Dresden, Semperoper, Platée – Jean Philippe Rameau, IOCO Kritik, 10.04.2019

April 10, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Oper, SemperOper

semperoper_neu_2.jpg

Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Platée – Jean Philippe Rameau – Premiere

– Höllenfahrt eines Transvestiten –

von Thomas Thielemann

Gäbe es eine Repertoire-Gerechtigkeit, so müsste der Jean Philippe Rameau (1683-1764) in den Statistiken ähnlich häufig aufgelistet sein, wie die beiden anderen Komponisten-Giganten die in den 1680er Jahren geborenen: Johann Sebastian Bach (1685-1750) und Georg Friedrich Händel (1685-1759). Dabei hat er neben Motetten, Kantaten, viel Instrumentalmusik und Opern auch als Musiktheoretiker erhebliches geleistet. Mit seiner Treatise of Harmony  ist er der Erfinder der Harmonie-Lehre.

Rolando Villazón inszeniert Platée an der Semperoper

Platée – The Making of … Rolando Villazon
youtube Trailer der Semperoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Zögerlich werden seine Opern erst im letzten Jahrzehnt wieder in Deutschland in die Spielpläne aufgenommen. Die Semperoper engagierte nun den Rolando Villazón, um die wahrscheinlich gelungenste Komposition RameausPlatée- Ballet bouffon in einem Prolog und drei Akten von Adrien-Joseph Le Valois d´Orville“ zu inszenieren. Wegen der „Ballett-Oper“, in der Gesang und Tanz fast gleichberechtigt nebeneinander stehen, brachte Villazón den französischen Choreographen Philippe Giraudeau und zur Komplettierung der Opulenz den Lichtdesigner Davy Cunningham mit nach Dresden.

Der Stoff der Handlung basiert auf einer spätantiken Überlieferung des Pausanias aus der Zeit um 170 n. Chr. und beschreibt einen Spaß, den sich die olympischen Götter mit der liebesverrückten Nymphe Platea gemacht haben sollen. Diese hässliche Kröte hält sich für unwiderstehlich und will sich in eine Liaison mit dem „Allerhöchsten“ einlassen, der aber nicht als Stier oder Schwan sondern als Einhorn bzw. Eule erscheint. Aus dieser Überlieferung entwarf der Maler, Dramatiker und Schauspieler Jaques Bureau (1657-1745) einen Operntext und verkaufte ihn aus Gründen der Geldnot an Rameau. Der ließ den Entwurf vom Amateur-Librettisten Le Valois d´Orville komplettieren. Rameau schuf eine Opernmusik, die von abgrundtiefer Tragik bis zu ausgelassener Albernheit einen Spannungsbogen der Darstellung menschlicher Gemütszustände auslotet.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Iulia Maria Dan (Thalie /Clarine), Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Iulia Maria Dan (Thalie /Clarine), Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Einsame Solokantilenen, prächtige Ensemble- und Chorszenen sind durch zahlreiche Ballette verbunden. Dabei entlockt er dem barocken Orchester immer neue Klangfarben und Tänze von überwältigender rhythmischer Vielfalt: Um des Jupiters Gattin von ihrer Eifersucht zu kurieren wird ihr vorgegaukelt, dass Jupiter beabsichtige, die im sumpfigen Reich der Frösche beheimatete hässliche Wassernymphe Platée zu heiraten. Nun hält sich die Nixe für unwiderstehlich, träumt von einer Zukunft als Göttergattin, wird aber letztlich verspottet und gedemütigt.

Für die Hochzeit des Dauphins mit der spanischen Infantin gedacht, fand der Stoff bei einer Aufführung vor einem Teil der Hofgesellschaft nur begrenzte Gegenliebe, schon weil die Prinzessin absolut keine Schönheit war und Imitationen der Stimmen von Kuckuck und Esel kaum für eine Huldigung am Versailler Hof Ludwig XV. geeignet waren. Eine öffentliche Aufführung erfolgte am 9. Februar 1649 an der Pariser Opera.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Andreas Wolf als Jupiter, Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Andreas Wolf als Jupiter, Philippe Talbot als Platée © Ludwig Olah

Rolando Villazóns Inszenierung ist so, wie wir ihn kennen: locker, schräg und ordentlich durchgedreht. Dazu eignete sich der Handlungsbereich in der Welt der Götter und der Nymphen. Die Handlung, von Haus aus verfremdet, bedient so ziemlich jedes Vorurteil und charakterisiert so menschliches Verhalten, ohne erhobenen Zeigefinger. Es gelingt so der Regie, das schwierige Thema des Mobbings locker auf die Bühne zu bringen. Denn letztlich ist Platée eine als Komödie verkleidete Tragödie. Und so vermischt Villazón auch die antagonistischen Götter, Amour als Gott der Liebe mit dem Gott der Satire Momus.

Die Tänze, in der französischen Oper eigentlich Einlagen, sind gut in die Handlung verknüpft, so als Fantasie-Gebilde der Titelrolle, während Platée mit Puppen spielt. Sie bringen das Geschehen voran, schaffen einen Fluss von Gesang und Tanz.

Platée – The Making of … Dirigent Paul Agnew
youtube Trailer der Semperoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Die weibliche Titelrolle hatte der Komponist einem hohen Tenor zugeschrieben. Das entsprach durchaus der üblichen Opernpraxis der Zeit. Villazón zeichnet Platée konsequent ohne Wenn und Aber als Transvestiten. Er zeigt seine Verwandlung vom Mann zu einer selbstbewussten Frau, die eben nur im Körper eines Mannes versteckt ist. Ihre Fähigkeit zur Fantasie ermöglicht das zu akzeptieren, was aber ihre Mitwelt nicht so anzunehmen bereit ist. Die Regie überlässt dem Zuschauer die Entscheidung, ist Platée verrückt weil sie Frau im Körper eines Mannes ist? Oder ist die Gesellschaft verrückt, weil sie damit ein Problem hat?  Die Lockerheit und das Komische der Inszenierung verleitet zum Lachen über Platée, aber es ist ein grausames Lachen.

Die Bühne, hervorragend zweckmäßig von Harald Thor entworfen, ist ständig voller Menschen: Zwischen den Sängern, den Ballett-Tänzern und den Hauptfiguren kann sich der Zuschauer kaum langweilen. Dazu passten die wunderbar schrägen Kostüme von Susanne Hubrich Die musikalische Leitung war dem Spezialisten für die französische Barockmusik Paul Agnew übertragen worden, der selbst mehrfach als Platée auf der Bühne gestanden hat.

Den Musikern der Staatskapelle gelingt, obwohl die Barockmusik nicht zur Kernkompetenz des Orchesters gehört, eine Wiedergabe auf höchstem Niveau. Das Orchester hat Rameau im Jahre 1769 zum letzten Mal gespielt. Aber den Profis werden dem tänzerischen Ungestüm der Musik und dem barocken Klangbild in jedem Moment gerecht.

Die weibliche Titelrolle hatte der bereits als Platée erfahrene Philippe Talbot (Foto) übernommen. Seine Stimme war nicht ausgesprochen farbenreich, aber seine schauspielerischen Leistungen ließen seinen begrenzten Gesang vergessen. Neben ihm mit gesunder Kompaktheit und unverstellter Direktheit als König der Götter Jupiter der Bass-Bariton Andreas Wolf (Foto). Dazu seine Gattin Juno lyrisch mit leuchtendem Sopran Ute Selbig. Die Muse der Komödie Thalie und die Magd der Platée bot die rumänische Sopranistin Iulia Maria Dan (Foto) mit wunderschöner samtiger Stimme ungewöhnlich durchsetzungsfähig.

Semperoper Dresden / Platée - hier : Ensemble © Ludwig Olah

Semperoper Dresden / Platée – hier : Ensemble © Ludwig Olah

Im Prolog agierte als Erfinder der Komödie Thespis und im Spiel als Bote-Gott Mercure mit skurriler Liebenswürdigkeit, umwerfendem Charme, sängerisch und schauspielerisch glanzvoll der englische Tenor Mark Milhofer. Einen fast magisch-hemmungslosen Auftritt als Gott der Satire Momus schafft mit dem Wenigen, was er zu singen hat, der Ensemble-Bassbariton Sebastian Wartig.

Mit immens spielerischem Einsatz und einem fast protzenden prächtigen Bariton verkörperte Giorgio Caoduro den König der Berge Cithéron und im Vorspiel einen Satyr, neben ihm mit gesunder Kompaktheit und unverstellter Direktheit der König der Götter Jupiter, der Bass-Bariton Andreas Wolf. Einen zauberhaften Amor konnten wir von der Sopranistin des Jungen Ensembles Tania Lorenzo erleben.

Die erfahrene Interpretin des Barockrepertoires Inga Kalna beherrschte als die lebenslustige La Folie mit überwältigender Stimme und lasziver Darstellung die Bühne. Zudem war der allgegenwärtige Staatsopernchor, fantastisch geleitet von Cornelius Volke, egal ob als ein Chor von Fröschen oder kontrapunktisch, immer beeindruckend.

In der Pause sah man einige ratlose Gesichter; es blieben im zweiten und dritten Akt einige Plätze frei. Zum Schluss gab es einhelligen Jubel für Regieteam, Sänger-Darsteller und Tänzer/innen.

Platée an der Semperoper; die folgenden Termine dieser Spielzeit 11.4.; 16.4.; 23.4.; 29.4.2019

—| IOCO Kritik Sächsische Semperoper Dresden |—

Dresden, Semperoper, Platée – Jean-Philippe Rameau, 06.04.2019

April 5, 2019 by  
Filed under Hervorheben, Oper, Premieren, Pressemeldung, SemperOper

semperoper_neu_2.jpg

Semperoper

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Dresden / Semperoper im Sonnenschein © Matthias Creutziger

Platée:  Rolando Villazon inszeniert

Wahn und Wirklichkeit: Premieren im April sezieren Gesellschaftsthemen

Platée  – Premiere 6. April 2019; zum ersten Mal in Dresden;  Inszenierung Rolando Villazón

Im April laden die Dresdner Neuproduktionen von Jean-Philippe Rameaus Platée in der Semperoper und Philipp Venables 4.48 Psychose in Semper Zwei dazu ein, sich auf unterschiedlichste Weise hoch aktuellen gesellschaftlichen Tabuthemen zu nähern.

Platée – The Making of …
youtube Trailer der Semperoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

In Jean Philippe Rameaus 1745 uraufgeführten Meisterwerk Platée treiben die olympischen Götter ein zynisches Liebesspiel mit einer sich maßlos selbstüberschätzenden Nymphe. Das auf mythologischem Stoff basierende Ballet bouffon gewährt dem amourösen Treiben mit Lust an Travestie und beißendem Spott die Kulisse für musikalisch und tänzerisch glanzvolles Treiben, ohne dabei mit scharfer Kritik an den Verhaltensmustern einer saturierten Gesellschaft zu sparen.

Platée – The Making of …
youtube Trailer der Semperoper
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Der mexikanisch-französische Star-Tenor Rolando Villazón transportiert das barocke Opernspektakel an der Semperoper in eine postmoderne High School-Atmosphäre und stellt soziale Grausamkeit und blindes Streben nach sozialer Anerkennung in zeitgemäßer Interpretation bloß. Die Musikalische Leitung liegt bei dem schottischen Tenor und Dirigenten Paul Agnew, der als Sänger selbst unzählige Male die Partie der Platée interpretiert hat. Als Dirigent der Dresdner Neuinszenierung steht der international als wichtigster Kenner und Vermittler im Bereich Alter Musik, insbesondere der französischen Barockmusik, geltende Künstler erstmalig am Pult der Sächsischen Staatskapelle. In der Titelpartie gibt der französische Tenor Philippe Talbot sein Hausdebüt an der Semperoper, wo Rameaus Werk zum ersten Mal zu erleben ist.

Premiere: 6. April 2019 um 19 Uhr, Semperoper Dresden, Weitere Vorstellungen am 11., 16., 23., 29. April 2019 sowie 8., 20. und 23. April 2020. Werkeinführung jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn.


Semper Zwei: Uraufführung der deutschen Fassung von Philip Venables 4.48 Psychose in der Übersetzung von Durs Grünbein am 26. April 2019

1999, nur wenige Wochen, bevor sich die britische Theater-Autorin Sarah Kane mit nur 28 Jahren durch Suizid von ihren schweren Depressionen befreite, entstand ihr poetischer Abschiedsbrief 4.48 Psychose. Jeden Morgen um 4.48 Uhr trat Kane aus der Psychose in den Zustand tiefster Klarheit, bevor die Medikamente ihren Verstand wieder verdunkelten.

Ihr letztes, von unmittelbarer Kraft, psychologischer Schärfe und gleichzeitig von sprachlich prägnanter Präzision durchdrungenes Meisterwerk der modernen Literatur inspirierte den in Berlin lebenden englischen Komponisten Philip Venables 2016 zu seiner ersten abendfüllenden Oper. Mit musikalischer Raffinesse und klanglichem Erfindungsreichtum kreierte Venables eine erzählerisch eigenständige Fassung, die der literarischen Vorlage eine stimmige musikalische Metaebene verleiht.

Im Auftrag der Semperoper Dresden überarbeitete Philip Venables auf Grundlage der deutschen Übersetzung des Dresdner Dichters und Autors Durs Grünbein sein preisgekröntes Ursprungswerk zu einer neuen Fassung, die am 26. April in Semper Zwei unter der Regie von Tobias Heyder zur Uraufführung kommt. Die Entstehung der »Dresdner« Oper ist vom Komponisten und der Sängerin Sarah Maria Sun, die in der Partie der Gwen zu erleben sein wird, in einem auf semperoper.de einzusehenden Videotagebuch dokumentiert. Die weiteren Partien interpretieren Tahnee Niboro, Karen Bandelow, Grace Durham, Sarah Alexandra Hudarew und Carolin Löffler. Es spielt das Projektorchester unter der Musikalischen Leitung von Max Renne.

Premiere 26. April 2019 um 19 Uhr in Semper Zwei,  weitere Vorstellungen 29. April, am 3., 4., 6., 8. und 10. Mai sowie am 7., 9., 10., 13. und 15. September 2019. Werkeinführung jeweils 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn.

 

—| Pressemeldung Semperoper Dresden |—