Münster, Theater Münster, Angels in America von Peter Eötvös, IOCO Kritik, 09.03.2018

März 9, 2018 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

   Angels in America – Oper von  Peter Eötvös

Engel gibt es nur auf Droge

Von Hanns Butterhof

Ein verrutschter knallroter Kussmund über einer mit Pissoirs bestückten Passage, die mit defekten Leuchtbuchstaben den Weg zum Himmel verspricht, ist kein gutes Vorzeichen für das Erscheinen von Engeln. Die Angels in America, die der Titel von Peter Eötvös‘ Oper verheißt, gibt es im Großen Haus des Theater Münster nur auf Droge in einer reichlich kaputten Welt.

Peter Eötvös hat die Angels in America auf zwei Paare konzentriert. Zum einen verlässt der junge Louis Ironson (David Zimmer) seinen Geliebten Prior Walter (Christian Miedl), als der ihm seine HIV-Infektion offenbart. Parallel trennt sich die valiumsüchtige Harper Pitt (Kristi Anna Isene) von ihrem Mann Joseph (Filippo Bettoschi), als sie von dessen Homosexualität erfährt. Als Joseph sich outet, findet er Louis als Partner.

Theater Münster / Angels in America - hier Christian Miedl als Prior Walter informiert Louis von seiner HIV-Infektion © Oliver Berg

Theater Münster / Angels in America – hier Christian Miedl als Prior Walter informiert Louis von seiner HIV-Infektion © Oliver Berg

Nur lose in die Geschichte eingebunden ist der rücksichtslose Staatsanwalt Roy Cohn (Christoph Stegemann), der noch im Tod seine Aids-Diagnose zu Leberkrebs umlügt. Er steht für den verdrängenden Umgang mit Homosexualität und für alles, was die Welt so als von Gott verlassen erscheinen lässt.

Regisseur Carlos Wagner gelingt es, die nicht mehr ganz so dringliche Kritik des sperrigen Stücks an der Diskriminierung Homosexueller mit erfreulich bissigem Humor zur Kritik an einer Welt auszuweiten, die ohne Verantwortlichkeit für das Ganze und Mitgefühl für einander zerfällt. Die Bühne Christophe Ouvrards drückt das treffend mit ihrer Teilung in drei kalte zwar zusammenhängende, doch gegeneinander abgeschottete Bereiche aus.

Unter Drogeneinfluss erscheinen Harper Pitt, Roy Cohn und Prior Walter ihre Engel: ein himmlischer Eisbär verschafft Harper die entbehrte Befriedigung, und Cohn erscheint eine Frau, die er einst auf den Elektrischen Stuhl gebracht hatte; noch auf dem Sterbebett verhöhnt er sie. Den dahinsiechenden Prior will sein blonder Engel (Kathrin Filip) für die Absage an eine Welt gewinnen, die sich ihren Untergang weidlich verdient hat. Doch Prior verweigert sich und nimmt, absurd, im Sterben Partei für das Leben. Seinen hoffnungsfrohen Appell, sich auf ein wie auch immer unvollkommenes Leben einzulassen, relativiert der dringende Drogenverdacht.

Die Sängerinnen und Sänger zeichnen ihre Rollen differenziert, vor allem Christian Miedl verkörpert überzeugend Homosexualität so unaufdringlich, wie es Filippo Bettoschi verdruckst gelingt.

 Theater Münster / Angels in America hier_ Der Engel will Prior als Prophet gewinnen, mit Kathrin Filip und Christian Miedl © Oliver Berg

Theater Münster / Angels in America hier_ Der Engel will Prior als Prophet gewinnen, mit Kathrin Filip und Christian Miedl © Oliver Berg

Das kleine Orchester unter dem behutsamen Dirigat von Golo Berg setzt dezent meist dissonante Klangflächen nebeneinander. Der elektronisch bearbeitet dahinperlende, nur selten in den Vordergrund drängende Klangfluss wird von den per Microport verstärkten Stimmen fast hörspielartig überlagert. Nur den Engeln, vor allem der koloraturensicher trällernden Kathrin Filip, ist Gesang gegönnt, während bei den anderen Rollen der Sprechgesang überwiegt.

Nach zweieinhalb Stunden der spannenden, englisch gesungenen und englisch übertitelten Aufführung – ab dem 10. 3. ist die Übertitelung auf Deutsch – gab es lang anhaltenden Beifall für das Ensemble, Golo Berg und das Sinfonieorchester Münster sowie den zur Premiere anwesenden Komponisten.

Angels of America im Theater Münster;  die nächsten Termine: 10., 16., 21., 23., 29.3.; 18.4.2018 jeweils 19.30 Uhr

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Münster, Theater Münster, Premiere Angels in America von Peter Eötvös, 24.02.2018

Februar 23, 2018 by  
Filed under Oper, Premieren, Pressemeldung, Theater Münster

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

ANGELS IN AMERICA  von Peter Eötvös

Am Samstag, 24. Februar hebt sich im Großen Haus des Theaters Münster um 19.30 Uhr der Vorhang für die Oper Angels in America von Peter Eötvös. Regie führt Carlos Wagner, die musikalische Leitung liegt bei Generalmusikdirektor Golo Berg.

Theater Münster / Angels - vorne: Kristi Anna Isene (Harper Pitt) und Statisterie © Oliver Berg

Theater Münster / Angels – vorne: Kristi Anna Isene (Harper Pitt) und Statisterie © Oliver Berg

New York, Mitte der 1980er Jahre: Louis trennt sich aus panischer Angst von seinem erkrankten Freund Prior. Der korrupte Rechtsanwalt Roy M. Cohn lässt sich  gesellschaftskonform Leberkrebs diagnostizieren und behauptet noch am Sterbebett, weder schwul noch an Aids erkrankt zu sein. Die Ehe zwischen dem mormonischen Anwalt Joe und seiner Frau Harper zerbricht, weil er seine homosexuelle Neigung nicht länger verbergen kann. Er beginnt eine Beziehung mit Louis.

Theater Münster / Angels - Christian Miedl (Prior Walter) © Oliver Berg

Theater Münster / Angels – Christian Miedl (Prior Walter) © Oliver Berg

Das mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Theaterstück Angels in America von Tony Kushner ist eine bittere Abrechnung mit dem Amerika unter Ronald Reagan und die Aufarbeitung der apokalyptischen Gewalt der Aids-Epidemie: Stigmatisierung von Menschen mit HIV war und ist die unausweichliche Folge individueller und gesamtgesellschaftlicher Ängste und  Fantasien.

Auf der Suche nach der geeigneten musikalischen Umsetzung besuchte Peter Eötvös (*1944) Musicalvorstellungen am Broadway. Die musikalischen Verweise auf die Showbühne ergänzt Eötvös durch Jazz- und Rockelemente sowie Anleihen aus der jüdischen Musik. Den Gemütszuständen der Protagonisten wird mehr Raum gegeben. Schließlich waren es die in Kushners Stück allgegenwärtigen Visionen und Halluzinationen, die Eötvös an dem Stoff besonders reizten.

—| Pressemeldung Theater Münster |—

Hamburg, Elbphilharmonie, Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze, IOCO Kritik, 19.11.2017

November 19, 2017 by  
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Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Das Floß der Medusa – Hans Werner Henze

 SWR Symphonieorchester, Peter Eötvös,  große Chören, namhafte Solisten

Von Patrik Klein

Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt durch Globalisierung, HighTech, Überinformation, Populismus, Kultur- und Politikverdrossenheit. Wie haben sich die Zeiten verändert seit den stürmischen und die Republik verändernden 68er Jahren? Kann eine Wiederaufnahme in Hamburgs neuem Wahrzeichen nach dem Abbruch der Uraufführung 1968 und der dann erst im Jahr 2001 stattgefundenen Aufführung in Hamburg unter Ingo Metzmacher noch aufrütteln?
Stein des Anstoßes war damals ein Stück von Hans Werner Henze, das als Protest gegen das „Kultur-Establishment“ von Studenten und „Radikalen Linken“ herhalten musste. Auch Henze geriet hierbei als „Salonkommunist“ in die Schusslinie. Was war geschehen?

Skandal bei der Uraufführung 1968: Erregt er noch heute die Gemüter?

Am 9. Dezember 1968 sollte wegen Unzulänglichkeiten auf der Bühne der Musikhalle die Uraufführung des Auftragswerkes des NDR Das Floß der Medusa von Hans Werner Henze in einer großen Halle in Planten un Blomen stattfinden.

 Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa © Claudia Hoehne

 Im Mittelpunkt der Handlung steht das historische Drama um die Fregatte Medusa. Das Schiff kentert 1816 auf der Reise in den Senegal. Schiffbrüchige kämpfen auf einem Floß brutal um ihr Überleben. Ein Bericht über das unmenschliche Verhalten von Kapitän, Oberschicht und Geistlichkeit, die in den sicheren Rettungsbooten sitzen, die Mannschaft auf das gebaute Floß verfrachten und die Leinen kappen, sorgt für Empörung und revolutionäre Stimmungen am Beginn des 19. Jahrhunderts.

Bereits im Vorfeld der geplanten Aufführung in Hamburg überschlugen sich die politischen Ereignisse. Es gab Streit über eine Widmung des Werkes für Che Guevara, der sich gerade bei den „Linken“ als Ikone entwickelte. Gleichzeitig gab es eine Konferenz über die Wirren des Vietnamkriegs und das Attentat auf Rudi Dutschke, der mit Hans Werner Henze bekannt war. Der Komponist solidarisierte sich weitgehend mit den sich entwickelnden Protestbewegungen und verlangte, dass „die isolierte und vereinsamte Jugend eine Art Ermutigung bekomme“.

Die Uraufführung, besetzt mit Stars der Opern- und Schauspielszene, dem Chor und Orchester des NDR, wurde live im Radio übertragen. Es kam zu einem handfesten Eklat,  denn man skandierte im Publikum  „Ho, Ho, Ho Chi Minh“. Die live-Übertragung  musste nach wenigen Minuten abgebrochen werden. Dem Publikum am Radio wurde dann eine Aufzeichnung der Generalprobe serviert. Die Polizei musste einschreiten, Handgemenge bändigen, Verhaftungen durchführen. Allerdings hat sie sich dabei, man denke an die aktuellen Diskussionen zu den Ausschreitungen zum G20- Gipfel, mit gelegentliche großer Härte auch Kritik eingehandelt. Der Protest der Hamburger Studenten hatte sich nicht gegen Henze gerichtet, sondern sie protestierten gegen das Konzert als „Ritual eines bourgeoisen Publikums“.

Der Intendant der Elbphilharmonie Hamburg, Christoph Lieben-Seutter, der mit spannenden und teilweise ungewöhnlichen Programmen seit vielen Jahren in Hamburg erfolgreich wirkt, wagt eine erneute Auseinandersetzung mit dem Werk Henzes und setzt dem rund 75 Minuten dauernden Oratorium noch eine aktualisierende Komponente hinzu, in der die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit Teilen aus ihrem Werk Die Schutzbefohlenen im Fokus steht. Es handelt sich hierbei um ein Sprachkunstwerk aus dem Jahr 2013, in dem sie sich kritisch mit der herrschenden Flüchtlingspolitik und ihren Folgen auseinandersetzt.

Eingeladen wurde das SWR Symphonieorchester unter der Leitung des ungarisch/rumänischen Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös, der in der vergangenen Saison an der Hamburgischen Staatsoper mit dem Dirigat seiner eigenen Oper Senza Sangue und Bartoks Herzog Blaubarts Burg fulminante Akzente setzte. Als Chöre fungieren das SWR Vokalensemble Stuttgart, der WDR Rundfunkchor und die Freiburger Domsingknaben. Peter Stein, der ehemalige Regisseur und Theaterleiter an der Berliner Schaubühne, wurde als Sprecher des Prologes von Elfriede Jelinek und der Oper von Henze verpflichtet. Die Sopranpartie übernimmt die weltbekannte Sopranistin aus Finnland Camilla Nylund und Bariton ist Peter Schöne, der kurzfristig für den erkrankten Matthias Goerne einspringt. Das Konzert wurde ebenfalls in dieser Besetzung am 15.11.2017 im Konzertsaal Freiburg gegeben.

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Peter Stein liest aus Elfriede Jelinek: Die Schutzbefohlenen © Claudia Hoehne

Der Prolog von Jelinek thematisiert den geheuchelte Menschenrechtsdiskurs im zeitgenössischen Mainstream des öffentlichen Disputs. Dem wird ein thematisch verwandter, aber positiver Ausgang in der ältesten überlieferten griechischen Tragödie gegenübergestellt. Es wird bezweifelt, dass heutige Regierungspolitiker der EU-Staaten noch den vielgepriesenen humanistischen Idealen der Antike verbunden sind. Jelinek entlarvt die aktuellen Menschenrechtsverletzungen, indem sie eine hohe Sprache immer wieder ins Ironische abgleiten lässt, unter anderem wenn es um Äußerungen von sogenannten „Wutbürgern“ und das „Walten der mächtigen Willkür-Götter der Ökonomie“ geht. Peter Stein, mittig auf der noch leeren Bühne an einem schwarzen Tisch sitzend, liest ca. 10 Minuten aus dem Werk der Nobelpreisträgerin. Von ruhig besonnen, einfühlsam, authentisch, flüssig bis knarzend aufbrausend, mal abgehackt, innehaltend, energisch und fragend ins Publikum blickend, lässt er die Facetten seines Könnens aufblitzen. Textverständlich ist es oftmals leider nicht. Hier offenbart sich eine der wenigen Schwächen der Akustik in der Elbphilharmonie. Sprechstimme ohne Verstärkung klingt in manchen Blöcken zu leise. Daher greift man zu Verstärkeranlagen, die es zwar hörbarer, aber durch Doppelklänge und Überlagerungen nicht immer besser machen.

Seit 1982 beschäftige ich mich nunmehr mit klassischer Musik in Theatern und Konzertsälen in Europa mit zunehmender Freude und Eindringtiefe. Und ich gestehe gerne, dass mir die zeitgenössische Musik von Anfang an gewisse „Hörbefindlichkeiten“ beschert hat. Dennoch habe ich nie ein Stück eines lebenden Komponisten umschifft oder gar verteufelt, mir immer sagend, dass Hörgewohnheiten und geprägten Vorlieben auch in Zeiten heute längst als Gassenhauer geltender Musikstücke z. B. zu Zeiten Mozarts beim Publikum ähnlich kritisch aufgenommen worden sind.

Henzes Oper Das Floß der Medusa geht es dabei nicht anders, wenn ich sie zum ersten Mal zu Hause höre und mich manchmal zwingen muss „dabeizubleiben“. Zum Glück ist das Erlebnis dann „live“ im Konzertsaal von ganz anderer Dimension:

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - Camilla Nylund "La Mort" und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – Camilla Nylund „La Mort“ und Peter Eötvös Dirigent © Claudia Hoehne

Die Protagonisten des Oratoriums füllen mittlerweile die riesige Bühne. Für die drei Chöre (SWR Vokalensemble; Leitung Florian Benfer und Robert Blank, WDR Rundfunkchor; Leitung Robert Blank und die Freiburger Domsingknaben; Leitung Boris Böhmann) wurde der Block hinter dem Orchester ausgeräumt, um dem großen „Instrument“ auf dem Podium Freiräume zu schaffen. Die in rot gekleideten Knaben aus Freiburg fallen nicht nur durch ihre Farbe auf, sondern auch durch Dantes Versen angelehnten Gesang in Italienisch , unterstützt von ihrem mitten unter ihnen sitzenden Chorleiter, der sie durch die höchstschwierige Partie leitet. Die Damen und Herren vom SWR und WDR umsäumen die jungen Menschen in schwarz. Wegen der Enge des Blockes verzichtet man auf das Wechseln von Personen von der Seite der Lebenden (links) ins Reich der Toten (rechts). Das ist auch gar nicht unbedingt notwendig, da die Anordnung des Orchesters und die benutzten Instrumente genau diese Trennung musikalisch aufs Äußerste darstellen. Das Orchester teilt den linken Bereich in den der Lebenden, meist Bläser, die mit ihrem Atem Töne erzeugen, wohingegen der rechte Bereich mit Streichern besetzt ist, die Tod und Atemlosigkeit darstellen. Das Blech ist riesig besetzt, die Streicher werden unterstützt durch elektrische Gitarren und es gibt allerlei Schlagwerk neben den Pauken, Blechfolien, Glocken, Xylofonen und einem Flügel.

Es sind vor allem die dramatischen Momente, in denen das Entsetzliche des Geschehens klanglich so umgesetzt wird, dass es den Zuhörer, ob affin zur modernen Musik oder nicht, anspricht, fesselt und fasziniert. So ballt sich gerade in den Chören die nackte Angst in dissonanten Stimmungen zusammen. Wenn am Ende des ersten Teils des Oratoriums mit feinsten Klängen der Männerchor die Lebenden in das Totenreich locken, wird die Düsterheit an dieser Stelle der Musik von Henze ganz besonders deutlich. Die nochmalige Steigerung der Dramatik am Ende des Werkes zu einem fulminanten rhythmischen Marsch lässt nun endgültig appellartig das Publikum erschaudern.

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa - vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Elbphilharmonie Hamburg / Das Floss der Medusa – vlnr Peter Schoene, Peter Stein, Peter Eötvös, Camilla Nylund © Claudia Hoehne

Der Bariton Peter Schöne, der bravoröse Einspringer für den vorgesehenen Matthias Goerne, gestaltet die Riesenrolle des Führers auf dem Floß „Jean-Charles“ mit perfekter Wortbehandlung und stimmlicher Farbenvielfalt. Sein feiner, schlanker Bariton klingt klar bis ins kleinste Detail auch bei den vielen stimmlichen Ausbrüchen ins Dramatische. Die Sopranistin Camilla Nylund singt „La Mort“, die ins Reich der Toten hineinziehende, mit geradezu überirdischen Tönen ergreifend. Ihre wundervolle lyrische Sopranstimme wechselt scheinbar mühelos vom fein zeichnenden Piano bis ins Hochdramatische Forte. Und last but not least die zentrale Figur des Kommentators und „Charon“, von Peter Stein nun im Stehen, prägnant, präzis und mit großer emotionaler Beteiligung gestaltet. Gelegentlich mangelte es etwas an der Textverständlichkeit, was wiederum auch auf die benutzte Verstärkeranlage zurückzuführen ist. Der Dirigent Peter Eötvös hält die Chöre, Solisten und das SWR Symphonieorchester taktstocklos zusammen und sorgt mit seinem transparenten Stil für Klarheit und Ausdruck, die oftmals den Atem anhalten lassen.

Das Publikum reagiert fast wie zu erwarten war mit lang andauerndem stürmischen Beifall für alle Beteiligten. Es gibt keine Proteste, keine Aufschreie und keine politischen Bekundungen. Es bleibt die Hoffnung, dass die Thematik innerlich aufwühlt, aufrüttelt, individuelles Verhalten überprüft und beeinflusst. Henzes Gleichnis Das Floß der Medusa mit der Botschaft gegen Gewalt und Unmenschlichkeit ist so aktuell wie nie, denn auch im Jahr 2017 treiben auf dem Mittelmeer Boote mit hungernden und sterbenden Menschen.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

Münster, Theater Münster, 2017/18 – Bekenntnis zum Unterhaltungstheater, IOCO Aktuell, 06.03.2017

März 7, 2017 by  
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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster: Pressekonferenz  zur Spielzeit 2017/18
Bekenntnis zum Unterhaltungs-Theater

Von Hanns Butterhof

Zufrieden mit der Auslastung des Theaters Münster mit über 200.000 Besuchern in der laufenden Spielzeit zeigte sich Generalintendant Dr. Ulrich Peters auf seiner inzwischen 6. Jahrespressekonferenz. Er positionierte sich ausdrücklich für ein Unterhaltungstheater, wobei er „Unterhaltung“ als Interesse am Stück, nicht als Spaß an flachem Klamauk verstanden wissen will, obwohl manche Inszenierung unter seiner Intendanz einen starken Zug in diese Richtung aufwies.

Theater Münster / Leitung : Dr. Ulrich Peters, Julia Dina Heße, Frank Behnke, Golo Berg, Rita Feldmann, Susanne Ablaß, Hans Henning Paar © Hanns Butterhof

Theater Münster / Leitung : Dr. Ulrich Peters, Julia Dina Heße, Frank Behnke, Golo Berg, Rita Feldmann, Susanne Ablaß, Hans Henning Paar © Hanns Butterhof

Für die kommende Spielzeit 2017/18 gibt es kein übergreifendes Thema, aber an manchen Stellen eine thematische Verklammerung in den Sparten Schauspiel, Musik- und Tanztheater. Vor allem im Schauspiel soll auf aktuelle politische Entwicklungen reagiert werden; Schauspieldirektor Frank Behnke sieht den Künstler in einer besonderen Verantwortung.

Das Musiktheater bietet eine ansprechende Mischung aus großklassischen Opern wie Mozarts „Don Giovanni“ und Verdis „Don Carlo“ und ausgefalleneren Werken wie Peter Eötvös‘ „Angels in America“ und der Rock-Oper „Everyman“ von Günter Werno, Andy Kuntz und Stephan Lill nach Hugo von Hoffmannsthals Schauspiel „Jedermann“, in der die Metal-Band „Vanden Plas“ mit dem Sinfonieorchester für den rechten Sound sorgen soll. Jules Massenets Märchenoper „Cendrillon“ (Aschenputtel) wird ebenso Zuspruch finden wie Emmerich Kálmáns Operette „Csárdásfürstin“, mit der die Intendanz die Abonnenten mit den angehobenen Abonnementspreisen aussöhnen möchte.

Johann Wolfgang von Goethe © IOCO

Johann Wolfgang von Goethe © IOCO

Frank Behnke stellt für das Schauspiel 13 neue Stücke in Aussicht, beginnend mit dem, wie er sagt, „wütenden politischen Text“ Falk Richters „Je suis Fassbinder“. Eine thematische Verklammerung mit der Eötvös-Oper gibt es mit Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ und Max Frischs „Andorra“, in denen es auch um den Umgang mit Minderheiten geht. Ein Widerschein davon findet sich in Tennessee Williams‘ Stück „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, in dem auch darüber räsoniert wird, dass es besser gewesen wäre, Toleranz statt Baumwolle anzubauen.

Jubiläen geben Anlass zurückzublicken: mit „Heldenangst“ nach dem Roman von Gabriel Chevallier wird an 100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs, mit dem Live-Konzert „Das Weiße Album“ nach dem Album der Beatles an 50 Jahre 1968 erinnert.

Von alledem soll eine gewisse Frische ausgehen, vor allem von dem Schauspiel „Die Leiden des jungen Werther“ nach dem Briefroman, der Goethe den literarischen Durchbruch brachte, aber sicher auch von den Komödien „Ich bin wie Ihr, ich liebe Äpfel“ von Theresia Walser und „Amphitryon“ von Heinrich von Kleist. Auf die Schauspiele „Falsch“ von Lot Vekemans und „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ von Joël Pommerat, einem Beziehungsreigen, in dem Korea keine Rolle spielt, darf man gespannt sein.

Abstrakter Tanz – Tanzgeschichte im Fokus

Theater Münster / Leitung : Hans Henning Paar © Hanns Butterhof

Theater Münster / Leitung : Hans Henning Paar © Hanns Butterhof

Der Leiter des TanzTheaterMünster, Hans Henning Paar, überrascht mit der Absicht, mehr in Richtung abstrakter Tanz zu gehen, auch nach der Geschichte und möglichen Entwicklung des Tanzes zu fragen. Das Markenzeichen des Choreographen, dessen Vertrag kürzlich bis zum Ende der Spielzeit 2021/22 verlängert wurde, ist bislang ein athletisches Handlungsballett; seine Fassung von „Romeo und Julia“ ist im Großen Haus beständig ausverkauft. In der nächsten Spielzeit soll in einem Tanzabend, ebenfalls im Großen Haus, mit „Bach, immortalis“ zu live aufspielendem Sinfonieorchester das Wesen des Menschen zur Tanz-Sprache kommen. Auch örtlich eine Nummer kleiner, im Kleinen Haus, will Paar mit „True Romance“ (für wen sind eigentlich diese prätentiös fremdsprachigen Titel gedacht?) darauf Antwort geben, was Romantik heute noch ist oder sein könnte. Als Gastchoreographen der kommenden Spielzeit überlässt Paar sein Ensemble James Wilton für „Hold On“, ein Stück, in dem es um das Zusammenleben/-können geht.

Künftiger GMD Golo Berg stellt sich mit erstem Programm vor

Theater Münster / Golo Berg © Hanns Butterhof

Theater Münster / Golo Berg © Hanns Butterhof

Sehr sympathisch unabgehoben bringt sich der künftige Generalmusikdirektor Golo Berg auch in sein Programm ein. Der 1968 in Weimar geborene Dirigent stellt sich in Münster beim 1. Sinfoniekonzert mit Dimitri Schostakowitschs 6. Sinfonie vor und schlägt damit einen Bogen vom Stalinschen Terror zur Zeit der Komposition 1939 zu seinem eigenen Aufwachsen in der DDR – über diese Statement darf man ruhig nachdenken. Unter dem Gesichtspunkt der thematischen Verklammerung, an das Ende des I. Weltkriegs zu erinnern, steht das 4. Konzert Gustav Holsts „Mars, The Bringer of War“, zusammen mit Edward Elgars Konzert für Violoncello e-Moll, op. 85 und Carl Nielsens Sinfonie Nr.4, op. 29, „Das Unauslöschliche“ im Programm; auf Péter Eötvös‘ Oper bezieht sich im 9. Sinfoniekonzert dessen Konzert für Violine und Orchester „Sven“, das den Tod der sieben Astronauten in der Columbia-Raumfähre 2003 verarbeitet. Dazu sind „Engelsmusiken“, wie Berg sie nennt, zu hören: Johann Sebastian Bachs Kantate „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“ und Josef Suks Sinfonie Nr. 2 c-Moll op.27, „Asrael“.

Im 5. Sinfoniekonzert wird mit Bernhard Rombergs Konzert für Flöte und Orchester h-Moll op. 30 ein Münsteraner Komponist zu hören sein. Berg beabsichtigt, seine Aufmerksamkeit auf das Münsteraner musikalische Schaffen zu richten und in den kommenden Jahren in jedem Konzert einen Komponisten aus Münster vorzustellen, eine sehr freundliche bodenständige Geste an sein westfälisches Publikum mit hohem Überraschungspotenzial.

Für das Kinder- und Jugendtheater berichtet Julia Dina Heße von erfolgreichen Gastspielen in Asien; die sind dadurch möglich, dass die Kinderstücke mit Bewegung und Bildern, nicht mit Worten arbeiten und so überall verstanden werden können. Musiktheater-Projekte und Schauspiele wie selbst „1984“ nach George Orwell ergeben ein ansprechendes Programm, so dass die Sparte berechtigte Aussicht hat, weiter zu wachsen. Mit einem Familienstück, dem Märchen „König Drosselbart“, kommt das Kinder- und Jugendtheater sogar ins Große Haus.

Dem ambitionierten Spielplan für 2017/18 ist eine im Sinne Peters unterhaltsame Umsetzung zu wünschen.

 

—| IOCO Aktuell Theater Münster |—

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