Hamburg, Sascha Emanuel Kramer – Tenor, IOCO Interview, 03.06.2018

Hamburgische Staatsoper © IOCO

Hamburgische Staatsoper © IOCO

SASCHA EMANUEL KRAMER –  Im Interview

  Ein junger Tenor – Auf dem Weg nach oben

Von Rolf Brunckhorst

Studiert man die Vita von Sascha Emanuel Kramer, so reicht diese eigentlich für 3 bis 4 Personen aus. Geboren wurde er in Zürich, und schon als kleiner Junge entdeckte er während seiner Zeit in einem Knabenchor seine wahre Leidenschaft, nämlich das Singen. So war es nicht verwunderlich, daß er neben seinem Schulabschluß und dem Studium der Rechtswissenschaften (mit Auszeichnung) immer seine musikalische Ausbildung im Auge behielt. Am Tag nach Abschluß seines Studiums wurde er Mitglied des Opernstudios der Mailänder Scala. Zu seinen Lehrern zählten dort u.a. Luciana Serra und Renato Bruson. „Ich bin der Scala so unendlich dankbar dafür, was ich in dieser Zeit habe lernen können. Neben der großartigen sängerischen Betreuung war es besonders die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Peter Stein, die mich inspiriert und gefestigt hat. Besonders fasziniert hat mich der mühelose persönliche Kontakt zu Peter Stein, der sogar ab und zu mit unserem Team nach den Proben ins nächste Restaurant steuerte“.

Sascha E. Kramer © Wolfgang Schmitt

Sascha E. Kramer © Wolfgang Schmitt

Nach seinem Scala-Debüt als Soldat in Wozzeck („Ich sang lediglich 4 Töne, die jedoch meine Welt veränderten!“,) sang Kramer den Monostatos in Peter Steins Neuinszenierung der Zauberflöte. Ab der Spielzeit 2016-17 ist Sascha Emanuel Kramer Mitglied des Internationalen Opernstudios der Hamburger Staatsoper, dies allerdings nur noch ein paar Wochen lang, dann wird Kramer Hamburg verlassen und als freiberuflicher Sänger tätig sein. Auch Hamburg wird er in guter Erinnerung behalten. Sehr gefreut hat ihn die enge Zusammenarbeit mit Kent Nagano, der ihn in der laufenden Spielzeit in diversen Produktionen eingesetzt hat. „Sehr dankbar bin ich der Hamburger Staatsoper dafür, daß sie mir bei Gastspielen nie Steine in den Weg gelegt hat. So konnte ich  in dieser Spielzeit sowohl an der neu eröffneten Nationaloper von Athen als auch an der Opéra de Toulon den Tamino in Neuinszenierungen der Zauberflöte wahrnehmen“. In Hamburg konnte er in den vergangenen beiden Spielzeiten sein Repertoire  mit dem Malcolm in Macbeth, dem Flute im Sommernachtstraum, dem Andres in Wozzeck, dem Borsa in Rigoletto, dem Kilian im Freischütz u.a. erweitern.  Zum Ende der Spielzeit übernahm und übernimmt Kramer gleich drei Hauptpartien neu. In Beethovens Fidelio debütierte er als Jaquino.

Ähnlich wie das Publikum reagierte Kramer mit Kritik an der Inszenierung. „Die Vergewaltigungsszenen sind unlogisch und machen so für mich wenig Sinn. Jaquino ist doch eigentlich verliebt in Marzelline und würde ihr so etwas nicht antun. Vielleicht ist er aber mal etwas stürmisch geworden, aber so brutal wie auf der Bühne ist die Partie sicherlich nicht gemeint. Kramer selbst erntete nur Lob für seinen Jaquino, den er mit klarer klangschöner und in allen Lagen sicherer Stimme präsentierte. Da er sich auch als gewandter Darsteller erwies, war der Publikumsjubel absolut gerechtfertigt. Als einen absoluten Höhepunkt bezeichnet Kramer die Uraufführung der Oper Frankenstein von Jan Dvorak, in der er gleich vier verschiede Rollen übernommen hat. Seine Lieblingsrolle hier ist die des Ernst Frankenstein. „Die Person des Ernst ist eigentlich eine tragische Partie. Sein kleiner Bruder Wilhelm wurde Opfer der Kreatur seines großen Bruders Viktor Frankenstein. Ernst muß sich darüber beklagen, daß er als promovierter und weithin gebildeter Mann, der eigentlich der Vorzeige-Sohn einer jeden anderen Familie gewesen wäre, von seinem Vater einfach nicht gewürdigt wird, weil dessen Interesse mehr seinem Sohn Viktor und dessen Experimenten gilt.“ In seinem Auftritt in der Rolle des Jägers kann Kramer seinem lyrischen Tenor nachdrückliche Strahlkraft abgewinnen, die beinahe schon über das rein lyrische Fach hinausweisen will. Den weiteren Partien des Maats und des jungen Fischers verlieh Kramer mit einem Augenzwinkern einen etwas ironischen Beigeschmack. Die Kapitänsszene war ein wahres Vergnügen. Kramers Stimme paßte sich allen Partien und Stimmungen mühelos an. Als drittes Rollendebüt in kurzer Zeit übernimmt Kramer in der Premiere am 29. Juni die Tenorpartie in der Barockoper Miriways von Georg Phillipp Telemann, von der er selber sagt: „Ich mag Barockopern, ich habe drei sehr schöne Arien zu singen, die von der Testitur her zwar relativ zentral liegen. In der furiosen Schlussarie kommen dann aber auch für Barockopern ansonsten ungewöhnliche Höhen dazu – eine insgesamt schöne Partie!“ Der Premiere folgen noch sechs weitere Vorstellungen,  alle in der Opera Stabile. Mit einem Ausflug an die Oper von Shanghai, wo er den Tamino in der Jugend-Version der Zauberflöte („Erzittre Du feiger Bösewicht“) endet dann Kramers Hamburger Engagement.

Gerade rechtzeitig für dieses Interview hat er aufregende Nachrichten für seine Zukunft zu vermelden: Am Teatro Comunale di Bologna wird er erneut den Jaquino singen, Konzerte mit dem Klangforum Wien („Das Lied von der Erde“) führen ihn dieses Jahr noch nach Wien, Brüssel und wieder in die Hansestadt. An der Opéra de Bordeaux wird der Dirigent und GMD Marc Minkowski zudem Mozarts drei Da-Ponte-Opern als Zyklus innerhalb einer Woche aufführen, Kramer soll hierbei die Partien des Ferrandos (Cosi fan tutte), Don Ottavios (Don Giovanni) sowie des Don Basilios (Le Nozze di Figaro) übernehmen. Mehrere auswärtige Gastspiele (u.a. Japan) sind ebenfalls schon geplant. „Ich habe mir immer gewünscht, Mozart unter Herrn Minkowski singen zu dürfen. Mozart ist ohnehin zur Zeit perfekt für meine Stimme, und ich möchte unbedingt noch den Idomeneo und vor allem den Titus singen.“ Der erste Wunsch hat sich inzwischen erfüllt. Zu gönnen wäre es Sascha Emanuel Kramer, wenn sich seine Rollenwünsche auch in Zukunft verwirklichen würden.

—| IOCO Interview Staatsoper Hamburg |—                                                                                                       

Hamburg, Elbphilharmonie, Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze, IOCO Kritik, 19.11.2017

November 19, 2017 by  
Filed under Elbphilharmonie, Hervorheben, Konzert, Kritiken, Oper

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze

 SWR Symphonieorchester, Peter Eötvös,  große Chören, namhafte Solisten

Von Patrik Klein

Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt durch Globalisierung, HighTech, Überinformation, Populismus, Kultur- und Politikverdrossenheit. Wie haben sich die Zeiten verändert seit den stürmischen und die Republik verändernden 68er Jahren? Kann eine Wiederaufnahme in Hamburgs neuem Wahrzeichen nach dem Abbruch der Uraufführung 1968 und der dann erst im Jahr 2001 stattgefundenen Aufführung in Hamburg unter Ingo Metzmacher noch aufrütteln?
Stein des Anstoßes war damals ein Stück von Hans Werner Henze, das als Protest gegen das „Kultur-Establishment“ von Studenten und „Radikalen Linken“ herhalten musste. Auch Henze geriet hierbei als „Salonkommunist“ in die Schusslinie. Was war geschehen?

Skandal bei der Uraufführung 1968: Erregt er noch heute die Gemüter?

Am 9. Dezember 1968 sollte wegen Unzulänglichkeiten auf der Bühne der Musikhalle die Uraufführung des Auftragswerkes des NDR Das Floß der Medusa von Hans Werner Henze in einer großen Halle in Planten un Blomen stattfinden.

 Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

 Im Mittelpunkt der Handlung steht das historische Drama um die Fregatte Medusa. Das Schiff kentert 1816 auf der Reise in den Senegal. Schiffbrüchige kämpfen auf einem Floß brutal um ihr Überleben. Ein Bericht über das unmenschliche Verhalten von Kapitän, Oberschicht und Geistlichkeit, die in den sicheren Rettungsbooten sitzen, die Mannschaft auf das gebaute Floß verfrachten und die Leinen kappen, sorgt für Empörung und revolutionäre Stimmungen am Beginn des 19. Jahrhunderts.

Bereits im Vorfeld der geplanten Aufführung in Hamburg überschlugen sich die politischen Ereignisse. Es gab Streit über eine Widmung des Werkes für Che Guevara, der sich gerade bei den „Linken“ als Ikone entwickelte. Gleichzeitig gab es eine Konferenz über die Wirren des Vietnamkriegs und das Attentat auf Rudi Dutschke, der mit Hans Werner Henze bekannt war. Der Komponist solidarisierte sich weitgehend mit den sich entwickelnden Protestbewegungen und verlangte, dass „die isolierte und vereinsamte Jugend eine Art Ermutigung bekomme“.

Die Uraufführung, besetzt mit Stars der Opern- und Schauspielszene, dem Chor und Orchester des NDR, wurde live im Radio übertragen. Es kam zu einem handfesten Eklat,  denn man skandierte im Publikum  „Ho, Ho, Ho Chi Minh“. Die live-Übertragung  musste nach wenigen Minuten abgebrochen werden. Dem Publikum am Radio wurde dann eine Aufzeichnung der Generalprobe serviert. Die Polizei musste einschreiten, Handgemenge bändigen, Verhaftungen durchführen. Allerdings hat sie sich dabei, man denke an die aktuellen Diskussionen zu den Ausschreitungen zum G20- Gipfel, mit gelegentliche großer Härte auch Kritik eingehandelt. Der Protest der Hamburger Studenten hatte sich nicht gegen Henze gerichtet, sondern sie protestierten gegen das Konzert als „Ritual eines bourgeoisen Publikums“.

Der Intendant der Elbphilharmonie Hamburg, Christoph Lieben-Seutter, der mit spannenden und teilweise ungewöhnlichen Programmen seit vielen Jahren in Hamburg erfolgreich wirkt, wagt eine erneute Auseinandersetzung mit dem Werk Henzes und setzt dem rund 75 Minuten dauernden Oratorium noch eine aktualisierende Komponente hinzu, in der die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit Teilen aus ihrem Werk Die Schutzbefohlenen im Fokus steht. Es handelt sich hierbei um ein Sprachkunstwerk aus dem Jahr 2013, in dem sie sich kritisch mit der herrschenden Flüchtlingspolitik und ihren Folgen auseinandersetzt.

Eingeladen wurde das SWR Symphonieorchester unter der Leitung des ungarisch/rumänischen Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös, der in der vergangenen Saison an der Hamburgischen Staatsoper mit dem Dirigat seiner eigenen Oper Senza Sangue und Bartoks Herzog Blaubarts Burg fulminante Akzente setzte. Als Chöre fungieren das SWR Vokalensemble Stuttgart, der WDR Rundfunkchor und die Freiburger Domsingknaben. Peter Stein, der ehemalige Regisseur und Theaterleiter an der Berliner Schaubühne, wurde als Sprecher des Prologes von Elfriede Jelinek und der Oper von Henze verpflichtet. Die Sopranpartie übernimmt die weltbekannte Sopranistin aus Finnland Camilla Nylund und Bariton ist Peter Schöne, der kurzfristig für den erkrankten Matthias Goerne einspringt. Das Konzert wurde ebenfalls in dieser Besetzung am 15.11.2017 im Konzertsaal Freiburg gegeben.

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Der Prolog von Jelinek thematisiert den geheuchelte Menschenrechtsdiskurs im zeitgenössischen Mainstream des öffentlichen Disputs. Dem wird ein thematisch verwandter, aber positiver Ausgang in der ältesten überlieferten griechischen Tragödie gegenübergestellt. Es wird bezweifelt, dass heutige Regierungspolitiker der EU-Staaten noch den vielgepriesenen humanistischen Idealen der Antike verbunden sind. Jelinek entlarvt die aktuellen Menschenrechtsverletzungen, indem sie eine hohe Sprache immer wieder ins Ironische abgleiten lässt, unter anderem wenn es um Äußerungen von sogenannten „Wutbürgern“ und das „Walten der mächtigen Willkür-Götter der Ökonomie“ geht. Peter Stein, mittig auf der noch leeren Bühne an einem schwarzen Tisch sitzend, liest ca. 10 Minuten aus dem Werk der Nobelpreisträgerin. Von ruhig besonnen, einfühlsam, authentisch, flüssig bis knarzend aufbrausend, mal abgehackt, innehaltend, energisch und fragend ins Publikum blickend, lässt er die Facetten seines Könnens aufblitzen. Textverständlich ist es oftmals leider nicht. Hier offenbart sich eine der wenigen Schwächen der Akustik in der Elbphilharmonie. Sprechstimme ohne Verstärkung klingt in manchen Blöcken zu leise. Daher greift man zu Verstärkeranlagen, die es zwar hörbarer, aber durch Doppelklänge und Überlagerungen nicht immer besser machen.

Seit 1982 beschäftige ich mich nunmehr mit klassischer Musik in Theatern und Konzertsälen in Europa mit zunehmender Freude und Eindringtiefe. Und ich gestehe gerne, dass mir die zeitgenössische Musik von Anfang an gewisse „Hörbefindlichkeiten“ beschert hat. Dennoch habe ich nie ein Stück eines lebenden Komponisten umschifft oder gar verteufelt, mir immer sagend, dass Hörgewohnheiten und geprägten Vorlieben auch in Zeiten heute längst als Gassenhauer geltender Musikstücke z. B. zu Zeiten Mozarts beim Publikum ähnlich kritisch aufgenommen worden sind.

Henzes Oper Das Floß der Medusa geht es dabei nicht anders, wenn ich sie zum ersten Mal zu Hause höre und mich manchmal zwingen muss „dabeizubleiben“. Zum Glück ist das Erlebnis dann „live“ im Konzertsaal von ganz anderer Dimension:

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - Camilla Nylund "La Mort" und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – Camilla Nylund „La Mort“ und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Die Protagonisten des Oratoriums füllen mittlerweile die riesige Bühne. Für die drei Chöre (SWR Vokalensemble; Leitung Florian Benfer und Robert Blank, WDR Rundfunkchor; Leitung Robert Blank und die Freiburger Domsingknaben; Leitung Boris Böhmann) wurde der Block hinter dem Orchester ausgeräumt, um dem großen „Instrument“ auf dem Podium Freiräume zu schaffen. Die in rot gekleideten Knaben aus Freiburg fallen nicht nur durch ihre Farbe auf, sondern auch durch Dantes Versen angelehnten Gesang in Italienisch , unterstützt von ihrem mitten unter ihnen sitzenden Chorleiter, der sie durch die höchstschwierige Partie leitet. Die Damen und Herren vom SWR und WDR umsäumen die jungen Menschen in schwarz. Wegen der Enge des Blockes verzichtet man auf das Wechseln von Personen von der Seite der Lebenden (links) ins Reich der Toten (rechts). Das ist auch gar nicht unbedingt notwendig, da die Anordnung des Orchesters und die benutzten Instrumente genau diese Trennung musikalisch aufs Äußerste darstellen. Das Orchester teilt den linken Bereich in den der Lebenden, meist Bläser, die mit ihrem Atem Töne erzeugen, wohingegen der rechte Bereich mit Streichern besetzt ist, die Tod und Atemlosigkeit darstellen. Das Blech ist riesig besetzt, die Streicher werden unterstützt durch elektrische Gitarren und es gibt allerlei Schlagwerk neben den Pauken, Blechfolien, Glocken, Xylofonen und einem Flügel.

Es sind vor allem die dramatischen Momente, in denen das Entsetzliche des Geschehens klanglich so umgesetzt wird, dass es den Zuhörer, ob affin zur modernen Musik oder nicht, anspricht, fesselt und fasziniert. So ballt sich gerade in den Chören die nackte Angst in dissonanten Stimmungen zusammen. Wenn am Ende des ersten Teils des Oratoriums mit feinsten Klängen der Männerchor die Lebenden in das Totenreich locken, wird die Düsterheit an dieser Stelle der Musik von Henze ganz besonders deutlich. Die nochmalige Steigerung der Dramatik am Ende des Werkes zu einem fulminanten rhythmischen Marsch lässt nun endgültig appellartig das Publikum erschaudern.

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Der Bariton Peter Schöne, der bravoröse Einspringer für den vorgesehenen Matthias Goerne, gestaltet die Riesenrolle des Führers auf dem Floß „Jean-Charles“ mit perfekter Wortbehandlung und stimmlicher Farbenvielfalt. Sein feiner, schlanker Bariton klingt klar bis ins kleinste Detail auch bei den vielen stimmlichen Ausbrüchen ins Dramatische. Die Sopranistin Camilla Nylund singt „La Mort“, die ins Reich der Toten hineinziehende, mit geradezu überirdischen Tönen ergreifend. Ihre wundervolle lyrische Sopranstimme wechselt scheinbar mühelos vom fein zeichnenden Piano bis ins Hochdramatische Forte. Und last but not least die zentrale Figur des Kommentators und „Charon“, von Peter Stein nun im Stehen, prägnant, präzis und mit großer emotionaler Beteiligung gestaltet. Gelegentlich mangelte es etwas an der Textverständlichkeit, was wiederum auch auf die benutzte Verstärkeranlage zurückzuführen ist. Der Dirigent Peter Eötvös hält die Chöre, Solisten und das SWR Symphonieorchester taktstocklos zusammen und sorgt mit seinem transparenten Stil für Klarheit und Ausdruck, die oftmals den Atem anhalten lassen.

Das Publikum reagiert fast wie zu erwarten war mit lang andauerndem stürmischen Beifall für alle Beteiligten. Es gibt keine Proteste, keine Aufschreie und keine politischen Bekundungen. Es bleibt die Hoffnung, dass die Thematik innerlich aufwühlt, aufrüttelt, individuelles Verhalten überprüft und beeinflusst. Henzes Gleichnis Das Floß der Medusa mit der Botschaft gegen Gewalt und Unmenschlichkeit ist so aktuell wie nie, denn auch im Jahr 2017 treiben auf dem Mittelmeer Boote mit hungernden und sterbenden Menschen.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—