Dresden, Kulturpalast, Orpheus Chamber Orchestra – Jan Lisiecki, IOCO Kritik, 03.06.2019

Juni 1, 2019 by  
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Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden © Nikolaj Lund

Kulturpalast Dresden

Orpheus Chamber Orchestra, New York  – Jan Lisiecki

  Dresdner Musikfestspiele 2019

von Thomas Thielemann

Mit der Einladung des New Yorker Orpheus Chambers Orchestra zu den Dresdner Musikfestspielen 2019 hatte die Intendanz ein weiteres Experiment in das Festspielprogramm 2019 eingebaut.

Kulturpalast Dresden / Pianist Jan Lisiecki und das Orpheus Chamber Orchestra New York © Oliver Killig

Kulturpalast Dresden / Pianist Jan Lisiecki und das Orpheus Chamber Orchestra New York © Oliver Killig

Das vor 46 Jahren in der Riverside Church am Rande New Yorks gegründete Orchester ist basisdemokratisch strukturiert und möchte gleichgesinnten Musikern die Intimität und Wärme eines Kammermusikensembles mit dem Klangreichtum eines Sinfonieorchesters verbinden. Das Orchester musiziert nicht nur ohne Dirigenten  sondern hat auch keine feste Leitungsstruktur. Die Musiker wechseln sich in den Führungsrollen bei der Programmplanung, der Organisation der Proben und Konzerte ab. Dazu haben die Musiker die als „Orpheus Process“ benannte spezielle teambasierte Struktur mit dem darauf abgestimmten Abstimmungsverfahren entwickelt. Für jedes Musikstück des Repertoires werden Konzertmeister und die Stimmführer gesondert festgelegt. Diese Gruppe erarbeitet das Konzept der Interpretation und leitet die Proben. Bei den abschließenden Proben bewerten dann die übrigen Ensemblemitglieder Balance, Klangverschmelzung und Dynamik des Arbeitsergebnisses. Nehmen gewissermaßen die Arbeit der Interpretengruppe ab, obwohl sie letztlich an der Umsetzung des Arbeitsergebnisses auf dem Konzertpodium mitzuwirken haben.

Der Erfolg ihrer Einspielungen und die über Jahrzehnte anhaltente intensive weltweite Konzerttätigkeit räumen dem Konzept eine, wenn auch begrenzte, Daseinsberechtigung ein. Denn die Mitgliedschaft im Ensemble erfordert einen nicht häufig existierenden Typ Mensch und Musiker: er muss einerseits in der Lage sein, seine Egoismen zurücknehmen zu können und andererseits  seine Fähigkeiten und Möglichkeiten engagiert in die Arbeit des Orchesters einbringen wollen. Letztlich ein Menschentyp, dessen Seltenheit bereits gesellschaftliche Versuche zum Scheitern gebracht hat.

Das Programm des Konzertes sah, nach einer Einstimmung zunächst das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1  g-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy mit dem jungen Kanadier Jan Lisiecki als Solisten vor. Nun hat uns in Dresden Rudolf Buchbinder bereits mehrfach vorgelebt, wie ein Pianist vom Klavier gleichsam in Personalunion auch die Musiker der Staatskapelle zu Höchstleistungen führen kann, indem er der Darbietung den Stempel seiner ausgereiften Persönlichkeit aufdrückte.

Anders der junge Kanadier Jan Lisiecki: Er setzte sich ans Klavier und kontrollierte lediglich, ob die Orchestermusiker ihm ihre Aufmerksamkeit schenkten und begann seinen Solopart zu spielen. Dass sich das folgende kammerartige und nicht unkomplizierte Zusammenspiel entwickelte sich gleichsam wie von selbst.

Die miteinander verzahnten Motive kamen reibungslos. Der Fanfarenstoß der Hörner und Trompeten mit der kleinen kleinen  überleitenden Erwiderung des Solisten führte ohne Unterbrechung vom ersten zum zweiten lyrischen Satz. Selbst der Fanfarenstoß, der den Beginn des dritten Satzes markiert und die großangelegte Improvisation für Klavier und Orchester gelang. Gegen Ende wurde das thematische Material aus dem ersten Satz zu r geschlossenen Einheit verdichtet. Das war aber auch wenig verwunderlich. Haben doch erst vor wenigen Monaten Jan Lisiecki und das Orpheus Chamber Orchestra bei der Deutschen Grammophon eine Einspielung der Mendelssohn-Klavierkonzerte  NR.1 und Nr.2 der Sonderklasse reich an Farben und Schatten sowie mit einer wunderbaren Virtuosität abgeliefert. Dieser Konzertteil war ohne Fehl und Tadel.

Im zweiten Konzertteil stand dann Mendelssohn Bartholdys Sinfonie  Nr. 4 A-Dur op. 90, Italienische, auf dem Programm. Erwartungsgemäß hatte sich die Verteilung der Musiker auf dem Podium völlig verändert. Streicher, die vorn gesessen hatten, waren nach hinten gewandert.

Kulturpalast Dresden / Pianist Jan Lisiecki und das Orpheus Chamber Orchestra New York © Oliver Killig

Kulturpalast Dresden / Pianist Jan Lisiecki und das Orpheus Chamber Orchestra New York © Oliver Killig

Hatte im Klavierkonzert der Pianist eine wahrscheinlich unbewusst- verbindendete Funktion übernommen, so fehlte, zumindest mir, eine die Instrumentengruppen-vereinigte Kraft. Dabei störten selbst die vergleichsweise häufigen Fehltöne insbesondere bei den Holzbläsern weniger, als dass ich fortwirkend den Eindruck hatte, dass Instrumentengruppen regelrecht mit ihren Einsätzen aufeinander warteten. Das waren minimale Bruchteile von Tönen, aber vom empfindlichen Gehör leider wahrnehmbar. Dabei hatte das Orchester dank der günstigen akustischen Verhältnisse im Kulturpalast die Voraussetzungen, dass sie sich auch gegenseitig hören können. Aber selbst das ist nicht in jedem Konzertraum eine Selbstverständlichkeit. Für die Interpretation fehlte mir letztlich die integrierende Kraft eines Taktschlägers, eines Dirigenten.

Die Ansprachen des Bratschisten Christof Huebner nach der Sinfonie und zwei Zugaben hatten aber das Publikum derartig aufgeheizt, dass es zum Konzertschluss sogar stehende Ovationen für die sympathischen Musiker gab. Die Bestrebungen, das Konzept der Orchesterorganisation auch auf die Arbeitswelt auszudehnen, dürften allerdings begrenzt bleiben.

Zur Konzerteinleitung: Das Orchester hatte eine Tondichtung „Records from a Vanishing City“ der New Yorker Komponistin und Musikpädagogin Jessie Montgomery mitgebracht. Die Komponistin, in den 1980er Jahren in der Lower East Side von Manhattan als Tochter eines Künstlerpaares geboren,  war dort in der bunten Gesellschaft, wo Kreativität, Bildung und unendliche Diskussion über das Leben miteinander verschmelzen, aufgewachsen. Diese Erfahrungen  waren in ihre Komposition eingeflossen. Das über dreizehn Minuten dauernde Stück war melodisch anzuhören und wird vom Champer-Orchester auch geliebt. Vieles was Jessie  dort aufgenommen hat, ist verdichtet: Latin Jazz, Alternative-Rock, westliche Klassik, Poesie  und karibische Tanzmusik. Ob die Substanz der Komposition eine Zukunft hat, ist beim einmaligen Hören schwer zu beurteilen.

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Düsseldorf, Tonhalle Düsseldorf, Mozart oder Die Leiden eines Kritikers, IOCO Aktuell, 29.02.2016

März 1, 2016 by  
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Mozart im Sonnenglanz - Von Engel nicht Kritikern umgeben © IOCO

Mozart im Sonnenglanz – Von Engel nicht Kritikern umgeben © IOCO

Stilblüten einer würzig süß-sauren Kritik
Genie-Teenie-Pianist Jan Lisiecki und Mozart

Konzerte, Opern oder Sprechstücke rezensieren ist hohe Kunst. Die Sprache der Kritiker kann stilvoll reich sein, sachlich streng aber auch filigran detailliert; sie mag karg an Emotionen sein oder überschäumend prall von Stück und Künstler berichten. IOCO   beklagt regelmäßig die sprachliche Selbstverliebtheit von Rezensenten, welche mit chiquem Wortnebel  das dem Leser Nützliche so gern verbergen. Die wortgewaltige Kritik einer rheinischen Zeitschrift zum Konzert des kanadischen Pianisten Jan Lisiecki in Düsseldorf verblüffte IOCO-Rezensent Pasquill. Lesen Sie die Empfindungen von Pasquill:

Zeitschrift:   Jan Lisiecki aber ist gerade einmal 20 Jahre alt. ……. Lisiecki zählt zu den großen Hoffnungen der jüngsten Pianisten-Generation. Lisiecki frappiert vom ersten Einsatz an: mit traumwandlerischer Sicherheit in größter Freiheit und einem natürlich pulsierenden Duktus, der das Rhetorische ohne Rechthaberei formuliert, dramatisch-ruppige Akzente setzt, ohne sich aufzuplustern, und mit schmerzlichen Wendungen trauert, ohne zu jammern. Den berühmten zweiten Andante-Satz, oft als süß-saure Sentimentalität vergoren in Streicher-Zuckerwatte serviert, spielt Lisiecki flüssig und leuchtend, schlicht wie ein Lied und doch ergreifend in seinen hoch empfindsamen Nuancen. Gleiches gilt für den zweiten Satz im düsteren Schwesterwerk in d-moll von 1785, das Lisiecki insgesamt noch zupackender, entschiedener angeht. Die schnellen Ecksätze bringen ihn selbst bei grenzwertig schnellen Tempi nie in Verlegenheit, die haarigen Läufe aber wollen gar nicht „perlen“, denn Lisiecki baut Akzente und rhetorische Widerhaken ein.

Pasquill:  Zu nebulösem Sprachgeklingel wird die obige Rezension spätestens als sie sich über einen natürlich „pulsierenden Duktus“ zu verbreiten beginnt, über einen, der mit „traumwandlerischer Sicherheit in größter Freiheit“, das „Rhetorische ohne Rechthaberei formuliert“. Damit nicht genug. Setzt doch besagter Duktus „dramatisch-ruppige Akzente ohne Aufplusterei“ und „trauert ferner, ohne zu jammern, in schmerzlichen Wendungen“.

Eine solch geschraubte Diktion wird nur gewieften Kennern zu einer Vorstellung verhelfen, wie Jan Lisieckis Klavierspiel Mozarts Konzert KV467 exekutiert haben könnte.

Den zweiten Satz, welche die Rezensent/n zuvor oft als „süß-sauer vergorene Sentimentalität in Streicherzuckerwatte“ vorgesetzt bekam, spielt der Pianist gleichwohl „als flüssig leuchtendes schlichtes Lied„. Von dieses Satzes „hoch empfindsamen Nuancen“ ist der Rezensent/n ergriffen. Gleiches gilt für KV 466, dessen ebenfalls „unvergorene, streicherzuckerwattenfreie Romance“ vom Künstler „entschiedener, zupackender“ angegangen wird, wobei er allerdings „rhetorische Widerhaken“  einbaut, sodass die „haarigen Läufe“ gar nicht erst zu “perlen“ anfangen. „Haarige, nicht perlende Läufe voller rhetorischer Widerhaken„: Welche Ohren braucht es, um derart Einmaliges zu hören?

Ob der in obiger Rezension enthaltenen „Akzente und rhetorischen Widerhaken eines aufgeladenen Duktus“ und  „süß-sauer vergorener traumwandlerische Sicherheit“  flüchtet sich manch Alltags- wie Schnellleser in unverständige aber tiefe Ergriffentheit.

IOCO / Pasquill / 29.02.2016

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