München, Residenztheater, Das Erdbeben in Chili – Heinrich von Kleist, IOCO Kritik, 21.10.2020

Oktober 20, 2020 by  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Das Erdbeben in Chili   –   nach Heinrich von Kleist

– Die „schöne Blume“ des „menschlichen Geistes“? –

von Hans-Günter Melchior

„Ach, Heinrich. Wäre er nicht um so Vieles größer, man wagte die Hybris, ihm das Du anzubieten.“  —–  Was hatte Heinrich von Kleist nicht alles uns vorausgelitten. In keinem Fach, in keinem Beruf hielt er es aus. Und bei keiner Philosophie und Überzeugung. Wie wir Heutigen im Dickicht der Meinungen herumirrend.

Was hat man ihm nicht alles angedichtet – und dichtet ihm immer noch an. Die sogenannte „Kant-Krise“. Als ob es bei seiner, Kleists, Zweifelsnatur überhaupt Kants bedurft hätte. Es ist ja richtig: wer bei Kant auf der Suche nach der Wahrheit ist, verirrt sich leicht in der Wüste der Ratlosigkeit. Da gibt es die analytischen Urteile und die synthetischen Urteile a priori und a posteriori, die zwar einen empirischen Halt haben, sich letztlich sich aber doch nur darauf stützen können, wie die Dinge uns erscheinen. Während uns die Erkenntnis, wie die Dinge an sich, wirklich, sind, verschlossen bleibt. Und die Ideen nun ja, die Ideen sind schön und gut, aber sie taugen allenfalls als gewisse Ordnungsprinzipien, mühsam windet sich Kant um die Frage herum, ob er sie für reine Hirngespinste hält.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili - hier:  vl Barbara Horvath, Pia Händler, Linda Blümchen, Antonia Münchow, Mareike Beykirch © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili – hier: vl Barbara Horvath, Pia Händler, Linda Blümchen, Antonia Münchow, Mareike Beykirch © Sandra Then

Und die Anhänger der Dekonstruktion reklamieren Kleist als einen ihrer Vorläufer. „Kein Sein ohne Seiendes“ hat Adorno in der „Negative Dialektik“ postuliert. Und Lyotard und Derrida teilen mit ihm das Misstrauen gegen die diktatorischen Begriffe/Ideale und rekurrieren auf das „Heterogene“, sie preisen die „Deligitimation des Universellen“ als Befreiung.

Und das alles soll Kleist vorbedacht haben. Mag sein, mag auch nicht sein. Was ihn zum Bruder uns Heutiger macht, ist das Oszillierende seines Denkens, das Hin- und Hergerissensein zwischen menschlicher Größe und menschlicher Niedertracht, zwischen einfacher, mitleidiger Zuwendung und fanatischer Geistesverbohrtheit, die vor Mord- und Totschlag nicht Halt macht.

Und damit hat unsere brüderliche Verbundenheit zu tun. Da wollen wir in einer freien und von mitmenschlicher Verbundenheit geprägten Gesellschaft leben und müssen es ertragen, dass ein Lehrer, der mit seinen Schülern über Meinungsfreiheit diskutiert und dabei Karikaturen der französischen Satirezeitschrift Charlie-Hebdo verwendet, von einem muslimischen Fanatiker enthauptet wird.

Und da muss es bei Kleist in der Novelle Das Erdbeben in Chili politisch, religiös und menschlich verarbeitet werden, dass ein Paar, welches sich wider die Konvention und die religiöse Doktrin in einem „zärtlichen Einverständnis“ befand und ein Kind hatte, am Ende der Lynchjustiz religiöser Eiferer zum Opfer fällt.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Nur kurz – der Inhalt wird im Wesentlichen vorausgesetzt, Kleist gehört nunmal zum Bildungskanon: Josephe liebt ihren Hauslehrer Jeronimo. Ihr Vater steckt sie zur Strafe in ein Kloster. Jeronimo findet durch einen Zufall dort Eingang, er wird Vater eines gemeinsamen Kindes. Josephe wird der Prozess gemacht, sie wird zum Tod durch Enthaupten verurteilt. Kurz vor der Exekution bricht das Erdbeben aus, die Klostermauern werden eingerissen, Josephe ist frei. Sie irrt mit dem Kind durch die unversehrt gebliebene, idyllische Landschaft (auch so ein Gegensatz zum Chaos), Jeronimo findet sie. Das Paar wird von einer hilfsbereiten Gesellschaft aufgenommen, die Don Fernando anführt. Josephe reicht dessen Sohn, einem Säugling, die Brust, da die Mutter, Fernandos Frau Donna Elvire, schwer verletzt ist. Man kommt im Laufe des Tages überein, die Dankesmesse in der Kirche der Dominikaner zu besuchen. Der Prediger, der älteste Domherr, prangert die „Sünden“ Josephes und Jeronimos an und macht die beiden für das Erdbeben, Gottes Strafe, verantwortlich. Die aufgeputschte Menge geht gegen die beiden vor, tötet sie und Fernandos Sohn Juan. Der Sohn von Josephe und Jeronimo wird gerettet und von Fernando und seiner Frau – ein Akt menschlicher Größe – an Kindes Statt aufgenommen…

Kleist feiert einerseits die Solidarität der durch das Erdbeben ihres Eigentums und ihrer Heimat beraubten Menschen („und in der Tat schien…, der menschliche Geist selbst, wie eine schöne Blume, aufzugehn“), schildet aber das Pogrom in der Kirche in drastischen Farben –; der religiöse Fanatismus, die andere der Gesellschaft als hässliche Ausdrucksform des menschlichen Geistes. Das ist es wieder, das schlechte Allgemeine, das sich am guten Besonderen vergeht.

Ulrich Rasche macht aus der Novelle ein höchst eindrucksvolles, ja zuweilen in seiner Intensität und Dynamik erschütterndes Theaterstück. Er hält sich dabei streng an den kleist´schen Text. Die Protagonisten (Mareike Beykirch, Linda Blümchen, Pia Händler, Barbara Horvath, Thomas Lettow, Nicola Mastroberardino, Antonia Münchow, Johannes Nussbaum, Noah Saavedra) stehn auf einer Scheibe, die mit geradezu unerbittlicher, marternder Stetigkeit den Weltenlauf andeutend rotiert, sich dreht und dreht, die Agierenden heranträgt und entfernt und die kreishafte Schicksalhaftigkeit des Geschehens symbolisierend nicht stillstehen will. Ein wunderbarer Einfall, hier mehr als angebracht und noch einmal neu, auch für den, der mit Rasches Stil bereits aus anderen Inszenierungen (Die Räuber u.a.) vertraut ist.

Gesprochen wird überwiegend im Chor, im abgehackten, die Prosa gleichsam in Strophen und Verse aufteilenden Stil einer griechischen Tragödie. Das hat etwas überwältigend Eindringliches, zumal die Sprechstimmen über einer zuweilen dröhnend lauten Musik– eher einer Geräuschkulisse – liegen und im wörtlichen Sinne unter die Haut gehen. Man beginnt vor Aufregung und Teilnahme zu schwitzen, freilich ohne dem Vorgetragenen auch nur ungefähr etwas „Verschwitztes“ anzulasten.

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Residenztheater München / Das Erdbeben in Chili © Sandra Then

Mit der Zeit ist man ganz im Kosmos dieses Geschehens aufgenommen, verliert fast die Distanz zur Bühne, ist mittendrin, nicht eigentlich nur oberflächlich und geschmäcklerisch fasziniert (was Distanz voraussetzen würde), sondern man ist gefesselt, wird nicht losgelassen von dem, was da geschieht, wie wenn es einen selbst anginge. Wobei der besondere Duktus des Sprechens, dieses Deklamatorische, das die Prosa so gut wie verschwinden lässt, das Bühnengeschehen ins Unmittelbare des Mitdenkens und Mitfühlens zu transponiert, die Zuschauer nicht nur überredet, sondern hineinzieht in eine Kunst-Realität des Lebensvorgangs (Brecht hätte sich wohl im Hinblick auf sein Distanzpostulat die Haare gerauft, oder?). Hier wird das Tragische – und auch das reflektierte, gewollt in sich Widersprüchliche der Kleist´schen Erzählung (Feier des menschlichen Geistes einerseits, Verzweiflung an genau diesem Geist, dem Un-Geist des Fanatischen, andererseits) zum Ereignis. Nach etwas mehr als zwei Stunden wird man aus der Klammer dieser Inszenierung entlassen, nachdenklich und irgendwie um eine Last des Schicksalhaften erleichtert zugleich.

Ein großer Abend. Leider von der Pandemie beschädigt. Man hätte sich ein volles Haus gewünscht. So aber waren viel zu wenige Zuschauer da, die freilich begeistert Beifall spendeten.

Das Erdbeben in Chili – Residenztheater München; die weiteren Vorstellungen am 22.11.; 5.12.; 13.12.; 14.12.2020 und mehr ..

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München, Residenztheater, Die Verlorenen – Ewald Palmetshofer, IOCO Kritik, 05.11.2019

November 5, 2019 by  
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Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn

Residenztheater München © Matthias Horn

Die Verlorenen –  Ewald Palmetshofer

„Es ist schwierig…, ein Mensch zu sein“
Die Rückkehr zur literarischen Hochsprache

von Hans-Günter Melchior

Ewald Palmetshofers leerer Himmel. Sein grandioses modernes Menschheitsdrama in der Inszenierung von Nora Schlocker, Bühne: Irina Schicketanz.

Reminiszenzen zur Theatergeschichte drängen sich dem Rezensenten auf. Goethes und Schillers Literarisierung des Theaters in Weimar. Danach die Entliterarisierung im 20. Jahrhundert bis hin zum postdramatischen Theater und der Performance sowie den heute dominierenden Videoinstallationen im Handlungsablauf.

Und jetzt aber Palmetshofers Stück und dessen poetischer, hochliterarischer Text, der sein Thema in eine Form gießt, die das Banale und Alltägliche nicht scheut, es gleichzeitig von jeglicher Metaphysik abzieht und zum Menschheitsschicksal macht. Erratisch steht das kleine Leben im Gewirr der Größenfantasien so mancher Welterneuerer.

Der Chor, zehn Schauspieler auf einer grell-weißen, leicht nach vorne abfallenden Bühne, auf der weißen Hinterwand ein Kreuz, links und rechts eine Art Schlupflöcher zum Verschwinden: „unumstößlich/ohne Tat und ohne Hilfe/eingeschlossen/zu/der Himmel:/dünne Luft/von Satelliten nur bewohnt/das Blau:/bloß eine Täuschung in den Augen/trocknet aus/ die Kugelerde/ist ein heißer Ball/im All/und wir/hienieden/hebt uns keiner keine auf/und rauf/und raus/und rüber/drüben: keine andre Welt/kein Drüben, Draußen, Droben/ Jenseits nicht“

Mit einem „Hallo/hört uns jemand?“, beginnt das Stück, hineingerufen in den Zuschauerraum. Ungehört, jedenfalls unerwidert, da jeder nur sich selbst hört und bei anderen auf kein Hören trifft. Der Mensch im Gefängnis seiner eigenen Existenz.

Residenztheater München / Die Verlorenen - hier : v.l. Myriam Schröder als Clara, Nicola Kirsch als Die Frau mit dem krummen Rücken © Birgit Hupfeld

Residenztheater München / Die Verlorenen – hier : v.l. Myriam Schröder als Clara, Nicola Kirsch als Die Frau mit dem krummen Rücken © Birgit Hupfeld

Schon der Beginn stößt die Zuschauer höchst eindrucksvoll und beinahe schonungslos auf das Problemzentrum: den Menschen unter leerem Himmel, allein gelassen mit der Bewältigung des kleinen Alltags, der schwer genug ist, jedoch höheren Ratschlusses entraten muss. So wird das Kreuz auch von Myriam Schröder, der Verlorenen, die die Figur der Clara eindrucksvoll verkörpert ziemlich bald abgehängt. Es taugt nicht mehr zum Niederknien und Beten. Der Mensch ist allein auf dieser Erde, bedroht und elend, ein Nomade in den Problemfeldern des Alltags und auf sich selbst gestellt:

Clara, deren kleines Leben im Zentrum des Stückes steht:  „man kann/ den Menschen sich/ durch einen andern Menschen/ zuführn nicht/wie schad/ ich bin/ denk ich/ entleert/ ein Rest von etwas, das/ ich weiß es nicht/ mir fortgerissen/ meine Haut vom Körper/ abgezogen/ abgeschält/ liegt alles frei/ ein jeder Muskel/ jede Sehne/ Nervenbahn und Ader/ feuchte Lymphe netzt mich/ trocknet in der Sonne aus/ wenn man mich anfasst/ droh ich zu zerspringen fast“

Ein solches Sprachstakkato geht unter die Haut. Und es wäre geeignet, eine neue Epoche auf dem Theater einzuläuten: die Reliterarisierung.

Dabei verzichtet die Sprache Palmetshofers keineswegs auf den Bezug zur einfachen, fast zotigen Alltagssprache. Um so mehr hebt sich freilich der hohe rhythmisierte Ton wie von einer Folie ab und transponiert das Geschehen wenn nicht gerade ins Allgemeingültige (das dem Autor ohnehin suspekt ist), so doch ins schicksalhaft Gegebene und Anzunehmende. Gegen das zwar rebelliert werden kann, am Ende steht jedoch das Scheitern am sich Vordrängenden, Überwiegenden.

In der Tat: es geht (nur) um die Bewältigung des Nächstliegenden. Am Alltag erweist sich Ohnmacht des Menschen. Da ist es fast ein Frevel, sich auf einen Sockel zu stellen, der Überblick verheißt. Wir sind verstrickt, gefangen im Gestrüpp der Überlebensbewältigung.

Clara ist vom Vater ihres 13-jährigen Sohnes Florentin geschieden. Der Sohn (Carlo Schmitt / Fancesco Wenz) lebt offenbar bald hier, bald dort, bald bei der Mutter, bald beim Vater, je nach Vereinbarung. Florian von Manteuffel spielt den Vater Harald als lockeren, eher belästigten, im Wesentlichen uninteressierten Erzieher, der froh ist, wenn er von seiner Aufgabe gelegentlich entlastet wird. Er ist mit Svenja (Pia Händler) verheiratet. Die beiden haben etwas vor, einen Ausflug, Harald bittet die Mutter Clara, ihnen Florentin für einige Tage abzunehmen.

Residenztheater München / Die Verlorenen - hier : v.l. Ulrike Willenbacher, Max Mayer, Steffen Höld, Arnulf Schumacher, Sibylle Canonica, Florian von Manteuffel, Pia Händler, Nicola Kirsch © Birgit Hupfeld

Residenztheater München / Die Verlorenen – hier : v.l. Ulrike Willenbacher, Max Mayer, Steffen Höld, Arnulf Schumacher, Sibylle Canonica, Florian von Manteuffel, Pia Händler, Nicola Kirsch © Birgit Hupfeld

Clara ist nicht glücklich über dieses Ansinnen, fügt sich jedoch letztlich. Sie zieht auf ein Dorf in das alte Haus ihrer verstorbenen Großmutter, von wo aus sie unter Zuhilfenahme veralteter Telefontechnik mit ihrer Mutter (Sibylle Canonica) korrespondiert. Gelegentlich treten ihr Vater und ihre Tante (Arnulf Schumacher; Ulrike Willebacher) mit apokalyptischen Äußerungen und besorgten Reden auf. Das alles ist mehr beiläufig, steht im Kontext des Pessimismus, der das Stück färbt wie das Bühnenweiß Klarheit vorspiegelt.

Auf dem Dorf wohnen kaputte Typen Der alte Wolf (Steffen Höld), Die Frau mit dem krummen Rücken (Nicola Kirsch) und der Mann mit der Trichterbrust (Max Mayer). Die Frau betreibt eine Tanke und vertreibt auch Getränke, die die beiden Männer nicht bezahlen können oder wollen. Sie sind offenbar arbeitslose Herumlungerer, eloquent freilich, immer mit einem flotten Spruch zur Stelle –  jedoch ohne Perspektive.

Clara lässt sich mit einem jungen Mann namens Kevin ein, den Johannes Nussbaum als einen schonungslosen Wahrheitssucher darstellt. Er sagt den anderen, die sich über die – freilich sehr bald aufgekündigte –  Liaison mokieren, unangenehme Wahrheiten ins Gesicht. Alles spielt sich gleichsam indirekt ab. Reale Handlungsabschnitte werden von den Darstellern berichtet, nicht gespielt. Wie überhaupt die Handlung in diesem Stück hinter der Zustandsanalyse zurücktritt.

Was keineswegs stört. Verfolgt doch der Zuschauer ohnehin gebannt der Entwicklungsgeschichte der Charaktere, ihrer existentiellen Notlage und der Ausweglosigkeit, dem Ausgeliefertsein ihrer Situation mehr, als dass er sich für einen konkreten Ablauf interessiert.

Der Sohn, empfindet den Aufenthalt im alten Haus seiner Urgroßmutter als eine Art Strafhaft. Er widmet sich einem Video, das das Interesse der Mutter erregt. Und der kommenden Generation, repräsentiert von Florentin, legt der Autor das Erzübel unserer Zeit als ranzige Aussage in den Mund: „Ich hasse schwach! Ein vernichtender Satz angesichts der unaufhebbaren Schwäche.

Residenztheater München / Die Verlorenen - hier : v.l. v.l. Myriam Schröder als Clara, Johannes Nussbaum als Kevin © Birgit Hupfeld

Residenztheater München / Die Verlorenen – hier : v.l. v.l. Myriam Schröder als Clara, Johannes Nussbaum als Kevin © Birgit Hupfeld

Die Moderne, in technischer Perfektion erstarrte Welt, spiegelt dem unvollkommenen, unerlösten und untröstlich in seine Schwächen verstrickten Menschen eine falsche Vollkommenheit vor und verstärkt dadurch sein Leiden am Dasein, gegen das kein Glauben, kein Licht der Erkenntnis hilft. Denn der Himmel ist leer. Und der Mensch kommt aus seiner Beschränktheit nicht heraus. Er will seine Grenzen überschreiten und stößt sich dabei wund. Klein wird er und immer kleiner, während seine Wünsche und sein Geist fliegen wollen und immer weiter fliegen, über die Berge, die ihm den Blick verstellen und sein Fortkommen behindern.

Ein Daseins-Problem im Sinne Heideggers. Verlorene sind wir ans eigene So-Sein. Und kein Gott im Himmel.

Dann der dramatische Schluss. Clara stürzt aus dem Fenster, ob vom Sohn gestoßen oder aus eigenem Antrieb war für den Rezensenten nicht ganz erfindlich. Man möge ihm das nachsehen. Vieles spricht freilich  für eine Tat des pubertierenden, gegen die Autoritäten aufbegehrenden Sohnes.

Letztlich ist die Frage der Täterschaft ohne Bedeutung. Palmetshofer hat kein Kriminalstück geschrieben und die Regisseurin war viel zu klug, eine Verbrecherklamotte daraus zu machen. Clara fällt jedenfalls auf einen Gartenzaun und wird von einer Latte durchbohrt. So hängt sie in einer Ecce-homo-Gebärde an der Wand, während ihr Blut über die weiße Fläche rinnt. Chorisch endet das Stück. Unheilvoll, warnend und beschwörend wie im antiken Theater wirkt die Schlussapotheose.

Stück und Inszenierung setzen Maßstäbe

Palmetshofer befindet sich in bester, kulturpessimistischer Gesellschaft. Er wird bei Georges Bataille und Hans Blumenberg nachgeschlagen haben, wie die Zitate im Programmheft das nahelegen. Und wohl auch bei Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“. Vielleicht auch bei Adornos Interpretation des an den Mast gefesselten Odysseus´.

Und vor allem: er hat dabei eine Sprache gefunden, die das Prädikat Poesie verdient. Wer weiß das schon, wer kann es schon wissen: im „Resi“ könnten die Glocken einer neuen Zeit des Theaters geläutet haben. Ein Theaterereignis war der Abend auf jeden Fall.

Neben der – freilich etwas langatmigen – Gorki-Aufführung Sommergäste ein großartiger Einstand des neuen Intendanten Andreas Beck.  Anhaltender Beifall des beeindruckten Publikums.

Die Verlorenen im Residenztheater München; die nächsten Vorstellungen 6.11.; 10.11.; 13.11.; 15.11.; 23.11.2019

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Basel, Theater Basel, Blume von Hawaii – Paul Abraham, IOCO Kritik, 17.01.2018

Januar 17, 2018 by  
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Theater Basel

Theater Basel - Grosses Haus © Sandra Then

Theater Basel – Grosses Haus © Sandra Then

Die Blume von Hawaii von Paul Abraham

„Rasante Revue mit doppeltem Boden“

Von Julian Führer

Sollte man Operetten spielen? Seichte Stücke mit oft etwas albernen Dialogen, von Sängern mehr oder weniger talentiert gesprochen – oder von Schauspielern dargeboten, die dann Mühe haben, die einzelnen Musiknummern hinter sich zu bringen? Sollte man ein Stück spielen, dessen Libretto Perlen bereithält wie „Hier auf den schönen Südseeinseln / muss man nicht die Lippen pinseln“?

Man sollte, und zwar unbedingt! Gerade die Stücke, die aus den unterschiedlichsten Gründen irgendwann aus dem Repertoire gefallen sind und irgendwann einmal großen Erfolg hatten, halten oft wahre Schätze bereit. Einen dieser Schätze hat das Theater Basel gehoben und Frank Hilbrich damit betraut, Paul Abrahams Die Blume von Hawaii zu inszenieren. Das Stück selbst wurde Anfang der 1930er Jahre in Deutschland aufgeführt, wurde dann aber alsbald wegen Abrahams jüdischer Herkunft nicht mehr gespielt.

Theater Basel / Blume von Hawaii - hier das Glander Vokal Ensemble © Sandra Then

Theater Basel / Blume von Hawaii – hier das Glander Vokal Ensemble © Sandra Then

Frank Hilbrich und sein Team (Bühne: Volker Thiele; Kostüme: Gabriele Rupprecht) haben sich für einen einheitlichen Bühnenraum entschieden. Der sehr starke Freiburger Ring des Nibelungen, der 2006-2010 entstand, hatte ebenfalls auf dieser Zusammenarbeit beruht. Die drei Akte der Operette, die eigentlich „vor einer Villa in Honolulu“, im „Saal im Königspalast in Honolulu“ und „in einer chinesischen Bar in Monte Carlo“ spielen, werden im großem Salon einer Villa gezeigt; vielleicht ein Palast in alt-amerikanischem Stil. In diesem großen Salon stehen links und rechts veritable Showtreppen zur Verfügung. Exotische Pflanzen hängen darin herab, jedoch sind diese welk und vielleicht schon etwas faulig.

In der Basler Inszenierung entschied man sich gegen professionelle Sänger, sondern für Schauspieler, welche sich über die Choreographie, die Darstellungskraft des Ensembles profilieren, weniger über die Stimme. Zudem werden die Stimmen verstärkt. Das Resultat ist nicht immer befriedigend, zumal sich die Verstärkung an verschiedenen Plätzen im Haus unterschiedlich auswirkt. Bei schnellen Liedern nehmen die Schauspieler den Besucher mit deutlich artikuliertem Sprechgesang für sich ein, problematisch sind die lyrisch sanften Kantilenen bei hohen Tönen. Abrahams Partitur hat genaue Anweisungen zur Dynamik, die vom Orchester auch exakt beachtet werden, bei den Stimmen führt die elektronische Verstärkung leider zu einem Dauerforte.

Theater Basel / Blume von Hawaii - hier Pia Händler als Prinzessin Laya und Elias Eilinghoff als Kapitän © Sandra Then

Theater Basel / Blume von Hawaii – hier Pia Händler als Prinzessin Laya und Elias Eilinghoff als Kapitän © Sandra Then

Die Handlung der Operette ist nahezu unerheblich, auch wenn sie tatsächlich einen realen Bezug zur Machtpolitik der damaligen USA in 1895 hat: Die Amerikaner haben den Aufstand der hawaiianischen Königin Liliuokalani gebrochen, die Prinzessin Laya von Hawaii lebt nun weit weg, in Paris. Um die Eroberung von Hawaii abzusichern, will der amerikanische Gouverneur seine Nichte mit einem hawaiianischen Prinzen verheiraten. Mit einem Schiff landen Kapitän Stone, ein Jazzsänger und die als Sängerin Susanne Provence inkognito reisende Prinzessin Laya in Honolulu. Heiratspläne werden geschmiedet und wieder fallengelassen, die Amerikaner als hinterhältig gezeichnet. Am Ende trifft man sich in Monte Carlo, und es werden diverse Ehen geschlossen, allerdings anders als anfangs geplant.

Die gesprochenen Dialoge zeigen in  manchmal etwas platten Klischees die Amerikaner als wenig sympathisch (ein bißchen wie Puccinis Madama Butterfly) und skrupellos. Die Texte „beißen sich“ so mit unverändert gebliebenen Gesangsstücken. Ein Bezug auf König Amanullah (bis 1929 König von Afghanistan) lässt wohl die meisten Zuhörer ratlos. Eine Nummer kurz vor Schluss (in dieser Inszenierung von Mario Fuchs nur in verstümmelter Form dargeboten) steckt voller scharfer Gesellschaftskritik auf dem Stand von 1930 unter unmittelbarem Eindruck der hereinbrechenden Weltwirtschaftskrise und der Krise der Weimarer Republik: „Ist man insolvent, nur lachen! / Quatscht das Parlament, nur lachen! / Völkerbund, auch ein Grund, daß die Welt lacht! Wir wollen lustig sein, lustig sein, denn das kostet kein Geld!“ Hier verweist die Operette auf ihre Zeit und darüber hinaus. An dieser Stelle bleibt das ungenutzt. Auch das nachdenklich-anklagende „Niggerlied“ zu Beginn des dritten Aktes wurde fallengelassen.

Bei vielem anderem wird mit Lust chargiert und das überdrehte Moment des Stückes mit Lust vorgeführt. Die Showelemente werden mit Lichtkegeln unterstützt, zu den großen Schlagern fährt die Discokugel herab, und der Damenchor (manchmal auch die Herren) wedelt mit dem Baströckchen. Die große Sinnsuche ist hier fehl am Platze. Der Kapitän (Elias Eilinghoff) schmettert (häufig leicht bis schwer angetrunken, doch immer in C-Dur) „Wo es Mädels gibt, Kameraden, fühlt der Seemann sich überall zu Haus“, und die strammen Jungs vom Vokalensemble salutieren dazu in Tarnfleckhemden und strahlendweißen Unterhosen.

Theater Basel / Blume von Hawaii - hier Katja Jung als Bessi © Sandra Then

Theater Basel / Blume von Hawaii – hier Katja Jung als Bessi © Sandra Then

Frank Hilbrich und sein Team haben einmal mehr Zugang zu einem Stück gefunden und bringen ihre Sicht auf das Werk konsequent auf die Bühne. Einzig der dritte Akt, der auch in der Vorlage etwas abfällt, bleibt in der gekürzten Version bruchstückhaft. Die Protagonisten werden wie Exponate einer völkerkundlichen Schau in Vitrinen auf die Bühne gefahren und bleiben auf sich gestellt. Statt in einer Massenhochzeit endet das Stück in dieser Lesart eher plötzlich. Endlich einen Mann gefunden hat jedenfalls Bessi (Katja Jung), die tanzfreudig wie Marika Rökk in einem UFA-Film und mit Mut zum Trash wie Trude Herr die Bühne ausfüllt. Jim Boy (Vincent Glander), um seine letzte Shownummer gebracht, vermisst man am Ende: kostümiert wie Freddie Mercury und geschminkt wie ein Stummfilmstar, agiert er mimisch, gestisch und sprachlich auf einem Niveau, das Opernsänger kaum je erreichen. Sein Foxtrot „Ich muss Mädeln seh’n“ ist mitreißend. Laya (Pia Händler) muss sich entscheiden und zieht den Kapitän schließlich dem Prinzen Lilo-Taro vor: „Er liebt mich tiefer, denn er liebt mich unglücklich.“ Was sie selber will, ist ihr wohl weit weniger klar.

Das auf 16 Musiker reduzierte Orchester unter Oliver Rudin liefert abwechselnd süffige und rasante Begleitung dazu. Natürlich darf ein Banjo bei einer Hawaii-Operette nicht fehlen, ebenso nicht Pentatonik als Exotik verheißender kompositorischer Trick. Das Orchester ist Teil des Bühnengeschehens, zum Teil spielt es hinter der Bühne, dann wird es hineingedreht und spielt im Salon der Villa zwischen den beiden Showtreppen.

Braucht man Aufführungen von „In meiner kleinen, netten Garçonniere, / Da gibt es Sekt, Bonbons und auch Liköre?“ Unbedingt! Die Blume von Hawaii bediente 1931 den Geschmack und die Stimmung der Zeit, in ihrer Exotik. Die hinreißende Musik von Paul Abraham mit ihren lebendigen Rhytmen, die packenden Showelemente der Inszenierung am Theater Basel waren stimmungsgeladen und reizvoll. So dankte das Publikum mit herzlichem Beifall.

 

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