Berlin, Staatsoper Unter den Linden, BAROCKTAGE – Scarlatti – Purcell, IOCO Aktuell, 22.10.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden © Max Lautenschläger

BAROCKTAGE – Alessandro Scarlatti _ Henry Purcell

1. – 10. November 2019

1. bis 10. November 2019: Die zweiten BAROCKTAGE an der Staatsoper Unter den Linden im Zeichen von Scarlatti und Purcell – mit der Premiere von IL PRIMO OMICIDIO, der Stückentwicklung LOVE, YOU SON OF A BITCH sowie mit zwei Wiederaufnahmen, 16 Konzerten und Sonderveranstaltungen

Am 1. November, beginnen die BAROCKTAGE an der Staatsoper Unter den Linden. Das Festival wurde mit der Intendanz von Matthias Schulz eingeführt und findet in diesem Jahr vom 1. bis 10. November zum zweiten Mal statt. Das Programm umfasst innerhalb von zehn Tagen eine Premiere und zwei Wiederaufnahmen im Großen Saal, eine Musiktheaterperformance im Alten Orchesterprobensaal, 16 Konzerte sowie zahlreiche Sonderveranstaltungen. Mit Alessandro Scarlatti und Henry Purcell stehen zwei Komponisten im Zentrum, die das späte 17. und frühe 18. Jahrhundert musikalisch entscheidend geprägt haben. Die BAROCKTAGE finden parallel zur Tournee von Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin statt, die am 2. und 3. November mit dem Zyklus der vier Brahms-Sinfonien an der Philharmonie de Paris gastieren.

 

Il Primo Omicidio – Alessandro Scarlatti
youtube Trailer der Opéra national de Paris
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 IL PRIMO OMICIDIO  – Premiere am 1. November 2019

Herzstück der BAROCKTAGE ist die Premiere von IL PRIMO OMICIDIO, die ab dem 1. November 2019 an der Staatsoper Unter den Linden zu erleben ist. Regie führt Romeo Castellucci, der mit dieser Produktion sein Berliner Operndebüt gibt. Die musikalische Leitung hat René Jacobs inne, diesmal dirigiert er das belgische Originalklang-Ensemble B’Rock Orchestra, das erstmals an der Staatsoper Unter den Linden zu Gast ist. In den solistischen Partien sind Kristina Hammarström, Olivia Vermeulen, Birgitte Christensen, Thomas Walker, Benno Schachtner und Arttu Kataja zu erleben. Die Premiere ist eine Koproduktion mit der Opéra national de Paris und dem Teatro Massimo, Palermo.

Bereits am 25. Oktober wird im Alten Orchesterprobensaal LOVE, YOU SON OF A BITCH, eine Musiktheaterperformance der italienischen Regisseurin und Videokünstlerin Letizia Renzini mit Musik von Alessandro und Domenico Scarlatti uraufgeführt (weitere Vorstellungen bis 3. November). Mit dieser Produktion wird ein Bogen geschlagen zwischen den BAROCKTAGEN und dem Format LINDEN 21, das alle jene Produktionen und Projekte des Spielplans umfasst, die sich als Labor für neue Aufführungsformen des zeitgenössischen Musiktheaters verstehen.

King Arthur – Henry Purcell – auch zu den BAROCKTAGEN der Staatsoper
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Als Wiederaufnahmen sind im Rahmen der BAROCKTAGE zwei Musiktheaterwerke von Henry Purcell zu erleben: KING ARTHUR, inszeniert von Sven-Eric Bechtolf und Julian Crouch, unter der musikalischen Leitung von René Jacobs (ab 2. November) sowie DIDO & AENEAS in der Regie und Choreographie von Sasha Waltz, dirigiert von Christopher Moulds (wieder ab 3. November).

Die 16 Konzerte im Rahmen der BAROCKTAGE umfassen Auftritte einer Reihe von herausragenden Orchestern und Ensembles wie Le Concert des Nations unter Jordi Savall, die Akademie für Alte Musik unter Fabio Biondi (mit dem selten zu hörenden Scarlatti-Oratorium La Vergine addolorata), die Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone, The Tallis Scholar unter Peter Phillips, der RIAS Kammerchor unter Robert Hollingworth, Mitglieder des B’Rock Orchestra sowie Preußens Hofmusik, bestehend aus Mitgliedern der Staatskapelle Berlin, und Auftritte von Solistinnen und Solisten wie Christian Zacharias, Dorothee Oberlinger, Margret Köll, Jean Rondeau, Raffaella Milanesi, Roberta Invernizzi, Sonia Prina, Aaron Sheehan, Serena Sáenz und Delphine Galou. Es erklingen Werke von Alessandro und Domenico Scarlatti, Henry Purcell und vielen weiteren Komponisten, die in Bezug zu ihnen stehen. Darüber hinaus wird es drei Kinderkonzerte mit Mitgliedern der Akademie für Alte Musik Berlin geben. Als Spielstätten dienen der Große Saal der Staatsoper Unter den Linden, der Apollosaal und der Pierre Boulez Saal.

Zur Eröffnung der BAROCKTAGE findet am 1. November ein Roundtable zum Thema »Die Welt um 1700: Denk- und Gestaltungsweisen im Zeitalter des Barock« im Apollosaal statt. Eine Gesprächsrunde mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kunst und Wissenschaft, in Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität zu Berlin. Begleitend zum musikalischen Programm der BAROCKTAGE finden in diesem Zeitraum zahlreiche Führungen durch die Staatsoper Unter den Linden statt sowie Stadtspaziergänge durch die historische Mitte Berlins rund um das Opernhaus.

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Berlin, Staatsoper Unter den Linden, 2019/20: Barocktage, Premieren, Kinderorchester und mehr, IOCO Aktuell, 16.08.2019

Staatsoper unter den Linden

Staatsoper Unter den Linden - Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden – Im Traum © Max Lautenschläger

Staatsoper Unter den Linden –   Die  Saison 2019/20

– IOCO stellt vor –

Die Akzente der Berliner Staatsoper Unter den Lindender Spielzeit 2019/20: Sieben Premieren im Großen Haus; das Format LINDEN 21 (zwei Uraufführungen, eine Deutschen Erstaufführung, zwei Wiederaufnahmen); die zweiten BAROCKTAGE vom 1. bis 10. November 2019, mit Fokus auf Scarlatti und Purcell; die 25. Ausgabe der FESTTAGE (4. bis 12. April 2020, mit dem Beginn eines neuen Mozart-Da-Ponte-Zyklus’ und zyklischer Aufführung sämtlicher Sinfonien von Beethoven). Dazu bietet das Programm 28 wiederaufgenommene Musiktheaterwerke sowie mehr als 70 Konzerte. Insgesamt präsentiert die Staatsoper Unter den Linden 2019/20 über 300 Veranstaltungen, zudem zahlreiche Projekte der Jungen Staatsoper. Darüber hinaus feiert die Staatskapelle Berlin 2020 ihr 450-jähriges Bestehen: Ein Jubiläum, das in den Spielzeiten 2019/20 sowie 2020/21 im Fokus stehen wird.

 Staatsoper Unter den Linden / Daniel Barenboim © Christian Mang

Staatsoper Unter den Linden / Daniel Barenboim © Christian Mang

SIEBEN PREMIEREN – André Heller inszeniert Rosenkavalier

Bei den sieben Premieren der Spielzeit 2019/20 wird es sechs Regie-Hausdebüts geben: Erstmals inszenieren an der Berliner Staatsoper David Bösch, Romeo Castellucci, Damián Szifron, André Heller, David McVicar sowie Vincent Huguet. Die siebte Premiere inszeniert Claus Guth, der damit seine sechste Regiearbeit am Haus zeigt. Bei den Premieren von LINDEN21 werden zudem Letizia Renzini, Pauline Beaulieu und Thom Luz ihr Hausdebüt an der Staatsoper Unter den Linden geben.

Daniel Barenboim wird in der Spielzeit 2019/20 die Eröffnungspremiere von Otto Nicolais DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR am 3. Oktober 2019 in der Regie von David Bösch dirigieren. 1849 an der Berliner Staatsoper (der damaligen Königlichen Hofoper Berlin) uraufgeführt, kehrt das Werk nun mehr als 30 Jahre nach der letzen Inszenierung wieder ans Haus zurück. René Pape gibt als Sir John Falstaff sein Rollendebüt, daneben sind u. a. Michael Volle, Pavol Breslik und Anna Prohaska zu erleben. Das Falstaff-Thema wird sich auch im weiteren Programm wiederfinden, mit der Wiederaufnahme von Verdis FALSTAFF sowie beim I. Abonnementkonzert mit Elgars Symphonischer Studie Falstaff.

Die Zauberflöte2019/20 auf dem Spielplan der Staatsoper
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Der argentinische Filmregisseur Damián Szifron, der mit seinem Film Wild Tales – Jeder dreht mal durch 2015 für den Oscar als Bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, wird in der kommenden Spielzeit sein Opernregiedebüt geben. Gemeinsam mit Daniel Barenboim wird er Camille Saint-Saëns’ SAMSON ET DALILA (24. November 2019) erarbeiten. In den Titelrollen sind Brandon Jovanovich, der damit sein Haus- und Rollendebüt gibt, sowie Elena Garanca zu erleben.

Die FESTTAGE-Premiere, unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim, wird am 5. April 2020 Mozarts COSÌ FAN TUTTE sein. Diese Neuproduktion bildet den Auftakt eines Mozart-Da-Ponte-Zyklus’ zu den FESTTAGEN 2020 bis 2022, den Daniel Barenboim gemeinsam mit dem französischen Regisseur Vincent Huguet realisiert. Zum Ensemble zählen Elsa Dreisig (Rollendebüt Fiordiligi), Marianne Crebassa (Rollendebüt Dorabella), Paolo Fanale (Ferrando), Gyula Orendt (Guglielmo), Ferruccio Furlanetto (Don Alfonso) und Barbara Frittoli (Rollendebüt Despina).

Das Rheingold – 2019/20 auf dem Spielplan der Staatsoper
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 Daniel Barenboim wird zwei Mal Wagners RING-Tetralogie dirigieren, der in der Regie von Guy Cassiers zum ersten Mal Unter den Linden zu erleben ist, sowie die Wie-deraufnahmen von Verdis FALSTAFF (Januar / Februar 2020) und Bizets CARMEN (März 2020), die in der Regie von Martin Kušej nach neun Jahren wieder zu sehen ist. Im Konzertprogramm wird der Generalmusikdirektor vier Abonnementkonzerte der Staatskapelle Berlin gestalten. Des Weiteren dirigiert er 2019/20 den Zyklus sämtlicher Beethoven-Sinfonien während der FESTTAGE, die Konzerte zum Jahreswechsel und ein Gastspiel der Staatskapelle Berlin in Paris.

Neben COSÌ FAN TUTTE wird es in der kommenden Spielzeit mit IDOMENEO (22. März 2020) eine weitere Mozart-Neuproduktion geben, dirigiert von Simon Rattle, der diese Oper zu seinen Lieblingswerken zählt. Erstmals arbeitet Rattle dabei mit Regisseur David McVicar zusam-men. Protagonisten sind u. a. Andrew Staples (Idomeneo), Magdalena Kožená (Idamante), Anna Prohaska (Rollendebüt Ilia) und Olga Peretyatko (Rollendebüt Elettra). Ein verstärkter Fokus auf Mozart zeigt sich auch im weiteren Programm mit den Wiederaufnahmen von DIE ZAUBERFLÖTE, DON GIOVANNI, LE NOZZE DI FIGARO sowie im Konzert- und Jugendprogramm.

Der fliegende Holländer2019/20 auf dem Spielplan der Staatsoper
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Mit Richard Strauss’ DER ROSENKAVALIER (9. Februar 2020) wird der Multimedia-künstler André Heller seine erste Oper inszenieren. Die musikalische Leitung übernimmt der Ehrendirigent der Staatskapelle Berlin, Zubin Mehta. Als Bühnenbildnerin konnte die österrei-chische Malerin Xenia Hausner gewonnen werden. Die Kostüme gestaltet der österreichische Modedesigner Arthur Arbesser. René Pape gibt hierbei sein Rollendebüt als Baron Ochs auf Lerchenau, ihm zur Seite stehen u. a. Camilla Nylund (Feldmarschallin), Michèle Losier (Rollendebüt Octavian), Roman Trekel (Herr von Faninal) und Nadine Sierra (Rollendebüt Sophie).

Dem Komponisten und Dirigenten Richard Strauss, der 20 Jahre als Hofkapellmeister und GMD an der Berliner Hofoper tätig war, ist in der Spielzeit 2019/20 ein Schwerpunkt gewidmet, der sich neben der Neuproduktion von DER ROSENKAVALIER in der Wiederaufnahme von SALOME sowie im Konzertprogramm, insbesondere in der Kammermusik, fortsetzt.

Mit CHOWANSCHTSCHINA von Modest Mussorgsky wird eine Oper des russischen Re-pertoires gespielt, die erstmals seit 1958 wieder an der Staatsoper Unter den Linden Premiere feiert. Vladimir Jurowski, Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin und künftiger GMD der Bayerischen Staatsoper, wird mit dieser Neuproduktion sein Hausdebüt geben und die Staatskapelle Berlin zum ersten Mal dirigieren. Regie führt Claus Guth (7. Juni 2020), mit u. a. Mika Kares (Rollendebüt  Fürst Iwan Chowanski), Sergey Skorokhodov (Fürst Andrei Chowanski), John Daszak (Fürst Wassili Golizyn), Vladislav Sulimsky (Bojar Schaklowity), Alexey Tikhomirov (Dosifei), Marina Prudenskaya (Marfa), Andrea Danková (Susanna), Gerhard Siegel (Schreiber) und Anna Samuil (Emma).

Rigoletto 2019/20 auf dem Spielplan der Staatsoper
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BAROCKTAGE – 1. – 10. November 2019

IL PRIMO OMICIDIO von Alessandro Scarlatti ist die BAROCKTAGE-Premiere am 1. November 2019. René Jacobs dirigiert damit seine 27. Neuproduktion am Haus. Diesmal leitet er das belgische Ensemble B’ROCK ORCHESTRA, das erstmals an der Staatsoper Unter den Linden zu erleben ist. Für Regisseur Romeo Castellucci ist es ein Berliner Operndebüt. Zum Ensemble zählen Kristina Hammarström (Caino), Olivia Vermeulen (Abel), Brigitte Christensen (Eva), Thomas Walker (Adamo), Benno Schachtner (Voce di Dio) und Arttu Kataja (Voce di Lucifero). Die Premiere ist eine Koproduktion mit der Opéra national de Paris und dem Teatro Massimo, Palermo. Die BAROCKTAGE finden 2019 vom 1. bis 10. November statt und widmen sich in der zweiten Ausgabe Alessandro Scarlatti und Henry Purcell im Spannungsfeld zwischen dem italie-nischen und dem englischen Barock. Neben der Premiere sind die Wiederaufnahmen von Purcells DIDO & AENEAS und KING ARTHUR zu erleben sowie die LINDEN 21-Uraufführung LOVE, YOU SON OF A BITCH – eine Stückentwicklung von Letizia Renzini, bei der Werke von Alessandro und Domenico Scarlatti mit Live-Elektronik verschmelzen (Uraufführung: 25. Oktober, weitere Vorstellungen im Oktober sowie während der Barocktage). Das weitere Programm umfasst einen Round table sowie 16 Konzerte, die sich ebenfalls schwerpunktmäßig den beiden Komponisten Scarlatti und Purcell widmen. Zu den Gästen des Festivals zählen u. a. die Akademie für Alte Musik unter Fabio Biondi mit Raffaella Milanesi, Roberta Invernizzi, Sonia Prina und Aaron Sheehan als Solisten, Le Concert des Nations unter Jordi Savall, der RIAS Kammerchor unter Robert Hollingworth, The Talis Scholars unter Peter Phillips, die Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone mit Serena Sáenz Molinero und Delphine Galou als Solistinnen, sowie Christian Zacharias, Dorothee Oberlinger, Margret Köll und Jean Rondeau.

LINDEN 21 – 2 Uraufführungen

LINDEN 21 umfasst die Produktionen und Projekte des Spielplans, die den vielfältigen Formen zeitgenössischen Musiktheaters nachspüren. 2019/20 wird es dabei zwei Uraufführungen, eine Deutsche Erstaufführung sowie zwei Wiederaufnahmen – USHER von Claude Debussy / Annelies Van Parys in der Regie von Philipp Quesne sowie HIMMELERDE, ein Maskenmusiktheater von Familie Flöz und der Musicbanda Franui – geben.

Die erste LINDEN 21-Produktion der neuen Spielzeit wird am 25. Oktober 2019 im Alten Orchesterprobensaal die Uraufführung von LOVE, YOU SON OF A BITCH, eine Stückentwicklung von Letizia Renzini, sein. Arbeiten von ihr waren u. a. bei der Biennale Venedig, im Tanzeshus Stockholm, dem Royal Opera House London und der Philharmonie Luxembourg zu sehen.

Obwohl Hans Werner Henze und Hans Magnus Enzensberger viel über eine kleine Fassung ihrer 1974 uraufgeführten Fernsehoper LA CUBANA diskutierten, kam es vor Henzes Tod 2012 nicht zur Realisierung dieses Projekts. Mit LA PICCOLA CUBANA (Deutsche Erstaufführung: 28. April 2020, Alter Orchesterprobensaal) kommt die kammermusikalische Fassung dieses Werks – um die Varietésängerin Rachel vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Umbrüche im vorrevolutionären Kuba – in einer Einrichtung von Jobst Liebrecht, unter der musikalischen Leitung von Peter Ruzicka und in der Regie von Pauline Beaulieu erstmals zur Aufführung. LA PICCOLA CUBANA ist eine Koproduktion mit den Osterfestspielen Salzburg, wo das Werk Anfang April 2020 uraufgeführt wird.

Thom Luz, der in diesem Jahr bereits zum dritten Mal zum Theatertreffen eingeladen ist und 2014 von Theater heute zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt wurde, ist ein Grenz-gänger zwischen Sprech- und Musiktheater. Gemeinsam mit dem Musiker und Arrangeur Mathias Weibel hat Luz in den letzten Jahren eine Theatersprache entwickelt, die Stille, Bewegung, Text und Musik zu dichten, atmosphärischen Raumkompositionen verbindet. Die 1682 von dem Musiker und Musiktheoretiker Andreas Werckmeister formulierten Grundlagen zur wohltemperierten Klavierstimmung werden zum Ausganspunkt ihrer ersten Arbeit an der Staatsoper, in der sie sich unter dem Titel WERCKMEISTER HARMONIEN mit dem Schaffen und der Auf lösung von Ordnungen beschäftigen und nach einer Wahrheit im Zweifel suchen, im Raum zwischen den schwarzen und weißen Tasten (Uraufführung: 19. Juni 2020, Apollosaal). Die Produktion findet in Kooperation mit dem Theater Gessnerallee Zürich statt.

Staatsoper für Alle – Auch 2020 – Mit Sonderkonzert zum 450-jährigen Bestehen der Staatskapelle
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JUBILÄUM  – 450 JAHRE STAATSKAPELLE BERLIN

2020 blickt die Staatskapelle Berlin auf ihr bereits 450-jähriges Bestehen zurück. Grund genug dieses Jubiläum im Kalenderjahr 2020 – über die Spielzeiten 2019/20 sowie 2020/21 hinweg – zu feiern: Bereits mit den Konzerten zum Jahreswechsel am 31. Dezember 2019 und 1. Januar 2020 wird das Jubiläumsjahr eingeläutet, das zu Anfang der Spielzeit 2020/21 mit einer FESTWOCHE im September seinen Höhepunkt findet – u. a. mit Sonderkonzerten wie STAATSOPER FÜR ALLE, dem KONZERT FÜR BERLIN in Kooperation mit der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und einem großen Geburtstagsfest in der Staatsoper Unter den Linden. Das Jubiläum wird über die Auftritte hinaus mit einer Buchpublikation, einer CD-Edition sowie einer Ausstellung zur Geschichte der Staatskapelle bedacht. Außerdem kommt es im Februar 2020 zum Abschluss der Symposionsreihe 450 Jahre Staatskapelle Berlin.

K O N Z E R T P R O G R A M M

Die Staatskapelle Berlin spielt in Berlin 16 große Sinfoniekonzerte mit acht Program-men – im Opernhaus Unter den Linden sowie in der Philharmonie. Vier Doppeltermine stehen unter der Leitung von Daniel Barenboim. Die weiteren Abonnementkonzerte werden geleitet von Zubin Mehta, Antonio Pappano, Herbert Blomstedt und Lahav Shani, der beim ersten Abonnementkonzert unter der Leitung von Daniel Barenboim ebenfalls als Solist am Klavier zu erleben ist. Weitere Solistinnen und Solisten sind Lisa Batiashvili (Violine), Martha Argerich ( Klavier), Yuja Wang ( Klavier), Pinchas Zukerman (Violine), Renaud Capuçon (Violine), Christian Schmitt (Orgel) sowie die Mezzosopranistin Elena Garanca. Die Sinfoniekonzerte schlagen dabei immer wieder Querverbindungen zum Opernprogramm, z. B. mit Edward Elgars Symphonischer Studie Falstaff« mit einem Camille Saint-Saëns gewidmeten Programm, mit Modest Mussorgskys Bildern einer Ausstellung sowie mit mehreren Werken von Mozart. Beim VII. Abonnementkonzert kommt Benjamin Attahirs Violinkonzert mit Renaud Capuçon als Auftragswerk der Daniel Barenboim Stiftung zur Uraufführung.

Anlässlich des Beethoven-Jahrs bringen die Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim während der FESTTAGE 2020 alle neun Sinfonien Beethovens an vier Terminen zyklisch zur Aufführung. Ergänzt wird das Konzertprogramm durch ein Klavierrecital mit András Schiff, das sich Beethoven und Mozart widmet. Ebenfalls wieder während der FESTTAGE ist das Opernkinderorchester zu erleben. Unter der Leitung von Max Renne spielen die Kinder Auszüge aus den 2019/20-Premieren IDOMENEO, COSÌ FAN TUTTE und SAMSON ET DALILA sowie aus CARMEN.

Die 16 BAROCKTAGE-Konzerte (1. bis 10. November) widmen sich schwerpunktmäßig den Komponisten Scarlatti und Purcell. Zu den Gästen des Festivals zählen u. a. die Akademie für Alte Musik unter Fabio Biondi mit Raffaella Milanesi, Roberta Invernizzi, Sonia Prina und Aaron Sheehan als Solisten, die Scarlattis Oratorium La Vergine addolorata zur Aufführung bringen, Le Concert des Nations unter Jordi Savall, der RIAS Kammerchor unter Robert Hollingworth, The Talis Scholars unter Peter Phillips, die Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone mit Serena Sáenz Molinero und Delphine Galou als Solistinnen, sowie Christian Zacharias, Dorothee Oberlinger, Margret Köll und Jean Rondeau. Unter der Leitung von Matthias Wilke spielen Mitglieder der Staatskapelle Berlin innerhalb des Festivals zwei Konzerte der Reihe Preußens Hofmusik mit Werken von Purcell.

Für junge Menschen von 6 bis 9 Jahren wird es ein Kinderkonzert mit Mitgliedern der Akademie für Alte Musik geben. Die Konzerte finden im Apollosaal, im Großen Saal sowie im Pierre Boulez Saal statt. Im November 2019 werden die Staatskapelle Berlin und ihr Generalmusikdirektor Daniel Barenboim mit den vier Sinfonien von Johannes Brahms in der Philharmonie de Paris zu Gast sein.

Bei den Konzerten zum Jahreswechsel am 31. Dezember 2019 und 1. Januar 2020 erklingt Beethovens Sinfonie Nr. 9 unter der Leitung von Daniel Barenboim, mit Elena Stikhina, Marina Prudenskaya, Andreas Schager und René Pape als Solisten sowie mit dem Staatsopernchor. Des Weiteren wird mit Mozarts Klavierkonzert B-Dur KV 450 das Jubiläumsjahr 450 Jahre Staatskapelle Berlin eingeläutet, das 2020 gefeiert wird und zu Anfang der Spielzeit 2020/21 mit einer FESTWOCHE seinen Höhepunkt f indet.

Die Staatskapelle Berlin wird unter der musikalischen Leitung von Ilan Volkov die Uraufführung des Staatsballetts von Georg Friedrich Haas’ SYM-PHONIE MMXX in der Choreographie von Sasha Waltz zur Aufführung bringen (Uraufführung: 25. April 2020).

Die zehn Kammerkonzerte mit Mitgliedern der Staatskapelle Berlin widmen sich 2019/20 dem kammermusikalischen Schaffen von Richard Strauss, der mit der Geschichte der Staatskapelle Berlin eng verbunden ist und das Orchester als Hof kapellmeister und GMD weit über 1000 Mal in Oper und Konzert dirigierte. Die selten zu hörenden Kompositionen werden in Beziehung gesetzt zu Werken seiner Zeitgenossen und Vorbilder.

Zu den weiteren Konzerten zählen das Klimakonzert des Orchesters des Wandels, das Adventskonzert mit dem Kinderchor, Konzerte im Pierre Boulez Saal, die Konzertreihe Preußens Hofmusik, die Museumskonzerte im Bode-Museum, Kinderkonzerte, Konzerte mit dem Interna-tionalen Opernstudio und der Orchesterakademie bei der Staatskapelle Berlin, Chorkonzerte sowie Sonderprogramme mit Gästen.

2019/20 finden Liedrecitals mit u. a. Angela Gheorghiu, Philippe Jaroussky und Renée Fleming im Großen Haus sowie mit Ensemblesolistinnen und -solisten der Staatsoper Unter den Linden im Apollosaal statt.

Le Nozze di Figaro2019/20 dem Spielplan der Staatsoper
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KINDER- UND JUGENDPROGRAMM

Seit Februar 2018 sind 88 Kinder, 7 bis 12 Jahre alt, Mitglied im Opernkinderorchester. In enger Zusammenarbeit mit den Berliner Musikschulen ermöglichen die Staatsoper und die Staatskapelle Berlin damit Kindern eine Teilhabe am professionellen Opernbetrieb und unterstüt-zen sie so in ihrer individuellen Entwicklung. Zweimal monatlich nehmen die Kinder an gemein-samen Stimmproben mit Musikpädagoginnen und -pädagogen, Musikerinnen und Musikern der Staatskapelle Berlin sowie an Orchesterproben unter der Leitung von Max Renne teil. Unter seiner musikalischen Leitung werden die jungen Musikerinnen und Musiker 2020 in drei Konzerten eine Brücke zum Opernprogramm 2019/20 schlagen, mit Auszügen aus IDOMENEO, COSÌ FAN TUTTE, CARMEN und SAMSON ET DALILA (12. April im Rahmen der FESTTAGE sowie 21. und 26. April 2020).

Das Kinderopernhaus Berlin, das inzwischen in vielen Schulen fest verankert ist, gehört ebenso wie das Opernkinderorchester zum Herzstück der Educationarbeit an der Staatsoper. Im Ursprungsbezirk Lichtenberg, ebenso aber auch in Marzahn und Reinickendorf existieren regionale Zentren, an insgesamt zehn Orten sind Schul-AGs initiiert worden, während in der Staatsoper Unter den Linden seit der Spielzeit 2018/19 die Fäden zusammenlaufen. Insgesamt werden Hunderte von Kindern aus allen Berliner Bezirken erreicht, die zum Teil erstmals mit der Kunstform Oper in Berührung kommen. In der Spielzeit 2019/20 beschäftigt sich das Kinderopernhaus Berlin mit dem jungen Mozart. Unter Anleitung erfahrener Profis aus der Opernwelt erarbeiten die Kinder dabei selbst eine Oper, auf Anregung und unter Verwendung von Mozarts Musik.  Unter dem Titel FINTA MIT FINTEN – DER JUNGE MOZART KOMPONIERT wird diese Produktion am 29. Mai 2020 im Alten Orchesterprobensaal Premiere feiern.

Als Kinderopernproduktion wird SCHNEEWITTCHEN von Wolfgang Mitterer nach Engelbert Humperdinck in der Inszenierung von Constanze Albert wieder zu erleben sein (Wieder-aufnahme: 13. März 2020). In ihrer gemeinsamen Produktion HOMO DEUS beschäftigen sich der Jugendklub und der Jugendchor mit Biotechnik, Cyborgs und künstliche Intelligenz und suchen nach der Absurdität und Poesie in der Welt der Zukunft (Premiere: 15. Mai 2020).

Für die Altersgruppen 3 – 5 Jahre, 6 – 9 Jahre und 10 – 12 Jahre werden Kinderkonzerte angeboten, die ebenfalls in Festivals wie die BAROCKTAGE eingebunden sind. Das weitere Angebot umfasst Workshops, Probenbesuche, die Kompositionswerkstatt, Projekte wie Rhapsody in School oder TUSCH – Theater und Schule, ein Opernreporter-Projekt, den Jugendklub sowie den Jugendchor.

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Hellerau, Festspielhaus, Peter Eötvös – Konzerte zum 75. Geburtstag, IOCO Kritik, 14.01.2019

Festspielhaus Hellerau / Peter Eötvös - Zum 75. Geburtstag © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eötvös – Zum 75. Geburtstag © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau

Peter Eötvös – Konzertabende zum 75. Geburtstag

Mit dem  –  Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle

Von Thomas Thielemann

Wie werden zwei verschlungene Kaffeetassen Teil einer Komposition? Ist es ein Fehler, wenn der Schlagzeuger die Drumsticks während des Stückes fallen lässt? Welchen Klang kann das letzte Röcheln des sterbenden Martin Luther King schön klingen lassen? Da helfen nur Blicke in die Werkstatt eines der kreativsten Komponisten unserer Zeit!

Es ist inzwischen zur Gewohnheit geworden, dass das Schaffen des amtierenden Capell-Compositeurs der laufenden Konzertsaison in einem Portrait-Konzert interessierten Musikern des Orchesters und Freunden der Staatskapelle nahe gebracht wird. Das waren bisher stets interessante und zeitlich ausgedehnte Abende. Auch das Portraitkonzert mit Peter Eötvös im Festspielhaus Hellerau dauerte am 11. Januar 2019 von 19 Uhr bis 23 Uhr 30.

Für Peter Eötvös, der am 2. Januar 1944 im damals zu Ungarn gehörigem und jetzt rumänischen Odorheiu Secuiesc geboren worden ist, wurde das Konzert zur Feier seines 75. Geburtstags. Er gehört als Komponist, Dirigent und Lehrer zu den bedeutenden den Musikern unserer Zeit. Seine Musik ist vom Einfluss verschiedener Komponisten geprägt und häufig von äußeren Einflüssen inspiriert. Dabei bedient er sich erweiterter Techniken, um Klangfarben und Klangwelten zu erschließen.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes  - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle © Matthias Creutziger

Mit der Uraufführung seiner Huldigung Per Luciano Berio, seinem The Gliding oft he Eagle in The Skies sowie seinem Memorial für die verunfallten Astronauten Seven hatte er in Dresden bereits, unter anderem als Dirigent, Teile seines kompositorischen Schaffens beeindruckend vorgestellt.

Ein Kammerorchester, Solisten der Sächsischen Staatskapelle und einige Gäste hatten zehn weitere Proben aus der Komponier-Werkstatt des Peter Eötvös herausgesucht und zum Teil mit den Quellen seiner Inspirationen verbunden. Diese reichten von Samuel Beckett, Domenico Scarlatti, Claude Debussy, Igor Strawinsky bis zu Juri Gagarin. Selbst Beobachtungen in seinem Garten hatte Peter Eötvös zu interessanten musikalischen Einfällen genutzt.

Das „Levitation“ für Streichorchester handelt von vier Formen eines im übertragenen Sinne schwe-benden Stoffwechsels, gleichsam eine Interpretation eines surrealistischen Bildes. Die Soloklarinettisten Robert Oberaigner und Jan Seifert sorgten mit warmen, dynamisch flexiblem Ton, dass das Phänomen Menschen oder Gegenstände auf unerklärbare Weise zum Schweben zu bringen plastisch hörbar wurde, bevor ein Akkordeonspieler die Erdung der Zuhörer wieder herstellt.

Den Abschluss des Abends bildete dann ein, ursprünglich von Gagarins Flug angeregtes Stück für zwei Klaviere. Die beiden Flügel waren bis an die Randgebiete der Spielfläche in etwa 25 Meter Abstand platziert worden. Auf Wunsch konnten wir uns ziemlich exakt zwischen beide Instrumente setzen, so dass das das Spiel der Emi Suzuki das rechte Ohr und der Klang von Petr Popelka das linke Ohr dominierten.

Damit kamen die Themenvorgaben des einen Klaviers bevorzugt am rechten Ohr an, während die Aufnahme und Ausarbeitung der Themen des zweiten Instruments vom linken Ohr aufgenommen worden sind. Die Zusammenführung der beiden Impulse im Hörzentrum des Gehirns der privilegierten Hörer hatte eine phantastische Hörerfahrung zur Folge. Petr Popelka, eigentlich Kontrabassist der Staatskapelle und Emi Suzuki fühlten sich in diesem voller Überraschungen steckenden Kosmos pudelwohl und beendeten den langen Abend mit abrupten Schlägen, langen Triller-Ketten und heftig auseinanderspringenden Akkorden. Im Talk äußerte sich Peter Eötvös recht begeistert, dass er an einem Abend eine derartige Vielfalt seiner Arbeiten in einer so hohen Qualität erleben durfte.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Peter Eötvös und Sabine Kittel, Soloflötistin © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Peter Eötvös und Sabine Kittel, Soloflötistin © Matthias Creutziger

Haben wir erst kurz vor der Mitternacht das Festspielhaus Hellerau verlassen, so trafen wir uns bereits am folgenden Tag um 10 Uhr in der Generalprobe des um 19 Uhr in der Semperoper beginnenden 5. Symphoniekonzerts der Saison. Lionel Bringuier, leitete bei seinem Orchesterdebüt die Sächsische Staatskapelle, wieder in Anwesenheit des Komponisten zunächst die Aufführung von Peter Eötvös zeroPoints für Orchester.
Wie so typisch für den Komponisten, hatte er sich diesmal von Pierre Boulez Komposition Domaines anregen lassen. Boulez zählte dabei die Takte als 1; 2; 3; etc. Eötvös wollte dieser ganzzahligen Welt etwas entgegensetzen und teilt deshalb seine Komposition in die neun Abschnitte 0.1; 0.2;…..0.9, die er allerdings ohne Übergang zusammenfasst.

Die Abschnitte sind auch nicht gesondert charakterisiert, so dass über 17 Minuten unterschiedliche musikalische Ausdrucksarten auf den Hörer einstürzen. Das erfordert natürlich vom Hörer, dass er sich auf diese Musik einlässt und seiner Einbildungskraft freien Lauf lässt.

Am Beginn scheint man Vogelgezwitscher zu hören, das sich zu einer Menagerie steigert. Danach folgen feierlich anwachsende und wieder verklingende dunkle Bläserstimmen gefolgt von einer resoluten Auseinandersetzung unterschiedlicher Instrumentengruppen untermalt von gleitenden Paukenschlägen. Dem folgt eine Phase der Beruhigung, in der Perkussionsinstrumente dominieren. Ein erneutes Aufflackern des Motivaustauschs, der zu einer choral-artigen Phase führt. Eine abrupte Beruhigung mit Pianissimo untermalten Holzbläser-Melodien, gefolgt von sehnsuchtsvollen Rufen hoher Klänge, die eine Mondlichtstimmung über einer Wasserfläche assoziieren könnte. Aufgenommen von wellenförmigen Blechklängen leiten wieder Celesta und Perkussions-Klänge zur Schlusssteigerung von Klavier, Harfe und Schlagzeug, die mit gedämpftem Metallophon abschließt.

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes - Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Pianistin Yuja Wang und Lionel Bringuier © Matthias Creutziger

Festspielhaus Hellerau / Peter Eoetvoes – Zum 75. Geburtstag hier Kammerorchester der Sächsischen Staatskapelle hier Pianistin Yuja Wang und Lionel Bringuier © Matthias Creutziger

Lionel Bringuier dirigierte das Werk akzentuiert und die Musiker des Orchesters folgten ihm ernst-haft, sehr diszipliniert und konzentriert. Erwartungsgemäß hatte sich das recht konservative Publikum nur zum Teil auf die Klangfolge einge-lassen, so dass es nur freundlichen Beifall gab. Abgeschlossen wird die „Geburtstagsfeier für Peter Eötvös“ mit dem Konzert für Orchester Sz. 116 des  Eötvös-Landsmanns Béla Bartók.

Eötvös hatte Bartók als seinen Maßstab charakterisiert. Nicht nur als Künstler, sondern auch in seiner moralischen Haltung als Weltbürger, vergleichbar mit einem Weltbaum, dessen Wurzeln in der Transsilvanischen Heimatstehen, dessen Äste aber die ganze Erde überdecken. Das Konzert, 1943 von Béla Bartók mit 62 Jahren nach seiner USA-Emigration geschrieben, gehört zu seinen bekanntesten und zugänglichsten Werken.
Lionel Bringuier bot eine spannungsgeladene Interpretation, voller Emotionen und Detailreichtum. Die Staatskapelle spielte alle Ecken und Kanten der Partitur, lässt nichts unbelichtet, kein Schlagzeugeffekt geht unter.

Zwischen diesen beiden Stücken spielte Yuja Wang mit dem Orchester das im sächsischen Raum häufig und dabei unterschiedlich ausgelegte a-Moll-Klavierkonzert von Robert Schumann. Die Pianistin beeindruckt mit ihrer Technik, ihrer instinktsicheren Virtuosität, ihrer starken Interpre-tation und ihrem erfrischend unkonventionellen Auftreten bei einer etwas kühl-akzentuierten Darbietung. Dank ihres Vermögens, sich komplett auf die Musik einzulassen, haben die glamourösen Äußerlichkeiten letztlich keine Bewandtnis.
Mit diesem in Dresden uraufgeführtem Werk beginnt die Sächsische Staatskapelle Dresden gleichsam die Erinnerungen an den 200. Geburtstag der Erstaufführenden Clara Schumann.

—| IOCO Kritik Festspielhaus Hellerau |—

Hamburg, Staatsoper Hamburg, Szenen aus Goethes Faust – Robert Schumann, IOCO Kritik, 28.10.2018

Oktober 30, 2018 by  
Filed under Hervorheben, Konzert, Kritiken, Oper, Staatsoper Hamburg

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

 Szenen aus Goethes Faust  –  Robert Schumann

Regie Achim Freyer  – „Wanderer über dem Nebelmeer“

Von Patrik Klein

Dem Hamburger Publikum ist der Berliner Künstler Achim Freyer wohl bekannt u.a. durch eine Inszenierung der Zauberflöte 1982, die erst im vorletzten Jahr abgelöst wurde und einer Produktion des Parsifal im Herbst 2017. Am Sonntag den 28.10.2018 hatte seine Sichtweise zu Szenen aus Goethes Faust von Robert Schumann an der Staatsoper Hamburg Premiere.

Im Zentrum seiner Interpretation steht das Gemälde von Caspar David Friedrich Wanderer über dem Nebelmeer. Dieses Kunstwerk, in der Kunsthalle Hamburg beheimatet, steht mittig auf der Bühne, ohne den Kopf des Wanderers, lässt die Kernpersonen des Stückes wechselnd die Betrachtungsskala ausloten und die Perspektive wechseln. Es verleitet zudem den Betrachter die Schrecklichkeiten und Herausforderungen dieser Welt von einem distanzierten Standpunkt aus mit viel Fantasie zu bewerten. Einen Ausweg sieht Achim Freyer mit visionärer Kraft in mehr Menschlichkeit und einer allumfassenden, heiligen Liebe.

 Szenen aus Goethes Faust  –  Robert Schumann
Youtube Trailer der Staatsoper Hamburg
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Die Szenen aus Goethes Faust von Robert Schumann (8.6.1810 Zwickau – 29.7.1856 Endenich bei Bonn) sind ein umfangreiches, dreiteiliges Werk für Solostimmen, Chor und Orchester mit langwieriger Entstehungsgeschichte, das erst nach dem Tod des Komponisten vollständig zur Uraufführung kam.

Robert Schumanns Faust-Szenen markieren den Höhepunkt seines kompositorischen Schaffens, gelten aber wegen ihrer enormen Ansprüche an Chor, Orchester und Solistenbesetzung als fast unspielbar – und sind entsprechend selten auf der Bühne zu erleben. Eingeleitet durch eine musikalisch gestenreiche, „faustische“ Ouvertüre verknüpft Schumann hier Szenen aus beiden Teilen der Tragödie zu einem Werkganzen – ein Oeuvre zwischen Oratorium und Oper.

Die Szenen aus Goethes Faust von Robert Schumann haben eine langwierige Entstehungsgeschichte. Gedanklich spätestens seit 1837 mit dem Goetheschen Fauststoff beschäftigt, exzerpierte Schumann im Februar 1844 in Dorpat auf einer Konzertreise mit seiner Frau Clara ihm passend scheinende Teile aus dem zweiten Teil, dessen Schlussszene ihn besonders ansprach, und skizzierte erstes musikalisches Material. 1845 äußerte er brieflich gegenüber Felix Mendelssohn Bartholdy jedoch Unsicherheit, die Komposition zu vollenden und überhaupt je zu veröffentlichen.

Gemälde - Der Wanderer über dem Nebelmeer - Caspar David Friedrich

Gemälde – Der Wanderer über dem Nebelmeer – Caspar David Friedrich

Am 25. Juni 1848 erklang im Dresdener Coselpalais vor geladenen Gästen diese zuerst komponierte, spätere 3. Abteilung mit dem Orchester der Königlichen Hofkapelle und dem Chorgesangsverein unter Schumanns Leitung. Trotz erfolgreicher Aufnahme durch die Zuhörer war er mit dem Schlusschor unzufrieden. Anlässlich Goethes 100. Geburtstag kam die 3. Abteilung mit nunmehr umgearbeitetem Schlusschor am 29. August 1849 in drei parallel veranstalteten Konzerten erneut zur Aufführung: In Dresden unter Leitung Schumanns, in Leipzig mit dem Dirigenten Julius Rietz und in Weimar durch Franz Liszt.

Schumann hatte unterdessen Mitte Juli 1849 mit der Komposition weiterer Szenen der späteren 1. und 2. Abteilung begonnen, noch ohne klare Vorstellungen über den endgültigen Gesamtplan zu haben. Franz Liszt empfahl ihm im September 1849, dem Werk eine Ouvertüre voranzustellen. Schumann arbeitete aber zunächst an den Vokalteilen weiter, so im Frühjahr 1850 noch in Dresden, um dann in Düsseldorf, wohin er mittlerweile übersiedelt war, gemeinsam mit seiner Frau einen Klavierauszug zu erstellen. Im August 1853 erfolgte schließlich auch die Komposition der Ouvertüre, die er seiner Frau zum Geburtstag am 13. September 1853 überreichte.

Wegen Schumanns Rücktritt als Musikdirektor in Düsseldorf Ende 1853 und dem wenige Monate später folgenden Zusammenbruch, der zur Einweisung in die Nervenheilanstalt Endenich führte, kam es zu Schumanns Lebzeiten nicht mehr zu einer Komplettaufführung. Diese erfolgte einschließlich Ouvertüre am 14. Januar 1862 im Kölner Gürzenich-Saal unter dem Dirigat von Ferdinand Hiller. Bereits zuvor gab es allerdings eine Privataufführung im Haus der Sängerin Livia Frege in Leipzig am 30. Januar 1859 mit Johannes Brahms am Klavier.

Schumanns Szenen aus Goethes Faust führten im Konzertbetrieb lange ein Schattendasein, bevor ab den 1970er-Jahren mehrere Einspielungen erfolgten, so unter Benjamin Britten, Pierre Boulez, Bernhard Klee, Claudio Abbado und Philippe Herreweghe. Im Dezember 2017 wurde die für viele Jahre wegen Renovierung geschlossene Berliner Staatsoper Unter den Linden mit diesem Werk wiedereröffnet. Jürgen Flimm führte hier Regie.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Faust mit Maske und Wanderstock, Christian Gerhaher als Faust © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Faust mit Maske und Wanderstock, Christian Gerhaher als Faust © Monika Rittershaus

 Der Orchestergraben ist überbaut, die Solisten, das Orchester und die Chöre stehen hinter einem Gazevorhang bis tief in die Hinterbühne. Die zuletzt fertiggestellte Ouvertüre Schumanns verzichtet auf eine enge thematische Anbindung an die folgenden Vokalteile des Stückes, welches neben dieser in drei Abteilungen mit insgesamt 13 Musiknummern unterteilt ist. Ganz sanft fließt die Musik und der Betrachter kann in Ruhe das Treiben auf der ovalen Vorbühne anschauen. Caspar David Friedrichs Kunstwerk Der Wanderer im Nebelmeer wird zum zentralen Ausstattungselement. Das Bild ohne Kopf steht mittig auf der Bühne und verdeckt den dahinter positionierten Dirigenten. Vor dem Gazevorhang sind große Rechtecke über der Bühne positioniert, die in wechselnden grellen Farben wie im Himmel schwebend beleuchtet werden. Dunkle, gesichtslose Gestalten bewegen sich in Zeitlupe und wie bei einer „Robert Wilson Inszenierung“ von einer Bühnenseite zur anderen, trinken Kaffee, kleben Streifen auf den Boden oder tragen eine kopflose Schaufensterpuppe herein. Faust erscheint mit riesiger, grotesk wirkender Maske zwischen Tod und Fratze. Mit  Wanderstock schlurft er scheinbar gebrechlich über die Bühne und legt seine Maske ab. Dann kann er plötzlich normal gehen, erscheint freudig mit blauer Blume in der Hand, als seine Maske von den dunklen Gestalten weggetragen wird. Hereingebracht werden weitere Gegenstände wie ein Modell einer Kirche, ein Kreisel, ein weißer Zylinderhut und ein Akkordeon. Faust steigt hinter das Bild des Wanderers  und nimmt damit den Gesichtskreis dieses Kunstwerkes ein. Mittlerweile ist das Vorspiel bewegter und farbiger geworden. Die Wette scheint musikalisch zum Greifen nah. Kent Nagano dirigiert das Philharmonische Staatsorchester Hamburg an diesem Abend mit sicherer Hand und großem Engagement. Es gelingt ihm vorzüglich, eine spannungsgeladene musikalische Ausgewogenheit zwischen Orchester, den vielen Solisten und den beiden Chören herbeizuführen.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Christian Gerhaher, Chor und Orchester der Staatsoper © Foto Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Christian Gerhaher, Chor und Orchester der Staatsoper © Foto Monika Rittershaus

 Die 1. Abteilung ist ganz der Gestalt Gretchens gewidmet, beginnend mit der Szene im Garten als Walzer-artiges Duett, bis Mephistopheles und Marthe dazwischentreten. Gretchen steht an der Rampe mit Blumenkrone im Haar und rosafarbener Handtasche.  „Du kanntest mich, o kleiner Engel“. Faust dreht sich zu Gretchen. Das Mädchen zupft Blütenblätter einer Sternblume ab, um zu erfahren, ob Faust sie wirklich liebt. Mephistopheles erscheint hinter dem Gazevorhang rot angestrahlt mit Blick ins Publikum. Eine Wippe mit zwei Zwergen mit Zipfelmützen wird hereingebracht. Portraits der singenden Figuren sind auf den Gazevorhang projiziert. Faust ist von Gretchens Anmut entzückt, nimmt sie bei der Hand und führt sie zu den höchsten Wonnen der Liebe. Christina Gansch, die in Hamburg bereits viele Rollen verkörpert hat, singt das Gretchen mit feiner Diktion und großer Hingabe. Ihr klarer und leicht dunkel gefärbter Sopran strahlt mit viel Präzision und berührendem Glanz.

Der den Mephistopheles darstellende Bass Franz-Josef Selig ist erst vor einigen Tagen für den erkrankten Liang Li eingesprungen und hat bei den Endproben sofort Fahrt aufgenommen. Mit seinem abgrundtiefen Bass liefert er mit gewohnter bravoröser Stimmführung und nuancenreicher Artikulation einen Teufel, der einem Angst und Bange werden lässt.

Der folgende Teil, Gretchens Gebet vor der Mater dolorosa (schmerzensreiche Mutter), gipfelt im dramatischen Ausbruch auf die Worte „Hilf, rette mich vor Schmach und Tod“. „Ach neige, du Schmerzenreiche“ . Ein riesiger Strahlenkranz leuchtet über der kompletten Bühne. Statt Faust stehen mittlerweile beleuchtete Teufelshörner auf Wanderers Schopfe. Gegenstände werden in Zeitlupe bewegt. Gretchens Portrait wird hundertfach auf den Gazevorhang projiziert. In tiefster Verzweiflung betet Gretchen zur Mutter Gottes und bittet  sie um Vergebung. Sie ist entehrt, der Morgen bringt Schande.

Blutrote Farben auf der Bühne mit giftgrün angestrahltem Mephistopheles läuten die Szene im Dom ein. Der Wanderer ist wieder kopflos. „Wie anders, Gretchen, war dir’s“ . Gretchen steht allein in der Kathedrale unter der Menge, vom bösen Geist umlauert. Mutter und Bruder sind tot, das ungeborene Kind bewegt sich. Faust verzweifelt auf der Bühne. Während das Volk „Dies irae“ singt, schreit die Seelenpein aus dem verzweifelten Mädchen, das der Böse an ihre Sünden erinnert. Gretchen stürzt ohnmächtig zu Boden. Die Musik besitzt hier besonders dramatisch-theatralischen Charakter, unterstrichen durch den das „Dies irae“ intonierenden bestens disponierten Chor der Staatsoper Hamburg (Einstudierung Eberhard Friedrich) und den Ausklang im vollem, orgelartigen Orchestersatz.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Norbert Ernst, Chor der Hamburgischen Staatsoper © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Norbert Ernst, Chor der Hamburgischen Staatsoper © Monika Rittershaus

 Christian Gerhaher ist eine Klasse für sich an diesem Abend. Alle Facetten seiner Kunst, alle Verläufe, Verzahnungen, Phrasierungen und klugen Pianos sind tatsächlich hör- und fühlbar. Seine besonders ausgeprägte Kunst in den oberen Bereichen seines Stimmumfanges gerät samtig und cremig, wohltuend und berührend. Mit feinster Stimmführung, meisterlicher Textverständlichkeit bis auf die kleinste Silbe und berührenden Crescendos gestaltet er die anspruchsvolle Partie des Faust.  Man genießt förmlich die glückliche Verbindung von stimmlich eingesetztem Handwerk und dessen Wirkung.

Die 2. Abteilung rückt die Gestalt Fausts ins Zentrum. Ariel erscheint im Sonnenaufgang. Ariel alias Norbert Ernst steht direkt hinter dem Gazevorhang mit einem regenbogenfarbenen Fächer, die Bühne ist weitgehend in die Farbe Grün getaucht. Der Wanderer erscheint kopflos und Faust tanzt verklärt mit der Schaufensterpuppe. Ein blaues Cello wird hereingetragen, Sterne glitzern und ein regenbogenfarbener Schirm erscheint. Norbert Ernst ist als Interpret, insbesondere von Opernpartien Richard Wagners und Richard Strauss, weltweit gefragt. Der gebürtige Wiener singt die Partie des Ariel mit prägnanter heldischer Stimme, seine engelsgleiche Handlungsweise stets unterstreichend.

Faust liegt im Halbschlaf auf einer Blumenwiese, Gretchen hat er zum letzten Mal vor einiger Zeit im Gefängnis gesehen. Ariel bittet die Elfen, Fausts schwere Träume von ihm zu nehmen und ein gutes Gewissen zurückzugeben. Es wird Morgen, Elfen und Ariel verschwinden. Faust erwacht als Betrachter hinter der Fassade des Wanderers. Alle Gegenstände werden angehoben und der komplette Gazevorhang erleuchtet in Regenbogenfarben.

Der heiter-lebensbejahende Anfang der nächsten Szene schlägt in der folgenden Mitternacht in düstere Klänge um. Ein Metronom tickt unaufhörlich. Unheimlich ziehen dunkle Wolken auf. „Ich heiße der Mangel“.  Mangel, Schuld und Not sind hinter dem Gazevorhang positioniert während Sorge (Narea Son) als schwarzer Engel mit Totenmaske im Dialog mit Faust auf der Vorderbühne singt. Die im Ensemble der Staatsoper Hamburg singende Südkoreanerin ist beim Publikum besonders beliebt mit Rollen wie u.a. Pamina und Papagena. Als Sorge wird sie mit ihrem fein geführten klaren Sopran den Anforderungen dieser Partie mühelos gerecht.

Faust versucht, der Zauberwelt zu entkommen, ihm wird klar, dass der Mensch nicht nach mystischen Höhen streben soll. Das Bildnis des Wanderers wird dutzendfach auf den Gazevorhang geworfen. Die Sorge lässt sich nicht abschütteln. Höhnisch lässt sie Faust erblinden, in dem er sich eine Augenbinde aufsetzt und mit seinem Wanderstab, der zum Blindenstab mutiert, wild winkt. Aber in seinem Innern erstrahlt das helle Licht der Erkenntnis.

Fausts Tod wird von der Trompete und düsteren Posaunenakkorden eingeleitet, bevor, herbeigerufen von Mephistopheles, die das Grab aushebenden Lemuren einen kindlich-geisterhaften Gesang anstimmen. „Herbei, herein, ihr schlotternden Lemuren“  Ein Kreuz, Dreieck, Spaten, Seil und das tickende Metronom liegen auf der Bühne. Der Chor und der Kinderchor der Hamburger Alsterspatzen  musizieren  wunderbar harmonisch. Fausts Maske wird wieder hereingebracht. „Verweile doch, du bist so schön„. Faust zuckt und stirbt. Das Metronom bleibt stehen. Der Tod steigt auf die Position des Wanderers, der Teufel bleibt alleine zurück und triumphiert. „Es ist vollbracht„.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Franz-Joself Selig und Orchester der Staatsoper © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Franz-Joself Selig und Orchester der Staatsoper © Monika Rittershaus

Die 3. Abteilung und damit Fausts Verklärung ist der Teil, der mit seinem durch Goethes Dichtung vorgegebenen symbolisch-allegorischen Gehalt auch den Ausgangspunkt von Schumanns Komposition bildete. Dunkel gekleidete Bühnenarbeiter montieren in Zeitlupe an der Aufhängung des Kunstwerkes von Caspar David Friedrich.  Das Bild des Wanderers ist nun deutlich überhöht und erscheint schwarz. Die Menschen gehen mit der Teufelsmaske von der Bühne ab. „Waldung, sie schwankt heran“ beginnt der großartig aufgelegte Chor der Staatsoper Hamburg. Faust liegt währenddessen mit kleiner Totenmaske fast unsichtbar regungslos auf dem Bühnenboden.

„Ewiger Wonnebrand, glühendes Liebesband“  singt Pater Ecstaticus (Norbert Ernst) während dem geometrische Figuren auf dem Gazevorhang projiziert sind. Zwischen ihm und dem nebenstehenden Pater Profundus blinkt ein kleines Herz. Die Symbole auf der Vorderbühne bewegen sich.

Pater Ecstaticus, Pater Profundus, Pater Seraphicus und Engelsgruppen lobpreisen den heiligen Ort. Auf der Hinterbühne erscheint in Blau ein riesiger Kopf des Teufels.  Eine zeigerlose Uhr, ein großer weißer Winkel, Lineal und Geodreieck wandert über die Bühne. Faust ist erlöst worden, denn wer strebend sich bemüht, kann frei werden. Er singt liegend auf der Bühne, sein riesiger Kopf ist falsch herum auf dem Gazevorhang abgebildet.

Beim „Gerettet ist das edle Glied“ stehen die vier weiblichen Engel (Katia Pieweck, Renate Springler, Narea Son und Christina Gansch) direkt hinter dem Gazevorhang, rechts von ihnen wie abgespalten die beiden männlichen beflügelten Engel (Norbert Ernst und der aus dem Ensemble der Staatsoper Hamburg kommende weißrussische Bass Alexander Roslavets, der seine recht kurze Rolle mit prägnanter Stimme unterstreicht). Faust hat sich mittlerweile den schwarzen Mantel abgestreift und den darunter befindlichen weißen Frack zum Vorschein gebracht. Die Augenbinde ist einer weißen Büßermaske gewichen. Der Wanderer im Zentrum erstrahlt nun in grellem Weiß. Auch hier erklingen die beiden Chöre, der Chor der Staatsoper Hamburg und die Mädchen und Knaben der Hamburger Alsterspatzen fein abgestimmt, textverständlich und ausdrucksstark.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Solisten und Ensemble © Monika Rittershaus

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Solisten und Ensemble © Monika Rittershaus

Christian Gerhaher alias Doctor Marianus singt „Hier ist die Aussicht frei “ mit berührender Stimme. Sein weißer Blindenstock stützt ihn auf seiner angenommenen Position hinter dem Kunstgemälde. Vier geometrische Körper liegen illuminiert auf der Spielbühne, die bis auf eine unbeleuchtete Person mit übergroßem Zylinderhut leergeräumt ist. Beim „Dir, der Unberührbaren „bleibt die Szene bestehen. Es entstehen Kreise auf dem Gazevorhang. Das Bild des Wanderers wird in verschiedenen Farben angestrahlt bis hin zu Regenbogenfarben auf alle vorhandenen Elemente.

Der Zuschauerraum erhellt sich. Nebelartige Verklärung setzt ein. Gretchen steht dem vom Bild des Wanderers herabblickenden Faust gegenüber. Im Bühnenhintergrund entstehen konzentrische Kreise, die sich in Strahlen mit Faust im Zentrum verwandeln. Beim abschließenden „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ fallen dem Chor der Staatsoper Hamburg die wichtigsten Aufgaben zu. Der orchesterbegleitete achtstimmige Doppelchor mit allen Solostimmen bestreitet den archaisierenden, motettenartigen Schluss, bei dem Gretchen nunmehr die Position des Wanderers einnimmt mit dem Blumenkranz im Haar. Sie ist in höhere Sphären entrückt. Faust, der neue Kräfte in sich spürt, wird ihr folgen. „Das Ewig Weibliche“  zieht ihn an.

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust - hier : Ensemble und Solisten zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Staatsoper Hamburg / Szenen aus Goethes Faust – hier : Ensemble und Solisten zum Schlussapplaus © Patrik Klein

Das Publikum verfolgt die Premiere an der Staatsoper Hamburg mit großer Aufmerksamkeit und dankt allen Beteiligten mit freundlichem Beifall. Mit großem Jubel werden besonders der Mephistopheles des Franz-Josef Selig und der Faust Christian Gerhahers bedacht. Auch Regisseur Achim Freyer und sein Regieteam werden mit großem Applaus bedacht.

Szenen aus Goethes Faust an der Staatsoper Hamburg: Weitere Vorstellungen: 31.10., 3.11., 6.11., 9.11., 14.11. und 17.11.2018

Besetzung der Premiere an der Staatsoper Hamburg 28.10.18

FAUST (Bariton)                                Christian Gerhaher
GRETCHEN (Sopran)                       Christina Gansch
MEPHISTO (Bass)                            Franz-Josef Selig
ARIEL (Tenor)                                     Norbert Ernst
MARTHE, SORGE (Sopran)             Narea Son
NOT (Alt)                                            Christina Gansch
MANGEL (Sopran)                              Katia Pieweck
SCHULD (Alt)                                      Renate Springler
PATER ECSTATICUS (Tenor)             Norbert Ernst
PATER PROFUNDUS (Bass)             Franz-Josef Selig
PATER SERAPHICUS (Bariton)         Christian Gerhaher
Dr. MARIANUS (Bariton)                     Christian Gerhaher
MAGNA PECCATRIX (Alt)                   Narea Son
MULIER SAMARITANA (Sopran)         Katia Pieweck
MARIA AEGYPTIACA (Alt)                   Renate Springler
MATER GLORIOSA (Sopran)             Renate Springler
ENGEL (Sopran, Alt, Tenor, Bass)      Alexander Roslavets, Norbert Ernst

Inszenierung, Bühne, Kostüm- und Lichtkonzept: Achim Freyer
Kostüme: Amanda Freyer
Dramaturgie: Klaus-Peter Kehr
Chor: Eberhard Friedrich
Video: Jakob Klaffs/Hugo Reis
Licht: Sebastian Alphons
Mitarbeit Regie: Eike Mann
Mitarbeit Bühnenbild: Moritz Nitsche
Mitarbeit Kostüme: Petra Weikert

Chor, Alsterspatzen Hamburg und Orchester der Staatsoper Hamburg

Musikalische Leitung: Kent Nagano

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