Mannheim, Asli Kilic – gefeierte Pianistin im Gespräch, IOCO Interview, 04.06.2020

Juni 3, 2020 by  
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Piannistin Asli Kilic @ Ivo Kljuce

Piannistin Asli Kilic @ Ivo Kljuce

Asli Kilic – gefeierte Mannheimer Pianistin

 Konzertabsagen, digitaler Unterricht, Kindererziehung – in Zeiten von Corona

  im Gespräch mit Uschi Reifenberg –  IOCO

Uschi Reifenberg (UR): Frau Kilic, Sie sind als gefeierte Pianistin international unterwegs mit verschiedenen Soloprogrammen, treten als gefragte Kammermusikerin auf oder als Solistin mit namhaften Orchestern. Sie sind aber auch in vielfältigen Konstellationen immer wieder in der Region zu erleben, ihr letztes Live-Konzert fand am 7. März 2020 im ausverkauften Mozartsaal im Mannheimer Rosengarten statt, wo Sie zusammen mit dem Stamitz Orchester Mannheim unter der Leitung von Jan-Paul Reinke, das 3. Klavierkonzert von Bartok mit großem Erfolg aufführten. Zwei Tage später begannen die ersten Corona-bedingten Einschränkungen. Wie stellt sich die derzeitige Lage für Sie selbst dar?

Asli Kilic (AK):  Im Rückblick betrachtet ist mein letztes Konzert am 7. März im Rosengarten natürlich ein riesiges Geschenk gewesen, was ich selbstverständlich auch damals so empfunden habe.

Asli Kilic – Leos Janacek – In the Mists 1
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Dass ich diese wunderbare Musik in diesem schönen Saal, vor großem Publikum spielen durfte, hat mich sehr glücklich gemacht und als nach und nach die Corona-bedingten Einschränkungen den Konzertbetrieb lahmlegten, haben mich die Erinnerungen daran die ersten Wochen noch durch diese Krise getragen. Ganz am Anfang habe ich die Zwangspause tatsächlich als angenehm empfunden, da ich zur Ruhe kommen konnte. Ich hatte die Monate davor sehr viele Auftritte und  Probenarbeit, dann begannen die Vorbereitungen zum Bartok Konzert, so dass ich -wie gesagt – in der ersten Zeit die Pause als kreative Möglichkeit erlebt habe, auch wieder mehr zu mir selber zu kommen und in mich zu gehen, was für mich zunächst recht positiv war.

UR:  Der Lockdown traf die meisten freischaffenden Künstler mit unvorbereiteter Härte, viele Konzerte wurden abgesagt, langfristige Pläne zunichte gemacht, Existenzen an den Rand des Ruins getrieben.

Die so entstandene Zwangspause kann aber auch – wie Sie selbst schon erwähnten- als kreativer Stillstand begriffen werden und birgt ebenso Potenzial für Neuausrichtungen wie für veränderte Lösungsansätze. Inwiefern hat die Krise Ihre künftigen Planungen beeinflusst?

AK.:  Leider ist es in der Tat so, dass alle meine Konzerte bis Ende Juni abgesagt worden sind mit wirklich tollen Programmen, auf die ich mich sehr gefreut hatte. Darunter waren Klavierrecitals mit Werken von Chopin und Brahms, die mir sehr am Herzen liegen, und auch Auftritte mit meinem Ensemble Scriabin Code. Wir haben uns in der Pause wöchentlich über Zoom zusammengesetzt, um unser neues Projekt voranzubringen, das den Titel Aufbruch trägt, das jetzt in der Corona Zeit auch nochmal eine ganz andere Konnotation erfährt.

UR: :  Erzählen Sie uns etwas über dieses Ensemble.

 Asli Kilic @ Ivo Kljuce

Asli Kilic @ Ivo Kljuce

A.K.:  Die Besetzung unseres Ensembles Scriabin Code besteht aus drei Elementen. Da wäre einmal der sogenannte Visual Artist, der Projektionen auf einer Leinwand gestaltet, die mit der Musik korrespondieren. Durch Vernetzung von Sensoren entsteht sozusagen eine Art Live-Malerei. Der zweite „Baustein“ ist das zeitgenössische Jazz- Ensemble mit Bass, Klarinette, Schlagzeug und Klavier. Ich habe den Part der klassischen Pianistin, spiegele die Werke, und das Ensemble antwortet dann auf seine Weise. Dadurch entsteht sozusagen etwas ganz Neues. So komme ich auch mit anderen Genres in Berührung, was für mich sehr spannend ist. Das erste Konzert dieses Projekts wird im November 2020 in Heidelberg stattfinden.

In den Wochen der Zwangspause habe ich natürlich versucht, mich fit zu halten und habe für mich selbst weitergearbeitet, auch ein anderes Repertoire ausgewählt. Oft muss man natürlich, was das Repertoires betrifft, den Konzertveranstaltern Rechnung tragen und ist diesbezüglich gebunden. Ich habe in der Klausur jetzt für mich Franz Schubert „entdeckt“ und beschäftige mich viel mit den „Moments musicaux“, das ist eine ganz wunderbare Musik!

Gott sei Dank kommen aber für den Winter und für 2021 Konzertanfragen herein, was auch wieder konkrete Planungen erlaubt, erfreulicherweise auch sehr kurzfristig wie jetzt der Livestream beim HR, bei dem ich zusammen mit meinem Kollegen, dem Geiger Maximilian Junghans die 4. Sonate für Klavier und Violine von Beethoven spielen konnte. Natürlich empfinde ich die Situation einerseits als sehr bitter, auf alle Konzerte verzichten zu müssen, aber andererseits bekommt man auch die Zeit und die Chance, sich selbst mit seinem künstlerischen Tun und Wollen zu hinterfragen und frei zu entscheiden, welche Schwerpunkte man selbst setzen möchte.

UR: Möglicherweise wird sich für viele Künstler die internationale Tourneetätigkeit verändern. Werden wir nun eine verstärkte Regionalisierung des Musikbetriebs erfahren?

Asli Kilic – Leos Janacek – In the Mists 2
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A.K.:  Das ist schwierig zu beantworten. Sicher werden die ganz großen Namen nach wie vor überall auf der Welt anzutreffen sein. Aber ob es auch ökologisch sinnvoll ist, dass ein großes  Sinfonieorchester für ein Konzert einmal um den ganzen Erdball fliegt, mag dahingestellt sein.

Viel verändern wird sich langfristig sicher nicht, aber vielleicht geht man mit einem veränderten  Bewusstsein weniger leichtfertig mit diesen Fragen um.

UR:   Das Publikum ist nach der langen Abstinenz ausgehungert und verlangt nach Live-Erlebnissen von Konzerten. Der Betrieb wird nun nach und nach wieder hochgefahren, wenn auch in stark reduzierter Form. Können wir nach der Krise einfach dort weitermachen wo wir im März aufgehört haben, oder sollten wir als Künstler nach diesen Erfahrungen auch neue Perspektiven aufzeigen?

A.K.:  Natürlich hoffe ich, dass wir wieder Konzerte in gewohntem Umfang gestalten können, auch wenn es sicher unterschiedliche Reaktionen der einzelnen Musiker auf das Erlebte geben wird. Viele brauchen selbstverständlich die Interaktion mit ihrem Publikum, können ohne diese nicht existieren. Andere mögen dem Konzertbetrieb und seinen Folgen in der Rückschau weniger positive Seiten abgewinnen und verzichten lieber  auf den äußeren Druck. Ich für meinen Teil hoffe jedenfalls sehr, dass die Konzerte wieder in alter Größe stattfinden werden und ich wäre sehr dankbar, wieder mit meinem Publikum in Kontakt treten zu können.

UR:   Wie lange kann man in Klausur produktiv ohne konkrete Konzertziele üben?

A.K.:  Wir als Pianisten kennen das Gefühl der Klausur, in der Abgeschiedenheit zu arbeiten, mit sich selbst alleine zu sein, für sich einen Übeplan zu gestalten. Aber letztendlich wird es auch vom jeweiligen Musiker-Typ abhängen. Manche brauchen sehr stark den Druck von außen, auf einen bestimmten Termin hinarbeiten zu müssen. Andere wiederum setzen  sich selbst persönliche „Deadlines“, da sie sonst  Gefahr zu laufen, sich zu verlieren. Das verlangt jedem einzelnen natürlich viel Disziplin ab. Ich denke, ohne Perspektive ist das aber alles sehr, sehr schwierig.

UR:  Die Digitalisierung  des Musikbetriebs ist mittlerweile Konsens und hat auch dem Konzert- und Opernbetrieb eine neue Qualität hinzugefügt. Sie haben das Streaming Projekt beim HR erwähnt, kann dies ein Ersatz für ein Livekonzert sein?

AK:  Mir fehlt die Interaktion mit dem Publikum schon sehr. Die Energie, die zwischen den Musikern und dem Publikum im Augenblick des Musizierens entsteht, der direkte Austausch in der Live-Situation, die Spiegelung, die berühmten Schwingungen zu spüren, das alles vermisse ich in der Tat.

Asli Kilic – China Gates von John Adams
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UR:  Sie sind auch als engagiere Klavierpädagogin an der Musikschule in Heidelberg tätig. Der Unterricht wurde während der Schließungen bundesweit weitestgehend digital erteilt. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Form des Unterrichts gemacht?

A.K.: Das war eine sehr interessante Erfahrung, da ich eigentlich ein analoger Mensch bin und mich selbst als nicht besonders „technikaffin“ bezeichnen würde. Insgesamt war diese neue Form des Unterrichts für mich und die Schüler eine ziemlich anstrengende Sache. Nichtsdestotrotz war es eine gute Chance, mit den Schülern in Kontakt zu bleiben und gleichzeitig war deutlich zu spüren, mit welcher Freude die Kinder und Jugendlichen auf das digitale Unterrichtsangebot reagiert haben. Neben den Schulschliessungen war der Klavierunterricht auf diesem Wege für viele eine willkommene Abwechslung und die meisten hatten mehr Zeit, am Instrument zu arbeiten und konnten sich weiterentwickeln. Außerdem wurde die Beziehung zwischen Lehrer*in und Schüler deutlich gestärkt. Dennoch bin ich froh, dass die Musikschulen nun auch nach und nach zum Präsenzunterricht in der bisherigen Form zurückfinden.

UR: Sie sind Mutter von drei Kindern im Alter von 8 bis 13 Jahren, die allesamt bereits Preisträger verschiedener Jugend-Musikwettbewerbe sind. Wie schaffen Sie es, sich so erfolgreich aufzuteilen zwischen Konzertpodium, Unterrichtstätigkeit und Kindererziehung?

A.K.: Vielen Dank für das Kompliment! Eigentlich ist Organisation alles. Ich habe das Glück, das alle drei Kinder wirklich sehr gut mitziehen. Sie bekommen natürlich mit, dass man, um bestimmte Ziele zu erreichen, Einsatz bringen muss. Ausserdem werden sie von hervorragenden Pädagogen gefördert, unterstützt und motiviert. Das Üben am Instrument machen sie sehr gern und es gehört für sie ganz selbstverständlich zum normalen Tagesablauf und schafft auch eine gewisse Sicherheit.

Das Unterrichten sehe ich für mich selbst als große Bereicherung an. Gerade wenn man sich mit technischen Problemen der Schüler auseinandersetzen muss, reflektiert man dabei ja auch immer sein eigenes Spiel, was auch eine sehr befruchtende Tätigkeit ist. Man kommt mit der vielfältigsten Klavierliteratur in Kontakt, oder kann in der Vorbereitung auf öffentliche Schüler- Auftritte jede Menge  aus seinem eigenen Erfahrungsschatz beisteuern.

Was mich trägt ist darüberhinaus die Tatsache, dass ich alle drei Bereiche, die Sie angesprochen haben, mit großer Liebe und Leidenschaft mache, anders wäre es gar nicht möglich. Das alles gibt mir auch viel Kraft zurück.

Uschi Reifenberg, IOCO —  Liebe Frau Kilic, herzlichen Dank für dies Gespräch

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Asli Kilic  –  Biografie einer Künstlerin

Musik begreifen, sie zu gleichen Teilen zu fühlen und zu verstehen ist die große Stärke von Asli Kilic. Der Notentext wie auch der historische Kontext spielen hierfür eine essentielle Rolle und so „…[scheinen ihr] technisch und emotional keine Grenzen gesetzt zu sein.“ so die FAZ

„Ein Stück völlig zu durchdringen, es für den Zuhörer „durchsichtig“ zu machen und alle Schichten offenzulegen sind mir besonders wichtig. Aber auch zu zeigen, dass die Klassik kein Relikt vergangener Zeit ist, sondern nie an Aktualität verliert. Das ist es, was ich durch meine Interpretationen verdeutlichen möchte.“ –  Asli Kilic

Asli Kilic, geboren in Frankfurt am Main, beginnt bereits im Alter von 5 Jahren mit dem Klavierunterricht in ihrer Heimatstadt. Ihre außerordentliche Begabung führt sie zum Studium an die Musikhochschulen Mannheim und Köln, wo sie bei den Professoren Ragna Schirmer, Paul Dan und Arbo Valdma ihre Studien absolviert. Von Jewgeni Malinin, Peter Feuchtwanger, Paul Badura-Skoda und Thérèse Dussaut holt sie sich in Meisterkursen Inspiration.

Nationale und internationale Musikpreise und Stipendien bestätigen Asli Kilics hervorragendes Können. Um ihre Vision von der „Durch“-Sichtigkeit der Musik weiterzuentwickeln, holt sich Asli Kilic wesentliche Impulse bei der Pianistin Natalia Zinsadze. Die Georgierin ist eine der letzten Schülerinnen des legendären Heinrich Neuhaus, Begründer der Russischen Klavierschule und Verfasser der Klavierbibel „Die Kunst des Klavierspiels“.

Bereits zu diesem Zeitpunkt ist Asli Kilic eine viel gefragte Pianistin, Recitals und Klavierkonzerte führen sie unter anderem an die Alte Oper Frankfurt, aber auch internationale Tourneen sind Teil ihres künstlerischen Lebens.

2018 folgte sie einer Einladung nach Mailand, wo sie beim Klavierfestival Piano City Milano einen fulminanten Klavierabend gab, was eine erneute Einladung für die Saison 2020 zur Folge hatte.

Ihre zwei CD Veröffentlichungen mit Klavierwerken von Leoš Janácek (siehe auch Video oben) fanden bei der Fachpresse großen Anklang. Das Fono Forum bescheinigt ihr eine „excellence pianistische  Technik“ und hebt Ihre klangliche Reife und große musikalische Sensibilität hervor.

Piano News bestätig der Künstlerin ihr „großartiges Klavierspiel“ und lobt ihr Gespür, musikalische Formen offen zu legen und für den Hörer sichtbar zu machen.

Eine enge Verbundenheit zur Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland Pfalz sowie zu den  Orchestern des Nationaltheaters Mannheim und des Hessischen Rundfunks sind für die Pianistin ebenso wichtig wie ihre kammermusikalischen Projekte.

Einen besonderen Stellenwert nimmt auch das Projekt Scriabin Code in ihrem musikalischen Schaffen ein. Hier hat Asli Kilic die Gelegenheit, die Aktualität und Relevanz klassischer Musik neu zu denken sowie neu zu kontextualisieren. Auf diese Weise erreicht sie mit ihrem klassischen Klavierspiel auch Nicht-Klassikhörer. Der große Erfolg des Ensembles führte sie auf wichtige Bühnen und zu namhaften Festivals.

2019 veröffentlichte das Kollektiv ein neues Projekt zum 100-jährigen Jubiläum der Bauhaus Schule mit Werken von Bach, Satie, Wolpe, Hindemith und Bartók, das u.a. bei den Kurt Weill Festspielen und der Konzertreihe Klassik Clash des SWR zu hören sein wird.

—| IOCO Interview |—

Dresden, Kulturpalast, Orpheus Chamber Orchestra – Jan Lisiecki, IOCO Kritik, 03.06.2019

Juni 1, 2019 by  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

Orpheus Chamber Orchestra, New York  – Jan Lisiecki

  Dresdner Musikfestspiele 2019

von Thomas Thielemann

Mit der Einladung des New Yorker Orpheus Chambers Orchestra zu den Dresdner Musikfestspielen 2019 hatte die Intendanz ein weiteres Experiment in das Festspielprogramm 2019 eingebaut.

Kulturpalast Dresden / Pianist Jan Lisiecki und das Orpheus Chamber Orchestra New York © Oliver Killig

Kulturpalast Dresden / Pianist Jan Lisiecki und das Orpheus Chamber Orchestra New York © Oliver Killig

Das vor 46 Jahren in der Riverside Church am Rande New Yorks gegründete Orchester ist basisdemokratisch strukturiert und möchte gleichgesinnten Musikern die Intimität und Wärme eines Kammermusikensembles mit dem Klangreichtum eines Sinfonieorchesters verbinden. Das Orchester musiziert nicht nur ohne Dirigenten  sondern hat auch keine feste Leitungsstruktur. Die Musiker wechseln sich in den Führungsrollen bei der Programmplanung, der Organisation der Proben und Konzerte ab. Dazu haben die Musiker die als „Orpheus Process“ benannte spezielle teambasierte Struktur mit dem darauf abgestimmten Abstimmungsverfahren entwickelt. Für jedes Musikstück des Repertoires werden Konzertmeister und die Stimmführer gesondert festgelegt. Diese Gruppe erarbeitet das Konzept der Interpretation und leitet die Proben. Bei den abschließenden Proben bewerten dann die übrigen Ensemblemitglieder Balance, Klangverschmelzung und Dynamik des Arbeitsergebnisses. Nehmen gewissermaßen die Arbeit der Interpretengruppe ab, obwohl sie letztlich an der Umsetzung des Arbeitsergebnisses auf dem Konzertpodium mitzuwirken haben.

Der Erfolg ihrer Einspielungen und die über Jahrzehnte anhaltente intensive weltweite Konzerttätigkeit räumen dem Konzept eine, wenn auch begrenzte, Daseinsberechtigung ein. Denn die Mitgliedschaft im Ensemble erfordert einen nicht häufig existierenden Typ Mensch und Musiker: er muss einerseits in der Lage sein, seine Egoismen zurücknehmen zu können und andererseits  seine Fähigkeiten und Möglichkeiten engagiert in die Arbeit des Orchesters einbringen wollen. Letztlich ein Menschentyp, dessen Seltenheit bereits gesellschaftliche Versuche zum Scheitern gebracht hat.

Das Programm des Konzertes sah, nach einer Einstimmung zunächst das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1  g-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy mit dem jungen Kanadier Jan Lisiecki als Solisten vor. Nun hat uns in Dresden Rudolf Buchbinder bereits mehrfach vorgelebt, wie ein Pianist vom Klavier gleichsam in Personalunion auch die Musiker der Staatskapelle zu Höchstleistungen führen kann, indem er der Darbietung den Stempel seiner ausgereiften Persönlichkeit aufdrückte.

Anders der junge Kanadier Jan Lisiecki: Er setzte sich ans Klavier und kontrollierte lediglich, ob die Orchestermusiker ihm ihre Aufmerksamkeit schenkten und begann seinen Solopart zu spielen. Dass sich das folgende kammerartige und nicht unkomplizierte Zusammenspiel entwickelte sich gleichsam wie von selbst.

Die miteinander verzahnten Motive kamen reibungslos. Der Fanfarenstoß der Hörner und Trompeten mit der kleinen kleinen  überleitenden Erwiderung des Solisten führte ohne Unterbrechung vom ersten zum zweiten lyrischen Satz. Selbst der Fanfarenstoß, der den Beginn des dritten Satzes markiert und die großangelegte Improvisation für Klavier und Orchester gelang. Gegen Ende wurde das thematische Material aus dem ersten Satz zu r geschlossenen Einheit verdichtet. Das war aber auch wenig verwunderlich. Haben doch erst vor wenigen Monaten Jan Lisiecki und das Orpheus Chamber Orchestra bei der Deutschen Grammophon eine Einspielung der Mendelssohn-Klavierkonzerte  NR.1 und Nr.2 der Sonderklasse reich an Farben und Schatten sowie mit einer wunderbaren Virtuosität abgeliefert. Dieser Konzertteil war ohne Fehl und Tadel.

Im zweiten Konzertteil stand dann Mendelssohn Bartholdys Sinfonie  Nr. 4 A-Dur op. 90, Italienische, auf dem Programm. Erwartungsgemäß hatte sich die Verteilung der Musiker auf dem Podium völlig verändert. Streicher, die vorn gesessen hatten, waren nach hinten gewandert.

Kulturpalast Dresden / Pianist Jan Lisiecki und das Orpheus Chamber Orchestra New York © Oliver Killig

Kulturpalast Dresden / Pianist Jan Lisiecki und das Orpheus Chamber Orchestra New York © Oliver Killig

Hatte im Klavierkonzert der Pianist eine wahrscheinlich unbewusst- verbindendete Funktion übernommen, so fehlte, zumindest mir, eine die Instrumentengruppen-vereinigte Kraft. Dabei störten selbst die vergleichsweise häufigen Fehltöne insbesondere bei den Holzbläsern weniger, als dass ich fortwirkend den Eindruck hatte, dass Instrumentengruppen regelrecht mit ihren Einsätzen aufeinander warteten. Das waren minimale Bruchteile von Tönen, aber vom empfindlichen Gehör leider wahrnehmbar. Dabei hatte das Orchester dank der günstigen akustischen Verhältnisse im Kulturpalast die Voraussetzungen, dass sie sich auch gegenseitig hören können. Aber selbst das ist nicht in jedem Konzertraum eine Selbstverständlichkeit. Für die Interpretation fehlte mir letztlich die integrierende Kraft eines Taktschlägers, eines Dirigenten.

Die Ansprachen des Bratschisten Christof Huebner nach der Sinfonie und zwei Zugaben hatten aber das Publikum derartig aufgeheizt, dass es zum Konzertschluss sogar stehende Ovationen für die sympathischen Musiker gab. Die Bestrebungen, das Konzept der Orchesterorganisation auch auf die Arbeitswelt auszudehnen, dürften allerdings begrenzt bleiben.

Zur Konzerteinleitung: Das Orchester hatte eine Tondichtung „Records from a Vanishing City“ der New Yorker Komponistin und Musikpädagogin Jessie Montgomery mitgebracht. Die Komponistin, in den 1980er Jahren in der Lower East Side von Manhattan als Tochter eines Künstlerpaares geboren,  war dort in der bunten Gesellschaft, wo Kreativität, Bildung und unendliche Diskussion über das Leben miteinander verschmelzen, aufgewachsen. Diese Erfahrungen  waren in ihre Komposition eingeflossen. Das über dreizehn Minuten dauernde Stück war melodisch anzuhören und wird vom Champer-Orchester auch geliebt. Vieles was Jessie  dort aufgenommen hat, ist verdichtet: Latin Jazz, Alternative-Rock, westliche Klassik, Poesie  und karibische Tanzmusik. Ob die Substanz der Komposition eine Zukunft hat, ist beim einmaligen Hören schwer zu beurteilen.

—| IOCO Kritik Kulturpalast Dresden |—

Düsseldorf, Robert Schumann Saal, Metropolitan Youth Orchestra of Hong Kong, 28.07.2019

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Robert Schumann Saal   

Robert Schumann Saal im MPK Düsseldorf © Christoph Schuknecht

Robert Schumann Saal im MPK Düsseldorf © Christoph Schuknecht

Programm Juli 2019
(August: Keine öffentlichen Veranstaltungen)


Di, 2.7.2019, 20 Uhr
Klavier-Festival Ruhr
Sir András Schiff
Franz Schubert
Sonate in a-Moll D 845
Sonate in D-Dur D 850 „Gasteiner“
Sonate in G-Dur D 894

„Ich weiß ganz genau, wo ich in einer Schubert-Sonate die sprichwörtliche Gänsehaut bekomme.“ Dieses Geständnis hat András Schiff einmal in seinem ungemein lesenswerten Essay- und Gesprächsband „Musik kommt aus der Stille“ gemacht. Und tatsächlich: Wer diesen Jahrhundertpianisten jemals dabei erleben konnte, wie er das himmlisch Kantable in Schuberts Sonaten fast schwerelos in Schwingung versetzt, der hat ein Gespür dafür bekommen, wie nah sich Schiff diesem Komponisten fühlt. Dessen Klavierwerke zählt er immerhin zu den erhabensten Kompositionen, die je für dieses Instrument geschrieben worden sind. Schon Mitte der 1990er Jahre unterstrich Schiff seine Liebe zu Schubert mit einer epochalen Einspielung aller Klaviersonaten. Seitdem ist Sir András Schiff Schubert treu geblieben. Wenn er sich nun in gleich drei Sonaten in einen pianistischen Schubert-„Sänger“ verwandelt, bekommt nicht nur er dabei Gänsehaut. Sir András Schiff ist Preisträger des Klavier-Festivals Ruhr 2009.

Veranstalter: Stiftung Klavier-Festival Ruhr


Mo, 15.7.2019, 20 Uhr
Klavier-Festival Ruhr
Frank Peter Zimmermann Violine
Martin Helmchen Klavier
Ludwig van Beethoven
Sonate für Violine und Klavier Nr. 1 D-Dur op. 12/1
Sonate für Violine und Klavier Nr. 2 A-Dur op. 12/2
Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 Es-Dur op. 12/3
Sonate für Violine und Klavier Nr. 4 a-Moll op. 23

Eine „Sternstunde der Kammermusik” mit “ungemein viel Spielwitz, Frische und Esprit” erlebte der Kritiker der Westdeutschen Zeitung im November in Wuppertal, als Frank-Peter Zimmermann und Martin Helmchen in einem Klavier-Festival Ruhr Extra-Konzert die letzten drei Violinsonaten Beethovens vorstellten. Nun widmen sich die beiden Musiker in Düsseldorf den Sonaten 1 – 4, bevor sie dann am 20. November 2019 in der Stadthalle Mülheim mit den mittleren Sonaten 5, 6 und 7 den Zyklus beenden. Dass mit Helmchen und Zimmermann zwei so renommierte Solisten zusammengefunden haben, um alle zehn Violinsonaten von Beethoven in drei Konzerten beim Klavier-Festival Ruhr zu präsentieren, ist ein großes Glück!

Veranstalter: Stiftung Klavier-Festival Ruhr


So, 28.7.2019, 12 Uhr
Metropolitan Youth Orchestra of Hong Kong
Inga Hilsberg Leitung
Vivaldi, Bach, Mozart und Highlights aus Hong Kong

Robert Schumann Saal / Metropolitan Youth Orchestra of Hong Kong © Metropolitan Youth Orchestra of Hong Kong

Robert Schumann Saal / Metropolitan Youth Orchestra of Hong Kong © Metropolitan Youth Orchestra of Hong Kong

Mit dem Metropolitan Youth Orchestra of Hong Kong gastiert eins der besten Jugendorchester Asiens in Düsseldorf. Bestehend aus sechs Orchestern in vier Leistungsstufen, führt das MYO jeden Sommer seit 2005 Austauschprogramme und Trainingscamps in verschiedenen Ländern durch und war bereits in 14 Städten weltweit zu Gast.

Das Konzert des ca. 30-köpfigen Kammerorchesters unter der Leitung von Inga Hilsberg, Chefdirigentin der Kölner Symphoniker, bildet den Abschluss der 2019 Summer Music Tour mit fünftägigem Trainingscamp in Aachen. Auf dem Programm stehen neben einigen „Golden Oldies“ aus Hong Kong, wie „Pearl of the Orient“ und „Below the Lion Rock“, u. a. Vivaldis Konzert für zwei Violoncelli und Orchester in g-Moll, Mozarts „Neunundzwanzigstes Quartett“ und das 3. Brandenburgische Konzert von Bach.

Veranstalter: Michael Chan im Auftrag des MYO
Eintritt frei, keine Anmeldung erforderlich

—| Pressemeldung Robert Schumann Saal Düsseldorf |—

Essen, Philharmonie Essen, Liederabend – Christiane Karg – Thomas Quasthoff, 12.05.2019

April 23, 2019 by  
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Philharmonie Essen

Philharmonie Essen / Christiane Karg © Gisela Schenker

Philharmonie Essen / Christiane Karg © Gisela Schenker

„Belles amours“ – Christiane Karg und Thomas Quasthoff

Liederabend über die Dichterin Louise de Vilmorin

Sonntag, 12. Mai 2019, um 17 Uhr

Louise de Vilmorin war eine der schillerndsten französischen Künstlerinnen des vorigen Jahrhunderts. Unter dem Titel Belles amours steht die Dichterin nun im Zentrum eines Recitals mit der Sopranistin Christiane Karg, dem Pianisten Justus Zeyen und Thomas Quasthoff als Rezitator am Sonntag, 12. Mai 2019, 17 Uhr in der Philharmonie Essen. Louise de Vilmorin, Dichterin des Romans „Belles Amours“ und Drehbuchautorin des einst skandalträchtigen Films Die Liebenden (mit Jeanne Moreau), wusste um die erotischen Kraftfelder des Lebens. Unter ihren zahlreichen Affären fanden sich Künstler und Diplomaten. Ihre Gedichte wurden unter anderem von Francis Poulenc und der Komponistin Claude Arrieu vertont. Die daraus entstandenen Lieder der beiden farbenreichen französischen Melodiker bilden an diesem Nachmittag den musikalischen Faden. Durchflochten ist das delikate Programm von der Dichtung der faszinierenden Vilmorin – gelesen von Thomas Quasthoff.

Philharmonie Essen / Thomas Quasthoff © Bernd Brundert

Philharmonie Essen / Thomas Quasthoff © Bernd Brundert

Die Philharmonie Essen widmet der Sopranistin Christiane Karg in dieser Spielzeit ein eigenes Künstlerporträt. Die Sopranistin studierte am Salzburger Mozarteum, für ihren Masterabschluss im Fach Oper/Musiktheater wurde sie mit der Lilli-Lehmann-Medaille ausgezeichnet. Noch während ihres Studiums gab sie ihr vielbeachtetes Debüt bei den Salzburger Festspielen und ist dort seither gern gesehener Gast. Inzwischen singt sie an führenden Opernhäusern, darunter die Metropolitan Opera News York, die Mailänder Scala, das Royal Opera House Covent Garden, die Wiener Staatsoper, die Bayerischen Staatsoper und die Semperoper Dresden. Dort besticht die gefragte Mozart-Interpretin als Pamina und Susanna, bezaubert als Sophie in Strauss‘ „Rosenkavalier“, belcantiert als Norina in Donizettis Don Pasquale oder berührt als geheimnisvolle Mélisande in Debussys Meisterwerk.

—| Pressemeldung Philharmonie Essen |—

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