Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Schwanda der Dudelsackpfeifer – Jaromir Weinberger, IOCO Kritik, 19.06.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Schwanda der Dudelsackpfeifer – Jaromir Weinberger

Robin Hood trifft auf tschechischen Troubadix: Der Räuber Babinsky versteckt im Haus des musikalischen Bauernhelden Schwanda…..

von Ingo Hamacher

Teuflisch gut! Schwanda im MiR Gelsenkirchen: Mit tosendem Applaus in gut besetztem Haus, wurde eine großartige Premiere im MiR bejubelt, die auf allen Ebenen überzeugte.

Die Handlung von Schwanda ist eher unbekannt: Schwanda der Dudelsackpfeifer, verheiratet mit Dorota erhält Besuch von einem gewissen Babinsky, der Schwanda mit seinen Berichten von einem freien, abenteuerlichen Leben Lust macht, sein beschauliches Heim zu verlassen. Als Schwanda von einer melancholischen Königin hört, beschließt er, sie mit dem Spiels seines Dudelsacks zu heilen, und schleicht sich von zu Hause fort.

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Piotr Prochera als Schwanda © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Piotr Prochera als Schwanda © Forster

Mit einer fröhlichen Polka befreit er die Königin von ihrer Schwermut – aber als sie ihren Retter heiraten will, erscheint Dorota, Schwandas Frau. Der böse Magier, unter dessen Einfluss sich die Königin bis dahin befand, lässt Schwandas Dudelsack verschwinden und nimmt ihm damit seine Macht. Nun soll Schwanda sogar hingerichtet werden – aber im letzten Augenblick ist Babinsky als Retter da. Als Dorota dem Gatten Vorwürfe wegen seiner Untreue macht, schwört Schwanda – und,  der Teufel soll in holen, wenn es nicht wahr ist! -, dass… und der Teufel holt ihn wirklich.

Schwanda hockt in der Hölle, aber auch hier taucht Babinsky auf. Babinsky gewinnt dem Teufel beim Kartenspiel Schwandas Seele ab und bringt den Dudelsackpfeifer seiner treuen Dorota zurück.

Dass dies heitere und in seinen sinfonischen Passagen ungewöhnlich brillante Musikwerk Schwanda der Dudelsackpfeifer so selten gespielt wird, liegt keinesfalls an einer fehlenden Repertoirefähigkeit des Stückes, wie die aktuell im MiR in  Gelsenkirchen zur Diskussion gestellte Aufführung beweist, sondern ist eher mit der tragischen Biographie des Komponisten verbunden. So wie die Stärke des Textbuches in der ansprechenden Verarbeitung von Volkssagen liegt, zieht auch die Musik ihre größte Wirkungen aus einer glänzenden Verwendung der slawischen Folklore. Weinberger gibt zahlreiche eigene Ideen dazu und zeigt sich in der Verarbeitung als ausgezeichneter Musiker, einfallsreich in Harmonie und Orchestrierung, melodiös in der Führung der Singstimmen.

Jaromir Weinberger, der jüdische Tscheche mit dem deutschen Nachnamen, wurde am 08. Januar 1896 in Prag geboren, studierte in seiner Heimatstadt sowie in Leipzig bei Reger. Schon 1922 wurde er Professor für Komposition in Ithaka, USA, kehrte 1936 nochmals in die Heimat zurück, aus der ihn dann die deutsche Invasion drei Jahre später endgültig vertrieb. Weinberger konnte mit seiner Frau Hansi in die USA fliehen, wogegen seine Mutter und Schwester nach Treblinka deportiert und ermordet wurden. Seine Oper konnte sich zwar noch auf den Spielplänen halten, aber die ihm zustehenden Tantiemen wurden ihm nicht ausbezahlt, so dass Weinberger in den USA mittellos und vergessen lebte. Zwei weitere Opern, Die geliebte Stimme (1931) und Wallenstein (1937) konnten den Erfolg von Schwanda nicht wiederholen. In Nordamerika, wo er sich nach der Auswanderung niederließ, schuf er u.a. eine Lincoln-Sinfonie sowie mehrere Musicals. In der Seele verwundet nahm er sich am 09. August 1967 in St. Petersburg/NY, USA das Leben.

Das Textbuch der zweiaktigen Volksoper Schwanda der Dudelsackpfeifer stammt von dem tschechischen Schriftsteller Milos Kares, der auf Weinbergers Anregung alte slawische Märchen verarbeitet, darunter jenes von edlen Räuber Babinsky und das des Dudelsackpfeifers und Aufschneiders Schwanda aus Strakonitz. Nach der noch mit Zurückhaltung aufgenommenen Uraufführung am 27.April 1927 in Prag (im gleichen Jahr haben Kreneks Jonny spielt auf, Schoecks Penthesilea und Hindemiths Hin und zurück Premiere) geht Schwanda nach der Übersetzung und Veränderungsberatung von Max Brod erfolgreich über 300 Bühnen in der ganzen Welt.

Eine charmante Begrüßungsidee: Auf den geschlossenen Vorhang werden zwei Lehrbuchzeichnungen projiziert. Die Skizze eines Dudelsacks und eines menschlichen Herzens. Neben den erstaunlich ähnlichen Umrissen wird damit auch das Thema des Abends vorgestellt: Musik und die menschliche Seele sind im Grunde eins.

Ort und Zeit: Schwandas Bauernhof im tschechischen Dorf Strakonice, das für seine Dudelsackspieler berühmt und sprichwörtlich war; der Hof der Königin zur Märchenzeit, d.h. zur Zeit des legendären Volkshelden Babinsky. Die Hölle.

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Schwanda und Babinsky © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Schwanda und Babinsky © Forster

Erstes Bild: DAHEIM

Der Vorhang hebt sich über einem böhmischen Bauernhausgarten, Teil des Heims von Schwanda, dem lustigen Dudelsackspieler und seiner Frau Dorota. Mit wenigen Elementen farbenprächtig angedeutet, strahlt die Szene vor einem dem den ganzen Abend schwarzen Hintergrund. Ilia Papandreou, die die Partie der Dorota singt, überzeugt mit einem stimmstarken Sopran, den man sich zwar auch lyrischer hätte vorstellen können, der jedoch zur burschikos inszenierten Rolle sehr gut passt.

Zwei Landsknechte erscheinen und fragen die allein anwesenden Dorota, ob sie nicht einen Fremden gesehen habe, den zu verhaften sie ausgeschickt wurden. Als die Frau verneint, eilen sie weiter. Da springt ein Mann aus der Krone eines Baumes auf die Erde nieder und beginnt ein liebenswürdiges galantes Gespräch mit Dorota, die vor Verlegenheit kaum weiß, wie sie ihn behandeln soll. Der Fremde, der sich später als Räuber Babinski vorstellen wird, wird von Uwe Stickert mit glasklarem hohen Tenor gesungen, eine starke Leistung!

Schwanda (Piotr Prochera) Bariton, der sich nach anfänglichen Unsicherheiten im zweiten Teil der Partie vollumfänglich gewachsen zeigt) kommt von seinen Feldern heim, und der Fremde weiß sofort seine Neugierde zu wecken. Er gibt ein Lied über den berühmten Räuber Babinsky zum besten, der vom ganzen Volk mehr geliebt als gefürchtet wird, da er die Reichen plündert, um die Armen zu beschenken. Der Fremde erzählt, daß Babinsky stets, wohin er komme, eine ausgefranste Manschette als Kennzeichen zurücklasse.

Ja, wer solch ein Leben führen könne, frei, in der weiten Welt! Schwandas Wunsch, andere Gegenden und Menschen kennen zu lernen, wird immer größer. Vergebens sucht Dorota ihn mit einer herzlichen Melodie (die zu einem mehrfach wiederkehrenden Motiv des friedlichen Lebens auf dem Bauernhof wird) zurückzuhalten. Als Schwanda auch noch hört, daß eine Königin in Melancholie verfallen sei, aus der sei Dudelsack sie erlösen könne, hat er seinen Entschluss gefaßt. Während Dorota in die Küche geht, um das Mahl zu bereiten, schleichen die beiden Männer davon.

Der Fremde lässt eine zerfranzte Manschette auf dem Tisch zurück. Als Dorota sie findet, zögert sei keinen Augenblick. Sie eilt Schwanda nach, um ihn wieder für sich zu gewinnen.

Zweites Bild: BEI DER EISKÖNIGIN

Das zweite Bild spielt am Hof der Königin (Petra Schmidt, Mezzosopran), die, nachdem sie von einem Zauberer viel Schmuck, aber auch ein Herz aus Eis statt ihres eigenen erhalten hat, melancholisch geworden ist. Dichter Schnee fällt auf eine grausige Szene: Wir sehen ein Schafot, auf dem die Leiche eines enthaupteten Prinzen liegt, der es gewagt hatte um die Hand der Königin zu werben. Erstarrt verharren Königin und Hofstaat in operettenhaften Roben.

Plötzlich hallt der Palast von einer Polka wieder, die den seit langem erstarrten Hofstaat aufweckt. Schwanda tritt mit seinem Dudelsack auf und stellt sich als Retter vor, den die Königin natürlich sofort heiraten will. Schwanda sieht sich bereits als König, doch im Augenblick, da er seiner künftigen Gattin den ersten Kuss geben will, erscheint Dorota. Große Verwirrung am Hof. Die Königin will Dorota töten lassen, doch Schwanda versucht, sie zu schützen.

Beide werden festgenommen, während der Magier (Michael Heine, Bass, mit leichten Intonations- und Artikulationsschwächen) den Dudelsack verschwinden läßt. Sein Triumph scheint nun sicher, die Königin befindet sich neuerlich in seiner Gewalt. Die mächtige Waffe seines Feindes ist in den tiefsten Keller gesperrt. Statt Dorota soll nun Schwanda hingerichtet worden soll. Als letzte Gnade erbittet er seinen Dudelsack. Unverrichteter Dinge kehren die Diener zurück, der Dudelsack ist verschwunden. Die Königin ordnet die Hinrichtung an.

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Petra Schmidt als Königin Eisherz, Michael Heine © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Petra Schmidt als Königin Eisherz, Michael Heine © Forster

Der Henker will Schwanda mit dem Beil den Kopf abschlagen, aber ein Lachsturm folgt seinem Versuch: Heimlich wurde von Babinsky das Beil mit einem Besen vertauscht, der Schwanda auch noch sein Instrument bringt. Mit voller Kraft legt der Musikant los, Hof und Volk tanzen in immer wilder werdenden Verrenkungen davon.

Dorota macht ihrem Gatten Vorwürfe über seine Untreue. Babinsky unterstützt sie darin und heizt den Konflikt weiter an, denn er hat schon längst ein Aufge auf die schöne Bäuerin geworfen. Schwanda schwört, er habe die Königin nicht geküßt, na nicht die Hälfte eines Kusses habe er ihr gegeben, nicht ein mal ein Viertel … und wenn es nicht wahr sei, so möge ihn der Teufel holen!

Kaum gesagt, ist Schwanda schon unter Flammen und Rauch im Bühnenboden versunken: der Teufel hat ihn wirklich geholt. Dorota ist untröstlich, und Babinsky, dem edlen Räuber, bleibt nicht anderes übrig, als Schwanda aus der Hölle zu befreien.

Drittes Bild: IN DER HÖLLE

Spontaner Beifall für die Bühne, wenn sich der Vorhang hebt: Pyramidenartig erhebt sich ein bis zur Bühnendecke reichender Turm aus wilden, rotgewandeten teuflischen Höllenknechten, in deren Mitte auf einem Thron der Teufel selbst sitzt. Farbenprächtig und strahlend; ein Augenschmaus!

Der Teufel (Joachim G. Maaß, Bass, stimmlich vereinzelt etwas unsicher aber großartig in seiner Spielfreude) ist mißgelaunt und gelangweilt, weil niemand mit ihm Karten spielen will. Vergeblich sucht er Schwanda dazu zu bringen, mit seinem Dudelsack die düstere Höllenatmosphäre aufzuheitern. Der sehnt sich jedoch nur nach Dorota. Schließlich zaubert der Teufel ihm das Bild der Geliebten vor Augen und verspricht ihm, sie wieder zusammen zu bringen, wenn Schwanda ihm ein Schriftstück unterzeichnet.

Schwanda unterzeichnet es, ohne viel auf den Inhalt zu achten. Damit hat er dem Teufel seine Seele verschrieben, so dass dieser ihn zwingen kann, Dudelsack zu spielen. Als Schwanda sich immer noch weigert, werden die Marterwerkzeuge für ihn bereitet. Da, große Überraschung in der Hölle: der berühmte Räuber Babinsky kommt persönlich zu Besuch! Man bereitet ihm einen würdigen Empfang. Babinsky schlägt dem Teufel eine Kartenpartie vor, begeistert stimmt dieser zu.

Als Einsatz zieht Babinsky Schätze aus seiner Tasche, die er vorher dem Teufel aus dessen Tresor geraubt hat. Was setzt der Teufel gegen diese herrlichen Juwelen? Die Hälfte der Hölle! „Zu wenig“, meint Babinsky und verlangt außerdem noch Schwandas Seele. Satan versucht zu handeln, stimmt aber schließlich ein, da er sich seines Sieges sicher glaubt. Alles scheint auch nach seinem Wunsch zu gehen. Dann jedoch zeigt sich, dass Babinsky noch besser schwindeln kann als der Teufel und dadurch gewinnt. Großer Jammer bricht in der Hölle aus, am meisten weint der Teufel, der nun wirklich ein armer Teufel geworden ist. Zum Trost schenkt Babinsky dem besiegten Gegner alles, was er ihm abgewann, mit Ausnahme der Seele Schwandas.

Schwanda beginnt überglücklich auf seinem Dudelsack zu spielen, und die ganze Hölle tanzt. Der Räuber nimmt rührenden Abschied von seinem neuen Freund, dem Teufel, und bald ist er mit Schwanda wieder auf der Erde angelangt

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer - hier : Piotr Prochera als Schwanda, Joachim G. Maaß als Teufel, Tobias Glagau als des Teufels Famulus, Jiyuan Qiu als Höllenhauptmann © Forster

Musiktheater im Revier / Schwanda der Dudelsackpfeifer – hier : Piotr Prochera als Schwanda, Joachim G. Maaß als Teufel, Tobias Glagau als des Teufels Famulus, Jiyuan Qiu als Höllenhauptmann © Forster

Viertes Bild: DAHEIM

Vergeblich versucht Babinsky noch einmal Schwanda zu weiteren Abenteuern in der Welt zu verführen. Schwanda will nur noch nach Hause zu seiner Dorota.

Der stimmgewaltige, von Alexander Eberle ausgezeichnet geführte Chor betritt in Alltagskleidung die Bühne und singt zusammen mit Schwanda und Dorota das Heimatlob: „Auf unserem Hofe daheim hört man die Gänse schrein…“, während im Hintergrund Stadtansichten von Gelsenkirchen bühnenfüllend eingeblendet werden. Große Begeisterung; tosender Applaus. Lobenswert: Obwohl auf Deutsch gesungen wird, wird auf eine Übertitelung nicht verzichtet, was das Text- und Handlungsverständnis nachhaltig unterstützt.

In den kleineren Rollen: Jiyuan Qiu und John Lim,  Opern und Extrachor und Statisterie des MiR. Es spielt die Neue Philharmonie Westfalen unter der wunderbaren Leitung von Giuliano Betta, der mit großer Leidenschaft gerade in den ausgiebigen orchestralen Teilen jede Feinheit der Partitur auslotet. Inszenierung und Bühne: Michiel Dijkema, Kostüme: Jula Reindell, Licht: Thomas Ratzinger, Choreografie: Denis Untila,  Dramaturgie: Anna Chernomordik

Schwanda der Dudelsackpfeifer  im MiR, weitere Vorstellungen am 22.6.; 27.6.; 5.7.; 7.7.2019

—| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |—

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Das Rheingold – Richard Wagner, IOCO Kritik, 30.05.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Das Rheingold – Richard Wagner

– Raub und Verschwörung –  Im Rheingold-Express und Untertage –

von Viktor Jarosch

Das Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Die Götterdämmerung bilden ein zeit- und grenzenloses Gesamtkunstwerk der Menschheit: Der Ring des Nibelungen, von seinem Schöpfer Richard Wagner als „Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend“ beschrieben. Zwist und Streit, in welche Götter, Riesen, Naturwesen oder Zwerge in dem Vorabend, in Rheingold, nach wenigen Takten verfallen, begleiten Rheingold auch „auf Erden“: So vollzog Ludwig II die Uraufführung des Rheingold 1869 im Königlichen Hof- und Nationaltheater in München. Gegen den Wunsch Richard Wagners, der weit entfernt in der Schweiz wohnte und nicht anwesend war. In bitteren Versen zeichnet Wagner 1869 seinen Frust über diese, allein von Ludwig II betriebene Uraufführung des Rheingold:

Das Rheingold – Richard Wagner

Spielt nur, ihr Nebelzwerge, mit dem Ringe,
wohl dien‘ es euch zu eurer Torheit Sold;
doch habet ach; euch wird der Reif zur Schlinge;
ihr kennt den Fluch; seht, ob er Schächern hold!
……..
doch euer ängstlich Spiel mit Leim und Pappe
bedeckt gar bald des Niblungs Nebelkappe!

Richard Wagners wahre, seine Uraufführung des Rheingold fand in Bayreuth, am 13. August 1876 statt: zur Eröffnung der ersten Bayreuther Festspiele, als Vorabend des Bühnenfestspiel Der Ring des Nibelungen, hier erstmals zyklisch aufgeführt.

So schwebt seither über jeder Rheingold Inszenierung auch der Geist des Regisseurs: inszeniert er Rheingold als Teil des Ring oder das Einzelkunstwerk. Zwar tauchen in Rheingold erstmals die großen Leitmotive auf, welche das Beziehungsgeflecht in Wagners Bühnenfestspiel symbolisieren, doch die Leitmotivik in Rheingold ist noch spielerisch, nicht dicht geflochten. Rheingold kann so auch Satyrspiel empfunden werden, in welchem, in musikalischem Konversationston, Götter, naive Naturwesen, Riesen, Zwerge, Rheintöchter oder, wie im MiR, verschlagene, brutale, liebevolle oder zickige Menschen handeln und  kommunizieren.

Im Musiktheater im Revier wird Rheingold nicht als MiR-Ring, nicht als zyklische Parabel inszeniert. Michael Schulz, Wagner-erfahrener Regisseur und Intendant des MiR beschließt mit seinem Rheingold eine Reihe von Inszenierungen, welche sich mit Irdischem, dem Ruhrgebiet, dem Bergbau, mit dem Thema „Arbeit“ auseinandersetzen. So zuvor bereits in Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Mythos oder Götter schweben in seiner Inszenierung von Rheingold kaum spürbar mit, dafür aber Bergbau, Maloche, Grubenlampen, Loren und ein Zug.

Das Rheingold – Richard Wagner
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Projektionen begleiten im MiR das vier-minütige Rheingold- Vorspiel: sonnendurchflutete lichte Gewässer schimmern auf dem Prospekt des Theaters, deuten Mythisches an. Doch aller Mythos wird verdrängt, alles wird sehr irdisch, wenn sich zum ersten Bild der Vorhang hebt und das Innere eines langgezogenen Speisewagen mit Abteilen und Speisetheke (Bühnenbild: Heike Scheele) zeigt. Der Speisewagen im Rheingold-Express dominiert, irdisch wie profan, den langen ersten und zweiten Auftritt der Inszenierung; macht alle, Götter, Zwerge, Rheintöchter und Riesen zu menschlichen Wesen, liebende, grobe, tanzende wie hinterhältige. Das Diktum von Regisseur Schulz wird im ersten Bild brutal deutlich: Das Ruhrgebiet ist sichtbar nah; alles ist menschlich in dieser Inszenierung! Götter sind auch nur Menschen!

So lümmelt sich denn Alberich, in altbackener Kleidung und mit Pudelmütze (Kostüme Renée Listerdal) auf einer Sitzbank des Zuges. Die Rheintöchter tauchen nicht aus dem Rhein auf, sondern in knappem sexy Outfit hinter der Theke hervor: „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege! Waglaweia!“ Ein Tabledance, von Woglinde lasziv an einer X-Pole-Stange vollzogen und mehr sollen den aus seinem Zugabteil herüber gekommenen Alberich („He, he! Ihr Nicker! Wie seid ihr niedlich, neidliches Volk“) verführen; alle verschwinden sie dann durch die Zugfenster, erscheinen wieder durch die Waggontüren. Zum Finale des 1. Auftritts, zum Raub des Goldes und den Klagen der Rheintöchter, „Haltet den Räuber! Rettet das Gold“, verfärben sich die projizierten lichten Gewässer im Hintergrund, werden trübe, verschmutzt; deuten den Mythos an, den Untergang von Göttern, Zwergen und Riesen.

Musiktheater im Revier / Das Rheingold - hier : die Rheintöchter im Zug umgarnen Alberich © Forster / MiR

Musiktheater im Revier / Das Rheingold – hier : die Rheintöchter im Zug umgarnen Alberich © Forster / MiR

So erscheint dann auch Wotan, männlich menschlich in elegantem Anzug mit Krawatte, im Rheingold-Express, Walhall besingend („Der Wonne seligen Saal bewache mit Tür und Tor …“).. um dann, ein gelungener Regieeinfall, mit den Riesen Fasolt und Fafner („Sanft schloß schlaf dein Auge..“) zunächst „aus dem Off“ zu kommunizieren. Dann erscheinen die Riesen als irdische muskelbepackte Riesen auf den Bühne, um ihren Lohn für den Bau von Walhall einzufordern. Die sich zickig sträubende Freia wird mit Grubenhelm versehen in einen Grubenaufzug gepresst.

Mit dem 3. Auftritt, Loge führt Wotan in das Halbdunkel des unterweltlichen Nibelheim. Der Rheingold – Mythos, Richard Wagners wunderbare Komposition scheinen nun ein wenig auf. werden vom Bühnenbild gestützt; auch wenn Mime dort mit einem Putzeimer herum läuft und auf seinem Plakat „Gold macht Lust“ irdische Genüsse propagiert. Wotan fährt in einer Lore in das Halbdunkel von Walhall ein, wo (das MiR – Thema „Arbeit“, Ruhrgebiet), stöhnende Erdlinge schuften, frühindustrielle Stahlproduktion andeuten. Kinder weihen Walhall fröhlich ein, irdisch Friedensfahnen winkend: Loges düstere Prophezeiungen kontrastierend. So bleibt Rheingold im MiR beständig irdisch, gutmenschlich wie böse: wenn dann Wotan den an Händen gefesselten Alberich mit einem Dolch ersticht, wenn Fasolt  Fafner mit eine Knüppel erschlägt, wenn Erda – in schickem Kostüm ganz Partylike – Wotan vor „. des Ringes Fluch ..“ warnt. Nicht mehr so irdisch verwebt sich das Bühnenbild in Projektionen, wenn zu Wagners wunderbar romantischer Dichtung „Abendlich strahlt der Sonne Auge; in prächt´ger Glut prangt glänzend die Burg..“ im Bühnenhintergrund Walhall in vielschichtiger Farbenglut andeuten und Wotan und Fricka, nun doch ein wenig göttlich, dort friedlich einziehen.

Musiktheater im Revier / Das Rheingold - hier : Wotan und Fricka, mit Donner, Froh und Freia © Forster / MiR

Musiktheater im Revier / Das Rheingold – hier : Wotan und Fricka, mit Donner, Froh und Freia © Forster / MiR

Trotz Speisewagen, Loren, Ruhrgebiets-Realität und anderem Irdischen auf der Bühne: Richard Wagner verzaubernde Dichtung, seine Komposition brachte das Ensemble mit stimmlicher Vielfalt wie Pracht und gut lesbaren Übertexten zum Leuchten; Bastiaan Evering, von Beginn an ein bleibend souveräner Wotan, ist mit souverän wohltimbrierten Bass-Bariton und eleganter Erscheinung ein sympathischer Mensch.  Wotan im MiR ist kein Göttervater, der widerwillig auf den Ring verzichtet; er möchte seiner Ehefrau Fricka mit der neuen Wohnung in Walhall gefallen. Cornel Frey festigt als Loge in seiner großen Partie das Irdische der Inszenierung: mit darstellerischem Facettenreichtum und wohlverständlichem Charaktertenor ist Frey als Loge steuerndes, gestaltendes Element der Inszenierung. Urban Malmberg ist als Alberich in profane Kleidung mit Pudelmütze ein herzlos kleingeistiger Kapitalist, beständig und laut schimpfend. Während sich Khanyiso Gwenxane mit elegantem Belcanto als Froh und Piotr Prochera als stimmlich gut aufgelegtem Donner (immer mit schwerem Hammer bewehrt) wunderbar ergänzen. Petra Schmidt ist die zickige Freia, Lohn für die körperlich breit ausstaffierten und stimmlich ebenso sicheren Riesen Fasolt (Joachim Gabriel Maaß und Fafner (Michael Heine). Stark, bewundernswert Almuth Herbst mit sicherem Mezzo in ihren Partien als Fricka und Erda: mit wohltimbrierter Gelassenheit, Persönlichkeit eigenen Charakter verleihend.

Giuliano Betta und die Neue Philharmonie Westfalen lassen Richard Wagners klangliche Momente des Rheingold lyrisch leben. Die wagnersche Dichtung, seine packenden Konversationspassagen kommen durch das sensible Dirigat und ein gut eingestelltes Ensemble wohltuend zur Geltung. So könnte man ein wenig glauben, daß im MiR das Irdische der Inszenierung und der Weltgeist der Komposition verschmitzt miteinander kokettieren.

Das Gelsenkirchener Publikum des MiR, in der Mitte des Ruhrgebiets gelegen, feierte diese Sicht des  Rheingold, ihren Rheingold-Express, ihr Ensemble, ihren Regisseur.

Das Rheingold am Musiktheater im Revier; die weiteren Vorstellungen: 30.5.; 2.6.; 9.6.; 20.6.; 30.6.2019

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Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – Bertolt Brecht, Kurt Weill, IOCO Kritik, 02.02.2019

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – Bertolt Brecht / Kurt Weill

Brechts Antkapitalismus im „Pott“ – Mit sarkastisch lokaler Prägung

von Viktor Jarosch

Wenn ein Kapitalismus-kritisches Werk wie Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny „im Pott, in Gelsenkirchen, geographisches Herz des von dramatischen industriellen Umbrüchen und sozialen Verwerfungen heimgesuchten Ruhrgebiets, aufgeführt wird, sind  lokale Bezüge unvermeidbar. Das Musiktheater im Revier, MiR präsentiert nun eine künstlerisch anspruchsvolle Mahagonny-Produktion, vom eigenen Ensemble mitreißend umgesetzt; mit schräg-komischem lokalem Sarkasmus versetzt, welcher die zynische Welt von Bertolt Brecht und Kurt Weill humorig ergänzt. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny reiht sich so ein in eine starke Serie neuer, bewegender Produktionen des MiR.

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny   –  Bertolt Brecht / Kurt Weill
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Mahagonny, 1927 als Songspiel entstanden, wurde adaptiert und 1930 in Leipzig als „episches Theater“ uraufgeführt. Episches Theater, ein von Bertolt Brecht geprägter Begriff, kokettiert, spielt in seinem Bühnenwerken antikapitalistisch zynisch und bunt mit gesellschaftlichen Konflikten, Krieg, ökonomischen Schräglagen. Weills Kompositionen schaffen es auf geniale Weise Musik ohne Einbußen von Qualität zu vereinfachen; so changieren in Mahagonny beständig revuehafte Songs, Choräle, Jazz-Rhythmen und erzählende Elemente in deutscher und englischer Sprache. Klassisches Illusionstheater oder Einzelschicksalen waren nicht Brechts Motivation; er suchte den marxistischen Diskurs. Brechts „Antikapitalismus-Philippiken“ lösten in der Öffentlichkeit zwar Diskussionen aus, aber keine Revolutionen. Der Kapitalismus vereinnahmte Brecht, durch Akzeptanz und Popularität. Mahagonny im MiR lebt, atmet Brechts kontroverses episches Theater in modernem Gewand und bietet eine notwendige Alternative zum klassischem Theaterrepertoire.

Jan Peter, bisher als Filmemacher, nicht als Opernregisseur bekannt – bei Schalke 04 schuf er das Video-Design des Schalke-Oratoriums „Kennst du den Mythos? – bringt Mahagonny im MiR mit Ruhrgebiets-Kolorit auf die Bühne: Bergleute, Förderturm, Würstchen. Jan Peters Vita zeigt sich dazu in Videos, Projektionen und schwarzweißen historischen Kriegsfilme, welche mit dem Vorspiel die ganze Inszenierung durchziehen; das Geschehen auf der Bühne beständig mit hintergründiger Endzeitstimmung begleiten: So zeigen sich zum Vorspiel von Mahagonny, auf dem sich hebenden Bühnenvorhang, Filmszenen des 2. Weltkriegs, marschierende Soldaten, kämpfende Jagdflieger, hungernde KZ-Insassen; zum Ende  Atombomber, welche tödliche ihe Last abwerfen.

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : Witwe Begbick und Fatty © Karl + Monika Forster

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – hier : Witwe Begbick und Fatty © Karl + Monika Forster

Im ersten Bild, einer halbdunklen, immer wieder von Scheinwerfern durchzogenen Bühne, erscheinen die flüchtenden, steckbrieflich gesuchten Witwe Begbick (Almuth Herbst), Fatty (von einer Frau besetzt: Petra Schmidt) und Dreieinigkeitsmoses (Urban Malmberg). Ihr Auto an einem Wüstenrand gestrandet und sie beschließen: „ Der Wagen ist kaputt. Ja, dann können wir nicht weiter. Gut, dann bleiben wir hier“. Witwe Begbick verkündet Wesen und Gesetze von Mahagonny :„Ihr bekommt leichter das Gold von Männern als von Flüssen! Darum laßt uns hier eine Stadt gründen. Und sie nennen Mahagonny, Das heißt: Netzestadt!  Und eine Woche ist hier: Sieben Tage ohne Arbeit“. Anna Maria Münzner kreiert dazu für das MiR auffällige Kostüme: Witwe Begbick mit Reitpeitsche, verwegenen roten Lockenzöpfen und prall rotem Western-Dress (Foto); Fatty, eine Frau mit weißem Zopf in coolem schwarzen Kleid; Dreieinigkeitsmoses, ein schwächlicher, kleiner Mann mit Augenbinde: mit unbegrenzten Glücksversprechen werden sie zu Göttern, Götzen ihrer neuen Gemeinde Mahagonny..

Bertolt Brecht Berlin © IOCO / Rainer Maass

Bertolt Brecht Berlin © IOCO / Rainer Maass

Sechs „sehr willige“ Mädchen sind die ersten weiblichen Ankömmlinge in Mahagonny, Jenny Hill (Anke Sieloff), noch brav in bürgerlich in blauem Kleid lyrisch schwermütig singend: „Oh show us the way to the next whisky-bar..“, und jenen populären Klassiker „Oh! Moon of Alabama We now must say good-bye, We ’ve lost our good old mamma, And must have whisky, Oh! you know why“. Während unter der sich leicht hebenden Bühne erste aber markante Ruhrgebiets-Bezüge sichtbar werden; das Volk ist Kumpel mit Grubenhelmen und Grubenlampen, singend: „Wir wohnen in den Städten. Unter ihnen sind Gossen, In ihnen ist nichts, Über ihnen ist Rauch. Wir sind noch drin, Wir haben nichts genossen, Wir vergehen rasch“. Während über ihnen, in Mahagonny, schon „Fahrscheine zum Glück“ verkauft werden.

Auch vier ehemalige Goldschürfer aus Alaska wollen nach Mahagonny, es müssen Gelsenkirchener Kohleschürfer sein, denn:   „Dort gibt es Fleischsalat!“: Paul Ackermann (Martin Homrich), Jakob Schmidt (Tobias Glagau), Sparbüchsenheinrich (Petro Ostapenko), Alaskawolfjo (Joachim Gabriel Maaß), Tobby Higggins (Jiyuan Qiu) treffen ein. Paul verliebt sich sogleich in Jenny, welche die Bedingungen ihrer Beziehung regelt. Der Aufstieg der Stadt Mahagonny hat begonnen.

Die Drehühne (Kathrin-Susann Brose) öffnet im nächsten Bild den Blick auf das nun in Mahagonny herrschende locker laszive Leben: Männer werden vor einer Kneipenfassade von Frauen verwöhnt; hinter durchsichtigen Vorhängen der Kneipenfenster räkeln sich Frauen sinnlich. Bis ein tödlicher Wirbelsturm (Projektion: „Pensacola ist zerstört“) angekündigt wird; den auf der Erde kauernden Menschen werden Bibeln und auch Gasmasken verteilt und Witwe Begbick ein neues Gesetz, totale Anarchie verkündet: „Du darfst alles!“, doch nur, wenn man Geld hat; begleitet von dem elegischen Song: „Denn wie man sich bettet, so liegt man, es deckt einen da keiner zu. Und wenn einer tritt dann bin ich es; und wird einer getreten, dann bist´s du“. Den Fall der Stadt Mahagonny läutet zum Ende des ersten Aktes ein Kumpel-Ruf ein: „Möchte noch jemand Würstchen?“

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : Jakob Schmidt frisst sich an Würstchen - welche vom Himmel regnen - zu Tode © Karl + Monika Forster

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – hier : Jakob Schmidt frisst sich an Würstchen – welche vom Himmel regnen – zu Tode © Karl + Monika Forster

Die angepriesene totale Anarchie von Mahagonny prägt im MiR deftiger „Lokalkolorit“: wenn Jakob Schmidt sich an Würstchen zu Tode frisst; solche regnen in Massen vom Himmel; wenn Männer, von einem großer Poster „Ficken“ angelockt, hinter einem grünen Vorhang verschwinden und schwankend, schwächelnd, dümmlich grinsend hervorkommen; wenn Alaskawolfjo beim Preisboxen gegen Dreieinigkeitsmoses stirbt, mit einer Kreissäge zerlegt und in einem nahen flackernden Ofen verbrannt wird; wenn Paul Ackermann nach seiner Spendierfreudigkeit bei ein Trinkgelage seine Schulden nicht bezahlen kann und verhaftet wird: „Du darfst alles, aber musst immer Geld haben!“. Den Fall der Stadt Mahagonny vertiefen zynisch humorige Zerrbilder im 3. Akt.

Wenn Witwe Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses von der Spitze eines symbolisierten Kohle-Förderturmes, als Götter, Richter oder Henker handelnd, Urteile verkünden: Links und rechts des Turmes schweben angeklagte Delinquenten in „Fördersesseln“ auf und ab: Mörder Tobby Higgins wird, nachdem er die Richter bestochen hat, frei gesprochen; der wegen Mangel an Geld („was das grösste Verbrechen ist, das auf dem Erdenrund vorkommt“) angeklagte Paul wird zum Tode verurteilt, mit der Kreissäge getötet und nach einem okkulten Trauermarsch im Verbrennungsofen „entsorgt“. Mahagonny geht unter: Die demonstrierende Bevölkerung wird erschossen; Videos zeigen eine untergehende Welt mit Bombern die Atombomben abwerfen; derweil Witwe Begbick, Fatty und Dreieinigkeitsmoses unberührt weiter ziehen: „Let us go to Benares..!“

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny - hier : auf dem Förderturm: Witwe Begbick verkündet Paul Ackermann sein Urteil © Karl + Monika Forster

Musiktheater im Revier / Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – hier : auf dem Förderturm: Witwe Begbick verkündet Paul Ackermann sein Urteil © Karl + Monika Forster

Neben der Video-gestützten Regie überzeugte die Premiere auch musikalisch: Thomas Rimes führte die Neue Philharmonie Westfalen, Ensemble und Chor auf der Bühne sicher durch die facettenreiche, filigrane Produktion. Im darstellerisch und stimmlich großartigen Ensemble gestalteten Almut Herbst als Witwe Begbick mit Petra Schmidt als Fatty und Urban Malmberg als Dreieinigkeitsmoses ein wunderbar zentrales wie dominantes gangsterkapitalistisches Dreigestirn. Anke Sieloff gab Jenny Hill mit zart lyrischer Stimme sanftes Charisma; auch die Goldschürfer, Petro Ostapenko als Sparbüchsenheinrich, Joachim Gabriel Maaß als Alaskawolfjo und Martin Homrich als Paul zeigten auf dem schmalen aber komplexen Grat Brechtscher Komik, stets zwischen Parodie, Slapstick und Zynismus wandelnd, mit großer Kunst.

Bertolt Brecht Werke wurden nur selten im MiR aufgeführt: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny vor 35 Jahren. Das Publikum feierte Regie, Ensemble und Orchester der Inszenierung gleichermaßen begeistert, zeigte, dass Brecht / Weill im Spielplan vermisst wurde.

In der folgenden Premierenfeier diskutierten, genossen noch 500 Besucher im Foyer des Hauses über Stunden froh und lebhaft die gesehene MiR Produktion; untereinander, mit Ensemble, Chor, Statisten und Orchester das Gesehene, das Gespielte. Grubenlampen allerdings waren dort nicht zu sehen.

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny im Musiktheater im Revier; die folgenden Vorstellungen 2.2.; 14.2.; 22.2.2019

—| IOCO Kritik Musiktheater im Revier |—

Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach, IOCO Kritik, 12.06.0217

Juni 13, 2017 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Musiktheater im Revier, Oper

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach

 In Lutters Weinschänke leben Hoffmanns Phantasmagorien

Von Viktor Jarosch

E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822) schrieb, zeichnete, malte kunstvoll: Anregend wie provokant. Erfolgreich als Jurist, Zeichner, Karikaturist, Schriftsteller, Komponist litt Hoffmann sehr unter der nach-Napoleonischen Restauration Preußens. In Frankreich avancierte Hoffmann früh zum Klassiker, dort von Heinrich Heine, Victor Hugo, Honoré de Balzac verehrt. In Deutschland dagegen blieb Hoffmann lange höchst umstritten: Goethe unterstellte Hoffmannfieberhafte Träume eines … kranken Gehirns“; Nobert Koenig folgte der preußischen Restauration als er 1890 zu  E.T.A. Hoffmann in seiner Deutschen Literaturgeschichte schrieb:  „..unter dem Einfluss wüster Orgien wurde der Hang zum Dämonischen (..in Hoffmann..) immer stärker.. zu großem fähig, wenn es ihm möglich gewesen wäre, sich und seine Gaben in Zaum und Zucht zu halten“

 Jacques Offenbach Grabstaette in Paris © IOCO

Jacques Offenbach Grabstaette in Paris © IOCO

Jules Barbier und Michel Carré, grosse Bewunderer von E.T.A. Hoffmann, Franzosen nicht Deutsche, schufen aus Hoffmanns Werken Sandmann, Rat Krespel, Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild, Klein Zaches schon 1851 das fantastische Drama Les Contes D´Hoffmann, darin sie Hoffmann selbst zum Mittelpunkt machten. Barbiers und Carrés Phantasmagorie inspirierte den Kölner neu–Pariser   Jakob Jacques“ Offenbach (1819 – 1880) zu seiner Oper Hoffmanns Erzählungen. Jules Barbier schuf dazu das Libretto. Doch als Offenbach  schon 1880 starb hinterließ nur unfertiges, keine eindeutige, authentische Partitur. Allein der  Klavierauszug zu Hoffmanns Erzählungen ist authentisch, von Offenbach. Léon Carvalho und Ernest Guiraud stellten Offenbachs Werk zur Uraufführung 1881 fertig. Bis heute wurde die Oper nach angeblichen oder tatsächlichen Skizzen Offenbachs immer wieder überarbeitet, in vielen Versionen auf die Bühne gebracht. Doch Komposition und Libretto der tragisch-komischen Allegorien zu Liebe, Einsamkeit und Tod in Hoffmanns Erzählungen lassen unverwechselbar Offenbach wie E.T.A. Hoffmann spüren. Hoffmann Erzählungen wurde ein großer Erfolg, auch in Deutschland. In Frankreich ist Les Contes D´Hoffmann nach Bizets Carmen heute die meistgespielte Oper.

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen - Hoffmann und die Muse © PEDRO MALINOWSKI

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen – Hoffmann und die Muse © PEDRO MALINOWSKI

Lutters Weinschänke in Berlin ist Dreh- und Angelpunkt in der MiRProduktion von  Hoffmanns Erzählungen. Die von Alkohol wie Fantasien verwebten Zerrbilder des Hoffmann, seine Begegnung mit dem Kunstmensch Olympia, der Sängerin Antonia und der Schlemil-abhängigen Giulietta, all dies bilden Michiel Dijkema, Regie, Jula Reindell, Kostüme und Stephanie Meier, Licht, in Lutters Weinschänke ab. Dort war Hoffmann  tatsächlich oft Gast. Die Weinschänke spiegelt Hoffmanns wahres Leben wieder, dort hatte er seine Trinkgenossen, dort wirkten Hoffmanns reale Frauen Stella, die Muse wie seine Zerrbilder, Olympia, Antonia, Giulietta. 

So zeigt das MiR mit den ersten Takten Lutters Weinschänke, in farbig-fettes Licht getaucht, noch leer, Stühle, ein Tisch. Die Muse (Almut Herbst) erklärt die Gefahren einer bürgerlichen Ehe bis Lindorf  (Urban Malmberg), in schwarz glänzendem Kostüm bedrohlich wirkend, einer Wolke entsteigt. Mit wohltimbriertem Bariton beginnt Lindorf im MiR mit Jacques Offenbachs  romantische Phantasmagorie: Lärmende Besucher und Trinkgenossen in Lutters Weinschänke fordern von dem liebeskranken Hoffmann das Lied von Klein Zaches: Joachim Bäckström, in Deutschland noch wenig bekannter, junger Schwede, beginnt mit dieser Arie ein starkes Rollendebut als Hoffmann im MiR: Darstellerisch wie stimmlich ungewöhnlich präsent: Mit bruchlos strahlend jungem Tenor und gut verständlichem Französisch zeichnet Bäckström  Hoffmann Gefühle schon in der populären frühen Arie des Klein Zaches in verblüffender klarer Diktion und kraftvoll lyrischer Romantik. Bäckströms wohl timbrierte Stimme formte mit Beginn den mitreißenden Charakter dieser Hoffmann-Produktion, in einem insgesamt stimmstarken MiR- Ensemble.

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen - Olympia © PEDRO MALINOWSKI

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen – Olympia © PEDRO MALINOWSKI

Im zweiten Bild um die tanzende wie singende Kunstpuppe Olympia (Dongmin Lee) und den Augenhändler Coppelius (Urban Malmberg) wird die Weinschänke um zwei riesige Augen ergänzt. Hoffmann kann nun, mit Kunstbrille des Coppelius, die Welt sehen, wie er sie möchte. In wunderbar filigraner wie skurriler Choreographie (Dramaturgie Anna Grundmeier) verwandelt sich die zunächst reglose Olympia in eine tanzende wie singende Puppe, welche auch mit Hoffmann tanzt. Auffällig die Choreographie zu diesem Bild: Das in klassisch blaue Gewänder gekleidete Ensemble agiert ebenso mechanisch auf kleine Zeichen der Olympia. Die anspruchsvolle, von Dongmin Lee mit warm lyrischem Sopran lebendig vorgetragene Koloraturarie „Les oiseaux dans la charmille“, begeistert das MiR Publikum, viel Beifall. Der Chor, gut eingestellt  von Alexander Eberle, schließt das zweite Bild, Hoffmann verhöhnend: „Er liebte einen Automat“.  Im dritten Bild um die dem Gesang verfallene Antonia  und ihren sie schützenden Vater, den Rats Crespel,  gestalten Instrumente, Cello, Kontrabass die Weinschänke. Antonia  (Solen Mainguené) läßt, der Partitur folgend, ihrer Stimme mit  „Ma mère, ma mère, son âme m’appelle“ “wunderbar freien Lauf“. Joachim Maaß integriert, überzeugt als als Crespel  darstellerisch wie stimmlich.

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen - Hoffmann und Giulietta © PEDRO MALINOWS

MIR Gelsenkirchen / Hoffmanns Erzählungen – Hoffmann und Giulietta © PEDRO MALINOWS

Das vierte Bild um die habgierige Kurtisane Giulietta (Petra Schmidt) verwandelt die Weinschänke in laszives Venedig: Giulietta, in eindeutigem Kleid und mit Augenbinde eine sichtbar professionelle Kurtisane, und wie die Gäste mit erotisierenden Spielchen beschäftigt, eine über den Protagonisten hängende, gelegentlich feuerspuckende Gondel, den Canale Grande andeutende rot-weiße Säulen. Mitreißend gesungen von Giulietta und Chor die hochromantische Barcarole „Belle nuit, ô nuit d’amour, Schöne Nacht, du Liebesnacht“. Doch auch Urban Malmberg, hier als Dappertutto  beschwört Giulietta erneut in lyrisch ergreifender Arie mit seinem Diamanten „Tourne, tourne, miroir“ um das Spiegelbild des Hoffmann, verliert Hoffmann seinen Schatten, von Joachim Bäckström erneut mitreissend gesungen: „ Ô Dieu! de quelle ivresse“Im fünften Bild finden sich der betrunkene vom Erzählen benebelte Hoffmann, sein Gegenspieler Lindorf, die Muse wie die weiblichen Trugbilder in Lutters Weinschänke.

Musiktheater im Revier/ Hoffmanns Erzaehlungen _ Ensemble zum Premierenapplaus © IOCO

Musiktheater im Revier/ Hoffmanns Erzaehlungen _ Ensemble zum Premierenapplaus © IOCO

Die Entstehung von Hoffmanns Erzählungen ist spannend wie komplex; ähnlich viele Optionen bestehen, die Oper zu inszenieren. Das MiR macht Lutters Weinschänke  zum plausiblen Fixpunkt um Hoffmanns Traum- und Zerrbilder von Frauen. Erneut überrascht und begeistert, welch große Produktion das MiR erneut erfolgreich stemmte. Das plausible Hoffmann-Regiekonzept, wunderbare Stimmen, Lichteffekte und reiche Choreographie rissen das Publikum zu Beifallsstürmen hin. In der folgenden Premierenfeier wurden die Beteiligten, einschließlich Intendant Schulz, ausgiebig gefeiert.

Hoffmanns Erzählungen: Weitere Vorstellungen im MiR: 18.6.2017, 22.6.2017, 24.6.2017, 30.6.2017, 9.7.2017, 3.9.2017, 17.9.2017, 24.9.2017

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