerte, aber auch Kammermusik oder A-Cappella-Gesang stehen auf den Programmen. Das Ensemble ist seit 2015 Artist in Residence der Philharmonie de Paris. Es trägt den von der französischen Regierung verliehenen Titel „Centre Culturel de Recontre“.

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

Aldeburgh, Snape Maltings, Macbeth – English Touring Opera, IOCO Kritik, 18.04.2019

Aldeburgh Festival / Snape Maltings Concert Hall © Philip Vile

Aldeburgh Festival / Snape Maltings Concert Hall © Philip Vile

Snape Maltings Aldeburgh Festival

 Benjamin Britten Gedenkmuschel am Meeresufer von Snape © IOCO

Benjamin Britten Gedenkmuschel am Meeresufer von Snape © IOCO

Snape Maltings ist eine bedeutende Kulturstätte in Suffolk, England, in der Nähe der kleinen Orte Snape und Aldeburgh gelegen. Bereits vor 2000 errichteten die Römer erste Siedlungen in Snape und bauten Salzfertigungen. Snape und Aldeburgh erreichten durch auffällige kulturelle Aktivitäten überregionale Bedeutung. Benjamin Britten (*1913 – 1976) gründete dort 1948 das jährlich stattfindende international geschätzte Aldeburgh Festival und errichtete in der Folge Konzerthaus (Foto).  Eine übergroße ins Meeresufer vor Snape errichtete Muschel erinnert auffällig an Benjamin Britten, den großen Sohn der Region Snape und Aldeburgh. Hier eine weitere IOCO Rezeption aus Snape Maltings, link:  Dardanus von Jean-Philippe Rameau

IOCO – Korrespondentin Janet Banks besuchte die Macbeth Produktion der English Touring Opera (see video) in der Concert Hall von Snape Maltings: Privat betriebene Touring Opera Companies sind erneut eine britische Besonderheit: im deutschen Sprachraum nahezu unbekannt, in England jedoch häufig anzutreffen.


Macbeth – Giuseppe Verdi

 Produziert von – English Touring Opera

by Janet Banks

English Touring Opera was about halfway through touring the UK with three early works by great operatic composers, Mozart’s Idomeneo, Rossini’s Elizabeth I and Verdi’s Macbeth, when I witnessed this gripping production at Snape Maltings, home of the Aldeburgh Festival.

Tristan und Verdi’s Macbeth | Production Trailer
Youtube Trailer  English Touring Opera
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

James Dacre’s production was dramatically engrossing, hitting home time and again, largely thanks to excellent performances by the two lead singers, Madeleine Pierard as Lady Macbeth and Grant Doyle as Macbeth. Pierard had a strong stage presence and powerful body language – everything seemed more intense when she was on stage – and her full-throated soprano was more than a match for Giuseppe Verdi’s vocal acrobatics in Act I Scene 2. Her restless writhings before her suicide in the final act made a powerful contrast to her aggressive confidence in the party which closes Act 2.

The scenes between Pierard and Doyle as Macbeth were particularly intense. Doyle brought a lurking sense of foreboding into his voice from early in the opera and his Act 4 Scene 3 final aria showed impressive dramatic range. Sung in English in a good translation by Andrew Porter, any words which were not audible (and they were very few) were still not lost, thanks to TV screens either side of the stage which relayed the libretto, plus the setting for each act.

English Touring Opera / Machbeth © Richard Hubert Smith

English Touring Opera / Machbeth © Richard Hubert Smith

Designer Frankie Bradshaw’s constumes set the production in the present day: Macbeth politician-like in suit and tie, Lady Macbeth either in silky night attire or a short, smart party dress, the rest of the male characters in military uniform or fatigues. Staging was bare but effective – a chaise longue doubling as a throne, concrete bunker-type walls for the castle, and a nice modern touch when Banquo’s assassins climb up to unplug a security camera before his murder. It’s always a challenge to know what to do with the witches, especially with their far from haunting music. However the green-clad nursing nuns (see foto above) with their Florence Nightingale-like lamps and choreographed movements failed to spook me.

Andrew Slater was a deep-toned and noble Banquo and Amar Muchhala a moving Macduff in his beautiful lyric tenor aria lamenting his failure to protect his wife and children. There was much well-disciplined singing from the chorus, particularly in their a cappella chorale after Duncan’s murder.

—| IOCO Kritik Snape Maltings Aldeburgh Festival |—

Oldenburg, Oldenburgisches Staatstheater, Premiere Comédie-ballet – Les Paladins, 16.02.2019

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Oldenburgisches Staatstheater

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

Staatstheater Oldenburg © Andreas J. Etter

Les Paladins
Comédie-ballet in drei Akten von Jean-Philippe Rameau

Libretto von Jean-François Duplat de Monticourt
in französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere Sa 16. Februar, 19.30 Uhr, Großes Haus

Einführung: 19 Uhr
Soiree Di 12. Februar, 18.15 Uhr, Foyer und Großes Haus
Die nächsten Vorstellungen: Di 19. Februar, Do 14. März, Do 23. Mai, Di 28. Mai, Fr 31. Mai, Do 06. Juni, So 23. Juni (18 Uhr), Mi 26. Juni

Musikalische Leitung: Alexis Kossenko/Felix Pätzold, Regie: François de Carpentries, Choreografie: Antoine Jully, Bühne/Kostüme: Karine Van Hercke, Einstudierung Chor: Felix Pätzold, Ballettmeisterin: Carolina Francisco Sorg — mit: Martyna Cymerman, Sooyeon Lee; Ill-Hoon Choung, Stephen K. Foster/Tomasz Wija, Philipp Kapeller; BallettCompagnie Oldenburg, Opernchor des Oldenburgischen Staatstheaters, Oldenburgisches Staatsorchester

Ab dem 16. Februar zeigen die französischen Palastritter auf der Oldenburger Opernbühne, dass auch für eine bessere Welt streitende Helden manchmal mit ganz persönlichen Liebesproblemen zu kämpfen haben; so wie der Paladin Atis, der seine geliebte Argie aus den Fängen ihres nur bedingt sympathischen Vormunds Anselme befreien möchte. Der jedoch will sein Mündel lieber tot als in den Armen eines anderen sehen und greift entschlossen zu den Waffen. Am Ende kann nur noch Zauberei das Liebesglück retten …

Die 1760 in Paris uraufgeführte turbulente Comédie-ballet nach einer Erzählung von La Fontaine mutet stilistisch wie ein Kaleidoskop aus den verschiedensten Gattungen an. Das ist einer der Gründe, warum die selten gespielte „Ballett-Komödie“ heute als Rameaus spannendstes Bühnenwerk gilt: „Nichts im 18. Jahrhundert ist schwieriger als Rameau und nichts ist komplexer als ‚Les Paladins‘“, schwärmt der französische Dirigent und Barockspezialist Alexis Kossenko, der die Entstehung der Produktion intensiv musikalisch begleitet. Mit seinem großen musikalischen Reichtum verlässt Rameaus Spätwerk deutlich den Bereich barocker Galanterie. Stattdessen zeigt es sich von ebenso vielschichtiger wie kurzweiliger Expressivität, in der komische Passagen und tiefe Emotionalität eng miteinander verbunden sind.

Die Oldenburger Produktion von ‚Les Paladins‘ galt schon im Vorfeld als so vielversprechend, dass das führende französische Barockmusik-Institut, das Centre de musique baroque de Versailles, sie nicht nur finanziell förderte, sondern auch Knowhow beisteuerte:

Dazu gehört die druckfrische wissenschaftliche Neuedition des Werkes und ein Gesangscoach in Gestalt des künstlerischen Leiters Benoît Dratwicki, der die Sänger*innen des Oldenburger Ensembles auf die besonderen Herausforderungen des französischen Barockgesangs vorbereitete. Derart gewappnet stellt sich das Oldenburgische Staatstheater dem ritterlichen Kampf um Glück und Liebe nur zu gerne …

—| Pressemeldung Oldenburgisches Staatstheater |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Hippolyte et Aricie – Freiburger Barockorchester, IOCO Kritik, 29.11.2018

November 30, 2018 by  
Filed under Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken, Oper

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung der Elphi © Ralph Lehmann

  Hippolyte et Aricie  – Jean-Philippe Rameau
 Freiburger Barockorchester – Sir Simon Rattle

Von Patrik Klein

Konzertante Oper in der Elbphilharmonie Hamburg erfreut sich großer Beliebtheit beim hiesigen Publikum. Hat man einen Sitzplatz vor dem Podium, vor den Sängerinnen und Sängern, lässt es sich unbeschwert auf die Musik und den unvergleichlichen Klang im wunderbaren Konzertsaal der Elbphilharmonie konzentrieren.

Sir Simon Rattle dirigiert erstmals das Freiburger Barockorchester, eines der profiliertesten Klangkörper für Alte Musik. Gemeinsam erarbeiteten sie die französische Barockoper „Hippolyte et Aricie“ von Jean-Philippe Rameau (25.9.1683 Dijon – 12.9.1764 Paris) für eine Produktion an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, sowie eine konzertante Aufführung in der Elbphilharmonie Hamburg. Als Chefdirigent eines der besten Orchester der Welt setzte Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern Maßstäbe. Er führte das Orchester ins 21. Jahrhundert, durch seine weltumarmende und offene Art, seine lebendigen Interpretationen und eine Freude an der Musik, die ihresgleichen sucht.

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie  - hier : Freiburger Barockorchester, Chor der Staatsoper Unter den Linden und Simon Rattle © Claudia Hoehne

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie  – hier : Freiburger Barockorchester, Chor der Staatsoper Unter den Linden und Simon Rattle © Claudia Hoehne

Götter und Menschen – die Begegnung der Ewigen mit den Sterblichen ist oft spannungsreich und wenig vorsehbar. Der Komponist Jean-Philippe Rameau legte mit der fünfaktigen Tragödie seinen Opernerstling vor – im reifen Alter von immerhin 50 Jahren. Und reif ist dann auch die Musik zu dem antiken Stoff, an der von zeitgenössischen Rezensionen vor allem „das Wissende im Ausdruck“ gelobt wurde.

Die beiden Paare in Rameaus Tragédie lyrique – Hippolyte et Aricie, Thésée und Phèdre – erfahren die Macht der Götter am eigenen Leib, durch das Eingreifen von Diana, Jupiter, Pluto und Neptun. Zugleich brechen permanent seelische Regungen aus ihnen hervor, kaum beherrschbare Emotionen, gegen die alle Vernunft nichts auszurichten vermag. Verbotene Leidenschaften lodern auf und die Liebe sucht sich ihren Weg nach ganz eigenen Gesetzen.

Idylle, Geheimnis und Schrecken walten in gleichem Maße: im Wald, am Meer oder in der Unterwelt. Farbenreich und voller Kontraste ist Rameaus Musik mit einer Vielzahl an Klängen, Formen und Ausdrucksmomenten. Tiefer Ernst paart sich mit leichtfüßiger Unterhaltung, lyrische Innerlichkeit mit dramatischen Zuspitzungen – ein Kosmos tut sich auf, der den Schatz der griechischen Mythen ebenso offenbart wie den Zauber des französischen Barock.

Das Publikum der Uraufführung von Hippolyte et Aricie (Lyrische Tragödie in einem Prolog und fünf Akten; Libretto von Abbé Simon Joseph de Pellegrin) am 1. Oktober 1733 in Paris (Choudens, Opéra) war zweigeteilt in die konservativen „Lullysten“, welche die Musik von Rameau für zu modern hielten, weil sie nicht der Tradition von Jean-Baptiste Lully entsprach, und die sogenannten „Ramisten“, die Rameaus Vertonung als fantastisch empfanden. Die Oper galt jedoch als zu lang und die philosophische Bedeutung der Musik und der einander folgenden Harmonien war für weite Teile der damaligen Gesellschaft schwer verständlich. Rameau verpflichtete sich daher in seinen späteren Werken zu mehr „Selbstkontrolle“.

Die Handlung: (Erster Akt) Aricie, die Tochter des von Theseus getöteten früheren Herrschers von Athen, soll sich auf Wunsch von Phädra dem Dienst der Göttin Diana weihen. Als Hippolytos dem jungen Mädchen gesteht, dass er sie liebt, versucht Aricie in Gegenwart der Priester und Phädras, die während Theseus‘ Abwesenheit in Athen regiert, von ihrem Gelübde zurückzutreten. Phädra, die aber insgeheim selbst Hippolytos liebt, droht Aricie. Unter Donner und Blitz erscheint Diana und führt die Liebenden zusammen. Ein Soldat Theseus‘ berichtet, dass der König, nachdem er mit seinem Freund Peirithoos in die Unterwelt gestiegen ist, um Proserpina, Plutos Gattin zu entführen, dort wahrscheinlich umgekommen sei. Oenone, Phädras alte Amme, hält jetzt den Zeitpunkt für gekommen, dass die Königin ihre Liebe zu Hippolytos öffentlich bekennt.

(Zweiter Akt) Theseus ist mit seinem Freund von Pluto auf zwei Stühlen, aus denen sie sich nicht mehr erheben können, festgehalten worden und wird von Tisiphone und anderen Furlen gepeinigt. Vergebens bittet der König den Fürsten der Unterwelt, ihn von seinen Leiden zu erlösen; erst Neptun, Theseus‘ Vater, gelingt es, die Freigabe seines Sohnes zu erreichen, Peirithoos muss zurückbleiben. Bevor Theseus die Unterwelt verlässt, will Pluto das Schicksal des Königs wissen und erschrickt, als es ihm die Parzen enthüllen.

(Dritter Akt) Phädra gesteht ihrem Stiefsohn, dass sie ihn liebt; dieser weist den Antrag entsetzt zurück und wehrt sich mit dem Schwert. In diesem Augenblick kommt Theseus und nimmt an, dass sein Sohn seine Stiefmutter ermorden will. Weder Phädra noch Hippolytos erklären ihr Verhalten und verlassen den Raum. Oenone redet dem König ein, dass Hippolytos seine Mutter mit Gewalt zu nehmen versuchte. Der König bittet Neptun, den Sohn zu strafen.

(Vierter Akt) Hippolytos, der sich nicht verteidigt hat, wird verbannt und trifft sich mit Aricia, die er bittet, seine Frau zu werden. Bevor sie ihren Ehebund im nahen Dianatempel schließen können, entsteigt ein von Neptun geschicktes Ungeheuer dem Meer; Hippolytos fällt ihm zum Opfer. Aricie wird ohnmächtig weggebracht.

(Fünfter Akt) Theseus erfährt durch Phädra, die sich wie Oenone zu Tode verwundet hat, dass Hippolytos unschuldig ist. Bevor sich auch der König tötet, verkündet Neptun, dass Hippolytos durch Dianas Fürsprache von seinen Verletzungen genesen sei; er werde ihn aber nie mehr sehen. Theseus beugt sich dem Spruch, segnet seinen Sohn und stirbt. Aricie erwacht; nichts kann sie über den Verlust ihres Geliebten hinwegtrösten. Diana erscheint und fordert sie auf, für den neuen König, der ihr Gatte sein werde, ein festliches Willkommen vorzubereiten. Als Zephire den König in festlichem Zug herbeiführen, erkennt Aricie Hippolytos, der unter Lobpreisungen Dianas gekrönt wird.

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie - konzertant hier : Freiburger Barockorchester © Claudia Hoehne

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie – konzertant hier : Freiburger Barockorchester © Claudia Hoehne

 Dirigent Sir Simon Rattle hat zwar noch nie mit dem Orchester aus dem Schwarzwald zusammengearbeitet, ist aber seit vielen Jahren geradezu ein Fan von ihnen. Er bezeichnet es als das großartigste Barockorchester derzeit in der Welt. Das Freiburger Barockorchester ist es gewohnt, normalerweise ohne Dirigent zu arbeiten und vom ersten Konzertmeister geführt zu werden. Es entstand aber sofort eine gelungene Harmonie zwischen dem Orchester und seinem Dirigenten.

Auf dem riesigen Orchesterpodium der Elbphilharmonie Hamburg sind die 15 bestens disponierten Solistinnen und Solisten direkt vor dem 40 Mitglieder zählenden Chor der Staatsoper Unter den Linden Berlin platziert, damit möglichst viele Zuhörer in den frontalen Sängerklanggenuss kommen. Ein großer Vorteil gegenüber der Position unmittelbar an der Rampe. Dort hat sich das für barocke Verhältnisse recht große Orchester mit den rund 50 Musikerinnen und Musikern raumfüllend ausgebreitet. Der Zwischenraum zwischen Orchester und Chor kann von den Solisten genutzt werden, um die musikalischen Farben durch Gesten und szenisches Spiel zu untermalen. Das barocke Orchester ist neben den klassischen Instrumenten mit allerlei zusätzlichen Klangeffekten wie Ketten, Pfeifen, Windmaschine und sogar zwei französischen Sackpfeifen(Musetten) ausgestattet.

Es gelingt Rattle ein lockerer, ganz besonderer leicht dunkel gefärbter Klang. Hoch konzentriert gelingt die Musik lebhaft und energiegeladen. Er hat viel Blickkontakt zu den Musikern, die seine Gesten und seine Mimik auf Anhieb verstehen und in ein barockes Klanggemälde umsetzen. Seine taktstocklosen Handbewegungen sind fließend und meist zurückhaltend, den Musikern damit auch bestmögliche Freiheiten gebend und einen tiefsinnigen Klang formend. Bei den besonders dramatischen Stellen jedoch spürt man seine energiegeladenen Interpretationsabsichten. Seine Musiker, meist hochkonzentriert auf der Stuhlkante sitzend, folgen ihm dann bereitwillig und bedingungslos. Jeder Charakter des Stückes wird in jeder Phrase herausgearbeitet und formvollendet gestaltet. Man spürt die musikalische und menschliche Harmonie zwischen Orchester und Maestro. Klanglich hat man sich wieder der Möglichkeit bedient, Teile des Ensembles aus den Rängen agieren zu lassen. So konnte Diana aus dem dem Orchester gegenüberliegenden Hochrang und Parzen von den Seitenrängen dem musikalischen Gebilde weite Räume geben.

Für das barocke Klanggemälde stehen mit Magdalena Kozená und Anna Prohaska zwei international bekannte Sängerinnen zur Verfügung, die mit den Anforderungen dieser Oper bestens vertraut sind. Magdalena Kozená kann ihre Partie der Phädra mit routinierter Finesse und vitaler Perfektion mühelos interpretieren. Sie beherrscht ein unglaubliches Spektrum von hypnotischer Ruhe bis hin zu aufbrausenden „Rachewogen“. Sie formt mit ihrem warm timbrierten Mezzosopran die Sprachlosigkeit, die Verwundbarkeit, Ängstlichkeit bis hin zu den Gewitterstürmen der Leidenschaft, der Hysterie, Wut und Verzweiflung.

Anna Prohaska überzeugte als Aricie durch eine äußerst deutliche Textverständlichkeit und eine transparente Darstellung ihrer Gefühle und Stimmungen. Man konnte meinen, dass sie ihre Rolle gerade neu durchlebte. Stets sang und agierte sie in feinster Abstimmung mit dem Orchester, wodurch die Geschichte bis in kleinste Verästelungen lebendig wurde. Besonders die leisen tiefen Töne malte sie mit einer leicht rauen Stimmung, bevor sie dann mit ihrem glockenklaren Sopran makellose Läufe und Spitzentöne generierte. Rattle unterstützte sie ganz häufig durch eine kluge Zurücknahme des Orchesters.
Reinoud van Mechelen gab als Hippolyte eine beeindruckende Visitenkarte seines tenoralen Könnens ab. Der junge Belgier sang seine Partie mit feinster Phrasierung und aufregendem Legato. Besonders für Alte Musik erscheint sein feines, dunkles Timbre geradezu ideal. In den hohen Bereichen seiner Tessitura strahlt die Stimme klar und leicht metallisch. Besonders in der zweiten Szene des ersten Aktes gelang ihm zusammen mit Aricie das Duett mit Anna Prohaska in perfekter Harmonie und innerer Umarmung. Man darf gespannt sein auf die weitere Entwicklung seiner Gesangskarriere.
Mit dem Bariton Gyula Orendt stand als Thésée ein junger Rumäne auf der Bühne der Elbphilharmonie. Mit großem Einsatz, ausgestattet mit einer gut sitzenden, satten und farbenreichen Stimme, meisterte er die schwere Partie glanzvoll.

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie - konzertant hier: Schlussapplaus © Claudia Hoehne

Elbpilharmonie Hamburg / Hippolyte et Aricie – konzertant hier: Schlussapplaus © Claudia Hoehne

Mit Adriane Queiroz (Oenone), Elsa Dreisig (Diane), Sarah Aristidou (Hohepriesterin), Slavka Zamecnikova (eine Jägerin), Serrena Saenz Molinero (eine Hirtin), David Ostrek (Tisiphone), Peter Rose (Pluton), Michael Smallwood (Mercure), Linard Vrielink (Parze 1), Arttu Kataja (Parze 2) und Jan Martinik (Parze 3) stand ein insgesamt hochkarätiges Ensemble auf dem Podium und hauchte der französischen Barockmusik Rameaus sprühende Lebendigkeit ein.
Der kraftvoll und hochkonzentriert agierende Chor der Staatsoper Unter den Linden Berlin (Einstudierung Martin Wright)gab mit präzisen Einsätzen, perfekter Artikulation und musikalischer Finesse das vokale Tüpfelchen auf dem „I“ eines barocken Fest der Alten Klänge.
Mit großem Applaus, der sich zu Ovationen und Jubelstürmen steigerte, wurde das gesamte Ensemble viele Minuten lang gefeiert.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

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