Hamburg, Hamburgische Staatsoper, Luisa Miller – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 11.10.2018

Oktober 11, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

staatsoper_logo_rgbneu
Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

 Luisa Miller – Giuseppe Verdi

Ergreifende Belcanto-Wonnen an der Staatsoper

Von Michael Stange

Die Hamburgische Staatsoper hat mit Luisa Miller eine seltenere Verdi Oper in ihr Repertoire zurückgeholt. Die Werke Verdis, die sich an die deutschen Theaterklassiker anlehnen, haben es auf den deutschen Bühnen eher schwer. Opernvertonungen deutscher Klassiker waren und sind auch heute noch ein wenig verdächtig. Verdis Oper lehnt sich an Schillers Theaterstück an und handelt von der Liebe zwischen dem adeligen Rodolfo und der bürgerlichen Luise Miller.

Die Oper konzentriert sich stärker auf das Verhältnis der Personen als auf die Gesellschaftskritik Schillers. Zum tragischen Tod der Liebenden führen Intrigen, die Feindschaft von Familien unterschiedlicher Stände und eine starre, vorurteilsbehafteten und teilnahmslose Gesellschaft. In dieser Atmosphäre scheitert die Liebe zwischen Luisa und Rodolfo und sie finden den Tod.

Luisa Miller – Giuseppe Verdi
Youtube Trailer  der Hamburgische Staatsoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Andreas Homoki hat das Werk in seiner Inszenierung aus dem Jahr 2014 klug und dramatisch packend gedeutet. Er belässt – wie Schiller – alle Szenen in Innenräumen der jeweiligen Häuser und greift so Schillers Vorstellung auf, dass Intoleranz, Enge und gesellschaftliche Zwänge unausweichlich zur Katastrophe führen. Die grellen, mit wenigen Möbeln und großen Gemälde ausgestatteten Räume bilden eine kalte Atmosphäre. Die in der Ouvertüre verwendeten Schicksals und Intrigenmotive nimmt die Inszenierung auf. Die orchestralen Verweise werden durch kurze Bildsequenzen auf der Bühne verstärkt. So wird bildlich schon Zu Beginn auf die Verstrickungen und Katastrophen im weiteren Handlungsverlauf vorgegriffen. In fließender Bewegungen der Bühnenbilder reihen sich auch später die Szenen wie in einer Perlenkette aneinander. Die dramatische Zwangsläufigkeit, in die die Liebenden hineinsteuern, wird so sichtbarer. Entscheidenden Anteil am folgenden Verhängnis haben neben dem Vater Rodolfos, dem Grafen Walter, sein intriganter Gehilfe Wurm, der Luisa gleichfalls liebt. Ein weiterer entscheidender Faktor ist das fehlende Vertrauen der Liebenden zueinander, die sich daher einander nicht über die Intrigen offenbaren.

Mit den Kostümen aus der französischen Revolution schlägt Homoki zwei Fliegen mit einer Klappe. Er bietet einen leichten ästhetischen Kontrast zum kalten Bühnenbild. Gleichzeitig wird aber durch die kalten Farben klar, dass die Poesie der Kostüme nur eine Illusion ist. Dies unterstreicht der teilnahmslose und statisch agierende Chor. Den egoistischen Zielen von Graf Walter und Wurm treten keine äußeren Kräfte entgegen. Alle Akteure sind durch Erziehung, Glaube, Gesellschaft und Zwängen des eigenen Standes so festgelegt, dass die dramatische Entwicklung alternativlos vorgezeichnet ist und die Liebenden keine Chance haben. Die gesellschaftliche und moralische Verwahrlosung spiegeln die zunehmend verkommenen Kostümen und Frisuren der Choristen wieder. Als Schlusspunkt symbolisiert die Guillotine erneut den ständig präsenten Tod.

Nino Machaidze durchlebt die Partie der Luisa mit einem breiten Spektrum an stimmlichen Nuancen vom verschatteten Piano bis zur expressiven Leuchtkraft. Sie gibt ihrer Luisa viel Glut und dramatischen Glanz. Gesanglich und darstellerisch ist sie faszinierend. Dramatische Attacken paaren sich mit berückenden lyrischen Tönen. Ihr gelingt ein präsentes und packendes Portrait. Dafür wurde sie vom Publikum frenetisch gefeiert.

Staatsoper Hamburg / Luisa Miller von Giuseppe Verdi © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Luisa Miller von Giuseppe Verdi © Monika Rittershaus

Joseph Calleja ist als Rodolfo eine Idealbesetzung. Er wartet mit klangschönen, lyrischem Schmelz und großer Durchschlagskraft auf. Den dramatischen Ausbrüchen ist er mühelos gewachsen. Die früher helle, weiche Stimme mit ihrem charakteristischen mediterranen Timbre hat die bezaubernde Klangqualität der jungen Jahre nahezu erhalten. Sie ist aber dunkler, metallischer und intensiver geworden und hat zugleich an Durchschlagskraft in der Höhe gewonnen. Mit dem Rodolfo hat Calleja eine ideale Rolle für seine gegenwärtige stimmliche Entwicklung gefunden. Dass einer der wichtigsten Verdi Tenöre unserer Tage ist, hat er in seinem Hamburger Rollendebut als Rodolfo erneut unter Beweis gestellt.

Roberto Frontalis dramatischer Miller bot durch seine gesangliche Intensität ein imposantes Gegenstück zum Conte di Walter von Vitalij Kowaljow mit seinem schwarzen Bass ist für diese schwere Belcantorolle wie geschaffen. Nadezhda Karyazina als Federica war mit ihrem blühenden Mezzosopran und ihren mühelosen, leuchtenden Spitzentönen ein weiterer wesentlicher Faktor dieser ganzvollen Gesamtleistung. Ramaz Chikviladze verlieh dem Wurm stimmliche Potenz und perfide Bösartigkeit.

Das Dirigat von Alexander Joel war ein wesentlicher Faktor dieses großen Verdiabends. Ihm gelang ein packendes, mitreißendes Dirigat. Verdis Spannungsbögen Verdis entfesselte er mit Dramatik und lyrischen Klängen. Das Orchester folgte ihm mit Feuer, Elan, Spielfreude und großer Präzision. Die balancierte und präzise Koordination zwischen Orchester, Solisten und Chor ermöglichte allen Beteiligten, sich an entscheidenden Stellen zu steigern, zu ergänzen und gemeinsam eine packende Gesamtdarbietung zu leisten. Die Besucherinnen und Besucher belohnten diese Glanzleistung mit tosendem Applaus. Dieser Abend war eine der Sternstunden der bisherigen Spielzeit.

Luisa Miller an der Hamburgischen Staatsoper; weitere Termine der Spielzeit 2018/19 –  11.10.2018

—| IOCO Kritik Staatsoper Hamburg |—

Bonn, Theater Bonn, Norma: Schwelgender Belcanto, IOCO Kritik, 28.10.2012

Oktober 30, 2012 by  
Filed under Kritiken, Theater Bonn

logo bonn.jpg

Theater Bonn

Theater Bonn © Theater Bonn

Theater Bonn © Theater Bonn

  Comic und Lebendigkeit mischen Rituale auf

Theater Bonn / Norma / Miriam Clark (Norma) , Nadja Stefanoff (Adalgisa) auf Premierenfeieer © IOCO

Theater Bonn / Norma / Miriam Clark (Norma) , Nadja Stefanoff (Adalgisa) auf Premierenfeieer © IOCO

Die Erwartungshaltung des erfahrenen Besuchers einer BelliniOper umfasst: Reiche Empfindungen mit Bellini eigener Melancholie, Wahrheit und Macht der Deklamation„.  Vincenco Bellini (1801 – 1835) lebte nur kurz. Doch mit großen Opernerfolgen leitete der noch sehr junge Bellini um 1820 jene Entwicklung ein, die Gesang hin zum Ausdruck von Seele, Gemüt und Stimmungen wandelte, statt die bis dahin dominante Kehlfertigkeit und Technik zu betonen. Im Zarten wie im Romantischen gilt  Vincenco Bellini, “der Petrarca der Musik”, als unübertroffen. Sein Seelendrama  Norma besitzt unter Kennern Kult-Status. Da Profanes den Belcanto-Zauber nicht stören soll, werden Norma-Vorstellungen oft nur konzertant aufgeführt. Bellinis Werke führen viele Opernfreunde in geradezu rauschhafte Zustände. Norma wiederum wird in der heutigen Theaterwelt oft auf eine hymnische „Casta Diva-Seligkeit“ reduziert. Doch, soll Norma tatsächlich nur noch schwelgende Totenmesse für Maria Callas und Franco Corelli sein ?

Theater Bonn / Norma / Pollione (G. Oniani), Norma (M. Clark) © Thilo Beu

Theater Bonn / Norma / Pollione (G. Oniani), Norma (M. Clark) © Thilo Beu

Theater Bonn / Norma (M. Clark) und Intendant (R. Silbernagl) © Thilo Beu

Theater Bonn / Norma (M. Clark) und Intendant (R. Silbernagl) © Thilo Beu

Die Oper Bonn und der jugendliche Regisseur Florian Lutz versuchen einen bizarren wie mutigen Ausbruch aus dieser schwärmerisch verklärten wie versteinerten Norma-Welt in modernes, blutvolles Theater-Leben. Ihre Norma-Handlung geht neue Wege, spielt, ergänzend zu bekannten Produktionen, auf zusätzlichen Ebenen: Ein egomanischer Intendant (Roland Silbernagl), dem ehemaligen Bonner Intendanten Giancarlo del Monaco ähnelnd, treibt diese Bonner  Norma-Inszenierung in einer eigenen Sprechrolle mit sarkastischen Einlassungen zu Sängern, opulenter Oper und dreister Sparpolitik. So preist dieser Intendant auf der Bühne bereits vor Beginn der Ouvertüre den „feurigen“ Dirigenten Robin Engelen, seine Norma Miriam Clark und sein Ensemble: Norma muß bei noch geschlossenem Vorhang auf Wunsch des Intendanten einige Takte der Casta Diva – Arie singen. Sehr ungewohnt. Auch stellt er während der Vorstellung auf der Bühne Windmaschinen um und unterbricht die Sänger inmitten ihrer Arien. Diese flapsige wie unbekannte Sprechrolle vermischt sich irritierend mit dem gewohnten Belcanto-Fluss der Oper. Arrivierte Norma-Besucher protestieren daraufhin in Bonn lautstark, einige verlassen den Saal. Bedachte Besucher erbitten sich inmitten des Tumults ebenso lautstark Respekt. Roland Silbernagl wiederum verdient höchste Bewunderung, in dieser Aufruhr seine kontroverse Partie des Intendanten gut verständlich und glaubhaft durchgehalten zu haben.

  Irdisch lebendig – wenig hymnische Seligkeit

Theater Bonn / Norma, Norma (M. Clark) und Adalgisa (N. Stefanoff) schminken sich © Thilo Beu

Theater Bonn / Norma, Norma (M. Clark) und Adalgisa (N. Stefanoff) schminken sich © Thilo Beu

Theater Bonn / Norma, Gallier bekämpfen die Römer © Thilo Beu

Theater Bonn / Norma, Gallier bekämpfen die Römer © Thilo Beu

Die Norma Handlung im römisch besetzten Gallien verlegt Florian Lutz in ein Comic-Dorf mit Asterix, Obelix und dem weißbärtigen Druiden Miraculix, welche Hinkelsteine heben, in großen Kesseln Zaubertränke mischen und mit Besen und Harken bewaffnet in glänzenden Uniformen auftretende Römer bekämpfen. Auf der Rundbühne bilden ein kleiner Wald mit Giraffe und Wildschwein wie ein Wohnraum mit Klavier und Schminktisch die bescheidenen Kulissen. Die zentralen Protagonisten Norma, Pollione, Oroveso und Adalgisa wechseln häufig zwischen historischer und moderner Kleidung wie Perücken, Normas Kinder spielen arglos vergnügt auf dem Flügel, Pollione verführt Adalgisa in seichtem Flavio Briatore-Look, der Intendant treibt derweil sein Ensemble mit Mikro zu Höchstleistungen und Norma geht einmal von der Bühne, weil sie, wie sie reklamiert, „nicht andauernd Casta Diva singen“ möchte. Dazu kämpfen wiederholt die Asterix-Gallier gegen die Römer: Merkmale einer Inszenierung, welche der herrschenden silbernen Norma-Seligkeit reale wie skurrile Züge entgegen setzten möchte.

Regisseur Lutz ging mit seiner Inszenierung einen schweren Weg und schaffte eine irdische wie einfallsreiche „Norma zum Anfassen“. Norma soll nicht allein Esoterikern überlassen bleiben.

Abseits der Regie-Tumulte wurde diese NormaPremiere im ausverkauften Theater Bonn von Anbeginn zu einem vom Publikum mit großem Beifall belohnten musikalischen Genuss. Dirigent Robin Engelen  dirigierte die Ouvertüre spritzig und geschmeidig, läßt die Melodien lyrisch fließen und folgt den weiten Kantilenen ohne Tempi zu verschleppen. Ein denkbar schwieriges und daher umso gelungeneres Dirigat, muß Engelen doch in der Inszenierung nicht nur mit Partitur, Ensemble und Orchestern „fertig werden“, sondern auch mit komplexen Regievorgaben, Windmaschinen und Dampferzeugern. Großes Gespür bewies Engelen in der Abstimmung von Orchester, Solisten und dem von Sybille Wagner hervorragend einstudierten, riesigen  Chor und Extrachor des Theater Bonn.

Theater Bonn / Miriam Clark (Norma) bei Premierenfreier, hr G. Oniani (Pollione) © IOCO

Theater Bonn / Miriam Clark (Norma) bei Premierenfreier, hr G. Oniani (Pollione) © IOCO

Theater Bonn / Norma / Treibender Intendant (R. Silbernagl) © Thilo Beu

Theater Bonn / Norma / Treibender Intendant (R. Silbernagl) © Thilo Beu

Norma ist ein von romantischen Klangfarben durchsetzter “Liebeshymnus”, ein schwerer Prüfstein für alle SängerInnen. Die noch junge Miriam Clark gestaltete ihren Koloratur-Parcours der zerrissenen Norma mit ergreifend ausgestalteten Kantilenen, wunderbar getragenen Piani, dazu mimisch wie gestisch mitreißend. Ihr Atem schien unendlich. Die Casta Diva-Arie formte Miriam Clark ohne jedes Zeichen von Überforderung. Mit wohltimbrierten Messa di Voce und glühendem Mezzosopran gab Nadja Stefanoff  der Rivalin Adalgisa authentisch Stimme und Persönlichkeit. In ihren unendlich scheinenden Duetten verschmolzen die weich timbrierten Stimmen zu reinstem Belcanto, deren Glanzpunkt die wunderschönen a capella Arien waren. George Oniani spielt den Pollione, ungewohnt, als lässiger Frauenverführer im Habitus des F1-Playboys Flavio Briatore. Sein tenoraler Schmelz gelang kraftvoll, geschmeidig und bruchlos. Wunderbar ergänzt sein Timbre die reinen Frauenstimmen im ersten und zweiten Akt. Auch Ramaz Chikviladze als Orovese, Normas Vater, wird mit wohltönendem und starkem Bass den Belcanto-Ansprüchen des Abends gerecht. Die kleineren Partien dieser Norma-Produktion waren gut besetzt: Tamas Tajanyi verlieh mit gefälligem Tenor dem Flavio Charakter. Auch Daniela Denschlag meisterte ihre Clotilde – Partie sehr gut.

Eine kontroverse, weil ungewöhnliche Norma-Inszenierung fand nach lautstarkem und holprigem Beginn doch noch ein halbwegs versöhnliches Ende. Ungeteilt lautstarker Applaus galt allen SängerInnen, Chor und Orchester, an der Spitze für Miriam Clark, Nadja Stefanoff und George Oniani. Überraschung: Selbst das junge Regieteam um Florian Lutz fand unter den Besucher zum Ende viel Zustimmung: Für eine facettenreiche wie originelle, vom Traditionspfad gewohnter Norma-Produktionen abweichende Inszenierung. Alles nur Ungewohnt? Jungen oder wenig versierten Norma-Besuchern bietet diese lebhaft moderne Produktion progressiv frischen Zugang zum Belcanto, arrivierte Opernfreunde finden in ihr reichlich Diskussionsstoff. So gilt denn seit dem 28.10.2012 im Theater Bonn: Auch Norma kann frisches und lebendiges Musiktheater sein.  IOCO / Viktor Jarosch / 30.10.2012

—| IOCO Kritik Theater Bonn |—