Münster, Theater Münster, Das Floß der Medusa – Stefan Otteni, IOCO Kritik, 24.05.2019

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

  Das Floß der Medusa  –  Nackt unter Haien

Grausame Parabel vom Zusammenbruch der europäischen Zivilisation

von Hanns Butterhof

150 Personen drängten sich auf einem notdürftig zusammengezimmerten Floß, nachdem ihr Schiff, die Fregatte Medusa, 1816 auf dem Weg in den Senegal untergegangen war. Als es nach 13 Tagen entdeckt wurde, hatten davon noch 15 überlebt. Was bis dahin auf dem Floß geschah, erzählt Das Floß der Medusa, das am Kleinen Haus des Theaters Münster eine verstörend grausame Uraufführung erlebte. Regisseur Stefan Otteni, der mit Michael Letmathe den mit dem Bayerischen Buchpreis ausgezeichneten Roman Das Floß der Medusa des österreichischen Autors Franzobel zu dem Theaterstück umgearbeitet hat, erzählt die Geschichte des Floßes als Parabel über den Zusammenbruch der europäischen Zivilisation.

Theater Münster / Das Floß der Medusa - hier : Rettung, aber keine Rückkehr in die Zivilisation, mit Ilja Harjes, Sandra Schreiber, Christian Bo Salle, Andrea Spicher, Carola von Seckendorff © Oliver Berg

Theater Münster / Das Floß der Medusa – hier : Rettung, aber keine Rückkehr in die Zivilisation, mit Ilja Harjes, Sandra Schreiber, Christian Bo Salle, Andrea Spicher, Carola von Seckendorff © Oliver Berg

Bühnenbildner Peter Scior hat das Floß als ein in mehreren Stufen ansteigendes Gebilde aus zusammengerafften hölzernen Gegenständen gebaut, darunter ein Schrank, ein Fass und absurderweise eine Badewanne; als Mast dient eine Staffelei. Der instabile Verhau scheint auf das heftig bewegte Video-Meer zuzutreiben, das permanent den Hintergrund der Bühne bildet und vor dem auf einem Podest Medusa (Mariana Sadovska) mit wilden Rastalocken und meergrünem Kleid (Kostüme: Ayse Gülsüm Özel) schwebt, die das Geschehen mit unheilschwangerem Gesang begleitet.

Auf dem Floß versammelt das Stück mit acht teils mehrere Rollen übernehmenden Darstellern nahezu vollständig die Vertreter dessen, was in der europäischen Geistesgeschichte von Bedeutung war. Der unfähige, für den Untergang der Medusa verantwortliche Kapitän (Carola von Seckendorff) ist Royalist, sein Erster Offizier (Frank-Peter Dettmann) ist Demokrat, wagt aber wider besseres Wissen nicht zu meutern. Der Priester glaubt seinem eigenen Sermon nicht, und der Atheist (Ilja Harjes) erweist sich so wenig als Humanist wie der rein naturwissenschaftlich ausgerichtete Mediziner (Christian Bo Salle). Auch der Jude an Deck (Louis Nitsche) gibt sein koscheres Essen auf und wird, wie die anderen, zum Kannibalen. Auch wenn er sich sorgend um das Kind an Bord (Andrea Spicher) kümmert, nirgendwo findet sich eine Position, die dem Zivilisationsbruch wehren könnte.

Theater Münster / Das Floß der Medusa - Rettung, aber keine Rückkehr in die Zivilisation, mit Ilja Harjes, Christian Bo Salle, Frank-Peter Dettmann, Louis Nitsche, Sandra Schreiber, Carola von Seckendorff, Christoph Rinke © Oliver Berg

Theater Münster / Das Floß der Medusa – Rettung, aber keine Rückkehr in die Zivilisation, mit Ilja Harjes, Christian Bo Salle, Frank-Peter Dettmann, Louis Nitsche, Sandra Schreiber, Carola von Seckendorff, Christoph Rinke © Oliver Berg

Der Versuch eines Einzelnen (Christoph Rinke), der Barbarei durch Selbstmord zu entgehen, scheitert am unterbewussten Überlebenstrieb, der sich gegen den Willen durchsetzt. Die Lehre, die der ins Leben Zurückgekehrte daraus zieht, ist die des ganzen Stücks: Wer dem Tod ins Auge gesehen hat, wird um jeden Preis überleben wollen und dazu keine Rücksicht mehr auf irgendetwas und irgendjemanden nehmen. Für ihn gibt es keine Rückkehr in die Zivilisation.

Dass die verstörend grausamen Bilder der Inszenierung Ottenis mehr schockieren als berühren, liegt nicht am aufopferungsvoll bis aufs letzte Hemd spielenden Ensemble. Nackt und mit Wasser bespritzt sind alle dem Unwetter preisgegeben, kämpfen kunstvoll (von Klaus Figge und Ronny Miersch) choreographiert miteinander, jeder der Hai des anderen, der kühl kalkuliert, wie lange er sich noch vom Fleisch der Unterlegenen, Sterbenden und Toten ernähren kann. Doch sind sie als Figuren kaum entwickelt, sondern stehen hauptsächlich für die letztlich wenig originelle These, dass die abendländische Zivilisation nichts als dünner Lack ist, der rasch ab ist, wenn es ums nackte Überleben geht.

Theater Münster / Das Floß der Medusa - Es gibt keine Flucht vor der Barbarei - Ensemble © Oliver Berg

Theater Münster / Das Floß der Medusa – Es gibt keine Flucht vor der Barbarei – Ensemble © Oliver Berg

Doch genau an dieser Stelle liegt das Problem des Stücks. Es behauptet, vom Zusammenbruch der Europäischen Zivilisation zu handeln, und spielt einen Fall mit spektakulärer Oberfläche durch, in dem jede Zivilisation zerbricht. Gleichzeitig appelliert Das Floß der Medusa an diese Zivilisation, was nur Sinn macht, wenn sie doch noch irgendwie intakt ist.

Das wird am Ende deutlich, an dem ein nach Originalton klingender Funkspruch von einem Flüchtlingsboot eingespielt wird. Wenn er sich mit den vorher in Schockstarre aufgenommenen Szenen verknüpft, appelliert er unmittelbar an eine bestehende humanistisch zivilisatorische Hilfsbereitschaft. Das Stück selbst verneint, dass oder wie weit diese überhaupt tragen wird, und wirft stattdessen die Frage auf, was die Erfahrungen der Flüchtenden auf ihrem Floß mit und aus ihnen gemacht haben.

Viel Beifall nach zweieinhalb Stunden für das fesselnd spielende Ensemble und das Regieteam.

Das Floß der Medusa am Theater Münster; die nächsten Termine: 8.6. 19.00 Uhr, 15. und 27.6.2019 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Die Nibelungen von Friedrich Hebbel, IOCO Kritik, 08.10.2016

Oktober 9, 2016 by  
Filed under Hervorheben, Kritiken, Theater Münster

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Theater Münster

Die Nibelungen im Theater Münster:  Das Nibelungenlied galt lange als deutsches Nationalepos. Frank Behnkes Fassung von Friedrich Hebbels Tragödie „Die Nibelungen“ am Großen Haus des Theaters Münster zeigt die allgemeingültige Seite der Geschichte als eine konsequente Kette schuldhafter Verstrickungen bis zum Untergang.

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

„Stufe für Stufe zum Untergang“

Begeisterte Aufnahme von Hebbels Tragödie Die Nibelungen

von HANNS BUTTERHOF

Theater Münster / Die Nibelungen - Kriemhilde und Brünhilde (Oben), Ensemble © Marion Bührle

Theater Münster / Die Nibelungen – Kriemhilde und Brünhilde (Oben), Ensemble © Marion Bührle

Das Nibelungenlied galt lange als deutsches Nationalepos. Frank Behnkes Fassung von Friedrich Hebbels Tragödie „Die Nibelungen“ am Großen Haus des Theaters Münster zeigt die allgemeingültige Seite der Geschichte als eine konsequente Kette schuldhafter Verstrickungen bis zum Untergang.

Peter Scior hat dafür eine beeindruckende Bühne gebaut. Eine gewaltige Treppe, die sich trichterförmig verengt, führt aus dem Orchestergraben bis weit nach oben und lässt den Figuren, die um jeden Preis hinauf und die Ersten sein wollen, keinen Raum für eine persönliche Entfaltung.

Diese Treppe stürmt der junge Siegfried in goldglänzendem Anzug (Kostüme: Bernhard Niechotz) hinauf. Er überrennt die in ihren angestaubten Anzügen ziemlich heruntergekommenen Burgunder. Die können nur durch einen betrügerischen Handel mit Siegfried neuen Glanz gewinnen: Der etwas einfältige, aber übermenschlich starke Siegfried (Garry Fischmann) bekommt von König Gunther (Janco Lamprecht) dessen püppchenhafte Schwester Kriemhild (Claudia Hübschmann). Dafür verschafft Siegfried dem über seine Kräfte hinaus anspruchsvollen Gunther  die Königin von Isenland, Brunhild (Sandra Bezler). Das funktioniert aber nur, weil Siegfried im Schutz seiner Tarnkappe die übernatürlich kräftige Brunhild an Stelle von Gunter besiegt.

Theater Münster / Die Nibelungen - vlnr Kriemhild, Siegfried, Hagen, König Gunther © Marion Bührle

Theater Münster / Die Nibelungen – vlnr Kriemhild, Siegfried, Hagen, König Gunther © Marion Bührle

Aus dem Betrug entwickelt sich die Tragödie mit alternativloser Konsequenz. In einer starken Szene, in der sich Kriemhild und Brunhild auf der Treppe Stufe für Stufe in einen Streit um den Vorrang hineinsteigern, fliegt der Betrug auf. Brunhild will Genugtuung, und Hagen Tronje (Jonas Riemer) vollzieht sie, an falscher Stelle seiner Königin treu, mordend an Siegfried. Da die Komplizen Hagens um König Gunther nicht Gericht über den Mörder halten wollen, nimmt Kriemhild die Rache in ihre eigenen Hände. Sie heiratet den Hunnenkönig Etzel und lädt die Burgunder, die sich Siegfrieds Schätze und den Namen „Nibelungen“ angeeignet haben, zu sich ein. Die in letzter tödlicher Treue zueinander Stehenden vernichtet sie mit Etzels Kriegsmacht in einem grässlichen Blutbad bis auf den letzten Mann.

Behnkes schlüssige, weitgehend auf realistische Darstellung verzichtende Münsteraner Fassung stellt die Unausweichlichkeit der Katastrophe in den Vordergrund, die sich aus dem ersten betrügerischen Handeln wie schicksalhaft vollzieht. Für Menschlichkeit und Vernunft bleibt da kein Platz, ein Befund, der auf kein Land beschränkt ist und keine Aktualisierung braucht.

Das Ensemble bewältigt Hebbels gewaltigen Text und die Übermacht der Bühne beachtlich, und erhielt mit dem Regieteam nach dreieinhalb Stunden den langen, begeisterten Beifall des Premierenpublikums.  IOCO / Hanns Butterhof / 08.10.2016

Theater Münster – Die Nibelungen: Weitere Vorstellungstermine 11.11.2016,  21.11.2016 jeweils 19.30 Uhr, am 9.11.2016 um 15.00 Uhr.

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