Lüttich, Opéra Royal de Wallonie, Madama Butterfly – Giacomo Puccini, IOCO Kritik, 15.09.2019

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

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Opéra Royal de Wallonie-Liège

 Madama Butterfly – Giacome Puccini

 – Der japanischen Kosmos – Tradition changiert mit Moderne des Westens –

von Ingo Hamacher

Mit langanhaltendem Applaus feierte das Premierenpublikum eine rundum gelungene Leistung des Ensembles, welches nicht nur sängerisch durch Solisten und einen wunderbaren Chor überzeugen konnte, sondern ebenso durch das ausgezeichnet spielende, von Speranza Scappucci lebendig und sensibel geführten Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Madama Butterfly – Neuproduktion der Opéra Royal de Wallonie-Liège in Zusammenarbeit mit dem Fondazione Festival Pucciniano Torre del Lago

Wenn auch sowohl Svetlana Aksenova, in der Rolle der Cio-Cio-San, als auch Alexey Dolgov als F.B. Pinkerton bei ihrem Hausdebut in Lüttich überraschenderweise – beide haben ihre Rollen seit vielen Jahren in ihrem Repertoir – in den ersten beiden Akten deutliche Zeichen von Anspannung und Lampenfieber zeigten, konnten sie die Partien erfolgreich beenden. Nach ihrer mit Szenenapplaus bedachten und bekanntermaßen herausfordernden Arie:„Un bel dì, vedremo“ fand die Sopranistin Aksenova spürbar zur Ruhe, was ihrer Stimme zugute kam. Tenor Dolgov überzeugte vor allem in den hohen Lagen, wogegen die Tiefen etwas dünn erschienen.

Madama Butterfly – Eine Einführung in die Produktion
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Saverio Fiore in der Rolle des Goro, auch er gab sein Hausdebut, und Sabina Willeit als Suzuki überzeugten stimmlich vollauf. Wieder einmal überragend jedoch Mario Cassi als Sharpless, dem es nach klassischer Belcanto-Manier gelang, mit durchgängig auf dem Atem liegender Stimme das Publikum zu begeistern.

Madama Butterfly gehört zum Standardrepertoire, so dass die Handlung als bekannt voraus gesetzt werden kann: Um 1900 heiratete der amerikanische Offizier Pinkerton in Japan die junge Geisha Cio-Cio-San, die sich ihm mit Leidenschaft hingab. Aus ihrer Vereinigung wurde ein Kind geboren, von dessen Existenz der Leutnant bei seiner Rückkehr nach Hause nichts wusste. Drei Jahre später kommt er mit seiner amerikanischen Frau zurück nach Japan, um seinen Sohn abzuholen, von dem er inzwischen erfahren hat. Verraten und verlassen, gibt es für Cio-Cio-San nur einen Ausweg……

Nach seinem großen Erfolg, den Giacomo Puccini im Jahr 1900 mit seiner Oper TOSCA hatte, suchte er nach einem neuen Thema, das ihm eine tiefe tragische Quelle bieten konnte. Er setzte auf ein Stück des Dramatikers David Belasco, Madame Butterfly, inspiriert von realen Ereignissen: die katastrophale Liebesaffäre eines sehr jungen Mädchens, Cio-Cio-San, dessen Name auf Japanisch „Schmetterling“ bedeutet.

Madama Butterfly war für Puccini die perfekte Gelegenheit, den „Japonismus“ zu nutzen, der im Westen seit Ende des 19. Jahrhunderts in Mode war. Auf der Suche nach neuen Farben und einzigartigen Atmosphären studierte der Musiker die Sprache, Kultur und Musik Japans und zögert nicht, authentische Melodien zu verwenden. Das Ergebnis war für die Hörer schockierend. Der Autor berichtete, es sei seine „aufrichtigste und ausdrucksstärkste“ Oper.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

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Japonismus ist die Bezeichnung für den Einfluss der japanischen Kunst auf die Künstler der westlichen Welt, insbesondere französische. Die Kunst, die aus dieser Inspirationsquelle hervorging, wird als Japonesque bezeichnet.

Die Bilder- und Formensprache der „Bilder der heiteren, vergänglichen Welt“, der Ukiyo-e, und anderer Erzeugnisse des japanischen Kunsthandwerks wie Töpfer-, Metall-, Lack- und Bambusarbeiten wurden eine Quelle der Inspiration für den Impressionismus, den Art Nouveau, den Jugendstil, die Wiener Secession und auch viele Künstler des Expressionismus.

Seit um die Mitte des 19. Jahrhunderts die amerikanische Flotte die Öffnung der japanischen Häfen erzwungen hatte, verbreiteten sich im Westen rasch genaue Kenntnisse über japanische Kunst und Kultur; Auf dem Gebiet der Musik, Literatur und der bildenden Künste begann man sich mit dem fernen Inselreich auseinanderzusetzen. Der Begriff Japonismus wurde 1872 von dem französischen Kunstkritiker Philippe Burty geprägt. Die Pariser Weltausstellung 1878 zeigte eine Reihe von Werken der japanischen Kunst.

Stefano Mazzonis Di Pralafera, Intendant der Opéra Royal de Wallonie und Regisseur dieser Neuproduktion, welche die Oper Lüttich in Kooperation mit dem Fondazione Festival Pucciniano Torre del Lago erarbeitet hat, will uns den Kosmos der japanischen Welt sowohl unter dem Aspekt der Tradition, als auch dem Wandel in die Moderne vor Augen führen. Fernand Ruiz, verantwortlich für die Kostüme, ließ dazu beispielsweise die verwendeten 36 Kimonos in den Werkstädten per Hand bemalen, um eine größtmögliche Authentizität zu erzielen.

Die Bühne, im ersten Akt ein historisches Japan, wie wir es mit dem Uraufführungsjahr der Oper 1902 gedanklich in Verbindung bringen. Nachfolgend erleben wir eine typischen 50er-Jahre Stil, der zeitlich mit der 2. amerikanischen Eroberung Japans durch die Amerikaner nach dem 2. Weltkrieg zu verorten ist. Die Veränderungen dieses halben Jahrhunderts ist nicht nur in der Architektur des Hauses, der Einrichtung und der Kleidung zu erleben. Wir erkennen auch völlig veränderte Bewegungs- und Verhaltensabläufe der Protagonisten.

Für die historisch korrekte Reproduktion all dieser Aspekte zeichnet Misaya IODICE-FUJIE, Beraterin für japanische Traditionen, verantwortlich. Misaya Iodice-Fujie wurde in Tokio geboren und studierte Zeichnen, Malen und Kalligraphie.  Parallel zu ihrem Universitätsstudium studiert sie traditionelle japanische Kunst: Ikebana (Blumenkunst) und die Kunst des Kimonos.

Wesentlich für das Werk ist der Gegensatz zwischen dem westlichen und dem fernöstlichen Lebensstil, den Puccini von Anfang an auch musikalisch ausdrückt. Die Oper beginnt mit einem exotischen musikalischen Thema, das auf typisch westliche Weise verarbeitet wird. Pinkertons erstes Gesangsstück enthält bereits die beiden westlichen Hauptthemen der Oper. Umrahmt wird dieses Stück durch ein Zitat der damaligen Marinehymne (ab 1931 die amerikanische Nationalhymne) in den Bläsern. Nach Pinkertons Duett mit dem Konsul Sharpless wird das westliche Kolorit durch ein japanisches abgelöst, als der Heiratsvermittler Goro mit den Frauen eintrifft.

Puccini bemühte sich intensiv, eine glaubhafte „japanische Färbung“ zu erreichen. Zur Inspiration dafür nutzte er unterschiedliche Quellen: Er besuchte eine Aufführung der als Geisha ausgebildeten Schauspielerin und Tänzerin Kawakami Sadayakko während ihrer Welttournee im März und April 1902. Die Gattin des japanischen Botschafters in Rom, Hisako Oyama, sang ihm traditionelle Volkslieder vor und half ihm bei den japanischen Namen. Außerdem erhielt er Hinweise des belgischen Musikwissenschaftlers und Asien-Experten Gaston Knosp. Auch konnte er auf europäische Notensammlungen transkribierter japanischer Melodien zurückgreifen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Svetlana AKSENOVA als Cio-Cio-San und Alexey DOLGOV als Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Svetlana AKSENOVA als Cio-Cio-San und Alexey DOLGOV als Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Beim Auftritt des kaiserlichen Kommissars erklingt ein Ausschnitt der japanischen Nationalhymne Kimi Ga Yo. Zwei Motive der Cio-Cio-San sind auf chinesische Volksmusik zurückzuführen. Puccini entnahm diese einer in der Schweiz hergestellten Musik-Box mit westlich assimilierten chinesischen Melodien.

Der mechanische Klang dieser Musik-Box, die naturgemäß einige Eigenheiten fernöstlicher Musik wie die typischen kontinuierlich gleitenden Veränderungen der Tonhöhe oder die originale Klangfarbe der Instrumente nicht wiedergeben konnte, beeinflusste Puccinis Instrumentation der japanisch gefärbten Passagen.

Das Ergebnis von Puccinis Studien sind äußerst ungewöhnliche Klangfarben, die er mit Instrumenten wie Tamtam, japanischen Schellentrommeln, japanischem Klaviaturglockenspiel oder Röhrenglocken erzielt. Der Satz der Begleitstimmen wirkt vielfach exotisch; die Charakterisierung der Nebenfiguren dient der Darstellung des Kolorits. Die Partie des Pinkerton entspricht dagegen ganz der Puccinis lyrischer Tradition.

Die Musik der Cio-Cio-San verbindet fernöstliche und europäische Charakteristiken. Am Schluss ihrer Auftrittsszene fordert sie die anderen Frauen auf, sie nachzuahmen und vor Pinkerton auf die Knie zu fallen. Zu dieser Pantomime erklingt das chinesische „Shiba mo“. Das Niederknien des Ostens vor dem Westen erfolgt somit nicht nur szenisch, sondern auch in der Musik.

Puccini hat die Butterfly selbst seine „innigste und erfüllteste Oper“ genannt. Nie zuvor und nie danach hat er ein so bedingungslos liebendes, zartes, verratenes und bedauernswertes Traumgeschöpf auf die Bühne gebracht wie die kleine Japanerin Cho-Cho-San. „Wie ich sie liebte und auch weiterhin lieben werde! Solange ich die Musik schrieb, sah ich sie vor mir, das kleine süße, von Wehmut erfülle Mädchen“, schwärmte er.

Madama Butterfly – Intendant und Regisseur Stefano Mazzonis Di Pralafera führt ein
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Zeigt uns der erste Akt dieser Inszenierung ein historisch verträumtes Japan mit Holzhaus und Lampignons, die im Zusammenspiel mit den Kostümen und Papierschirmen immer wieder atemberaubend schöne lebendige Bilder auf die Bühne zaubern, so kühl und seelenlos begrüßt uns geflieste Hausfassade im 2. Akt. Sachlichkeit und Strenge, sowohl als Ausdruck Cio-Cio-Sans Seelenleben, aber auch als Zeichen des gesellschaftlichen Wandels. Im 3. Akt lässt Pralafera einen Helikopter auf die Bühne einfliegen und auf dem Flachdach des Hauses landen, dessen Macht und akustische Gewalt in uns hätte Assoziationen vor US-amerikanischen Invasionen wecken können, wie wir sie aus Filmen wie „Apokalypse Now“ vor Augen haben.

Dies gelingt leider nicht. Vermutlich ist es den Begrenzungen des Bühnenraums geschuldeter, dass uns der Bühnenbildner Jean-Guy Lecat einen stark deformierten Hubschrauber präsentiert, der völlig geräuschlos, mit stillstehendem Rotor, hoppelnd und rappelnd aus dem Schnürboden einfliegt, das belustigte Publikum eher an Robbie, Tobbi und das Fliewatüt erinnernd, als an imperiale Gewalt.

Coup de théâtre:  Als Pinkerton seinen im Kinderwagen schlafend geglaubten Sohn auf den Arm nehmen will, um ihn nach Amerika, einer vermeintlich besseren Welt, zu bringen, findet er dort nur ein Haarteil und zusammegerollte Decken. Madama Butterfly hatte ihren hochdramatischen Satz: „Wer nicht in Ehren leben kann, der soll in Ehren Sterben!“ wohl nicht nur für sich selbst gesprochen. Wenn sie blutüberströmt, mit durchgeschnittener Kehle auf die Bühne stürzt, scheint uns die dramatische Schlussmusik zu bestätigen, dass ihr Sohn ebenfalls tot im Hause liegt.

Abschließend ein großes Lob für Franco Marri, dem es mit seiner Lichtkunst großartig gelungen ist, zum Erfolg des Abends beizutragen.

Musikalische Leitung: Speranza Scappucci, Regie: Stefano Mazzonis di Pralafera, Bühne: Jean-Guy Lecat, Kostüme: Fernand Ruiz, Licht: Franco Marri, Chorleitung: Pierre Iodice

Besetzung:

CIO-CIO-SAN: Svetlana Aksenova, Hausdebut  –  Die in St. Petersburg geborene Aksenova absolvierte ihr Gesangsstudium am renommierten Rimsky Korsakov Conservatory, wo sie bereits während ihrer Studienzeit als Titelrolle in Tschaikowskys Iolanta auf sich aufmerksam machte. Svetlana Aksenova wurde international für ihre Auftritte als Lisa in einer Neuproduktion von The Queen of Pades an der Niederländischen Nationaloper unter der Regie von Stefan Herheim und unter der Leitung von Mariss Jansons, der Titelrolle in Rusalka an der Pariser Oper, Cio-Cio-San in Madama Butterfly an der Zürcher Oper gefeiert. Nach ihrem Debüt an der Opéra Royal de Wallonie kehrt sie als Tatyana in Eugene Onegin an die Norwegische Nationaloper in Oslo zurück.

F.B. PINKERTON: Alexey Dolgov, Hausdebut  –  Die Washington Times schreibt über den Tenor: „Ein großes Lob für den gutaussehenden russischen Tenor Alexey Dolgov, der ironischerweise die Rolle des Pinkerton singt, des ursprünglich hässlichen Amerikaners. Mit einem selbstbewussten Schwung und einer klaren, selbstbewussten, autoritativen Stimme bewohnt Herr Dolgov sofort diesen selbstbewussten Yank und versteht gleichzeitig seine essentielle Flachheit. Als Schauspieler glänzt Herr Dolgov auch in den letzten Szenen der Oper. Seine Performance, die die emotionale Feigheit seines Charakters mit viel Geschick projiziert, verleiht der Tragödie in Butterflys letzter Szene weiteres Gewicht.“

SHARPLESS: Mario Cassi  –  Mario Cassi arbeitet regelmäßig an den bedeutenden Opernhäusern weltweit. Sein umfangreiches Repertoire reicht von Händel, Porpora und Mozart bis zu zeitgenössischen Komponisten, wobei sein Schwerpunkt auf dem italienischen Belcanto liegt.

SUZUKI: Sabina Willeit  –  Die Mezzosopranistin wurde in Bozen aus einer ladinischen Familie geboren und studierte Gesang am Konservatorium ihrer Heimatstadt. Sie als Hauptdarstellerin in über 25 klassischen und modernen Opern mit international anerkannten Dirigenten in namhaften Opernhäusern und bei Festivals in Italien und Europa auf.

GORO: Saverio Fiore, Hausdebut  –  Der gebürtige Barier absolvierte sein Gesangsstudium mit Auszeichnung am Istituto Musicale „Giovanni Paisiello“ in Taranto.  Sein Debüt gab er 1998 mit Il fortunato decanno von Donizetti beim Festival della Valle D’Itria und übernahm zahlreiche  Hauptrollen in Opern.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly - hier : Alexey Dolgov als Pinkerton und Alexise Yerna als Kate Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Madama Butterfly – hier : Alexey Dolgov als Pinkerton und Alexise Yerna als Kate Pinkerton © Opéra Royal de Wallonie-Liège

KATE PINKERTON: Alexise Yerna, LO ZIO BONZO: Luca Dall’Amico, IL COMMISSARIO/YAMADORI: Patrick Delcour, YAKUSIDÉ: Alexei Gorbatchev, L’OFFICIER D’ÉTAT-CIVIL: Benoît Delvaux, LA MÈRE DE CIO-CIO-SAN: Réjane Soldano, LA TANTE DE CIO-CIO-SAN: Dominique Detournay, LA COUSINE DE CIO-CIO-SAN: Barbara Pryk,  Orchester und Chor: Opéra Royal de Wallonie-Liège

Madama Butterfly; weitere Vorstellungen an der Opéra Royal de Wallonie,  15.; 17.; 19.; 21.; 22.; 24.; 26.; 28.9.2019 und mehr

Madama Butterfly:  Oper von Giacomo Puccini, „Tragedia giapponese“ in drei Akten, Sprache: Italienisch, Libretto: Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, Literarische Vorlage / Autoren: John Luther Long und David Belasco: Madame Butterfly, Uraufführung der dreiaktigen Fassung: 28. Mai 1904, Ort der Uraufführung der dreiaktigen Fassung: Teatro Grande, Brescia, Spieldauer: ca. 2 ½ Stunden, Ort und Zeit der Handlung: Ein Hügel oberhalb von Nagasaki, um 1900

Opéra Royal de Wallonie-Liège:  Als Neuerung der aktuellen Spielzeit 2019/20 wurde eine neue Übertitelungsanlage eingerichtet, die den Text nun in den drei Landessprachen: Französisch, Flämisch und Deutsch einblendet, sondern auch in Englisch.

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Lüttich, Royal Opera de Wallonie, I Puritani – Vincenzo Bellini, IOCO Kritik, 21.06.2019

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I Puritani  –  Vincenzo Bellini

– Morgen graut noch über dem Grab von Vincenzo Bellini, als ……. –

von Ingo Hamacher

– Brava, bravo, bravissimo! – Das Lütticher Publikum ließ seiner Begeisterung nach jeder Musiknummer von Vincenzo Bellinis Belcanto – Oper I Puritani freien Lauf. Ovationen, Jubel und leidenschaftlicher Applaus waren kaum noch zu bremsen.  So schön war alles, was Auge und Ohr geboten wurde, dass sich niemand daran gestört hat, dass der Kopf im Grunde nicht verstand, was da gezeigt wurde.  Egal! Es war wunderbar.

I Puritani –  Vincenzo Bellini
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Vincenzo Bellini Grabmal in Paris © IOCO

Vincenzo Bellini Grabmal in Paris © IOCO

Während Vincenzo Bellinis Musik den Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens bildet, weist das Libretto des an Theatererfahrung mangelnden Carlo Pepoli einige Ungereimtheiten und dramatische Schwächen auf.  Regisseur Vincent Boussard versucht daher eine biographischen Neudeutung, mit der er aber auch nicht für Klarheit sorgt: Er lässt Bellini zweimal leibhaftig auftreten. Noch vor der Ouvertüre wird er von einem Todesengel (die Tänzerin Sofia Pintzou) zu Klängen von Klaviermusik Franz Liszts erwürgt und begraben. Am Ende, wenn Bellini noch einmal auf der Bühne erscheint, wird er erschossen. Zwei verschiedene Todesarten?

Bellinis früher Tod im Alter von 33 Jahren hat zu zahlreichen Spekulationen und Gerüchten geführt. Paris 1835: In einem bis auf die Grundmauern ausgebrannten Theater wird eine Trauerfeier für den kürzlich verstorbenen Komponisten abgehalten.  Das bombastische Bühnenbild von Johannes Leiacker zeigt in bühnenfüllenden Ausmaßen die Ruinen eines Theaters mit zahlreichen Logen. Das Wüten des Feuers ist noch in verbrannten Überresten zu erkennen. Totes, schwarzes Laub weht über den Bühnenboden; ein schwarzer Flügel als Zeugnis der vergangenen Pracht steht in der Bühnenmitte.  Die Oper wird als Theater im Theater gespielt, zwei Akte lang hinter einem durchsichtigen Schleiervorhang.  Er deutet ein riesiges Guckloch an, dient als Fläche für Projektionen.

Bellinis Liebesleben war mit drei Frauen verbunden: die Tre Giuditte: der vornehmen Mailänderin Giuditta Cantù, die mit dem Seidenfabrikanten und Komponisten Fernando Turina verheiratet war; der Sängerin Giuditta Pasta, der ersten Amina, Norma, Beatrice; und Giuditta Grisi, für die er die Partien des Romeo und der Adalgisa schrieb. Da das Stück nur zwei Frauenrollen vorsieht, fügt Boussard eine zusätzliche, stumme Rolle ein, ein schwarzer Schatten Elviras, der als einer Art Engel des Todes die Handlung begleitet. Nach beeindruckenden Videoprojektionen von Isabel Robson treten zur Ouvertüre nach und nach der Chor und weitere Protagonisten des Stücks in die Theaterruine.  Die Kostüme von Christian Lacroix sind dabei vor allem bei den Frauen sehr aufwendig und opulent gestaltet.

Der Morgen graut über dem noch offenen Grab von Vincenzo Bellini.  Eine kleine Menschenmenge hat sich versammelt.  Die Trauer weicht einer Ballszene.  Es laufen die Vorbereitungen für die Hochzeit von Elvira,der Tochter des Puritanerführers Walton. Der Bariton liebt den Sopran, der aber lieber den Tenor hätte. Dieser jedoch entscheidet sich im Konflikt zwischen persönlichem Glück und Königstreue für die Ehre, was er am Ende mit dem Leben bezahlt.

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani - hier :  Alexise YERNA als Enrichetta © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani – hier : Alexise YERNA als Enrichetta © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Verliebte aus verfeindeten Lagern – das sind Elvira und Arturo, mitten im englischen Bürgerkrieg zwischen protestantischen Puritanern und königstreuen Katholiken um 1650.England zur Zeit der Machtkämpfe zwischen den Puritanern und den Anhängern des Königs Karls I., die die Puritaner für sich entscheiden konnten. König Karl I. wurde bereits hingerichtet.  Das Stück erzählt das Schicksal des königstreuen Lord Arturo, der am Tage seiner Liebesheirat mit Elvira – keine Selbstverständlichkeit, sie war bereits einem anderen versprochen – von einer geheimnisvollen Gefangenen in der Festung erfährt, in der er die Königswitwe erkennt, die zur Hinrichtung geführt werden soll.  Es gelingt Lord Arturo mit der durch den Hochzeitsschleier seiner Braut getarnten ehemaligen Königin zu fliehen.  Elvira fällt in der Annahme, ihr geliebter Arturo sei mit einer anderen Frau durchgebrannt, in den Wahnsinn.

Der flüchtige Lord Arturo kehrt zurück, um Elvira um Verzeihung zu bitten und ihr die wahren Gründe zu erklären.  Elvira scheint wieder zu Verstand zu kommen, jedoch als sich Arturos Verfolger nähern, verwirren sich ihre Sinne erneut. Durch den Schock der Todesgefahr, in die Arturo gerät, wird Elvira geistig wieder klar.  Sie wird sich des Verrats an ihr bewusst und handelt: Lieber tötet sie Arturo, als ihn nochmals zu verlieren.

Die Inszenierung findet zu einem interessanten Ende: Zum Schluss stehen wieder alle Darsteller auf der Bühne, gehen zum Bühnenrand und verbeugen sich. Während der Applaus verhallt erfahren sie vom Ende des Kriegs und Boussard gewährt den Darstellern – wenn auch verspätet – das von Bellini und Pepoli vorgesehene glückliche Ende. Schließlich fällt ein Schuss, und die Frau, die anfangs den Komponisten zu Fall gebracht hat, bricht tot hinter einem Vorhang zusammen. Bellini sagte einmal, dass ein gutes Libretto eines sei, das keinen rechten Sinn habe. Das enthusiasmierte Publikum flieht am Ende aus einem überhitzen Opernhaus.

Musikalisch lässt die Aufführung keine Wünsche offen.  Die hervorragende Sängerriege beschert mit wunderbaren Melodien den Zuschauern einen Glücksmoment nach dem nächsten und belegt, dass die Oper musikalisch wirklich ein Meisterwerk ist.  Zwei großartige Solisten geben in den Hauptrollen ihr Hausdebut:

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani  - hier :  das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani – hier : das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Lawrence Brownlee überragend als Lord Arturo Talbot; * 1972, Ohio, ist ein US-amerikanischer Tenor. Sein Debüt an der MET hatte er 2007. Dort wurde er auch in Rossinis Arminda und in der berühmten und herausfordernden Rolle des Tonio in La fille du régiment und als Arturo in Bellinis I Puritani gefeiert. Brownlee ist insbesondere für sein Belcanto-Repertoire bekannt.

ELVIRA: Zuzana Markova (* 1988), eine tschechische Koloratursopranistin, die international in Hauptrollen mit Schwerpunkt auf italienischen Belcanto-Rollen wie Donizettis Lucia di Lammermoor und Bellinis Elvira auftritt.  2014 sprang sie im letzten Moment in der Inszenierung von Frédéric Bélier-Garcia an der Opéra de Marseille als Lucia ein, als Eglise Guttierez krank wurde. Markovás Auftritt wurde als buchstäblich blendend beschrieben und auch in Lüttich bot sie Weltklasse.

Mario Cassi punktet als Riccardo mit markantem Bariton, der auch in den Höhen enorme Durchschlagskraft besitzt. Resolut sind die beiden Bässe (Lord Walton: Alexei Gorbatchev; Sir Giorgio: Luca Dall’Amico), alte Herren, die glauben, die Fäden in der Hand zu halten.

ENRICHETTA: Alexise Yerna, belgische Mezzosopranistin.

SIR BRUNO ROBERTON: Zeno Popescu, rumänischer Tenor. Großes leistet der von Pierre Iodice einstudierte Chor der Opéra Royal de Wallonie-Liège, der einiges auf und hinter der Bühne zu singen hat.

Diese letzte Oper der Saison 2018/19 wurde von der Lütticher Chefdirigentin Speranza Scappucci erstmalig dirigiert. Sie lieferte mit dem Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liègeein versiertes und emotionales Dirigat ab, das tief berührte.

REGIE: Vincent Boussard (erstmalig an der Royal Opera), * 1969, ist französischer Opern- und Theaterregisseur. Als Spezialist für frühe Opern wurde er bekannt für seine Versionen romantischer Opern, teilweise in internationaler Zusammenarbeit. Seine Produktionen sind weltweit verbreitet. Er hat mit einer großen Zahl namhafter Dirigenten gearbeitet, wie er auch regelmäßig zu Festivals wie den Salzburger Osterfestspielen, den Festspielen von Aix-en-Provence, den Innsbrucker Festspielen für Alte Musik, dem Festival dei due mondi in Spoleto und dem Festival Amazonas de Ópera eingeladen wird.

 Opera Royal de Wallonie / I Purtitani - hier :  das Zuzana MARKOVÁ - Lawrence BROWNLEE als Lord Arturo Talbot © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opera Royal de Wallonie / I Purtitani – hier : das Zuzana MARKOVÁ – Lawrence BROWNLEE als Lord Arturo Talbot © Opéra Royal de Wallonie-Liège

BÜHNE: Johannes Leiacker, * 1950 in Landshut,  ist deutscher Bühnen- und Kostümbildner. Er ist weltweit als Ausstatter im Opern- und Schauspielbereich tätig. Bis 2010 hatte Leiacker eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste Dresden inne.

KOSTÜME: Christian Lacroix, 1951, Frankreich, ist französischer Modeschöpfer. Zwischen 1987 und 2009 war Lacroix Chef-Designer seiner eigenen Modemarke. Seit den späten 1980er Jahren ist er auch immer wieder als Kostümdesigner für Theater, Oper oder Ballet tätig. Eine langjährige Zusammenarbeit im Bereich der Oper verbindet den Designer mit dem Regisseur Vincent Boussard.

LICHT: Joachim Klein (Hausdebut), * 1963 in Frankfurt am Main, ist Lichtdesigner, der überwiegend für Opernproduktionen arbeitet. Seit 1994 ist er als Beleuchtungsmeister und Lichtdesigner an der Oper Frankfurt engagiert, gastiert aber auch regelmäßig an bedeutenden Opernhäusern in Europa und Nordamerika.

VIDEO: Isabel Robson (zum ersten mal in Lüttich); sie  studierte Bühnenbild in London und Video Postproduktion in Paris. Seit 2001 ist sie als Szenografin tätig; Videogestaltung für die Bühne ist seit über zehn Jahren ein Schwerpunkt ihrer Arbeit.

I puritani / Die Puritaner,  Musik: Vincenzo Bellini, Libretto: Carlo Pepoli, Literarische Vorlage: Têtes rondes et cavaliers von Jacques-François Ancelot und Xavier-Boniface Saintine, Uraufführung: 24. Januar 1835, Ort der Uraufführung: Théâtre-Italien, Paris;  I Puritani  spielt zur Zeit Oliver Cromwells in der Nähe von Plymouth, England.

I Puritani – Vincenzo Bellini; die weiteren Vorstellungen dieser Spielzeit am Royal Opera de Wallonie:  16.6.; 20.6.; 22.6.; 25.6.; 28.6.2019

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie, La Clemenza di Tito – Wolfgang A. Mozart, IOCO Kritik, 18.05.2019

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

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  La Clemenza di Tito  –  Wolfgang Amadeus Mozart

Ein Traum?  Ein Märchen?  Was ist es?

von Ingo Hamacher

Das Kreativ-Team Cécile Roussat / Julien Lubek kann sich diese sonderbare Geschichte von La Clemenza di Tito (Die Milde des Titus),  in der Kaiser Titus, der in seiner sprichwörtlich gewordenen Milde auf den rauchenden Trümmern seines Palastes zwei Attentätern verzeiht, die ihm nach dem Leben trachteten, nicht als Teil der Realität vorstellen. Daher inszenieren sie diese überirdisch schöne Vision einer idealen Welt, einer Herrschaft, die als oberste Staatspflicht die Milde und die Vorbildlichkeit proklamiert, als Feerie, als eine Feengeschichte, angesiedelt in der Mythologie der römischen Antike.

La Clemenza di Tito – Wolfgang Amadeus Mozart
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Ein Gespinst, ein geheimnisvolles weißes Gewebe hängt bereits zu Anfang vor dem Bühnenvorhang, und verheißt in den wechselnden Farben und Schattierungen, die es immer wieder annimmt, den Auftakt zu einer geheimnisvollen Welt. Ein witziges Detail: Ein kleiner Junge sitzt alleine in einer der geräumigen Proszeniumslogen und schaut intensiv in den Orchestergraben. Der Sohn des Dirigenten? Er ist so jung, dass es vermutlich das erste Mal ist, dass er einen Opernabend erlebt.

Thomas Rösner, ein österreichischer Dirigent und Leiter der Beethoven Philharmonie in Österreich, tritt in seinem Hausdebut ans Pult der Opera Liege, und dirigiert eine leidenschaftliche, präzise und glasklare Aufführung. Ein Schwerpunkt im Repertoire von Rösner bilden Werke der Wiener Klassik, hier vor allem die Opern von Mozart, die er u. a. am Opernhaus Zürich, Théatre de la Monnaie, Brüssel oder in Glyndebourne dirigierte.

Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick frei auf eine Zauberwelt, in der griechisch-römisch mythologische Figuren und weitere Märchengestalten in dem mit größtem Aufwand gestalteten Bühnenbild in prachtvollen und geheimnisvollen Kostümen eine nie gesehene Welt mit raffinierter Bühnentechnik beleben. Im undurchdringlichen Wald schauen wir zur Ouvertüre auf eine kleine Lichtung, begrenzt von Hügeln und Felsen, großen, leuchtenden Bergkristallschätzen, tanzenden einäugigen und mehrfach gehörnten Zotteltrollen, ein riesiges geweih-artiges Gebilde (die Ur-Esche?) im mittleren Bühnenhintergrund und übermannsgroße Chimären, Kreaturen zwischen Bock und Löwe, die bedrohlich über die Bühne schleichen.

Taue hängen wie Lianen aus dem Schnürboden herab (Foto unten) – später werden sie geheimnisvollen Urgeistern das Mittel für atemberaubende Vertikalakrobatik bieten -, wabernde Nebel und eine interessante und abwechslungsreiche Lichtregie sorgen für eine sagenhafte Atmosphäre. Zahllose Diener und weitere Sagengestalten (z.B. Derwische und Sklaven) bevölkern die Szenerie.

 

Opéra Royal de Wallonie-Liège / La Clemenza di Tito - hier :   Leonardo Cortellazzi als Tito  © Opéra Royal de Wallonie - Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / La Clemenza di Tito – hier :   Leonardo Cortellazzi als Tito  © Opéra Royal de Wallonie – Liège

Akt I:

Die Waldhexe Vitellia, rot gekleidete Tochter der ehemaligen Kaiserdynastie, möchte Kaiser Titus heiraten, um auf diesem Wege den Thron zurück zu erlangen. Der jedoch liebt das Mädchen Berenice, eine Fremde.  Aus Rache für diese Zurückweisung und Kränkung stiftet Vitellia Sesto, einen wahnhaft in sie verliebten Satyr, dazu an, den Kaiser zu töten; als Belohnung würde sie Sesto (Hosenrolle) heiraten.

Titus, ein prachtvoller, federngeschmückter Zentaur hat sich aus Gründen der Staatsräson von Berenice getrennt. Lieber will er auf seine Liebe verzichten, als dass eine Missstimmung zwischen dem Volk und der Kaiserin entstehe. Annio (halb Vogel, halb Mensch), ein Freund Sestos und der Geliebte Servilias berichtet Vitellia auf die Bühne einfliegend von dieser Entscheidung des Kaisers. Vitellia, erneut hoffend, lässt den Mordplan wieder fallen und weist den verliebten Sesto in seine Schranken.

Publio, ein geheimnisvoller Baumgeist ewigen Alters berichtet Tito, dass ein dem Kaiser gewidmeter Tempel errichtet werden soll. Der Zentaur fühlt sich geehrt, entscheidet aber in seiner Milde, das Geld stattdessen für Notleidende zu nutzen. Titus hat sich entschieden die Schwester seines Freundes Sesto, die Quellnymphe Servilia zu heiraten.

Diese ist zwar bereit sich dem kaiserlichen Wunsch zu unterwerfen, berichtet Tito jedoch von ihrer Liebe zum engelsgleichen Annio. Der kaiserliche Zentaur lobt und preist ihre Ehrlichkeit und Offenheit, und gibt sie frei um einer wahren Liebe nicht im Wege zu stehen. Die Hexe Vitellia, die von den jüngsten Entwicklungen nichts weiß, fühlt sich wieder übergangen und drängt den Satyr Sesto erneut, gegen den Kaiser vorzugehen. Liebestoll eilt Sesto, Titus zu ermorden.

Kurz darauf erfährt die böse Vitellia vom immer wieder einfliegenden Vogelmenschen Annio, dass Titus inzwischen beschlossen habe, doch sie zu heiraten.  Der zum Mord angestachelte Sesto kann jedoch nicht aufgehalten werden. Zurückgekehrt von seiner grausigen Brand- und Mordtat –  die Bühne ist inzwischen ein einzig Bild von Rauch und Flammen – glaubt dieser, dass er Titus getötet hat.  Alle trauern; Sesto jedoch verzweifelt ob seines Verrats.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / La Clemenza di Tito - hier : Anna Bonitatibus als Sesto © Opéra Royal de Wallonie - Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / La Clemenza di Tito – hier : Anna Bonitatibus als Sesto © Opéra Royal de Wallonie – Liège

Akt II:

Verbrannte Erde. Nur noch Stein. Alles weg.  Die Feerie ist entzaubert; die Protagonisten sind es auch. Kaiser Titus hat aufgrund einer Verwechslung überlebt. Sein halber Pferdeleib ist verschwunden, übrig bleibt der Mensch. Sesto, ebenfalls nur noch ein über sich selbst verzweifelter Verräter, wird als Urheber der Verschwörung verhaftet. Er gesteht, ohne jedoch Vitellias Mitschuld zu verraten; seine Schuld steht fest. Spinnenhafte Höllengestalten umkreisen den Verfluchten und verunmöglichen jede Flucht.

Der Mensch Titus, beraubt aller mythologischen Größe, leidet Höllenqualen. So sehr er auch an seine Ideale der Milde und des Verzeihens geglaubt hat; seine verletzte Menschenseele ist dazu nicht mehr in der Lage. Rachewünsche und Hass ergreifen ihn. Für seine Vision eines grundlegenden Humanismus ist er selbst zu schwach.

Der kleine Junge aus der Proszeniumsloge hat seinen Platz verlassen. Er betritt die Bühne und reicht dem großen Kaiser Titus seine kleine Hand. Der Knabe im reizenden Anzug: Ein Sinnbild des inneren Kindes, zu dem wir zurück finden müssen, wenn wir uns selbst verlieren. Er begleitet den Kaiser und gibt ihm von nun an den Halt wieder auf sich selbst zu vertrauen: „Götter, wenn zum Regieren ein hartes Herz nötig ist, nehmt mir entweder die Macht oder gebt mir ein anderes Herz.“

Vitellia erkennt und bewundert die grenzenlose Liebe Sestos, der ihre Mittäterschaft nicht verraten hat. Sie versteht, dass sie ihre Schuld bekennen muss, um sich Sestos Treue würdig zu erweisen. Vitellia stürzt vor den Kaiser und gesteht. Titus ist tief getroffen. Gerade als er einen Verbrecher begnadigen wollte, musste er einen weiteren finden. Dennoch bleibt er sich dank seines ihn unterstützenden kindlichen Alter Egos treu: Er lässt Sesto und Vitellia frei.  Im großen Finale preisen alle seinen Großmut.


Opéra Royal de Wallonie-Liège / La Clemenza di Tito - hier : das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie - Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / La Clemenza di Tito – hier : das Ensemble © Opéra Royal de Wallonie – Liège

Langanhaltender Applaus für die großartige und makellose Leistung der Solisten, die Tänzer und Akrobaten. Eben solche Würdigung für Dirigat, Orchester und Chor. Ovationen für das Kreativteam. Und selbstverständlich das für Lüttich übliche, nicht enden wollende rythmische Klatschen, als wenn das Publikum sich weigern würde, nach Hause zu gehen. Erst nach kleinen akrobatischen Zugaben durfte der Vorhang dann fallen.

La Clemenza di Tito, Mozarts Oper über das Verzeihen, haben viele ihm nie verziehen. Doch das Stück ist kein feiges Herrscherlob, sondern ein politisches Lehrstück über die Macht der Ohnmacht. Fraglos geniale Musik, aber die Kritik warf ihm vor „er habe zu einer Zeit, als die Morgensonne der Französischen Revolution aufging, Europas finsterer Aristokratie noch einmal die Perücke gepudert.“  Unbestritten handelt es sich bei La Clemenza di Tito um ein feudales Auftragswerk.

Unter unglaublichem Zeitdruck komponiert, wurde die Oper 1791 – kurz vor Mozarts Tod – zur Krönung des österreichischen Kaisers Leopold II. zum König von Böhmen uraufgeführt. Mozart greift auf ein älteres, bereits 1734 entstandenes Textbuch von Pietro Metastasio zurück und lässt es von seinem Librettisten Caterino Mazzolà überarbeiten.  Es entsteht eine gespielte (und nicht bloß erzählte) Handlung; barocke Ariennummern werden zugunsten von acht Ensembles ausgetauscht.

In drei Arien singt sogar der Kaiser persönlich mit; der Abstand zwischen Volk und Kaiser verliert sich in der Egalität des Gesangs. Kaiserin Maria Luisa witterte eine „Porcheria Tedesca“ (deutsche Schweinerei); ein tieferes Verständnis für Titus‘ Ideen dürft ihr jedoch abgegangen sein.  Historisches Vorbild für La Clemenza di Tito war der römische Feldherr und spätere Kaiser Titus, einer der blutigsten Heerführer des Imperiums.

Auf Geheiß seines Vaters Vespasian zog er im Jahre 70 nach Palästina, eroberte Jerusalem, zerstörte den Tempel und machte die Juden heimatlos. Eine Million Menschen sollen ihm zum Opfer gefallen sein. Im Triumph kehrte er nach Rom zurück, ließ sich nach dem Tod seines Vaters zum Kaiser krönen – und tat fortan keiner Fliege etwas zuleide. Er weigerte sich, Urteile zu vollstrecken, und übte Milde gegen jedermann.  Historiker priesen ihn als guten Herrscher, als „Wonne des Menschengeschlechts“.

Wolfgang Amadeus Mozart Wien © IOCO

Wolfgang Amadeus Mozart Wien © IOCO

Regie, Bühne, Kostüme, Choreografie und Licht: Cécile Roussat, Julien Lubek,  Das Kreativ-Team Cécile Roussat / Julien Lubek traf sich im Jahr 2000 während einer Arbeit mit Marcel Marceau. Seit 2004 entwickeln sie durch visuellen, poetischen und multidisziplinären Shows ein persönliches Theateruniversum. Im Jahr 2008 gründeten sie das Shlemil Theater, deren ungewöhnliche Kreationen großen Erfolg in der Öffentlichkeit und bei der Kritik fanden. Seit 2010 werden sie regelmäßig von Opernhäusern eingeladen. Mozarts Zauberflöte (Oper Royal de Wallonie, 2010 & 2015), Dido und Aeneas (Liège 2017) und Rossinis Cenerentola (Opera Liege 2014) werden vielen Besuchern der Lütticher Oper noch in Erinnerung sein.

Chorleitung: Pierre Iodice liefert mit dem Chor der Opéra Royal de Wallonie-Liège wieder ein beeindruckendes Klangerlebnis.

Tänzer/Personen:  Claudine Chene-Delhalle, Jean-François Geneste; Géry Tialans, Elise Woos

Akrobaten:  Quentin Bancel, Marine Buridant, Alexis Cerani, Maxime Cravenne, Antoine Lafon, Johan Pagnot, Laure Sinic, Mélanie Thin

Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège

VITELLIA: Patrizia Ciofi (* 1967) –  ist eine italienische lyrische Koloratursopranistin. Der Schwerpunkt ihres Repertoires reicht vom Spätbarock über die Opern Mozarts bis zum italienischen Belcanto. Die Stimme der Ciofi hat ein individuelles, unverkennbares Timbre, das für einen Sopran dieser Höhenlage etwas dunkel gefärbt ist und leicht verschleiert klingt, perfekt also für die Partie einer bösen Waldhexe.

SESTO: Anna Bonitatibus –  ist eine italienischevMezzosopranistin. Sie ist eine der bekanntesten Charakterdarstellerinen des italienischsprachigen Opernfachs. Dazu gehören Interpretationen der wichtigsten und bekanntesten Opern von Mozart bis Rossini. Wir erleben sie erstmalig an der  Royal Opera de Wallonie

TITO: Leonardo Cortellazzi – Der italienische Tenor Leonardo Cortellazzi machte gleichzeitig einen Abschluss in Wirtschaft und in Gesang in Parma bei Lelio Capilupi. Hauptsächlich auf italienischen Bühnen zu finden, tritt er auch vereinzelt international auf. In Lüttich war er bereits in „Don Giovanni« zu erleben.

SERVILIA: Veronica Cangemi (Mendoza, den 10. Oktober 1964) –  ist eine argentinische Cellistin und Mezzosopranistin, die ihre Karriere vor allem in Europa, spezialisiert auf Barockoper Opernrepertoire (vor allem in den Werken von Händel, Vivaldi und Mozart) entwickelt hat. Zahlreiche Konzerte mit namhaften Barockensembles ergänzen ihre Tätigkeit.TITO: Leonardo Cortellazzi –

ANNIO: Cecilia Molinari, italienische Mezzosopranistin –  wurde in Riva del Garda (Trient) geboren. 2018 debütierte sie als Annio in Clemenza di Tito in Antwerpen (Belgien). Sie ist erstmalig in Lüttich zu erleben.

PUBLIO: Markus Suihkonen –  studierte zunächst Cello und später Gesang an der Sibelius-Akademie in Helsinki. Seit der Spielzeit 2018/19 ist er Mitglied des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper. Er hat sein Hausdebut in Lüttich.

La Clemenza di Tito – Neuproduktion der Opéra Royal de Wallonie

Drama serio per musica in due atti,  Musik: Wolfgang Amadeus Mozart,  Text: Caterino Tommaso Mazzolà, nach dem Dramma per musica (1734) von Pietro Metastasio.,  Uraufführung: 06.09.1791, Gräfliches Nostitzsches Nationaltheater, Prag

La Clemenza di Tito an der  Royal Opera de Wallonie, Lüttich,  weitere Termine: 15.05., 17.05., 19.05. (15:00), 21.05., 24.05.2019

—| IOCO Kritik Opéra Royal de Wallonie-Liège |—

Lüttich, Opéra Royal de Wallonie-Liège, Anna Bolena – Gaetano Donizetti, IOCO kritik, 12.04.2019

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège.

Opéra Royal de Wallonie-Liège © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège

Anna Bolena – Gaetano Donizetti

Belcanto in hoch-ästhetischer Optik

von Ingo Hamacher

Die Oper Anna Bolena von Gaetano Donizetti war seit 1982 nicht mehr auf der Lütticher Bühne zu sehen. Die jetzige Produktion ist eine Co-Produktion des königlichen Opernhaus von Muscat (Oman) mit der Opéra de Lausanne und der ABAO-OLBE Associación Bilbaina Amigos de la Óera (Bilbao). Nur durch diese Bündelung der Kräfte konnte die Belcanto-Oper in einer derart hochästhetischen Optik auf die Bühne der Opera Royal de Wallonie-Liège gebracht werden.

Nicht nur die Ausstattung,  auch die dargebotene Originalfassung, von allen nachträglichen Transpositionen nach unten bereinigt, was besonders dem Tenor Töne weit über dem hohen C abverlangt, geht über üblicherweise erlebbares hinaus.

Anna Bolena  –  Gaetano Donizetti
youtube Trailer derOpéra Royal de Wallonie-Liège
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Olga Peretyatko  meistert in ihrem Rollendebut als Anna Bolena  an der Opéra Royal de Wallonie-Lüttich die Herausforderungen mit Bravour. Mit ihrem silbern-leichten Sopran, einer herausragenden Spielfreude, der notwendigen Italianità, einem schönen Legato und einer runden Stimme, die in den Registern keinerlei Brüche aufweist, singt sie die Partie mit perlenden Kolloraturen, unterstützt von Giampaolo Bisanti am Pult und der Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège die ein gutes Gespür für die besonderen Anforderungen des Belcanto beweisen.

Entsprechend groß war denn – nach zahllosem Szenenapplaus – zum Premierenende der Jubel,  mit der die Leistung der Solistin und des gesamten Ensembles gefeiert wurde. Eine großartige Leistung alles Beteiligten, die noch lange im Gedächtnis haften wird.

Für Gaetano Donizetti (1797 – 1848) sind 71 Opern nachweisbar. Dies hohe Zahl belegt nicht zwangsläufig unerschöpfliche Kreativität des Komponisten, sondern verweist eher auf die Schaffensnotwendigkeit der verheerend schlecht bezahlten Komponisten des Belcanto. Ursprünglich hatte Donizetti versucht, seinen übermächtigen und jüngeren Konkurrenten Vincenzo Bellini (1801 – 1835) mit einem, diesem entgegengesetzten Stil zu begegnen: Donizetti entwickelte hochdramatische, beton erotische und männliche “Schlager-Opern der neuen Kürze”, mit denen er in Neapel großen Erfolg hatte.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena - hier :  Marco Mimica als Heinrich VIII und Sofia Soloviy als Jane Seymour © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena – hier : Marco Mimica als Heinrich VIII und Sofia Soloviy als Jane Seymour © Opéra Royal de Wallonie-Liège

In Mailand gelang ihm jedoch nicht, mit dieser Art von Opern das Publikum zu gewinnen. Warum Donizetti  mit der 29sten, seiner großen „Durchbruchsoper“ Anna Bolena, eine Serie großer Erfolge begann, ist umstritten. Nach Ansicht einiger Musikwissenschaftlicher begann er, sich dem Stil von Vincenzo Bellini in größerem Maße musikalisch anzupassen. Donizetti entwickelte halbkreisförmige Begleitfiguren, die sich zu Wellenbändern aneinander reihen, lustvoll-langgezogenen Lyrismen, schwelgerische, feminine Terzenchöre, schwerfällig gleitende Ensemblewerke von komplexer Harmonik und Polyphonie.

Diese Hinwendung zum Bellinianismus ist nicht unbestritten geblieben, sondern wird alternativ durch eine zunehmende kompositorische Reife und einer Vervielfältigung seiner Mittel erklärt. Zudem stellt Donizetti in jeder Szene die höfische Gesellschaft dar, sodass mehr Duette und Ensembles als Solostücke zu hören sind.  Insgesamt hat er seine Musikdramatik ganz auf das Tableau ausgerichtet. So ist es auch von Stefano Mazzonis di Pralafera in seiner Inszenierung aufgegriffen worden.

Die Zeitgenossen der Uraufführung bestach das Libretto der Oper durch einen weiteren Aspekt: Mehr als 30 Jahre nach der französischen Revolution erweckte der “untergegangene Adel” inzwischen auch das Mitleid der Öffentlichkeit.  Die Menschen der Romantik liebten den morbiden Charme des verfallenen Glanzes der Aristokratie; damals wie heute erfreuen sich Schicksalsschilderungen aus dem Hochadel größtem Interesse.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena - hier :  Olga Peretyatko als Anna Bolena © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena – hier : Olga Peretyatko als Anna Bolena © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Der Plot von der Oper Anna Bolena ist wahrlich interessant: Heinrich VIII. hat sich von seiner zweiten Gattin, Anna Boleyn, abgewandt und Jane Seymour zu seiner Mätresse gemacht. – Nach dem Öffnen des Vorhangs sehen wir denn auch Jane Seymour splitterfasernackt mit dem König durch die Bettlaken springen.  Im Grunde jedoch startet alles mit einem Missverständnis: Jane Seymour, Hofdame und Vertraute der Königin, bittet Heinrich, das unwürdige heimliche Verhältnis zu beenden, da sie unter ihren Schuldgefühlen gegenüber ihrer Königin emotional zerbricht.

Der König missversteht ihr Anliegen jedoch dahingehend, dass sie den Stand einer Mätresse verlassen und selber Königin werden will. Seiner zweiten Frau bereits überdrüssig, ist er zu nichts lieber bereit und entwickelt folgenden Plan: Indem er Anna beschuldigt, mit ihrem Jugendfreund Lord Percy ein Verhältnis zu haben, sucht er sich seiner 2. Gattin auf legaler Weise zu entledigen und Jane Seymour zu seiner dritten Gattin zu machen.  Die Intrige des Königs gelingt: Anna Boleyn wird hingerichtet.

Die Geschichte  wurde dabei so stark romantisch überformt, das das Libretto streng historisch gesehen nicht haltbar ist. Anna ist eine schuldbeladene, charakterschwache, ehrsüchtige Frau, die ihrem Tod mit Schrecken entgegen sieht. Sie verließ aus freien Stücken ihrer ersten Mann Percy, um an der Seite Henrys den Thron zu besteigen. Percy, seine Liebe nicht aufgebend, erscheint am Hof.  Obwohl Anna ihn weiterhin liebt, versucht sie ihn abzuwimmeln, um Henry keinen Grund zu geben, sie zu verstoßen.  Trotzdem wird sie von Heinrich des Ehebruchs angeklagt und zum Tode verurteilt. Um die Hölle der letzten Augenblicke nicht erleiden zu müssen, flüchtet sie sich in einen Wahn, der aber kurz vor ihrem Tod wieder verfliegt. Dies ist der wirkungsvollste und dramatischste Augenblick in Donizettis bisherigem Schaffen.

Da zur Zeit der Uraufführung der Oper, am 26. Dezember 1830, Revolutionskriege wie die Enthauptung Marie-Antoniettes noch nervenerregend präsent in den Köpfen der Bevölkerung war, wundert nicht, dass das Publikum wie von einem Rausch ergriffen Donizettis und die Oper Anna Bolena  triumphal feierte.

„Erfolg, Triumph, Delirium: es war, als ob das Publikum verrückt geworden wäre. Alle sagten, sie könnten sich nicht erinnern, je bei einem solchen Triumph zugegen gewesen zu sein”, schrieb Donizetti unmittelbar nach der Uraufführung seiner Frau Anna Virginia.

Der Schatten des Untergangs hängt schon in der ersten Szene über Anna Bolena: Düstere, mäandernde Streicherfiguren, durchzogen von eine elegischen Oboenmelodie, beschwören die Atmosphäre von Bedrohung und Täuschung am Hof. “Ihr Herz quält sich”, heißt es in der chorische Intrada über die Königin, die eine Art von Dacapo zu Beginn der Wahnsinnsszene findet.

Fortan entwickelt sich, insbesondere durch Verschmelzung von dramatischem Dialog und ariosen Formen, ein komplexes, seelisch verschlungenes Geschehen: ein Labyrinth von Lügen und Täuschungen, der in den Wahnsinn getriebenen Königin, ihrer ehrgeizigen und von Schuldgefühlen geplagten Gegenspielerin Giovanna, dem ruchlosen und von Selbstzweifeln geplagten König und den beiden enttäuschten Liebhabern: dem zur Schachfigur der Intrige gemachten Lord Percy und dem Hoffnungslos in die Königin verliebten Smeton.

Nicht enden wollender Jubel feierte Sänger/innen, Orchester und das Produktionsteam. Langer Applaus. Das Auditorium war hingerissen.

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena - hier : Celseo Albelo als Lord Riccardo Percy © Opéra Royal de Wallonie-Liège

Opéra Royal de Wallonie-Liège / Anna Bolena – hier : Celseo Albelo als Lord Riccardo Percy © Opéra Royal de Wallonie-Liège


 Die Protagonisten – Auf und hinter der Bühne

Dirigent: Der international tätige Giampaolo Bisanti wurde Januar 2018 zum Generalmusikdirektor des Teatro Petruzzelli in Bari ernannt.

Regie: Stefano Mazzonis di Pralafera, in Italien geboren, ist künstlerischer Direktor der Opera Royal de Wallonie-Liège

Bühne: Gary Ma Cann zaubert eine in tausend Arten wandlungsfähige Szenerie, die immer die Schwere der Tudor-Architektur darstellt, jedoch gleichzeitig auf unnachahmliche Weise Blickwinkel, Perspektiven und Handlungsräume eröffnet und damit der Statik der Tableaus das notwendige flexible Leben vermittelt, die uns bei der ansonsten etwas bewegungsarmen Regie fehlen würde. Der Nordirische Bühnenbildner arbeitet erstmalig in Lüttich.

Kostüme: Fernand Ruiz, der früher fest an der Opera Liege gearbetet hat, ist inzwischen hauptsächlich an der Israeli Opera tätig. Seine Kostüme sind ganz im Tudor-Stil gehalten, farblich optimal aufeinander abgestimmt und passen damit perfekt in das historische Bühnenbild.

Lichtdesigner Franco Marri, in Italien geboren, arbeitet für zahlreich intenationale Bühnen und Festivals. Ihm gelingt es, mit seinen stimmungsvollen Lichteffeckten die verschiedenen Stimmungen und Handlungsabläufe mit einer emotionalen Qualität aufzuladen, die den Handlungsverlauf für den Zuschauer noch intensiver macht.

Chorleiter  Pierre Iodice  liefert mit präzisen Einsätzen und stimmschönem Gesang die Leistung, die wir inzwischen nach all den postiven Vorerfahrungen als selbstverständlich anzusehen gewohnt sind.

Sein Liège-Debüt gibt Marco Mimica als Enrico VIII. Der junge kroatische Bass-Bariton hat viele Jahre an der Deutschen Oper Berlin gesungen und ist der Partie vollumfänglich gewachsen.

In der Rolle der Giovanna Seymour ist Sofia Soloviy zu erleben. Die Ukrainische Mezzosopranistin verkörperte die Partie bereits in Bergamo und  auf einer Japan-Tournee, so dass sie voll vertraut mit den Herausforderungen der Rolle allen Erwartungen gerecht wird.

Als Lord Riccardo Percy, dem in dieser ursprünglich für Battista Rubini geschriebenen Partie der Originalfassung singt der spanische Tenor Celso Albelo. Albelo, der mit seinem Donizetti-Schwerpunkt auf allen großen internationalen Bühen auftritt, meistert diese Aufgabe makellos.

In weitern Rollen: Luciano Montanaro, ein italienischer Bass, als Lord Rochford, war in 2018/19  in Lüttich schon als König in AIDA zu erleben . Maxime Melnik, junger Tenor aus Charleroi, besetzt die Partie des Sir Nervey.

Die Partie des Smeton singt die junge italienische Sopranistin Francesca Ascioti, ebenfalls mit ihrem Lüttich-Debut.


Anna Bolena an der Opéra Royal de Wallonie-Liège; die weiteren Termine 14.04. (15:00); 17.04.;  20.04.2019

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