Wien, Peterskirche, Oper in der Krypta – ein kleines Theaterjuwel, IOCO Aktuell, 01.10.2020

September 30, 2020 by  
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 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien
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OPER IN DER KRYPTA

Österreichs kleinstes Operntheater – in der Peterskirche von Wien

von Marcus Haimerl

Zwar gibt es in Wien zahlreiche Kultureinrichtungen, doch die Krypta der Wiener Peterskirche im Zentrum von Wien gelegen, bietet ein ganz besonderes Theaterjuwel: die  Oper in der Kryptadas wohl kleinste Operntheater Österreichs: benannt nach seinem Spielort:

Intendantin Dorothee Stanglmayr gründete Oper in der Krypta im Dezember 2014 und zählt mittlerweile zum fixen Bestandteil der Wiener Kulturlandschaft.

Wer sich über Stiegen in die Tiefen der Wiener Peterskirche begibt, erlebt dort Oper der ganz besonderen Art. Die begrenzte Anzahl der Sitzplätze und die Nähe zu den Sängern schenkt den Künstlern ebenso wie dem Publikum ein ganz besonderes Gefühl, jenes hautnah am Geschehen zu sein oder sich vielmehr als Teil der Darbietung fühlen zu können.

Vier Sparten umfasst das Programm von Oper in der Krypta: von Oper über Kinderoper über Operette und klassische Konzerte; aber auch Lieder- und Arienabende. Jedes Jahr  erlebt das Publikum von Wien so etwa 160 Vorstellungen mit über hundert Künstlern.

Oper in der Krypta Wien / vl Florian Pejrimovsky - Dorothee Stanglmayr © Klaus Stanglmayr

Oper in der Krypta Wien / vl Florian Pejrimovsky – Dorothee Stanglmayr © Klaus Stanglmayr

Bisher ohne Förderungen oder Subventionen auskommend, gelang es Dorothee Stanglmayr, nicht nur das Wiener Publikum zu begeistern, auch Touristen finden regelmäßig den Weg in ihr Operntheater. Im Bereich der Kinderoper ist Oper in der Krypta der führende und größte Anbieter europaweit.

Neben Dorothee Stanglmayr lenken auch Florian Pejrimovsky, der auch in den großen Baritonpartien auf der Bühne zu erleben ist, als künstlerischer Leiter und Ekaterina Nokkert als musikalische Leiterin die Geschicke dieses Operntheaters und konzipieren gemeinsam eine vielversprechende Zukunft dieser erfolgreichen Bühne. Zu den Künstlern die man in diesem Haus erleben darf, zählen neben renommierten Künstlern wie der Sopranistin Magdalena Renwart-Kahry junge, aufstrebende Künstler, deren Werdegang man hautnah miterleben kann.

Beachtlich ist auch das bisherige Repertoire von Oper in der Krypta. Neben den erwähnten Konzerten und Lieder- und Arienabenden, konnte man bereits zahlreiche Opern , Kinderopern und Operetten erleben. Dazu zählen bei den Opern Puccini: La Bohème, Tosca, Madama Butterfly, Verdi: La Traviata, Don Carlo, Rigoletto, Mozart: Don Giovanni, Le nozze di Figaro, Bastien und Bastienne, Donizetti: L’elisir d’amor, Lucia di Lammermoor, Bellini: Norma, I Puritani und I Capuleti e i Montecchi, Rossini: Il barbiere di Siviglia, Bizet: Carmen oder aber auch Gounod: Roméo e Juliette und Wagner: Der fliegende Holländer, Tschaikowski: Eugen Onegin, Humperdinck: Hänsel und Gretel, Haydn: Der Apotheker und Mascagni mit  Zanetto.

Im Bereich der Operette von Johann Strauss (Wiener Blut, Die Fledermaus und Eine Nacht in Venedig), von Franz Lehár Die lustige Witwe, Carl Millöcker Der Bettelstudent oder von Carl Michael Ziehrer  Der Liebeswalzer.

Oper in der Krypta Wien / hier Emi Nakamura - Magdalena Renwart in Madama Butterflay © Klaus Stanglmayr

Oper in der Krypta Wien / hier Emi Nakamura – Magdalena Renwart in Madama Butterflay © Klaus Stanglmayr

Auch ein ganz besonders intensives Musical konnte man bereits in der Krypta erleben: Leonard Bernsteins West Side Story in einem intimen, berührenden Rahmen.
Zu den zahlreichen Kinderopern zählen neben Wolfgang Amadeus Mozarts Zauberflöte und Richard Wagners Ring des Nibelungen für Kinder und Carl Maria von WebersAbu Hassan Rotkäppchen, Rumpelstilzchen, Das tapfere Schneiderlein, Aladin und die Wunderlampe und Schneewittchen zur Musik diverser Komponisten, nach Libretti von Alice Waginger.

www.inhoechstentoenen.com

Seit März 2020 zählt auch die Oper in der Krypta zu jenen Betrieben, die schwer unter der Corona-Krise zu leiden haben. Vom Staat wurde keine Ausfallsentschädigung bezahlt und durch die aktuellen Bestimmungen ist die Zahl der überschaubaren Sitzplätze noch stärker verringert um sämtliche Auflagen erfüllen zu können. Derzeit ist die einzige Möglichkeit eines Fortbestands für dieses besondere Operntheater der Treue des Publikums und der Künstler geschuldet.

Damit Oper in der Krypta auch Weiterhin ein fixer Bestandteil der lebendigen Wiener Kulturszene bleiben kann hofft man neben den treuen Besuchern auch auf interessiertes neues Publikum. In jedem Fall erarbeitet das Team von Oper in der Krypta an neuen innovativen und spannenden Projekten.

Das interessierte Publikum findet das vollständige Programm der Oper in der Krypta immer auf der hier folgenden Homepage der Konzertagentur Stanglmayr „In höchsten Tönen“, link HIER folgend:

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—| IOCO Aktuell Oper in der Krypta |—

Wien, Oper in der Krypta, OPERA DIVA – Soloabend Isabella KUESS, IOCO Kritik, 02.10.2019

Oktober 2, 2019 by  
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 Peterskirche  / im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche / im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

 OPERA DIVA –  Soloabend Isabella Kuëss

Oper in der Krypta – Peterskirche von Wien

von Marcus Haimerl

Nicht nur zahlreiche Opernaufführungen bietet Oper in der Krypta dem Publikum, auch die (Solo-)Konzerte begeistern regelmäßig das Publikum in der Krypta der Wiener Peterskirche.

In ihrem Soloprogramm OPERA DIVA singt die Wiener Sopranistin Isabella Kuëss einige der großen Arien der Opernliteratur, virtuos begleitet am Klavier von Victoria Choi. Das Motto des Abends wird hier durchaus ernstgenommen, die dramatischen Klänge der großen italienischen und deutschen Partien liegen der jugendlich-dramatischen Sängerin ideal in der Kehle und sie erweckt die unterschiedlichen Heldinnen/Diven mit viel künstlerischem Feingefühl zum Leben.

Den Abend eröffnete Antonín Dvo?áks Arie „M?sí?ku na nebi hlubokém (Mond, der Du am tiefen Himmel stehst) aus der Oper Rusalka, welche von Isabella Kuëss tieftimbriert und sehnsuchtsvoll vorgetragen wurde.

Zu ihren Paraderollen in der Krypta der Peterskirche zählt zweifelsohne jene der Floria Tosca aus Puccinis Meisterwerk Tosca. Folgerichtig durfte an diesem Abend die große tragische Arie der Tosca „Vissi d’arte“ nicht fehlen. Mit tiefer Inbrunst und schwelgend-weicher Stimme sendet Isabella Kuëss dieses Gebet zum Himmel.

Einer anderen Diva, der größten Schauspielerin ihrer Zeit, Adrienne Lecouvreur (1962 – 1730), widmete Francesco Cilea eine ganze Oper. In der Arie „Io son l’umile ancella“ beteuert Adriana Lecouvreur, nur eine Dienerin der Schauspielkunst zu sein.

Oper in der Krypta / Soloabend mit Isabella Kuëss © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Soloabend mit Isabella Kuëss © Marcus Haimerl

In einem Programm mit dem Motto Opera Diva darf natürlich auch eine Arie nicht fehlen, die von allen großen Sopranistinnen interpretiert wurde, deren dazugehörige Oper jedoch leider sehr selten aufgeführt wird. „Ebben! Ne andrò lontana“ aus Alfredo Catalanis Oper La Wally nach dem Roman Die Geierwally der aus München gebürtigen Schriftstellerin Wilhelmine von Hillern. Nachdem Wally ihrem Vater, einem Gutsbesitzer, die Heirat mit dem Gutsverwalter verweigert, wird sie verstoßen und beschließt in dieser Arie, sich in die Einsamkeit der Hochalm zurückzuziehen. Diese Mischung aus Melancholie und Willensstärke weiß Isabella Kuëss in ihrer Interpretation gelungen zu vermitteln.

Mit „Pace, pace, mio Dio“, der großen Arie der Leonore aus La forza del destino widmet sich die Sopranistin schließlich dem Meister der italienischen Oper, Giuseppe Verdi. Sie beginnt das Gebet mit feinzieselierten Piani und berührender Schwermut, bis die Verfluchungen am Ende in glanzvoller Dramatik hervorbrechen und für Gänsehaut sorgen.

Der Abschluss des ersten Teils gehörte schließlich der machtgierigen Lady Macbeth. Bei „Vieni, t’affretta … Or tutti sorgete“ aus Verdis Macbeth, der wohl bekanntesten Arien zum Thema Motivation, verfärbte sich die Krypta blutrot und kurzerhand wird der Brieföffner der Lady zur gefährlichen Waffe. Hier entfaltete sich die ganze vokale Dramatik der Sopranistin zu einem fulminanten Finale vor der Pause.

Oper in der Krypta / Isabella Kuëss und Victoria Choi © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta / Isabella Kuëss und Victoria Choi © Marcus Haimerl

Victoria Choi erweist sich nicht nur als erstklassige Begleiterin durch den ganzen Abend, sie brilliert auch in ihren auf das Programm abgestimmten Solostücken. Mit einer feinfühligen Interpretation der Ouverture aus Verdis La Traviata beweist die Pianistin ihr Talent für Italianità ebenso, wie in der virtuos-beschwingten Ouverture zu Donizettis L’elisir d’amore.

Im zweiten Teil des Abends begeisterte Victoria Chois intensive und tiefschürfende Interpretation nochmals mit einem Klavierwerk Johannes Brahms: aus den 6 Klavierstücken Opus 118 erlebte das Publikum die Nr. 2, das Intermezzo andante teneramente in A-Dur.

Nach der Pause widmete sich Isabella Kuëss dem deutschen Fach. Zu Beginn stand Carl Maria von Weber mit Agathens Arie „Wie nahte mir der Schlummer… Leise, leise, fromme Weise“ aus Der Freischütz. Schon bei der Interpretation dieser Arie erkennt man die besondere Eignung der Sängerin für das deutsche Fach. Auch bei Richard Wagner ist Isabella Kuëss sichtlich zu Hause. Nicht umsonst war die Sopranistin 2018 Stipendiatin des Wiener Wagner-Verbands. Mit „Stehe still!“ aus den Wesendonck-Liedern und Elsas Arie „Einsam in trüben Tagen“ aus Lohengrin konnte sie das Publikum begeistern. Sanft und wunderschön lyrisch hallt hier der Ruf nach dem ihr Rettung verheißenden Ritter in der Kuppel der Krypta wider.

Auch Richard Strauss durfte in diesem Programm nicht fehlen und was könnte besser passen, als die Arie einer Rolle, die sich im ersten Teil der Oper Primadonna nennt. Mit „Es gibt ein Reich“ aus Ariadne auf Naxos gelingt es Isabella Kuëss, die Düsternis des von Ariadne besungenen Totenreichs in der Krypta spürbar zu machen.

Der offizielle Teil des Abends endete im Grunde mit einer Begrüßung und kehrt zu Richard Wagner zurück. Mit der berühmten Hallenarie aus Tannhäuser, „Dich teure Halle grüß ich wieder“, vermag Isabella Kuëss noch einmal mit voller Dramatik und scheinbar mühelosen, glänzenden Spitzentönen zu begeistern.

Mit der ersten Zugabe kehrte die Sängerin mit einer der beliebtesten Arien aus der selten gespielten Oper Gianni Schicchi zu Puccini zurück. Ihr schmelzendes „O mio babbino caro“, voll sehnsüchtiger Legati und frischer Höhen machte diese oft gehörte Arie doch erneut zu einem Genuss.

Mit der letzten Zugabe wandte sich die Künstlerin nochmals Richard Wagner und den Wesendonck-Liedern zu. Als Studie zu Isoldes Liebestod geschrieben, erklingt „Träume“ als ein versöhnender Abschluss, sozusagen als Liebeserklärung an die Bühne.

Mit diesem positiven Grundton endete ein besonderer Konzertabend, der vom Publikum mit entsprechendem Jubel bedacht wurde.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

Lilienfeld, Stift Lilienfeld, La Traviata – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 09.06.2019

 

 Stiftskirche Lilienfeld © Marcus Haimerl

Stiftskirche Lilienfeld © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld

La Traviata – Giuseppe Verdi

Große Oper im Dormitorium des Stift Lilienfeld

von Marcus Haimerl

Oper in der Krypta gastierte mit Giuseppe Verdis zur Erfolgstrias von 1851/53 zählender Oper La Traviata im Stift Lilienfeld. Das in Österreich zwischen St. Pölten und dem Wallfahrtsort Mariazell liegende Zisterzienserstift, eine Stiftung von Herzog Leopold VI. (1176 – 1230) aus der Familie der Babenberger – heute die größte erhaltene zisterziensische Klosteranlage in Mitteleuropa – beherbergt eine kostbare Kreuzesreliquie.

Der Orden selbst geht auf das Kloster Cîteaux (lat.: Cistercium) zurück, das 1098 in Burgund gegründet wurde. Die zwischen 1202 und 1263 errichtete romanisch-gotische Kirche gilt mit ihren 83 Metern Länge als größte Kirche Niederösterreichs. Die heutige Inneneinrichtung stammt aus der Barockzeit. Da das Stift an der Via Sacra, dem traditionellen Wallfahrerweg zwischen Wien und Mariazell, liegt, wurde das Hauptschiff als heilige Straße gestaltet, die in Richtung Hochaltar mehr und mehr an Goldglanz zunimmt.

Stift Lilienfeld / La Traviata - v.l. Daniel Valero, Calon Danner, Pavel Kvashnin, Chor, Alexandra Matloka, Dana Hammett © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld / La Traviata – v.l. Daniel Valero, Calon Danner, Pavel Kvashnin, Chor, Alexandra Matloka, Dana Hammett © Marcus Haimerl

Im unglaublich beeindruckenden, mittlerweile als Veranstaltungsraum genutzten Dormitorium, konnte das Publikum Giuseppe Verdis Meisterwerk erleben, welches in derselben Regie des künstlerischen Leiters von Oper in der Krypta, Joel A. Wolcott, rund ein Jahr zuvor seine Premiere erlebte. Das Publikum in Lilienfeld erlebte die Geschichte um die schwindsüchtige Kurtisane Violetta Valéry in der der gleichen Frische wie die Wiener ein Jahr zuvor. Für die Umsetzung der Handlung benötigt Joel A. Wolcott wenig Ausstattung und konzentriert sich dabei stark auf die hervorragenden Singschauspieler: Ein Tisch, ein Sofa und zwei Sessel sind ausreichend, um das Liebesdrama von Violetta und Alfredo glaubhaft auf die Bühne zu bringen.

Ergänzt wird das Bühnenbild um Projektionen an die Rückwand des Dormitoriums, die den jeweiligen Handlungsort veranschaulichen. Ein besonders starkes Bild ist die Projektion im dritten Akt: Man sieht eine Taschenuhr, die inmitten abgefallener Blütenblätter fünf Minuten vor 12 Uhr anzeigt; man versteht die Anspielung auf die im Sterben liegende Kameliendame, jenes Romans Alexandre Dumas d.J., der den Rahmen der Handlung für Giuseppe Verdis Meisterwerk bildete.

Joel A. Wolcott lässt bereits in der Ouvertüre, die von der japanischen Pianistin Mami Tsukio hervorragend am Klavier interpretiert wird, drei Protagonisten auftreten. Violetta Valéry wird hintereinander von Gastone und vom Barone Douphol zum Tanz aufgefordert. Dieser Kreis wird sich im Vorspiel zum dritten Akt schließen, wenn sich Violetta, im Fiebertraum und dem Tode nahe, noch einmal von unsichtbaren Herren der Gesellschaft zum Tanzen auffordern lässt.

Père Lachaise / Alphonsine Plessis - Kameliendame im wahren Leben : die Violetta der Oper © IOCO

Père Lachaise / Alphonsine Plessis – Kameliendame im wahren Leben : die Violetta der Oper © IOCO

Die amerikanische Sopranistin Dana Hammett debütierte 2018 bei Oper in der Krypta als ebenso leidenschaftlich liebende wie leidende Kurtisane Violetta und überzeugte mit ihrem wunderschönen, höhensicheren Sopran und starker Mittellage nunmehr auch das niederösterreichische Publikum. Sie berührt intensiv in den lyrischen Passagen der Partie, weiß aber auch in den dramatischen Ausbrüchen die innere Zerrissenheit der Figur musikalisch zu gestalten. Ihre leidenschaftliche Verkörperung dieser tragischen Frauengestalt hinterlässt beim Publikum tiefen Eindruck.

Als ihr leidenschaftlicher Liebhaber Alfredo Germont überzeugt der russische Tenor Pavel Kvashnin, der mit der intensiven Strahlkraft seines kräftigen Tenors das Dormitorium mühelos füllen konnte. Neben der Leichtigkeit, mit der der junge Künstler die Höhen seiner Partie meisterte, war auch die leidenschaftliche schauspielerische Leistung enorm. So konnte man Pavel Kvashnin die Tragik seiner Figur zum Teil schon im Gesicht ablesen.

Als sittenstrenger Vater Giorgio Germont erlebt man den österreichische Bassbariton Florian Pejrimovsky. Durch zahlreiche Auftritte als Scarpia (Puccini Tosca), Rigoletto (Verdi Rigoletto), Colline (Puccini La Bohème) oder als Gefängnisdirektor Frank (Strauss Die Fledermaus), ist er beim Publikum der Krypta in der Wiener Peterskirche ebenso bekannt wie beliebt. Auch in Lilienfeld ist er kein Unbekannter, ist er dort doch Chorleiter des Stiftschores. Florian Pejrimovsky versteht es, mit seinem großen, intensiven Bassbariton Eindruck zu hinterlassen und dominiert mit seiner Stimme ebenso problemlos den Saal. Aus den gemeinsamen Szenen zwischen Bassbariton und Tenor wird hier beinahe ein Kampf der Giganten. Aber auch die leisen Töne sind dem Ausnahmekünstler nicht fremd. Und gerade diese leisen Szenen sind es auch, die Florian Pejrimovsky unglaublich stark darzustellen vermag: Die Zerrissenheit zwischen der harten Schale und dem weichen Kern, zwischen gesellschaftlichen Konventionen und Verständnis für die über gesellschaftliche Zwänge hinausgehende, ehrliche Liebe.

Ebenso erstklassig – um nicht zu sagen luxuriös – sind die kleineren Partien besetzt:
Die französische Sopranistin Alexandra Matloka singt nicht nur die Rolle von Violettas Freundin Flora Bervoix, sondern ist auch jene der Vertrauten und Dienerin Annina. Beide Rollen werden von Alexandra Matloka mit ihrem schönen lyrischen Sopran und ihrer mitfühlenden Darstellung exzellent verkörpert.

Stift Lilienfeld / Traviata - hier : Ensemble, links Karen de Pastel_rechts Buergermeister Wolfgang Labenbacher © Marcus Haimerl

Stift Lilienfeld / Traviata – hier : Ensemble, links Karen de Pastel_rechts Buergermeister Wolfgang Labenbacher © Marcus Haimerl

Um einer kleinen Partie große Bedeutung zu verleihen, braucht man den österreichischen Tenor Calon Danner. Mit seinem schön geführten Tenor und seinem sympathischen, manchmal fast spitzbübischen Charme, lässt Calon Danner in der Partie des Gastone musikalisch und darstellerisch keinerlei Wünsche offen. Auf gleich hohem Niveau erlebt man den jungen mexikanischen Bariton Daniel Valero in der Rolle des Barone Douphol. Mit schönem, vollklingenden Bariton und intensivem Spiel konnte Daniel Valero das Publikum für sich einnehmen. Zum Chor, bestehend aus den beiden wohl disponierten Sopranistinnen Baharan Baniasadi und Natalia Leal, gesellten sich für den ersten Akt auch Statisten aus dem Publikum, die die Bühne als Gäste von Violetta Valérys Fest bereichern.

Die musikalische Leitung lag in den bewährten Händen der bereits zuvor erwähnten japanischen Pianistin Mami Tsukio. Mit ihrem leidenschaftlichen, sehr differenzierten Klavierspiel weiß sich die Künstlerin als hervorragende Begleiterin, die die Stimmen der Sänger mühelos trägt und kann außerdem auch in den Vorspielen zum ersten und dritten Akt ihre Qualitäten als Solistin unter Beweis stellen.

Unter den rund 200 Gästen in Lilienfeld befanden sich als Vertreter des Stiftes Frater, Dr. Michael Vurglics, der gastfreundliche, sympathische Vertreter der Stadt, Bürgermeister Wolfgang Labenbacher mit Gattin, und die Titular-Stiftsorganistin der Stiftsbasilika, Karen de Pastel. Erfreut bedachten sie alle die Künstler für die wirklich gelungene Vorstellung mit Standing Ovations und langanhaltendem Applaus. Dank des großen Erfolges dieses Gastspiels wird Oper in der Krypta im kommenden Jahr mit der Erfolgsproduktion Tosca von Giacomo Puccini ins Stift Lilienfeld zurückkehren.

Kulturbegeisterte müssen aber keineswegs solange warten: Der Traviata folgt bereits am 30. Juni 2019 das Eröffnungskonzert der 38. Sommerakademie Lilienfeld: Karen de Pastel, ihres Zeichens nicht nur Stiftsorganistin, sondern auch Präsidentin der Sommerakademie und Leiterin des Internationalen Kultursommers Lilienfeld wird Ein deutsches Requiem, op. 45, von Johannes Brahms, präsentieren. Das interessierte Publikum kommt also in jedem Fall in Lilienfeld, das unglaublich viele musikalische Höhepunkte präsentieren kann, niemals zu kurz.

—| IOCO Kritik Stift Lilienfeld |—

Wien, Oper in der Krypta, Rigoletto – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 25.04.2019

April 24, 2019 by  
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 Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche im 1. Bezirk von Wien © IOCO

Peterskirche Wien

Rigoletto  –  Giuseppe Verdi 

– hautnah in der Krypta der Wiener Peterskirche  –

von Marcus Haimerl

Giuseppe Verdis Rigoletto erlebte in der Wiener Peterskirche, in der Oper in der Krypta eine fulminante Premiere. Das Libretto von Francesco Maria Piave orientiert sich an Victor Hugos 1832 in der Comédie-Française uraufgeführten Versdrama Le roi s’amuse. 1851 wurde Rigoletto im Teatro la Fenice in Venedig uraufgeführt und war bereits ein Jahr später in einer deutschen Übersetzung von Johann Christoph Grünbaum in Wien zu erleben.

In einer klugen Regie des künstlerischen Leiters von Oper in der Krypta, Joel Wolcott, konnte man tief unter der Wiener Peterskirche Rigoletto hautnah erleben. Für die szenische Umsetzung bedurfte es nicht viel. Das Bühnenbild besteht aus mehreren Holzkuben, die, immer wieder neu arrangiert, völlig neue Kulissen ergeben. Mit nur wenigen Handgriffen wird aus dem Thron im Palast des Herzog von Mantua die Fassade von Rigolettos Haus – von Rigoletto unmissverständlich vor Gilda aufgebaut- oder aber die Eingangstüre zu Sparafuciles Spelunke. Mit Umbauten, die psychologisch motiviert in die Handlung eingebaut waren, ergänzten sie eher die Handlung, als sie zu unterbrechen und ersetzten die für Rigoletto so beliebte Drehbühne ideal.

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto - hier : Florian Pejrimovsky (Rigoletto) - Emi Nakamura (Maddalena) - Sergio Tallo-Torres (Duca) © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto – hier : Florian Pejrimovsky (Rigoletto) – Emi Nakamura (Maddalena) – Sergio Tallo-Torres (Duca) © Marcus Haimerl

Dies gab Raum, sich vollkommen mit Joel Wolcotts exzellenter, dichter Personenführung auseinanderzusetzen, die eine einfühlsame Auseinandersetzung mit der psychologischen Seite des Werks bietet. Auch die Ausstattung steht im Dienst des Erzählens von Seelenzuständen. Mit nur zwei Nicht-Farben, schwarz und weiß, wird klar ersichtlich, dass Liebe und Güte selten sind am schwarz gekleideten Hof des Herzog von Mantua. Rigoletto in seinem schwarz-weißen Narrenkostüm schwankt zwischen den Welten, während Gilda, Rigolettos Tochter, in strahlend weißer Reinheit ein Einzelfall inmitten der düsteren Umgebung ist. Als der Herzog von Mantua (in weißem Cape) sie verführt, überreicht er ihr einen schwarzen Schal, und sie verliert das weiße Taschentuch ihrer Mutter. Wenn Gilda schließlich die Gemächer des Herzogs verlässt, ist ihr Unterrock unter dem weißen Kleid schwarz – das junge Mädchen hat endgültig ihre Unschuld verloren. Auch Gildas Tod ist vermenschlicht und wird dadurch noch berührender. Zwar betritt sie energisch die Gaststube Sparafuciles, bekommt es aber schließlich doch mit der Angst zu tun und versucht zu fliehen, ehe der Auftragsmörder ihrer habhaft werden kann. Durch dieses ehrliche Verhalten gewinnt diese Szene unglaublich an Stärke.

In der Titelpartie erlebt man den aus Wien stammenden Bassbariton Florian Pejrimovsky, der dem Publikum der Krypta bereits aus vielen anderen Partien ein Begriff ist. Ob als gefeierter Scarpia in Puccinis Tosca, Gefängnisdirektor Frank in Strauss‘ Die Fledermaus oder als Colline in La Bohème, Pejrimovsky versteht es stets, sein Publikum in den Bann zu ziehen. Sein Debüt als Rigoletto ist hier keine Ausnahme. Obgleich ein noch sehr junger Rigoletto, beeindruckt er mit seiner reifen Stimmfarbe und Stimmgewalt. Sein „Quel vecchio maledivami“ lässt niemanden kalt und seine große Arie „Cortigiani, vil razza dannata“ wird zu einem explosiven Ausbruch des Leidens. Er ringt mit berührender Vaterliebe verzweifelt um das einzige Licht in seinem Leben und entkommt doch nicht seiner Rolle als verbitterter Hofnarr und Zyniker. Die Schlichtheit und Aufrichtigkeit, mit der er die Figur zum Leben erweckte, bestrickte und überzeugte weitaus mehr, als alle zustützliche Exzentrik es gekonnt hätte.

Die in Südkorea geborene Jay Yang gestaltet die Partie der Gilda mit einem schönen, glasklaren Sopran scheinbar mühelos. Die gefragte Belcanto-Spezialistin – bei Oper in der Krypta bereits als Elvira in Vincenzo Bellinis I Puritani oder Lucia in Donizettis Lucia di Lammermoor gefeiert – beeindruckt mit schmelzenden Piani und zierlicher Phrasierung. Spätestens mit der überirdisch schön gesungenen, anspruchsvollen Arie „Caro nome che il mio cor“ gibt es im Publikum kein Halten mehr.

Der spanische Tenor Sergio Tallo-Torres, verkörpert die Partie des Duca di Mantova mit großer Verve und zeigt auch dessen uncharmante Seiten mit viel Gespür auf. Er zeigt in seinen großen Arien („Questo e quella“ und „La donna è mobile“) neben technischem Können und unfehlbaren Spitzentönen vor allem seine große Musikalität und wurde vom Publikum dafür mit Applaus überschüttet. Auch Daniel Bäumer überzeugt mit seinem kräftigen, sonoren Bass in der Rolle des Sparafucile und zeigt in seiner Gestaltung die Komplexität dieses Charakters. Die Entdeckung des Abends ist die japanische Mezzosopranistin Emi Nakamura in der Partie der Maddalena. Mit ihrem unglaublich vollen, warmen Mezzo kann sie das Publikum ebenso verführen, wie in ihrer unglaublich intensiven Rollengestaltung. Aktuell erlebt man die Künstlerin, auch als Suzuki in Puccinis Madama Butterfly.

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto - hier : Sergio Tallo-Torres (Duca) - Calon Danner (Borsa) - Christoper Michael Kelley (Marullo) © Marcus Haimerl

Oper in der Krypta Wien / Rigoletto – hier : Sergio Tallo-Torres (Duca) – Calon Danner (Borsa) – Christoper Michael Kelley (Marullo) © Marcus Haimerl

Eine weitere Sensation des Abends ist das Trio Marullo (Christopher Michael Kelley), Borsa (Calon Danner) und Conte di Ceprano (Ivo Kovrigar). Trotz der Tragik dieses Werks gelingt es den drei Herren, unter der feinen Klinge des Regisseurs eine angemessene Portion Humor in die Produktion zu bringen. Der Bariton Christopher Michael Kelley überzeugte das Publikum der Krypta bereits als fulminanter Leporello (Don Giovanni, Mozart) und in zahlreichen anderen Rollen, und bringt auch in dieser kleinen Rolle sein untrügliches Gespür für Emotionen und ungeheures schauspielerisches Talent ein. Der österreichische Tenor Calon Danner weiß das Publikum mit seinem schönen Tenor ebenso zu überzeugen, wie mit seiner intensiven Darstellung. Intensive Bühnenpräsenz zeigt auch der junge Bariton Ivo Kovrigar, der dieses wunderbare Trio hervorragend ergänzt.
Michael Pinsker ist als düster fluchender Grafe von Monterone eindrucksvoll. In der Doppelrolle der Contessa di Cepreano und Giovanna, der Gesellschafterin Gildas, debütierte die serbische Sopranistin Djurdjica Gojkovic in ihrer ersten Solopartie in der Krypta der Peterskirche.

Die musikalische Leitung lag in den Händen der koreanisch-amerikanischen Pianistin Victoria Choi, die nicht nur den Sängern eine hervorragende Begleiterin war, sondern auch schon im Vorspiel ihr Können als Solistin unter Beweis stellen konnte.

Alles in allem war schafften die Künstler von Oper in der Krypta erneut einen sehens- und hörenswerten Publikumshit, welcher noch viele Male das Haus füllen dürfte.

—| IOCO Kritik Oper in der Krypta |—

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