Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Peter Grimes – Benjamin Britten, IOCO Kritik, 08.11.2019

November 7, 2019 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

PETER GRIMES  – Benjamin Britten

–  Scheitert aus Mangel an Beziehungsfähigkeit, übersteigerten Ansprüchen –

 
von Uschi Reifenberg

Gedenkmuschel an Benjamin Britten in Aldebrough © IOCO

Riesige Gedenkmuschel an Benjamin Britten am Strand von  Aldebrough © IOCO

Das Meer ist allgegenwärtig in dem kleinen Fischerdorf an der Ostküste Englands, es beherrscht in seiner Vielgestaltigkeit die Existenz der Dorfbewohner und durchdringt sämtliche Lebensbereiche. Es ist die zentrale Elementargewalt, der sich die Menschen in dem rauen Küstengebiet nicht entziehen können. Es schafft Begrenzung, ist Tor zur Freiheit oder  letzter Zufluchtsort.
In Benjamin Brittens Oper Peter Grimes fungiert das Meer als eigentlicher Hauptträger der Handlung und wird zur Projektionsfläche der Protagonisten, zum Symbol für die Abgründe und Stürme der menschlichen Seele. In seiner Unberechenbarkeit und Bedrohlichkeit spiegelt es aber vor allem das aufbrausende Naturell des unglücklichen Titelhelden Peter Grimes.

„Die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in engem Kontakt mit dem Meer. (…) Als ich Peter Grimes schrieb, ging es mir darum, meinem Wissen um den ewigen Kampf der Männer und Frauen, die ihr Leben, ihren Lebensunterhalt dem Meer abtrotzten, Ausdruck zu verleihen.“   (B. Britten 1945).

Peter Grimes – Benjamin Britten
youtube Trailer Nationaltheater Mannheim
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Britten wurde 1913 am Meer, in Lowestoft, Suffolk, geboren, und verbrachte bis zu seinem Tod 1976 fast sein ganzes Leben an der Ostküste Englands. Mit acht Jahren begann er bereits zu komponieren, 1933 beendete er sein Studium und mit 24 Jahren konnte er eine beachtliche Zahl an Kompositionen, vor allem im Bereich der Sinfonik, aufweisen. Auch als Dirigent Pianist und vor allem als Liedbegleiter erlangte er Weltruhm. 1937 begegnete Britten dem Tenor Peter Pears, mit dem ihn eine lebenslange Partnerschaft und eine ebenso lange fruchtbare künstlerische Zusammenarbeit verband. Kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges verließ der erklärte Pazifist zusammen mit Pears die Insel und übersiedelte in die USA, wo er auch die Versdichtung The Borough (Die Gemeinde, 1810) von George Crabbe kennenlernte.

Dessen Erzählungen über ein kleines Fischerdorf in Suffolk weckten Brittens Sehnsucht nach der Heimat und so kehrte er 1942, mitten im Krieg, zurück nach England, wo er 1944 mit der Komposition seiner Oper begann. 1945 in London uraufgeführt, wurde Peter Grimes zu einem Welterfolg und hob Britten quasi über Nacht in den Rang eines englischen Nationalkomponisten, fast 300 Jahre nach Henry Purcell.

In Crabbes Erzählung Peter Grimes, ist dieser ein gewalttätiger Sonderling, der sich nicht in die Gesellschaft integrieren kann und will. Er ist für den Tod von drei Lehrjungen verantwortlich und wird deshalb von der Dorfgemeinschaft verfolgt und ausgegrenzt.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  Roy Cornelius Smith als Peter Grimes , Chor des NTM © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : Roy Cornelius Smith als Peter Grimes , Chor des NTM © Hans Jörg Michel

Britten und sein Librettist, Montagu Slater, erklärten 130 Jahre später den Konflikt der Titelfigur allerdings nicht aus dessen zweifelhaftem Charakter, sondern aus der Konfrontation des Einzelnen mit dem Kollektiv, ein Thema, das in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg eine besondere Aktualität erhielt. Slater und Britten machten aus Peter Grimes eine ambivalente Figur, dessen tragisches Scheitern aus dem Mangel an Beziehungsfähigkeit, übersteigerten Ansprüchen und unterdrückter Triebhaftigkeit resultiert. Der Titelheld weist damit in einem Aspekt Parallelen zu Benjamin Brittens eigener Biografie auf, der als homosexueller Künstler in England Mitte des letzten Jahrhunderts selbst auch ein Außenseiter blieb. Eindeutig thematisiert wird diese Problematik in Brittens Werk allerdings nicht.

Als Erneuerer der englischen Oper im 20. Jahrhundert wurde Britten zwar hochgeschätzt,
spürte aber, da seine Lebensführung nicht dem gängigen Gesellschaftsbild entsprach, die latenten Ressentiments und reagierte mit Schuldgefühlen und Rechtfertigungsdruck. Diese Problematik verarbeitete er in seinen späteren Opern Billy Budd oder Tod in Venedig.

Bei Britten ist der Fischer Peter Grimes ein Einsamer, ein Zerrissener, der nach seinen eigenen Maßstäben lebt und sich durch sein cholerisches und unangepasstes Wesen immer mehr ins soziale Abseits manövriert. Er ist von fanatischem Arbeitseifer besessen und hofft auf Wohlstand und Ansehen. Er beschäftigt einen Lehrjungen aus dem Waisenhaus, der beim gemeinsamen Fischen auf hoher See stirbt. In einem Gerichtsverfahren muss sich Peter Grimes für dessen Tod verantworten, aber da ihm keine Schuld nachgewiesen werden kann, wird er freigesprochen. Die Dorfbewohner halten ihn jedoch für schuldig und verfolgen ihn mit Argwohn. Der alte Kapitän Balstrode und die Lehrerin Ellen Orford, die ihn für unschuldig hält und von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm träumt, stehen ihm bei. Als Ellen aber bei einem zweiten Lehrjungen Verletzungen findet, stößt Peter Grimes sie von sich. Der aufgestaute Hass der Gemeinde richtet sich immer offensiver gegen ihn und Grimes verfällt in einen psychischen Ausnahmezustand mit Wahnvorstellungen. Als er vor der aufgebrachten Meute flieht, kommt auch sein zweiter Lehrjunge zu Tode. In seiner Ausweglosigkeit nimmt er den Rat von Balstrode an und versenkt sich selbst mit seinem Boot im Meer. Die Dorfgemeinschaft geht ungerührt ihren eintönigen Alltagsgeschäften nach, als wenn nichts geschehen wäre.

Bei Peter Grimes handelt es sich um eine zeitlose Parabel im Spannungsfeld von Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld, Gut und Böse. Britten stellt das Schicksal des Außenseiters zur Diskussion, ist Peter Grimes ein schlechter Mensch oder wird er durch die Gesellschaft dazu gemacht. Eindeutige Aussagen werden nicht getroffen, Vieles bleibt im Dunkeln.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  oy Cornelius Smith, Marcel Brunner, Ji Yoon, Natalija Cantrak, Ilya Lapich © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : oy Cornelius Smith, Marcel Brunner, Ji Yoon, Natalija Cantrak, Ilya Lapich © Hans Jörg Michel

Brittens Musikstil ist geprägt von Komponisten wie Henry Purcell, Gustav Mahler, Igor Strawinsky und Dimitri Schostakowitsch. Der Verismo findet seinen Niederschlag in Brittens großem Erstlingswerk genauso wie traditionelle Elemente aus der englischen Volksmusik. Er hielt an einer erweiterten tonalen Tonsprache fest, auch wenn er von Avantgardisten seiner Zeit dafür kritisiert wurde. Peter Grimes ist zwar „durchkomponiert“, hat aber formal geschlossene Abschnitte wie Ensembles, ariose Teile und dramaturgisch bedeutende Orchesterzwischenspiele,die „Interludes“. Die zweite große Hauptrolle übernimmt der Chor.

Regisseur Markus Dietz und Bühnenbildnerin Ines Nadler haben ein beklemmendes abstraktes Einheitsbühnenbild geschaffen, das in seiner Reduktion die Trostlosigkeit und Düsternis der Handlung und der Naturgewalten widerspiegelt. Grautöne in verschiedenen Abstufungen bis hin zur totalen Finsternis sind vorherrschend. Eine bewegliche Zwischendecke mit variablen weißen Neonlichtern, die scharfe Kontraste setzen (Lichtregie: Florian Arnholdt), beherrscht den Bühnenraum, weitet oder verengt die Szene und passt sich den Seelenzuständen der Personen an. Karge, vereinzelte Requisiten wie Fangkörbe, Tische und Stühle oder ein hell strahlendes Kreuz, verdeutlichen Küste, Kneipe oder sakralen Raum. Wenn die Gemeinde sich zum Trinken trifft, sorgt eine einsame bunte Lichterkette vor dunklem Hintergrund für Feierstimmung.

Ab dem 2. Akt bedeckt Wasser den Bühnenboden knöcheltief, so dass sich alle Personen mit Gummistiefeln fortbewegen. Eine perfekte Metapher für die immer weiter zunehmende klaustrophobische Ausweglosigkeit der Situation. Die Dorfbewohner tragen unscheinbare Alltagskleidung (Kostüme: Henrike Bromber), lediglich die Kneipenwirtin Auntie und ihre beiden Nichten stechen aus der Masse hervor mit modischen bunten und aufreizenden Outfits.

Markus Dietz‘ differenzierte Personenführung zeigt das Kollektiv der Gemeinde in seiner bigotten, moralinsauren Kleinbürgerlichkeit als homogene Masse, aus der einzelne scharf gezeichnete Individualisten hervorstechen, die Funktionsträger der Gemeinschaft. Überwältigend, wenn der Chor eine geschlossene Phalanx an der Rampe bildet und seine Wut in den Zuschauerraum schleudert. Mit großer Sensibilität gelingt dem Regisseur die psychologische Feinzeichnung der Beziehung zwischen Balstrode, Ellen und Peter Grimes, die eine Insel der Mitmenschlichkeit in einer feindseligen Welt darstellt.

Die Gerichtsverhandlung zu Beginn wird vor dem „eisernen Vorhang“ abgehalten auf einem schmalen Raum vor dem Orchestergraben unter Einbeziehung der Seitenlogen. Die Gemeinde, das sind die Fischer und ihre Frauen, unterhalten sich laut. Plötzlich sieht man eine Videoeinspielung, die ein Kind zeigt, das mit dem Kopf nach unten im Wasser treibt. Das Bild kommt näher, das Kind wird gedreht, es ist tot. Die Verhandlung beginnt, Peter Grimes steht auf einem Stuhl und verteidigt sich, die Menge urteilt gegen ihn, der Richter plädiert aber auf Freispruch. Ellen Orford, die verwitwete Lehrerin des Dorfes, einzige Lichtgestalt im strahlend weißen Kleid, erscheint selbst wie die personifizierte Unschuld. Für einen kurzen Moment, in einem ergreifenden a capella Duett zwischen Ellen und Peter Grimes, scheint das Glück für beide greifbar, aber wieder schiebt sich das Bild des toten Kindes dazwischen. Es entfernt sich, und im Wasser treiben nun mehrere tote Kinder. Die Traumatisierung des psychischen Borderliners Peter Grimes wird evident, man ahnt, dass die schrecklichen Bilder ihn nicht mehr Ioslassen werden. Das harte Leben der Fischer, die ihre Fangkörben stapeln um sich vor der Sturmflut zu schützen, wird durch das Agieren auf schmalem Raum beklemmend dargestellt, ebenso die drückende Enge im Dorfpub, in dem die Bewohner dicht an dicht gedrängt sind und Tanz, Gesang und Alkohol die traurige Realität verdrängen sollen. Auch hier kann sich Peter Grimes nicht integrieren, und wird verspottet. Ein weiterer Junge aus dem Waisenhaus wird für ihn gebracht, aber Ellen kann ihn nicht mehr beschützen.

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes - hier :  Marie-Belle Sandis, Ilya L­­­­apich © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim / Peter Grimes – hier : Marie-Belle Sandis, Ilya L­­­­apich © Hans Jörg Michel

Zu Beginn des 2. Akt sieht man wieder eine riesige Videoeinspielung, diesmal mit fröhlich lachenden Jungen und Mädchen. Im Hintergrund betet die Gemeinde in der Kirche, von der Decke hängt ein großes Kreuz in leuchtendem weiß. Als die Gemeinde auseinandergeht, fallen Vorhänge herab und geben den Blick frei auf ein mit roter Farbe geschriebenes Wort: Murderer! Eine suggestive Szene mit thrillerartiger Schockwirkung. Nun beginnt die Hetzjagd auf den Ausgegrenzten, Fackeln werden an die Meute verteilt, die in der Nacht eine gespenstische Wirkung entfalten.

Nach dem unglücklichen Tod des zweiten Jungen verfällt Peter Grimes dem Wahnsinn, auf einem harten Tisch liegend, fährt er auf der Zwischenebene nach oben, nicht mehr erreichbar für Ellen, die zusammenbricht. Man wird Zeuge einer fast unerträglichen Steigerung menschlichen Elends. Eine Tragödie von antikem Ausmaß. Balstrodes Rat, sich auf dem Meer zu versenken, ist für Peter Grimes die logische Konsequenz. Das Dorf nimmt den Selbstmord ungerührt zur Kenntnis.

Roy Cornelius Smith ist die Inkarnation des Fischers Peter Grimes. Stimme, Darstellung und Gestaltung verschmelzen bei ihm zu einer perfekten Einheit. Mit seiner bis an die Grenzen gehenden Expressivität gelingt ihm ein faszinierendes Psychogramm der gequälten Seele, die er aufs Sensibelste auslotet. Heldentenorale Durchschlagskraft, lyrische Innigkeit und und eine variable dynamische Bandbreite stehen ihm ebenso zur Verfügung wie eine feinsinnig aus dem Wort entwickelte Tongebung.

Astrid Kessler gestaltet die empathische und aufrichtige Ellen Orford mit luzider Ausstrahlung und seelenvoller Hingabe. Mit großer Leuchtkraft und perfekt austarierter Piano Kultur erzeugt sie Spannungen von besonderer Qualität und findet Schattierungen von anrührender Zartheit und sehnsüchtiger Melancholie.

Das moralische Gewissen der Gemeinde, Captain Balstrode, der klug zwischen den Fronten vermittelt, wird von Thomas Berau mit großer Intensität und Charisma verkörpert. Seinen kraftvollen, tragfähigen Bariton setzt er mit Wärme in allen Lagen ein und beeindruckt auch mit vorbildlicher Diktion.

Sung Ha singt den Swallow souverän mit balsamischen Basstiefen, Raphael Wittmer als Bob Boles setzt mit kräftigem Tenor komödiantische Akzente. Ilya Lapich gestaltet den Ned Keene mit baritonalem Wohllaut und Rita Kapfhammer als Auntie strahlt mit leuchtenden Sopranhöhen. Reverend Adams singt Uwe Eikötter mit charaktertenoralem Glanz, Marie-Belle Sandis verleiht der umtriebigen Mrs Sedley schöne Mezzofarben und Lebendigkeit. Hervorzuheben ist Lavinia Dames von der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, die als „first Niece“ äußerst kurzfristig eingesprungen war und sich mit Ji Yoon, second Niece, blendend ins Ensemble einfügte. In weiteren stummen Rollen überzeugten Philipp Riehle als Boy John und Intendant Albrecht Puhlmann als Dr. Crabbe.

Der phänomenale Chor des NTM unter der Leitung von Danis Juris bewältigte die immensen Herausforderungen als wuchtigem Gegenspieler von Peter Grimes mühelos. Mit unter die Haut gehender Klanggewalt, rhythmischer Präzision und Textverständlichkeit beeindruckte der Chor auch darstellerisch als heterogenes Kollektiv, das seine Macht genussvoll ausspielt. Eine fantastische Leistung !

Der Engländer Alexander Soddy hat wohl eine besondere Affinität zu Brittens Musik, was an diesem Abend unschwer zu überhören war. Er steuert das Nationaltheater Orchester sicher durch die Klangfluten, mächtig brechen die Tutti-Wogen über den Solisten zusammen, grimmig brausen die Bläser-Stürme. Glitzernde Arpeggien von Harfe, Bratschen und Klarinetten und sehnsüchtige Violinen- Kantilenen lassen die „Dämmerung“, das 1. der „Interludes“, bei Soddy plastisch aufscheinen. Impressionistisch inspirierte Klangflächen, aus dem sich hohe und tiefe Glocken herauslösen, verdichten sich atmosphärisch zur Sonntagstimmung des 2. Interlude. Auch die melodisch und rhythmische Unbewegtheit des Nachtstücks gestaltet Soddy mit feinem Gespür für die kontrastierenden Spannungsabläufe von Brittens Musik.

Viel Beifall und Jubel im ausverkauften Opernhaus nach dieser herausragenden Produktion, die man auf keinen Fall verpassen sollte!

Besuchte Vorstellung: Premiere am 3. November 2019

Peter Grimes am Nationaltheater Mannheim, die weiteren Vorstellungen:  7.11.; 22.11.; 29.11.; 18.12.2019; 5.01.2020 …

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

Mannheim, Nationaltheater Mannheim, Premiere Peter Grimes, 03.11.2019

Oktober 23, 2019 by  
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Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Nationaltheater Mannheim © Hans Jörg Michel

Premiere »Peter Grimes« in der Inszenierung von Markus Dietz
Am Sonntag, 3. November um 19 Uhr im Opernhaus

Der Einzelgänger, der keine Chance in der Gemeinschaft und gegen deren Meinungsbildung hat und darum nur der Böse und Schuldige sein kann, ist der Konfliktstoff in Benjamin Brittens Oper »Peter Gries« aus dem Jahr 1945. Markus Dietz inszeniert an der Oper des Nationaltheaters den rauen Fischeralltag des englischen Dorfes und die ständige Bedrohung durch das Meer im so kalten wie imposanten Bühnenbild von Ines Nadler. Die Kostüme gestaltet Henrike Bomber. Premiere ist am Sonntag, 3. November um 19 Uhr im Opernhaus.

Für die Rolle des unglücklichen Fischers Peter Grimes ist der Tenor Roy Cornelius Smith, regelmäßiger Gast an den großen Opernhäusern und bei den internationalen Festivals, ans Nationaltheater zurückgekehrt. Astrid Kessler singt die Lehrerin Ellen Orford, Thomas Berau ist der Kapitän Balstrode. In weiteren Partien singen Rita Kapfhammer (Gast), Natalija Cantrak (Opernstudio), Ji Yoon, Raphael Wittmer, Sung Ha, Marie-Belle Sandis, Uwe Eikötter, Ilya Lapich und Marcel Brunner (Opernstudio).

Generalmusikdirektor Alexander Soddy dirigiert Chor und Orchester des Nationaltheaters.

Eine Einführungssoirée findet am Montag, 28. Oktober 2019 um 18.30 Uhr im Oberen Foyer statt – mit Hintergrundinformationen zu Stück und Inszenierung, einem Einblick in die Probe unter der Leitung von Generalmusikdirektor Alexander Soddy sowie mit Gelegenheit zum Nachgespräch.

Weitere Aufführungstermine sind der 7., 22. und 29. November sowie der 18. Dezember.

Karten sind ab 12 Euro (ermäßigt 9 Euro) erhältlich.

—| Pressemeldung Nationaltheater Mannheim |—

Hamburg, Laeiszhalle, The DUBLIN LEGENDS – Irish Folk, IOCO Kritik, 07.12.2019

Dezember 7, 2018 by  
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 Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Hamburg Laeiszhalle © IOCO

Laeiszhalle Hamburg

The DUBLIN LEGENDS – Concert

– Traditional Irish Folk Music – At its best –

Von Rolf Brunckhorst

Zuverlässig wie das erste Advents-Wochenende ist es auch Zeit für das alljährliche Konzert der Dublin Legends, von großer Fangemeinde in der ausverkauften Laeiszhalle wie jedes Jahr ungeduldig erwartet. Die Gruppe ist hervorgegangen aus der Stammformation The Dubliners, die 1962 im O’Donoghue’s Pub in Dublin (Foto) gegründet wurde.

O'Donoghue's Pub in Dublin - Geburtsstätte der Dublin Legends © Philipp Döhring

O’Donoghue’s Pub in Dublin – Geburtsstätte der Dublin Legends © Philipp Döhring

Nach einigen brillanten Single-Hits wie „Seven drunken Nights“ und „Black Velvet Band“ wurde die Gruppe auch über die Grenzen Irlands hinaus populär. Von ungefähr 1967 bis 1974 mussten die Dubliners auch als einflussreichste irische Folk-Group, wenn nicht sogar international als führende Gruppe der Folk-Musikszene gelten. Dann begannen die Wechsel in der Besetzung. Einige Bandmitglieder strebten Solokarrieren an (z.B. Luke Kelly), andere wurden durch ernsthafte Erkrankungen an der Weiterarbeit mit der Gruppe gehindert (z.B. Ronnie Dew). Nach dem Tode des letzten Gründungsmitgliedes Barney McKenna 2012 gab John Sheahan die Auflösung der Gruppe The Dubliners bekannt. Der 1983 zur Gruppe gestoßene Sean Cannon sammelte drei weitere Musiker um sich, die nun unter dem Namen The Dublin Legends die Tradition der alten Dubliners fortführen. Nach dem Tode von Eamonn Campbell (der seit 1988 Bandmitglied war) besteht die Gruppe heute aus Sean Cannon, Gerry O’Connor, Patsy Watchorn und Chris Kavanagh.

Das von IOCO Kultur im Netz erbetene Interview mit The Dublin Legends fand vor Konzertbeginn in der Kleinen Laeiszhalle mit Sean Cannon statt. Als Türöffner gratulierte das IOCO-Team Sean Cannon (er hatte an diesem Tag Geburtstag) mit dem   Klassiker der Geburtstagsständchen, „Happy birthday to you,…“

Interview IOCO mit The Dublin Legends - hier : IOCO Korrespondent Rolf Brunckhorst und Sean Cannon © Patrik Klein

Interview IOCO mit The Dublin Legends – hier : IOCO Korrespondent Rolf Brunckhorst und Sean Cannon © Patrik Klein

Das Gespräch IOCO mit Sean Cannon:

IOCO: Direkt vor einem Konzert drängt sich die Frage auf, wie bei einem Repertoire von mehreren hundert Liedern eine Auswahl für die Setlist getroffen wird.

Sean Cannon (SC): Das ist ganz einfach, wir treffen uns, und jeder sagt, was er gern spielen möchte. Das stellen wir dann zusammen, und letztendlich werden wir uns immer einig.

IOCO: Wenn ich in ein Konzert der Dublin Legends gehe, dann habe ich ca. 60 bis 70 Titel im Kopf, die ich gern hören würde. Darunter natürlich die frühen Klassiker. Gibt es Songs aus Eurem Repertoire, die Du zeitweilig nicht mehr hören und singen magst?“

SC: Nein, überhaupt nicht! Ich mag alle unsere Songs. Es ist inzwischen nur so, dass wir keine großen Monitore mit der Setlist mehr auf der Bühne haben. Dafür hat jetzt jeder einen Knopf im Ohr, der ihm mitteilt, welches der nächste Song ist. Daneben erfüllen wir aber auch persönliche Wünsche aus dem Publikum. Unsere Setlist ist vom Prinzip her jeden Abend dieselbe, kann sich aber auch plötzlich verändern.

IOCO: Was für Musik hörst Du in Deiner Freizeit und bei welcher Musik entspannst Du Dich am besten?

SC: Ich mag gern auch klassische Musik. Heutzutage kann sich jeder auf youtube selber darstellen, und ich hätte damals gern auch klassische Gesangsstunden genommen; wer weiß, was dann daraus geworden wäre. Ich gehe manchmal auch in die Oper, ich war in London an Covent Garden, ich war hier in Hamburg in der Oper und habe Benjamin Bittens Peter Grimes gesehen, ich war in Dresden in der Semper Oper, da gab es „La Boheme“, das war sehr emotional für mich und ich hoffe, dass niemand meine Tränen bemerkt hat. Ich höre zuhause gern Platten von Caruso. Mir gefällt die Oper Martha so gut, weil sie ein irisches Volkslied enthält, nämlich „Last Rose of Summer“ (Letzte Rose), und dann gibt es auch noch die schöne Tenor-Arie, „M’appari“ (Ach so fromm), die Caruso besonders schön singt (hier singt Sean die ersten Zeilen dieser Arie).

IOCO: Du bist jetzt ca. 30 Jahre unentwegt auf Tour. Hast Du noch Lust auf die ganze Herumreiserei?

SC: Ja, es macht mir immer noch Spaß, obwohl es manchmal sehr anstrengend ist. Wir hatten z.B. ein Engagement in Rom bei einem Celtic Festival, und da ich jetzt in England lebe, musste ich einen Flug von Birmingham nehmen, während meine Bandkollegen von Dublin nach Rom flogen. Von Birmingham gab es keinen Direktflug nach Rom und ich musste über Barcelona fliegen. Mein Flug hatte Verspätung und ich verpasste den Anschlussflug von Barcelona nach Rom. Ich musste die Nacht im Flughafen verbringen, schlief auf dem Boden, musste noch extra 100,– € für meine Umbuchung bezahlen, landete endlich um 6:30 Uhr todmüde in Rom und der Soundcheck fand ohne mich statt. Immerhin hatte ich noch eine Stadtrundfahrt mitmachen können. So etwas ist ärgerlich und anstrengend, aber es passiert eben.

IOCO: Solange ich mich erinnern kann, habt ihr Eure Konzerte in Hamburg immer im November oder Dezember gegeben. Kennt ihr Hamburg eigentlich im Sommer?

SC: Nein, die Weihnachtszeit ist hier sehr schön mit den ganzen Weihnachtsmärkten und dem Glühwein, dem „Kinderpunsch“. Aber ich trinke seit dem letzten Silvester keinen Alkohol mehr. Wir hatten Auftritte in Coventry und ich wollte mit dem Auto zurück nach Hause fahren; da hatte ich mir vorgenommen, ein Jahr lang keinen Alkohol mehr zu trinken, 11 Monate sind jetzt schon herum. Während der Sommermonate treten wir häufig bei Festivals auf, z.B. wie geschildert bei Celtic Festival in Rom oder einem ähnlichen Festival in Frankreich. In Liverpool gibt es ein großes Open-Air-Festival direkt am Fluß Mersey, an dem wir im letzten Sommer teilnahmen.

IOCO: Als John Sheahan im Jahre 2012 das Ende der Dubliners verkündet hatte, durftet ihr nicht diesen Namen behalten?

SC: Ich kenne die ganze Geschichte nicht genau, aber unser jetziger Name Dublin Legends ist jetzt registriert.

IOCO: Gibt es andere Gruppen, die unter dem Namen spielen?

SC: Es gibt eine Gruppe mit dem Namen The Young Dubliners, aber deren Musik ist zum Teil schon elektronisch.

IOCO: Ich zeige Sean ein Photo von einem Pub in Dublin.

SC: Ja, diesen Pub kenne ich gut, es ist das O’Donoghue’s, wo ich damals viel Zeit verbracht habe, und wo 1963 die Original-Dubliners gegründet wurden. Es ist eine große Touristenattraktion. Viele andere Pubs in Dublin haben inzwischen renoviert und die ganze typische Atmosphäre ist verloren gegangen. Aber das O’Donoghue’s ist unverändert geblieben, sogar die „sub-standard toilets“ sind noch wie damals.“

SC gab dann einige Reisetips: Empfiehlt in Dublin das Guinness Store House, die Old Brewery, wo man nach der Führung herrliches Bier genießen kann. Auch das Writer’s Museum, die Botanischen Gärten und den Zoo   An dieser Stelle wurde unser Interview  von der freundlichen Mitarbeiterin abgebrochen; der Konzertbeginn stand unmittelbar bevor.

Sean Cannon von The Dublin Legends © Patrik Klein

Sean Cannon von The Dublin Legends © Patrik Klein

Konzerte der Dublin Legends laufen immer (zumindest in den Augen der Fans) nach   festem Ritual ab: Es gibt zu Beginn ein schnelles Instrumental, den die ersten Fans   schon mit Klatschen begleiten. Etwas ruhiger wird es bei den nächsten zwei Songs, dann folgt das erste Highlight mit „Black Velvet Band“, unnachahmlich von Sean Connor vorgetragen. Die Aufforderung, den Refrain mitzusingen, war unnötig. Denn die Fans summten und brummten den Refrain seit Jahren ab der ersten Note mit und  konnten ihre Textsicherheit beweisen.

Als danach die „Seven drunken Nights“ folgten geriet der Saal schon ins Wanken; die Fans schunkeln begeistert mit. So folgte Song auf Song, frenetisch bejubelt und beklatscht. Völlig egal, welchen Song die Dublin Legends nun anstimmen, jeder Fan fand für drei Minuten seinen „Lieblingssong“. Beim Schreiber dieser Zeilen sind dies zu Beginn die Songs „Leaving of Liverpool“ und „The rocky Road to Dublin“, dann war schon Pause.

 The Dublin Legends in der Laeiszhalle 2018 © Patrik Klein

The Dublin Legends in der Laeiszhalle 2018 © Patrik Klein

Aber Sean Cannon verspricht: „Wir kommen ja gleich wieder“. Und sie kommen wieder, und der erste Song nach der Pause ist „Fields of Athenry“. Da steigt das Wohlempfinden des Dubliner-Fans ins Unermessliche. Viel zu kurz darauf ertönt als warnendes Vorzeichen „Liverpool Lou“, dann verkündet Sean auch schon den Beginn des Zugabenteils. Nun weiß jeder im Saal, was passieren wird: Die freien Stehplätze in den Gängen werden von den Fans belagert, viele klettern ganz einfach auf die Stühle: Feder Fan sucht sich seinen eigenen Weg, gute Laune auszudrücken. Manche singen Songs von A bis Z mit, und das jeweilig tonangebende Bandmitglied muss nur noch den Einsatz geben. In den Gängen wird derweil getanzt und gewunken; in den mittleren Reihen wird geschunkelt: Es herrscht eine Volksfeststimmung. Dann kam was kommen musste: „Dirty old Town“, „Whiskey in the Jar“, „The Irish Rover“, und unabdingbar an letzter Stelle ertönt die kurze Ballade von „Molly Malone“, von den Fans gleich einem Kirchenlied andachtsvoll vorgetragen.

Das Konzert der Dublin Legends endet mit dem seit Jahren gelebten Versprechen auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr: Der Kartenvorverkauf läuft bereits.

 Dubling Legends in Hamburg – We look forward to November 2019

—| IOCO Kritik Laeiszhalle Hamburg |—

Köln, Oper Köln, Premiere Peter Grimes – Benjamin Britten, 25.11.2018

November 6, 2018 by  
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Oper Köln

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

Köln / StaatenHaus Oper Köln © Petra Moehle

  Peter Grimes – Benjamin Britten
Sonntag, 25. November, 18:00 Uhr

StaatenHaus, Saal 1

Eine raue Küstenregion und die Abgeschiedenheit eines Fischerdorfes – in dieser Szenerie bewegt sich Benjamin Brittens erste große Oper Peter Grimes, die mit ihrer Uraufführung am 7. Juni 1945 für ein nationales Ereignis sorgte: Seit Henry Purcell, mehr als 250 Jahre zuvor, hatte es keine derart bedeutende Oper eines englischen Komponisten mehr gegeben.

Der – wie Britten – in Aldeburgh aufgewachsene junge Regisseur Frederic Wake- Walker gibt mit dieser Inszenierung an der Oper Köln sein deutsches Operndebüt. Frederic Wake-Walker inszenierte bereits in Glyndebourne und an der Mailänder Scala, zuletzt im Oktober 2018 La finta giardiniera und dort erneut im April 2019 Ariadne auf Naxos mit Franz Welser-Möst. Gemeinsam mit der britischen Designerin Anna Jones, die für die Bühne und

 Benjamin Britten Denkmal in Aldebro © IOCO

Benjamin Britten Denkmal in Aldebro © IOCO

Kostüme verantwortlich zeichnet, werden sie die Bühne des StaatenHauses auf ganz neue und unkonventionelle Art nutzen und verwandeln. Anna Jones ist Design Director bei Curious Space und hat im Londoner Victoria und Albert Museum die große Ausstellung »Opera: Passion, Power and Politics«, u.a. in Zusammenarbeit mit Robert Carsen entwickelt.

Am Pult steht Nicholas Collon, 1. Gastdirigent des Gürzenich-Orchesters Köln. Marco Jentzsch debütiert in der Partie des Peter Grimes, Ivana Rusko, Ensemblemitglied der Oper Köln, singt die Partie der Ellen Orford.

Musikalische Leitung Nicholas Collon, Inszenierung Frederic Wake-Walker, Bühne und Kostüme Anna Jones, Co-Kostümbild Linda Tiebel, Licht Andreas Grüter, Chorleitung Rustam Samedov, Dramaturgie Georg Kehren, Tanja Fasching

Peter Grimes Marco Jentzsch,  Ellen Orford › Ivana Rusko, Balstrode › Robert Bork, Auntie › Malgorzata Walewska, 1. Nichte › Monica Dewey, 2. Nichte › Kathrin Zukowski, Bob Boles › Dino Lüthy, Swallow › Lucas Singer, Mrs. Sedley › Rebecca de Pont Davies, Horace Adams › Philip Sheffield, Ned Keene › Wolfgang Stefan Schwaiger, Hobson › Darren Jeffery, Chor und Extrachor der Oper Köln, Gürzenich-Orchester Köln

Premiere 25.11.2018;  Weitere Vorstellungen Mi, 28. November › 19:00 Uhr Fr, 30. November › 19:00 Uhr, So, 02. Dezember › 19:00 Uhr, Do, 06. Dezember › 19:00 Uhr
Sa, 08. Dezember › 19:00 Uhr

—| Pressemeldung Oper Köln |—

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