BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO Serie, Teil 2, 05.12.2020

Dezember 5, 2020 by  
Filed under Hervorheben, IOCO-Essay, Portraits

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

 Charles Perrault Versailles - 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

Charles Perrault Versailles – 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

BLAUBART oder  der SCHLÜSSEL DER VERDAMMNIS

Blaubart – La BarbeBleue  :::  Peter M. Peters führt IOCO-Leser in die Geschichte, die Geheimnisse, die Mythen um eine Phantasiefigur – in vier Folgen

Teil 1:  Blaubart und die unerfüllte Liebe – link HIER

von Peter M. Peters

Teil 2:  Freier Lauf für die Fantasie … 

Dies ist es, was wir unseren Kleinkindern von Generation zu Generation zum Lesen geben: Grausame Geschichten mit heimtückischer Sexualität, die ein widersprüchliches Bild des Ehepaares vermitteln und den Vater als grausamen blutbefleckten Henker mit einem großen Hirschfänger bewaffnet zeigen. Und wir sind danach erstaunt, dass sie fürchterliche Albträume haben. Aber es ist zweifellos besser sie durch eine Allegorie an die Frustrationen des Lebens heranzuführen als sie in der dunklen Unwissenheit zu lassen. Rosenwasser hat noch nie jemandem geholfen erwachsen zu werden. Am Ende lernt man sowieso alles von selbst und für die meisten von uns werden wir im Schlaf nicht mehr von einem Menschenfresser verfolgt. Darüber hinaus ist die Bibel, wie wir schon gesehen haben, nicht unbedingt eine gesunde Lektüre.

Ob es uns gefällt oder nicht, Blaubart (die aktuellen Ausgaben haben den weiblichen Artikel aufgegeben) ist seit drei Jahrhunderten das berühmteste Märchen von Perrault: gerade weil es uns viel tiefer bewegt. Peau-d’Âne ist nur ein Name, Cendrillon ein Zeichentrickfilm, Le Chat botté ein Wachtraum. Nur Blaubart verfolgt unsere Träume. Sogar so sehr, dass die Autoren von Opernlibrettos Angst davor hatten. Die Geschichte war zu explizit und konnte nicht so gezeigt werden wie sie ist! Zu blutrünstig! Zu sadistisch!

Pina Bausch : Barbe-Bleue – geschaffen 1977
youtube Trailer crireunmouvement
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

In einigen italienischen Variationen isst der Held sogar die Leichen. Es ist daher nicht verboten zu denken, dass unser Henker von unserer Maumariée versucht, an seiner Frau eine Abtreibung zu vollziehen. Ein Komponist würde Schwierigkeiten haben diese Dinge zu vertonen. So wie auch die unausgesprochene Geschichte sich nicht für eine Inszenierung eignet, indem man Ungezeigtes zeigen müsste. Lassen wir unserer Fantasie freien Lauf, denn nur sie spielte uns einen verwegenen Streich.

Bleiben wir bei der Hervorrufung der bewundernswerten Formulierung von Perrault, bei „Anne, ma sœur Anne“, „beim grünen Gras und der pudrigen Sonne“. Die Tür zu den schrecklichen Geheimnissen wurde schnell wieder geschlossen. Das Blut auf dem Schlüssel ist nur ein Rostfleck. Wir wissen, wenn der Hirschfänger sich anhebt zum Stoß, nichts tödliches wird geschehen. Denn genau in diesem Moment kommen im geschwinden Galopp die beiden Brüder der armen Frau angeritten, der eine ist Musketier und der andere Offizier bei den Dragonern. Sie beide retten sie in größter Not und die schreckliche Spannung ist vorbei. Gleich wie in dem Refrain am Schluss der Oper Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) verkündet wird: „Das alles in den besten aller möglichen Welten in Ordnung gebracht wurde, dass die Bösen bestraft wurden und die Unschuldigen beschützt.“ Nachdem Perrault die schlimmsten Fantasien hervorgerufen hat, schreibt er jedoch, dass die Frau nach dem Tode ihres gefährlichen Ehegatten die gesamten Reichtümer erbt. Und so verheiratet sie sich mit einem „sehr ehrlichen Mann“. Komm schon, das Leben ist nicht so schlecht! Auch die Ehe nicht, wenn man sie überlebt!

Die Degradierung des Alfred Dreyfus © WIKIMEDIA COMMONS / Henri Mayer

Die Degradierung des Alfred Dreyfus © WIKIMEDIA COMMONS / Henri Mayer

Das Licht der Freiheit leuchtet auch in der Dunkelheit
Ariane und der Fall Dreyfus:Eine politisch-historische Interpretation- 

Es mag überraschend erscheinen, das Stück von Maurice Maeterlinck (1862-1949) im Zusammenhang mit der berühmten Dreyfus-Affäre zu sehen. Einige Kommentatoren glaubten jedoch, sie könnten eine Parallele zwischen den beiden ziehen. Dies ist insbesondere bei Adolphe Boschot (1871-1955) in seinem Buch Chez les musiciens (1922) der Fall, der 1921 nach einer Neuaufführung von Ariane et Barbe-Bleue (1907) von Paul Dukas (1865-1935) mit dem Libretto von Maeterlinck an der Opéra Comique Paris folgendes schreibt: „Die Eigenschaft eines Symbols, mehrere Ideen vorzuschlagen, die sich je nach Zuschauer unterscheiden. Hier kann man durch Vergleiche und ohne Zweifel mit einem Anschein von Vernunft an die Dreyfus-Affäre und an andere politische Ideen denken. Auf der einen Seite gibt es bei Ariane Licht und  „die Lichter“; auf der anderen Seite gibt es Dunkelheit und Obskurantismus. Die Frauen von Blaubart leben ohne Aufruhr als Gefangene in einer Burgzitadelle, in Kerkern mit Mauern umgeben aus überströmenden blitzenden Edelsteinen. Sie gehören daher zu der besitzenden konservativen Partei, die gutes edles Fortschrittsdenken verachtet und sind gewöhnt an finstere Vorurteile. Sie mögen einen gutaussehenden Soldaten. Blaubart, lustvoll und engstirnig, wie es sich für einen richtigen Mann gehört, der einen Säbel trägt. Blaubart verführt alle seine Frauen mit seiner vorteilhaften Dummheit. Er ist ein eitler Geck in Uniform.  Auf der anderen Seite versucht Ariane, Göttin der Intellektuellen, mit lichtvoller Vernunft und Gelassenheit die Wahrheit in Bewegung zu setzten. Vergeblich versucht sie die passiven Frauen zur Freiheit zu bringen. Für einen Moment führt Ariane die Menschen, die von Natur aus leichtgläubig und großzügig sind, zur Revolte. Zum Elend verurteilt, unterdrückt von der Zitadelle des Blaubart und von der Partei der Besitzer und Genießer; möchte das Volk auch an der Autorität und dem Reichtum mit den Besitzenden teilhaben. Doch die obrigkeitsdenkenden Soldaten und die törischen Frauen sind in keiner Weise eine Hilfe für sie. Ariane benutzt diesen neidvollen Instinkt des Volkes, obwohl im Grunde ein Vernunftmensch, verachtet sie jedoch keinerlei demagogische Mittel um ihr Ziel zu erreichen. Die Trägheitskraft, die aus der Vergangenheit hervorgeht, triumphiert über die Vernunft selbst. Ariane enttäuscht, besiegt, lässt die Menschheit in der Dunkelheit ihrer Leidenschaften und alten Vorurteile gefangen. Sie selbst leuchtend steigt zum Licht, der idealen Heimat der Intelligenz auf.“

All das vermischt mit der symbolischen Fabel, einige Anspielungen auf die Kämpfe und die politischen Ideen vor 1900, d.h. dem Jahre der Entstehung von Ariane. Nichts hindert uns anzunehmen, dass die Ereignisse der Zeit zu dieser symbolischen Fabel geführt haben. Es gibt auch nichts, was durch eine Art Rückkehrbewegung der Fabel entgegengesetzt ist und die an einen Geisteszustand der Zeit der ersten Ariane-Aufführung denken lässt.

Zu diesem Thema müssen wir auch das spätere Zeugnis von Georges Pioch (1873-1953) zitieren. Letzterer erzählt in La Page musicale vom 3.Dezember 1937 folgendes: „Ich habe von Paul Dukas ein ehemaliges Propos behalten, das ich nicht verfälsche, indem ich es darauf reduziere: « Ariane et Barbe-bleue zu aktualisieren ist die Dreyfuss-Affäre! » Als er mir das erzählte, Dukas ein leidenschaftlicher „Dreyfusard“ war gerade fertig mit dem komponieren seines bewegenden, erhabenen und nachdenklichen Werk; das in Musik und Theater den Namen seines Heros verewigte. Und das war kein Witz! Ariane, war entschlossen, die fünf Frauen zu befreien. Die Blaubart mit Gewalt geheiratet hat und sie an einem finsteren Ort gefangen hält. Wie man auf hugoischer Weise sagen könnte, der ewige Kampf von Licht und Dunkelheit, von Intelligenz und Instinkt, von Unwissenheit und Freiheit. Die Wahrheit ist auf dem Vormarsch und nichts wird sie aufhalten“, schrieb Emile Zola (1840-1902) 1898. Ariane ist die Wahrheit, die immer auf dem Vormarsch ist und die nichts aufhalten wird. Sie wird allein weiter gehen und anderen die ersehnte Befreiung erkämpfen. Auch Niederlagen wird sie großzügig hinnehmen!“

„Wohin geht sie? Dort drüben wo sie auf mich warten!“ Wo immer Menschen die Wahrheit ersehnen und das Licht der Freiheit suchen. Auch dehnen die es ablehnen werden, zeigt sie den Weg zur Erlösung. Dies war in der Tat der Geist der Dreyfus-Affäre und wir können sagen, dass ihre glorreiche Niederlage anhält.

Anmerkung: Alfred Dreyfus (1859-1935) war ein französischer Offizier von jüdischer Konfession. Er wurde von einem Militärgericht fälschlicher Weise wegen Hochverrats verurteilt. Eine der großen politischen Affären von internationalen Ausmaßen am Anfang der III. Republik, die geschürt wurde von den antisemitischen Kreisen.

Der Schlüssel des Geheimnis

Gut dreißig Komponisten haben ihr Glück versucht mit der Fabel von Perrault. Blaubart hat dadurch alle Arten von Adaptionen erfahren, sogar Karikaturen. Von Grétry bis Bartók, Sind hier die neuen Abenteuer eines Standesherrn mit solch einem schwarzen Bart?

Durch einfaches Einsehen in spezielle Diktionäre können wir mehr als dreißig Werke über Blaubart entdecken und dass von der spanischen Zarzuela Barba Azul (1855) von Gerónimo Giménenez y Bellido (1854-1923) bis Blue-beard or the Hazard of the Dye (1883) von Sir Francis Cowley Burnand (1836-1917). Desgleichen das musikalische Vaudeville Le Sire de Barbe-Bleue (1864) von Marquet (?-?) und Auguste L’Éveillé (1828-1882) bis zu allen Arten von Pantomimen, Opern, Komischen Opern und Operetten. Allein im 19. Jahrhundert hat Charles Beaumont Wicks (1777-1845) bereits etwa zwanzig Werke über Blaubart gefunden. Seltsamerweise, wird eine Frau in der Titelrolle der Pantomime von Francis Thomé (1850-1909) Barbe-Bleuette (1890) genannt.

Marquis Alphonse François de Sade -1740-1814 © WIKIMEDIA COMMONS / Mary Evans

Marquis Alphonse François de Sade -1740-1814 © WIKIMEDIA COMMONS / Mary Evans

Der Grund dafür liegt in der Natur der ursprünglichen literarischen Erzählung und den Grauzonen die sie suggeriert. Die Handlung als Ganzes, die Charaktere einzeln und bis zu den Orten, an denen die Verbrechen (oder die mutmaßlichen Verbrechen!) stattfanden, scheint alles in der Geschichte von Perrault beabsichtigt – oder unbeabsichtigt zu sein? – Er will Verwirrung stiften! Das Märchen hinterlässt viel Eindruck auf unsere Vorstellungskraft. Selbst eine schnelle Lektüre lässt eine Tür für viele andere Mutmaßungen offen. Mehr als z.B. Cendrillon oder Le Petit Poucet ist es möglich in dieser Fabel eine Identifikation oder zumindest ein Echo auf unsere eigenen Albträume zu finden. Es ist dieser Teil des Mysteriums, diese immer erneute Hochzeit von Liebe und Tod, diese Mischung unseres Helden aus Dunkelheit und Licht, die unsere Aufmerksamkeit erweckt. Ab hier kann sich jeder nach seinen eigenen Wünschen orientieren: zu Marquis Alphonse François de Sade (1740-1814) oder sogar zu La Bibliothèque Rose (eine französische Serie berühmter Kinderbücher). Vielleicht auch sogar mit Spott auf so viel gedämpfte Gewalt reagieren! Der gemeinsame populäre und vulgäre Geschmack des Théâtre du Grand Guignol reicht nicht aus, um die Anwesenheit von Blaubart in diesen billigen Komödien zu erklären. Finden wir nicht in jeder Periode den dunklen Spiegel unserer heimlichen Illusionen, die Enttäuschungen die auf der Grundlage der gesamten Gesellschaft: Die Ehe?     PMP-20/11/20-2/4

BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO – Serie

Teil 3 –  Blaubart – La BarbeBleue –  IOCO-Serie von Peter M. Peters folgt am 11.12.2020  –   TITEL:     Der Schlüssel des Geheimnis

—| IOCO Buchbesprechung |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO-Serie, Teil 1, 27.11.2020

November 26, 2020 by  
Filed under Hervorheben, IOCO-Essay, Portraits

Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

 Charles Perrault Versailles - 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

Charles Perrault Versailles – 1628-1703 © Wikimedia Commons / Alonzo de Mendoza

BLAUBART oder  der SCHLÜSSEL DER VERDAMMNIS

Blaubart – La BarbeBleue  :::  Peter M. Peters führt IOCO-Leser ein in die Geschichte, die Geheimnisse, die Mythen um eine Phantasiefigur – in vier Folgen – hier TEIL 1

 von Peter M. Peters

Blaubart und die unerfüllte Liebe

Wer ist dieser Blaubart, der seit seiner „Geburt“ im Jahre 1695 unsere Erinnerungen mit Wahnvorstellungen verfolgt? Er ist ein Herr Niemand – denn er ist nur ein Mythe und auch ein wenig Herr Jedermann. Aber fangen wir am Anfang an!

Zunächst sehen wir uns den finsteren Grafen Gilles de Rais (1404-1440), Marschall von Frankreich, etwas näher an, er lebte im 15. Jahrhundert und war einer der Gefährten der Jeanne d’Arc (1412-1431). Gerüchte gingen um, das er in seinem Schloss in der Vendée kleine Knaben in sadistischer Weise schlachtete, jedoch wurde es nie gerichtlich bewiesen. Wir sehen durch dieses schnelle Porträt, dass er es verdient, eliminiert zu werden. Aber seine Erinnerung ist nicht so leicht zu löschen. Besonders seit Jules Michelet (1798-1874) es auf den schrecklichen Seiten seiner  Histoire du Moyen Âge erwähnt hat, ist er weiterhin ein Gegenstand von vielen Veröffentlichungen, von denen die meisten ziemlich abscheulich sind. Manchmal erscheinen diese Geschichten in schnellen Abständen. Wir sahen zum Beispiel im Jahre 1981 die Erscheinung eines Opernlibrettos La Passion de Gilles, des belgischen Schriftstellers Pierre Mertens (1939-), gefolgt von Gilles de Rais et le déclin du Moyen Âge im Jahre 1982 von Michel Hérubel (1927-2020) und im gleichen Jahr Le Moyen Âge, Gilles de Rais von Philippe Reliquet. Eine solche Faszination verdient es, analysiert zu werden.

Aber Gilles de Rais ist nicht Blaubart, wie wir seit mehr als einem Jahrhundert wiederholen und noch weniger sein Prototyp. Darum geht es ihn zu eliminieren. Es ist schon eine gewisse Naivität, in einer historischen Person eine fiktive Figur wieder zu finden. Wer war Ariane, wer war Aschenputtel, wer war Othello, wer war Don Juan? Man könnte genauso gut fragen, welche Menschen als Prototyp für Jupiter oder dem Weihnachtsmann dienten. Blaubart ist ein Mythos!

Blaubart von Charles Perrault – ein Märchen zum Einschlafen
youtube Trailer Kati Winter – ein Märchen zum Einschlafen
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Eine ernste Behinderung

Ah, das regelt nicht unser Problem, denn Mythen sind oft viel interessanter als das Menschendasein. Sie sind transkulturell, unsterblich, ewig; sie bewegen sich, sie leben, sie entwickeln sich und bleiben doch immer gleich; sie sind interpretierbar bis zur unendlichen Unendlichkeit. Wenn sie manchmal eine feste Form, einen festen Text oder ein festes Bild annehmen, sollte dies nicht als kanonisch angesehen werden, da sie nur darauf warten sich in aller Eile aufzulösen und woanders Platz zunehmen.

Also so schrieb Charles Perrault (1628-1703) seinen Blaubart mit dem weiblichen Artikel voran (La Barbe-Bleue) im Jahre 1695, um ihn 1697 unter dem Namen eines Kindes zu veröffentlichen: „Es war einmal ein Mann, der schöne Häuser in der Stadt und auf dem Lande hatte, Gold- und Silbergeschirr, geschnitzte Möbel und vergoldete Karossen; aber leider hatte der unglückliche Mann einen blauen Bart…“ Wenn wir bei dieser Einführung aufhören, gibt es nicht sehr Schreckliches zu berichten. Dieser Herr (er ist kein Adliger noch Lehnsherr) ist sehr wohlhabend, mit reichen Gütern versehen und sieht auch nicht wie ein Menschenfresser aus. Aber der Unglückliche hat einen körperlichen Defekt. Wir müssen es glauben, wenn Perrault es sagt, dass diese blaue Farbe des Bartes ein ernstes Handicap war. Und warum rasierte er sich nicht?

Ah, weil es so ist. Was geschrieben steht, ist die einzige Wahrheit. Wir haben es Euch auch gerade gesagt, das die Figuren in den Romanen und Fabeln nicht wie Menschen aus Fleisch und Blut, sich ähneln. Blaubart ist nicht unser Flurnachbar; er ist ein Mythos und seine Frau auch.

Verheiratete Paare, klassische Paare sind in Märchen nicht besonders häufig. Dieser hier ist jedoch perfekt bürgerlich, mit Möbeln und Geschirr, Schwägerin und Schwager, gefüllten Vorratskellern und Schlüsselbund. Vielleicht ist es diese Erscheinung des opulenten Alltags, die den Nervenkitzel erhöht. Die Autoren von Horrorfilmen wissen, dass es notwendig ist, eine banale Dekoration mit Charakteren einzurichten. Mit denen sich der Zuschauer identifizieren kann, um das fortschreitende Unwohlsein zu verstärken. Blaubart ist ein ausgezeichneter Horrorfilm.

Barbe-Bleue überreicht den Schlüssel - Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Barbe-Bleue überreicht den Schlüssel – Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Entschlüsselung und Vereinfachung

Es muss gesagt werden, dass wir hier von schriftlichen oder mündlichen Überlieferung sprechen und nicht von Opern. Nicht bei Béla Bartók (1881-1945) noch bei Paul Dukas (1865-1935), tötet Blaubart nicht als ein Prinz noch als ein Tyrann eine Frau oder gar sechs. Der Sire Blaubart in der opéra-bouffe von Jacques Offenbach (1819-1880) hatte zwar Mordgedanken, war aber bei ihrer Ausführung frustriert. Und es scheint auch keine Frage von tatsächlichen Morden zu geben, die im Raoul Barbe-bleue von Michel-Jean Sedaine (1719-1797) mit der Musik von André-Ernest-Modeste Grétry (1741-1813) begangen wurden, präsentiert 1789 im Théâtre des Italiens in Paris. Makabres und Musik lassen sich auf der Bühne möglicherweise nicht gut kombinieren. Die Frauen, die für tot gehalten wurden, tauchen im letzten Akt wieder auf. Sie wurden im schlimmsten Fall eingesperrt, eingeschläfert oder verkleidet. Der vom Ehemann anvertraute Schlüssel enthüllte kein blutiges Geheimnis.

Aber das war in der Fabel. Vergessen wir nicht, es ist eine Geschichte eines Ehepaares. Der Schlüssel des Ehemannes öffnet eine Tür und Blutfluten stürzen hinaus. Hier ist ein verschlüsseltes Symbol zu öffnen: Der Phallus des Mannes durchdringt die Jungfernhaut der Frau, perfekt freudien. Genauso sollte es sein in einer Geschichte zwischen einer Frau und einem Mann.

Charles Perrault wusste es wahrscheinlich 1695 nicht, aber er verfügte sicherlich über einen vernünftigen und offenen Verstand und kannte sicherlich die vielen kleinen schmutzigen Texte und die rüden volkstümlichen Geschichten, die im klassischen Jahrhundert in Unmengen zirkulierten: Geschichte des Schwanes, Geschichte von der Eselshaut, Geschichte des Spinnrocken, Geschichte des alten Wolfes, Geschichte der alten Frauen, Geschichte der Kindermädchen, Geschichte des Schlafens im Stehen oder Geschichte meiner verquasselten Gans. All diese kleinen derben Erzählungen zeigen wie populär und verbreitet sie waren. Eine der Eigenschaften des Künstlers ist, dass er selbst nicht alles weiß, was er schreibt oder gelesen hat. So finden sich das Unbewusste, Erinnerungen, Träume und Ängste in der Arbeit selbst. Und deshalb verbrauchte Les Contes de ma mère l’Oye, die als einfache Transkription populärer Geschichten präsentiert wurde, viel mehr Tinte als jedes andere Werk, das in diesen Jahren veröffentlicht wurde.

Barbe-Bleue - das Bestaunen der Kostbarkeiten Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Barbe-Bleue – das Bestaunen der Kostbarkeiten Gustave Dore 1832-1883 © Wikimedia Commons

Durch die Bretagne …

Über Blaubart ist eine der letzten passionierten Analysen in L’Histoire des contes von Catherine Velay-Vallantin erschienen. Es gibt eine ganze Reihe von parallelen Texten, die miteinander verflochten sind. Zum Beispiel identifiziert sich Blaubart in einer Version mit König Renaud, „der aus dem Krieg zurück Gekehrte“ (6. Jahrhundert) und der seine Frau bei der Rückkehr tötet. Oder das Märchen von Perrault kontaminiert die bretonische Legende von der Sainte Tryphine (6. Jahrhundert). Letztere verheiratet mit Conomor (6. Jahrhundert), erfährt, dass dieser seine früheren Frauen getötet hat, sobald sie schwanger waren. Vor der Geburt ihres Kindes verliert auch sie ihren Kopf, jedoch ein örtlicher Heiliger rettet sie indem er ihr Haupt wieder an den richtigen Platz klebt… Warten Sie, wir sind noch nicht fertig mit den Ansteckungen. Der Heilige hieß Gildas de Ruis (6. Jahrhundert). Warum denken wir bei diesem Namen an Gilles de Rais?

In Pontivy (Morbihan) sind die Wände der Sainte-Tryphine Kirche heute mit farbigen Fresken aus dem 17.Jahrhundert geschmückt. Diese Fresken zeigen unter anderem die Mordszene der Sainte-Tryphine. Auch ist sie die fast exakte Kopie der Vignetten, die die Geschichte von Blaubart in der ersten Ausgabe illustriert. Die weltlichen Illustrationen der Fabeln von Perrault inspirieren die frommen Bilder!

Die Autorin der L’Histoire des Contes zitiert sogar ein bretonisches Klagelied, das 1886 von dem Pfarrer Eugène Bossard (1853-1905) gesammelt wurde und in der sich Gilles de Rais, Blaubart und ein unbekannter Bischof aus Nantes zusammen vereint in dunkle Geschäfte verwickelt haben. Es ist wahr, dass die Echtheit dieses Textes nicht absolut sicher ist, denn Bossard könnte ihn in … dem Larousse-Wörterbuch gefunden haben, das zwanzig Jahre zuvor veröffentlicht wurde. Aber was bedeutet Echtheit, wenn es um Mythen und Legenden geht? Das Wichtigste dabei ist, dass diese Annäherungen gemacht wurden. Unabhängig davon, wer es war!

Larousse widmet sich darüber hinaus – dies ist das Jahr der opéra-bouffe von Offenbach – neun unermessliche Kolonnen macht er zu einem großartigen Méli-Mélo mit der ironischen und etwas masochistischen Leichtigkeit eines Großbürgers des Second Empire. Was hat er von seinen Frauen verlangt? Nichts Außergewöhnliches: „Lassen Sie den Schlüssel nicht verrosten, denn sobald er in Blut getränkt ist, behält er hartnäckig seine Flecken.“ Aber er rechnete nicht mit so viel weiblicher Neugierde, diese sui generis Neugier, mit der wir schon unsere erste Mutter und unsere letzte Tochter verloren. Und so weiter! Pierre Larousse (1817-1875), der den sexuellen Aspekt der Geschichte vollkommen ignoriert, sagt jedoch mehr als er will, wenn er den Fall der > verbotenen Frucht < erwähnt.

Denn Blaubart – der auch Schwarzbart oder Grünbart genannt wird – erhält auch ein wenig die Rolle von Weißbart oder von Gottvater, der Eva alle Reichtümer des Paradies (alle Schlüssel des Schlüsselbundes!) genießen lässt, bis auf einen. Offensichtlich kommt es zu einer Katastrophe und die paradiesische Jungfräulichkeit verschwindet, um niemals zurückzukehren. Die Rache des Herrn und Meisters ist schrecklich. Wer Zauberlehrling werden will, muss die harte Strafe ertragen!

Maumariée – Schlecht verheiratet

Jetzt werden wir von der Genesis zum kleinen frechen Liedchen überwechseln. Die Geschichte von Blaubart wurde auch ein äußerst produktives Thema im französischen Volkslied, das der Maumariée, der „schlecht Verheirateten“ gewidmet war! Dies sind Frauen, die sich beschweren: Sie wurden dazu gebracht, einen Bösewicht oder einen alten Mann, einen kranken Mann, einen buckligen Mann, einen winzigen Mann, kurzum jemanden zu heiraten, den sie überhaupt nicht mögen und der sie tyrannisiert: „Himmelkreuz! Marion, was wolltest Du am Brunnen machen?“ Wenn man sich Blaubart nennt, liegt es auf der Hand mit „Stein und Bein! Donnerwetter!“ zu fluchen. Die Frauen für ihren Teil sprachen für sich selbst im Monolog: „Ich werde Dich besser lieben, mein Mann. Ja, ich werde Dich lieber besser tot lieben als lebendig!“ Später verwandelt sich das Thema in eine Erzählung wie in dem Lied des Comte Ory, dass später eine Oper von Gioachino Rossini (1792-1868) wird und die Larousse gleichstellt mit der Geschichte vom Blaubart. Oder wie 1855 in der Romanze des Sire de Framboisy, der die untreue seiner Frau entdeckt: „Er vergiftet sie mit Grünspan und sät auf ihrem Grab Petersilie.“

Aber Blaubart‘s Frau ist nicht untreu! Perrault sagt nichts darüber, das ist wahr. Diese Szene des Mannes, der abwesend ist um unerwartet zurückzukehren, überschneidet sich mit so vielen tragikomischen Situationen bei Giovanni Boccaccio (1313-1375). Natürlich ist die Frau sicherlich unschuldig, denn trotz Verbot steckte sie den Schlüssel in das Türschloss. Symbol! Alles Symbol!          PMP-20/11/20-1/4

BLAUBART oder der Schlüssel der Verdammnis, IOCO – Serie, Teil 1  – 

Teil 2 –  Blaubart – La BarbeBleue –  IOCO-Serie von Peter M. Peters

folgt am 4.12.2020 – TITEL:

Freier Lauf  für die Fantasie ….

 

 

—| IOCO Buchbesprechung |—


Teilen Sie den Artikel
  •  
  •  
  •  
  •  
  •   

Diese Webseite benutzt Google Analytics. Die User IPs werden anonymisiert. Wenn Sie dies trotzdem unterbinden möchten klicken Sie bitte hier : Click here to opt-out. - Datenschutzerklärung